Prinzipien der
Erkenntnislehre
Versuch zu einer Neube¬
gründung des Nominalismus
Von
Professor Dr. E. v. Aster
# /
1913
Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig
Vorwort.
E s hat in den letzten Jahren ein Sprachgebrauch mehr
und mehr an Ausdehnung gewonnen, dem zufolge die
heutigen erkenntnistheoretischen Richtungen in zwei große
feindliche Lager zerlegt werden: auf der einen Seite das Lager
der „Positivisten“, „Phänomenalisten“, „Nominalisten“,
„Relativisten“ und „Psychologisten“, auf der anderen Seite
die Vertreter eines antipsychologistischen „Realismus“, der
es sich zur Aufgabe gesetzt hat, gegenüber aller Relati¬
vierung des Wahrheits- und Wirklichkeitsbegriffes, gegen¬
über aller phänomenalistisch-psychologistischen Umdeutung
dieser Begriffe, die schließlich zum Skeptizismus führen
muß, die Idee einer absoluten Erkenntnis der Wirklichkeit
zu begründen oder zu verteidigen.
Wer unter diesem Gesichtspunkt das vorliegende Buch
betrachtet oder einreiht, der wird es vermutlich in die erste
Kategorie verweisen.
Man darf indessen bei dieser Einteilung nicht vergessen,
daß sie von den Gegnern aller jener an erster Stelle erwähnten
Richtungen, des Phänomenalismus, Positivismus usw. auf¬
gestellt worden ist und daß sie polemischen Zwecken dient.
Der Begriff des „Psychologismus“ enthält bereits eine Kritik,
der des „Relativismus“ ist eigentlich ein Versuch, die als rela¬
tivistisch bezeichnete Theorie ad absurdum zu führen; die obige-
Zusammenstellung geschieht also schon im Hinblick auf einen
angeblichen gemeinsamen Fehler aller jener Richtungen.
Die Bezeichnung als „Phänomenalismus“ würde ich
akzeptieren — wenn man den Begriff des Phänomens so
umschreibt, wie ich ihn im Schlußabschnitt des ersten
Kapitels umschrieben habe, und wenn man den alten Lehr¬
satz des Phänomenalismus, daß es kein Hinausgehen der
Erkenntnis über das „in der Erfahrung Gegebene“ gibt, im
Sinne meines zweiten Kapitels restringiert. Ich hoffe, daß
dies zweite Kapitel den prinzipiellen Vorwürfen begegnet,
die man gegen den Phänomenalismus als solchen erheben
kann, insbesondere auch der Kritik, die zuletzt in gründlichster
und umfassendster Weise von K ü 1 p e in seinem Buch
„Die Realisierung“ (I. Band) geübt worden ist.
I*
IV
Vorwort.
Was den ,,Psychologismus“ anlangt, so müßte ich diese
Bezeichnung insofern als ganz und gar unpassend ablehnen,
als die „unmittelbar gegebenen Phänomene“, von denen ich
ausgehen zu müssen glaube, m. M. n. nicht als psychisch
bezeichnet werden dürfen, oder als, was dasselbe besagt, die
Psychologie für mich nicht die Wissenschaft vom Gegebenen
als solchen (von der „unmittelbaren Erfahrung“) ist, auch
nicht (im Natorpschen Sinn) die Aufgabe hat, das Gegebene
oder „Aufgegebene“ von der erreichten Stufe der Objekti¬
vierung aus gesehen zu rekonstruieren, sondern vielmehr
vom Gegebenen aus einen gesetzmäßigen Zusammenhang
sucht und konstruiert — genau so und nach denselben
Prinzipien, wie die Naturwissenschaft.
Dagegen ruht nun allerdings ein wesentlicher Teil meiner
Erkenntnistheorie auf dem Gedanken, daß wir über den Sinn
unserer Begriffe, über das, was wir mit bestimmten in der
Wissenschaft überall vorausgesetzten Begriffen und Urteilen
meinen, nur auf einem Umweg Auskunft erhalten können,
der von gegnerischer Seite wohl als ein „psychologistischer“
bezeichnet werden wird. Ich denke bei dieser gegnerischen
Seite hier vor allem an E. Husserls „Phänomenologie“. Das
Wort „Phänomenologie“, ursprünglich auch bei Husserl
selbst der Name für jene reine Deskription des Tatbestandes
der Erkenntnis, die auch für andere Standpunkte, speziell
auch für den Psychologismus und Phänomenalismus, aller
Theorie der Erkenntnis voraufgehen muß, ist zum Namen
einer speziellen Methode der Erkenntnistheorie geworden.
Alle Erkenntnistheorie, so können wir den Sinn dieser Methode
charakterisieren, muß zunächst den Sinn unserer Begriffe
klären, ehe sie mit ihnen arbeitet. Diese Klärung nun kann
nur dadurch geschehen, daß man eben jenen Sinn selbst
zu fassen und möglichst rein zu fassen, sich zur Selbst¬
gegebenheit zu bringen sucht, um ihn dann rein zu beschrei¬
ben. Alle anderen Wege sind Umwege, die uns nicht über
den Sinn unserer Urteile selbst, sondern bestenfalls über
seine Entstehung Auskunft geben, ihn selbst also sachlich
voraussetzen.
Den Gegensatz vor allem, in dem ich mich zu dieser
phänomenologischen Methode der Erkenntnistheorie finde,
habe ich zum Ausdruck zu bringen versucht, indem ich selbst
meine Erkenntnistheorie als „n o m i n a 1 i s t i s c h“ be-
zeichnete. Das will sagen, daß ich eine phänomenologische
Vorwort.
V
Deskription des Inhalts unserer Begriffe auf dem Wege des
einfachen Si^hversenkens in diesen Inhalt nicht für möglich,
daß ich demnach auch die Ergebnisse der Husserlschen Phäno¬
menologie nicht für evidente Ergebnisse einer reinen und
unvoreingenommenen Deskription halten kann. Das Sich-
versenken in den Sinn eines Zeichens — es gibt ein solches,
und es gibt ein Kundgeben dieses Sinnes aus dieser Situation
heraus — führt der Natur der Dinge nach nie zu einem wirk¬
lichen Erfassen dieses Sinnes selbst, es führt nicht aus der
Sphäre des signitiven Meinens in die eines intuitiven Er¬
fassens des Gemeinten, da das Wort im sinnvollen Sprechen
und Hören den Sinn nicht bezeichnet, sondern ersetzt. Es
braucht wohl nicht besonders betont zu werden, daß die
Husserlschen Bestimmungen damit nicht als falsch oder als
wertlos hingestellt werden: die Frage ist ja nur, ob sie ein
letztes Fundament der Erkenntnistheorie sind.
Eine allgemeine Bemerkung sei mir hier gestattet. Der
Wert einer erkenntnistheoretischen Untersuchung, die auf
die Prinzipien zurückgeht, liegt m. M. n. nicht in ihren
einzelnen Behauptungen, er liegt in der Klarheit und Kon¬
sequenz der Methode. Von dieser Auffassung ausgehend habe
ich es mir zum Prinzip gemacht, die Gegensätze, die ich zu
erkennen glaubte, so scharf wie möglich herauszuarbeiten.
Ich möchte lieber in den Fehler verfallen sein, einen Gegen¬
satz zu scharf zu betonen, als ihn durch angleichende Aus¬
drücke zu verschleiern. Mit diesem Verfahren glaube ich
zugleich dem gegenseitigen Verständnis in der Erkenntnis¬
theorie der Gegenwart am besten zu dienen, wenn man
wenigstens unter Verständnis eine wirkliche Einsicht in den
Grund der Verschiedenheit der Auffassungen und nicht ein
zufälliges Übereinstimmen in möglichst viel Einzelbehaup¬
tungen versteht.
Die Hauptaufgabe des vorliegenden Buches war indessen
nicht diese historische — eine Geschichte der Erkenntnis¬
theorie, insbesondere auch der Erkenntnistheorie der Gegen¬
wart ist eine Aufgabe, der ich später näher treten zu können
hoffe —, sondern eine systematische, die Begründung einer
bestimmten Theorie. Deshalb wurden fremde Anschauungen
im wesentlichen nur so weit ausdrücklich berücksichtigt,
als die Polemik gegen und die Berufung auf fremde Autoren
dem Verständnis des Behaupteten diente oder zu seiner
Verteidigung nötig war.
VI
Vorwort.
Insbesondere habe ich darauf verzichtet, alle verwandten
Standpunkte heranzuziehen, zu charakterisieren und zu kriti¬
sieren. Am engsten verwandt fühle ich mich in meinen
Auffassungen mit der Erkenntnistheorie von H. Cornelius,
die ich deshalb verschiedentlich zitiert habe. Dieser Zu¬
sammenhang ist kein äußerlich-zufälliger, die C.sche Er¬
kenntnistheorie erschien mir von je her als die einwand¬
freieste und konsequenteste Gestaltung des „Phänomenalis¬
mus“; bestimmte Punkte, in denen sie mir unbefriedigend
und bedenklich erschien, sind der erste Anlaß zu vorliegender
Schrift gewesen. Darum glaube ich doch für die letztere eine
gewisse Selbständigkeit in Anspruch nehmen zu können, um so
mehr als ich Anlaßzu der Annahme habe, daß C. selbst keines¬
wegs mit den prinzipiellen Grundlagen, die im folgenden ent¬
wickelt werden, überall einverstanden ist. Der Krieg ist der
Vater aller Dinge und sicherlich der Vater der Wahrheit.
Daß ich im übrigen noch von vielen anderen Seiten nicht
nur angeregt, sondern beeinflußt worden bin, ist selbst¬
verständlich. Es drängt mich, nur eins ausdrücklich zu er¬
wähnen: Wenn ich mich von der Richtung, die die Lippssche
Erkenntnislehre genommen hat, zum Teil ziemlich weit ent¬
fernt habe, weiß ich mich doch als Schüler von Theodor
Lipps in sehr vielen und wichtigen Dingen. —
Ebensowenig wie die historische Darstellung war die
Methoden lehre der EinzeUvissenschaften als solche
Selbstzweck meiner Arbeit. Das Verfahren der Einzel¬
wissenschaften ist nur so weit berücksichtigt worden,
als es zu dem aiigestrebten Nachweis nötig war, daß Wesen
und Ziel der Erkenntnis im verwissenschaftlichen und
wissenschaftlichen Denken dasselbe ist und zu gleich¬
artiger Begriffsbildung führt.
Wie w r eit ich der vorhandenen Literatur gerecht geworden
bin, vermag ich mit Sicherheit nicht zu sagen, in dieser Hin¬
sicht wird wohl kein philosophischer Autor sein Buch mit
ganz gutem Gewissen aus der Hand legen. Wie weit, was
ich wollte, zu unmißverständlichem Ausdruck gelangt ist,
muß der Erfolg zeigen. Daß das Motiv, aus dem das Buch
entstand, nur das Streben w’ar, über die behandelten Pro¬
bleme selbst zu innerer Klarheit zu kommen, glaube ich
behaupten zu können.
München, im Mai 1913.
E. v. Aster.
Inhaltsverzeichnis. Scitc
Vorwort.III
Inhaltsverzeichnis.VII
Erstes Kapitel.
Phänomenologische Grundlegung.
1. Der Begriff des Gegebenen. 1
2. Natorps und Rickerts Einwände gegen den Begriff der Gegebenheit 6
3. Die Benennung gegebener Inhalte. 8
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.11
5. Phänomenologische Deskription und naive Beschreibung .... 29
6. Das Problem des Allgemeinen.34
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände).51
8. Physisch-Reales und psychisch-Reales.64
9. Das Gegebensein der Relationen.71
a) Relationserlebnisse und objektive Relationen.71
b) Zur Phänomenologie des Relationsbewußtseins und zur
Theorie der Relationen. 76
10. Zur Methodik der voraufgegangenen phänomenologischen Analyse.
Kritisch-historischer Exkurs.84
Zweites Kapitel.
Das Wesen des Urteils.
1. Wort und Sa«j. Die Frage nach dem Sinn des Satjes.90
2. Das Kriterium des Urteils. Das Urteil als unmittelbar gegebener
Tatbestand.92
3. Erinnerung, Erwartung und Einfühlung als die drei Formen, in
denen ein Urteil unmittelbar gegeben sein kann. Sonderstellung
des Erwartungsurteils.98
4. Die Möglichkeit allgemeiner und individueller Repräsentation im
Vorstellungsbild und Urteil.103
5. Das sprachlich formulierte Urteil als Ausdruck einer Summe von
Erwartungen.107
6. Urteilen und Erwarten. Die Erwartungseinstellung.112
7. Die Lösung des nominalistischen Problems. Ding- und Gattungs¬
namen als Mittel zur sprachlichen Zusammenfassung von Urteilen 116
8. Über „Inhalt“ und „Gegenstand“.131
9. „Begriff“ und Gegenstand.138
10. Historischer Exkurs.141
Drittes Kapitel.
Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
1. Einleitende Vorbemerkungen.145
2. Die traditionellen Urteilsformen der Logik in ihrer erkenntnis-
theoretischen Bedeutung.147
a) Allgemeine, partikuläre und singuläre Urteile . ..147
b) Bejahende und verneinende Urteile.151
VIII
Inhaltsverzeichnis.
Seite
c) Kategorisches, hypothetisches und disjunktives Urteil . . . 153
d) Assertorisches, apodiktisches und problematisches Urteil . . 155
3. Der Sat$ der Identität und der Begriff der objektiven Wahrheit . 158
4. Der Satj des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten . . 162
5. Das Wesen des logischen Schlusses.165
6. Uber logische Möglichkeit und Unmöglichkeit.167
7. Der Begriff der Wirklichkeit.170
Viertes Kapitel.
Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
1. Uber „Grund“ und „Begründung“.177
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung.181
3. Die „apriorischen Urteile der Anschauung“ als bestimmt umgrenzte
Gruppe von Urteilen.193
4. Das Gleichheitsurteil.196
5. Zählen und Zahlurteile.202
6. Zählen und Messen.214
7. Uber das Wesen der Geometrie als Wissenschaft.223
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie.230
9. Die stereometrischen Gebilde und der Raum.242
10. Anhang I: Zur modernen mathematischen Verknüpfung von Arith¬
metik und Geometrie.252
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Raumwahrnehmung . 255
Fünftes Kapitel.
Die empirische Erkenntnis und die Prinzipien ihres Fortgangs
(mit besonderer Rücksicht auf die Naturwissenschaft).
1. Das Problem der Induktion.268
2. Induktion und Kausalität.273
3. Humes Skeptizismus.281
4. Induktion und einsichtige Wahrscheinlichkeit.285
5. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit.290
6. Das Kausalgesetj als Postulat der Erkenntnis.299
7. Die Modifikation empirischer Urteile bei fortschreitender Erfahrung 303
8. Reede Dinge und Vorgänge (Folge und Zugleichsein).308
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände auf einander.
(Das Streben nach Vereinfachung der realen Welt).312
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese 326
11. Wahrheitserkenntnis und Wissenschaft Logik und Erkenntnistheorie 343
Sechstes Kapitel.
Die Stellung der Psychologie und der Geisteswissenschaften
im Erkenntnissystem.
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.348
2. Das Problem des Zusammenhangs von „Körper“ und „Seele“ . . 373
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geisteswissenschaften 382
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie.394
Erstes Kapitel.
Phänomenologische Grundlegung.
1. Der Begriff des Gegebenen.
M an pflegt das Wesen der Erkenntnistheorie dadurch zu
bestimmen, daß man ihr die doppelte Aufgabe zu¬
schreibt, die Grundbegriffe und Grundsätze unserer Erkennt¬
nis zu „klären“, d. h. bestimmt und eindeutig ihren Inhalt
zu fixieren, und zu „begründe n“ oder zu legitimieren,
d. h. unser Recht zu erweisen, gerade diese Begriffe und
Grundsätze zum Aufbau des Erkenntnissystems zu ver¬
wenden. Daß diese beiden Aufgaben, die wir zusammen¬
fassen können in der Frage nach der logischen Her¬
kunft unserer Begriffe und Grundsätze, aufs Engste Zu¬
sammenhängen, daß im besonderen die Untersuchung und
eindeutige Festlegung des Sinnes der Legitimation und Be¬
gründung voraufgehen muß, bedarf keiner langen Erörterung.
Die Erkenntnistheorie ist eine philosophische Disziplin,
d. h. sie entsteht wie alle philosophischen Wissenschaften
aus dem Bedürfnis heraus, die Probleme der Einzelwissen¬
schaften zu einer endgültigen und absolut be¬
friedigenden Lösung zu bringen. Auch jede Einzel¬
wissenschaft definiert Begriffe und begründet Lehrsätze,
aber sie setzt dabei andere Sätze und andere Begriffe voraus,
deren Behandlung um so weniger in den Rahmen der be¬
treffenden Einzelwissenschaft fallen kann, als sie — man
denke etwa an das Kausalgesetz — allen Einzelwissenschaften
gemeinsam zu sein pflegen. Die Behandlung dieser Grund¬
begriffe und Grund Sätze gehört deshalb zur Domäne
einer eigenen Wissenschaft, die nicht zeitlich, aber logisch
den Einzelwissenschaften voraufgeht, eben der Erkenntnis¬
theorie l .
1 Ich kann es nicht für richtig halten, die Begründung der Grund¬
sätze, wie Husserl es gelegentlich verlangt, für eine Aufgabe der
Metaphysik anzusehen. Die Definition der Metaphysik als philo¬
sophischer Disziplin ergibt sich am ungezwungensten, wenn man
▼. Aster, Philosophie. 1
2 Erstes Kapitel.' Phänomenologische firundlegung.
In der eben gegebenen Formulierung der Aufgabe ist
nun bereits ein Begriff enthalten, der offenbar selbst eine
gewisse „Klärung“ verlangt. Es ist der Begriff des Be¬
griffs. Was verstehen wir unter einem Begriff und was
bedeutet die Frage nach dem Inhalt des Begriffs, den wir
bestimmen sollen? Ohne die Frage nach dem Wesen des
Begriffs an dieser Stelle schon irgendwie erschöpfend be¬
antworten zu wollen, begnüge ich mich in bezug auf diese
nächstliegende Frage mit einigen Festlegungen, von denen
ich annehmen darf, daß sie allgemein genug gehalten sind,
um einen allerseits zugestandenen Ausgangspunkt abzugeben.
Die Begriffe, mit denen die Wissenschaft arbeitet, treten
uns zunächst entgegen in der Form bestimmter sinn-
erfüllter Worte. Die Frage nach dem, was ein Be¬
griff, der Begriff „Substanz“ etwa enthält, ist also gleich¬
bedeutend mit der anderen Frage, was das betreffende Wort
„Substanz“ meint, ausdrückt, sagt. So werden wir von der
Frage: was heißt es, einen Begriff seinem Inhalt nach fest¬
legen oder klären? zurückgetrieben zu der anderen Frage:
was heißt es, den Sinn eines Wortes festlegen oder klären?
Ein Wort — das ist zunächst ein bestimmter Laut. Aber
nicht ein bloßer Laut, zum Laut muß, damit er ein Wort,
ein sprachliches Zeichen wird, etwas andres hinzukommen:
ein „Sinn“, den es „hat“, eine „Bedeutung“, die ihm „zu¬
kommt“, ein „Gegenstand“, den es „bezeichnet“, „nennt“
oder „meint“. Ich gebrauche diese Ausdrücke hier weder
promiscue, noch in einem bestimmten verschiedenen Sinn,
ich gebrauche sie nur, um aus ihnen hervorzuheben, was sie
alle gemeinsam besagen, nämlich daß, damit ein Laut zum
Wort wird, zwischen ihm und einem Etwas außerhalb seiner
eine bestimmte Beziehung bestehen muß, die wir vielleicht
ihr die Aufgabe zuweist, durch Gewinnung einer einheitlich die
Welt als Ganzes umspannenden Theorie dem Streben nach Er¬
kenntnis ein volles Genüge zu tun. Die Ergänzung der Einzel¬
wissenschaften aber, die hierin liegt, wird nicht erreicht durch eine
Analyse und Herausarbeitung ihrer gemeinsamen Voraussetzungen,
sondern durch eine gemeinsame in Beziehungsetzung und ideale Er¬
gänzung ihrer Resultate zu einer einheitlichen Wissenschaft, deren
Gegenstand nicht mehr irgendein Teil der Welt, sondern die Welt als
Ganzes ist. Die Erkenntnistheorie geht logisch den Einzelwissen¬
schaften vorher, die Metaphysik folgt Ihnen. Zeitlich betrachtet ist
das Verhältnis allerdings umgekehrt, wie bekannt.
1. Der Begriff des Gegebenen.
3
am kürzesten bezeichnen, indem wir das Wort ein S y m b o 1
jenes andern nennen. Vermöge dieser Beziehung verbindet
sich für uns mit dem Wort ein bestimmtes „Wissen um“
jenen ihm zugeordneten Sinn oder Gegenstand, ein Wissen,
das wir auch als ein Verstehen des Wortes be¬
zeichnen.
Nun liegt es aber nicht von Haus aus im Wesen eines
bestimmten Lautes, einen bestimmten Sinn zu haben, der
bestimmte Sinn muß ihm vielmehr erst durch Konvention,
willkürliche Festsetzung usw. gegeben werden. Darum
müssen wir bei jedem uns noch nicht bekannten und ge¬
läufigen Wort erst die Frage nach seiner Bedeutung stellen,
und wir müssen ebenso bei jedem Wort, das wir zu einem
andern sprechen, jederzeit die Möglichkeit haben, dem andern
diese Frage zu beantworten. Aber auch, wenn wir von der
mitteilenden Funktion des Wortes ganz absehen, wenn wir
das Wort nehmen, das uns in seiner Bedeutung bekannt ist,
wenn wir dies Wort im einsamen Denken gebrauchen, ent¬
steht für uns das Bedürfnis, uns sozusagen mit uns selbst
über seinen Sinn zu verständigen, ihn für uns selbst eindeutig
und bestimmt festzulegen, also an uns selbst die Frage zu
richten, was wir mit unsern eigenen Worten meinen. Diese
Frage beantworten, kann nun offenbar nichts andres heißen
als: das Etwas, das die Bedeutung des Wortes ausmacht,
unabhängig von diesem Wort zu bestimmen oder es in einer
andern Form, als in der des Verständnisses dieses Wortes,
zu unserer Kenntnis zu bringen. Daß wir auch im einsamen
Denken, auch bei uns bekannten Worten dies Bedürfnis,
das Bedürfnis, den Sinn unserer Worte uns selbst „klar“
zu machen verspüren, ist eine bemerkenswerte Tatsache,
die uns zeigt, daß das „Wissen“ in der Form des Wortver¬
ständnisses — das signitive Wissen, um einen Husserlschen
Ausdruck zu gebrauchen — niemals für uns ein endgültiges
Wissen sein kann, ein solches, bei dem wir uns endgültig
beruhigen können. —
Anstatt von der Aufgabe, den Inhalt unserer Begriffe zu
klären, können wir also auch von der Aufgabe sprechen,
den Sinn der von uns gebrauchten Worte eindeutig zu be¬
stimmen. Jedenfalls wollen wir der Aufgabe zunächst diese
Formulierung geben.
Ich bezeichne das Festlegen des Sinnes eines Wortes auch
als ein „Definieren“ desselben. Man kann dagegen ein-
4
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
wenden, daß diese Verwendung des Wortes Definition nicht
ganz mit der philosophischen Definition der Definition über¬
einstimme, wonach doch die Definition das Wesen einer
Sache und nicht den Sinn eines Wortes festzulegen
habe. Ich werde auf den philosophischen Begriff der De¬
finition später zurückkommen, an dieser Stelle begnüge ich
mich mit dem Hinweis darauf, daß wir jedenfalls mit Recht
sagen können, der Mathematiker definiere das von ihm ein¬
geführte Symbol i = } — 1 oder der Physiker definiere die
Kraft, indem er festsetzt, daß er unter Kraft das Produkt m.v
verstehen will. In demselben Sinn, in dem hier der Physiker
und Mathematiker die von ihm neu eingeführten sprach¬
lichen Ausdrücke muß die Erkenntnistheorie die Worte de¬
finieren, d. h. mit einem festen und bestimmten Sinn er¬
füllen, die von der Wissenschaft wie von der Sprache des
gewöhnlichen Lebens als „bekannt“ vorausgesetzt werden.
Für gewöhnlich nun beantwortet man die Frage nach dem
Sinn eines Wortes, indem man es durch ein anderes Wort
ersetzt — man denke an das Übersetzen des Wortes einer
fremden Sprache — oder durch eine Reihe von Worten
umschreibt. Aber damit ist die Frage offenbar nur zurück¬
geschoben, wir sehen uns gezwungen, nach dem Sinn jener
anderen Worte zu fragen, die in der Definition als bekannt
vorausgesetzt sind. Sollen wir nun nicht der Gefahr eines
unendlichen Regresses oder eines offenbaren Zirkels unter¬
liegen, so müssen wir uns letzten Endes auf einen Fall be¬
ziehen, in dem wir den durch das zu definierende Wort ge¬
meinten Tatbestand nicht mehr nur durch das Medium einer
sprachlichen Bezeichnung, auf dem Wege des Wortverständ¬
nisses, sondern ohne ein solches Medium, unmittelbar, kennen
lernen, in dem wir also das zu definierende Wort nicht mehr
durch ein anderes Wort, sondern durch etwas ersetzen,
das nicht mehr Wort ist.
Jedermann kennt den Weg, auf dem das geschieht. Ein
Freund spricht mir von einer Pflanze in seinem Garten,
indem er sie mit ihrem lateinischen Namen nennt. Ich frage
ihn nach der Bedeutung des mir unverständlichen Terminus,
und er führt mich zur Antwort vor die Pflanze: Dies — das
will sagen: das, was du hier s i e h s t, ist xx. Er weist mich
auf einen Tatbestand meiner Wahrnehmung hin.
Jede Wahrnehmung macht uns mit einem Etwas be¬
kannt, und zwar unmittelbar bekannt, ohne Dazwischen-
1. Der Begriff des Gegebenen.
5
treten eines Wortes, nach dessen Sinn wir weiter zu fragen
hätten. Jedes Sehen, Hören usw. ist ein unmittelbares
Bekannt-, Bewußtwerden von Etwas. Durch die Berufung
auf eine Wahrnehmung können wir daher auch die Frage
nach dem Sinn eines Wortes endgültig und befriedigend
beantworten, ohne daß wir in den vorerwähnten Zirkel oder
Regreß verfallen müßten. Weiß ich, wie in dem angezogenen
Beispiel, daß das in Frage stehende Wort der Name dieses
mir in der Wahrnehmung gegebenen Gegenstandes ist, so ist
mir der Sinn dieses Wortes so weit bekannt, daß eine weitere
Frage in dieser Richtung unnötig wird. Ich habe dabei die
„sinnliche“ Wahrnehmung nur als B e i s p i e 1 einer solchen
unmittelbaren Kenntnisnahme angeführt. Daß sie nicht die
einzige Form derselben ist, zeigt uns ein andres Beispiel:
Hänschen, der Held des bekannten Märchens, will wissen,
was Gruseln ist, und er erfährt es dadurch, daß er durch die
Hilfe seiner Frau erlebt. Indem wir ein Gefühl erleben,
wird uns dies Gefühl in seiner Eigenart ebenso unmittelbar
bekannt, wie in der sinnlichen Wahrnehmung der wahr¬
genommene Inhalt.
Alles in dieser Weise uns bekannt Werdende bezeichnen
wir, soweit es uns bekannt ist, als ein u n m i 11 e 1 b a r
Gegebenes. Alles endgültige Definieren eines Wortes
also kann nur dadurch geschehen, daß wir uns den Sinn
des Wortes zur Gegebenheit bringen. Soweit diese De¬
finition zu dem Zwecke geschieht, andern den Sinn des
Wortes mitzuteilen, begegnet sie freilich gewissen Schwierig¬
keiten: ich weiß nie mit Bestimmtheit, ob der andere, den
ich auf einen Tatbestand hinweise, auch wirklich das Gleiche
wahrnimmt wie ich; ich weiß ferner nicht, wie weit er etwas
an dem Ganzen, auf das ich ihn aufmerksam mache und das
vielleicht eine Reihe von abstrakten und konkreten Teilen
enthält, auch wirklich denselben Punkt ins Auge faßt, den
ich ihm bemerkbar machen will. Allein, diese Schwierig¬
keiten können gerade zur Bestätigung dessen dienen, daß
nur auf diesem Wege eine wirkliche Beantwortung der
Frage nach dem Sinn eines Wortes möglich ist. Von dem
Farbenblinden nehmen wir an, daß er eine Reihe von Farb¬
eindrücken nicht hat, die der Normalsichtige besitzt — die
Folge ist, daß der Farbenblinde mit den betreffenden Farb-
bezeichnungen niemals einen faßbaren Sinn verbinden kann,
daß sie für ihn leere Worte bleiben.
6
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Es ist also nur so weit möglich, einem andern den Sinn
eines von uns gebrauchten Wortes deutlich zu machen, als
wir voraussetzen müssen, daß der andere unter den gleichen
Bedingungen die gleichen Tatsachen in unmittelbarer Ge¬
gebenheit erfaßt. Wieweit diese Voraussetzung zutrifft,
läßt sich prinzipiell nicht entscheiden; wir können diese
Frage sowie die weitere nach dem Recht dieser Voraus¬
setzung an dieser Stelle mit um so mehr Recht beiseite
lassen, als es sich, wie w r ir wissen, bei der Definition zunächst
als wichtigste Aufgabe nicht darum handelt, sich mit andern,
sondern mit sich selbst über den Sinn des Wortes zu ver¬
ständigen, ihn für das eigene Bewußtsein zu klären. Nur
freilich, wenn wir die weitere Frage stellen, wie weit das,
was wir als den Sinn eines Wortes festgelegt haben, auch
sprachgebräuchlich dieser Sinn ist, spielt die Beziehung zu
andern wieder hinein.
2. Natorps und Rickerts Einwände gegen den Begriff
der Gegebenheit.
Der Begriff des „Gegebenseins“, insbesondere die An¬
wendung dieses Begriffs auf die Tatsachen der Wahrnehmung,
ist hier und da auf Widerspruch und Ablehnung gestoßen,
wie mir scheint, auf Grund von Mißverständnissen. Wenn
wir die Augen öffnen, so wird uns das, was wir da sehen,
eben dadurch mittelbar „bekannt“, in gewissem Sinn restlos
und endgültig bekannt. Was das heißt, verstehen wir am
besten, wenn wir eben an den Gegensatz des Gegebenseins,
an das nur „signilive“ Gemeintsein erinnern. Sobald wir von
etwas nur durch ein uns übermitteltes Symbol, durch ein
Wort wissen, auf dem sich ein „Verstehen“ aufbaut, muß
die Frage entstehen nach dem, „w a s“ hier gemeint ist,
nach einer Vergegenwärtigung des „n u r“ durch
das Wort Vertretenen. Bei dem Gegenstand, der für
uns in der Weise der Wahrnehmung da ist, braucht, genau
soweit dies der Fall ist, diese Frage nicht mehr gestellt zu
werden, wird sie sinnlos.
Darum kann man doch noch fragen, „w r as“ denn nun dies
Gegebene hier seinem Wesen nach ist. Aber diese Frage
geht nach anderer Richtung, sie geht auf die wissenschaft¬
liche E r kenntnis, Bestimmung, Beurteilung des uns in der
Wahrnehmung b e kannt Gewordenen. Haben wir einen
2. Natorps und Rickerts Einwände ReRen den Begriff der Gegebenheit. 7
Tatbestand in der Wahrnehmung ergriffen, so haben wir
ihn damit noch nicht wissenschaftlich begriffen, so
ist noch nichts verglichen, in seinen Beziehungen zu anderem
festgelegt, unter Gesetze gebracht. Es ist auch nicht gesagt,
wieweit der Versuch, es in dieser Weise zu bestimmen,
glücken wird, wieweit wir z. B. auf diesem Wege zu mit¬
einander widerspruchslos vereinbaren Urteilen kommen
werden. Vielleicht hat Natorp recht, wenn er speziell
unter Berufung auf das Webersche Gesetz es für unmöglich
erklärt, das Wahrgenommene als solches zu bestimmen, d. h.
widerspruchsfrei zu beurteilen. Aber das berührt den Begriff
des „Gegebenen“ nicht, wie wir ihn hier gebrauchen. Gewiß
kann man das Gegebene ein „Aufgegebenes“ nennen, d. h.
ein solches, dessen wissenschaftliche Bestimmung Aufgabe
ist, aber damit wird das Gegebene, sofern es noch nicht
wissenschaftlich bestimmt ist, nicht zu einem Unbekannten
= x. Im Gegenteil: wissenschaftlich bestimmt kann nur
ein uns Bekanntes werden — wie soll ich etwas, das ich noch
in keiner Form kennen gelernt habe, vergleichen und be¬
urteilen? Alles wissenschaftliche Erkennen und Beurteilen
setzt also geradezu eine andere Art von „Erkennen“
voraus, das unmittelbare Bekanntsein, das unmittelbare
Gegebensein. Es läßt sich auch nicht, wie Natorp an¬
zunehmen scheint, dies Gegebensein als das Resultat eines
voraufgegangenen Erkenntnisprozesses auffassen, der der Art
nach der nun weiter einsetzenden wissenschaftlichen Er¬
kenntnis durchaus gleichartig wäre, so daß nichts weiter
übrig bleibt, als der ins Unendliche fortschreitende Prozeß
der Bestimmung und sein inneres Gesetz: denn auch dann
stoßen wir auf den inneren Widersinn, daß verglichen und
beurteilt wird und das Etwas, das man vergleicht und
beurteilt, also das logische Prius des Beurteilens, erst aus
dem Beurteilen entsteht.
Ein etwas anderer Gegensatz gegen unsere Verwendung
des Begriffs der Gegebenheit tritt zutage, wenn man die
Gegebenheit selber eine „K a t e g o r i e“ nennt. Es soll
damit offenbar gesagt sein, daß, wenn wir von einem „ge¬
gebenen“ Tatbestand überhaupt sprechen, schon eine ge¬
dankliche Formung vorhergegangen sein müsse. Man scheint
dann weiter daraus folgern zu wollen, daß überhaupt die
gedanklichen Formen, die Kategorien nicht auf ein „Ge¬
gebenes“ zurückgeführt werden dürfen, vielmehr allem Ge-
8
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
gebenen logisch voraufgehen müssen. Darauf wäre zu er- *
widern, daß doch auch alle „Kategorien“ zunächst in Form
sinnerfüllter Worte für uns da sind — sinnerfüllter Worte,
denen gegenüber das Bedürfnis der Nominaldefinition ent¬
steht. Eine andere Definition aber, die wirklich endgültig
wäre, als die durch den Hinweis auf ein „Gegebenes“, kenne
ich nicht. Natürlich ist dabei der Begriff der Gegeben¬
heit nicht etwa Undefiniert vorausgesetzt; auch was „gegeben“
heißt, muß durch den Hinweis auf Gegebenes deutlich
gemacht werden — und diesem Zweck dienten die vorhin
angeführten Beispiele.
Ausdrücklich sei hervorgehoben, daß natürlich mit den
bisherigen Ausführungen noch nichts darüber aus¬
gemacht ist, ob alles Gegebene in gegebenen einzelnen (sinn¬
lichen oder Gefühls-)Tatsachen besteht oder ob wir das Recht
haben, wie es Husserl z. B. tut, auch von einem direkten
Gegebensein kategorialer Formen, von „kategorialen Gegeben¬
heiten“ zu sprechen. Es ist das eine phänomenologische
Tatsachenfrage, auf die wir später zurückkommen werden.
Endlich: wie weit das, was wir als gegeben kennen,
vielleicht genetisch aus anderem entstanden, vielleicht auf
einer niederen Entwicklungsstufe noch nicht vorhanden ist,
ist eine erkenntnistheoretisch natürlich ganz irrelevante
Frage. Erkenntnistheoretisch wird man nur fordern müssen,
daß wir uns auch die elementaren Gebilde, aus denen das uns
Gegebene angeblich hervorgegangen ist, irgendwie zur Ge¬
gebenheit bringen können. Ist das nicht der Fall, so bleibt
alles Reden von ihm ein Arbeiten mit bloßen undefinierbaren,
leeren Worten. Die genetische Psychologie früherer Zeit,
die die Entwicklung des Psychischen im Anschluß an die
des Physiologischen konstruieren zu können vermeinte, weist
manche solcher leeren Begriffe auf. —
Das uns unmittelbar Gegebene können wir im Gedächtnis
festhalten, vergleichen, beurteilen, wir können es endlich
benennen. Und damit kommen wir auf unsern Aus¬
gangspunkt, die Definition von Worten durch den Hinweis
auf Gegebenheiten, zurück.
3. Die Benennung gegebener Inhalte.
Die Definition eines Wortes durch den Hinweis auf einen
gegebenen Tatbestand bedarf indessen noch einer genaueren
Bestimmung.
3. Die Benennung gegebener Inhalte.
9
Es ist zunächst klar, daß dieser Hinweis nur dann die
Frage nach dem Sinn des Wortes wirklich endgültig beant¬
wortet, wenn der gegebene Tatbestand restlos diesen
Sinn verkörpert, wenn das Wort nicht nach irgendeiner
Richtung hin mehr besagt, als uns hier gegeben ist. Wenn
mir z. B. jemand ein Stück Marmor in die Hand gibt mit
dem Bemerken, es sei carrarischer Marmor, so ist ohne
weiteres klar, daß diese Bezeichnung bereits eine Beurteilung
des Gegebenen enthält, die mehr umfaßt, als mich das Ge¬
gebene selbst erkennen läßt — die Herkunft des Steines ist
mir ja auf keinen Fall mitgegeben. Was das Wort „car¬
rarischer“ Marmor bedeutet, könnte ich, wenn ich es
nicht schon vorher weiß, niemals aus dem, was mir die Wahr¬
nehmung hier gibt, abnehmen.
Fassen wir die Sache noch genauer. Wenn wir ein Wort
auf einen gegebenen Tatbestand anwenden, es zur Bezeich¬
nung desselben benutzen, so kann dabei noch eine mehr¬
fache, mindestens eine dreifache Beziehung zwischen Wort
und Tatbestand vorliegen, auch dann, wenn die An¬
wendung sich in allen Fällen in der gleichen sprachlichen
Form vollzieht.
Ich sage von einer Farbe, die ich sehe, sie sei blau und
will sagen, sie falle unter den Begriff der blauen Farbe.
Ich höre ein Rollen und bezeichne es als das Rollen eines
Eisenbahnzuges. Endlich: ich sehe einen Berg in der Ferne
und nenne ihn den Wendelstein. Sprachlich können wir in
allen drei Fällen die gleiche Form gebrauchen: „dies
ist“ — blau — ein fahrender Eisenbahnzug — der Wendel¬
stein. Gedanklich liegt offenbar etwas ganz Verschiedenes
vor: im ersten Fall wird das Gesehene bzw. Gehörte einer
durch das Wort „blau“ gemeinten Gattung unterstellt,
im zweiten Fall als dem Ding „fahrender Eisenbahnzug“
zugehörig erkannt, im dritten Fall wird ihm der Name
„Wendelstein“ zugesprochen. Daraus geht zugleich hervor,
daß die ersten zwei Fälle dem dritten gegenüber zusammen¬
gehören, insofern, als in ihnen der gegebene Tatbestand
nicht eigentlich zu dem Wort, sondern zu einem durch
das Wort bezeichneten Gegenstand in Beziehung ge¬
setzt wird, allgemeiner gesprochen: zu dem als bekannt und
bestimmt vorausgesetzten Sinn des Wortes. Anders
im letzten Fall, vorausgesetzt, daß wir ihn so auffassen,
wie er hier gemeint war: als die Zuordnung eines Wortes zu
10
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
einem gegebenen Tatbestand als dessen Name oder Eigen¬
name (die Bezeichnung des Gesehenen als Wendelstein ent¬
hält tatsächlich mehr als eine solche bloße Benennung,
insofern stimmt das Beispiel nicht ganz; aber von diesem
Mehr können wir hier absehen). Hier wird in der Tat zwischen
Wort und gegebenem Tatbestand eine Beziehung her¬
gestellt, bzw. es wird der Sinn des Wortes mit dem ge¬
gebenen Tatbestand identifiziert, es wird der Sinn
durch den gegebenen Tatbestand ersetzt. Eben dies
liegt in der Behauptung, dies Wort sei der Eigenname und
nichts als der Eigenname dieses Tatbestandes. Soweit etwa
dem Wort durch seine Entstehung noch ein anderer -Sinn
zukam, ist er durch diese Zuordnung sozusagen aufgehoben,
wie ja denn auch tatsächlich eine solche vorgängige Be¬
deutung eines Eigennamens um so mehr in Vergessenheit
gerät, je länger er in dieser Funktion als Name gebraucht wird.
Daraus geht nun weiter hervor, daß niemals einer der
beiden ersten Fälle, wohl aber der letzte Fall zur Definition
des in Frage kommenden Wortes dienen kann, denn hier
und nur hier bleibt der Wortsinn nicht etwas außerhalb
des gegebenen Tatbestandes, das nur zu letzterem in Be¬
ziehung tritt, sondern ist restlos in ihm verkörpert (voraus¬
gesetzt, daß das Wort wirklich der Name dieses gegebenen
Tatbestandes sein soll). Wir dürfen also sagen: Wollen wir
ein Wort durch Hinweis auf einen gegebenen Tatbestand
definieren, so müssen wir uns eben den Tatbestand zur
Gegebenheit bringen, dem wir das Wort als Eigennamen
zuordnen können. Gelingt das in einem bestimmten Fall,
so ist damit die Frage nach dem Sinn des Wortes in jeder
möglichen Bedeutung erledigt, es ist dieser Sinn soweit ein¬
deutig fixiert, daß eine weitere Frage unnötig wird.
Wenden wir das noch speziell auf das Wort „blau“ etwa
an, so besagt es, daß wir, um ein solches Wort wirklich auf
die gegebene Weise mit Sinn zu erfüllen, eben „das“ Blau,
„die“ blaue Farbe, d. h. die gattungsmäßig bestimmte Farb-
qualität, die den Namen blau führt, uns zur Gegebenheit
bringen müßten. Husserl, der in unserer Zeit am kon¬
sequentesten den Gedanken vertreten hat, daß alle Be¬
deutungsanalyse auf Phänomenologie sich gründen müsse,
spricht daher auch von dem zur Gegebenheit-bringen einer
„Spezies“. Ob das nun möglich ist, ist eine Frage, die
wir sachlich werden zu erörtern haben. Angenommen, es
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
n
ist ein solches Gegebensein von Gattungen nicht mög¬
lich, es ist das, was wir uns zur Gegebenheit bringen können,
immer nur ein Individuelles, „dies bestimmte Blau hier“ —
so ist auch nur dieser sprachliche Gesamtausdruck in seiner
Bedeutung, in dem, was er meint oder nennt, durch den
Hinweis auf das Gegebene fixiert und auch er nur, sofern
wir ihn als einheitliches, sprachliches Gebilde, unter Ab¬
straktion von der Sonderbedeutung seine Teile auffassen.
Diese Abstraktion macht ihn dann zum Namen des wahr¬
genommenen Inhalts, schränkt seinen Sinn auf diese nennende
Funktion ein, so wie ja auch, wie schon vorhin betont wurde,
viele wirkliche Eigennamen — Namen von Menschen, von
Städten usw. — noch eine Bedeutung besitzen, von der wir
absehen, indem wir sie als Namen dieses bestimmten Gegen¬
standes betrachten.
Um das Ergebnis kurz zusammenzufassen: Wir können
Worte oder allgemeiner sprachliche Ausdrücke nur sofern
und soweit durch den Hinweis auf Gegebenheiten endgültig
definieren, als sie sich als Namen dieser Gegebenheiten
betrachten lassen.
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
Daß wir von allerhand Gegenständen sprechen, die in
dem Augenblick, in dem wir von ihnen reden, nicht un¬
mittelbar gegeben vor uns stehen, daß wir also Worte ge¬
brauchen, ohne daß deren Sinn uns zur unmittelbaren Ge¬
gebenheit gebracht wäre, ist ohne weiteres klar, denn es ist
die alltäglichste Sache von der Welt. Wir reden ja auch
von Vergangenem und Zukünftigem, ich spreche von dem,
was ich gestern sah, hörte, fühlte — indem ich aber etwas
ein gestern Gesehenes nenne, sage ich zugleich, daß ich
es augenblicklich nicht sehe, daß es also ein jetzt nicht
Gegebenes ist. Der Anblick, der sich mir gestern bot, ist
im Augenblick mir eben nicht unmittelbar gegeben.
Aber eben dieses Beispiel kann uns auf einen Punkt
aufmerksam machen, ohne dessen Besprechung die bis¬
herigen Ausführungen unvollständig wären.
Jemand spricht zu mir von einem Bauwerk, das ich
früher gesehen habe, das aber im Augenblick nicht vor mir
steht; er nennt den Namen des Bauwerks. Ich frage, von
welchem Gebäude er spricht; er nennt mir zur Antwort
12
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
die Straße, die zu ihm führt, die Stelle, an der es steht, und
der Erfolg dieser Beschreibung ist, daß ich mir jetzt die
Frage, welches Gebäude der andere meint, selbst zu
beantworten vermag, weil ich es zwar freilich nicht selbst
sehe, aber mir in der Erinnerung zu vergegen¬
wärtigen vermag. Indem ich mich seiner erinnere, kenne
ich das Gemeinte, kann ich es auch weiterhin kennen lernen,
beurteilen, vergleichen; kann ich mir sagen: eben dies, was
ich hier vor mir habe, worauf ich hier hinblicke, sei es, das
der andere in diesem Wort bezeichnet.
Was liegt nun eigentlich vor im Falle der Erinnerung?
Ich nehme an, ich stehe einmal direkt vor dem Gebäude
und betrachte es. Nun schließe ich die Augen und suche
mir das vorher Gesehene in der Erinnerung zu vergegen¬
wärtigen. Dann ist dies vorher Gesehene nicht mehr da,
nicht mehr gegeben. Da, wo es war, ist jetzt etwas anderes:
die dunkelrötliche, von allerhand Flecken durchwogte Fläche,
die das Gesichtsfeld bei geschlossenen Augen darstellt. Und
trotzdem ist etwas da, auf das ich hinblicken, das ich be¬
trachten und näher kennen lernen kann und das demnach
qualitativ verschieden ist von dem vorher Gesehenen, wenn
es auch eine unzweifelhafte Ähnlichkeit mit ihm aufweist.
Wir nennen es das Erinnerungsbild des Gebäudes.
Wir unterscheiden das Erinnerungsbild des Gesehenen
von dem Gesehenen selbst, das Erinnerungsbild des Tones
von dem gehörten Ton. Allerdings sei ausdrücklich betont,
daß nicht in jedem Fall, in dem wir von einer Erinnerung
sprechen, auch ein anschauliches Erinnerungsbild des Er¬
innerten vorhanden sein muß (es wird darauf später zurück¬
zukommen sein), aber jeder hat dergleichen Erinnerungs¬
bilder und jeder kennt sie; ihr Vorhandensein ist eine Tat¬
sache, die zu leugnen keinen Sinn hätte. Die Frage
kann nur sein, wie wir diese Tatsache richtig zu beschreiben
haben.
Das Erinnerungsbild ist von dem gesehenen oder gehörten
Inhalt qualitativ verschieden. Man hat diesen Unter¬
schied auch in Worten beschrieben, natürlich so, wie man
dergleichen unmittelbar erfaßte Unterschiede überhaupt be¬
schreiben kann — durch Analogien. Das Erinnerungsbild,
so sagt man, hat etwas Verschwommenes, Verblaßtes, Ab-
geschattetes, Undeutlicheres — „die vorgestellte Farbe
leuchtet nicht, der vorgestellte Ton klingt nicht“ (Lotze).
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
13
Diese oft gehörte Beschreibung hat unzweifelhaft viel
Richtiges, aber sie hat auch eine Gefahr. Diese Gefahr
besteht darin, daß sie den Gedanken nahelegt, als sei der
Unterschied zwischen Erinnerungsbild und Erinnertem ein
bloßer Unterschied des Grades, ein Unterschied der „I n -
t e n s i t ä t“. Auch eine gesehene Form etwa kann
deutlicher oder undeutlicher, klarer oder verschwommener
sein, eine gesehene Farbe mehr oder weniger leuchten, ein
gehörter Ton intensiver sein als ein anderer. Es liegt der
Irrtum nahe, als sei der Unterschied zwischen Erinnerungs¬
bild und Erinnertem eine bloße Steigerung dieses Unter¬
schiedes, den wir schon zwischen Wahrnehmungsinhalten
finden. Daß das ein Mißverständnis der Tatsachen wäre,
läßt sich leicht zeigen. Zwischen einem lauten und einem
leisen Ton besteht ein Unterschied der „Intensität“. Ich
lasse nun einen Ton leiser und leiser werden — wird er
dadurch schließlich von einem gehörten Ton zu dem
Erinnerungsbild eines Tones? Wäre dieser Gedanke mög¬
lich, so müßte eine kontinuierliche Reihe denkbar sein, an
deren äußersten Enden ein gehörter lauter und
ein erinnerter leiser Ton ständen, denn auch inner¬
halb der Reihe der Erinnerungsbilder gibt es ja den Unter¬
schied des Lauten und Leisen. Die Unmöglichkeit dieser
Vorstellung ersieht man schon daraus, daß dadurch das
Erinnerungsbild eines lauten Tones in die
Nachbarschaft eines gehörten leisen Tones geriete, daß
diese beiden Inhalte sich ähnlicher sein müßten, als ein
gehörter und ein erinnerter Ton gleicher Lautheit. Ja,
wenn das wäre, so w r äre gar nicht einzusehen, wie es über¬
haupt möglich sein sollte, von Erinnerungsbildern lauter
und leiser Töne zu reden. Und ebenso steht es mit der
„Deutlichkeit“ und „Verschwommenheit“. Durch einen
sich dazwischen schiebenden Nebel wird das Gesehene un¬
deutlicher, verwaschener, aber es wird dadurch nicht der
Unterschied des Gesehenen und Erinnerten verringert und
es wird am wenigsten das nebelhaft Gesehene dem deutlich
Erinnerten ähnlich. So müssen wir also sagen: der Unter¬
schied von Erinnerungs- und Wahrnehmungsbild i s t nicht
ein Unterschied der Deutlichkeit, Verschwommenheit oder
Intensität, sondern er weist nur gewisse Analogien mit diesen
aus dem Gebiet der Wahrnehmung wie der Erinnerung be¬
kannten Unterschieden auf, ist aber im übrigen ein Unter-
14
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
schied sui generis, und vor allem ein Unterschied, der keine
Grade zeigt, ein prinzipieller Unterschied, der durch keine
Übergänge überbrückt werden kann: wir können uns keine
Zwischenglieder denken, die von einem leisen Ton zum Er¬
innerungsbild eines lauten, oder von einem nebelhaft ge¬
sehenen zu einem deutlich erinnerten Bilde allmählich
herüberführten, wie wir auch nicht in Gefahr kommen
können, zwei Dinge dieser Art zu verwechseln.
Vielleicht wendet man hiergegen ein, daß Verwechs¬
lungen zwischen Wahrnehmungen und Erinnerungs- bzw.
Phantasiebildern (daß für die letzteren dasselbe gilt wie
für die Erinnerungsbilder, wird gleich noch näher erörtert
werden) doch tatsächlich gar nicht so selten Vorkommen.
Wird nicht, wenn wir lebhaft träumen, das Erinnerte und
Phantasierte für Wirklichkeit, d. h. für ein Wahrgenommenes
gehalten, ist nicht in Fieberdelirien und Halluzinationen
dasselbe der Fall? Spielt nicht dem Furchtsamen seine
Phantasie einen Streich, wenn er in der Dunkelheit, im
einsamen Walde etwa, Gespenster oder Räuber zu sehen
glaubt? Die genauere Betrachtung eines solchen Falles,
einer wirklichen Halluzination hebt meiner Meinung nach
diesen Einwand sofort. Man denke als Beispiel an gewisse
Gehörshalluzinationen, etwa an ein Ohrensausen. Hier liegt
offenbar eine bestimmte Wahrnehmung und nicht etwa ein
Erinnerungs- oder Phantasiebild tatsächlich vor, der Be¬
treffende hört tatsächlich einen bestimmten Ton. Nur
kommt dieser Wahrnehmungsinhalt unter abnormen Be¬
dingungen zustande, nämlich unter Bedingungen, unter
denen sonst nur Erinnerungs- bzw. Phantasiebilder auf-
treten können; es fehlt der physiologische Reiz im äußeren
Gehörorgan, der sonst die conditio sine qua non für das
Zustandekommen einer Gehörswahrnehmung darstellt. Nun
kann man freilich (und aus praktischen Gründen ist diese
Bezeichnung dem Sprachgebrauch nicht fremd) jeden In¬
halt ein Phantasiegebilde nennen, der nicht durch eine
Reizung eines äußeren Sinnesorgans bedingt ist, aber dieser
Begriff des Phantasiebildes ist natürlich nicht phänomeno¬
logisch brauchbar, er unterscheidet Wahrnehmung und Er¬
innerung nicht nach ihrer tatsächlichen Verschiedenheit,
sondern nach der ihnen normalerweise zukommenden Ur¬
sache. Sagt man daher unter Zugrundelegung dieses Sprach¬
gebrauchs, daß im Traum ein „bloßes Phantasiegebilde“ für
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
15
ein „Objekt wirklicher Wahrnehmung“ gehalten werde, so
kann das jedenfalls nicht heißen, daß hier ein Phantasie¬
bild in unserem Sinn mit einem Wahrnehmungsinhalt ver¬
wechselt worden sei. Nun können freilich Halluzinationen
und Illusionen noch auf eine andere Weise zustande kommen,
bei der Phantasieinhalte bisweilen eine gewisse Rolle spielen.
Ich denke etwa daran, daß wir in einem Durcheinander von
Strichen, Punkten, Flächen allerhand Figuren zu sehen
glauben, die um so deutlicher hervortreten, je länger wir
sie betrachten und je deutlicher wir uns derartige Figuren
vorher vorgestellt, als Phantasiebilder vergegenwärtigL
haben. Derartige Erscheinungen kommen offenbar dadurch
zustande, daß wir diese regellos angehäuften Flecke in be¬
stimmter Weise zusammenfassen, zur Einheit verbinden,
einesteils beachten, andernteils unbeachtet lassen. Daß dabei
die einmal vollzogene „Auffassung“ sich immer mehr be¬
festigt, wenn sie eine uns bekannte Form aus dem regellosen
Durcheinander hat entstehen lassen, ist aus psychologischen
Gründen leicht verständlich, ebenso daß ein Phantasiebild,
das wir vorher etwa hatten, in dieser Hinsicht richtung¬
gebend, einstellend auf uns wirkt. Auf dieselbe Weise ist es
offenbar zu erklären, wenn der Furchtsame im Walde einen
Baumstamm mit vorragendem Ast für einen Menschen mit
drohend erhobenem Arm hält oder wenn wir willkürlich
oder unwillkürlich aus einem Durcheinander von Geräuschen
(etwa aus dem Rollen des Eisenbahnzuges) bestimmte Rhyth¬
men, schließlich Stimmen und Worte heraushören. Kommt
nun hier eine Täuschung zustande, so liegt sie wiederum nicht
darin, daß ein Phantasiebild mit einem Wahrnehmungsinhalt
verwechselt wird, sondern daß die bestimmte Form des
Wahrgenommenen ihrem Zustandekommen, ihrer Ursache
nach falsch beurteilt wird. Schließlich kann es natürlich
Vorkommen (und das dürfte bei Geisteskranken die Regel
sein), daß sich beide Arten von Halluzinationen miteinander
verbinden: auf abnormem Wege zustande gekommene Wahr¬
nehmungen werden der gewohnheitsmäßigen Phantasie¬
beschäftigung entsprechend aufgefaßt und gedeutet.
Unterscheidet sich das Erinnerungsbild charakteristisch
vom Wahrnehmungsinhalt, so ist es auf der anderen Seite
ihm typisch ähnlich. Das liegt schon in dem Ausdruck
Erinnerungs b i 1 d. Das Erinnerungsbild eines Tones ist
ein Abbild des gehörten Tones.
16
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Aber eben dieser Ausdruck Erinnerungs „b i 1 d“ kann
uns auf einen weiteren wichtigen Unterschied beider auf¬
merksam machen, der im vorigen noch nicht gestreift wurde,
und der oft genug überhaupt übersehen worden ist. Wenn
wir ein Ding ein „Bild“ eines anderen nennen, wenn wir
beide in das Verhältnis von Kopie und Original zueinander
setzen, so heißt das nicht einfach, daß sie einander ähnlich
sind. Wenn zwei Menschen einander ähnlich sind, so ist
damit nicht der eine ein „Bild“ des andern zu nennen.
Sondern dieser Ausdruck besagt mehr, er besagt, daß der eine
Gegenstand in bezug auf den andern eine bestimmte Funktion
hat oder haben soll, eben die Funktion des Abbildens, Wieder¬
gebens, Darstellens. Die vor mir stehende Photographie ist
ein Bild jenes mir bekannten Menschen, d. h. sie stellt mir
diesen Menschen dar, gibt mir sein Aussehen wieder.
Entsprechendes aber gilt auch für das Erinnerungsbild.
Das Erinnerungsbild ist nicht nur ein gegenwärtiger Be¬
wußtseinsinhalt, der mit einem früheren eine gewisse Ähn¬
lichkeit besitzt. Sondern es hat das Eigentümliche, daß wir
uns in ihm, mit seiner Hilfe, eben an jenes Vergangene er¬
innern, uns seiner bewußt werden, daß wir m. a. W. es
a 1 s „Bild“, als Darstellung des Vergangenen er¬
leben. Wäre es anders, so könnten wir von der Ähnlichkeit
des Erinnerungsbildes mit dem früheren Inhalt ja auch gar
nichts wissen, denn der vergangene Inhalt ist ja eben ver¬
gangen, wir können ihn nicht herbeiholen und vergleichend
neben das Erinnerungsbild stellen. Er ist für unser Be¬
wußtsein vorhanden und erfaßbar nur durch das Erinnerungs¬
bild, d. h. dadurch, daß das Erinnerungsbild nicht nur ein
einzelner, für sich stehender Bewußtseinstatbestand, sondern
ein Tatbestand ist, der sich uns zugleich als Repräsentant,
als Darstellung, als Abbild jenes andern, früheren zu er¬
kennen gibt. Es ist das eine letzte, nicht weiter zurück-
führbare oder erklärbare Eigentümlichkeit aller Er¬
innerungsbilder — wir können kein Erinnerungsbild haben,
ohne uns zugleich dessen bewußt zu werden, daß dies Er¬
innerungsbild ein Vergangenes meint. Mit dem bekannten
H u s s e r 1 sehen Ausdruck können wir von einer unmittel¬
bar erlebten Intention des Erinnerungsbildes reden. Corne¬
lius 1 , der auf diese Eigentümlichkeit besonders nachdrück-
1 Psychologie als Erfahrungswissenschaft, S. 20 ff.
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
17
lieh hinweist, bezeichnet die Erinnerungsbilder als „natür¬
liche Symbole“ und spricht von ihrer „symboli¬
schen Funktio n“. Gäbe es die Tatsache dieser
symbolischen Funktion für unser Bewußtsein nicht, so
wüßten wir nicht nur nichts von der Vergangenheit, sondern
es gäbe für unser Bewußtsein gar keine Vergangenheit, es
gäbe nur eine Gegenwart; das Wort „Vergangenheit“
hätte für uns schlechterdings keinen Sinn. Eben deshalb
kann die Tatsache der „symbolischen Funktion“ der Ge¬
dächtnisbilder nicht weiter zurückgeführt oder erklärt
werden; sie „erklären“, hieße deutlich machen, wie die
Gedächtnisbilder zu dieser Beziehung auf die Vergangen¬
heit gekommen sind oder wie das Bewußtsein von der Ver¬
gangenheit sich an sie hat knüpfen können, aber die Be¬
antwortung dieser Frage würde das Vorhandensein irgend¬
eines Vergangenheitsbewußtseins immer schon voraussetzen.
Durch die Vermittlung des Erinnerungsbildes kann ich
mir etwas Vergangenes vergegenwärtigen, d. h. so vor mich
hinstellen, daß ich es erfassen, kennen lernen, beurteilen
kann, a 1 s o b es selbst unmittelbar gegeben wäre. Ich will
wissen, wie das Vergangene aussah — ein Blick auf das
Erinnerungsbild lehrt es mich; ich will wissen, ob es größer
oder kleiner, heller oder dunkler als ein anderes Gebilde
war und ich kann es in der Erinnerung vergleichen. Und
dieser Vergleich ist ein tatsächlich angesichts des Erinnerungs¬
bildes vollzogener Vergleich — nicht etwa bloß die Er¬
innerung an das Resultat eines früher vor dem Gegen¬
stand selbst angestellten Vergleiches. Freilich können wil¬
den Gegenstand nur so weit aus dem Gedächtnisbild
kennen lernen und im Hinblick auf dasselbe beurteilen, als
das Erinnerungsbild ihn darstellt, abbildet, repräsentiert;
ein Umstand, der insbesondere darin seine Bedeutung er¬
hält, daß das Gedächtnisbild niemals eine größere Deut¬
lichkeit besitzen kann, als der voraufgegangene Wahr¬
nehmungsinhalt.
Durch das Erinnerungsbild wird es möglich, daß uns ein
Gegenstand, der uns nicht unmittelbar gegeben ist, doch
so vergegenwärtigt wird, daß er uns bekannt, erkennbar,
vergleichbar, benennbar gegenübersteht. Und damit dürfen
wir auch davon reden, daß uns der Gegenstand hier ge¬
geben sei, nur nicht unmittelbar, sondern mittel¬
bar, durch die Vermittlung des Erinnerungsbildes gegeben.
v. Aster, Philosophie. 2
18
Erstes Kapitel. Phünomenologische Grundlegung.
Auch hier ist etwas unmittelbar gegeben, nämlich das
Erinnerungsbild, aber es besteht die eigentümliche Tat¬
sache, daß wir durch dies unmittelbar Gegebene nicht nur
seine eigene, sondern auch die Beschaffenheit eines anderen,
eben des Vergangenen und jetzt Erinnerten, kennen lernen
und vergleichend und analysierend beurteilen können.
Es läßt sich daraus zugleich entnehmen, in welchem, aber
auch n u r in welchem Sinn wir sagen dürfen, daß uns in
der Wahrnehmung eines Tatbestandes und in der Er¬
innerung an eben diesen Tatbestand „dasselbe“, „derselbe
Gegenstand“ gegeben sei. Richtig verstanden, kann das
nur heißen, daß w T ir in beiden Fällen dasselbe erfassen,
kennen lernen können, nur das eine Mal unmittelbar, das
andere Mal mittelbar. Falsch wäre es dagegen, den Satz
dahin zu interpretieren, daß hier jedesmal ein Gleiches
uns unmittelbar gegeben sei. Wenn gelegentlich
gesagt worden ist, es sei im Fall der Wahrnehmung und
Erinnerung jedesmal uns das Gleiche „gegenständlich“, der
Unterschied liege nur in dem verschiedenen „Akt“ der
Wahrnehmung bzw. Erinnerung, der sich auf dies Gegen¬
ständliche beziehe, so legt diese Ausdrucksweise zum
mindesten die Auffassung nahe, als sei hier ein ähnliches
Verhältnis obwaltend, wie wenn der gleiche gehörte Ton
etwa uns erst gefällt und dann mißfällt. Hier ist das gleiche
Gegenständliche unmittelbar gegeben, auf das sich ver¬
schiedene Gefühle nacheinander beziehen. Dagegen liegen
die Dinge bei Erinnerung und Wahrnehmung prinzipiell
anders, denn hier ist auch nicht einmal teilweise Gleiches,
sondern Verschiedenes unmittelbar gegeben, nur daß das
eine sich zugleich als Darstellung des andern und
insofern als „dasselbe“ zu erkennen gibt.
Endlich gilt, wie vorhin schon gelegentlich erwähnt
wurde, dasselbe wie für die Gedächtnis-, auch für die
„Phantasiebilder“. Wenn ich mir jetzt das Aussehen eines
Bekannten, den ich lange nicht gesehen habe und von dem
ich weiß, daß er sich in der Zwischenzeit stark verändert
hat, in der Phantasie vorzustellen suche, so habe ich gewiß
nicht das vor mir, was ich haben werde, wenn ich jenen
Bekannten nun wirklich zu Gesicht bekomme. Aber ich
habe ein Bild vor mir, das mir jenes Aussehen repräsentiert,
darstellt, ein Bild, das ein Abbild jenes zukünftigen Inhalts
ist oder sein will. Und es wird in jedem Phantasiebild
4 . Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
19
etwas vorgestellt, etwas, das mir dann ein anderes Mal in
unmittelbarer Gegebenheit wenigstens gegenübertreten kann
oder könnte, so wie in jedem Erinnerungsbild etwas
erinnert wird, etwas, das mir früher einmal unmittelbar ge¬
geben war. So kommt also auch dem Phantasiebild seiner
Natur nach eine symbolische Funktion zu, ist mir auch im
Phantasiebild etwas mittelbar gegeben.
Wir können demnach zwei Arten des Gegeben-
seins unterscheiden, das mittelbare und das durch ein
Vorstellungsbild (wenn wir in diesem Terminus Erinnerungs¬
und Phantasiebilder zusammenfassen) vermittelte. Nun er¬
gibt sich die Frage: Gibt es nicht noch weitere solche Arten
des Gegebenseins? Gibt es außer der Vermittlung durch
das Vorstellungsbild nicht noch eine weitere Art und Weise,
wie uns ein nicht unmittelbar gegebener Gegenstand doch
kenntlich, erkennbar, beurteilbar werden kann?
Fassen wir die Frage gleich spezieller. Es ist fraglos,
daß wir nicht alle Gegenstände, von denen wir sprechen,
auch zugleich anschaulich vorstellen. Die hier
und da aufgestellte, wohl scheinbar gar als selbstverständlich
aufgestellte Behauptung ist eine grobe Vergewaltigung der
Tatsachen, die die Selbstbeobachtung leicht als solche er¬
kennen läßt; man braucht nur zu beachten, wie wir ein Buch
lesen und mit Verständnis lesen, um zu sehen, wie gering
an Zahl, flüchtig und bedeutungslos die begleitenden Phantas¬
men sind *. Gleichwohl aber „meinen“ wir mit unsern Worten
1 Vgl. u. a. Dessoir, Ästhetik, S. 169 f. und 353 ff. Den
Gedanken, daß, indem wir ein Wort gebrauchen, darum der ge¬
meinte Gegenstand noch nicht gegeben sei, betont mit Nachdruck
B. Erd mann (vgl. die die Sachlage treffend beleuchtenden Aus¬
führungen in Logik I (2. Aufl.] S. 314 f.). Er verweist auch mit Recht
darauf, daß wohl Berkeley der erste war, der in den „Principles“
dieser Überzeugung Ausdruck gegeben hat und zitiert (Archiv für
System. Phil., Bd. 2) die charakteristische Stelle aus der Einleitung
(§ 19): „Durch einiges Nachdenken wird man finden, daß es nicht
notwendig ist, daß selbst bei der strengsten Gedankenverknüpfung
Namen, die etwas bedeuten und Ideen vertreten, jedesmal, so oft
sie gebraucht werden, in dem Geiste eben dieselben Ideen erwecken,
zu deren Vertretung sie gebildet worden sind, da im Lesen und
Sprechen Gemeinnamen größtenteils so gebraucht werden wie Buch¬
staben in der Algebra, wo, obschon durch jeden Buchstaben eine
bestimmte Quantität bezeichnet wird, es doch zum Zweck des rich¬
tigen Fortgangs der Rechnung nicht erforderlich ist, daß bei jedem
20
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
doch etwas, und wir wissen, was wir mit ihnen meinen,
wir sind denkend und „bewußt“ denkend auf etwas
gerichtet. Und wenn wir die Worte des gelesenen Buches
„verstehen“, so heißt das doch auch, daß unser Denken
auf bestimmte Gegenstände gerichtet wird. Es ist uns
bekannt, von welchen Gegenständen hier gesprochen
wird, ohne daß es einer anschaulichen Vergegenwärtigung
derselben bedürfte. Wenn uns aber ein Gegenstand be¬
kannt gemacht wird, wenn wir bewußt auf ihn gerichtet
sind, so heißt das doch, scheint es, nichts anderes als: er
ist uns gegeben. Aber dies Gegebensein eines Gegenstandes,
das vorliegt, wenn wir nur an ihn denken, auf ihn meinend
abzielen, wäre nicht durch ein anschauliches Vorstellungs¬
bild vermittelt, w r ir hätten also hier eine dritte „Art“ des
Gegebenseins.
Die so erhaltenen drei Arten könnte man endlich ge¬
wissermaßen als drei Stufen der Vergegenwärtigung, also
des Gegebenseins eines Gegenstandes charakterisieren. Indem
wir uns etwas anschaulich vorstellen, nähern wir uns ge¬
wissermaßen seinem direkten Gegebensein mehr, als
indem wir ihn „nur“ denken. Aber soweit ich das „bloße“
signitive Meinen damit vom direkten Gegebensein entfernen
mag, der Unterschied bleibt doch in gewisser Weise ein
Unterschied des Grades.
Ich glaube damit eine Ansicht wenigstens schematisch
charakterisiert zu haben, die, wie es scheint, in der Schule
Brentanos, Husserls, Meinongs vielfach vertreten, ja für
selbstverständlich gehalten wird. Auf die speziellen Formu¬
lierungen, deren man sich dabei bedient, kommt es mir
hier nicht an, ebensowenig auf die genaueren Unter¬
scheidungen, die man dabei vollzieht.
So plausibel nun die eben angezogene Betrachtungs¬
weise erscheint, so erweist sie sich doch bei näherem Zu¬
sehen m. M. n. als schief.
Schritt jeder Buchstabe die bestimmte Quantität, zu deren Ver¬
tretung er gebildet worden ist, ins Bewußtsein treten lasse.“ Auch
die folgenden Ausführungen B.s im § 20 sind bedeutungsvoll, sic
sprechen den Gedanken aus, auf den ich später zurückkomme, daß
das „Verstehen“ des Wortes wesentlich darin besteht, daß es beim
Hörenden unmittelbar dieselbe Wirkung auslöst wie das Bezeichnete,
daß also auch hier die Funktion des Wortes wesentlich die ist, das
Gemeinte zu „vertreten“.
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
21
Wenn wir das Vergegenwärtigtsein eines Gegenstandes
durch ein Erinnerungsbild als ein mittelbares Gegegebensein
des Gegenstandes bezeichneten, so geschah das, weil hier
im Fall der anschaulichen Erinnerung etwas vorliegt, was
wir genau so im Fall des unmittelbaren Gegebenseins finden:
daß nämlich ein bestimmter Tatbestand uns so bekannt
gegeben wird, daß wir auf ihn unser Erkennen richten,
ihn analysieren, auf seine Beschaffenheit hin prüfen, ver¬
gleichen, unterscheiden können. Ich lege mir, so nehme ich
an, zum ersten Male die Frage vor, ob die drei Tore des mir
wohlbekannten Siegestors in München gleich oder ver¬
schieden hoch sind. Dann kann ich die Frage beantworten,
indem ich mich vor das Siegestor hinstelle und vergleiche.
Ich kann aber diesen Vergleich auch mit derselben Sicher¬
heit an meinem Erinnerungsbild vollziehen, vorausgesetzt
nur, daß mein Erinnerungsbild die fraglichen Teile deutlich
genug enthält, daß sie mit vorgestellt sind (wie ich ja auch
angesichts des wahrgenommenen Siegestors nur so weit ein
Urteil fällen kann, als die zu beurteilenden Teile mit wahr¬
genommen sind; verschwimmen die Tore für den Anblick
etwa, weil ich zu weit abstehe, so kann ich auch über ihre
relative Höhe kein Urteil gewinnen).
Ich kann am Erinnerungsbild den früher gesehenen Tat¬
bestand nachträglich kennen lernen. Ist dasselbe
möglich, wenn ich einen Gegenstand nun „unanschaulich
denke“? Habe ich auch dann etwas vor mir, auf das ich
mich urteilend, vergleichend, erkennend beziehen kann?
Die Antwort auf diese Frage kann nur verneinend lauten.
Freilich: ich kann über Gegenstände urteilen, ohne sie
mir anschaulich zu vergegenwärtigen, ich kann sofort und
unmittelbar alles Mögliche über Dinge aussagen, Fragen
beantworten, ohne mich auf eine anschauliche Grundlage
zu beziehen. Aber diese Urteile sind nie, indem sie ab¬
gegeben werden, in dem Sinn im Hinblick auf den
Tatbestand selbst gewonnen, an ihm abgelesen,
wie das möglich ist, wenn der Gegenstand direkt oder als
erinnerter bzw. phantasierter vor mir steht, sie sind viel¬
mehr der Ausdruck von Erkenntnissen, die der Urteilende
früher bereits gewonnen hatte, am Gegenstand selbst ge¬
wonnen hatte. Sie mögen eben gerade darum die denkbar
größte Überzeugungskraft mit sich führen (wo die selbst¬
verständliche Überzeugung fehlt, ist dies eben für uns
22
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
ein Grund, auf Anschauung zu rekurrieren), aber sie be¬
sitzen nie die „Evidenz“, die das Urteil hat, das sich für
unser Bewußtsein auf den Gegenstand selber gründet, weil
es an ihm abgelesen wird, und die es auch nur so w r eit besitzt,
als dies der Fall ist.
Um es kurz zusammenzufassen: in dem Fall des Ver¬
stehens eines Wortes ohne begleitende Anschauung, des
bloßen „Denkens an“ einen Gegenstand ist nichts vorhanden,
das in der Weise für unser Erkennen den Gegenstand selbst
ersetzen könnte, wie dies im Erinnerungs- und Phantasie¬
bild der Fall ist. Es ist nichts da, was den gemeinten Gegen¬
stand darstellt in dem Sinn, wie der Terminus vorhin
erörtert und gebraucht wurde, es ist nur etwas da — das
W T ort, das Zeichen — das ihn vertritt. Eben darum
darf hier durchaus nicht von einem „Gegebensein“ ge¬
sprochen werden, wenn wir u n s e r n Sinn dieses Begriffes
festhallen wollen. „Gegebensein“ und „Gedachtsein“ bleiben
vielmehr typische Gegensätze. Eben deshalb können wir bei
jedem Wort, das wir hören oder selbst gebrauchen (im Ge¬
spräch oder im „inneren“ Sprechen) die Frage stellen, was
denn hier gemeint sei, und diese Frage ist endgültig erst dann
beantwortet, wenn an die Stelle des Gemeinten ein Gegebenes
getreten ist. Ja, wir können auch umgekehrt sagen: Ein
Gegenstand A ist uns dann und nur dann gegeben,
wenn wir ein Etwas vor uns haben, auf das wir nur hin¬
zublicken brauchen, um die Frage, was mit dem Wort A
gemeint sei, restlos und endgültig zu beantworten.
Gegen das hier Gesagte lassen sich nun Einwände er¬
heben, auf die ich etwas näher eingehe, um den Sinn der
vertretenen Behauptung vor Mißverständnissen zu bewahren.
Man spricht davon, daß, wenn wir ein Wort sinnvoll ge¬
brauchen, also nicht wie ein Papagei nachplappern, wir doch
ein Bewußtsein von diesem Sinn hätten oder haben müßten.
Gegen diese Redeweise als solche, die ich ja selbst
oben gebrauchte, ist natürlich nichts einzuwenden. Nun
meint man aber weiter: mit dieser jedermann verständlichen
und gebräuchlichen Redeweise könne doch nichts anderes
gemeint sein, als daß wir jenen Sinn in dem fraglichen
Moment bewußt erfassen und vor uns haben, auf ihn hin¬
zielen und hinblicken, wenn auch nicht in anschaulicher
Repräsentation. Man beachte: man erklärt es für eine
Unmöglichkeit, daß jene Redewendung etwas anderes
4. Un mittelbares und mittelbares Gegebensein. 23
bedeute. Um diesen Einwand zurückzuweisen, muß ich auf
eine andere Möglichkeit hier hinweisen.
Ich erinnere zunächst an den Doppelsinn, den wir mit
einem verwandten Terminus, mit dem Wort „Wissen“ ver¬
binden. Ich beschäftige mich jetzt in Gedanken mit einem
Erlebnis, das ich vor Jahresfrist gehabt habe, ich erinnere
mich dieses Erlebnisses, es ist meinem „Wissen“ gegen¬
wärtig. Aber ich „wußte“ auch um dies Erlebnis vor einer
Stunde, vor vier Wochen, zu einer Zeit, als ich mich mit
ganz andern Gegenständen beschäftigte. Und so weiß ich
auch in diesem Moment tausend Dinge, die ich mir doch
im Moment ganz und gar nicht vergegenwärtige. Jeder¬
mann kennt diese verschiedenartige Verwendung des Wortes
„Wissen“ und weiß, was sie bedeuten soll: wir verstehen
unter dem „Wissen“ einmal ein bewußtes Vorstellen, Ver-
gegenwärtigl, zur Gegebenheit gebracht sein, und einmal
ein „potentielles“ Wissen, eine Disposition, einen geistigen
Besitz. Ich „weiß“ alles das, was ich nicht neu zu lernen
brauche, sondern jederzeit meinem Gedächtnis entnehmen
kann, was mir mein Gedächtnis gibt, wenn ich cs brauche.
Es könnte nun sein, daß derselbe Doppelsinn sich in dem
Begriff des „Bewußtseins“ noch einmal wiederholte, daß
wir auch zwischen einem aktuellen und potentiellen Be¬
wußtsein unterscheiden müssen. Den Sinn eines Wortes
verstehen, sich seiner bewußt sein, hieße dann nicht nur:
ihn vergegenwärtigen, sondern auch: ihn in bestimmter
Weise in sich tragen, geistig parat haben, vorstellen
können. Freilich: dies Parathaben, verfügen, vorstellen
können, müßte ein anderes sein, als das bloße potentielle
Wissen, das ich als Beispiel heranzog — wir unterscheiden
ja beide offenbar nicht ohne Grund, das „Bewußtsein“ als
Disposition gefaßt, müßte jeweils nur einen Teil dessen
umfassen, w r as unser „Wissen“ umspannt. Und ferner:
wenn wir eine solche Disposition nicht bloß ein „Wissen“,
sondern ein „Bewußtsein“ von einer Sache nennen, so muß
sie doch offenbar in einer engeren Beziehung zum eigent¬
lichen „Bewußtsein“, d. h. zum aktuell Vergegenwärtigten
und „Gegebenen“ stehen. Fixieren wir, um dieser Forde¬
rung zu genügen, die Gedanken genauer: Ich verfüge in
diesem Moment über alle möglichen Kenntnisse, historische,
naturwissenschaftliche, technische usw., in großer Anzahl,
die mit dem, was ich mir zur Zeit vergegenwärtige, gar nicht
24
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
zu tun haben; ich verfüge aber auch über ein anderes Wissen,
das mit den Dingen, mit denen ich mich gerade befasse, in
engem Konnex steht und das Vorhandensein dieses Wissens
verrät sich zugleich in bestimmter Weise meinem Erleben,
es wirft in Form von allerhand Erlebnissen, z. B. von
Gefühlserlebnissen, einen „Reflex“ ins Bewußtsein. Be¬
trachten wir gleich den Fall, um den es sich uns hier vor¬
nehmlich handelt, das Wortverständnis unter diesem Ge¬
sichtspunkt: Ein Wort, dessen Sinn wir kennen, mutet
uns anders an, als das unbekannte Wort einer uns fremden
Sprache, es erscheint uns bekannt oder besser vertraut,
geläufig, selbstverständlich. Unsere Fähigkeit, uns seinen
Sinn vorstellend zu vergegenwärtigen, verrät sich uns, gibt
sich uns kund in diesem Gefühlscharakter, in dieser Weise,
wie uns das Wort anmutet — und in diesem Sinn dürfen
wir sagen, daß wir uns unseres Wissens, nicht dessen, was
es enthält, sondern des Umstandes, daß es besteht, in diesem
Gefühl „bewußt“ werden. Weiterhin kann ein Wort für
uns auch oft einen spezielleren Gefühlscharakter an sich
tragen, und dieser Gefühlscharakter kann weitgehend durch
den Sinn des Wortes, durch die Sphäre, in der er angewandt
wird, bestimmt sein. Man denke an Worte wie „berühmt**
und „berüchtigt“, man denke daran, wie man sich durch
ein einzelnes Wort in eine bestimmte Situation versetzt
fühlen kann, man denke an den mystischen Zauber, der
manche Worte umkleidet, an das Aufreizende und Schreck¬
hafte, das in andern Worten liegt. Ein solches Gefühl ist
selbstverständlich nicht der Sinn des betreffenden Wortes,
cs wäre deshalb unmöglich zu sagen, daß uns in diesem
Gefühl der Wortsinn gegeben wäre — das Gefühl der
ehrfürchtigen Scheu, das sich für einen Menschen an das
Wort „Religion“ knüpft, ist nicht der Sinn, den er mit dem
Wort verbindet. Wohl aber können wir sagen: daß er mit
diesem Wort einen Sinn, und zwar einen ganz bestimmten
Sinn verbindet, das verrät sich im Auftreten dieses Gefühls,
das es ihm einflößt, und in diesem Sinn ist das Gefühl ein
„Bewußtsein von“ jenem Sinn, ebenso davon, daß der
Hörende oder Redende diesen Sinn kennt, parat hat *.
1 Indem Aufzeigen solcher BewuDtseinsreflexe sehe ich das Haupt¬
verdienst der experimentellen Untersuchungen über das Denken,
wie sie von Messer (Exp.-psych. Untersuchungen über das
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
25
Nun wird man auch hiergegen noch einen Einwand
geltend machen. Entweder, so wird man etwa sagen, ist
dieser Bewußtseinsreflex, mag man ihn nun ein Gefühl,
eine Bewußtseinslage oder sonstwie nennen, eine bloß tat¬
sächliche Wirkung jener Wissensdisposition und ihres
speziellen Inhalts. Dann kann es uns höchstens ein
Zeichen für unsere Fähigkeit sein, den Sinn des Wortes
in bewußten Vorstellungen zu reproduzieren; ein Anzeichen,
aus dem wir diese Fähigkeit, also unser Wissen in dieser
Hinsicht, erschließen müßten. In der Tat aber
brauchen wir doch nicht erst einen Schluß, um darüber ins
Klare zu kommen, ob wir ein Wort verstehen oder nicht,
ob wir es mit oder ohne Sinn verwenden, sondern wir sind
uns darüber unmittelbar klar. Also bleibt scheinbar nur
die andere Möglichkeit, daß das betreffende Gefühl nicht
eine solche, bloß tatsächliche Wirkung ist, sondern daß wir
in ihm in einem engeren Sinn ein Bewußtsein davon haben,
daß wir mit dem Worte etwas und dies Bestimmte
meinen. Dann aber sind wir auf dem alten Fleck, denn dann
muß in dem Gefühl doch ein Bewußtsein des „dies“, d. h.
des gemeinten Gegenstandes stecken, das nicht selbst wieder
nur eine Disposition sein kann. Das heißt, es wäre zu¬
gegeben, daß mit dem verständnisvollen Hören des Wortes
eine Art Gegebensein des gemeinten Gegenstandes sich ver¬
bindet.
Aber diese Alternative ist falsch gestellt. Wenn uns
jemand fragt, ob wir ein — uns bekanntes und geläufiges —
Wort verstehen, ob wir seinen Sinn kennen, so antworten
wir sicher auf diese Frage ganz unmittelbar und mit voller
Überzeugung bejahend, wir erschließen nicht etwa diese
unsere Kenntnis aus dem Anzeichen, daß uns das Wort
vertraut anmutet — darüber kann kein Zweifel sein. Darum
kann hier doch, objektiv logisch betrachtet, ein
solcher Schluß vorliegen. Jenes Gefühl der Vertrautheit
hat zunächst eine automatisch sich einstellcnde
Folge, die Folge nämlich, daß wir das Wort als ein be-
Denken, Archiv f. d. ges. Psych. Bd. 8), B ü h 1 e r („Tatsachen
und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge“ ebenda
Bd. 9) u. a. angestellt worden sind. Vgl. hierzu auch die sehr treffen¬
den Ausführungen in Berkeleys „Principles of human knowledge“
Introduction § XX.
26
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
kanntes, geläufiges und somit auch verstandenes behandeln,
daß wir daher auch auf die Frage, ob wir einen Sinn mit
ihm verbinden, in blinder Überzeugung unmittelbar mit
einem Ja antworten. Genau so wie wir auch die Frage,
ob wir ein bestimmtes, früher erlerntes Gedicht jetzt w r ürden
hersagen können, unter Umständen sofort und ohne uns zu
besinnen, bejahen werden, aus einem unmittelbaren Gefühl
heraus. Obgleich wir offenbar bewußt keinen Schluß voll¬
ziehen, liegt, logisch betrachtet, ein Schluß vor: ein Schluß
aus einem gegenwärtigen Erlebnis auf ein zukünftig zu
Realisierendes. So auch in unserm Falle: Ob ich wirk¬
lich den Sinn des Wortes kenne, kann ich eigentlich erst
dadurch erfahren, daß ich versuche, ihn mir vorstellend zu
vergegenwärtigen. Und es kommt gar nicht so selten vor,
daß wir auf die Frage, ob wir den Sinn eines Terminus,
eines Satzes usf. kennen, zuerst überzeugt mit Ja ant¬
worten und dann bei dem Versuch, den Sinn uns zu ver¬
gegenwärtigen, Schiffbruch leiden — worauf wir zugeben
müssen, daß jene anfängliche Überzeugung falsch war,
jenes „Ja“ auf einen Fehlschluß beruhte >.
Noch zwei weitere Einwände wären denkbar. Erstens:
Angenommen, wir machen uns den Sinn eines Wortes in
1 Ich verweise zum Vergleich für diese ganzen Ausführungen auf
meinen Aufsatz in der Ztschr. f. Psych. Bd. 49 „Ober die Be¬
obachtung und experimentelle Untersuchung von Denkvorgängen“.
— Auch Husserl kommt gelegentlich (Log. Unters. II, S. 73)
darauf zu sprechen, daß man auf den Gedanken kommen könne,
das Bewußtsein vom Sinn eines Wortes für ein bloßes Bekannt¬
heitsgefühl zu erklären. Er wendet dagegen ein, daß wir doch sehr
wohl unterscheiden können, ob uns ein Wort bloß bekannt ist,
oder ob es einen Sinn für uns hat, bekannt können uns auch un¬
verstandene Termini oder Worte einer fremden Sprache sein, von
denen wir wissen, daß wir ihren Sinn längst vergessen haben. Sicher¬
lich. Aber mir scheint daraus nur zu folgen, daß das Gefühl, um
das es sich hier handelt, nicht ein bloßes Bekanntheitsgefühl, son¬
dern ein Gefühl besonderer Art ist. Ich würde es vergleichen mit
dem Gefühl, das wir einem uns vertrauten Instrument gegenüber
haben, das wir zu handhaben wissen. Das ist kein bloßer
Vergleich — das Wort i s t m. M. n. ein solches Instrument — es
wird darauf später zurückzukommen sein. An anderer Stelle scheint
H. es freilich für schlechthin selbstverständlich zu halten, daß auch
im „Meinen“ der gemeinte Gegenstand von uns irgendwie bewußt
erfaßt werde.
4. Unmittelbares und mittelbares Gegebensein.
27
anschaulichen Vorstellungen klar, dann gewinnen wir doch
das Bewußtsein: eben dies, was wir jetzt vorstellen, sei der
im Wort gemeinte Gegenstand. Ich spreche vom Branden¬
burger Tor, und nun sehe ich es innerlich vor mir und
weiß: dies ist das „Brandenburger Tor“, das mit diesem
Wort Bezeichnete. Wie aber soll dies Bewußtsein zustande
kommen, wenn nicht auf Grund einer Art von Vergleich
zwischen dem, was ich mit dem Wort meine, bei ihm denke,
und dem, was ich hier innerlich vor mir sehe. Ich erlebe,
mit Husserl zu reden, die „Erfüllung“ meiner an das Wort
sich knüpfenden Intention, ich erlebe die Identität des
Gemeinten mit dem jetzt innerlich Gesehenen. Dazu aber
muß ich doch das Gemeinte oder Gedachte als solches
vor mir haben, es muß mir als Gemeintes gegeben sein.
Indessen auch diese Argumentation kann ich nicht an¬
erkennen: Was ich in diesem Fall erlebe, ist m. M. n. nicht
ein identisches Zusammenfallen zweier Gegenstände,
eines vorgestellten und eines nur gedachten, sondern ist
einfach eine eigenartige BeziehungzwischenWort
(Laut) und vorgestelltem Tatbestand: ich
erlebe das Wort als Namen dieses Tatbestandes. In der
Behauptung freilich, daß das Wort wirklich der Name
dieses vorgestellten Gegenstandes s e i (oder auch nur, daß
es für mich dieser Name sei), steckt noch etwas, das über
diese Beziehungserlebnisse hinausgeht und, streng genommen,
einer besonderen Prüfung an der Hand der rückschauenden
Erfahrung bedarf, nämlich der Gedanke, daß in allen Fällen,
in denen ich das Wort gebrauchte, es in diesem Sinn geschah,
d. h. es durch diesen vorgestellten Inhalt hätte ersetzt
werden können.
Zweitens: wir sagen offenbar nicht ohne Grund, daß wir
einmal auf den „Sinn", einmal auf den „Klang“ eines Wortes
„achten“ können. Wie soll das möglich sein, wenn doch der
Sinn als solcher nicht gegeben ist? Auch hier möchte ich
zur Klärung der Sachlage an verwandte Fälle erinnern.
Es kommt vor, daß uns plötzlich die Form eines schon
lange von uns gebrauchten Gegenstandes als eigentümlich
„auffällt“. Wir haben den Gegenstand schon oft gesehen,
aber wir haben nie auf eine Form geachtet, d. h. wir sind
nie bei ihr stehen geblieben, wir haben sie immer als etwas
Selbstverständliches hingenommen und uns nur des Gegen¬
standes in der ihm entsprechenden Weise bedient. Ebenso
28
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
kann uns der Klang eines Wortes einmal auffallen, wir können
bei ihm stehen bleiben, während wir bisher nur „auf den
Sinn geachtet“, d. h. uns des Wortes einfach bedient, uns
seiner assoziativen Führung einfach überlassen haben. —
Ich betone noch einmal: es lag mir hier nicht daran,
die hier angedeutete Theorie sogleich als wahr, sondern nur,
sie als möglich zu erweisen. Es sollte dem Einwand be¬
gegnet werden, als könne, wenn wir vom Bewußtsein des
Sinnes eines Wortes sprechen, damit unmöglich etwas
anderes gemeint sein, als ein bestimmt geartetes Gegeben¬
sein dieses Sinnes. Demgegenüber sollte positiv gezeigt
werden, daß diese Redeweise jedenfalls unhaltbar ist, wenn
wir den Begriff der „Gegebenheit“ festhalten, den wir uns
im Anschluß an das unmittelbare Gegebensein und den
Tatbestand der Erinnerung und Phantasie gebildet haben.
Die Redeweise, daß wir ein „Bewußtsein“ vom Sinn unserer
Worte haben, auch ohne ihren Gegenstand anschaulich vor¬
zustellen, kann darum gleichwohl einen haltbaren Sinn haben,
nämlich wenn wir unter diesem „Bewußtsein“ ein „Wissen“
verstehen, wie wir von einem solchen Wissen als einer Dis¬
position, einer Fähigkeit auch sonst allgemein zu reden
pflegen, nur ein „Wissen“, das sich dem Bewußtsein in be¬
stimmten, charakteristischen Erlebnissen anzeigt und kund¬
gibt. Dieser Begriff des „Wissens“ bedarf freilich selbst
noch einer erkenntnistheoretischen Klärung, für die ich auf
Späteres verweisen muß.
Man hat verschiedentlich behauptet, daß durch die
neueren experimentell-psycholoigschen Untersuchungen über
das Denken, wie sie von Messer, Ach, Bühler u. a. an¬
gestellt worden sind, auch experimentell bewiesen worden
sei, daß es ein Gegebensein ideeller Gegenstände im Sinne
Husserls, daß es die Husserlschen Akte usw. als erfaßbare
Bewußtseinstatsache gebe. Ich muß mich demgegenüber,
außer auf die vorstehenden Ausführungen, auf meine schon
erwähnte Arbeit im 49. Bande der Zeitschr. f. Psychologie
zurückbeziehen. Ich habe von dem dort Gesagten nichts
zurückzunehmen, verweise nur noch auf die inzwischen er¬
schienene entsprechende Kritik Titcheners 1 der Bühler-
schen und Messerschen Versuche. Bühler selbst meint, ich
1 Experimental Psychology of the thougth processes, New York
1909.
5. Phänomenologische Description und naive Beschreibung. 29
hätte meine Ansicht, daß es sich in dem von seinen Versuchs¬
personen beobachteten Erlebnissen eigentlich um gefühls¬
artige Bewußtseinslagen und nicht um unmittelbar erfaßte
intensionale Akte in seinem Sinne gehandelt habe, experi¬
mentell begründen sollen. Aber mein Gedanke, dem ich
vor allem Ausdruck geben wollte, war gerade der, daß bei
solchen Versuchen eine doppelte Einstellung möglich ist:
eine Einstellung auf wirkliche Beschreibung und Analyse
des Gegebenen und eine Einstellung auf den Gegenstand,
den man einfach „kundgibt“, wie ich es dort, „naiv be¬
schreibt“ wie ich es im folgenden Abschnitt nenne. Im letz¬
teren Falle bedarf diese zu Protokoll gegebene naive Be¬
schreibung (die an sich natürlich dadurch nicht wertlos wird),
will man sie im Sinn phänomenologischer Tatsachenfest¬
stellung verwerten, selbst noch der Interpretation durch den
Psychologen, der dabei natürlich letzten Endes seine Selbst¬
beobachtungen zugrunde legen muß. Es schien mir nun
aus den Versuchsresultaten selbst mehr als wahrscheinlich
zu sein, daß die Versuchspersonen Bühlers sich nicht be¬
obachtend, sondern kundgebend oder naiv beschreibend ver¬
halten haben, während die einzigen Versuchspersonen, bei
denen wirklich beobachtet wurde, im wesentlichen die Ver¬
suchspersonen M a r b e s waren, auf die ich mich daher zur
experimentellen Bestätigung meiner Anschauungen mit Recht
berufen kann. Zugleich stimme ich mit Marbe und Dürr darin
überein, daß ein wirklich beobachtendes Verhalten der Ver¬
suchspersonen überhaupt nur möglich ist, wenn der Ver¬
suchsperson lediglich einfache Denkaufgaben gestellt werden.
5. Phänomenologische Deskription und naive
Beschreibung.
Lassen sich alle Termini, die wir sinnvoll gebrauchen,
durch den Hinweis auf gegebene Tatbestände definieren?
Läßt sich der Sinn jedes von mir gebrauchten Wortes restlos
zur Gegebenheit bringen?
Wenn wir dieser, für die Erkenntnistheorie offenbar sehr
wichtigen Frage nähertreten, so stellen wir uns damit zugleich
die ganz allgemeine Aufgabe einer Feststellung, einer In¬
ventarisierung des rein Gegebenen als solchen, die Aufgabe
einer allgemeinen Phänomenologie, das Wort im weitesten
Sinn genommen.
30
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Diese Aufgabe scheint zunächst sehr einfach. Ich
brauche, so scheint es, doch bloß aufzuzählen, zu kon¬
statieren, was in einem bestimmten Moment als unmittelbar
gegeben für mich da ist, vor mir steht — wie ist es bei
einer solchen Aufgabe überhaupt möglich, zu zweifeln, in
einen Irrtum zu verfallen, verschiedener Meinung zu sein?
Und doch stellt sich nun bei näherer Betrachtung die
zunächst überraschende Tatsache heraus, daß kaum irgendwo
größere Gegensätze bestehen, als in rein phänomenologischen,
rein deskriptiven Fragen, in der bloßen Konstatierung des
unmittelbar Gegebenen. Können wir uns allgemeine Gegen¬
stände zur Gegebenheit bringen oder hat der Nominalismus
recht, wenn er behauptet, daß es in keiner Form solche
allgemeinen Gegenstände gäbe, sondern nur — realiter und
phänomenaliter — individuelle Inhalte und gleichlautende
Worte (gleiche bzw. ähnliche Laute), die wir ihnen bei¬
fügen? Gibt es ein körperliches Ding als eigenartigen er¬
faßbaren Gegenstand oder ist das, was wir so nennen, wie
der Idealismus Berkeleys lehrt, nur eine Summe von Wahr¬
nehmungsinhalten? Gibt es Gefühle als selbständige Bewußt¬
seinsinhalte oder ist das, was wir so nennen, nur eine Reihe
von Körperempfindungen? Gibt es „Akte“ des Sehens,
Hörens, Fühlens, Denkens als eigenartige, erleb- und
erfaßbare Inhalte? Jeder, der die Literatur, die Ge¬
schichte dieser doch offenbar rein phänomenologischen
Fragen kennt, weiß, wie scharf sich hier die Anschauungen
gegenüberstehen.
Wie sind solche Gegensätze möglich? Wie können über¬
haupt Fehler in der reinen Deskription des Gegebenen ent¬
stehen, und wie haben wir uns zu verhalten, um diese Fehler
zu vermeiden?
Da doch sicherlich nur eine der streitenden Parteien
recht haben kann (annehmen wollen, daß im Bewußtsein
des einen eben etwas vorhanden ist, das in dem des anderen
fehlt, wäre doch wohl eine etwas zu naive Lösung der Streit¬
fragen), so müssen wir zunächst ganz allgemein annehmen,
daß der Wunsch, die Absicht, die Aufgabe, die ge¬
gebenen Tatbestände festzulegen, in Worten zu bezeichnen
und wiederzugeben irgendwie das Resultat der phänomeno¬
logischen Deskription beeinflussen, es gewissermaßen fälschen
kann.
Genauer liegen hier zwei Möglichkeiten vor.
5. Phänomenologische DcscripÜon und naive Beschreibung. 31
Einmal kann der Wunsch, das Gegebene zu beschreiben,
und die mit diesem Wunsch verbundene, sozusagen theo¬
retische Einstellung gewisse Dinge unserem Blick entrücken,
vielleicht überhaupt zum Verschwinden bringen, oder auch
umgekehrt Tatbestände für unser Bewußtsein in irgend¬
welchem Sinn erst schaffen, entstehen lassen. Man denke
etwa an flüchtige Gefühlserlebnissc, an Affekte, die mit
einer solchen theoretischen Einstellung, mit der Absicht
der Selbstbeobachtung unverträglich sind. Freilich kann
hier innerhalb weiter Grenzen die Erinnerung, eventuell auch
die Phantasie ergänzend eintreten, die dieser Schwierigkeit
nicht unterliegt. Oder ein anderer Fall, der hier heran¬
zuziehen wäre: Die Absicht, das Gegebene zu konstatieren
und aufzuzählen, führt unwillkürlich zu einer Analyse, einer
Zergliederung, also zu der Neigung, das, was uns da ge¬
geben ist, in einzelne, scharf gegeneinander abgegrenzte
Tatbestände zu zerlegen. Aber bedeutet nicht auch diese
Analyse eine Art Fälschung? Erstens: haben wir ein Recht,
das was im Moment der Analyse uns gegeben ist, auch als
schon vorher gegeben zu bezeichnen, als noch der Tat¬
bestand in unanalysierter Form vor uns stand? Man kann
zum mindesten diese Frage stellen. Und auf der anderen
Seite: kann nicht durch diese Analyse manches zerstört
und aufgehoben werden? Das Ganze ist oft mehr als die
Summe der Teile; die Analyse aber neigt dazu, eine Summe
von Teilen an die Stelle eines Ganzen zu setzen. So könnte
auch hier das Resultat sein, daß gerade die Einstellung auf
die reine Beschreibung des Gegebenen hin uns wichtige Be¬
standteile des Gegebenen eskamotierte und anderes an seine
Stelle schöbe. Man sieht leicht, daß hier wirkliche und
keineswegs unbedeutende Schwierigkeiten für die phäno¬
menologische Deskription vorliegen, die zu Differenzen in
den Anschauungen führen können.
Auch in diesem letzterwähnten Falle gewährt indessen
die Herbeiziehung von Erinnerung und Phantasie eine ge¬
wisse Möglichkeit prinzipieller Entscheidung. Wir hören
einen Klang, erst als einheitliches Ganzes, dann, indem wir
uns auf seine Teiltöne oder auf diesen oder jenen einzelnen
dieser Teiltöne einstellen. Dann zeigt uns der Vergleich des
jetzt mit dem früher Gehörten, daß durch unsere Auf-
merksamkeitseinstellung auf die Teiltöne in der Tat etwas
Neues, etwas Anderes entstanden ist, daß wir also nicht
32
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
ohne weiteres sagen dürfen, die Teiltöne seien schon vorher
gegeben gewesen. Anderseits: ich habe ein Gesamterlebnis
gehabt, und nun weist mir die Erinnerung an eben dies
Gesamterlebnis in ihm gewisse charakteristische Teilerleb¬
nisse auf: dann werde ich behaupten dürfen, daß jene Teil¬
erlebnisse damals mitgegeben waren, denn die Er¬
innerung zeigt mir ja eben in dem damaligen Gesamtinhalt
diese Teile als gegeben. Man sieht, worin der Unterschied
beider Fälle liegt: die Erinnerung ist ein Mittel, den
früheren Tatbestand selbst noch einmal, näm¬
lich durch die Vermittlung des Erinnerungsbildes, zu unter¬
suchen, das Ergebnis, das sie liefert, gibt also (die Treue
der Erinnerung vorausgesetzt) die Beschaffenheit des früheren
Tatbestandes selbst. Die hinterher kommende Analyse des
Klanges dagegen vollzieht sich an einem Wahrnehmungs¬
inhalt, der gegenüber dem voraufgehenden (dem unanaly-
sierten Ton) eben einfach ein neuer Wahrnehmungs¬
inhalt ist, nicht die Funktion einer Darstellung jenes vorauf¬
gehenden Inhalts besitzt. Endlich: ich zerlege ein Gesamt¬
erlebnis in der Erinnerung in seine Bestandteile, aber die
Bestandteile, die ich hier einzeln fassen, gewissermaßen iso¬
lieren kann, zeigen zusammengefaßt immer noch etwas
charakteristisch Verschiedenes, einen Mangel gegenüber dem
damaligen Gesamterlebnis: dann werde ich zu dem Ergebnis
kommen, daß jenes Gesamterlebnis eben doch noch einen
besonderen Zug aufweist, der sich aus irgendwelchen
Gründen nicht in der Art zur Abhebung bringen läßt, wie
es bei jenen andern Teilerlebnissen möglich war. Irrtümer,
Unsicherheiten des Urteils werden freilich auch so immer
noch möglich bleiben. —
Dazu aber tritt nun eine zweite Möglichkeit, eine zweite
Irrtumsquelle. Zum Beschreiben des Gegebenen gehört
auch, daß wir das Gegebene mit Worten bezeichnen
und wiedergeben. Es könnte sein, daß diese Wiedergabe
unvermerkt allerhand hinzutut, eine unbeabsichtigte Formung
oder Beurteilung des Gegebenen enthält und so hinterher,
indem sie fälschlich als eine reine Deskription unbesehen
genommen wird, uns etwas als „gegeben“ behaupten läßt,
was es tatsächlich nicht war. M a r t y , der auf diese
Irrtumsquelle neuerdings hingewiesen hat, spricht von
einer Fälschung des deskriptiven Befundes durch die
„innere Sprachform“. Er wirft z. B. der Einfühlungs-
5. Phänomenologische Deskription und naive Beschreibung. 33
theorie vor, daß sie sich durch die innere Sprachform
täuschen lasse, wenn sie allerhand gebräuchliche Rede¬
wendungen, die leblosen Dingen eine Tätigkeit zuschreiben,
so versteht, als ob der Redende hier wirklich Leben,
Seelisches in das Ding hineinfühle l . Oder, um von mir
aus ein Beispiel anzuführen: ich konstatiere das Vorhanden¬
sein eines bestimmten Gefühlserlebnisses in den Worten
„ich fühle Lust“. Diese Worte zerlegen das Erlebnis in drei
Faktoren: die Lust, das Fühlen der Lust und das fühlende
Ich, sie konstatieren scheinbar das Vorhandensein dieser
Dreiheit. Aber der Gedanke ist nicht von der Hand zu
weisen, daß diese Dreiteilung nur der sprachlichen Form zur
Last fällt.
Mir scheint diese Irrtumsquelle, wenn wir sie genauer
betrachten, von nicht zu unterschätzender Bedeutung zu
sein, insbesondere auch im Hinblick auf das, was im vorigen
Paragraphen feslgeslellt wurde. Wir bezeichnen einen vor
uns stehenden Gegenstand ganz unmittelbar in der Absicht,
ihn lediglich zu beschreiben oder zu bezeichnen, mit einem
bestimmten Wort. Darum kann, wie uns die alltägliche
Erfarung lehrt, das von uns gebrauchte Wort noch sehr
wohl bereits eine Beurteilung des Gegenstandes involvieren:
eine Beurteilung in bezug auf seine Herkunft, auf das, was
wir von ihm zu erwarten haben, ohne daß wir uns dieser
Beurteilung bewußt zu werden brauchen. Sie wird als solche
gar nicht von uns vollzogen, sie liegt nur implicite im Sinn
des Wortes, das sich uns instinktiv als die passendste Be¬
zeichnung des fraglichen Dinges darbot. Stände der „Sinn“
des von uns gebrauchten Wortes jedesmal gegeben vor uns,
dann freilich müßten wir uns ohne weiteres darüber klar
sein, wieweit das Wort wirklich den Tatbestand, den wir
fassen wollen, deckt, aber wir wissen bereits: das ist nicht
der Fall. Es bedarf daher einer besonderen Reflexion auf
diesen Sinn, einer besonderen Überlegung, die sozusagen
den Sinn erst mit dem gerade gegebenen Tatbestand kon¬
frontiert, um überhaupt festzuslellen, ob und wieweit das
Wort als Benennung oder Beschreibung des Gegebenen
gelten darf. Wenn mir also z. B. die Frage vorgelegt wird,
was ich in diesem Augenblick „sehe“, d. h. was mir als
1 M a r t y , Untersuchungen zur Grundlegung d. allg. Grammatik
und Sprachphilos. Bd. I, S. 175 ff.
v. Aster, Philosophie.
3
34
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Gesehenes unmittelbar gegeben ist, so werde ich gewiß
zunächst antworten: mein Schreibtisch. Aber damit ist
nur bewiesen, daß mir ein Etwas gegeben ist, das mir auto¬
matisch diese Bezeichnung nahelegt; will ich wissen, ob es
wirklich eine exakte phänomenologische Bestimmung war,
die ich ausgesprochen habe, so muß ich mich w r eiter fragen,
ob nicht implicite in der Behauptung, das was ich hier sehe,
sei mein Schreibtisch, erheblich mehr steckt, als eine bloße
Benennung, ob wirklich der Ausdruck „mein Schreibtisch
hier“ ersetzbar ist seinem Sinn nach durch etwas, das mir
hier gegeben vor Augen steht. Und ich kann auf diesem
Wege eventuell zu dem Ergebnis kommen, daß es eines
sehr viel komplizierteren Ausdrucks bedarf, um wirklich das
hier Gegebene zu benennen. Phänomenologische
Festlegung des Gegebenen und naive Be-
shreibung desselben, so können wir das
kurz zusammenfassen, sind toto coelo
verschiedene Dinge.
6. Das Problem des Allgemeinen.
Nachdem in den vorigen Paragraphen der Begriff der
„Gegebenheit“ umschrieben und zugleich die Bedingungen
festgelegt sind, unter denen wir allein in exaktem Sinn von
dem Gegebensein eines Tatbestandes reden können, wenden
wir uns nun zu der Frage zurück: Läßt sich wirklich „der
Sinn“ aller von uns gebrauchten Worte zur Gegebenheit
bringen, d. h. läßt sich jedem Wort ein gegebener Tat¬
bestand zuordnen, der das betreffende Wort ersetzen, der
als der Tatbestand gelten könnte, dessen Name das Wort ist?
Ich stelle diese Frage gleich mit Rücksicht auf ein
spezielles Problem: das Problem des Allgemeinen.
Korrespondieren den Worten allgemeiner Bedeutung als
solchen erfaßbare Gegenstände, Gegenstände, die wir uns
zur Gegebenheit bringen können? Es ist offenbar der alte
Gegensatz des Begriffs-N ominalismus und Begriffs-
Realismus oder -Konzeptionalismus, auf den
wir hier stoßen. Der Nominalismus jeder Schattierung —
das macht eben sein Wesen aus — behauptet, daß die all¬
gemeinen Begriffe, die allgemeinen Gegenstände Fiktion sind,
Gegenstände, die in keinem Sinn, weder als reale, noch als
ideale, weder als physische, noch als psychische, weder als
6. Das Problem des Allgemeinen.
33
selbständige, noch als Teilgegenstände existieren, Gebilde,
die also auch in keiner Form uns bekannt werden können,
unter keinen Umständen als phänomenale Gegebenheiten
für uns da sein können. Da nun die Frage nach dem Sinn
eines Wortes nur dadurch endgültig beantwortbar ist, daß
wir uns den Tatbestand, dessen Name das Wort ist, eben
zur Gegebenheit bringen, so folgt, daß die allgemeinen Worte
als solche eben überhaupt keinen Sinn haben, daß
sie gar nichts bezeichnen, daß sie leere Worte, d. h.
Laute, „flatus vocis“ sind; jede Redeweise, die ihnen einen
Sinn zuweist, ist eine bloße Fiktion. Die einzige Frage, die
zu beantworten übrig bleibt, ist die: wie eine solche Fiktion
entstehen konnte, wie wir dazu kommen, Worte zu ge¬
brauchen, von denen wir meinen, ihnen entspreche ein be¬
stimmter, faßbarer Gegenstand, die wir so behandeln, a 1 s
o b dies der Fall wäre, während es sich doch in der Tat
nicht so verhält. In der Beantwortung dieser Frage gehen
dann die verschiedenen nominalistischen Theorien — der
mittelalterlichen Nominalisten, eines Berkeley, eines Hume —
auseinander.
Beantwortet man die Frage, ob wir uns auf irgendeinem
Wege allgemeine Gegenstände als solche zur Gegebenheit
bringen können, verneinend, so steht man eo ipso
auf dem Boden des Nominalismus. Auf der andern Seite
müssen alle konzeptionalistisch-realistischen Lösungen des
Problems — von Plato bis zu den modernen Gegenstands¬
theoretikern — wieweit sie sich auch voneinander entfernen
mögen, darin übereinstimmen, daß die allgemeinen Begriffe
oder Gegenstände in irgendeiner Form existieren, und für
uns, von uns erfaßbar, als phänomenale Gegebenheiten
existieren. In der Frage, wie wir diese Existenz und wie
wir dies Erfassen näher zu bestimmen haben, gehen nun
wieder die verschiedenen konzeptionalistischen Anschauungen
auseinander. Wir können hier in der Hauptsache vier typisch
verschiedene Auffassungen unterscheiden, die wir als die¬
jenige Platos, Aristoteles’, Lockes und der modernen Gegen¬
standstheoretiker (Husserl und Meinong, die unabhängig
voneinander zu offenbar sehr verwandten Theorien ge¬
kommen sind) bezeichnen.
Die Entdeckung des „Begriffes“, und das heißt in diesem
Fall: des Allgemeinen im Gegensatz zum Individuum ist
bekanntlich die Leistung Sokrates’, von dem sie Plato über-
36
Erstes Kapitei. Phänomenologische Grundlegung.
nimmt. Welchen Wert Plato ihr beimißt, wie sehr der Be¬
griff des Begriffs im Mittelpunkt seiner Philosophie
steht, ist bekannt. Wenn im „Protagoros“ über die Tugend,
im „Theätet“ über die Erkenntnis gesprochen werden soll,
so ist jedesmal das erste, das festgelegt wird: es handle
sich nicht um eine Aufzählung der einzelnen Tugenden,
Erkenntnisse oder Erkenntnisarten, sondern um eine Be¬
stimmung „d e r“ Tugend und „d e r“ Erkenntnis, nicht
um eine Angabe jenes Vielerlei von Gegenständen,
die wir als Tugenden und Erkenntnisse bezeichnen, sondern
um ein Erkennen des einen Gebildes, zu dem wir sie
durch diese Bezeichnung logisch in Beziehung setzen. Damit
ist zunächst dies beides scharf geschieden: die Summe, die
Vielheit, die Mannigfaltigkeit der Individuen und das ihnen
gegenüberstehende einheitliche Allgemeine, unter das wir
sie befassen. Platonisch gesprochen: an dem sie teilhaben —
„der “Mensch und die unbestimmt vielen einander ähnlichen
und auch voneinander verschiedenen einzelnen Menschen *.
Der Grund, aus dem Plato auf die Unterscheidung des
Allgemeinen vom Individuum einen so besonderen Wert
legt, der Grund, aus dem er überall auf die Wesensbestimmung
allgemeiner, nicht individueller Gebilde ausgeht, liegt
offenbar darin, daß ihm zuerst, vielleicht unter Nachwirkung
Sokratischer Gedanken, der Zusammenhang wissenschaft¬
licher Einsicht, einsichtigen Begreifens, evidenter Wahr¬
heitserkenntnis auf der einen Seite und allgemeiner
Erkenntnis auf der andern Seite aufgegangen ist; jener
Zusammenhang, den Kant bezeichnet, indem er „Allgemein-
1 Natürlich kann man, muß man im gewissen Sinne allgemeine
Begriffe und allgemeine Gegenstände scheiden. Unter
einem „Begriff“ wird man sprachgebräuchlich meist etwas verstehen,
das nur mentale Existenz besitzt, ein Produkt des Verstandes, und wird
dann evtl, die Frage stellen, ob das Allgemeine nur als „Begriff“
oder auch als (extramentaler, realer oder idealer) „Gegenstand“
existiere. Man kann aber beide Worte in ihrer Bedeutung auch
weiter und unbestimmter nehmen: das Wort „Gegenstand“ gleich¬
bedeutend mit „Etwas“ überhaupt nehmen, wie es vorhin schon
angedeutet wurde, und unter dem „Begriff" ganz allgemein die
Bedeutung eines Wortes als solche, das in einem Wort Gemeinte
verstehen. Dann kann man, wie das im Text geschehen ist, „all¬
gemeiner Begriff“ und „allgemeiner Gegenstand" zunächst pro-
miscue gebrauchen. Ich komme später auf den Unterschied zurück.
6. Das Problem des Allgemeinen.
37
heit“ und „Notwendigkeit“ in der Erkenntnis Wechselbegriffe
nennt. Indem wir uns über das Resultat, das uns die tat¬
sächliche Ausmessung der Winkelsumme eines einzelnen
Dreiecks liefert, zu der Erkenntnis erheben, daß es d e m
Dreieck überhaupt wesentlich ist, die Winkelsumme 2 R
zu haben, erheben wir uns von der bloßen Tatsachen¬
konstatierung, wie sie der Feldmesser etwa übt, zu der
wissenschaftlichen Einsicht des Mathematikers. Und diese
Erkenntnis, daß die wissenschaftliche Wahrheitserkenntnis
es stets mit dem Allgemeinen zu tun hat (die er offensicht¬
lich zuerst an der Mathematik eingesehen hat) wird für Plato
dann dadurch besonders wichtig, daß sie ihm den Weg bahnt,
um seinen Hauptgegner, die Skepsis der Sophisten, nieder¬
zuwerfen. Die schrankenlose sophistische Skepsis gipfelte in
dem Satz, daß es keine für alle Menschen gültige Wahrheit
gäbe. Wir tauchen beide Hände in dasselbe Wasser, und
der einen Hand erscheint es kalt, der andern warm — wie
es hier keinen Sinn hätte, wenn die Hände sich streiten
wollten, welche von ihnen recht hat, so hat es auch keinen
Sinn, wenn zwei Menschen bezüglich ihrer Gedanken sich
streiten, wer von ihnen Wahrheit, wer Falsches vorstellt;
für einen jeden ist eben sein Gedanke wahr. Es gibt
kein Überzeugen, Beweisen oder Widerlegen, sondern nur
ein Überreden, d. h. der Versuch, durch die Kunst der
Rede (wie sie die Sophisten zu lehren Vorhaben) dem andern
die eigne Vorstellung an Stelle der seinen aufzusuggerieren.
Plato sucht diese Skepsis zu widerlegen, indem er das Richtige,
das in den Argumenten und Beispielen der Sophisten liegt,
aufnimmt und von den falschen Folgerungen scheidet:
Überall da, wo es sich nur um einzelne individuelle Gebilde
handelt, gibt es allerdings keine allgemeingültige Wahrheit,
gibt es kein Erkennen, sondern nur ein Vorstellen, ein Meinen,
denn das Einzelne ist ein Entstehendes und Vergehendes, ein
beständig sich Veränderndes, ein je nach der Betrachtungs¬
weise Verschiedenes, wie auch die Beispiele der Sophisten
zeigen — wie kann von einem Etwas, das niemals in strenger
Identität erfaßbar ist, etwas gelten, ewig und für jedermann
gelten, wie es der Gedanke der Wahrheit erfordert? So weit
haben die Sophisten recht, aber den einzelnen und indi¬
viduellen Gegenständen stehen nun die allgemeinen Begriffe
gegenüber, die nicht entstehen und vergehen, die ihrem
Wesen nach der Veränderung entrückt sind, deren jeder
38
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
der Mannigfaltigkeit der sich verändernden Individuen als
das Eine sich Gleichbleibende gegenübersteht. Der einzelne
Mensch ist erst Kind, dann Jüngling, dann Mann und Greis;
wir können ihm also keine dieser Bestimmungen als wirklich
geltend beilegen, er ist in einer Hinsicht Sohn, in andrer
zugleich Vater, es gelten also widersprechende Bestimmungen
für ihn. Dagegen kann der Begriff des Kindes nie zum Begriff
des Greises werden, dagegen stehen die Begriffe „Vater“
und „Sohn“ stets in festem Verhältnis zueinander. Das
einzelne Ding kann aus einem zu zwei, drei und mehr werden:
ich brauche es nur zu zerbrechen, ja es i s t zugleich eines
und eine Vielheit, denn es schließt Teile in sich; dagegen
kann die Zahl 1 nie zur Zahl 2 werden, sondern zwischen
beiden besteht unabänderlich eine bestimmte mathematische
Beziehung. Darum gibt es nun in bezug auf die allgemeinen
Begriffe das, was es in bezug auf die individuellen Dinge
nicht gibt, streng gültige Wahrheit und Erkenntnis. Diese
Erkenntnis bezieht sich eben auf die unveränderlichen Be¬
ziehungen, die zwischen den Begriffen bestehen, auf die
systematische Ordnung des Begriffssystems. Freilich mittel¬
bar überträgt sich auch auf die Individuen, was für die Be¬
griffe gilt, soweit die Individuen an den Begriffen teilhaben,
sofern sie unter die Begriffe fallen, gilt auch für sie das,
was für die Begriffe gilt: sofern der Mensch Kind ist,
ist er nicht Greis, sofern das Ding eines ist, ist es nicht
eine Mehrheit usf.
Der Weg zu der von den Sophisten geleugneten Wahr¬
heitserkenntnis ist der Weg zu den allgemeinen Begriffen.
Die allgemeinen Begriffe aber bilden eine in sich zusammen¬
hängende Welt eigner, für sich bestehender, d. h. nicht in
den individuellen Dingen, sondern getrennt von ihnen und
nur in logischer Beziehung zu ihnen stehender ewiger und
unveränderlicher Gegenstände. Wie nun erfassen wir diese
Gegenstände? Es ist nicht gut zu verkennen, daß, indem
Plato dieser Frage nähertritt, die „Ideen“ sich in ihrer
Existenzweise stark den individuellen Dingen zu nähern
beginnen. Wir „sehen“ den Menschen nicht, wie wir die
einzelnen Menschen sehen, aber wir erfassen ihn denkend
angesichts des einzelnen Menschen. Dies Erfassen aber wird
nun bezeichnet als ein Erinnern: der Anblick des einzelnen
Menschen ruft in mir die Erinnerung an die Idee des Menschen
wach. Erinnern aber können wir uns nur an das, was wir
6. Das Problem des Allgemeinen.
39
früher gesehen, geschaut haben, so müssen wir also in einer
Präexistenz in der Welt der Ideen so gelebt und diese Welt
so geschaut haben, wie wir jetzt in der Welt der körper¬
lichen Dinge leben.
Wir haben, so sagte ich eben schon, den unmittelbaren
Eindruck, daß mit dieser Wendung ins Metaphysische in
gewisser Weise gerade der Charakter des Logisch-Allgemeinen
der Ideen zerstört wird, daß sie selbst zu etwas Individuellem
werden. Der Grund ist leicht einzusehen. Alles, was zu einer
bestimmten Zeit existiert, das „hic et nunc“ ist eben damit
zugleich ein Individuelles. Wir können ihm einen allgemeinen
Begriff zuordnen, in den wir alle qualitativen Bestimmt¬
heiten dieses Individuums in Gedanken aufnehmen können
und wenn wir uns den gleichen einen Gegenstand, was wir
ja jederzeit können, als noch zu einer andern Zeit existierend
vorstellen, so stellen diese zwei Gegenstände zwei Ver¬
körperungen desselben Begriffes vor. Das Allgemeine muß
also als etwas gedacht werden, das seinem Wesen
nach weder jetzt, noch zu irgendeiner andern Zeit existiert;
sobald wir von etwas reden, das in dieser Weise an einen
Zeitpunkt geheftet ist, sind wir bereits beim Individuum.
Das Allgemeine muß demnach als zeitlos gedacht werden —
aus dieser Zeitlosigkeit aber macht die metaphysische Ideen¬
lehre Platos eine ewige Existenz im Sinn des Immerwähren¬
den. Was aber immer da ist, existiert auch zu einer be¬
stimmten Zeit. So wird das Allgemeine aus einem zeitlos
idealen zu einem zeitlich, realen und damit zu einem indi¬
viduellen Gebilde. Der letzte Grund dafür aber liegt auf
der Hand: Die Ideen müssen erfaßbare Gegenstände sein,
aber dies Erfassen kann sich Plato eben nur nach Analogie
der Wahrnehmung individueller Dinge vorstellen *.
Indem nun „das“ Rot zu einer Art Individuum neben
dem einzelnen Rot, „der“ Mensch zu einer Art wirkliches
Wesen neben dem einzelnen Menschen wurde, entstanden
die bekannten Schwierigkeiten, auf die Aristoteles in seiner
1 So geistvoll und konsequent durchgeführt Natorps Versuch
ist, alle jene platonischen Termini, die die Welt der Ideen zu einem
metaphysischen Jenseits machen, als bloße Bilder zu deuten, so
kommen doch m. M. n. Punkte, an denen eine solche Deutung
dem Wortlaut und Gedankengang Platos Gewalt antut. Sollte wirk¬
lich der ganze Unsterblichkeitsbeweis im Phädon auf eine Allegorie
hinauslaufen ?
40
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Kritik hinweist. Dazu kamen die besonderen Unzuträglich¬
keiten, die aus der metaphysischen Wendung der Dinge bei
Plato sich ergaben, daraus, daß die Ideen nicht nur eine Welt
neben der der Individuen, sondern schließlich Oie allein
wirkliche und wahre Welt ausmachen sollten, zugleich der
eigentliche Gegenstand der Erkenntnis. Freilich sollten die
Dinge an den Ideen teilhaben — aber was sollte unter diesem
„Teilhaben“ verstanden sein? So werden wir von Plato zu
der Aristotelischen Lösung des Problems des Allgemeinen
hinübergeführt.
Aristoteles nimmt zunächst Anstoß an dem meta¬
physischen Jenseits der Ideenwelt, das ihm als eine über¬
flüssige Verdopplung der Wirklichkeit erscheint. So ver¬
legt er das Allgemeine in die individuellen Dinge hinein.
„Der“ Mensch existiert nicht als ein besonderes Wesen
außerhalb des einzelnen Menschen. Aber an jedem einzelnen
Menschen können wir zweierlei unterscheiden: die rein indi¬
viduellen Eigentümlichkeiten, die ihn von andern Menschen
unterscheiden, und die allgemein menschlichen Züge, die
er mit den andern gemein hat und die ihn eben zum
Menschen machen. Der Inbegriff dieser allen Menschen
gemeinsamen Züge in jedem menschlichen Individuum ist
der Mensch, d. h. das allgemein Menschliche, die „Mensch¬
heit“ im allgemein abstrakten Sinne. Im Anschluß an
Plato erhält dann freilich dieser Gedanke bei Aristoteles
noch eine besondere Wendung. Nur in bezug auf das
Allgemein-Begriffliche, hatte Plato gelehrt, gibt es eine
wissenschaftliche Einsicht, gibt es Notwendigkeitszusammen¬
hänge, gibt es streng gültige Wahrheit, das rein Individuelle
ist demgegenüber das nur Zufällige, wissenschaftlich nicht
Bestimmbare. Damit wird dann weiter die Welt der Ideen
zum eigentlich Wirklichen, die Welt des Individuellen zum
bloßen Schein. Diese Vorzugsstellung des Allgemeinen für
die wissenschaftliche Wahrheitserkenntnis (wie auch die
darauf sich gründende Widerlegung der Sophistik) behält
Aristoteles bei und dadurch auch die darauf sich gründenden
Konsequenzen. Damit wird das Allgemeine im Individuum
zugleich zum eigentlich wirklichen Wesenskern desselben,
um das sich, wie eine äußerliche Schale, die „zufälligen“,
rein individuellen Bestimmungen legen. Der einzelne Mensch
ist in erster Linie Mensch — damit ist sein innerstes
Wesen ausgedrückt, zu dem dann nur als eine Wirklichkeit
6. Das Problem des Allgemeinen.
41
zweiter Ordnung die individuellen Eigentümlichkeiten treten.
Damit glaubt Aristoteles die Platonische Lehre verbessert
und zugleich das eigentlich Richtige in ihr erhalten zu
haben. Die allgemeinen Gegenstände werden nicht zu einer
besonderen metaphysischen Wirklichkeit außerhalb der indi¬
viduellen Dinge, und die individuellen Dinge werden nicht
zu einer bloßen Scheinwelt herabgedrückt, sondern sie
bleiben die einzige Wirklichkeit. Andrerseits bleibt doch,
wie Plato gelehrt hat, das Allgemeine der alleinige Gegen¬
stände wahrer Erkenntnis und damit das eigentlich Wirk¬
liche: denn wir müssen im Individuum zwischen dem wahren
Wesen und den zufälligen Anhängseln unterscheiden, und
dieser Unterschied fällt mit dem des allgemeinen Begriffs
und der individuellen Eigentümlichkeiten zusammen. Schlie߬
lich ist an die Stelle jenes unbestimmbaren „Teilhabens“ der
Dinge an den Ideen, wie es den Anschein hat, eine klarere
Vorstellung von dem Verhältnis von Individuum und all¬
gemeinem Begriff getreten, indem eben das Allgemeine zu
einem (abstrakten) Teil des Individuums, zu dem in ver¬
schiedenen Individuen identisch wiederkehrenden Teil ge¬
worden ist.
Die allgemeinen Gegenstände sind also für Aristoteles
ein direkt Erfaßbares, so erfaßbar wie die Individuen, denn
sie sind ja i n ihnen durch Abstraktion von den rein indivi¬
duellen Bestandteilen erfaßbar.
Ist nun diese Lehre haltbar und verbessert sie wirklich
die Schwierigkeiten der Platonischen Auffassung? So nahe¬
liegend sie scheint, zeigt die genauere Betrachtung doch bald,
daß dies nicht der Fall ist. Wenn das Allgemeine in irgend¬
einem Sinn existieren soll, so muß es, das hatte Plato mit
Recht betont, ein Einheitliches und Identisches sein gegen¬
über der unbestimmten Vielheit der Individuen. „Der“
Mensch ist eines im Unterschied zu den vielen
einzelnen Menschen usw\ Und während alles Individuelle
ein zeitlich und eventuell örtlich Bestimmtes ist, jeder
einzelne Mensch zu einer bestimmten Zeit und an einem
bestimmten Ort sich befindet, ist „der“ Mensch etwas
Zeitloses, kein „hic“ et „nunc“. Nun habe ich zwei
Menschen vor mir, ich abstrahiere von ihren individuellen
Zügen, ich fasse nur das Gemeinsame an ihnen ins Auge —
wird dadurch aus diesen zwei Menschen ein einheitliches,
identisches Gebilde? Man darf sich hier durch den
42
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Ausdruck: „wir achten auf das Gemeinsame“ nicht
irreführen lassen, denn dies „Gemeinsame“ ist nicht ein
Identisches, sondern ein Gleiches, gleiche Züge
finden sich im einen und andern, und auf sie achte ich, aber
Gleichheit ist nicht Identität, sondern setzt im Gegenteil
eine Zweiheit voraus. Ich betrachte zwei blaue Farben in
bezug auf das, was in ihnen gleich ist; diese gleichen ab¬
strakten Momente aber werden zu etwas Identischem nur
insofern, als sie „dasselbe blau“ sind, d. h. als sie derselben
Gattung angehören. Von Identität also ist nicht schon auf
Grund der Abstraktion, sondern erst dann die Rede, wenn
die beiden gleichen Gebilde unter einen allgemeinen
Begriff gefaßt werden, also ist das abstrahierend Heraus¬
gehobene als solches eben — noch nicht das Allgemeine,
wenn auch zugegeben ist, daß das abstrahierende Heraus¬
heben der gleichen Momente in einer gewissen Beziehung
zu der Befassung der betreffenden Individuen unter den¬
selben Begriff steht, daß wir, genauer gesprochen, ver¬
schiedene Individuen einem und demselben allgemeinen
Begriff nur da unterordnen, wo wir dergleichen gleiche
Bestandteile finden K Es sei noch besonders betont, daß,
auch wenn wir von der raum-zeitlichen Stellung eines
Gegenstandes absehen, nichL etwa aus dem individuellen
ein allgemeiner Gegenstand wird. Wenn ich bei einem
Ding davon absehe, daß es gerade hier und jetzt existiert,
wenn ich auf seine raum-zeitliche Bestimmtheit nicht achte,
so heißt das: ich sehe von der bestimmten Raum- und
Zeitstelle ab, an der es sich befindet, ich kann es in Ge¬
danken an jede beliebige andere Stelle versetzen, ich kann
seine Raum- und Zcitstelle ganz unbestimmt lassen
— aber das heißt nicht: es wird zu einem zeitlosen
Gebilde, zu einem Gebilde, das seinem Wesen nach nicht
zu einer bestimmten Zeit existiert, dessen Existenz mit der
wirklichen Zeit und dem wirklichen Raume nichts zu tun
hat, wie dies für „den“ Menschen, für „das“ Dreieck, „die“
Zahl „3“ usf. zutriffl, kurz für jeden allgemeinen Begriff 1 2 .
1 Vgl. hierzu H u s s e r 1, Log. Untersuchungen Bd. II S. 153 f.
— Ich übe mit Obigem zugleich Kritik an meinen eigenen früheren
Ausführungen in meinen „Untersuchungen über den log. Gehalt
des Kausalgesetzes“ Lpz. 1905.
2 Marty scheint allerdings (Grundlegung d. allg. Grammatik
u. Sprachphilos. I S. 328) der Meinung zu sein, man könne die
6. Das Problem des Allgemeinen. 43
So ergibt sich als Resultat: entweder die Rede von eine in
identischen allgemeinen Gegenstand, „dem“ Menschen, „der“
Farbe usw. ist eine bloß fiktive Rede: dann stehen wir
beim Nominalismus. Oder es gibt ein solches Gebilde, dann
müssen wir insofern von Aristoteles zu Plato zurückkehren,
als wir dies Gebilde nicht i m Individuum, sondern außer¬
halb desselben, wenn auch nicht als real existierendes Ding
suchen müssen.
Und nun die andere Seite der Aristotelischen Theorie.
Aristoteles will die metaphysischen Bestandteile der Plato¬
nischen Lehre ausmerzen, aber ist ihm das wirklich ge¬
lungen ? Die metaphysische Wirklichkeit des Allgemeinen
bleibt im Grunde doch dieselbe, wenn auch das Allgemeine
in das Individuum hineinverlegt wird. Vor allem: wenn
das Allgemein-Begriffliche das Wesen der Dinge sein soll,
so ist damit gesagt, daß es für jeden individuellen Gegen¬
stand nur einen allgemeinen Begriff gibt, unter den er
gehört und den zu finden unsere Aufgabe ist. Nun drängt
sich uns demgegenüber doch die Überzeugung auf, daß die
Begriffsbildung innerhalb gewisser Grenzen doch eine Sache
unserer Willkür ist, daß wir zwei Gegenstände, wofern
sie gewisse Züge gemeinsam haben, auch immer unter den¬
selben Begriff befassen, daß wir demnach einen Gegenstand
beliebig vielen Begriffen zuweisen können. Dieser Seite der
allgemeinen Begriffe wird offenbar weder die von Ewigkeit
her unveränderlich bestehende Platonische Ideenwelt, noch
die Aristotelische Vorstellung des ebenfalls unveränderlich
sich gleichbleibenden begrifflichen Wesens in jedem einzelnen
Ding gerecht. Damit werden wir zu Locke hinüber¬
geführt.
Locke geht davon aus, daß uns zunächst das, was uns
die Wahrnehmung bietet, allein gegeben ist, und alles Wahr¬
genommene als solches ist individuell. Aus den Wahr-
Begriffe als etwas fassen, das zeitlich, aber nicht zu bestimmter Zeit
existiert. Indessen: was zu unbestimmter Zeit existiert,
existiert „entweder“ jetzt „oder“ zu anderer Zeit, kann „sowohl“
jetzt „wie“ zu anderer Zeit existieren. Das dürfen wir offensichtlich
von „dem“ Menschen nicht sagen, sondern nur von „einem be¬
liebigen Menschen“, d. h. von einem beliebigen Individuum, das
unter den Begriff „Mensch“ fällt. „Der“ Mensch dagegen, der all¬
gemeine Begriff Mensch existiert „weder“ jetzt, „noch“ zu anderer
Zeit.
44
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
nehmungen aber schafft der Geist neue Gebilde, indem er
sie einerseits in Teile zerlegt und andererseits zu neuen
Ganzen kombiniert. So entstehen auch die allgemeinen
Vorstellungen. Wir haben Dreiecke verschiedenster Form
gesehen, und nun vereinigen wir das Gesehene und Er¬
innerte zu der einen Vorstellung des Dreiecks über¬
haupt, des „Dreiecks im allgemeinen“. Dieses Dreieck im
allgemeinen ist nicht etwas metaphysisch Wirkliches jen¬
seits, noch etwas physisch Wirkliches i n der wahr¬
genommenen Welt, sondern es ist etwas durch uns Ge¬
schaffenes, das daher auch nur als unsere Vorstellung
existiert.
Daß Locke damit das Metaphysische aus der Platonischen
und Aristotelischen Doktrin abgestoßen hat, ist klar. Aber
ebenso klar ist, daß sich gegen die Gemeinbilder, die die
Phantasie seiner Meinung nach schaffen soll und durch die
er das Problem des Allgemeinen lösen will, schließlich die¬
selben Einwände erheben lassen, wie gegen Platos Ideen und
gegen Aristoteles’ abstrakte Gegenstände: sie sind ganz
offenbar zeitliche Gebilde, sogar entstehend und vergehend,
und damit individuelle Gegenstände. Nur keine physischen,
sondern psychische. Dazu kommen die bekannten Un¬
zuträglichkeiten, die aus der notwendigen Vereinigung
widerstreitender Elemente in jenen Gemeinbildern sich er¬
geben und auf die dann Berkeley seine scharfe Kritik der
Lockeschen Lehre gründet.
Soll dem Wort allgemeiner Bedeutung wirklich ein
erfaßbarer Gegenstand entsprechen, so kann dieser Gegen¬
stand nicht als ein abstrakter Teil der individuellen Gegen¬
stände, noch als ein aus ihnen gebildetes, schließlich auch
individuelles Phantasiebild, sondern er kann nur als ein
Gegenstand eigner Art, zeitloser Natur gedacht werden,
der — insoweit müssen wir zu Plato zurückkehren — jen¬
seits alles physisch und psychisch Wirklichen steht. Wir
müssen diesen Gegenstand erfassen, freilich mit Hilfe der
Wahrnehmung individueller Gegenstände, nur nicht in der
Form einer bloßen assoziativ ausgelösten Erinnerung, nicht
in der Form abstrahierender Heraushebung und nicht in
der Form phantasierender Zusammenfassung, sondern eben
in einer eignen Form, in einem besonderen „Akt“ der
Generalisation. Damit sind wir nun bei der Position der
modernen Gegenstandstheoretiker angelangt, die sich, fast
6. Das Problem des Allgemeinen.
45
möchte man sagen von selbst, als Ergebnis der Kritik der
Platonischen, Aristotelischen und Lockeschen Lehre heraus¬
stellt.
Ich zitiere als Beispiel Husserl. „Indem wir das Rot
in specie meinen, erscheint mir ein roter Gegenstand, und
in diesem Sinn blicken wir auf ihn (den wir doch nicht
meinen) hin. Zugleich tritt an ihm das Rotmoment hervor,
und insofern können wir auch hier wieder sagen, wir blickten
darauf hin. Aber auch dieses Moment, diesen individuell
bestimmten Einzelzug an dem Gegenstand, meinen wir nicht,
wie wir es z. B. tun, wenn wir die phänomenologische Be¬
merkung aussprechen, die Rotmomente der disjunkten
Flächenteile seien ebenfalls disjunkt. Während der rote
Gegenstand und an ihm das gehobene Rotmoment er¬
scheint, meinen w r ir vielmehr das eine identische Rot, und
wir meinen es in einer neuartigen Bewußtseins weise,
durch die uns eben die Spezies statt des Individuellen
gegenständlich wird.“ (Log. Unters. II, S. 106 f.) Wir
„meinen“ das eine identische Rot, das heißt natürlich nicht
nur: wie meinen es etwa in Worten, sondern wir erfassen
es, wie das ja auch der Ausdruck: „es wird uns statt des
Individuellen gegenständlich“ offenbar besagen soll.
Ich glaube nicht, daß diese Theorie Husserls in der Weise
angreifbar und widerlegbar ist, wie diejenige eines Aristoteles
und Locke. Sie sieht sich nicht gezwungen, einem allgemeinen
Gegenstand Eigenschaften, die ihn doch wieder zu einem
individuellen machen, zuzusprechen.
Die Widerlegung Martys (Grundlegung d. allg. Grammatik
u. Sprachphilos. Bd. I, S. 337 ff.) kann ich nicht als stich¬
haltig anerkennen. Sie geht gerade von der Verwechslung
aus, die Husserl bekämpfen will, von der Aristotelischen
Verwechslung des abstrakten und individuellen Teilinhalts
und des Allgemeinen (des „Rotmoments“ und „der Röte
in specie“). Auf die Frage, ob „die“ Farbe nur einmal
oder auch wieder in „dem“ Blau und „dem“ Rot existiere,
was zu den bekannten Unzuträglichkeiten führen würde, ist
zu erwidern, daß „die“ Farbe als identischer Gegenstand
nur einmal, im Blau und Rot aber das abstrakte Farb-
moment existiert, das sich zu „der“ Farbe als Spezies ver¬
hält, wie das Rotmoment in dem jetzt von mir gesehenen
Rot zu „dem“ Rot als Spezies. Die Behauptung aber, die
Existenz wahrer Gattungen „in abstracto“ und „f ü r
46
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
sich“ involviere einen Widerspruch, beruht auf einer nicht
klaren Ausdrucksweise. Ein Widerspruch wäre es, wenn
man von einem in concreto existierenden ab¬
strakten Teilgegenstand eines Individuums und ebenso
wenn man von einer Gattung reden wollte, die nicht
Gattung von etwas ist, also sich nicht in der eigen¬
tümlichen Beziehung zu Individuellem befindet, die dies
Individuelle unter die Gattung befassen läßt; einen weiteren
Widerspruch finde ich nicht. Was endlich die Frage anlangt,
ob die Röte in specie in demselben Sinn Röte genannt werde,
wie die Röte der vor mir stehenden individuellen roten Farbe,
so ist darauf zu sagen, daß bei Husserl das Wort „Röte“
hier jedesmal dasselbe bezeichnet, nämlich die Röte in
specie, daß aber der Ausdruck: dies Betreffende „sei“ Röte,
jedesmal einen verschiedenen Sinn hat: auf das abstrakte
Rotmoment der Farbe vor mir angewandt, besagt er, dies
Moment stehe zur Röte an sich in der logischen Beziehung
des Individuums zur Gattung; auf die Gattung angewandt,
besagt er, sie heiße Röte.
So können wir diese Theorie als die einzig mögliche
Theoriedes Allgemeinen bezeichnen, wenn wir auf der Voraus¬
setzung beharren, daß den Worten allgemeiner Bedeutung
erfaßbare Gegenstände entsprechen, daß also die Frage
nach dem Sinn solcher Worte überhaupt mit Sinn gestellt
werden kann. Sie bleibt also die einzig mögliche Theorie,
wenn wir uns nicht auf den Boden des
Nominalismus stellen.
Trotzdem hat nun diese Theorie, wenn wir sie mit der¬
jenigen eines Aristoteles und Locke vergleichen, unzweifel¬
haft etwas Unbefriedigendes. Aristoteles und Locke ver¬
suchen, uns in gewisser Weise das Allgemeine und den Weg,
auf dem wir zu ihm vom Individuellen aus gelangen, ver¬
ständlich zu machen. Sie tun das, indem sie auf den uns
auch sonst bekannten Vorgang der Abstraktion oder auf
die uns auch sonst bekannte zusammensetzende Funktion
der Phantasie rekurrieren, das Allgemeine auf solche Dinge
zurückzuführen suchen. Dagegen verzichtet Husserl auf
jede solche Zurückführung, wir erfahren nur von dem
eigentümlichen Akt der Generalisation und der eigentüm¬
lichen Natur der zeitlosen idealen Gegenstände. Jede nähere
Beschreibung, jede Bestimmung des Wesens dieser Dinge
wird als unmöglich abgewiesen, es wird im Grunde nur
G. Das Problem des Allgemeinen. 47
gesagt, was sie nicht sind (nicht-real, zeitlos). Darin liegt
die Stärke, die Unwiderlegbarkeit, aber auch die offenbare
Schwäche der Husserlschen Position. Diese Schwäche wird
besonders deutlich, w r enn wir weiter berücksichtigen, daß
wir auch über das Verhältnis des Allgemeinen zum Indivi¬
duum keine rechte Auskunft erhalten. Man kann es in
verschiedenen Worten bezeichnen: Das Allgemeine umfaßt,
es enthält auch wieder das Individuum, es ist als Gattung
sicher vom Individuum verschieden, befaßt es aber doch
wieder in sich. Aristoteles und Locke versuchten, sich von
diesem Verhältnis Rechenschaft zu geben; Aristoteles, indem
er das Allgemeine als den abstrakten Teil beschrieb, den die
verschiedenen Individuen gemeinsam haben, der sich in
ihnen wiederholt; Locke, indem er die allgemeine Vor¬
stellung als ein Phantasieprodukt betrachtete, das durch
Verarbeitung der verschiedenen individuellen Gebilde ent¬
steht. Diese Bestimmungen leisteten nicht, was sie leisten
sollten, aber sie waren doch Versuche nach dieser Richtung,
während wir bei Husserl wieder nur auf ein Letztes und
Unbeschreibbares stoßen, wie den „Akt der Generalisation“
und die „idealen Gegenstände“. Wir empfinden hier im
Grunde dieselbe Unbefriedigung, die wir dem platonischen
„Teilhaben“ gegenüber haben. Wir stoßen, wo wir eine
Beschreibung, ein Verständlichmachen erwarten, entweder
auf bloße Worte, die uns nichts Neues sagen (Generalisation)
oder auf vage Analogien, wie das Teilhaben. Und schlie߬
lich vielleicht das Wichtigste. Stellen wir Sätze auf über
„das“ Dreieck, das Dreieck im allgemeinen, so gelten diese
Sätze eo ipso auch für das einzelne, und zwar für jedes
einzelne Dreieck, für alle Dreiecke. Bei Aristoteles und
ebenso bei Locke wird dieser Zusammenhang verständlich:
Was für das Dreieck gilt, gilt auch vom einzelnen Dreieck,
denn das Dreieck ist ja im einzelnen enthalten und es gilt
für alle einzelnen Dreiecke, denn es ist ja das in allen gleich¬
mäßig Wiederkehrende. Und ähnlich kann Locke sagen:
Die einzelnen Dreiecke stecken in der allgemeinen Dreiecks¬
idee darin, also sind sie mit beurteilt, indem das allgemeine
Dreieck beurteilt wird. Dagegen kann Husserl diesen Zu¬
sammenhang wiederum nicht weiter verständlich machen.
Das Dreieck ist ein vom einzelnen Dreieck verschiedener
Gegenstand, wenn auch in ihm fundiert und in eigenartiger
logischer Beziehung zu ihm stehend. Vermöge dieser Be-
48
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Ziehung gilt „evidentermaßen“ vom letzteren, was im Wesen
des ersteren gründet. Eine Frage nach einem weiteren
Warum bleibt unbeantwortbar.
Freilich beruft sich Husserl nun für alle seine Be¬
stimmungen auf die unmittelbare phänomenologische Ana¬
lyse. Was eine rote Farbe ist, läßt sich auch nicht weiter
beschreiben, sondern nur in der Anschauung erfassen, zur
Gegebenheit bringen. So auch der Akt der Generalisation
und die zeitlose ideale Natur der allgemeinen Gegenstände.
Wer auf eine rote Farbe hinblickt und sie dabei speziell
als Repräsentantin des Spezies rot ins Auge faßt, denkt,
beachtet, der hat den betreffenden allgemeinen Gegenstand
so direkt bekannt vor sich, der erfaßt auch den Unterschied
von allgemeinen und individuellen Gegenständen so un¬
mittelbar, wie wir im Vergleich den Unterschied einer roten
und blauen Farbe erfassen. Und indem wir die Beziehung
von Spezies und Individuum in dieser Weise uns zur Ge¬
gebenheit bringen, bringen wir uns den Satz zur Evidenz,
daß, was für diese Gegenstände in specie, auch für ihn
in concreto gelten müsse.
Logisch ist diese Argumentation nicht angreifbar. Aber:
Spricht hier die phänomenologische Deskription wirklich so
unzweideutig, wie Husserl meint? Angesichts des Bestehens
der Aristotelischen, Lockeschen und der nominalistischen
Theorien erscheint das bereits zweifelhaft. Fragen wir sach¬
lich: Ist es wirklich so, daß, indem wir einen individuellen
Gegenstand in specie betrachten, ein neuer Gegenstand für
uns gegeben ist, eben die Spezies als solche, den wir zu
beurteilen, zu vergleichen und zu unterscheiden imstande
sind? Ich kann nur sagen, daß mir diese Beschreibung als
eine unzutreffende Ausdeutung des phänomenologischen Tat¬
bestandes erscheint.
Freilich, gewisse Verschiedenheiten sind unbedingt zu¬
zugeben. Erstens: Ich kann etw r a eine blaue Farbe vor
mir einmal rein für sich ins Auge fassen und betrachten.
Ich bezeichne sie dabei entweder gar nicht oder als „dies
hier“, „diese Farbe hier“ usw. und habe dabei ein Bewußt¬
sein davon, daß diese Worte das hier Betrachtete eben nur
benennen, fixieren sollen. Ein anderes Mal sage ich
von der Farbe, sie sei blau, eine blaue Farbe. Dann treten
für mein unmittelbares Bewußtsein Wort und gegebener
Tatbestand in eine andere Beziehung, ich weiß, daß ich hier
6. Das Problem des Allgemeinen.
49
nicht nur benenne und fixiere, sondern eben beurteile und
damit über den hier gegebenen Inhalt hinausgehe. Aber
das heißt nicht, daß ich den Gegenstand (oder die Gegen¬
stände), zu dem ich im Sinn meines Urteils die gegebene
blaue Farbe in Beziehung bringe, als einen bestimmten
Gegenstand gegeben vor mir habe, indem ich das Urteil
mit Verständnis ausspreche. Nur allerdings, wenn man sich
auf den Standpunkt stellt, daß, wenn ein Wort verständnis¬
voll gebraucht wird, auch der Gegenstand, den es meint,
gegeben sein müsse, ist das notwendig. Da Husserl auf
diesem Standpunkt steht, ist seine Lehre von den un¬
mittelbar erfaßbaren, idealen Gegenständen nur konsequent.
Aber dieser Standpunkt wurde schon früher zurückgewiesen.
Zweitens: Wir können etwa ein auf Papier gezeichnetes
Dreieck einmal beurteilen mit Rücksicht auf seine indivi¬
duellen Eigenschaften und einmal zum Zweck einer geo¬
metrischen Demonstration mit Rücksicht auf die Wesens¬
eigenschaften des Dreiecks überhaupt. Aber auch hier muß
ich bestreiten, daß in diesem Fall für uns ein neuer Gegen¬
stand entstände, der phänomenologische Tatbestand ist viel¬
mehr, scheint mir, nur der, daß gewisse andere Momente
an dem gezeichneten Dreieck für die Beachtung hervor¬
treten und daß das Endresultat, sprachlich formuliert, als
ein Urteil über das Dreieck überhaupt, für uns von dem
Bewußtsein getragen ist, daß es sich in seiner Geltung über
den Inhalt dieser Zeichnung hinauserstreckt. Warum?
Diese Frage ist erst noch aufzuwerfen. Um es kurz zu¬
sammenzufassen: Es hat einen guten Sinn zu sagen: Wir
betrachten das Dreieck einmal als Individuum und einmal
als Dreieck überhaupt. Und wir haben ein Bewußtsein davon,
ob das eine oder das andere der Fall ist. Aber dies Bewußt¬
sein scheint mir im zweiten Fall nicht ein Gegebensein der
Spezies zu sein, sondern ein Wissen um die Zugehörigkeit
des gegebenen individuellen Inhalts zu etwas, das nicht
unmittelbar gegeben ist.
Ich vermag also nicht zuzugeben, daß die Husserlsche
Theorie das Ergebnis einer evidenten phänomenologischen
Deskription wäre. Um so mehr haben wir das Recht, auf
die vorerwähnten Mängel der Theorie hinzuweisen, die eine
Reihe von Fragen abschneidet, anstatt sie zu beantworten.
Lehnen wir nun Husserls Lehre ab, so bleibt nur noch die
Position des Nominalismus übrig. Denn wir sahen: Die
v. Aster, Philosophie. 4
50
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Frage nach dem Sinn eines Wortes kann nur dadurch end¬
gültig befriedigend beantwortet werden, daß wir uns einen
Tatbestand zur Gegebenheit bringen, durch den das Wort
ersetzt werden kann, zu dem es bloß noch als stellver¬
tretender Eigenname gehört. Auf die Worte sogenannter
allgemeiner Bedeutung angewandt, heißt das: Wir müssen
uns allgemeine Gegenstände zur Gegebenheit bringen —
„das“ Rot, die Spezies „Ton“. Diese Gegenstände können
nur so beschaffen sein, wie sie Husserl bestimmt: zeitlos und
ideell — denn alles Zeitliche ist eo ipso ein Individuum —
außerhalb des individuell Gegebenen; von ihm und seinen
Teilen geschieden — denn jeder Teil des Individuums ist
auch ein individuell bestehendes und vergehendes Gebilde,
das sich in gleicher Qualität, aber nicht als ein identisches
in den verschiedenen individuellen findet. Gibt es nun
solche ideellen Gegebenheiten nicht, so ist die Frage nach
dem Sinn jener Worte unbeantwortbar, d. h. diese Worte
können einem Sinn in der Bedeutung überhaupt nicht haben,
wie wir ihn bisher vorausgesetzt haben. Es sind Worte,
denen wir keinen erfaßbaren, uns bekannten Gegenstand
zuordnen können, den sie bezeichneten und wenn wir von
solchen Gegenständen, von allgemeinen Gegenständen reden,
so vollziehen wir eine bloße Fiktion. Fassen wir den Begriff
„Nominalismus“ weit genug, um mit ihm diese freilich
zunächst wesentlich negative These zu bezeichnen, so stehen
wir mit der Ablehnung der Husserlschen Theorie auf dem
Boden des Nominalismus.
Eine wirkliche Theorie wird der Nominalismus natürlich
erst dann, wenn er eine bestimmte Antwort auf die Frage
hat, wie wir denn zu derartigen Fiktionen kommen, und
mit welchem Recht, in welcher Bedeutung wir denn trotz¬
dem davon reden können, wie wir es tatsächlich tun, daß es
allgemeine Begriffe „gibt“, unter die die einzelnen, indivi¬
duellen Gegenstände befaßt werden können. Und wenn wir
eine solche Theorie gewonnen haben, so wird es auch Zeit
sein, sie daraufhin zu prüfen, ob sie die Fragen, die die
Husserlsche Lehre abschneidet, befriedigend beantworten
kann.
Endlich ein Letztes. Außer auf die unmittelbare phäno¬
menologische Deskription beruft sich Husserl für seine
Theorie noch auf einen Punkt, auf den er einen besonderen
Wert legt. Die „Eigenberechtigung der spezifischen (oder
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände). 51
idealen) Gegenstände neben den individuellen (oder realen)“
sagt er, sei „das Hauptfundament für die reine Logik und
Erkenntnislehre“. Sie sei „der Punkt, an dem sich der
relativistische und empiristische Psychologismus von dem
Idealismus unterscheidet, welcher die einzige Möglichkeit
einer mit sich einstimmigen Erkenntnistheorie darstellt“.
„Natürlich meint hier die Rede von Idealismus keine meta¬
physische Doktrin, sondern die Form der Erkenntnistheorie,
welche das Ideale als Bedingung der Möglichkeit objektiver
Erkenntnis überhaupt anerkennt und nicht psychologistisch
wegdeutet“ (Husserl, Log. Unters. II, S. 107 f.). Hier liegt
der wichtigste Punkt, an dem der Nominalismus seine
Daseinsberechtigung vor allem zu erweisen hat; er muß
zeigen, daß er die „Möglichkeit objektiver Erkenntnis“
nicht aufhebt, daß er nicht zu unhaltbaren relativistischen
und skeptischen Konsequenzen führt. Damit ist zugleich
die wichtigste Aufgabe der folgenden Kapitel bezeichnet.
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände).
Wir sehen vor uns ein Ding bestimmter Art, etwa einen
Baum. Dürfen wir dann sagen, es sei uns dieses
Ding, der Baum hier vor uns, unmittelbar ge¬
geben? Es ist keine Frage, daß uns hier etwas unmittel¬
bar gegeben ist, und ferner, daß wir dies Etwas, ohne uns
weiter zu besinnen, als einen Baum bezeichnen. Aber
wir wissen, der Umstand, daß wir dies tun, genügt nicht,
um die gestellte Frage bejahend zu beantworten. Wir wissen,
es kann geschehen, daß wir in der Absicht, nur das Gegebene
zu beschreiben, zu kennzeichnen, doch zu dieser Kennzeich¬
nung Worte verwenden, die ihrem Sinn nach über das Ge¬
gebene hinausgehen, mehr und anderes besagen, als das
Gegebene umfaßt. Deshalb bedarf es einer ausdrücklichen
Reflexion auf den Sinn dieser beschreibenden Termini und
einer Konfrontation mit dem Gegebenen, um zu entscheiden,
ob hier wirklich nur eine phänomenologische Charakteri¬
sierung, nur eine Benennung des Gegebenen vorlag. Und
da läßt sich nun, was den vorliegenden Fall anlangt, leicht
auf allerhand hinweisen, das in der Behauptung, dies hier
vor mir Stehende sei ein Ding, und zwar ein Baum, offenbar
mit enthaltet ist. Zu dem Ding gehört z. B. auch eine Rück¬
seite, gehört auch Festigkeit und Härte. Beides gehört mit
4 *
52
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
zu dem Baum: Angenommen, die Härte etwa wäre nicht
vorhanden, die tastende Hand fände keinen Widerstand,
sondern griffe widerstandslos in leere Luft; oder wie ich
mir den Baum von der Rückseite ansehen will, verschwindet
das ganze Bild; so muß ich gestehen, daß ich mich in
der Behauptung, hier stände ein Ding, ein Baum vor mir,
geirrt habe, daß ich einen Baum, ein Ding nur zu sehen
„glaubte“.
In der Behauptung also, dies hier sei ein Baum, liegt
eingeschlossen, daß ihm eine Rückseite, Härte, Festigkeit
zukommen. Diese Tatbestände aber nehmen wir im Augen¬
blick nicht mehr wahr, sie sind uns nicht mitgegeben, also
liegt im Sinn der angeblichen Beschreibung eine Reflektion
auf Nichtgegebenes mit eingeschlossen. Vielleicht wendet
man ein, die Rückseite, Härte, Festigkeit sei doch im ge¬
wissen Sinn mitgegeben: es hat einen guten Sinn, zu sagen:
ich sehe die Härte, ich sehe auch, daß der Baum Volumen
und damit eine Rückseite hat. Indessen, man wird hier
genau unterscheiden müssen: wir sehen offenbar nicht die
Rückseite des Baumes, sondern wfl* sehen, daß er eine solche
Rückseite hat, oder was dasselbe besagt, wir sehen ihm
a n , daß er eine Rückseite, daß er Härte und Festigkeit
besitzt, so wie wir der Suppe, die auf dem Tisch steht,
„ansehen“, daß sie noch heiß ist. Das will sagen: wir sehen
hier etwas, das uns die unmittelbare Überzeugung gibt,
hier sei Wärme vorhanden. Wir sehen die Wärme selbst
nicht, aber wir wissen, sie ist da, und wir drücken dies
Wissen in entsprechenden Urteilen aus, sowie ferner, wir
verhalten uns diesem Wissen entsprechend. Freilich: Etwas
an dem Geschehenen gibt uns dies Wissen, nötigt es uns
gewissermaßen auf, in unserem Beispiel offenbar der auf¬
steigende Dampf, nicht etwa auf dem Wege eines bewußt
vollzogenen Schlusses, sondern gewissermaßen automatisch,
instinktiv, ohne daß uns überhaupt deutlich zu werden
braucht, daß hier eine Art Vermittlung vorliegt. So sind
es auch an dem, was wir von dem Baum sehen, gewisse
Momente, die uns unmittelbar dazu veranlassen, ihm in
Worten und Handlungen eine Rückseite usw. beizulegen —
welche Momente, das zu sagen, ist freilich keineswegs
leicht, sondern es bedarf dazu noch einer besonderen Ana¬
lyse. Aber welches auch diese Momente am Gegebenen
sein mögen, die uns davon sprechen lassen, daß wir dem
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände).
53
Baum jene Eigenschaften ansehen — sicher ist, daß wir
nicht die Rückseite usw. des Baumes sehen. Und damit
sehen wir nicht den Baum, sofern wir unter dem Sehen ein
unmittelbares Gegebensein verstehen, sondern nur etwas,
das zu diesem Ding, Baum genannt, in einer bestimmten
Beziehung steht, eine einzelne Seite, eine einzelne Er¬
scheinung des Baumes.
Dasselbe ergibt sich uns ebenso deutlich von einer
anderen Überlegung her. Wir gehen um den Baum herum.
Sehen wir dann dasselbe oder sehen wir Verschiedenes?
Wir sehen offenbar dasselbe, insofern wir stets denselben
Baum sehen, aber wir sehen ebenso offenbar jeweils etwas
Verschiedenes, insofern der Anblick, der sich uns dargibt,
evidentermaßen ein anderer und anderer ist, also: es ist
uns Verschiedenes gegeben, von dem wir doch sagen, es
sei dasselbe Ding. Daraus ergibt sich wiederum, daß das
Ding von dem jeweils Gegebenen zu unterscheiden ist,
und daß die Behauptung, das Gegebene sei ein Ding, nicht
eine einfache Deskription, eine Benennung des Gegebenen,
sondern eine Beurteilung desselben in sich schließt, eine
eigene Beziehung des Gegebenen auf etwas anderes, eben
das Ding. Diese Beziehung bedarf selbst noch der Analyse;
sie ist nur vorläufig bezeichnet, wenn wir das Ge¬
gebene eine Erscheinung des Dinges nennen. Vielleicht
wendet man nun wiederum ein, es sei hier doch nicht Ver¬
schiedenes gegeben, da wir uns beim Herumgehen um den
Baum doch der Verschiedenheit der wechselnden Ansichten
eben dann, wenn wir überzeugt sind, dieses Ding, den Baum
vor uns zu haben, gar nicht bewußt werden, da vielmehr
anstatt dessen ein Identisches dann vor uns steht. Aber
das ist unrichtig. Daß hier zum mindesten mehrere An¬
sichten vorliegen, also ein zeitlich Verschiedenes darliegt,
dessen werden wir uns unzweifelhaft bewußt, und auch die
qualitative Verschiedenheit der Ansichten kommt uns un¬
weigerlich zum Bewußtsein, sobald wir uns wirklich auf das
Gegebene beschreibend einstellen und uns nicht mit der
Bezeichnung begnügen, die uns das Gegebene unmittelbar
nahelegt; wenn wir phänomenologisch analysieren, anstatt
nur naiv zu beschreiben, wie es früher ausgedrückt wurde.
Freilich ist hier gerade, mit Rücksicht auf diese früheren
Ausführungen, noch ein letzter Einwand möglich, auf den
ich weiter unten zurückkomme: der Einwand, daß durch
54
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
diese Analyse eben auch ein unmittelbar Gegebenes zer¬
stört wird, ein Identisches, das Ding selbst.
Zunächst können wir das bisher gewonnene Ergebnis noch
in anderer Form uns deutlich machen. Setzen wir an die
Stelle des einen Menschen, der sich um das Ding herum¬
bewegt, verschiedene Menschen, die es gleichzeitig be¬
trachten, so ist die Sache offenbar genau dieselbe. Die
Betrachter sehen „dasselbe“, insofern sie alle von dem¬
selben Ding sprechen, sie sehen Verschiedenes, insofern
das unmittelbar Gegebene ebenso offenbar ein Verschiedenes
ist, der Anblick, den der eine hat, nicht identisch ist mit
dem, der sich dem anderen darbietet. Endlich: Ich be¬
trachte das Ding wieder allein, und nun schließe ich die
Augen oder wende den Blick ab — dann ist der Anblick,
der vorher da war, verschwunden, an seine Stelle ist etwas
anderes, etwa der gleichförmige Grund getreten, den wir
bei geschlossenen Augen vor uns haben. Von dem Ding
aber sagen wir: es sei noch da, es existiere noch. Von dem
Ding also sagen wir allerhand aus, was von dem unmittelbar
Gegebenen nun einmal evidentermaßen nicht gilt, nämlich,
daß es dasselbe Ding sei, von welcher Seite es auch be¬
trachtet werde, und daß es noch da sei, wenn es nicht mehr
betrachtet werde — woraus sich ergibt, daß das unmittelbar
Gegebene und das Ding zweierlei, daß das Ding nicht ein
unmittelbar Gegebenes ist.
Das Problem, das, wie man sieht, der Dingbegriff in
sich schließt, ist genau analog dem Problem der Gattung,
wie es im vorigen Abschnitt erörtert wurde. Der Versuch,
uns eine Gattung als solche, einen allgemeinen Gegenstand,
„das“ Blau, zur Gegebenheit zu bringen, führte zu keinem
Besultat; das Gegebene blieb immer ein bestimmtes, indivi¬
duelles einzelnes Blau, allgemein gesprochen, ein Individuum,
das unter die betreffende Gattung fällt, das ihr angehört.
So auch hier: wir bringen uns nie ein Ding zur Gegeben¬
heit, sondern immer nur einen Wahrnehmungstatbestand,
der dem Ding angehört, das zu ihm in bestimmter
Beziehung steht. Wir können in beiden Fällen den Aus¬
druck Erscheinung gebrauchen: Gegeben ist uns jeweils
nur die individuelle, zeitlich bestimmbare Erscheinung der
Gattung, nicht die zeitlose, identische Gattung selbst und
ebenso nur die wechselnde Erscheinung des Dinges, nicht
das stets sich gleichbleibende, beharrliche Ding. Wobei
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände).
55
natürlich die Frage, was das „Erscheinung“-sein hier jedes¬
mal besagt, noch ebenso unbeantwortet ist, wie die nach
dem Wesen der Gattung und des Dinges selbst.
Während das Problem der Gattung ein für die antike
Philosophie charakteristisches Problem ist, gehört die Frage
nach dem W T esen des Dinges fast ausschließlich der neueren
Philosophie an. Descartes befaßt sich damit in seiner be¬
kannten Auseinandersetzung über das „Stück Wachs“,
wenn auch deren letzte Absicht nach anderer Richtung geht.
Alles, was wir von dem Stück Wachs in sinnlicher Wahr¬
nehmung aufzufassen vermögen, ändert sich in dem Augen¬
blick, in dem wir es ans Feuer bringen. Von dem Stück
W r achs aber behaupten wir trotzdem, daß es noch dasselbe
sei, wie vorher. Also, ist das Ergebnis der Untersuchung,
lassen wir uns durch den Sprachgebrauch zu einer falschen
Ausdrucksweise verleiten, wenn wir sagen, daß wir das
Wachs selbst sehen und nicht vielmehr, daß wir sein Vor¬
handensein aus der Wahrnehmung von Farbe und Gestalt
urteilen. Der erste, der das Problem dann eigentlich in
unserem Sinn stellt, ist Locke. Indem wir ein Ding wahr¬
nehmen, erblicken wir eine bestimmte Form und Farbe,
tasten wir eine gewisse Härte, empfinden wir Widerstand
und Schwere. Nun unterscheiden wir aber, zum mindesten
in Worten, das Ding, die Substanz selbst von dieser jetzt
gesehenen Farbe und Form, dieser jetzt getasteten Härte usw.
Das Ding ist nicht diese Farbe, sondern es trägt sie an sich,
es ist nicht diese Härte, die ich verspüre, sondern es hat sie.
Daraus ergibt sich die Frage: Was ist das Ding selbst?
Und eben diese Frage kann keine befriedigende Antwort
finden, weil, indem wir das Ding selber fassen wollen, uns
immer nur wieder eine jener schon aufgezählten „Ideen“
in der Hand bleibt. So bleibt der Begriff der Substanz
des Dinges für Locke ein „unklarer“, weil ein Begriff, der
nicht durch einen gegebenen Tatbestand, durch eine Idee
in seinem Sprachgebrauch ersetzbar ist.
Das Lockesche Problem findet dann seine bekannte
radikale Lösung durch Berkeley. Das Ding ist nichts als
die Summe der Gegebenheiten, in denen es uns angeblich
erscheint. Der Apfel, den ich in der Hand habe, ist die
Farbe und Form, die ich sehe, Härte und Schwere, die ich
taste, Geruch, den ich wahrnehme usw. Berkeleys Lösung
ist einfach und konsequent, aber sie weckt sofort eine Reihe
56
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
von Bedenken, die vielleicht schon Locke von diesem radi¬
kalen Idealismus zurückgehalten haben. Jene Erscheinungen
kommen und gehen, sie sind verschieden, je nach der Seite,
der Entfernung, der Stellung, in der ich das Ding betrachte,
je nach dem ich es sehe, betaste usw. Ist das Ding nur
die Summe dieser Erscheinungen, so ist es selbst etwas, das
in beständiger Veränderung begriffen ist — aber das Ding
soll ja doch „eines“ sein und ein Beharrliches, Unveränder¬
liches, Identisches, von welcher Entfernung, Seite usw. ich
es auch betrachte. Wenn das Ding nur ein anderer Name
für die Summe jener Gegebenheiten sein soll, wie kommen
wir dann dazu, beides sprachlich so zu scheiden, wie wir es
tun, und anstatt zu sagen, das Ding sei diese und diese
Form und Farbe, Härte und Schwere, vielmehr von dem¬
selben Ding zu reden, daß uns erst diesen, dann jenen An¬
blick darbietet? Wenn wir diesen Sprachgebrauch als sinn¬
voll ansehen, so kann das Ding so wenig die Summe seiner
Erscheinungen, wie die Gattung die Summe der ihr an-
gehörigen Individuen sein.
Berkeley kann m. a. W. seine Lehre konsequent nur
festhalten, wenn er nicht das Ding mit der Summe seiner
Erscheinungen identifiziert, sondern den Dingbegriff für
eine Fiktion, d. h. für ein Wort erklärt, dem gar kein
irgendwie erfaßbarer Gegenstand entspricht, das über¬
haupt keinen vorstellbaren Sinn hat — wenn wir das, was
es meint, erfassen wollen, erhalten wir immer etwas anderes,
nämlich, seine angeblichen Erscheinungen. Damit sind w r ir
auch hier bei einem echten Nominalismus angelangt.
Wollen wir diesem Nominalismus entgehen, so muß das
Ding selbst irgendwie zur Gegebenheit gebracht werden
können. Soll das möglich sein, so kann es nur eins bedeuten:
Es müßte möglich sein, gewissermaßen durch die jeweilige
Erscheinung des Dinges, indem sie gegeben ist, gleichzeitig
hindurch zu blicken, in ihr und mit ihr zugleich etwas
anderes zu erfassen, ein einheitliches identisches Gebilde,
das als identisch dasselbe unmittelbar erkennbar vor uns
steht, wührend die Erscheinungen wechseln, das als in
eigenartiger Beziehung zu den Erscheinungen stehend auf¬
gefaßt wird, und von dem wir endlich unmittelbar erkennen,
daß ihm noch andere Eigenschaften zukommen, als die
gerade jetzt von uns erfaßten.
Stellt man sich auf diesen Standpunkt, behauptet .man
7. Das Problem des D'nges (der realen Gegenstände).
57
dies als phänomenale Tatsache, dann, aber auch nur dann,
ist im eigentlichen Sinn das Ding selbst, nicht nur seine
sogenannten Erscheinungen, ein Gegebenes, entgeht man
also der nominalistischen Konsequenz. Eine solche Theorie
steht, wie man leicht sieht, auf gleicher Stufe mit Husserls
Theorie der allgemeinen Gegenstände und wird denn auch
in der Tat von ihm (wenn auch nicht so schematisch zu-
gespitzt, wie ich sie formulierte) vertreten l . Aber sie ent¬
hält auch die gleichen unbefriedigenden Bestandteile.
Das Ding soll unterschieden werden von der Farbe und
Form, die wir jetzt an ihm wahrnehmen, der Härte, dem
Druck, den wir tasten usw.; es soll etwas sein, das in be¬
stimmter Beziehung zu diesen Inhalten unserer Wahr¬
nehmung steht. Andererseits aber können wir sagen, um¬
faßt doch das Ding diese Gegebenheiten, es enthält sie in
gewisser Weise. Das Verhältnis zwischen Ding und Er¬
scheinung also stellt sich uns immer wieder in wenig ein¬
deutigen, wenig klaren Analogien dar und fragen wir nach
1 „Wie das Ding in der Erscheinung nicht als eine bloße Summe
der unzähligen Einzelbestimmtheiten dasteht, welche die nachträg¬
liche Einzelbetrachtung unterscheiden mag, und wie auch sie das
Ding nicht in Einzelheiten zersplittern, sondern sie nur an dem
immer fertigen und einheitlichen Dinge zu beachten vermag: so
ist auch der Wahrnehmungsakt allzeit eine homogene Einheit, die
den Gegenstand in einfacher und unmittelbarer Weise gegenwärtigt. .
Es mag ferner sein, daß wir uns mit „Einem Blick“ nicht genug
sein lassen, daß wir vielmehr in einem kontinuierlichen
Wahrnehmungsverlauf das Ding allseitig betrachten, es
mit den Sinnen gleichsam abtastend. Aber jede einzelne Wahr¬
nehmung dieses Verlaufs ist schon Wahrnehmung dieses Dinges.
Ob ich dieses Buch hier von oben oder unten, von innen oder außen
ansehe, immer sehe ich d i e s e s B u c h. Es ist immer die eine
und selbe Seite und zwar dieselbe nicht bloß im physikalischen
Sinn, sondern nach der Meinung des Wahrnehmenden selbst.. .
Die einzelnen Wahrnehmungen des Verlaufs sind kontinuierlich
einig. Diese Kontinuität meint nicht bloß die objektive Tatsache
zeitlicher Angrenzung; vielmehr hat der Verlauf von Einzelakten
den Charakter einer phänomenologischen Einheit, in welche die
einzelnen Akte verschmolzen sind. In dieser Einheit sind die vielen
Akte nicht nur überhaupt zu einem phänomenologischen Ganzen
verschmolzen, sondern zu einem Akt und näher zu einer Wahrnehmung.
Im kontinuierlichen' Ablauf der Einzelwahrnehmungen nehmen wir
kontinuierlich diesen einen und selben Gegenstand wahr.“ (Husserl,
Log. Unters. II S. 620 ff.)
58
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
dem Wesen dieser Beziehung, so wird uns trotzdem nur mit
dem Hinweis auf ein eigenartiges, nicht weiter beschreib¬
bares Gegebensein geantwortet. Insbesondere: Wenn wir
von dem Ding behaupten, es müsse eine Rückseite haben,
es müsse tastbar sein, so spricht diese Behauptung ein
Aneinander-gebunden-sein des angeblich gegebenen Tat¬
bestandes „Ding“ und jener wahrnehmbaren Tatbestände
aus. Ist dies Gebundensein der Ausdruck eines empirischen
Gesetzes? Dann müßte es doch auch möglich sein, daß ein
Ding einmal keine Rückseite hätte. Aber wo etwa beim
Herumgehen um ein Ding das Wahrgenommene verschwindet,
anstatt uns die erwartete Rückseite zu zeigen, da erklären
wir, wir hätten uns geirrt, es sei nur scheinbar ein Ding hier
vorhanden gewesen; nimmt man aber keinen empirischen,
sondern einen unmittelbar erschaubaren, eigenartigenWesens-
zusammenhang zwischen Dingphänomen und Rückseite an,
so haben wir die Zahl der letzten, nicht w r eiter zurück-
führbaren und beschreibbaren Gegebenheiten wieder um
eine, und zwar eine ziemlich rätselhafte vermehrt. Dazu
drängt sich im Anschluß daran noch die weitere Frage
auf: Was heißt denn das: Ein gegebener Tat¬
bestand (das Ding) existiere einmal „wirklich“ und
sei einmal nur „s c h e i n b a r“ vorhanden? Endlich: Wie
kommen wir dazu, zu behaupten, daß er fortexistiere, wenn
wir ihn nicht wahrnehmen? Liegt hier wieder eine nicht
weiter beschreibbare Eigenart des gegebenen Tatbestandes
vor, der uns diese Behauptung gewissermaßen aufzwingt?
Jedenfalls: ihn begreiflich zu machen, ist die Theorie nicht
geeignet. Auf alle diese Fragen erhalten wir keine be¬
friedigende Antwort.
Die Deskription selbst aber vermag ich so wenig wie im
Fall der allgemeinen Gegenstände als richtig anzuerkennen.
Wir bezeichnen freilich den Baum, von welcher Seite wir
ihn auch sehen, sofort und unmittelbar mit dem gleichen
Namen, der verschiedene Anblick löst das gleiche praktische
Verhalten unsererseits automatisch aus. Aber wir wissen,
dies Verhalten braucht nicht auf einem unmittelbaren Er¬
fassen des Dinges selbst zu beruhen — die Behauptung,
daß dies so sein müsse, ist eine Ausdeutung des phäno¬
menologischen Sachverhalts. So kommen wir also auch
bezüglich des Dingbegriffes zu dem nominalistischen Resultat,
wie es vorhin formuliert wurde. Natürlich entsteht dann auch
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände).
59
hier das Problem, ohne dessen Lösung der Nominalismus in
der Luft schwebt: Wie kommen wir dazu, Dingbezeichnungen
zu gebrauchen und sinnvoll zu gebrauchen?
Noch einige mögliche Einwände seien wenigstens kurz
berücksichtigt. Ich bestreite nicht, daß wir einmal auf die
Erscheinung eines vor uns stehenden Dinges in ihrem eigen¬
tümlichen Färb- und Formcharakter „achten“ und ein
anderes Mal die gleiche Erscheinung als Erscheinung
eines Dinges „auffassen“ können. Ich bestreite auch
nicht, daß hier jedesmal ein phänomenal faßbarer Unter¬
schied vorliegt. Es ist auch zuzugeben, daß uns im ersten
Fall beim Herumgehen um das Ding die einzelnen Er¬
scheinungen in ihrer Verschiedenheit voneinander auffallen
werden, während dies im zweiten Fall nicht stattfinden wird.
Aber dieser Unterschied besteht wiederum nicht darin, daß
im zweiten Fall ein anderer unmittelbar erfaßter Tatbestand
(das Ding selbst) von uns beachtet wäre, sondern er ist auf
gleiche Stufe zu stellen mit dem früher erörterten Unter¬
schied des Achtens auf den „Klang“ und auf den „Sinn“
eines Wortes. Wie dort, scheint mir auch hier der phäno¬
menale Unterschied darin zu bestehen, daß wir einmal bei
dem Gegebenen selbst seiner Eigenart nach verweilen und
einmal uns einfach der von ihm ausgehenden, sich un¬
mittelbar einstellenden assoziativen Wirkung überlassen,
ihn sozusagen nur so weit und so lange betrachten, bis
sich automatisch ein bestimmtes praktisches Verhalten ein¬
gestellt hat. Kurz gesagt: Es tritt im zweiten Fall nicht
ein bestimmter phänomenaler Tatbestand für unsere Auf¬
fassung hinzu, sondern es fällt höchstens etwas fort. Diese
Erklärung kann freilich an dieser Stelle wieder nur als eine
vorläufig mögliche angesehen werden, deren genauere Be¬
gründung auf später zu verschieben ist; sie soll hier nur
zeigen, daß, wenn wir tatsächlich zwischen dem Achten
auf das Ding und dem Achten auf die bloße Erscheinung
phänomenologisch unterscheiden, diese bloße Unterscheidung
noch gar nichts für das unmittelbare Gegebensein des
Dinges selbst beweist. Denn es entsteht erst von neuem
die Frage, wie der Tatbestand, dem wir sprachlich
Ausdruck geben, indem wir von einem Achten auf
das Ding reden, phänomenologisch exakt zu beschreiben ist.
Ein anderer Punkt, auf den man sich von gegnerischer
Seite berufen könnte, wäre der folgende. Es gibt einen
60
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
unmittelbaren Eindruck, den wir als den Eindruck des
„dinghaft Wirklichen“ mit einem gewissen Recht bezeich¬
nen können. Wenn wir einen Tisch betrachten, so macht
uns das Gesehene im höheren Grade einen solchen Ein¬
druck, als etwa der leicht aufsteigende, schwebende Rauch
eines Feuers oder gar als die subjektiv bedingte Erscheinung
des Augenflimmerns. Also könnte man schließen, „sehen“
wir hier doch die dinghafte Wirklichkeit und ein anderes
Mal das bloß Erscheinungsein eines Gebildes. Indessen ist
hier zweierlei zu unterscheiden: Erstens dieser Eindruck
selbst, dieser Charakter des Festen, sich selbst Gleich¬
bleibenden, Unzerstörbaren, wie wir ihn vielleicht noch
näher bezeichnen können, und zweitens die Bezeichnung
dieses Charakters als des Charakters einer dinghaften Wirk¬
lichkeit. Jener Charakter ist uns unmittelbar gegeben,
aber er ist nicht das Ding als solches; die Behauptung, dies
vor mir stehende sei ein Ding, heißt nicht: Es hat
diesen Charakter. Wir können, scheint mir, die Sache auch
noch genauer charakterisieren. Es gibt unter den Er¬
scheinungen eines Dinges solche, die ihm als Ding unserer
Meinung nach wesentlicher zugehören, als andere; in denen
wir dem Ding sozusagen näher zu kommen glauben. Warum
wir dieser Meinung sind, diese Frage läßt sich wieder nicht
unmittelbar beantworten, die Erklärung dieses Tatbestandes
setzt die Analyse des Dingbegriffes selbst voraus. Vor¬
läufig begnüge ich mich mit dem Hinweis darauf, daß wir
jedenfalls, wenn wir ein Ding in die Hand nehmen, die
Härte, den Widerstand spüren, den es der tastenden
Hand entgegensetzt, eher davon sprechen, daß wir jetzt
„das Ding“ halten und untersuchen. Darum werden wir
noch keineswegs das Ding mit dem jetzt gespürten Druck
und Widerstand identifizieren. Nun können wir aber einem
Inhalt, den wir sehen, die Greifbarkeit, die Festigkeit an-
sehen, so etwa, wie wir in dem früheren Beispiel der
dampfenden Suppe die Wärme ansehen, Auf Grund welcher
unmittelbar gegebenen Momente — das muß wieder dahin¬
gestellt bleiben. Eben diesen Tatbestand aber scheint mir,
meinen wir, wenn wir davon sprechen, daß wir die ding¬
hafte Wirklichkeit eines Gegenstandes „sehen“, oder wie
der Ausspruch wohl besser lauten würde, dem Gegenstand
ansehen. Verwandt, aber nicht identisch mit diesem
Eindruck der „Dinghaftigkeit“ ist ein anderer Eindruck:
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände).
61
der Eindruck, daß wir „wach“ einer „lebendigen Wirklich¬
keit“ gegenüberstehen, im Gegensatz zu dem „traumhaften“
Charakter, den bisweilen die Welt und das Geschehen um
uns annehmen kann. Späterem vorgreifend, bemerkte ich,
daß dieser sogenannte „traumhafte“ Charakter mir genauer
in einem kaleidoskopartigen Zerfallen der geschauten Wirk¬
lichkeit in einzelne Bilder, die wir nur als solche passiv an
uns vorüberziehen lassen, zu bestehen scheint, während aus
diesen „Bildern“ eine „lebendige Wirklichkeit“ wird, sobald
wir erwartend von einem auf das andere eingestellt sind,
sobald wir jeden neu eintretenden Inhalt sofort mit der
unserem Wissen nach ihm zukommenden praktischen und
Erwartungseinstellung entgegenkommen.
Alle diese Eindrücke sind bestenfalls Inhalte, auf Grund
deren wir einem Gegenstand die dinghafte Wirklichkeit an-
sehen, aber sie sind nicht das, was w r ir mit
dem Wort „D ing“ bezeichnen, wir können sie
daher auch nicht heranziehen, um die Frage zu beantworten,
was wir mit dem Wort „Ding“ meinen. Vielmehr hat um¬
gekehrt die Theorie des Dingbegriffs auch dadurch ihr Recht
zu erweisen, daß sie uns verständlich macht, wieso diese
Eindrücke für uns zu Anzeichen dafür werden können, daß
ein „Ding“ vor uns steht. —
Was hier für das „Ding“ ausgeführt wurde, gilt nun aber
ganz ebenso noch für eine Reihe weiterer Gegenstände, die
der Sprachgebrauch nicht ohne weiteres als Dinge zu be¬
zeichnen pflegt.
Ich höre einen Ton, etwa das Surren einer Maschine.
Nun entferne und nähere ich mich abwechselnd der Ma¬
schine: ändert sich dann der Ton, den ich höre,
oder höre ich die ganze Zeit hindurch „denselben Ton“?
Ebenso: ich stehe fünf Schritt, ein anderer 50 Schritte von
der Maschine entfernt — hören wir denselben Ton oder
verschiedene Töne? Wir können auf die Frage offenbar mit
ja und mit nein antworten — je nachdem, was wir unter
dem „gehörten Ton“ verstehen. Was mir unmittelbar ge¬
geben ist, wenn ich erst dicht neben der Schallquelle und
dann 50 Schritte von ihr entfernt stehe, ist evidentermaßen
verschieden und sogar recht gründlich verschieden; und
trotzdem können wir von einem und demselben Ton reden,
62
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
der da dauernd erklingt und der sich an dieser Stelle so,
an jener Stelle anders „anhört“. Wir unterscheiden also
zweierlei, das wir gleichwohl mit demselben Namen „der
jetzt von mir gehörte Ton“ bezeichnen, ein Name, der
demnach doppeldeutig ist. Wir wollen dementsprechend
den „phänomenalen“ und den „realen“ Ton unterscheiden.
Der reale Ton nun verhält sich, wie man leicht sieht,
zum phänomenalen genau so wie das Ding zu seiner
wechselnden Erscheinung. Schließen wir endich die Augen,
so ist eine Erscheinung uns nicht mehr gegeben, es hat
aber unserer festen Überzeugung nach einen Sinn zu be¬
haupten, daß das Ding selbst noch existiere. Ebenso ist,
wenn wir uns die Ohren zuhalten, von einem Ton nichts
mehr zu hören, der phänomenale Ton also verschwunden,
während wir überzeugt sind, daß der reale Ton noch fort
erklingt.
Realer und phänomenaler Ton sind nicht
identisch, wenn sie auch synonym mit dem gleichen
Wort bezeichnet werden, denn von dem realen Ton sagen
wir alles mögliche aus (er erfahre keine Veränderung, wäh¬
rend ich meine Stellung ändere, er existiere noch, wenn ich
mir die Ohren zuhalte usw.), was bei dem realen Ton evident
falsch wäre. So nun, wie wir nur die Erscheinung, niemals
das Ding selbst, so können wir uns auch nur den phäno¬
menalen, nie den realen Ton zur unmittelbaren Gegebenheit
bringen. Es hätte auch keinen Sinn, den realen Ton mit
irgendeiner bestimmten der phänomenalen Tonwahrnehmun¬
gen, in denen er „erscheint“, zu identifizieren. Warum sollte
der reale Ton eher identisch sein mit dem, was ich in 10,
als mit dem, was ich in 50 oder 100 Schritt Entfernung von
der Schallstelle höre? Eine derartige Behauptung wäre
absolut willkürlich. Wir können vielmehr nur stehen bleiben
bei dem Ergebnis: der reale Ton ist das sich gleichbleibende
fortexistierende, an sich nicht unmittelbar gegebene Etwas,
das unter verschiedenen Bedingungen in diesen und jenen
Gegebenheiten erscheint.
Und dasselbe gilt für eine gesehene Farbe und endlich
eine gesehene Bewegung. Dieselbe reale blaue Farbe er¬
scheint mir verschieden, je nachdem ich sie in dieser oder
jener Entfernung, Beleuchtung, Augenstellung betrachte.
Dieselbe Bewegung eines fahrenden Wagens sieht anders
aus, je nachdem ich den Wagen an mir vorbei, von mir weg.
7. Das Problem des Dinges (der realen Gegenstände).
63
auf mich zu oder unter mir fortfahren, je nachdem ich ihn
in dieser oder jener Entfernung fahren sehe 1 .
Es ist dabei zugleich klar, daß diese realen Farben,
Töne, Bewegungen usw. in einer gewissen Beziehung zu den
körperlichen Dingen stehen. Wenn wir einem Ding eine
bestimmte Farbe als dauernde und bleibende Eigenschaft
beilegen, wenn wir von ihm sagen, es sei blau, so ist damit
offenbar zunächst eine reale Farbe, ein reales Blau gemeint:
der Gegenstand ist realiter blau, aber diese blaue Farbe
erscheint mir nicht immer in einem phänomenalen Blau, sie
sieht z. B. in der Dämmerung dunkelgrau, oder bei Lampen¬
licht grün aus.
Was also vorhin für die Dinge ausgeführt wurde, gilt
für die realen Gegenstände überhaupt, wenn wir
unter einem realen Gegenstand ein Etwas verstehen, das
nicht phänomenal gegeben ist, das aber von uns in dieser
eigentümlichen Weise, wie wir es an dem Beispiel des Dinges,
der realen Farbe usw. gesehen haben, einer Mehrheit phäno¬
menaler Gegebenheiten als in ihnen erscheinend zugrunde
gelegt wird. Den realen Gegenständen treten zur Seite die
Gattungen, die Spezies, oder wie wir mit einem gebräuch¬
lichen Ausdruck dafür auch sagen können, die i de a 1 e n
Gegenstände. Wie das Reale, so ist das Ideale ein
phänomenal nicht Gegebenes. Das Idealeund Reale
steht gleichmäßig dem phänomenal Ge¬
gebenen gegenüber. Nur ist jeder reale Gegenstand
allemal zugleich individuell, er existiert zu einer bestimmten
Zeit, während das Ideale als zeitlos gedacht wird. Der Welt
des Idealen wie der des Realen gegenüber hatte uns die
Untersuchung zu nominalistischen Ergebnissen ge¬
führt und damit zu dem entsprechenden gleichen Problem:
da weder ein idealer noch ein realer Gegenstand als solcher
uns jemals gegeben ist, wie kommen wir dann überhaupt
dazu, von solchen Gebilden zu reden, dem phänomenal
Gegebenen eine reale und ideale Welt hinzuzufügen, wie
können die Worte, die angeblich reale und ideale Gegenstände
1 Die Naturwissenschaft identifiziert bekanntlich den Ton mit
einer Wellenbewegung der Luft. Wie später genauer gezeigt werden
wird, wird diese Identifizierung nur sinnvoll als Identifizierung des
realen Tones mit der realen Luftbewegung. Den phänomenalen
Ton mit irgend etwas anderem zu identifizieren, hätte schlechter¬
dings keinen Sinn.
64
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
bezeichnen, mehr sein als leere, inhaltlose, da ja mit ge¬
gebenem Inhalt nicht zu erfüllende Worte?
Es ist aber mit dem Besprochenen das Gebiet der realen
Gegenstände noch immer nicht erschöpft, denn das Reale,
von dem bisher gesprochen wurde, gehörte durchgängig
der Sphäre des Physischen an, während wir auch auf psychi¬
schem Gebiet eine ganz entsprechende Begriffsbildung voll¬
ziehen.
8. Physisch-Reales und psychisch-Reales.
Die phänomenalen Gegebenheiten, die wir als Erschei¬
nungen von körperlichen Dingen oder von den zuletzt be¬
sprochenen realen Farben, Tönen, Bewegungen betrachten,
auf Grund deren wir also von realen Gebilden dieser Art
sprechen, sind durchweg Inhalte der sinnlichen Wahrnehmung,
gesehene Farben, gehörte Töne, usw. Neben diesen Inhalten
aber gibt es noch Gegebenheiten anderer Art, die schon
früher gelegentlich erwähnt wurden. Auch wenn wir ein
Gefühl, einen Affekt, einen Willensakt erleben, ist uns eben
das Gefühl und das Wollen mit seiner spezifischen Eigenart
unmittelbar bekannt, gegeben. So nun wie wir eine gesehene
Farbe auf ein Ding beziehen, wie wir von Dingen reden,
die farbig, tönend, hart sind, so beziehen wir die Gefühle
und Willenserlebnisse auf ein entsprechendes Gebilde, näm¬
lich auf uns selbst, so sage ich von „m i r“, ich sei lustig
oder traurig, strebend oder widerstrebend. Ich beziehe ein
erlebtes Gefühl in derselben Weise auf meine Person, wie
ich eine gesehene Farbe auf ein D i n g beziehe. Und wie ich
von dem Ding sage, es sei d a s s e 1 b e D i n g , das zugleich
farbig und hart ist, das jetzt in dieser, jetzt in jener Farb-
qualität mir erscheine, so spreche ich von demselben Ich,
das Lust und Streben, Ärger und Sehnsucht empfindet,
das jetzt lust-, jetzt unlustvoll sich angemutet fühlt, das
auch noch existiert, wenn, wie z. B. im Schlaf, gar keine
Erlebnisse da sind, die wir zu ihm in Beziehung setzen
könnten.
Erleben wir das eigene Ich, die eigene
Persönlichkeit, ebenso unmittelbar wie
wir ein Gefühl, einen Willensakt erleben?
Mir scheint, wir tun dies ebenso wenig und ebenso viel,
wie wir ein Ding sehen oder tasten. Wenn wir ein Gefühl
erleben, verbindet sich dann für unser Erleben mit dem
8. Physisch-Reales und psychisch-Reale*.
65
Gefühl noch ein besonderes Moment, das wir als das „fühlende
Ich“ bezeichnen dürften? Oder finden wir ein solches in
erinnernder, rückschauender Betrachtung vor? Ich kann
mich davon schlechterdings nicht überzeugen. Vielleicht
meint man, jedes Gefühl und jeder Willensakt hätten doch
ein abstraktes Moment gemeinsam, ein Moment, das sie
als Gegebenheiten eigener Art von allen physischen Ge¬
gebenheiten, von einer gesehenen Farbe usw. unterscheidet.
Vielleicht kann man dem zustimmen, vielleicht kann man
— wir können das wenigstens einmal annehmen — sagen,
daß wir um dieses Momentes willen Willensakte und Gefühle
als psychische Gebilde jenen anderen Gegebenheiten gegen¬
über stellen. Aber i s t dann dies abstrakte Moment d i e
Psyche, d. h. das eine gemeinsame, bleibende, beharrende
Ich, auf das wir die psychischen Gegebenheiten beziehen ?
Dann könnten wir auch ebenso gut das Ding mit dem
gemeinsamen Charakter identifizieren, der uns erlaubt,
phänomenale Farben, Töne und Tastqualitäten in eine
Gattung zusammenzufassen. Oder anders ausgedrückt: wir
hätten dann ein Erlebnis, das als das gleiche Erlebnis
alle Gefühle begleitete; aber wie kämen wir dazu, von
einem identischen Ich zu reden? Wie kämen wir
zu der Behauptung, daß dies Ich auch im Schlafe noch
existiere ?
Ferner: Zu jeder Persönlichkeit gehört ein bestimmter
Charakter. Er macht die Persönlichkeit eigentlich erst zu
einer bestimmten Persönlichkeit. Erleben wir die Persön¬
lichkeit, so müssen wir auch den Charakter erleben. Aber
der Charakter, der eigene, ebenso wie der eines fremden
Menschen, ist etwas, das ganz offensichtlich nicht unmittel¬
bar erlebt und in seiner Eigenart konstatiert, sondern er¬
schlossen, und zwar ziemlich mühsam und unsicher er¬
schlossen wird. Kurz, mir scheint, es läßt sich all das, was
über die Wahrnehmung von Dingen gesagt wurde, auch auf
die des Ich oder der Seele anwenden. Mit anderen Worten:
der Begriff des Ich erscheint als ein Begriff gleicher Art
wie der Begriff des Dinges, als der Begriff eines realen
Gegenstandes, der dieselben Probleme für uns einschließt,
wie wir sie dort kennen gelernt haben.
Nur daß der Begriff des Ich freilich noch ein besonderes
Problem enthält: die Frage, wie wir zum Bpgriff fremder
Iche, anderer Persönlichkeiten kommen. Sind wir uns
v. Alter, Philosophie. 5
66
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
darüber klar geworden, wie für uns der Begriff eines be¬
stimmten Dinges entsteht bzw. was er enthält, so haben
wir die Frage nach dem Wesen des Dingbegriffes überhaupt
beantwortet, denn w-ir brauchen das Ergebnis nur zu über¬
tragen auf alle anderen Fälle. Dagegen gewinnen wir offen¬
bar den Begriff des eigenen Ich nicht auf genau die gleiche
Weise, wie den der fremden Persönlichkeit. Genauer ge¬
sprochen: die gegebenen Tatsachen, die wir auf das eigene
Ich beziehen, als Äußerungen desselben auffassen, sind
nicht nur andere als diejenigen, in denen ein fremdes Geistes¬
leben erscheint, sondern sie müssen auch uns irgendwie
anders gegeben sein. Wir unterschieden vorhin un¬
mittelbare und mittelbare gegebene (erinnerte, phantasierte)
Tatbestände. Wenn wir ein Gefühl, von dem wir wissen,
als Gefühl einer fremden Persönlichkeit, eines „Du“ be¬
zeichnen, so kann uns dies Gefühl offenbar nie unmittelbar,
sondern es muß uns irgendwie mittelbar gegeben sein. Daraus
ergibt sich hier also die doppelte Frage: Erstens: Wie
kommen wir dazu, irgendwelche Inhalte, die uns irgendwie
gegeben sind, auf ein Ich, eine Persönlichkeit, eine Seele
zu beziehen, zu behaupten, daß sie Äußerungen eines solchen
Psychisch-Realen seien? Was meinen wir mit diesem
Begriff des Ich usw\ ? Und zweitens, wie kommen wir
speziell zu einem Wissen um diejenigen Tatsachen, die
wir auf eine fremde Persönlichkeit, ein Du beziehen, wie
sind uns diese Tatsachen gegeben? Diese zwei Fragen
müssen wir scharf scheiden, die Frage, die im Augenblick
geklärt werden sollte, war nur die erste; die Frage, wie er¬
leben wir den eigenen Bewußtseinsstrom im Gegensatz zum
fremden, und im Hinblick auf welche Erlebnisse kann für
uns der Gegensatz des Ich und Du sinnvoll werden? wird
später erörtert w r erden.
Historisch betrachtet erscheint noch Berkeley trotz
seiner Kritik des Dingbegriffes der Begriff des Ich oder
der Seele als ein selbstverständlich gegebener Begriff, nach
dessen Sinn zu fragen sich erübrigt. Erst H u m e wendet
dann die Locke-Berkeleysche Kritik des Substanzbegriffes
auch auf die seelische Substanz an, wodurch das Ich wie
das körperliche Ding für ihn zu einem Bündel von Perzep¬
tionen wird. In der Gegenwart schließt man sich z. T.
dem Vorgänge Humes an und identifiziert das Ich mit der
Summe der Erlebnisse, bzw. mit dem Flusse des Bewußt-
8. Physlsch-Ronles und psychisch-Renles. (j7
seinsgeschehens, einer Anschauung, in der sich so gegnerische
Standpunkte, wie derjenige M a c h s und N a t o r p s (dessen
erkenntnis-theoretisches Ich natürlich auf einem anderen
Blatt steht), begegnen; z. T. spricht man im Gegensatz
dazu von einem unmittelbaren Erleben des Ich. Aber zwischen
diesen beiden Anschauungen finden sich Übergänge; sie
stehen sich, wenn man sie genauer betrachtet, meist nicht
so schroff gegenüber, wie es zunächst den Anschein hat.
Einer der Hauptvertreter der psychologischen Richtung, die
von einem unmittelbar erlebten Ich spricht, ist Theodor
L i p p s. Aber Lipps unterscheidet dabei selbst scharf
zwischen dem unmittelbar erlebten und dem erschlossenen
realen Ich mit seinen Dispositionen und Charaktereigen¬
schaften. Er gibt also ohne weiteres zu, daß es einen Sinn
hat, von einem Ich zu reden, das nicht unmittelbar erlebt,
sondern wie das Ding dem unmittelbar Gegebenen zugrunde
gelegt wird. Und da, wo er vom unmittelbar erlebten Ich
spricht, geschieht es in einer Weise, daß das Ich fast nur
zu einem abstrakten Moment am Gefühlserlebnis wird. Das
Ich wird verglichen mit dem abstrakten Tonmoment, das
Klangfarbe, Höhe und Lautheit eben zu Momenten eines
Tones macht. Das Gefühl selbst wird seiner Natur nach
als Ichgefühl charakterisiert l . Damit kommt er bereits
in die Nähe der W u n d t sehen Auffassung. Für Wundt
zerfällt jedes Erlebnis in eine subjektive und objektive
Seite (das Objekt der Erfahrung und das erfahrende Subjekt);
die objektive Seite ist der wahrgenommene, erinnerte, ge¬
dachte Inhalt, die subjektive Seite wird direkt identifiziert
mit dem Gefühl, das sich an den Inhalt knüpft, das Gefühl
hat den besonderen Charakter der Subjektivität. Nun wird
man ohne weiteres zugeben können, das die Gefühle, zu
denen man in diesem Punkt die Willenserlebnisse vielleicht
gleich hinzurechnen darf, durch ein gemeinsames Moment
abstrakter Natur ausgezeichnet sind, daß sie typisch von
sinnlichen Gegebenheiten und ebenso von Erinnerungsbildern
unterscheidet. Man kann dies Moment natürlich auch
Subjektivität nennen, wenn man sich darüber klar ist, daß
damit zunächst nur eine Benennung geschaffen ist. Weder
jenes abstrakte Moment aber, noch diese Benennung kann
uns ohne weiteres verständlich machen, wie wir dazu kommen,
1 Th. Lipps, Vom Fühlen, Wollen und Denken, I.pz. 1902, S. 6.
5 *
68
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
die Gefühle auf ein identisches, bleibendes und beharrendes
Ich zu beziehen, auf denselben realen Gegenstand, der als
derselbe fortexistiert, während die ihm zukommenden Ge¬
fühle wechseln, der schließlich mit seinen Dispositionen
noch da ist, wenn, wie im Schlaf, gar keine Gefühle erlebt
werden. Wenn man also auch ein besonderes gemein¬
sames Moment an den Gefühlen aufzeigt, und dies Moment
Subjektivität nennt, so ist damit für die Beantwortung
der Frage nach dem Wesen des Ichbegriffes noch gar nichts
gewonnen.
Der Gegensatz in der Frage nach dem unmittelbar er¬
lebten Ich verringert sich noch etwas mehr, wenn man
hinzunimmt, daß auch die Gegner des unmittelbar erlebten
Ich von einer unmittelbar erlebten „Einheit“ des Bewußt¬
seins reden und reden dürfen. Der Ablauf von Wahr¬
nehmungen, Gefühlen, Willensakten usf., heißt das genauer,
der für sie allein das Gegebene ausmacht, wird nicht als
eine bloße Summe, sondern er wird als ein mehr oder minder
geschlossenes Ganzes erlebt.
Abzuweisen ist nur der Gedanke, daß diese Einheit erst
zustande käme dadurch, daß die verschiedenen Elemente
des Bewußtseinsablaufs auf einen Punkt gewissermaßen,
d. h. auf ein Ich bezogen erlebt würden, daß die unmittelbar
erlebte Einheit in dieser unmittelbar erlebten Be¬
ziehung bestände. Könnte man etwas als Einheit immer
nur dadurch erleben, daß man es auf einen Einheitspunkt
bezogen erlebt, so müßte dasselbe ja schließlich auch für
den Einheitspunkt selber gelten, wodurch ein Regreß ent¬
stände. Wie sich diese Einheit zum Gefühlserlebnis ver¬
hält, wird noch an anderer Stelle kurz besprochen werden.
Indessen ist nun noch hier zu bemerken: der Umstand, daß
der Ablauf des Bewußtseinsgeschehens nicht als Summe,
sondern' als Ganzes erlebt wird, macht uns nicht verständ¬
lich, wie wir zu dem Begriff eines bleibenden und beharren¬
den Ich jenseits dieses Bewußtseinsgeschehens kommen.
Am wenigsten darf beides identisch gesetzt werden.
Noch ein Einwand wäre möglich. Wenn wir von einem
Bewußtsein oder sagen wir, um die Mehrdeutigkeit dieses
Wortes zu vermeiden, lieber: von einem Gegebensein sprechen,
ist dann nicht jedesmal ein Ich schon vorausgesetzt, dem
etwas gegeben ist? Wird nicht der Begriff des Gegebenseins
sinnlos ohne dieses Ich? Kann die Behauptung, ein Gegen-
8. Physisch-Reales und psychisch-Reales. 69
stand sei gegeben, nicht direkt durch die andere ersetzt
werden: er sei bezogen auf ein Ich?
Darauf hätte ich zunächst zu erwidern: Was „gegeben
sein“ heißt, haben wir uns an Beispielen deutlich gemacht.
Das heißt, wir haben uns den Inhalt des Gegebenheits¬
begriffes selbst zur Gegebenheit gebracht und damit auf die
einzige Art und Weise festgestellt, auf die, wie wir wissen,
Begriffe inhaltlich überhaupt festgelegt werden können
(allerdings auch nur innerhalb der Grenzen, in denen es,
wie wir ebenfalls wissen, geschehen kann — sofern der Be¬
griff der Gegebenheit ein allgemeiner Begriff ist, enthält er
natürlich das uns bekannte Problem der allgemeinen Gegen¬
stände als solcher). Damit ist der Begriff der Gegebenheit
definiert und eingeführt, ohne daß der Ichbegriff voraus¬
gesetzt wäre, ohne daß man sich seiner bedient hätte.
Nun hat man freilich bei der Behauptung, das Gegeben¬
sein eines Inhaltes könne nur eine Beziehung desselben
auf ein unmittelbar erlebtes Ich sein, meist noch einen Ge¬
danken im Hintergründe. Man argumentiert so: wenn ich
eine Farbe sehe, so ist mir diese Farbe gegeben. Nun behaupte
ich aber, diese Farbe existiere noch, wenn sie von niemand
gesehen wird, wenn sie also nicht gegeben ist, wenn sozu¬
sagen das Gegebensein von ihr abfällt. Das Gegebensein
kann aber nur von einem Gegenstand abfallen und der Gegen¬
stand dabei derselbe bleiben, wenn es eben nur eine Beziehung
zu etwas anderem ist, in die der Gegenstand treten und auch
nicht treten kann. Aber in diesem Argument stecken mehrere
Irrtümer. Vor allem ist es, wie wir bereits wissen, nicht
richtig, daß wir von eben dem gegebenen phänomenalen
Inhalt selbst behaupteten, er existiere auch, ohne als phäno¬
menaler Inhalt gegeben zu sein: die reale Farbe, von der
wir sagen, sie sei noch da, wenn wir die Augen schließen,
ist nicht identisch mit dem, was wir im Moment vorher
sahen, sondern sie ist das reale Gebilde, das mir unter diesen
Bedingungen in dieser, unter anderen in einer anderen
phänomenalen Farbe erscheint. Verstehen wir unter der
blauen Farbe hier diese bestimmte phänomenale Gegeben¬
heit, so hat es so wenig Sinn, von ihr zu sagen, sie existiere,
ohne gegeben zu sein, wie es Sinn hat, zu sagen, sie existiere,
ohne blau zu sein. Denn es kann dann unter dem Sein
dieses gegebenen Tatbestandes nichts anderes verstanden
werden, als ein Gegebensein; es ist dasselbe, ob ich sage,
70
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
ein bestimmter Tatbestand ist gegeben oder ein bestimmter
gegebener Tatbestand ist, existiert *.
Schließlich kann freilich die Behauptung, jeder gegebene
Inhalt müsse jemandem gegeben sein, noch einen anderen
Sinn haben. Sie kann den Sinn haben, jeder solcher Inhalt
müsse als Glied im Fluß eines zusammenhängenden Bewußt¬
seinsgeschehens auftreten, verbunden mit den Erinnerungen,
Gefühlen, Willensakten, die wir auf ein und dasselbe Ich
beziehen. Dann ist aber, wie man sieht, gegeben und jeman¬
dem gegeben nicht gleichbedeutend, wenn ich es auch für
einen tatsächlich richtigen, aber darum nicht selbstver¬
ständlichen Satz halte, daß alles Gegebene auch jeman¬
dem, d. h. im Zusammenhang eines Bewußtseinslebens, ge¬
geben sei.
Nehmen wir die Persönlichkeit, das Ich, die Seele, in
dem Sinn, der jetzt festgelegt wurde, als realen, nicht phäno¬
menalen, sich selbst gleichbleibenden, beharrenden identi¬
schen Gegenstand, auf den die stets wechselnden kommenden
und gehenden Gefühle, Willensakte, Erinnerungen usw. be¬
zogen werden, der in ihnen seinem Wesen entsprechend sich
äußert, manifestiert, erscheint, so verhält sich diese Persön¬
lichkeit zu ihren Charaktereigenschaften, Anlagen usw.
ebenso wie das körperliche Ding zu seiner identisch bleibenden
beharrenden realen Farbe oder Form, die in den wechselnden
Färb- und Formwahrnehmungen sich verschieden darstellt.
Charakter und künstlerische, wissenschaftliche Anlagen sind
Willens-, Gefühls-, Gedankendispositionen, d. h. reale,
bleibende Tatbestände in der Persönlichkeit, die an sich
nicht erlebbar sind, die aber in bestimmten erlebten Willens¬
akten, Gefühlen und Gedanken sich kundtun, so wie die
Eigenschaft des Goldes, schmelzbar zu sein, an sich nicht
wahrnehmbar ist, sondern eine Disposition des Goldes zu
bestimmten, wahrnehmbaren Veränderungen. Endlich gibt
es auf dem Gebiet des Psychisch-Realen so gut wie auf
dem des Physischen nicht nur beharrliche, sondern auch
vorübergehende Dispostionen oder reale Eigenschaften. Ich
erinnere an den identischen Bewegungszustand einer Kugel,
1 Ich behaupte hier nicht, es sei ein „logischer Wider-
spruc h", zu behaupten, daß ein phänomenaler Gegenstand auch
existieren könne, ohne gegeben zu sein (vgl. S. 86), sondern ich
wende mich umgekehrt gegen die Behauptung, es sei logisch
notwendig, daß alles Gegebene einem Ich gegeben sei.
9. Das Gegebeiuein der Relationen.
71
der zwar in Wahrnehmungen erscheint, aber an sich kein
Wahrnehmungsinhalt ist, und ich erinnere an den eine Zeit
hindurch zwar dauernden, aber an sich vergänglichen Zu¬
stand etwa einer schlechten Stimmung, der auch nicht ein
bestimmtes Erlebnis ist, sondern in allerhand Erlebnissen
sich kundtut.
9. Das Gegebensein der Relationen.
a) Relationserlebnisse and objektive Relationen.
Wenn von Gegebenheiten die Rede war, so wurde bisher
als Beispiel auf eine gesehene Farbe, einen gehörten Ton,
ein erlebtes Gefühl verwiesen. Damit ist aber eine be¬
stimmte Gruppe von Gegebenheiten überhaupt noch nicht
berührt.
Eine beschränkte Anzahl von Punkten sei in regellosen
Abständen über ein Blatt Papier verteilt. Was sehen wir,
wenn wir diese Zeichnung betrachten? Die nächstliegende
Antwort scheint: Wir sehen eben diese Punkte in ihrer
eigentümlichen Farbe und Form, zusammen mit dem weißen
Hintergrund, von dem sie sich abheben. Daß diese Antwort
nicht genügt, ist für die heutige Psychologie eine geläufige
Sache, mindestens seit Ehrenfel s’ Aufsatz über „Ge¬
staltqualitäten“ und den sich an ihn anschließenden wissen¬
schaftlichen Diskussionen.
Die Punkte, die wir da sehen, stehen nicht isoliert neben¬
einander, sondern sie bilden eine bestimmte Figur, und
ebenso gut wie von den Punkten, kann von der Figur als
solcher gesagt werden, daß sie ein von uns „Gesehenes“ ist.
Sie bilden eine Figur, dafür können wir auch sagen: sie bilden
ein mehr oder minder einheitliches Ganzes.
Nun denken wir uns die Punkte anstatt wie bisher in unregel¬
mäßigen, in regelmäßigen Abständen angeordnet, es seien
etwa sechs Punkte, die jetzt das Bild einer Würfelsechs
ergeben. Dann hat sich die Form des gesehenen Gebildes
geändert, aber zugleich ist das Ganze, das dies Gebilde für
uns darstellt, einheitlicher geworden, der ihm anhaftende
Charakter des Einheitlichen hat eine Steigerung erfahren.
Oder: wir behalten die unregelmäßige Verteilung bei, geben
aber zugleich den einzelnen Punkten und ebenso den ein¬
zelnen Teilen des Hintergrundes eine verschiedene Farbe.
Dann ist wiederum die Änderung der Farbe nicht die ein-
72
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
zige Änderung, die mit dem Gebilde vor sich gegangen ist,
wir sehen zugleich, daß die Einheitlichkeit des vor uns
stehenden Ganzen abgenommen hat oder daß ihm in höherem
Grade der Charakter einer Mannigfaltigkeit eignet.
Endlich kann sich dieser Einheits- und Mannigfaltigkeits¬
charakter einer Figur auch ändern, ohne daß irgendeine
Änderung in Farbe oder Form des Gesehenen eintritt. Die
Punkte seien etwa geordnet in der Form eines liegenden
Kreuzes, dann können wir willkürlich die Figur einmal als
Kreuz sehen und ein anderes Mal die Punkte so zusammen¬
fassen, daß für unser Bewußtsein zwei in einem Punkte
aneinander stoßende rechte Winkel entstehen. Dann sind
die Punkte und ihre Abstände genau dieselben geblieben,
aber die Figur zeigt in beiden Fällen ein total verschiedenes
Aussehen: weil der Einheitlichkeitscharakter des Ganzen
gestört bzw. geändert ist *.
So gut wie gesehene Farben und Formen, hätten wir
natürlich auch Töne oder Tastqualitäten als Beispiel wählen
können. Eine Reihe von Tönen erscheint uns ebenfalls
als ein mehr oder minder geschlossenes Ganzes, dessen
Einheitlichkeit mit der wachsenden Verschiedenheit der
einzelnen Töne und der Regelmäßigkeit der einzelnen Ab¬
stände abnimmt. Daß es sich hier um eine sukzessive
Einheit, ein über eine Zeitstrecke hinw eg sich er -
streckendes Ganzes handelt, während eine Reihe von Punkten,
in leichtfaßlicher Form angeordnet, zumeist wenigstens ein
simultanes Gebilde für unsere Auffassung darstellen, tut
nichts Wesentliches zur Sache.
Die Einheitlichkeit und Mannigfaltigkeit eines Gebildes
also tritt uns entgegen als ein eigenartiger, unmittelbar er¬
faßbarer Charakter, als ein erfaßbares Merkmal eben dieses
1 Wie man aus der Art der Einführung dieser Beispiele ersehen
wird, betrachte ich als „gegeben“ in dieser Hinsicht nur das, was
Stumpf In seiner Akademieabhandlung „Erscheinungen und
psychische Funktionen“ (Berlin 1906) als „psychische Gebilde“
bezeichnet, n i c h t die psychischen „Funktionen“ Stumpfs, die ich
nur als unbewußte, erschlossene Bedingungen jener gegebenen Ge¬
bilde ansehen kann. Daß ich nicht alle ps. Gebilde Stumpfs als
gegeben ansehe, zeigt meine Stellung gegenüber den Allgemein¬
begriffen. Dagegen stimme ich hier vollständig überein mit der
phänomenologischen Analyse, die Schumann in seinen „Bei¬
trägen zur Analyse der Gesichtswahrnehmungen“ übt.
9. Das Gegebensein der Relationen.
73
Gebildes. Oder anders gesagt: es gibt Gegebenheiten, die
uns zu der Bildung der Begriffe Einheit und Mannigfaltig¬
keit Anlaß geben, in denen wir den Sinn dieser Begriffe
unmittelbar erleben, ohne die diese Worte für uns gar keinen
Sinn hätten. Selbstverständlich sind diese Inhalte als fun¬
dierte Inhalte, als Merkmale stets gebunden an andere In¬
halte, die wir als einheitlich oder mannigfaltig erleben; sie
hängen auch in Beschaffenheit und Stärke — das Moment
der Einheitlichkeit ist steigerbar, es besitzt stets einen ge¬
wissen Grad —, wesentlich von den fundierenden Inhalten
ab, sind aber, wie die Beispiele ebenfalls zeigen, innerhalb
gewisser Grenzen auch unabhängig variabel.
Einheit und Mannigfaltigkeit sind Gegensätze, aber sie
sind — von dem Grenzfall der absoluten Einheit abge¬
sehen — an jedem Gebilde, das sich unserer Wahrnehmung
darbietet, zugleich verwirklicht, nur verhält sich der Ein¬
druck seiner Einheitlichkeit umgekehrt wie der seiner
Mannigfaltigkeit; wächst die eine, so nimmt die andere im
selben Verhältnis ab. Und in einer größeren Anzahl von
Fällen erleben wir auch an einem Gebilde gleichzeitig beides,
Einheit und Mannigfaltigkeit, wenn auch zumeist nicht beides
im gleichen Maße, sondern das eine dem andern untergeordnet,
nämlich überall da, wo uns ein Wahrnehmungs- oder Vor¬
stellungsinhalt als einheitliches Ganzes entgegentritt, und
wir doch zugleich das Bewußtsein von Teilen haben, die er
enthält. Daneben gibt es freilich auch Fälle, in denen uns
ein wahrgenommener oder vorgestellter Inhalt zunächst nur
als Einheit entgegentritt und in denen es einer besonderen
Überlegung, eines Wechsels der Einstellung bedarf, um auch
hier das Bewußtsein einer Mannigfaltigkeit, einer Mehrheit
von Teilen zu gewinnen. Als Beispiel kann etwa ein Ton
dienen, der ohne Änderung seiner Qualität wenige Sekunden
lang erklingt und bei dem wir erst nachträglich, in der Er¬
innerung, dazu kommen, in ihm noch Phasen zu unter¬
scheiden.
Zum Einheits- und Mannigfaltigkeitsbewußtsein gesellt
sich eine weitere Gruppe phänomenaler Tatbestände. Ich
vergleiche zwei Farben miteinander und gewinne das Be¬
wußtsein, sie seien gleich, ich erkenne ein anderes Mal
zwei Töne als verschieden. Ich betrachte zwei Ge¬
sichter und finde sie ähnlich; ich gewinne zwei Strecken
gegenüber den Eindruck, die eine sei länger als die andere.
74
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Es kann keine Frage sein, daß in allen diesen Fällen nicht
nur die Farben, Töne, Strecken in meinem Bewußtsein sind,
sondern daß sich mit diesen Inhalten etwas anderes ver¬
bindet, daß auf ihnen ein anderer eigener Bewußtseins¬
tatbestand sich aufbaut, eben ein Gleichheits-, Ähnlichkeits-,
Verschiedenheitsbewußtsein, d. h. ein Erlebnistatbestand,
der mich von der Gleichheit der Farben, der Verschiedenheit
der Töne usw. zu reden veranlaßt. Ein anderes Mal sehe
ich vielleicht dieselben Farben und Formen, aber ich komme
gar nicht auf den Gedanken, sie zu vergleichen, es fehlt das
Gleichheits-, Verschiedenheits-, Ähnlichkeitsbew'ußtsein.
Andererseits können wir freilich Gleichheit nur da erleben,
wo wir Inhalte irgendwelcher Art, Wahrnehmungs- oder
Vorstellungsinhalte vor uns haben, d i e gleich sind. Das
Gleichheitsbewußtsein ist ebenso wie jedes andere Relations¬
bewußtsein ein „fundierter Tatbestand“, ein Tatbestand, der
auch für die Vorstellung nicht existieren kann ohne eine
Grundlage anderer, selbständiger Inhalte.
Nun muß man sich klar sein: Dieser gegebene Tatbestand,
den ich hier das unmittelbare Gleichheits bewußtsein
nannte, ist nicht die Gleichheit, die zwischen den
zwei verglichenen Gegenständen besteht. Um jenen
phänomenalen Tatbestand zu haben, muß ich die zu ver¬
gleichenden Gegenstände in bestimmter Weise aneinander¬
halten, muß ich sie vergleichen; die Gegenstände sind aber
auch gleich, ihre Gleichheit besteht, sie ist da, wenn ich
nicht vergleiche, wenn der phänomenale Tatbestand der
Gleichheit, das Gleichheitsbewußtsein nicht da ist. Ja, die
Gegenstände können auch gleich sein und als ungleich er¬
lebt werden, wie das Beispiel der geometrisch-optischen
Täuschungen beweist — genau so, wie eine objektive rote
Farbe mir unter bestimmten Bedingungen (bei Nacht)
grau erscheinen kann. Die objektive Gleichheit, die zwischen
zwei Gegenstäude bestehende Relation, verhält sich zum
Relationsbewußtsein, zu dem hier besprochenen gegebenen
Tatbestand genau so, wie die phänomenale blaue Farbe sich
zur realen blauen Farbe des vor mir stehenden Dinges ver¬
hält. Oder kürzer: der Begriff der objektiven oder realen
Gleichheit ist eben der Begriff eines realen Gebildes, das
nicht als solches, sondern nur in seinen Erscheinungen uns
gegeben ist. Wir wüßten nichts von einer blauen Farbe, wenn
wir nicht blaue Farben gesehen hätten, wir wüßten nichts
9. Das Gegebensein der Relationen.
75
von Gleichheit, wenn wir nicht jene phänomenologische
Relation als solche erfassen könnten; aber wir erfassen nicht
die real existierende blaue Farbe, die dieselbe bleibt, auch
wenn sie unsichtbar wird, und wir erfassen nicht d i e Gleich¬
heit, die ebenso dieselbe bleibt, auch wenn kein gegebener
Tatbestand uns von ihrem Vorhandensein überzeugt. Der
Begriff der objektiv bestehenden Relation schließt also auch
dasselbe Problem ein, wie der des Dinges und der Gattung.
Eine Frage drängt sich hier auf: Wie verhalten sich die
realen Relationen, die objektiv bestehende Gleichheit, Ver¬
schiedenheit, Einheit, Mannigfaltigkeit, zum Physisch- und
Psychisch-Realen und ihrem Unterschied, von dem in den
vorigen Paragraphen die Rede war? Zunächst findet sich
Gleichheit und Verschiedenheit offenbar ebensogut auf dem
einen Gebiet wie auf dem anderen, psychische wie physische
Gegenstände können gleich und verschieden sein, einheit¬
lich sein und eine Mannigfaltigkeit in sich begreifen. Die
Relationen, als reale Gebilde betrachtet, stehen also außer¬
halb des Gegensatzes von Physischem und Psychischem.
Dazu kommt noch eins. Auch phänomenale Ge¬
gebenheiten alssolche können wir vergleichen (ja,
sie sind aus naheliegenden Gründen sogar streng genommen
das einzige, das wir direkt und unmittelbar vergleichen
können) und für gleich und verschieden, für einheitlich
und zusammengesetzt erkennen. Das Bemerkenswerte ist
daher, daß wir nicht nur solchen phänomenalen Gegeben¬
heiten gegenüber ein phänomenales Gleichheits- und Ver¬
schiedenheitsbewußtsein haben, sondern daß wir auf Grund
solchen Bewußtseins auch hier von einer objektiv bestehen¬
den Gleichheit und Verschiedenheit derselben reden können;
sie sind gleich oder ungleich, sie enthalten eine
Mannigfaltigkeit usw. Das heißt nicht nur, daß wir in bezug
auf diese Gegebenheiten jetzt ein entsprechendes Relations¬
bewußtsein haben, sondern es heißt, daß diese Relalionen
realiter, objektive bestehen und auch bestehen würden,
wenn wir sie uns nicht zu Bewußtsein gebracht hätten. Wir
können daher, so sonderbar es klingt, phänomenalen Ge¬
gebenheiten reale Beziehungen zueinander beilegen. Darauf
beruht die Möglichkeit einer Phänomenologie, einer reinen
Deskription als Wissenschaft. Denn wollen wir die
phänomenalen Gegebenheiten als solche beschreiben, einteilen,
systematisieren, so wollen wir das in objektiv gültigen
76
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Urteilen tun. Vergleich und Analyse (Zerlegung eines Ganzen
in seine Teile) sind die Mittel der Deskription, und Vergleich
und Analyse beziehen sich auf Gleichheit und Verschieden¬
heit, Einheitlichkeit und Mehrheitlichkeit. Also muß es
möglich sein, diese Verhältnisse an den phänomenalen Ge¬
gebenheiten als objektiv bestehende in Urteilen festzulegen.
Worauf diese Eigenart der Relationen letzten Endes
beruht, wird später erörtert werden.
Damit wird sich dann zugleich ein an sich für den Phäno¬
menalismus schwerwiegender Einwand erledigen, den u. a.
Stumpf („Erscheinungen und psychische Funktionen“)
erhebt und auf den auch H u s s e r 1 gelegentlich zu sprechen
kommt, der Einwand, daß wir doch von einem Ton etwa
mit Sinn sagen können, er — dieser selbe Ton —habe
eine bestimmte Höhe und Klangfarbe, und nicht, er be¬
komme sie erst durch die auf ihn gerichtete entsprechende
Analyse.
Endlich besteht Gleichheit und Verschiedenheit auch
zwischen ideellen Gebilden, zwischen Gattungen. Darum
dürfen wir doch nicht etwa allgemein die Relationen zu den
ideellen Gegenständen rechnen. Die Gleichheit, die zwischen
zwei körperlichen Dingen z. B. besteht, ist erstens etwas
Konkretes, nichts Allgemeines, und zweitens existiert sie
auch nicht in dem Sinn zeitlos, wie die allgemeinen Gegen¬
stände: Jene Dinge können eine Zeitlang gleich sein und
dann verschieden werden. Die Gleichheit in abstracto ist
natürlich ein allgemeiner und damit ein ideeller Gegenstand.
b) Zur Phänomenologie des Relationsbewußtseins und zur Theorie
der Relationen.
Das Bewußtsein der Einheit und Mannigfaltigkeit einer¬
seits, der Gleichheit und Verschiedenheit andererseits wurden
nicht bloß zufällig nebeneinander gestellt. Sie besitzen viel¬
mehr eine innere phänomenologische Verwandtschaft.
Daß die Begriffe Gleichheit und Einheit und entsprechend
Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit etwas miteinander zu
tun haben, zeigen uns drei Tatsachen. Erstens: ich machte
im vorigen Paragraphen auf das eigentümliche Verhältnis
der Begriffe Einheit und Mannigfaltigkeit aufmerksam. Wir
sehen leicht, daß zwischen Gleichheit und Verschiedenheit
das gleiche Verhältnis statthat. Zweitens: ich sehe zwei
9. Das Gegebensein der Relationen.
77
gleiche Farben nebeneinander, durch einen Zwischenraum
getrennt oder ich höre zwei Töne nacheinander durch eine
Zeitspanne geschieden. Rücke ich dann beide hart anein¬
ander, lasse ich die trennende Raum- bzw. Zeitstrecke ver¬
schwinden, so schmelzen Farben wie Töne unweigerlich zu
einem Gebilde zusammen. Allgemeiner: das Bewußtsein,
zwei gleiche Gegenstände vor uns zu haben, geht über in
das andere, daß ein Gegenstand vorhanden ist, sobald jede
Verschiedenheit, auch die raumzeitliche, verschwunden, also
eigentlich die Gleichheit vollkommen geworden ist. Wo wir
absolute Gleichheit erleben sollten, erleben wir tatsächlich
Einheit. Und endlich drittens: anstatt zu sagen: zwei
Gegenstände sind gleich, sagen wir auch: sie sind „ein und
derselbe“ Gegenstand, nur nach dieser oder jener Seite hin,
z. B. räumlich, zeitlich, in bezug auf einen allgemeineren
Zusammenhang verschieden; oder es ist nur ein Gegenstand,
aber zweimal vorhanden.
Die erste Tatsache zeigt uns, daß zwischen Einheit und
Mannigfaltigkeit einerseits, Gleichheit und Verschiedenheit
andererseits eine Analogie, die zweite, daß zwischen
beiden Begriffspaaren ein innerer Zusammenhang be¬
steht. Die dritte endlich beweist, daß diese Verwandtschaft
schon von der Sprache des gewöhnlichen Lebens dahin
interpretiert wird, daß die Gleichheit allgemein als eine ge¬
wisse Stufe oder als eine Form der Einheit erscheint. Das
aber würde nichts anderes heißen als daß sich das Bewußt¬
sein der Gleichheit auf das Bewußtsein der Einheit zurück¬
führen läßt. Soll sich diese Auffassung rechtfertigen lassen,
so muß es möglich sein, dasjenige Einheitsbewußtsein näher
zu bestimmen, das speziell als Bewußtsein einer Gleichheit
anzusprechen wäre.
Angenommen, wir betrachten zwei durch einen kurzen
Zwischenraum getrennte gleiche Farbflecke. Dann können
diese Flecke zusammen mit dem Zwischenraum für unsere
Wahrnehmungen eine Figur bilden. Sie werden dies,
wie bereits betont wurde, sogar immer tun, w r enn der Zwischen¬
raum verschwindet. Dieses Einheitsbewußtsein nun, das die
beiden verglichenen Inhalte zu mehr oder minder selbstän¬
digen Teilen einer räumlichen Figur macht, ist offenbar
nicht das gesuchte Bewußtsein der Gleichheit, es wurde ja
im Gegenteil auch schon betont, daß in diesem Bewußtsein
einer völligen Einheit das Bewußtsein der Gleichheit viel-
78
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
mehr verschwindet. Vielmehr ist die Vorbedingung für die
Entstehung des Gleichheitsbewußtseins, daß die Gegen¬
stände, deren Gleichheit wir erkennen sollen, uns nicht als
Teile eines Vorstellungsinhaltes, wenn es sich um Farben
und Formen handelt als Teile einer räumlichen Figur, bei
Tönen als Phasen eines sukzessiven Ganzen sofort entgegen¬
treten, sondern daß jede Verbindung dieser Art aufgelöst
wird, daß die Gegenstände als eine Zweiheit bzw. Mehrheit,
Mannigfaltigkeit sich scharf voneinander abheben und gegen¬
übertreten. Das liegt schon im Wort „Relation“; Gleichheit
ist eine Relation. Eine Relation kann nur zwischen zwei
oder mehr Gegenständen bestehen, sie bedeutet die Negation
einer absoluten Einheit. Zugleich haben wir hier das Wesen
des Vergleichens: zwei Gegenstände vergleichen heißt nicht
einfach, sie zusammen beobachten, wie man gelegentlich
gemeint hat. Wenn ich in einer Anzahl gezogener Striche
einfach einen Komplex von Strichen sehe, so beachte ich
auch die Striche zusammen, aber dies Zusammenbeachten
ist nicht dasjenige, was das Vergleichen charakteristisch
ausmacht. Zum Vergleichen gehört im Gegenteil das Sondern,
das gegenseitige Zurabhebungbringen der zusammenbeachte¬
ten Gegenstände. Wenn wir nun in dieser Weise zwei Gegen¬
stände vergleichend betrachten, also jene Betrachtung üben,
die das Bestehen einer einheitlichen Figur für unser Be¬
wußtsein ausschließt, so können wir gegenüber den so
betrachteten Gegenständen immer noch ein Bewußtsein der
Einheit gewinnen. Und eben dies Bewußtsein ist es, das wir
als ein Gleichheitsbewußtsein bezeichnen — ein Bewußtsein
der Einheit, das sich in jener eigentümlichen Weise untrenn¬
bar mit einem Mannigfaltigkeitsbewußtsein kombiniert.
Betrachten wir die Sache noch in einem speziellen Bei¬
spiel. Wir vergleichen zwei nebeneinander befindliche far¬
bige Flächen, dann müssen, wenn wirklich ein Vergleich
zustande kommen soll, die Grenzen der Flächen möglichst
scharf sich voneinander abheben. Der sie etwa verbindende
Zwischenraum wird dabei regelmäßig nur so weit und so fern
beachtet, als er eben trennender Zwischenraum ist; die in
ihm etwa befindlichen Qualitäten treten für die Beachtung
in den Hintergrund. Ebenso wenn wir zwei oder mehr Töne
vergleichen, so dürfen diese Töne nicht zu einem Ton ver¬
schmelzen, wir dürfen auch nicht den Eindruck eines
unterbrochenen Tones haben, wenn wirklich ein Vergleichen
9. Das Gegebensein der Relationen.
79
stattfinden soll, sondern sie müssen in ihrer zeitlichen ge¬
sonderten Existenz sich deutlich gegenübertreten, wir müssen,
um es in Worten zu umschreiben, ein Bewußtsein davon
haben, daß jetzt der eine Ton vorbei ist und der andere
beginnt. Der zeitliche Zwischenraum wird wiederum nur
als trennender Zwischenraum beachtet l .
Ob diese Einstellung, die zum Wesen des Vergleichs
gehört, willkürlich herbeigeführt oder von selbst eingetreten
ist, ob also das Vergleichen selbst uns als „Tätigkeit“ er¬
scheint oder nicht, tut dabei nichts zur Sache. Verständlich
ist nur, daß ein Bewußtsein der Gleichheit am ersten sich da
einstellen wird, wo die Inhalte sofort als deutlich abgegrenzt
und geschieden uns gegenüber treten, ohne daß es hierzu
einer Leistung der Aufmerksamkeit bedürfte. Am schwersten
wird es sich da einstellen, wo die zwei Inhalte keine räum¬
liche Qualität besitzen und gleichzeitig sind, also not¬
wendigerweise als ein zeitliches Ganzes erlebt werden, das
aufzulösen, wenn die Inhalte tatsächlich gleich sind, nur
unter der Voraussetzung gelingt, daß wenigstens eine Ver¬
schiedenheit fundierender Elemente mitspricht, und auch
hier bedarf es, um einen eigentlichen Vergleich herbeizu¬
führen, allemal eines mehrfachen beachtenden Hin- und
Hergehens zwischen den Tönen, bei dem wir nacheinander
erst mehr auf den einen, dann mehr auf den anderen achten,
d. h. die Simultanität wird in ein Nacheinander aufgelöst.
Natürlich können wir auch Räume und Zeiten selbst mit¬
einander vergleichen, aber dann müssen sich eben jene Räume
und Zeiten selbst an verschiedenen Stellen „des“ Raumes
1 Wir können diese vergleichende Einstellung ebensogut Inhalten
gegenüber gewinnen, die aufeinander folgen, wie solchen, die simultan
gegeben sind; es kann jenes Einheitsbewußtsein zwei aufeinander
folgende Inhalte ebensogut umspannen, wie zwei gleichzeitig ge¬
gebene. In den Fällen, in denen wir das Urteil abgeben, ein jetzt
Gesehenes sei einem vor längerer Zeit Gesehenen gleich, ohne daß
dies früher Gesehene jetzt vorgestellt würde, ja vielleicht ohne
daß es exakt erinnerbar ist (vgl. Grünbaum, Abstraktion des
Gleichen, Archiv f. d. ges. Psych. Bd. 12) und A. Brunswig,
Das Vergleichen und die Relationserkenntnis, Lpz. 1910), glaube
ich freilich, daß das Urteil auf einen mit dem Tatbestand der
Gleichheit assoziativ verknüpften Nebeneindruck im Sinne F. Schu¬
manns zurückzuführen ist (vgl. F. Schumann, Beiträge zur
Analyse der Gesichtswahmehmungen).
80
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
bzw. der Zeit befinden und als solche uns getrennt zum Be¬
wußtsein kommen, sie dürfen nicht selbst von uns als bloße
Teile eines räumlichen und zeitlichen Ganzen erlebt werden.
Man darf sich dabei nicht durch den Ausdruck „Gleich¬
zeitigkeit“ täuschen lassen. Das Bewußtsein der Gleich¬
zeitigkeit zweier Ereignisse ist trotz des Wortes kein Gleich¬
heitserlebnis, sondern ein Einheitsbewußtsein jener anderen
Art, ein Bewußtsein einer Zeitstrecke, die von einer Mannig¬
faltigkeit von Inhalten erfüllt ist.
Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich noch
besonders: wir können natürlich daraus, daß eine Fläche
etwa als ein vollkommen einheitliches Ganzes ohne irgend¬
wie sich sondernde Teile unserer Wahrnehmung aufdrängt,
schließen, daß die einzelnen Teile, aus denen sich die
Fläche zusammensetzte, keine Farbverschiedenheit zeigten,
aber das Erschließen der Gleichheit und das erlebte Gleich¬
heitsbewußtsein ist natürlich zweierlei. Wem es bedenklich
erscheint, hier von einem Erschließen zu reden, den erinnere
ich daran, daß wir in einem solchen Fall, wenn wir genau
reden wollen, nicht zu sagen pflegen, die Teile seien als
gleich erkannt worden, sondern sie seien „ununterscheidbar“
gewesen und daher mit großer Wahrscheinlichkeit als gleich
zu betrachten. Das Bewußtsein der Ununterschiedenheit wird,
wie namentlich die tachistoskopischen Vergleichsversuche
zeigen, oft deutlich von dem positiven Bewußtsein der
Gleichheit unterschieden, und wo das der Fall ist, ist meiner
Beobachtung nach der Begriff ununterschieden fast immer der
Ausdruck dafür, daß überhaupt ein Vergleich nicht zustande
kam, weil die zu vergleichenden Gegenstände nicht zur Ab¬
hebung gegeneinander gelangten — was andererseits zu er¬
warten gewesen wäre, w r enn eine Verschiedenheit Vorgelegen
hätte, weshalb die Ununterschiedenheit ein Anzeichen der
Gleichheit ist. (In anderen Fällen ist freilich für ein Be¬
wußtsein der positiven Gleichheit das „ununterschieden“ als
Ausdruck gewählt worden, um ein möglichst vorsichtiges
Urteil zu fällen und anzudeuten, daß man nur seiner sub¬
jektiven Überzeugung Ausdruck geben will.)
Das Einheitsbewußtsein, das wir zwei räumlich bzw.
zeitlich getrennten phänomenalen Gegebenheiten als solchen,
also unter vollem Bewußtsein ihrer raumzeitlichen Ge-
schiedenheit gegenüber haben, ist das Gleichheits¬
bewußtsein. Dabei ist festzuhalten, daß es sich hier
9. Das Gegebensein der Relationen.
81
um das Bewußtsein einer absoluten, keiner Steigerung mehr
fähigen Einheit handelt.
Der absoluten Einheit steht gegenüber die größere oder
geringere einer gradweisen Steigerung fähige Einheit¬
lichkeit eines Gebildes, und wie das Bewußtsein der
Gleichheit ein qualitatives Einheitsbewußtsein ist, d. h. ein
Einheitsbewußtsein, das sich mit dem Bewußtsein einer
raumzeitlichen Mannigfaltigkeit des Verglichenen verbindet,
so finden wir entsprechend ein Bewußtsein einer qualitativen
Einheitlichkeit in dem Tatbestand der Ähnlichkeit.
Ähnlichkeit kann sich zur Gleichheit steigern, Gleichheit als
der höchste Grad der Ähnlichkeit betrachtet werden, sowie
Einheitlichkeit — relative Einheit — sich zur absoluten
Einheit steigern kann. Gleichheit ist das Gegenteil der
Verschiedenheit, sie schließt die Verschiedenheit aus, so wie
absolute Einheit alle Mannigfaltigkeit ausschließt. Dagegen
schließt die Ähnlichkeit eine gewisse qualitative Verschieden¬
heit nicht aus, sondern ein — ähnliche Gegenstände sind
allemal zugleich verschieden — und ebenso schließt die Ein¬
heitlichkeit eine relative Mannigfaltigkeit ein. Im Ähnlich¬
keitsbewußtsein steckt daher zugleich ein Verschiedenheits-,
ein Mannigfaltigkeitsbewußtsein. Nur daß in dem Maß, als
dies Verschiedenheits- oder Mannigfaltigkeitsmoment sich
vordrängt und dominiert, die Ähnlichkeit für uns geringer
wird, um schließlich in ein reines Verschiedenheitsbewußt¬
sein überzugehen.
Allerdings gibt es, genauer betrachtet, zwei verschiedene
Arten der Ähnlichkeit, von denen nur die eine als geringere
Stufe der Gleichheit aufgefaßt werden kann. Ich lasse eine
Kugel aus 1 m, eine andere aus 2 m Höhe auf eine Elfenbein¬
platte fallen, dann sind beide Schalleindrücke der Intensität
nach verschieden, aber zugleich einander ähnlich. Nun
steigere ich allmählich die Fallhöhe der ersten Kugel, und
zugleich steigert sich die Ähnlichkeit der Eindrücke, bis bei
gleicher Fallhöhe volle Gleichheit eingetreten ist. Damit
vergleiche man den anderen Fall: Ich lasse erst einen Ton,
dann seine Oktave erklingen. Dann stehen diese beiden
Töne auch in einem Ähnlichkeitsverhältnis — die an suk¬
zessiv erklingenden Tönen konstatierte Konsonanz, Klang¬
verwandtschaft ist eine bestimmte Art von Ähnlichkeit.
Aber eine Ähnlichkeit, die, wenn sie auch Grade hat (zwei
Töne können konsonanter und weniger konsonant sein),
v. Astsr, Philosoph!«. 6
82
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
doch nie als eine geringere Stufe der Gleichheit betrachtet
werden kann. Um diese eigenartige Ähnlichkeit zu ver¬
stehen, können wir sie auf anderem Gebiet aufsuchen. Man
denke sich zwei Kreise von gleicher Größe, aber verschiedener
Farbe. Dann sind diese Figuren einesteils, nämlich hinsicht¬
lich der Form, gleich, andererseits hinsichtlich der Farbe
verschieden. Wir haben also ein Gleichheits- und ein Ver¬
schiedenheitsbewußtsein, aber beide stehen gewissermaßen
unvermittelt nebeneinander, sie beziehen sich ja auf ver¬
schiedene Gegenstände. Nun können wir aber auch absicht¬
lich jene Trennung von Farbe und Form für unsere Be¬
achtung verschwinden lassen und beide Figuren als Ganzes
vergleichen. Dann bleibt das Einheits- und Mannigfaltig¬
keitsbewußtsein, aber die Gegenstände, auf die es sich be¬
zieht, treten nicht mehr auseinander, und damit müssen
auch diese Eindrücke selbst zu einem einheitlichen Relations¬
bewußtsein verschmelzen. Ein solches Verschmelzungs¬
produkt aber ist, wie wir wissen, das Ähnlichkeitsbewußt¬
sein. Und die beiden Kreise, in dieser Weise verglichen,
erscheinen uns in der Tat ähnlich. Aber in dieser Ähnlich¬
keit stecken Einheit und Mannigfaltigkeit anders darin, als
etwa im vorigen Fall der zwei Schalleindrücke. Dort ist
die Lautheit der Schalleindrücke zugleich ähnlich und ver¬
schieden und in dem Maße verschieden (mannigfaltig), als
sie nicht ähnlich (einheitlich) ist. Jede Verschiebung nach
der Seite der Ähnlichkeit bedingt eine entsprechende Ver¬
schiebung nach der Seite der Verschiedenheit. Hier dagegen
bezieht sich ja, streng genommen, die Einheit und Mannig¬
faltigkeit auf verschiedene Seiten am Gegenstände, es kann
daher auch die Verschiebung nach der einen Seite, die
Steigerung der Einheitlichkeit, keine Verschiebung nach der
anderen Seite, keine Minderung der Mannigfaltigkeit und
umgekehrt bedeuten. Zugleich sieht man, daß, wie der Fall
hier liegt, eine Steigerung und Minderung überhaupt nicht
mehr stattfinden kann. Die Einheit der Form ist ebenso
absolut wie die Mannigfaltigkeit der Farbe. Durch diese
Kombination größtmöglicher Einheit mit größtmöglicher
Mannigfaltigkeit erreicht diese Art der Ähnlichkeit ihren
höchsten Grad, ohne daß dieser höchste Grad mit Gleich¬
heit schlechthin zusammenfallen könnte.
Mit dem Bewußtsein der Gleichheit und Verschiedenheit
hängt ein anderer phänomenaler Relationstatbestand zu-
9. Das Gegebensten der Relationen.
83
sammen: der der bestimmten Anzahl, der Zweiheit, Drei¬
heit usw. Was das Wort Dreiheit besagt, müssen wir natür¬
lich in einem bestimmten Fall uns ebenso zur Gegebenheit
bringen können, wie den Sinn des Wortes Gleichheit und
Ähnlichkeit. Wenn wir eine Anzahl von drei Punkten be¬
trachten, so erfassen wir sie unmittelbar in ihrer bestimmten
Anzahl und unterscheiden sie als drei von vier und ebenso
von zwei Punkten. Aber worin besteht nun dieser Charakter
der Dreiheit, den ein solches Gebilde als phänomenal ge¬
geben für uns aufweist? Zählen kann man nur gleiche
Gegenstände oder Gegenstände, die man als gleich be¬
trachtet — Peter und Paul sind zwei Menschen, ein Stern
und ein Tisch zwei körperliche Gegenstände. Das heißt:
ein aus gleichen Gegenständen bestehendes Ganzes besitzt
für uns allemal auch einen bestimmten Mannigfaltigkeits¬
charakter, den wir ausdrücken, indem wir von der be¬
stimmten Anzahl dieser Gegenstände reden. Zum Zählen
gehört also zweierlei: das Sichzumbewußtseinbringen der
Gleichheit getrennter Elemente, das gleichzeitige Zusammen¬
fassen dieser Elemente zu einem Ganzen und das Zur-
abhebungbringen des Mannigfaltigkeitscharakters, den eben
ein Ganzes dieser Art stets für uns besitzt. Auch das ist
indessen nur eine vorläufige Festlegung, auf die wir an
anderer Stelle, bei der Besprechung der Gesetzmäßigkeit
der Zahl, zurückkommen werden.
Endlich fehlt uns in diesem Zusammenhang noch ein
letzter, und zwar für das folgende der wichtigste Relations¬
begriff, dessen Eigenart zugleich ein besonderes Problem in
sich schließt: der Begriff der Identität. Dieses Problem
liegt vor allen Dingen darin, daß wir doch auch unter der
Identität wie unter der Gleichheit und Verschiedenheit eine
Relation verstehen, eine Relation doch aber allemal min¬
destens eine Zweiheit von Beziehungsgliedern voraussetzt,
während doch im Sinn der Identität die Aufhebung jeder
Zweiheit, jeder Mannigfaltigkeit zu liegen scheint, zwei iden¬
tische Gegenstände schlechthin in einen zusammen¬
schmelzen. Wie kann unter diesen Umständen überhaupt
das Bewußtsein entstehen, zwei Gegenstände seien identisch,
wann und wo können wir eine Beziehung dieser Art er¬
leben ?
Der Fall nun, in dem wir etwas dergleichen erleben, ist
uns im Grunde schon bekannt. Wir stellen etwas in der
6 *
84
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
Phantasie vor — und nun stellt sich das Vorgestellte selbst
ein, es wird von uns wahrgenommen. Dann ist nicht das
Vorstellungsbild mit dem nachfolgenden Wahrnehmungs¬
bild, wohl aber das letztere mit dem im Vorstellungsbild
Dargestellten, Repräsentierten identisch. W'ir haben das
Bewußtsein: eben dies, was wir jetzt sehen, ist es, das uns
in dem Vorstellungsbild repräsentiert war, auf das wir durch
das Vorstellungsbild hindurch hinblickten. Man sieht, worauf
die Möglichkeit dafür beruht, daß hier von einer Identität
gesprochen werden kann: sie beruht darauf, daß eben in
der Vorstellung zweierlei liegt, das Vorstellungsbild selbst
und das Vorgestellte, das natürliche Symbol und das darin
Symbolisierte. Das letztere aber kann eben zusammenfallen
mit einem zu anderer Zeit von uns wahrgenommenen oder
erlebten Tatbestand.
Dasselbe aber kann schließlich überall gesagt werden, wo
wir ein Symbol — auch ein künstliches Symbol — ein
Wort, — vor uns haben. Hier, aber auch nur hier, sind
die Bedingungen erfüllt, die die sinnvolle Anwendung des
Identitätsbegriffes ermöglichen. „Identität“ kann nur zwi¬
schen der Bedeutung eines Symbols und einem gegebenen
Tatbestand oder zwischen der Bedeutung zweier Symbole
bestehen. Denn nur hier haben wir eine Zweiheit und doch
zugleich eine absolute Einheit, ein absolutes Zusammen¬
fallen: Derselbe Gegenstand steht einmal direkt, einmal
durch die Vermittlung dieses oder jenes Symbols vor uns.
Und w i r erleben Identität, indem wir das
Sicherfüllen eines Symbols in einem ge¬
gebenen Tatbestand erleben.
10. Zur Methodik der voraufgegangenen phänomeno¬
logischen Analyse. Kritisch-historischer Exkurs.
Man kann die erkenntnistheoretische Richtung, die man
als „P h ä n o m e n a 1 i s m u s“ zu bezeichnen pflegt, nach
dreifacher Hinsicht prinzipiell charakterisieren. Erstens stellt
der Phänomenalismus als prinzipielle Forderung auf, daß
alle Erkenntnis „ausgehen“ müsse von einem Gegebenen.
Diese Forderung machte ich mir im Anfang meiner Aus¬
führungen zu eigen und präzisierte sie in meinem Sinn ge¬
nauer dahin, daß die in der Erkenntnis gebrauchten sprach¬
lichen Symbole letzten Endes, soweit sie für sich genommen
10. Zur Methodik der voraufgegangenen phänomenologischen Analyse. 85
einen Sinn haben sollen, durch Gegebenheiten ersetzbar sein
müssen. Gegen die Richtungen in der Philosophie, die diese
Forderung prinzipiell bekämpfen, war die Frage zu stellen,
wie sie, ohne ein schlechthin Gegebenes anzuerkennen, ihre
Worte davor schützen, bloße sinnleere Laute zu sein. Hin¬
zugefügt wurde nur, daß es ein mittelbares und unmittel¬
bares Zurgegebenheitbringen gibt, daß jedoch von einem
wirklichen mittelbaren Gegebensein nur da gesprochen
werden kann, wo ein darstellendes (Erinnerungs-, Phantasie-)
Bild des mittelbar Gegebenen vorhanden ist. Zweitens be¬
hauptet der Phänomenalismus, daß es unmöglich sei, er¬
kennend über das Gegebene hinauszugehen. In welchem
Sinn diese freilich niemals absolut festgehaltene Behauptung
zutrifft, in welchem Sinn sie unrichtig ist, wird im nächsten
Kapitel erörtert werden. Drittens behauptet der Phäno¬
menalismus eben als allein gegeben das, was er in seinem
Sinn die „Phänomen e“ nennt. Diesen Begriff des
Phänomens kann man wiederum nach dreifacher Richtung
hin näher bestimmen. Erstens: die Phänomene sind einzelne,
individuelle Tatbestände. Nur solche also sind gegeben.
Zweitens: die Phänomene sind Phänomene im Gegensatz zu
allem dinghaft Realen. Sie sind im besonderen nicht etwas,
das als identisch dasselbe wiederkehren oder für ein anderes
Bewußtsein dasein oder noch als nicht Gegebenes fort¬
existieren könnte. Endlich drittens: gegeben ist eine Mehr¬
heit von Phänomenen, von Erscheinungen — nicht ein Er¬
scheinen wechselnden Inhalts. Es sind „Inhalte“ gegeben,
aber keine das Gegebensein dieser Inhalte noch besonders
vermittelnden „Akte“.
Bestimmen wir die Behauptung, daß nur Phänomene
gegeben sein können, in dieser Weise, so haben uns also
die bisherigen Analysen zu einem Phänomenalismus geführt.
Die phänomenologische Tatsachenanalyse, denn die Frage,
ob nur Phänomene oder noch anderes gegeben sei, ist schlie߬
lich eine reine Tatsachenfrage, es ist nicht selbstverständ¬
lich oder nicht logisch notwendig, daß es kein anderes
Gegebensein gibt. Nur nach einer Richtung waren logische
Überlegungen unentbehrlich: Wollen wir wissen, ob ein Ding
gegeben ist, so müssen wir auf das reflektieren, was allgemein
zugestandenermaßen im Begriff des Dinges für uns liegt,
wir müssen eine — vorläufige — Analyse des Ding¬
begriffes voraufschicken, um zu entscheiden, ob das da
86
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
oder dort Gegebene wirklich als ein Ding angesprochen
werden kann. Nur in diesem Sinn wurden logische Argu¬
mente als Hilfsmittel gebraucht, um die phänomenologische
Frage sozusagen zu fixieren; die eigentliche Entscheidung
muß selbstverständlich die Analyse des Gegebenen selbst
bringen.
Ich habe mich daher auch, um das namentlich hervor¬
zuheben, nicht des allzu bequemen Arguments bedient, das
seit Berkeley zum eisernen Bestand des Phänomenalismus
gehört, es sei ein logischer Widerspruch, wenn wir einem
wahrgenommenen Gegenstand Existenz un¬
abhängig von der Wahrnehmung beilegten.
Dieses Argument ist in letzter Zeit von verschiedenen Seiten 1
mit Recht bekämpft worden. Es ist in der Tat als Argument
eine petitio principii. Denn es kann niemals daraus, daß die
Behauptung der Existenz eines Wahrnehmungsgegenstandes,
ohne wahrgenommen zu sein, einen logischen Widerspruch
enthalte, geschlossen werden, daß wir unter Sein nichts
anderes verstehen können, als Bewußtsein bzw. Gegeben¬
sein, sondern nur umgekehrt: die Beantwortung der Frage,
ob hier ein logischer Widerspruch vorliegt, kann erst erfolgen,
wenn wir wissen, was Sein und was Gegebensein heißt. Der
Gang meiner Argumentation war, um ihn noch einmal in
anderer Form zu wiederholen, in bezug auf den in Rede
stehenden Punkt ein anderer; der Ausgangspunkt ist die
Frage: was heißt ein Inhalt ist gegeben? Bedeutet es dies,
daß dem Inhalt eine abtrennbare Eigenschaft, etwa eine
Beziehung zu etwas anderem (zu einem Akt, einem er-
kennden Ich) zukommt, so daß wir den Inhalt einmal mit,
einmal ohne diese Eigenschaft uns vorzustellen, uns mittel¬
bar zur Gegebenheit zu bringen imstande wären ? Das wäre
an sich denkbar, es wäre kein logischer Widerspruch — es
wäre kein Widerspruch, einen nicht wahrnehmbaren Gegen¬
stand vorstellen zu können; wenn ich einen Gegenstand mir
durch einen unmittelbar gegebenen Bewußtseinsinhalt reprä¬
sentiert sein lasse, so kann daraus nicht logisch gefolgert
werden, daß das Repräsentierte selbst ein unmittelbar ge¬
gebener Bewußtseinsinhalt sei (wie es meist ausgedrückt
wird, w r enn ich etwas denke, so ist damit nicht gesagt, daß
1 Vgl. Stumpf, Erscheinungen und psychische Funktionen,
und Kiilpc, Die Realisierung, L Bd.
10. Zur Methodik der voraufgegangenen phänomenologischen Analyse. 87
auch das Gedachte ein Denken ist). Aber ich berufe mich
hier auf die Tatsachen. Auf die Aufforderung, eben das,
was wir jetzt als rote Farbe wahrnehmen, einmal als wahr¬
genommen und einmal als nichtwahrgenommen vorzustellen,
ist es nicht möglich zu antworten, indem wir uns einfach
zwei phänomenaliter verschiedene Data vergegenwärtigen.
Ich kenne nicht zwei solche Data. Der Gedanke einer solchen
nicht wahrgenommenen Farbe ist also nicht ein logisch
widersprechender Gedanke, sondern ein leeres, nicht mit
vorstellbarem Inhalt erfüllbares Wort. Wenn wir trotzdem
von Farben, die fortexistieren, scheinbar sinnvoll reden, so
liegt darin also ein logisches Problem.
Ebenso in einem anderen Fall: Die Aufgabe, zwei Gegen¬
stände mir zu vergegenwärtigen, die trotz ihrer Zweiheit
schlechthin identisch sind, vermag ich mir nur in dem einen
Fall, hier aber auch glatt gelöst vorzustellen, daß es sich
um zwei Gegenstände handelt, von denen der eine den
anderen symbolisch darstellt, die symbolische Funktion des
einen sich im anderen erfüllt. Der Begriff zweier verschie¬
dener gegeneinander selbständiger, nicht im Symbolverhältnis
zueinander stehender Gebilde, zwischen denen doch Identität
besteht, ist dagegen wieder für mich ein leeres, mit keinem
gegebenen Inhalt erfüllbares Wort. Wenn wir also von
solcher Identität scheinbar sinnvoll reden, so liegt darin
wiederum ein logisches Problem.
Ist diese phänomenologische Analyse richtig, so folgt
wiederum aus ihr, daß Dinge nicht gegeben sind und daß
ein Ich nicht gegeben ist, denn in diesen Begriffen spielt
dies Moment der Identität eine wesentliche Rolle. Und
daß, wenn wir ein Gegebenes als dasselbe Ding bezeichnen,
das schon vorher da war, dieser sprachliche Ausdruck, auch
wenn er sich ganz unmittelbar einstellt, doch keine einfache
Konstatierung eines gegebenen Tatbestandes ist, sondern
eine irgendwie geartete Ausdeutung desselben, deren Sinn
erst gesucht werden muß, daß wir uns erst die Frage stellen
müssen, wieso eine solche Behauptung einen Sinn haben
und worin er bestehen kann.
Es erhellt aus den letzten und den vorangegangenen Aus¬
führungen ganz von selbst, in welchem inneren Zusammen¬
hang die Annahme des Gegebenseins realer und idealer
Gegenstände einerseits und die der Existenz von Akten als
unmittelbar erfaßbaren psychischen Gebilden andererseits
88
Erstes Kapitel. Phänomenologische Grundlegung.
steht. Wir können den Zusammenhang kurz so deutlich
machen: Elin Gegebensein von Realem und Idealem schließt
den Gedanken ein, daß derselbe Gegenstand einmal als
individuelles Phänomen, einmal als real fortexistierendes
Gebilde, einmal als gattungsartiges Gebilde, das auch noch
als dasselbe anderswo und zu anderer Zeit vorkommt, auf¬
gefaßt werden kann, daß dieser Wandel der Auffassung ein
im unmittelbar Gegebenen sich vollziehender ist. Es ist
daher kein Zufall, daß die Husserlsche Phänomenologie aus
derjenigen Psychologie erwachsen ist, die sich vor allem als
Aktpsychologie gibt, aus der Schule Brentanos. Nur
besteht hier noch eine doppelte Möglichkeit: Entweder man
sagt, das gegebene Phänomen werde zum realen Ding oder
zum allgemeinen Begriff durch das Hinzutreten des betreffen¬
den Aktes — das Ding ist das durch einen besonderen Urteils¬
akt anerkannte Phänomen, die Gattung ist das Phänomen,
von dessen Hier und Jetzt ich abstrahiere. Das ist, wenn
ich nicht sehr irre, der Standpunkt der eigentlichen Lehre
Brentanos und seiner Schüler. Sie erfuhr ihre erste Modi¬
fikation durch die von K. Twardowski zuerst einge¬
führte Scheidung von Inhalt und Gegenstand der Vor¬
stellungen *. Hier wird bereits der Gegenstand, der genauer
hier den realen Gegenstand bedeutet, zu etw r as einheitlich
Gegebenem, dem der auf ihn gerichtete Akt nur als er¬
fassender Akt korrespondiert, er kann nicht mehr definiert
werden als das Phänomen, sofern ein bestimmter Akt sich
auf dasselbe bezieht. Die Weiterentwicklung finden wir bei
M e i n o n g in der Abhandlung über „Gegenstände höherer
Ordnung und ihr Verhältnis zur inneren Wahrnehmung“ und
in seiner Idee einer Gegenstandstheorie als Wissenschaft
und entsprechend inHusserls Phänomenologie. Sie voll¬
zieht sich unter dem Eindruck der Überzeugung, daß sich
die Brentanosche Lehre unlösbar in die Schwierigkeiten
verwickelt, die der Aristotelischen Lehre vom Allgemeinen
entgegenstehen, daß sie das Identisch-Eine des Gemeinten
nicht festzuhallen vermag. Alle unsere Worte (mögen sie
allgemeiner Bedeutung sein oder ein dinglich Reales nennen,
mögen sie einzelne Worte oder ganze Lehrsätze sein) meinen
ein Bestimmtes, das als identisch dasselbe auch zu anderer
1 Twardowski, Uber Inhalt und Gegenstand der Vor¬
stellungen, Wien 1894.
10. Zur Methodik der voraufgegangenen phänomenologischen Analyse. 89
Zeit und von verschiedenen Personen gemeint sein kann.
Dieses Identisch-Eine ist entweder ein Gegebenes, oder man
setzt an seine Stelle eine Summe gleichartiger Phänomene,
verknüpft mit eben solchen Akten, die zu verschiedenen
Zeiten und in verschiedenen Bewußtseinen existieren — man
„deutet es also psychologistisch um“. (Auf der anderen Seite
erscheint mir z. B. M a r t y s kritische Stellungnahme gegen
Meinong und Husserl von dem Gedanken beherrscht, dem
ich in den vorhergehenden Paragraphen Ausdruck gegeben
habe, daß hier Probleme anstatt gelöst abgeschnitten werden.
Daher sein immer wiederholter Vorwurf, den der Unbefangene
meiner Meinung nach stets in gewisser Weise als berechtigt
fühlen muß, daß hier, bei Husserl und Meinong unnötiger¬
weise überflüssige letzte neue Klassen von Gegenständlich¬
keiten eingeführt werden.)
Husserl selbst faßt den Standpunkt seiner Phänomeno¬
logie nirgends schärfer zusammen als in seiner Abhandlung
im Logos: „Alles kommt darauf an, daß man sieht und es
sich ganz zu eigen macht, daß man genau so unmittelbar
wie einen Ton hören, so ein „Wesen“, das Wesen „Ton“,
das Wesen „Dingerscheinung“, das Wesen „Sehding“, das
Wesen „Bildvorstellung“, das Wesen „Urteil“ oder „Wille“
schauen und im Schauen Wesensurteile fällen kann. Anderer¬
seits aber, daß man sich hütet vor der Humeschen Ver¬
mengung, und demgemäß nicht phänomenologische Schauung
mit Selbstbeobachtung, mit innerer Erfahrung, kurzum mit
Akten verwechselt, die statt Wesen vielmehr diesen ent¬
sprechende Einzelheiten setzen.“ (Logos I, S. 318.) Mir
scheint in der Tat, um es zum Schluß noch einmal zusammen¬
zufassen, daß hier nur zwei Möglichkeiten bestehen. Ent¬
weder man anerkennt die realen und idealen Gegenstände
als ebensoviele Gegebenheiten, oder man leugnet
diese Gegebenheiten — verzichtet dann aber auch darauf,
sie durch Zusammensetzung von Akten und Phänomenen
doch noch entstehen zu lassen, d. h. man zieht die n o m i -
nalistische Konsequenz und stellt nur noch die Frage,
wie Dinge und Gattungen bezeichnende Nomina als „sinn¬
volle“ Gebilde der Sprache möglich sind.
Zweites Kapitel.
Das Wesen des Urteils.
1. Wort und Satz. Die Frage nach dem Sinn
des Satzes.
E s sei zunächst noch einmal an das Problem erinnert,
von dem die Betrachtungen des ersten Kapitels aus¬
gingen. Jeder Begriff, den wir in wissenschaftlicher Absicht
gebrauchen, muß erkenntnistheoretisch „geklärt“, d. h. zu¬
nächst seinem Inhalt nach eindeutig festgelegt sein. Begriffe
treten uns entgegen als sinnerfüllte Worte; es handelt sich
also darum, die Bedeutung bestimmter Wortsymbole ein¬
deutig zu bestimmen. Das kann, so scheint es, endgültig
nur geschehen, indem wir dem betreffenden Wort einen
unmittelbar oder mittelbar gegebenen Tatbestand zuordnen,
als dessen Eigennamen wir das Wort betrachten dürfen.
Daraus entstand die Frage: Läßt sich für jedes Wort ein
solcher Tatbestand finden, läßt sich jedes Wort, das wir
gebrauchen, als Name eines Gegenstandes auffassen, den wir
uns zur Gegebenheit bringen können? Die Antwort auf
diese Frage nun lautete verneinend. Wir finden, daß
alle unsere Begriffe, die oder sofern sie ideale oder reale
Gegenstände bezeichnen, keine Gegebenheiten als solche be¬
nennen, in ihrer Bedeutung also über das Gegebene hinaus¬
gehen. Das Ergebnis bezeichneten wir als „nominalistisch“,
der vergebliche Versuch, den Sinn der betreffenden Worte
selbst zu erfassen, charakterisiert uns dieselben als „bloße“,
sinnleere „nomina“, als bloß scheinbare Namen, denen gar
kein benannter Gegenstand entspricht, als Namen fingierter
Gegenstände, oder noch besser als fingierte Namen; denn
eben daß sie Namen für etwas sind, ist „fingiert“.
Hier aber entsteht nun die Frage: Wie kann das so sein,
wenn doch jedermann der Meinung ist, mit diesen Worten
einen bestimmten Sinn zu verbinden, wenn wir doch uns
bewußt sind, sie sinnvoll zu gebrauchen?
1. Wort und Satz. Die Frage nach dem Sinn des Satzes.
91
Eben diese Frage weist uns nun bereits den Weg zur
Lösung. Wir gebrauchen die Worte in einem bestimm¬
ten Sinn, wir glauben mit ihnen einen Sinn zu verbinden,
wenn wir sie verwenden. Wir müssen also, um die Frage
zu beantworten, inwiefern hier doch von einem Sinn die
Rede sein und dieser Sinn uns bekannt sein kann, auf diesen
Gebrauch reflektieren, wir müssen die Worte als Be¬
standstücke der lebendigen Sprache aufsuchen.
Auf denselben Weg weist uns ein anderer Gedanke. Wir
fragten nach dem Sinn eines Wortes. Aber ein Wort für
sich genommen kommt ja eigentlich nie vor, cs kommt nur
als Glied eines umfassenderen sprachlichen Ganzen, eines
Satzes. So enthält also die Frage nach dem Sinn eines
Wortes streng genommen etwas Naturwidriges. Und es
könnte so sein, daß das Wort für sich genommen gar keinen
Sinn hat, sondern ihn erst erhält im Zusammenhang des
Satzes, oder daß der sog. „Sinn“ des Wortes darin be¬
steht, als Teil eines wirklich sinnvollen Ganzen zu fun¬
gieren.
Um dem Gedanken wenigstens etwas von seinem para¬
doxen Anstrich zu nehmen, erinnere ich an Worte, bei denen
wir alle der Meinung sind, daß für sie wenigstens etwas
Ähnliches gilt: die sogenannten synkategorematischen Aus¬
drücke „und“, „oder“ usf. Es könnte sein, daß auch die
Substantiva allgemeiner und dinglicher Bedeutung in ge¬
wisser Hinsicht „synkategorematische Ausdrücke“ wären.
Das sprachliche Ganze einheitlichen Sinnes, dem ein
Wort als Bestandstück sich einfügt, wurde schon als „Satz“
bezeichnet. Der Frage nach der Bedeutung der von uns
gebrauchten Worte soll die entsprechende Frage bezüglich
der Sätze vorausgehen.
Die Bedeutung eines Wortes bezeichneten wir auch als
den dem Wort zugehörigen Begriff (wobei freilich das
Wort „Begriff“ selbst in der denkbar weitesten Bedeutung
genommen ist). Entsprechend können wir allgemein den
Sinn eines Satzes als das dem Salz zugehörige Urteil
bezeichnen.
Die Bedeutung jedes Satzes ist ein Urteil. Sie kann
außerdem noch allerhand anderes sein: ein Wunsch, ein Be¬
fehl, eine Frage. Aber auch wenn ich einen Wunsch z. B.
äußere: „Möchte es doch morgen nicht regnen“, liegt doch
in dieser Äußerung unzweifelhaft die Konstatierung,
92
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
daß ich, der Sprechende, eben diesen Wunsch hege. Und
diese Konstatierung ist ein Urteil, nach dessen Wahrheit
ich fragen kann (Möchtest du dies wirklich? Ist es wahr,
daß du das wünschst?). Natürlich ist diese Konstatierung
nicht dasjenige, was der Sprechende dem Hörer mitzuteilen,
was er auszudrücken strebt (insofern sind die sprach¬
lichen Ausdrücke „Möchte dies geschehen“ und „ich hege
den Wunsch, daß dies geschehen möchte“ in ihrer Be¬
deutung verschieden), aber sie liegt unweigerlich in dem Satz
impliziert: ich kann keinem Wunsch Ausdruck geben, ohne
implicite zu urteilen, daß ich den Wunsch habe, oder all¬
gemeiner: ich kann keinen Satz aussprechen, ohne daß
dieser Satz ein Urteil enthält. Die Bedeutung eines Satzes
hat allemal Urteilsform, wenn es sich auch hier bisweilen
gewissermaßen um eine bloße Form handeln kann.
Die Untersuchung der „Begriffe“ also führt uns zur
Untersuchung des „Urteils“, weil, wie es vorhin ausgedrückt
wurde, Worte möglicherweise überhaupt erst im Zusammen¬
hang des Satzes einen Sinn oder wie wir jetzt dafür sagen
können, Begriffe vielleicht erst als Teile von Urteilen einen
festen Inhalt gewinnen. In der letzten Form liegt der Ge¬
danke der Geschichte der Philosophie nicht absolut fern.
Ich erinnere an Kants Bezeichnung der Begriffe als „Prädikate
möglicher Urteile“ (Kr. d. r. V., Ausg. v. Kehrbach S. 89).
Endlich führt uns so der Gang unserer Überlegung von
selbst auf das Gebiet, auf das uns der früher zitierte Ein¬
wand Husserls gegen die nominalistische Position weist.
Dieser Einwand behauptete, daß der Nominalismus eine
Relativierung der Erkenntnis und des Wahrheitsbegriffes zur
notwendigen Folge habe. Die Erkenntnis vollzieht sich in
Urteilen, der Begriff der Wahrheit findet seine ausschlie߬
liche Anwendung auf Urteile. So kommen wir bei dieser
Wendung der Untersuchung von selbst zu dem Kernproblem
der Erkenntnistheorie und zu der Frage, welche Stellung der
nominalistische Standpunkt diesem Problem gegenüber fordert.
2. Das Kriterium des Urteils. Das Urteil als unmittel¬
bar gegebener Tatbestand.
Wollen wir einen Tatbestand kennen lernen, in seiner
Eigenart uns deutlich machen, so müssen wir ihn direkt zu
erfassen, ihn also unmittelbar uns zur Gegebenheit zu bringen
2. Kriterium des Urteils. Das Urteil als unmittelbar gegebener Tatbestand. 93
versuchen. Wollen wir also die Frage nach dem Wesen des
Urteils beantworten, so müssen wir uns ein Urteil zur Ge¬
gebenheit bringen. Die Aufgabe scheint nicht schwer zu
lösen: wir brauchen, so scheint es, nur ein Urteil im Bewußt¬
sein zu vollziehen und nur hinzublicken auf den Urteils¬
vorgang und seinen sachlichen Gehalt, wie sie sich für unser
Erleben darstellen. Noch genauer: Urteile sind ja der Be¬
deutungsgehalt von Sätzen, es handelt sich also darum, einen
Satz „sinnvoll“, mit „Bewußtsein seines Sinnes“ auszu¬
sprechen, zu lesen oder zu hören und zugleich diesen Sinn
im Bewußtsein zu fixieren.
Muß nun dieser Weg zu dem gewünschten Ziel führen ?
Muß, wenn wir einen Satz sinnvoll auffassen, der Sinn des
Satzes jedesmal dem Hörenden oder Sprechenden als ge¬
geben gegenwärtig sein ? Wir wissen bereits, daß dem nicht
so ist. Ein Wort sinnvoll gebrauchen und den Sinn desselben
gegeben vor sich haben, ist zweierlei, und was vom einzelnen
Wort in dieser Hinsicht gilt, muß natürlich auch vom Satz
gelten.
Ob uns aber tatsächlich die einfache, direkte Be¬
obachtung dessen, was im Bewußtsein sich abspielt, während
wir einen Satz mit Sinn aussprechen, zu dem gewünschten
Erfolg in irgendeinem Fall führt, das kann natürlich nur die
Erfahrung lehren. Mir scheint in dieser Hinsicht lehrreich
die uralte, bis auf Aristoteles zurückgehende Definition von
dem Urteil als der „Zusammensetzung der Vorstellungen“.
Daß die Definition vom sprachlich formulierten Satz ausgeht,
liegt auf der Hand. Der Satz ist die Zusammenfügung
zweier Worte — er besteht aus Subjekt, Prädikat und der
verbindenden Copula, jedes dieser einzelnen Worte hat seinen
Sinn, der doch als Bestandteil in den Sinn des Ganzen ein¬
geht. Es ist augenscheinlich: die Definition schließt von
der Eigenart des Satzes auf die Beschaffenheit des im Satz
Gemeinten. Sie konstruiert das Urteil und sein begriffliches
Wesen, indem sie den sprachlichen Satzausdruck analysiert,
anstatt sich auf eine direkte Analyse des Urteilstatbestandes
selbst zu stützen. Wenn wir das Urteil fällen: Alle Menschen
sind sterblich: stellen wir dann wirklich erst Menschen und
„Sterblichkeit“ vor, um dann beides zu verknüpfen? Zeigt
uns die direkte Beobachtung, das unmittelbare Bewußtsein
etw r as von solchen Vorgängen? Ich meine, schon der Streit
darüber, ob nicht eher vielleicht das gerade Gegenteil, die
94
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Zerlegung einer „Gesamtvorstellung“ in zwei Einzelvor¬
stellungen stattfinde, zeigt, wie wenig Anteil die direkte
Analyse irgendeines nicht rein sprachlichen Gebildes an der
ganzen vom Satz ausgehenden Urteilslehre hat. Man würde
aber nicht aus dem Wesen des Satzes das Wesen des Urteils
herauskonstruiert, man würde nicht diese Konstruktion mit
einer direkten Analyse verwechselt haben, wenn das ge¬
suchte Urteil selbst sich der Analyse ohne weiteres dargeboten
hätte. (Was endlich die Schlußkette selbst angeht, durch
die die Begriffsbestimmung des Urteils entstanden ist: Muß
wirklich, wenn der sprachliche Satz ein Zusammengesetztes
ist, auch der Sinn ein Zusammengesetztes sein? Muß jedem
selbständigen Wort im Satz ein Bestandteil des Sinnes ent¬
sprechen? Muß das Urteil verknüpfen oder sondern, wenn
der Satz es tut? So viel Schlüsse, so viel Fragezeichen.)
Mir scheint, der ganze Weg, den man hier zur Analyse
des Urteils verfolgt, ist ein Irrweg. Und er kennzeichnet sich
uns von vornherein als ein solcher. Wir wollten vom Sinn
des Satzes, des sprachlichen Ganzen ausgehen, um zu
verstehen, worin der „Sinn“ eines einzelnen Wortes über¬
haupt besteht; die hier erwähnte Definition geht aus von
dem Gedanken, daß der Sinn des Satzes den der einzelnen
Worte in sich enthält, setzt also den letzten als bekannt
voraus.
Wenn wir nun aber so nicht zum Ziel gelangen, welchen
Weg müssen wir dann einschlagen? Der Fehler lag in dem
Ausgehen vom sprachlichen Satz. Das sinnvolle Ge¬
brauchen eines W'ortes oder Satzes i s t nicht identisch mit
dem Gegebensein des Sinnes und setzt das letztere auch in
keiner Weise voraus. Wir müssen uns also umgekehrt von
dem Achten auf den sprachlichen Ausdruck nach Möglich¬
keit freimachen. Wir müssen m. a. W. das sonst in Worten,
im Satz Gemeinte zu fassen suchen in einem Fall, in dem es
eben nicht als Gemeintes, sondern als Gegebenes da ist.
Wir müssen ohne Worte vom Gegebenen ausgehen und es
daraufhin durchgehen, ob sich in ihm etwas findet, dem wir
in einem Satz bestimmter Art Ausdruck geben würden. Oder,
um es noch anders zu sagen: Der Sinn jedes Satzes (im Unter¬
schied zu dem des einzelnen Wortes) kennzeichnete sich uns
als „Urteil“. Deshalb gaben wir der Frage nach dem Sinn
des Satzes die andere Form der Frage nach dem Wesen des
Urteils. Wollen wir diese Frage beantworten, so müssen
2. Kriterium des Urteils. Das Urteil als unmittelbar gegebener Tatbestand. 95
wir uns ein Urteil in seiner Eigenart zur Gegebenheit bringen.
Das kann nicht so geschehen, daß wir einen Satz aussprechen
und das Urteil gleichzeitig zur Gegebenheit zu bringen
suchen, sondern nur so, daß wir die uns bekannten Gegeben¬
heiten daraufhin untersuchen, ob sich unter ihnen ein Tat¬
bestand findet, den wir als Urteil bezeichnen und ansprechen
dürfen. Haben wir einen solchen Tatbestand gefunden, so
haben wir uns damit zugleich ein Urteil zur Gegebenheit
gebracht.
Nun ergibt sich aber zunächst die Frage: woran erkennen
wir denn einen Tatbestand als Urteil? Was ist das Kenn¬
zeichen, das Kriterium des Urteils? Wann reihen wir einen
Tatbestand unter den Begriff Urteil ein?
Die Antwort auf diese Frage ist alt, und wir haben uns
des gesuchten Kriteriums schon weiter oben bedient: Ein
Urteil nennen wir ein Gebilde, dem gegenüber wir mit Sinn
die Frage nach der Wahrheit stellen, das wir be¬
jahen und verneinen, also als wahr und falsch bezeichnen
können. Daß wir jeden Satz als Ausdruck einer „Behaup¬
tung“ fassen können, nach deren Wahrheit wir fragen können,
macht den Sinn jedes Satzes zum Urteil.
Selbstverständlich handelt es sich in dieser Bestimmung
nur um ein äußeres Kennzeichen, nicht um eine Wesens¬
definition des Urteils, die wir ja erst zu gewinnen suchen.
Im besonderen setze ich keineswegs den Wahrheitsbegriff
selbst als endgültig geklärten oder philosophich definierten
Begriff voraus, ich gehe nur von der allbekannten Tatsache
aus, daß wir diesen Begriff verwenden und in bestimmter
Weise verwenden. Was wir aber mit der Frage nach der
Wahrheit eigentlich meinen, diese Frage wird sich im philo¬
sophischen Sinn erst zugleich mit der Frage nach dem Wesen
des Urteils für uns beantworten.
Eine Wahrnehmung ist mir gegeben, ich sehe ein
Rot oder höre einen Ton. Hat es einen Sinn, diese Gegeben¬
heiten als solche wahr oder falsch zu nennen? Nach ihrer
Wahrheit auch nur zu fragen? Offenbar nicht: ich kann
fragen, ob dem gehörten Ton ein „realer“ entspricht oder
ob es sich um eine subjektiv bedingte Erscheinung handelt,
ob der gesehene Gegenstand wirklich rot und das Urteil,
das dies aussagt, daher wahr ist, aber die gesehene Farbe
als solche oder der gehörte Ton als solcher ist nicht „wahr“
und „falsch“. Es ist das ein Gedanke, der auch schon früh
96
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
ausdrücklich betont worden ist, es ist eine alte Lehre, daß
nicht die Sinne als solche, sondern nur der Verstand irren
kann.
Wie mit den Inhalten der Wahrnehmung, so steht es
offenbar mit den Gefühlen und Willensakten. Ein Gefühl
der Trauer, des Zorns oder der Freude ist da oder nicht da,
es kann ferner tiefer oder weniger tief in der Persönlichkeit
wurzeln, es kann berechtigt oder unberechtigt, aber es kann
nicht „wahr“ oder „falsch“ sein. Wir sprechen freilich wohl
einmal von einem „wahren“ Gefühl“, aber wir meinen mit
dieser offenbar bildlichen Redeweise genauer ein „echtes“,
„aufrichtiges“ Gefühl, d. h. wir meinen, daß die Art, wie
die betreffende Person ihr Gefühl äußert, ihrem wirklichen
Fühlen entspricht und daß ihr Gefühl selbst nicht das bloße
Produkt einer vorübergehenden Autosuggestion ist.
Man sieht zugleich, warum in allen diesen Fällen der
Wahrheitsbegriff keine sinngemäße Anwendung finden kann.
Es handelt sich hier um bestimmte einfache Gegebenheiten
— solche Gegebenheiten sind vorhanden oder nicht vorhanden,
was sollte es für einen Sinn haben, sie, wenn sie da sind,
noch besonders zu bejahen oder gar zu verneinen?
Nun stelle man diesen Gegebenheiten gegenüber einen
Inhalt unserer Vorstellung, ein beliebiges Gebilde der Phan¬
tasie. Auch hier handelt es sich zunächst einfach um einen
gegebenen Inhalt, für den als solchen dasselbe gilt, wie für
Wahrnehmungsbilder und Gefühle. Aber das Phantasiebild
ist doch zugleich nicht ein bloßer auf sich ruhender Gegen¬
stand, es weist auf etwas anderes hin, auf etwas, das zugleich
nicht, nämlich nicht unmittelbar gegeben ist, es hat eine
„symbolische Funktion“. Indem ich mir einen goldenen
Berg vorstelle, stelle ich mir in Form eines Phantasiebildes
etwas vor, das an und für sich nicht Phantasiebild ist,
nämlich den Anblick, den mir ein solcher Berg gewähren
würde, wenn er leibhaftig vor mir stände.
Und nun verändern wir zunächst das Beispiel ein wenig,
indem wir an die Stelle des Phantasiebildes ein Erinnerungs¬
bild setzen. Auch das Erinnerungsbild weist auf etwas
anderes hin, wir erinnern uns durch das Erinnerungsbild a n
etwas anderes, früher Dagewesenes, das in dem Erinnerungs¬
bild „repräsentiert“ ist. Ich stelle mir nun einen vergangenen
Vorfall vor, ich suche ihn mir möglichst deutlich zu ver¬
gegenwärtigen, dann kann ich offenbar fragen, ob denn auch
2. Kriterium des Urteils. Das Urteil als unmittelbar gegebener Tatbestand. 97
jener Vorfall „wirklich“ sich so abgespielt
hat, wie meine Erinnerung ihn mir zeigt, ob mein Er¬
innerungsbild also „richtig“ ist oder das Erinnerte „ver¬
fälscht“. Erinnerungsbilder können wahr
oder falsch sein, es hat einen guten Sinn, ihnen gegen¬
über die Frage nach der Wahrheit zu stellen. Man sieht,
worauf das beruht: Ein Erinnerungsbild ist zwar freilich
ein gegebener Inhalt, aber es ist mehr als das: es ist ein
Inhalt, der einen anderen darzustellen oder abzubilden den
Anspruch erhebt.
Zugleich beantwortet sich die Frage, was denn eigentlich
die „Frage nach der Wahrheit“ bedeutet.
Nach einer alten Definition ist „Wahrheit“ die „Über¬
einstimmung mit dem Gegenstände“. Schließen wir uns
dieser Definition an, so kann ein Gebilde sinnvollerweise
nur dann „wahr“ genannt werden, wenn es erstens einen
„Gegenstand“ hat, also sich auf etwas außerhalb seiner be¬
zieht und zweitens mit diesem „Gegenstand“ „überein¬
stimmen“, d. h. ihn darstellen oder abbilden soll. Dafür
können wir in unserer Sprache sagen: Wahr kann nur ein
Gebilde sein, das erstens ein Symbol und zweitens ein
natürliches Symbol ist.
Dazu kommt nun freilich noch eins: ich kann die Frage
nach der Übereinstimmung eines Gebildes mit einem anderen
offenbar nur da stellen, wo es sich wirklich um zwei Ge¬
bilde handelt, w r o ich mit Sinn Darstellung und Dargestelltes
wenigstens theoretisch von einander unterscheiden kann.
Ich kann fragen, ob Oktavio Piccolomini wirklich einen solchen
Sohn gehabt hat, wie Schiller ihn im Max ihm andichtel,
ich kann aber nicht im selben Sinn fragen, ob der alte Moor
wirklich zwei solche Söhne wie Franz und Karl Moor be¬
sessen habe, weil die letzteren drei Persönlichkeiten eben
nur als dar gestellte, in der Schillerschen Dar¬
stellung existieren, weil es daher keinen Sinn hat, sie selbst
ihrer Darstellung gegenüberzustellen und nach abweichenden
und übereinstimmenden Zügen zu suchen. Aus demselben
Grunde können wir nicht nach der Wahrheit eines bloßen
Phantasiebildes fragen. Das Phantasiebild hat zw r ar einen
Gegenstand, den es repräsentiert, aber dieser Gegenstand
führt keine Sonderexistenz, er existiert nur a 1 s Gegenstand
des momentanen Phantasiebildes. W T ir können indessen
auch ein Phantasiebild in Gedanken so verändern, daß die
v. Aster, Philosophie. 7
98
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Frage nach seiner „Wahrheit“ einen entsprechenden Sinn
bekommt, wie beim Erinnerungsbild. Ich erwarte einen
Freund, den ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe.
Und nun stelle ich mir vor, wie er jetzt aussehen wird, ich
verändere in Gedanken das Bild, das mir die Erinnerung
von ihm zeigt, so, wie sich m. M. n. das Aussehen eines
Menschen in zwanzig Jahren zu verändern pflegt. Ich
schaffe mir damit ein Phantasiebild, aber dieses Phantasie¬
bild will oder soll mir etwas repräsentieren, das ich in einigen
Minuten wahrzunehmen erwarte. Und nun kann ich fragen,
ob dies Bild, das sich meine Phantasie von dem Erwarteten
macht, richtig ist, sich bewahrheiten oder sich als
falsch erweisen wird. Ich kann nach der Wahrheit des
Phantasiebildes fragen, wenn das Phantasiebild zum „Er¬
wartungsbild“ 1 wird.
Im Erinnerungs- und Erwartungsbild finden wir einen
uns gegebenen Tatbestand, dem gegenüber wir mit Recht
die Frage nach seiner Wahrheit stellen können. Also ist
jedes Erinnerungs- oder Erwartungsbild ein „Urteil“ zu
nennen, denn „Urteil“ sollte das und nur das heißen, das
wahr oder falsch sein kann. Man beachte: ein Erinnerungs¬
bild i s t ein Urteil, es „fundiert“ oder „begründet“ nicht
etwa ein solches. Die Aufgabe, die wir uns stellten, war
die, uns ein Urteil zur Gegebenheit zu bringen, wir wollten
diese Aufgabe dadurch lösen, daß wir unter den uns be¬
kannten Gegebenheiten nach einem Inhalt suchten, der als
Urteil angesprochen werden dürfte, durch den Hinweis auf
Erinnerungs- oder Erwartungsbild haben wir also soweit
dieser Aufgabe entsprochen.
3. Erinnerung, Erwartung und Einfühlung als die drei
Formen, in denen ein Urteil unmittelbar gegeben sein
kann. Sonderstellung des Erwartungsurteils.
Das bloße Phantasiebild auf der einen, das Erinnerungs¬
und Erwartungsbild auf der anderen Seite unterscheiden
sich in bestimmter Weise von einander; und ebenso ist wieder
1 Ich finde diesen Ausdruck und die darin liegende Paralleli¬
sierung von Erinnerung und Erwartung nur bei Groos, Das Seelen¬
leben des Kindes, 3. Aufl. (Berlin 1911); auf S. 34 teilt G. die Vor¬
stellungsbilder ein in „Vergangenheitsbilder, Zukunftsbilder und
freie Imaginationen".
3. Erinnerung, Erwartung und Einfühlung.
90
Erinnerungs- und Erwartungsbild charakteristisch unter¬
schieden. Wir können diese Unterschiede bezeichnen,
indem wir davon sprechen, daß im Erinnerungs- und Er¬
wartungsbild der vorgestellte Gegenstand zugleich als wirk¬
lich gesetzt oder gedacht ist, und zwar einmal an einer be¬
stimmten Stelle des vergangenen, das andere Mal an einer
Stelle des zukünftigen eigenen Bewußtseinslebens. Ich be¬
merke ausdrücklich: wir geben damit nur eine Bezeich¬
nung, nicht etwa eine „Erklärung“ des Unterschiedes.
Wir können nicht die Tatsache der Erinnerung erklären,
indem wir den Begriff der Vergangenheit einführen, sondern
umgekehrt: was „Vergangenheit“ ist, lernen wir durch die
Tatsache der Erinnerung. Ohne Erinnerung gäbe es für uns
keine Vergangenheit, d. h. das Wort Vergangenheit wäre
für uns ebenso sinnlos, wie der Begriff „rot“ für den Farben¬
blinden. Und ebenso erhält der Begriff „Zukunft“ für uns
erst seinen Sinn durch den Tatbestand der Erwartung. Der
Unterschied von Erinnerungs- und Erwartungsbild und
ebenso der von beiden einerseits und dem bloßen Phantasie¬
bild andererseits ist ein unmittelbar erlebter oder gegebener
Unterschied. Er besteht in der eigentümlichen Stellung des
mittelbar Gegebenen oder Vorgestellten, wir bezeichnen ihn,
indem wir die Begriffe „Zukunft“ und „Vergangenheit“ ein¬
führen. Was diese Worte besagen, kann also nur erlebt
oder zur Gegebenheit gebracht werden in der Form jener
elementaren Urteile, die wir Erinnerung und Erwartung
nennen. Freilich erhalten dann beide Begriffe noch einen
erweiterten Sinn durch den Zusammenhang der Erinne¬
rungen und Erwartungen miteinander, so wie jeder Begriff
sich durch die genauere Kenntnis der Relationen erweitert,
in denen der Tatbestand, der zunächst in ihm gedacht war,
sich zu anderen befindet.
Die besprochene Eigenart des Erinnerungs- und Er¬
wartungsbildes, die sie von dem bloßen Phantasiebild unter¬
scheidet, macht sie zu primitiven Urteilen. Wir können
ihnen aber in dieser Hinsicht noch einen dritten Tatbestand
anreihen.
Ich sehe mir gegenüber einen Menschen, dessen Gesichts¬
züge in mir den Gedanken wecken, daß er Schmerzen leidet.
Ich stelle mir diese Schmerzen vor. Dann sind sie für mich
eben vorgestellt, also mittelbar, nicht unmittelbar gegeben;
ich empfinde ja die Schmerzen nicht, sondern der andere,
7*
100
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
wenn auch unter Umständen vielleicht das Leiden des anderen
mich „mitfühlen“, also wirklich einen entsprechenden
Schmerz mich empfinden läßt. Stelle ich nun den Schmerz
vor, so ist doch diese Vorstellung nicht ein bloßes Phantasie¬
gebilde, sondern sie gehört mit Erinnerung und Erwartung
in dieselbe Kategorie, das Vorgestellte ist „als wirklich
gesetzt“, nur nicht in die eigene Vergangenheit oder Zu¬
kunft, sondern in ein „fremdes Bewußtsein“. Und auch
hier können wir wieder fragen, ob nun diese Vorstellung
richtig oder falsch ist, d. h. ob der andere wirklich so emp¬
findet, wie ich es mir vorstelle, ob meine Vorstellung mit
ihrem Gegenstände übereinstimmt. Wir wollen diese dritte
Form des Urteils als „E i n f ü h 1 u n g“ (Einfühlungsbild)
der Erinnerung und Erwartung zur Seite stellen. Der Aus¬
druck ist insofern nicht ganz glücklich, als er den Gedanken
nahelegt, als ob nur „Gefühle“ in dieser Weise in ein fremdes
Bewußtsein hineinverlegt würden, während dasselbe natür¬
lich für Wahrnehmungsinhalte usw. gilt, aber es ist nun
einmal der übliche Name für das eigenartige, jedermann
bekannte Erlebnis, in dem wir einen Inhalt als einem fremden
Bewußtsein zugehörig erfassen.
Für den Begriff des „fremden Bewußtseins“ gilt nun
wiederum dasselbe, wie für die Begriffe der Vergangenheit
und Zukunft. Er soll nicht den Tatbestand der Einfühlung
erklären, er ist also nicht als ein anderswoher bekannter
Begriff vorausgesetzt, sondern er bekommt für uns erst
seinen Sinn durch die Tatsache der Einfühlung. Ohne Ein¬
fühlung gäbe es für unser Bewußtsein kein fremdes Bewußt¬
sein, so wie es ohne Erinnerung für uns keine Vergangenheit
gäbe. Zukunft, Vergangenheit und fremdes Bewußtsein
haben das Gemeinsame, daß sie nur in der Form des mittel¬
bar Gegebenen für uns existieren, oder umgekehrt: der Gegen¬
stand eines Vorstellungsbildes kann für uns diese dreifache
Form annehmen, die Vergangenheit, Zukunft und fremdes
Bewußtsein für uns entstehen läßt.
Erinnerung, Erwartung und Einfühlung sind also die
drei Formen, in denen ein Urteil von uns unmittelbar erlebt
oder uns unmittelbar gegeben sein kann. Denn sie stellen
die drei Fälle dar, in denen ein uns gegebener Bewußtseins¬
inhalt einen „Gegenstand“ darstellt und diesen
dargestellten Gegenstand zugleich „als wirklich setzt“,
welches als Wirklichsetzen in die eigene Vergangenheit, das
• • ' •
3. Erinnerung, Erwartung und Einlühlung. jOl
eigene zukünftige Bewußtseinsleben und den fremden Be¬
wußtseinsumfang geschehen kann.
Von diesen drei Formen des unmittelbar erlebten Urteils
nun nimmt eine, nämlich die Erwartung, insofern eine be¬
sondere Stellung ein, als sie die einzige ist, bei der wir nicht
nur nach der Wahrheit mit Sinn fragen, sondern die wir
auch, mindestens in einer Reihe von Fällen, direkt auf
ihre Wahrheit hin prüfen können. Ich erwarte etwas, das
sofort eintreten soll, ich stelle mir etwa den Schall vor, den
ich hören werde, wenn ich den in der Hand gehaltenen
Gegenstand zur Erde fallen lasse. Nun führe ich das Expe¬
riment aus, und die Erwartung „erfüllt sich“, d. h. es stellt
sich der von mir erwartete Schall ein, und ich erlebe die
Übereinstimmung meines Vorstellungsbildes mit dem ein¬
tretenden Wahrnehmungsinhalt. Ich erlebe damit unmittel¬
bar die Wahrheit, das Sichbewahrheiten meines Erwartungs¬
urteils, so wie ich in dem Sichenttäuschen meiner Erwartung,
in dem Nichtzusammenfallen, sondern Auseinandertreten
von Erwartungsbild und eintretendem Gegenstand die Falsch¬
heit meines Urteils erlebe.
Etwas Entsprechendes ist natürlich im Fall der Erinne¬
rung und Einfühlung nicht möglich. Ich kann nicht in die
Vergangenheit zurückkehren und mein Erinnerungsbild mit
dem, worauf es sich bezieht, vergleichen, und ich kann eben¬
sowenig in das fremde Bewußtsein hineinschauen. Ich kann
daher hier nicht wie im Fall der Erwartung die Wahrheit
und Falschheit meines Urteils direkt erleben, Erinnerungs¬
und Einfühlungsurteile sind Urteile, die ich nicht direkt,
sondern nur indirekt auf ihre Wahrheit hin prüfen kann.
Diese indirekte Prüfung besteht streng genommen darin,
daß wir eine Erwartung auf ihre Wahrheit hin prüfen,
aus der wir uns zu einem Schluß auf die Wahrheit der betr.
Erinnerung bzw. Einfühlung berechtigt glauben. Ich glaube,
ein anderer sei zornig auf mich, hineinschauen kann ich
nicht in ihn, ob sein Gefühl mir gegenüber wirklich so ist,
aber ich kann Zusehen, ob sich der andere weiterhin mir
gegenüber so verhält, wie es einer solchen Stimmung ent¬
sprechen würde. (Allerdings können auch viele Erwartungen
nur mittelbar auf ihre Wahrheit geprüft werden, nämlich
sobald sie sich auf einen erst später eintretenden Gegenstand
beziehen. Wenn ich jetzt erwarte, daß in einem Jahr etwas
geschehen wird, so kann ich natürlich nicht die Wahrheit
102' ' Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
dieser meiner augenblicklichen Erwartung, sondern nur die
eines inhaltsgleichen Erwartungsurteils, das ich in einem
Jahr fälle, erleben.)
Erinnerungs- und Einfühlungsurteile sind als solche
nicht verifizierbar. Sie unterliegen daher einem prinzipiell
unlösbaren Zweifel, und wem es Freude macht, am Dasein
einer Vergangenheit und am Dasein eines fremden Bewußt¬
seins zu zweifeln oder Erinnerung und Einfühlung im Bausch
und Bogen für Lügner zu halten, kann sicher sein, nie wider¬
legt werden zu können. Da er aber keine positiven Gründe
für seinen Zweifel anführen kann, so bleibt dieser natürlich
eine bloße Spielerei, zumal der Zweifler niemals aufhören kann,
Erinnerungen und Einfühlungen zu vollziehen, also die Urteile
zu fällen, an deren Wahrheit er ein für allemal zweifelt.
Das gilt im besonderen für den Vertreter eines „Solip¬
sismus“. Wobei nur, wie aus den obigen Ausführungen
hervorgeht, hinzuzufügen ist, daß die Frage nach der Wirk¬
lichkeit der eigenen Vergangenheit mit der nach der Wirk¬
lichkeit eines fremden Bewußtseins auf durchaus gleicher
Stufe stellt. Etwas ganz anderes dagegen als dieser Zweifel
an dem Dasein anderer Bewußtseinssphären ist der phäno-
menalistische Zweifel am Dasein einer „realen Außenwelt“,
wie wir diesen Begriff im vorigen Kapitel besprochen und
fixiert haben. Das reale Ding, das Ding „außerhalb des
Bewußtseins“ ist etwas, das, wie wir gesehen haben, weder
mittelbar noch unmittelbar zur Gegebenheit gebracht werden
kann, deshalb entsteht hier die Frage, was wir denn über¬
haupt unter einem solchen „Ding“, unter einer dinglichen
Außenwelt verstehen, wieso diese Worte überhaupt Gegen¬
stände bezeichnen können und nicht bloße, leere Worte sind.
Das fremde Bewußtsein und was in ihm vorgeht aber können
wir uns sehr wohl mittelbar zur Gegebenheit bringen, der
Begriff des fremden Bewußtseins ist also für uns jedenfalls
ein sinnvoller Begriff, aber dies zur Gegebenheit bringen
geschieht allerdings nur mittelbar und in Form von
unverifizierbaren Urteilen, so daß hier die andere Frage
offen bleibt, ob es dergleichen, wie wir uns hier vorstellen,
„wirklich gibt“ L
1 Dies gegen die Polemik v. Hartmanns gegen den Phäno¬
menalismus („Das Grundproblem der Erkenntnistheorie” S. 57 ff.)
und gegen die entsprechenden Ausführungen bei V o 1 k e 11, Die
Quellen der menschlichen Gewißheit, S. 45 ff.
4. Die Möglichkeit allgemeiner und individueller Repräsentation. ]Q3
4. Die Möglichkeit allgemeiner und individueller
Repräsentation im Vorstellungsbild und Urteil.
Das Urteilen, wie wir es jetzt kennen, besteht in einem
Vorstellen und Aiswirklichsetzen des Vorgestellten. Dies
Aiswirklichsetzen geschieht in der dreifachen Form der Er¬
innerung, Erwartung und Einfühlung, oder der vorgestellte
Gegenstand wird als wirklich gesetzt in den Zusammenhang
der vergangenen, der zukünftigen oder der Gegebenheiten
eines fremden Bewußtseins. In den Zusammenhang
dieser Gegebenheiten. Denn zunächst bilden die vergangenen
Gegebenheiten eine in sich zusammenhängende Reihe,
die bis zum gegenwärtigen Bewußtseinstatbestand reicht
oder besser von ihm seinen Ausgang nimmt. Alle Inhalte
dieser Reihe umgekehrt sind dadurch ausgezeichnet, daß sie
nur in der Form von erinnerten Inhalten uns gegenwärtig
oder mittelbar gegeben sein können. Auf der anderen Seite
haben wir die Reihe der „zukünftigen“ oder der Inhalte,
die uns nur in Form von Erwartungsbildern gegeben sein
können. Auch sie bilden eine R e i h e , die von der „Gegen¬
wart“, d. h. von dem einzig unmittelbar gegebenen
Bewußtseinsinhalt ausgeht. Endlich ordnen sich auch die
Inhalte, die einem fremden Bewußtsein angehören, die In¬
halte der Einfühlung, in eine solche Reihe, oder vielmehr
eine Mehrheit von Reihen, die wir die Reihe der eigenen
Erlebnisse, die von einer Vergangenheit oder einer Reihe
erinnerter über eine Gegenwart zu einer Zukunft oder einer
Reihe erwarteter Gegenstände führt, analog denken.
Von der unmittelbar gegebenen Gegenwart, der Summe
der unmittelbar gegebenen Inhalte a aus zieht sich einer¬
seits die Reihe der vergangenen Gegenstände er, a 2 a 3 . . .,
andererseits der zukünftigen a‘ a“ a ,n ... Wenn wir uns
nun an etwas erinnern, so weisen wir ihm in dieser Reihe
ff, n 2 . . . einen bestimmten Platz an. Wollen wir diesen
Platz selbst genauer bestimmen, so geschieht das, indem
w'ir das wirklich ausgedehnte Ganze von Bewußtseinstat-
saohen angeben, dem der erinnerte Tatbestand als Teil an¬
gehörte, die seine zeitliche Umgebung bildeten. Wann trug
sich der Vorfall zu, den ich jetzt in meiner Erinnerung vor
mir sehe? Es w r ar, als ich auf dem Bahnhof in G. stand,
auf meiner Reise in Tirol. Und nun können wir weiter
nach dem Platz fragen, der diesem Ganzen im Zusammenhang
104
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
der Vergangenheit, der erinnerten Gegenstände, zukommt?
Die Antwort erfolgt natürlich entsprechend: durch die
Angabeeines umfassenderen zeitlichen Zusammenhangs. End¬
gültig bestimmt ist die Stellung eines vergangenen In¬
halts dann und nur dann, wenn wir diesen Zusammenhang
bis zur Gegenwart ausgedehnt haben, wenn wir also die
Glieder der Reihe kennen und angeben können, die den
erinnerten Gegenstand von der unmittelbar gegebenen
Gegenwart trennen. Die Reise fand vor zwei Jahren oder
sie fand im vorigen Sommer statt, damit hat die Zeit¬
bestimmung die gewünschte Präzision erhalten, aber diese
Zeitbestimmung hätte für uns gar keinen Sinn, wenn sie
nicht eine Reihe von Erlebnissen, wahrgenommenen Gegen¬
ständen usw. bedeutete, die in geregelter Folge uns von der
Gegenwart bis zu dem Komplex von Erinnerungen hin¬
führte, den ich als die damalige Reise bezeichne. Diese
Reihe vergangener Gebilde brauche ich mir nun nicht mehr
einzeln vorzustellen, aber ich weiß, ich könnte sie wenigstens
kursorisch, in den Hauptpunkten durchlaufen, wenn ich
wollte. Ein vollständiges Erinnerungsurteil also wäre ein
Urteil der Form: auf a folgt a x a 2 . . bis zu dem erinnerten a x .
Ganz dasselbe gilt natürlich für das Erwartungsurteil.
Auch das Erwartungsurteil ist erst vollständig, wenn es
dem erwarteten Gegenstand zugleich seine Stellung im Zu¬
sammenhang der zukünftigen oder erwarteten Gegenstände
anweist, also die Inhalte a 4 a" a nt . . . angibt, die von der
Gegenwart zu ihm hinführen.
Nun können aber Erinnerungen und Erwartungen noch
eine andere Form annehmen vermöge einer besonderen
Eigentümlichkeit unserer Vorstellungsinhalte. Ich stelle mir
jetzt das Gesicht eines Menschen vor, mit dem ich täglich
zusammenkomme. Dann kann ich das Bewußtsein haben,
das Bild, das mir hier vorschwebt, repräsentiere mir den
Anblick, den mir das Gesicht des Freundes zu einer be¬
stimmten Zeit und bei einer bestimmten Gelegenheit darbot.
Es kann sich aber auch anders verhalten, ich kann das
Bewußtsein haben, ich stelle mir das mir bekannte Aussehen
dieses Menschen vor, ohne daß sich mein Vorstellungsbild
auf einen bestimmten, zeitlich fixierbaren früheren Anblick
bezöge. Anders gesprochen: ich habe den gleichen Anblick
so und so oft gehabt, ich könnte aus der Erinnerung die
einzelnen Wahrnehmungsbilder gar nicht mehr auseinander-
4. Die Möglichkeit allgemeiner und individueller Repräsentation. 105
halten, und nun tritt an ihre Stelle ein Erinnerungsbild, das
mir den einen jeder früheren Anblicke eben so gut wie den
anderen repräsentiert. Dasselbe gilt natürlich für die Phan¬
tasiebilder. Ich kann mir einmal den Anblick vorstellen,
den ich in fünf Minuten erwarte, und ich kann mir ein ander¬
mal nur überhaupt eine Farbe von bestimmter Qualität,
„ein“ Bordeauxrot etwa vorstellen.
Dadurch erhalten Erinnerungs- und Vorstellungsbilder
eine gewisse Allgemeinheit. Es ist dabei freilich deutlich
zu scheiden: das betreffende Vorstellungsbild ist damit nicht
ein allgemeiner Begriff geworden. Das Vorstellungsbild
selbst ist ein individueller Gegenstand, und was es repräsen¬
tiert, sind auch individuelle Gegenstände — weder ist das
vorhin erwähnte Phantasiebild identisch mit der Farb-
gattung, die wir als bordeauxrot benennen, noch repräsentiert
das Phantasiebild diese Gattung als für sich vorstellbaren
Gegenstand. Sondern lediglich die Bedeutung des Vor¬
stellungsbildes ist insofern eine allgemeine, als das eine
Erinnerungsbild eine Reihe von an sich individuellen
Wahrnehmungsbildern — das eine ebenso gut wie das andere
— darstellt oder repräsentiert, oder daß das eine Wahr¬
nehmungsbild ebenso wie das andere als das im Erinnerungs¬
bild symbolisch Gemeinte bezeichnet werden kann. Auch
ist diese „Allgemeinheit“ eines Erinnerungsbildes selbst¬
verständlich gewissen Einschränkungen unterworfen. Es
gibt kein Phantasiebild, das mir spitz-, recht- und stumpf¬
winklige Dreiecke gleichermaßen repräsentierte. Vielmehr
können mehrere individuelle Gegenstände, nur soweit
sie untereinander qualitativ gleich oder besser: aus der
Erinnerung ununterscheidbar sind, durch dasselbe
Erinnerungsbild dargestellt werden l .
1 Ich muß mich hier in einem Punkt gegen Cornelius wenden,
mit dem mich im übrigen in der Lehre von der „symbolischen
Funktion der Erinnerungsbilder“ durchaus einig weiß. C. bringt
die Unbestimmtheit der Erinnerungsbilder mit ihrer All¬
gemeinheit in Beziehung (Psychologie als Erfahrungswissen¬
schaft, S. 62 ff.), er läßt mit der Unbestimmtheit die Zahl der ver¬
schiedenartigen, in demselben Erinnerungsbild repräsentierten Gegen¬
stände wachsen. Das ist nicht ganz richtig. Das nach bestimmter
Richtung hin unbestimmte Erinnerungsbild repräsentiert die ent¬
sprechenden verschiedenen Gegenstände, auf die es sich bezieht,
nur soweit, als sic nicht verschieden sind, oder es stellt streng ge-
106
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Wenden wir das noch speziell auf die Erwartungen an.
Ich stelle mir einen bestimmten zukünftigen Inhalt meines
Bewußtseins vor. Dann sehen wir, diese Vorstellung wird
zu einem vollständigen Erwartungsurteil erst dann, wenn
wir die Stellung des Erwarteten im zukünftigen Bewußt¬
seinsablauf fixieren, also in der Vorstellung die Inhalte
durchlaufen, die den erwarteten vom gegenwärtigen Bewußt¬
seinszusammenhang trennen. Angenommen nun, wir geben
dem Erwarteten diese vollständige zeitliche Bestimmtheit
nicht, w r ir stellen es uns in der angegebenen Weise „all¬
gemein“ vor, und weiter angenommen, wir vollziehen auch
die Vorstellungen der das erwartete a von der Gegenwart
trennenden Inhalte nur in einigen wenigen Gliedern b, c,
nicht vollständig und stellen uns endlich auch diese dem a
unmittelbar voraufgehenden Inhalte allgemein vor, so er¬
halten wir ein Urteil, das sprachlich ausgedrückt lautet:
Auf „einen“ Inhalt b c (einen Inhalt, der in diesen Er¬
innerungsbildern gemeint ist) folgt „ein“ Inhalt a. Das
heißt, wir erhalten ein allgemeines Urteil der be¬
kannten Form: Unter den Bedingungen b tritt a auf. Dieses
allgemeine steht gegenüber dem singulären Erwartungsurteil,
d. h. dem Urteil, das einen individuell bestimmten Einzel¬
inhalt voraussagt und damit — vollständig ausgeführt —
die Form hat: auf den gegenwärtigen Bewußtseinsinhalt B
folgt b c d .. bis a. Ich werde auf diesen Unterschied noch
in anderem Zusammenhang zurückzukommen haben, hier
bemerke ich nur noch zweierlei: Erstens: es sollte hier nur
deutlich gemacht werden, in welcher Form sich ein allge¬
meines Urteil darstellt und inwiefern wir daher mit solchen
Urteilen als eigenartigen Gegebenheiten rechnen
dürfen. Nicht dagegen ist bisher die Frage erörtert, wie
wir zu solchen Urteilen kommen und mit welchem Recht
wir sie als wahr ansehen dürfen. Und zweitens: Das speziell
mit Bezug auf das singuläre Urteil Gesagte bezog sich nur
auf dies Urteil, sofern cs vollständig ausgeführt
ist — ich sage damit nicht, daß solche vollständig ausgeführten
Urteile im Bewußtsein wirklich Vorkommen.
Noch ein Punkt. Schon früher wurde der Fall betrachtet,
daß wir uns zu verschiedenen Zeiten an dasselbe vergangene
nommen die gleichartigen Gegenstände dar, die aus jenen verschie¬
denen Gegenständen werden, wenn wir die Punkte, in denen sie
verschieden sind, unbeachtet lassen.
5. Das sprachlich formulierte Urteil.
107
Erlebnis erinnern (vgl. S. 84). Wir haben dann zwei Er¬
innerungserlebnisse, die aber dieselbe, identische Bedeutung
haben, insofern in ihnen derselbe eine Gegenstand erinnert
oder dargestellt wird. In demselben Sinn können wir offen¬
bar von zeitlich verschiedenen Urteilserlebnissen
reden, die dieselbe Bedeutung oder denselben Gegenstand
haben, also insofern dasselbe Urteil enthalten. Die¬
selbe allgemeine Erwartung z. B. kann zu verschiedenen
Zeiten und von verschiedenen Individuen in Form eines
Erwartungsbewußtseins erlebt werden. Daß wir in diesem
Sinn das eine identische Urteil den numerisch verschiedenen
Urteilserlebnissen, in denen es dem individuellen Bewußtsein
sich darstellt, gegenüberstellen oder daß wir, was dasselbe
besagt, von demselben (identischen, nicht bloß gleichen)
Urteil reden können, das jetzt von dem, jetzt von jenem
gefällt wird, ist eine selbstverständliche Folge der Symbol¬
natur des Urteilstatbestandes — bei Symbolen und nur bei
ihnen kann, wie wir von früher wissen, von Identität ge¬
sprochen werden.
5. Das sprachlich formulierte Urteil als Ausdruck einer
Summe von Erwartungen.
Die Frage nach dem Wesen des Urteils, von der w'ir aus¬
gingen, führte uns zunächst auf die drei Gruppen von Be¬
wußtseinserlebnissen, die wir als Urteile ansprechen dürfen,
die Erinnerungen, Einführungen und Erwartungen. Ist
nun damit wirklich die Frage nach dem Wesen des Urteils
beantwortet? Offenbar nur dann, wenn jedes Urteil seinem
Sinn oder seinem Inhalt nach aus solchen Erinnerungen,
Erwartungen und Einfühlungen besteht, wenn auch der Sinn
jedes von uns ausgesprochenen Urteilssatzes sich auf solche
Gebilde der Erinnerung usw. zurückführen läßt.
Das scheint nun zunächst eine sehr paradoxe Behaup¬
tung. Wenn ich ein beliebiges Urteil fälle: die Rose ist rot,
alle Menschen sind sterblich, so sind es doch nicht Er¬
innerungen und Erwartungen, denen ich hierin meinen Worten
Ausdruck geben will oder die den Sinn meiner Worte aus¬
machten ?
Um dem Gedanken etwas von seinem scheinbaren Wider¬
sinn zu nehmen, fragen wir uns zunächst: Hat vielleicht
der Sinn unserer Urteile etw r as mit Erwartungen zu tun,
108
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
steht er mit solchen irgendwie in Zusammenhang? Der
Chemiker behauptet, daß Gold in Salpetersäure nicht, wohl
aber in einer Mischung von Salpeter- und Salzsäure löslich
sei. Wir zweifeln an der Wahrheit dieses Urteils, und der
Chemiker beweist sie uns durch das Experiment. Aber was
beweist uns eigentlich das Experiment? Kurz gesagt die
Wahrheit einer Voraussage über das Verhalten des
Goldes, die in dem Urteil des Chemikers steckt, einer Voraus¬
sage, also: einer Erwartung.
Solche Voraussagen aber stecken offenbar in jedem Ur¬
teil. Denn jedes Urteil muß sich wenigstens in der Idee
auf seine Wahrheit hin prüfen lassen, wenn wir auch viel¬
leicht nicht imstande sind, diese Prüfung auszuführen.
Das heißt, es muß für jedes Urteil Kriterien, Prüfsteine
seiner Wahrheit geben, also Tatsachen, die wir uns zur
Gegebenheit bringen können und deren Eintreten uns von
der Wahrheit, deren Nichteintreten uns von der Falschheit
des Urteils überzeugt. Nehmen wir noch zwei Beispiele.
Ich sage von einem Kleid, es sei weiß. Jemand anders be¬
streitet mein Urteil: nein, das Kleid sei gelblich oder creme¬
farben. Zum Beweis nun kann ich ihn nur hin weisen auf
die Farbe anderer Gegenstände, die wir beide als reinw r eiß
oder als gelblich bezeichnen. Ist es gleich dieser oder gleich
jener Farbe, steht es diesem oder jenem Farbeindruck näher?
Hier haben wir das gesuchte Kriterium, und hier haben wir
auch eine Reihe von Voraussagen oder Erwartungen, die
in dem Urteil: dies ist weiß, liegen, d. h. die sich bewahrheiten
oder als falsch erweisen müssen, wenn sich das Urteil bewahr¬
heitet oder als falsch erweist. Oder: ich sage von einem
Körper: dies ist Kreide. Wer das Urteil bewiesen haben will,
dem kann ich nur eines zeigen: daß der Körper sich physi¬
kalisch, chemisch, praktisch so verhält, wie es dem uns
beiden bekannten Begriff der Kreide entspricht, d. h. dem
kann ich nur zeigen, daß sich gewisse Voraussagen erfüllen,
die danach irgendwie in dem Urteil „dies ist Kreide" ent¬
halten sein müssen. Es handelt sich hier freilich, wie uns
gerade dies Beispiel deutlich zeigt, keineswegs immer bloß
um eine, sondern um eine ganze Reihe von Erwartungen:
Kreide muß auf Flächen, über die ich damit hinfahre, einen
weißen Strich hinterlassen, ein bestimmtes spezifisches Ge¬
wicht haben, sich in Salzsäure unter Aufbrausen lösen usw.
Dazu kommt, daß in dem Urteil: dies ist Kreide noch andere
5. Das sprachlich formulierte Urteil.
109
Urteile eingeschlossen liegen, vor allen Dingen das Urteil:
dies, was ich hier sehe, ist — zunächst einmal — ein wirk¬
licher Körper (kein Spiegelbild, keine Halluzination u. dgl.),
also: es muß sich in die Hand nehmen lassen, dem tastenden
Finger einen Widerstand entgegensetzen, von verschiedenen
Seiten her wahrnehmbar sein usw.
Solche Voraussagen, wurde gesagt, „stecken“ oder
„liegen“ in dem betreffenden Urteil, sie „gehören zu ihm“.
Das heißt genauer: WennwirdasUrteilaufseine
Wahrheit hin prüfen, so sind es immer
gewisse Voraussagen, die wir eigentlich
unmittelbarprüfen. Oder: wir können und müssen
jedem Urteil eine Reihe von Voraussagen und damit von
Erwartungen zuordnen, die über seine Wahrheit entscheiden,
so daß mit der Wahrheit der Erwartungen die des Urteils
und ebenso umgekehrt eo ipso gesetzt ist. Die Summe
dieser Erwartungen ist also dem Urteil „äquivalent“, wenn
wir unter äquivalenten Urteilen zwei Urteile verstehen,
deren Wahrheit sich gegenseitig einschließt.
Mit diesen Erwartungen sind freilich unlösbar Erinne¬
rungen und Einfühlungen verbunden. In meinem Urteil:
Gold sei in Scheidewasser löslich, stütze ich mich auf Er¬
innerungen, und ich kann mich, um das Urteil als wahr
zu erweisen und den Zweifler zu überzeugen, wie auf das
jetzt auszuführende, so auch auf das früher ausgeführte
Experiment beziehen, dem ich beigewohnt habe: ich habe
gesehen, wie das Scheidewasser Gold angriff. Hier ruht die
Wahrheit des Urteils auf der Wahrheit meiner Erinnerung.
Oder ich beziehe mich auf die Aussage einer Autorität:
Professor X. in Y. hat das Experiment gemacht. Dann
tritt an die Stelle von Erwartung und Erinnerung ein Fall
der Einfühlung. Aber wir wissen bereits: Erinnerungen und
Einfühlungen sind von Erwartungen dadurch unterschieden,
daß sie sich nicht direkt, sondern wieder nur auf dem Um¬
weg über Erwartungen auf ihre Wahrheit hin prüfen lassen;
insofern können wir uns hier auf die Erwähnung der Er¬
wartungen beschränken.
Ich sprach mit Absicht von „Erwartungen“, nicht von
Erwartungserlebnissen, die sich erfüllen oder bewahrheiten
müssen und die daher insofern in dem ausgesprochenen Ur¬
teil liegen. Noch genauer handelt es sich um „allgemeine
Erwartungen“. In dem Urteil: „Dies ist Kreide“ steckt
110
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
die allgemeine Erwartung, daß jedesmal, wenn ich oder
ein anderer den Körper in Salzsäure taucht, ein bestimmter
Erfolg wahrnehmbar werden wird. Was w ? ir unter einer
solchen allgemeinen Erwartung verstehen, daß sie zwar in
einem individuellen Erwartungserlebnis sich äußert, aber
nicht mit ihm identisch zusammenfällt (vielmehr als „die¬
selbe“ Erwartung in verschiedenen solchen Erlebnissen sich
darstellen kann), darf aus dem vorigen Paragraphen als
bekannt vorausgesetzt werden.
Jedem sprachlich formulierten Urteil läßt sich eine Reihe
allgemeiner Erwartungen (einschließlich gewisser Erinnerun¬
gen und Einfühlungen) äquivalent setzen, allgemeiner Er¬
wartungen der bekannten Form: auf den (vorstellbaren)
Inhalt a folgt allgemein der Inhalt b. So ist dem Urteil
„dieser Gegenstand ist weiß“ das andere äquivalent: Jedes¬
mal, wenn ich (oder ein anderer — Einfühlung!) diesen
Gegenstand betrachte (Bedingung a), finde ich an ihm die
meiner Vorstellung bekannte Farbe vor mit ihren (die ent¬
sprechenden Vergleichungsakte vorausgesetzt) Ähnlichkeits¬
und Verschiedenheitsbeziehungen (und zugleich: wenn ich
dies tat, habe ich die entsprechende Erfahrung gemacht —
Erinnerung!). So ist dem Urteil „dies ist Kreide“ die Reihe
von Erwartungen äquivalent, die sprachlich formuliert aus-
sagen, daß der betrachtete Körper in bestimmter Weise
behandelt, sich auch in bestimmter Weise verhalten, also
bestimmte Wahrnehmungen darbieten wird. Die Äquivalenz
aber besagt, daß wenn das Urteil auf seine Wahrheit geprüft
wird, eigentlich immer nur diese Erwartungen geprüft werden,
daß mit der Wahrheit des einen die der anderen und um¬
gekehrt als unweigerlich verbunden angesehen wird.
Und nun gehen wir einen Schritt weiter. Läßt sich an
die Stelle dieser Äquivalenz eine Identität setzen? Ist viel¬
leicht das Urteil, von dem wir ausgingen, nur ein neuer
sprachlicher Ausdruck, eine sprachliche Zusammenfassung
dieser Erwartungen?
Nehmen wir zunächst an, es sei nicht so. Dann muß
die Bedeutung des Urteilssatzes mehr oder sie muß etwas
anderes enthalten, als jene Erwartungen. Wenn das aber
der Fall ist, so ist dieses Mehr jedenfalls unbeweisbar oder
auf seine Wahrheit hin nicht prüfbar, denn wir sahen: das,
was wir prüfen und beweisen, sind immer jene Erwartungen.
Ferner: es müßte dies Mehr oder dies andere, der über die
5. Das sprachlich formulierte Urteil.
111
Erwartungen hinausgehende Sinn des Satzes in einer be¬
stimmten Beziehung zu den Erwartungen stehen, aber diese
Beziehung ist nicht weiter angebbar. Endlich: Dies „mehr“
müßte irgendwie zur Gegebenheit gebracht werden können.
Aber hier stoßen wir auf die uns schon bekannten Schwierig¬
keiten.
So bleibt schließlich kein anderer Ausweg, als der oben
angebene: Der fertige Urteilssatz „dies ist Kreide“ etwa
ist nur ein einheitlicher, zusammenfassender sprachlicher
Ausdruck für eine Reihe von Erwartungen, die also in ihrer
Gesamtheit seinen Sinn schlechthin ausmachen.
Läßt sich dieser Gedanke nun im einzelnen durchführen ?
Die erste und Hauptschwierigkeit, auf die der ausgesprochene
Gedanke stößt, ist nicht eigentlich logischer, sondern psycho¬
logischer Natur.
Wenn der Sinn unserer Urteile in Erwartungen besteht,
so muß doch, so scheint es, das Urteilen als psychischer
Prozeß ein Erwarten, d. h. ein Hegen, Erleben von Erwar¬
tungen sein. Oder es müssen m. a. W., wenn wir ein Urteil
fällen oder es verstehen, die den Inhalt oder Sinn des Urteils
angeblich konstituierenden Erwartungen irgendwie für unser
Bewußtsein vorhanden sein. Anderseits wäre es offenbar
eine Vergewaltigung der Tatsachen, wenn man behaupten
wollte, daß jedesmal, wenn wir einen Satz aussprechen,
hören oder lesen, so und soviel Erwartungen von uns erlebt
würden. Ich kann unzweifelhaft das Urteil „dies ist Kreide“
fällen und verstehen, ohne an Salzsäure zu denken und be¬
wußt zu erwarten, daß sich der Stoff, den ich hier vor mir
habe, in bestimmter Weise der Salzsäure gegenüber verhalten
wird. Wie kann dann diese Erwartung zum Sinn des Urteils
gehören ?
Ich betone noch einmal: der Einwand ist ein psycho¬
logischer, er betrifft den psychischen Vorgang des
Urteilens, nicht die rein logische Frage nach dem Sinn des
Urteils, die wir bisher, unabhängig von aller Psychologie,
ins Auge gefaßt hatten. Wir werden also damit zu einer
psychologischen Abschweifung von unserem bisherigen Wege
genötigt, nicht um auf psychologischem Wege das logisch
gegenständliche Problem zu lösen, sondern um die Psycho¬
logie des Urteilens mit dem, was sich uns für den gegen¬
ständlichen Sinn des Urteils ergeben hatte, in Einklang zu
bringen.
112
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
6. Urteilen und Erwarten. Die Erwartungseinstellung.
Jedermann kennt die häufigen Fälle des „Vergreifens“,
Versehens, mechanischen Verwechselns. Ich will den Feder¬
halter in die Hand nehmen und ergreife anstatt dessen das
daneben liegende Messer; ich will in mein Zimmer gehen
und öffne anstatt dessen die Tür des daran anstoßenden.
Es ist uns in solchen Fällen durchaus geläufig, von einem
„Irrtum“ zu sprechen: ich entschuldige mich etwa dem
Fremden gegenüber, zu dem ich aus Versehen ins Zimmer
trete, mit den Worten: ich hätte mich in der Türe „geirrt“.
Nun können wir doch aber von Irrtum wie von Wahrheit
nur da sprechen, wo ein Urteil vorliegt, und in dem be-
zeichneten Fall — wenigstens hatte ich solche Fälle im
Auge — habe ich gar nicht geurteilt, sondern einfach mecha¬
nisch eine Handlung vollzogen. Die Handlung muß also,
wenn sie auch selbst kein „Urteil“ ist, doch irgendwie ein
solches vertreten oder involvieren.
Nun ist es nicht schwer zu sehen, wie die Sache zu¬
sammenhängt. Ich habe, indem ich die Handlung voll¬
ziehe, einen bestimmten Zweck; die Handlung ist das Mittel
zu seiner Erreichung. Nun ergreifen w’ir Mittel, die einem
oft realisierten und gewohnten Zweck entsprechen, rein
mechanisch nach den bekannten Gesetzen psychischer Übung
und Mechanisierung — wir brauchen uns als erwachsene
Menschen, die schreiben „können“, nicht mehr die einzelnen
komplizierten Schreibbewegungen, die nötig sind, um ein
bestimmtes Wort aufs Papier zu bringen, nacheinander vor¬
zustellen, sondern diese Bewegungen stellen sich von selbst
in der entsprechenden Reihenfolge ein. Alles „Können“
setzt eine solche Mechanisierung voraus. Was ich „kann“,
muß ich freilich ursprünglich einmal erlernt haben, d. h.
ich muß mir früher einmal die Mittel, die zu dem gewünschten
Zweck führen, vergegenwärtigt, ich muß sie als Mittel kennen
gelernt, bewußt beurteilt haben, ehe ich sie mechanisch
anwenden kann.
„Vergreife“ oder irre ich mich in der Wahl meines Mittels,
wie in den angeführten Beispielen, so ist hier „falsch“ oder
„irrtümlich“ offenbar eigentlich das Urteil, daß die
ausgeführte Handlung zu dem gewünschten Ziel führen werde,
wie wir dafür gleich sagen können: die Erwartung,
daß das gedachte Ziel als Folge der Handlung sich einstellen
6. Urteilen und Erwarten. Die Erwartungseinstellung.
113
werde l . Diese Erwartung aber wird nicht wirklich erlebt,
da an die Stelle des bewußten Vorstellens und Beurteilens
der zu wählenden Mittel ja das mechanische Ergreifen und
Handhaben dieser Mittel getreten ist, ein mechanisches
Handeln, in dem die ursprüngliche Erwartung nur noch als
unbewußte Erwartungseinstellung steckt.
Diese Erwartungseinstellung aber verrät sich am deutlichsten
in dem sich sofort einstellenden Bewußtsein der Über¬
raschung und Enttäuschung, das den Eintritt
des nicht erwarteten Erfolges der falschen Handlung, des
Vergreifens usw. begleitet.
Fälle dieser Art also zeigen uns, daß erstens im psychi¬
schen Leben an die Stelle einer Erwartung im eigentlichen
Sinn sehr oft eine unbewußte Erwartungseinstellung treten
kann, die sich im mechanischen Handeln äußert und sich
nur gelegentlich, etwa beim Nichteintritt des Erwarteten in
einem Gefühl der Enttäuschung, dem Bewußtsein verrät, und
daß wir zweitens eine solche Einstellung bzw. Handlung
genau so behandeln, wie eine wirkliche Erwartung, d. h. sie
als „richtig“ oder „falsch“ bezeichnen.
Es ergibt sich nun die Frage: Wirft dieser Sachverhalt
nicht auch ein Licht auf das Urteilen, soweit es sich im
Sprechen und Verstehen von sprachlichen Sätzen vollzieht?
Sind nicht die Erwartungen, in denen uns die Betrachtung
des vorigen Paragraphen den Sinn solcher Sätze suchen ließ,
psychisch dennoch im Sprechenden und Hörenden vorhanden,
nur in Form unbewußter Erwartungseinstellungen?
Ich will, auf einem Waldspaziergang begriffen, achtlos
über einen schwarzen Streifen am Erdboden wegtreten, als
mein Begleiter mir sagt, jener Streifen sei eine Kreuzotter.
Diese Mitteilung übt eine bestimmte Wirkung auf mich, sie
erzeugt und zwar ganz unmittelbar, ein Gefühl des Schrecks,
des Ekels, ein unwillkürliches Zurücktreten. Diese Hand¬
lung und diese Gefühle haben ihren Grund in dem Unan¬
genehmen und Gefährlichen der Begegnung, aber sie treten
auf oder können zum mindesten auftreten, ehe ich mir be¬
wußt die unangenehme Empfindung des Tretens auf einen
weichen, lebenden Schlangenkörper oder gar die Gefahren
1 Das Urteil a sei „Mittel" tür die Erreichung von b besagt
offenbar dasselbe wie: a sei „Bedingung“ für b, also wie die allge¬
meine Erwartung, im Anschluß an ein a werde ein b sich einstellen.
▼. Aster, Philosophie. 8
114
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
des Schlangenbisses vorstellen könnte. Sie sind der Ausdruck
bestimmter Erwartungen, treten aber ebenso mechanisch¬
unmittelbar ein, wie die Handlungen in den vorher besproche¬
nen Fällen. Voraussetzung ist dabei freilich, daß ich die
Bedeutung des Wortes „Kreuzotter“ kenne, daß ich sie
früher einmal erlernt habe und daß mir diese Bedeutung
geläufig ist (genau so wie ich die Handlungen, die zu einem
bestimmten Ziel führen, erstens kennen und zweitens auch
geübt haben muß, damit sie sich mechanisch, ohne Über¬
legen und bewußtes Vorstellen im richtigen Moment ein¬
stellen). Ist das letztere nicht der Fall, so werde ich mich
erst bewußt erinnern müssen, wessen ich mich von einer
„Kreuzotter“ zu versehen habe, ehe ich mich auf jene Mit¬
teilung hin entsprechend verhalte.
An die Stelle dieses Beispieles lassen sich beliebige andere
setzen. Ich sehe ein Glas mit farbloser Flüssigkeit auf dem
Tisch stehen, und man sagt mir, es sei Schwefelsäure; diese
Mitteilung hat zur Folge, daß ich mich unmittelbar und
automatisch dem Glas und Inhalt gegenüber anders ver¬
halte, als wenn man mir von einem Glas Wasser gesprochen
hätte. Dieses Verhalten ist wieder der Ausdruck von Er¬
wartungen, die doch keineswegs als bewußte Erwartungen
da zu sein brauchen.
Vielleicht wendet man ein: Dies Verhalten tritt doch
nur ein, wenn ich die gemachte Mitteilung verstehe, es
ist die bloße Folge dieses Verständnisses, nicht etwas, das
zum Verstehen oder Urteilen selbst gehört. Dieser Einwand
ist halb richtig, halb falsch. Gewiß ist das automatische
Handeln nicht das „Verstehen“, sondern die Folge des Ver¬
stehens, es fragt sich nur, ob das Verstehen selbst und nicht
vielmehr bloß seine automatische Folge ins Bewußtsein tritt.
Es fragt sich, ob nicht der Sinn des Satzes in einer Reihe
von Erwartungen besteht, das Verstehen dieses Sinnes also
in einem Hegen oder Erleben dieser Erwartungen, an dessen
Stelle aber eine unbewußte Erwartungseinstellung treten
kann, so daß nur noch diese Handlungen ins Bewußtsein
treten, die wir als Folgen jener Erwartungen kennen. (Frei¬
lich wurde schon früher darauf hingewiesen, daß sich das
Verstehen eines sprachlichen Gebildes für unser Bewußtsein
auch in einem besonderen Erlebnischarakter äußert, der das
betreffende Wortbild umkleidet: das Wort erscheint uns
vertraut (nicht bloß „bekannt“), und ich verglich diesen
f>. Urteilen und Erwarten. Die Erwnrtungseinstellung.
115
Vertrautheitscharakter mit dem Charakter, den ein bekanntes
und vertrautes Instrument für uns hat. Die folgenden Aus¬
führungen werden noch deutlicher machen, inwiefern das
Wort in der Tat ein solches Instrument ist.)
Dieselben Beispiele hätten wir offenbar auch vom Stand¬
punkt des Sprechenden aus behandeln können. Der Begleiter,
der mich auf die Kreuzotter aufmerksam macht, will mir
damit offenbar eine bestimmte Erwartungseinstellung geben,
sie ist das, was er mir eigentlich mitteilen will. Er selbst
befindet sich in der gleichen Einstellung, und sie ist es, die
sich in den gesprochenen Worten kundgibt. Dabei aber
braucht er wiederum die betreffenden Erwartungen nicht
bewußt zu hegen, sondern genau so, wie der Wunsch, ein
bestimmtes Buch einzusehen, mich automatisch eine Reihe
von Handlungen vollführen läßt: aufstehen, zur Tür gehen,
die Klinke niederdrücken, sich zum Bücherschrank begeben
usf., so führt hier der Wunsch, den andern vor einer Gefahr
zu schützen, beim Anblick des sich windenden Schlangen¬
leibes unmittelbar zu dem zweckmäßigen Mittel des be¬
treffenden Ausrufs.
Dabei ist nun noch eins zu berücksichtigen: wir können
nicht gleichzeitig eine große Zahl verschiedener Erwartungen
erleben, wir können aber wohl gleichzeitig auf verschiedene
Dinge erwartend eingestellt sein l . Daraus ergibt sich von
1 In einer Untersuchung, die eigentlich psychologische Zwecke
verfolgte, wäre hier selbstverständlich noch Verschiedenes genauer
zu unterscheiden. Es gibt psychologisch betrachtet verschiedene
Arten des Eingestelltseins. Es gibt ein gespanntes Gerichtetsein
auf bestimmte Dinge — man denke als Beispiel etwa an das Ver¬
halten der Versuchsperson in einem psychologischen Reaktions¬
versuch —, und auch dies Gerichtetsein kann (und wird in den
meisten Fällen) nicht die Form einer bewußten Erwartung und
Vorstellung des Erwarteten, sondern die einer an sich unbewußten
Erwartungseinstellung annehmen, die sich im Bewußtsein nur durch
ein intensives Spannungsgefühl und gelegentlich aufblitzende Vor¬
stellungsrudimente verrät. Es gibt auf der anderen Seite das ge¬
wohnheitsmäßige Eingestelltsein auf alle möglichen Dinge, das in
jedem Moment unseres psychischen Lebens vorhanden ist und das
sich im Bewußtsein gar nicht, als durch mechanisch ausgeführte
Handlungen bemerkbar macht. Der erstgenannte Faß Ist zugleich
dadurch ausgezeichnet, daß wir mit einer größeren Ausschlie߬
lichkeit auf bestimmte Dinge eingestellt sind, wodurch
zugleich die gewohnheitsmäßige Einstellung auf anderes leidet
8 *
116
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
selbst die Bedeutung des Gebrauchs von Worten: Ein
Wort dient zur Kundgabe und Mitteilung einer ganzen Reihe
von Erwartungen, die für sich kundzugeben oder mitzu¬
teilen sehr viel Zeit und Mühe erfordern würde. Durch das
eine Wort „Schwefelsäure“ bin ich darauf vorbereitet, wie
sich der Stoff in dem Glase vor mir in verschiedenen Rich¬
tungen verhalten wird und ist die Art, wie ich mit ihm um¬
zugehen habe, ebenfalls als selbstverständlich bestimmt.
Natürlich sind die Erwartungseinstellungen, die mir das
einzelne Wort gibt, durch die Bedeutung bestimmt, die i c h
mit dem betreffenden Wort zu verbinden gelernt habe, und
diese Bedeutung kann mannigfach abweichen von der, die
ein anderer mit ihm verbindet. Der Chemiker versteht
unter „Schwefelsäure“ etwas anderes als der Laie. Aber
ebenso gewiß ist der Unterschied kein prinzipieller, er be¬
steht nur darin, daß im einen Fall mehr und exaktere Er¬
wartungen vorhanden sind als im anderen.
7. Die Lösung des nominalistischen Problems. Ding- und
Gattungsnamen als Mittel zur sprachlichen Zusammen¬
fassung von Urteilen.
Der Sinn aller unserer Urteile besteht in bestimmten
Erwartungen (zu denen wir gemäß dem oben Ausgeführten
Erinnerungen und Einfühlungen hinzuzählen). Diese Be¬
hauptung verliert das Paradoxe, das ihr zunächst anhaftet,
wenn wir berücksichtigen, daß wir diese Erwartungen nicht
als solche im Bewußtsein des Urteilenden oder Hörenden
zu suchen brauchen, daß sie vielmehr — die Bekanntschaft
mit den gebrauchten Worten vorausgesetzt — durch un¬
bewußte Erwartungseinstellungen ersetzt zu sein pflegen.
Wer freilich meint, daß das sinnvolle Gebrauchen von irgend¬
welchen Worten oder Sätzen stets das bewußte Hinblicken,
das (wenn auch irgendwie unanschauliche) Gegebensein des
Sinnes voraussetze, dem muß die aufgestellte Behauptung
paradox bleiben. Aber es zeigt sich m. M. n. nirgends deut-
(das Phänomen der Zerstreutheit des Gelehrten und stark Be¬
schäftigten), und daß wir jederzeit „wissen", d. h. in jedem Moment
angeben und bewußt vorstellen können, worauf wir gerichtet
sind, beides Dinge, die im zweiten Fall nicht vorhanden sind. Zwi¬
schen beiden Formen aber gibt es auch allmähliche Übergänge,
die eine kann zur anderen werden.
7. Die Lösung des nominalistischen Problems.
117
licher wie hier, daß diese Meinung dem Wesen des sprach¬
lichen Symbols nicht gerecht wird, indem sie eine wichtige
Funktion desselben verkennt: die Funktion, die darin be¬
steht, uns das bewußte Vergegenwärtigen eines umfänglichen
Sinnes zu ersparen, wie das am Schluß des vorigen
Paragraphen ausgeführt wurde, oder was dasselbe besagt
— der Ausdruck wurde schon früher gebraucht — den
Sinn zu vertreten. Darauf beruht zugleich die Wich¬
tigkeit des sprachlichen Symbols für das einsame Denken:
dasWorthältsozusagendiemannigfachen
Erwartungseinstellungen zusammen, die
sonst (ohne solchen assoziativen Mittel¬
punkt, an den sie alle gemeinsam gebun¬
den sind) zerflattern würden. Kennt man nur
die mitteilende, nicht diese vertretende Funktion des Wortes,
so ist es, scheint mir, unverständlich, warum wir nicht nur
in der Mitteilung, sondern auch im einsamen Vollzug unserer
Gedanken so weitgehend an Wortvorstellungen gebunden sind.
Hier sind wir nun zugleich bei dem Punkt angelangt, durch
den sich die Probleme lösen, mit deren Formulierung ich das
erste Kapitel geschlossen und das zweite begonnen hatte:
die Probleme des „Dinges“ und des Begriffs oder der realen
und idealen Gegenstände. Ich rede von einem Ding, aber
ich kann nie das Etwas, das ich so nenne, mir mittelbar
oder unmittelbar zur Gegebenheit bringen; was ich direkt
erfasse, sind immer nur die mannigfaltigen und wechselnden
Erscheinungen des Dinges. Wie aber kann dann das Wort
„dieses Ding hier“ für mich einen bestimmten Sinn haben,
wenn doch dieser Sinn nie zur Gegebenheit gebracht, dem
bloßen Namen der genannte Gegenstand nicht zugeordnet
werden kann? Wir können jetzt darauf antworten: Das
Ding selbst können wir uns zwar freilich niemals zur Ge¬
gebenheit bringen, wohl aber den Sinn des Satzes: Dies
ist ein Ding (oder besser: die Erscheinung eines Dinges).
Denn dieser Satz, ausgesagt von einem als „dies“ bezeichneten
gegebenen Tatbestand, ist die sprachliche Zusammenfassung
einer Reihe von Erwartungen, die wir uns einzeln zur Ge¬
gebenheit bringen können. Welcher Art, d. h. welchen
Inhalts diese Erwartungen sind, das hängt natürlich von
dem speziellen Begriff eines realen Gegenstandes ab, den
wir verwenden, aber die Form der Erwartungen selbst ist
überall die gleiche: es handelt sich stets um allgemeine
118
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Voraussagen der Wahrnehmungsinhalte, die sich unter be¬
stimmten, uns bekannten Bedingungen an den hier gegebenen
Inhalt anschließen werden. Und ebenso, nur in etwas kom¬
plizierterer Weise, läßt sich der Sinn aller Sätze, in denen
der betreffende „Dingbegriff“ als Subjekt oder Prädikat
vorkommt, in solchen Erwartungen restlos zur Gegebenheit
bringen. Das Wort dagegen, das ein Ding oder einen realen
Gegenstand 1 „bezeichnet“, hat für sich genommen gar
keinen „Sinn“ in derselben Bedeutung dieses Wortes, sein
„Sinnhaben“ besteht vielmehr nur — wie bei den synkate-
gorematischen Ausdrücken — darin, als Teil sinnvoller
Ganzer zu fungieren.
Ein „Ding“ kennen lernen kann nichts anderes heißen
als: die verschiedenen zu erwartenden Erscheinungen kennen
lernen, in denen sich „dasselbe Ding konstituiert“. Dies
„Konstituieren“ aber besteht in dem Aneinandergebunden¬
sein der betreffenden Erscheinungen nach allgemeinen Er¬
wartungsgesetzen, denn: wenn wir von einem gegebenen
Etwas aussagen, es sei Erscheinung dieses oder jenes be¬
stimmten Dinges, so heißt das nichts anderes als: es sind
im Anschluß daran diese und jene ganz bestimmten anderen
gegebenen Tatbestände unter uns bekannten Bedingungen
zu erwarten. Man beachte dabei: Das Vorhandensein, die
Existenz des Dinges ist nicht gleichbedeutend mit der
Existenz, dem psychischen Vorhandensein der Erwartungen,
sondern mit der Geltung, der Wahrheit dieser Er¬
wartungsgesetze. Ich hege diese Erwartungen (bewußt oder
unbewußt) heißt dasselbe wie: ich halte dieses Ding für
existierend oder halte das mir Gegebene für die Erscheinung
eines solchen Dinges; das Ding existiert wirklich, heißt das¬
selbe wie: meine Erwartung (oder die betreffende Erwartung,
gleichgültig, ob ich sie hege oder nicht) ist wahr oder gilt.
Daraus erklärt sich nun zugleich, inwiefern wir von
„d e m s e 1 b e n“ Ding sprechen können, dem eine Mannig¬
faltigkeit und Verschiedenheit von Erscheinungen entspricht.
Das Ding existiert als „dasselbe“, während seine Erschei¬
nungen wechseln, weil ja dieselben Erwartungen nach
wie vor gelten oder wahr sind. Ich sehe eine bestimmt
1 Daß wir außer den Dingen noch andere reale Gegenstände
unterschieden halten, für die dasselbe gilt, brauche ich hier nur
noch einmal anzumerken,
7. Die Losung des nominalistischcn Problems.
119
gefärbte Form, die ich als Vorderseite eines Glaswürfels
sofort erkenne und bezeichne. Zum Sinn dieses Urteils
gehören eine Reihe von Erwartungen, die sich auf das Auf¬
treten von anderen Gesichts-, ferner aber auch von Tast-,
Schwere- usw. Wahrnehmungen beziehen, die ich haben
werde, wenn ich „um den Würfel herumgehe“, ihn „in die
Hand nehme“ usw., kurz mir bekannte und vorstellbare
Bedingungen erfülle. Alle diese Erwartungen bleiben wahr,
gleichgültig, ob ich wirklich z. B. „um den Würfel herum¬
gehe“, d. h. die betreffenden Bedingungen erfülle oder nicht,
sie bleiben in ihrer Gesamtheit auch gültig, wenn
ich eine der Bedingungen erfülle, also z. B. den Würfel
jetzt von der Rückseite her ansehe und dadurch die anderen
gewissermaßen gegenstandslos mache. Auch wenn ich den
Würfel umdrehe und mir dadurch den Anblick seiner Vorder¬
seite entziehe, gilt noch der Satz, daß wenn ich seine Vorder¬
seite berührt hätte, ich eine bestimmte Tastwahrnehmung
bekommen hätte.
Es ist ferner klar, daß „dasselbe Ding“ von verschiedenen
Individuen wahrgenommen werden kann, insofern die gesetz¬
mäßig verknüpften Erscheinungen sich eben auf das Bewußt¬
sein mehrerer Individuen verteilen können: Ich sehe einen
bestimmten Gegenstand in meinem Gesichtsfeld und er¬
warte, daß ein anderer unter bestimmten Bedingungen ein
Entsprechendes wahrnehmen wird. Speziell meine Be¬
hauptung, das von mir Wahrgenommene sei kein „bloßes
Traumbild“, keine „Halluzination“, sondern im Gegensatz
dazu ein „wirkliches Ding“ bezieht sich vor allem auf die
Geltung solcher, Einfühlungen mit umschließender Erwar¬
tungen.
Endlich können wir demselben Ding auch eine über eine
gewisse Zeit sich erstreckende Dauerexistenz zusprechen,
nämlich dann, wenn die erwarteten Inhalte sich über diese
Zeit hin erstrecken. Wenn ich behaupte, daß sich an einer
bestimmten Stelle Deutschlands ein Berg befindet, so liegt
darin ja nicht nur die Erwartung, daß ich jetzt, sondern auch,
daß ich in einem Jahr unter den zugehörigen Bedingungen
(die ich zusammenfassend als Reise dorthin bezeichne) die
entsprechende Wahrnehmung machen werde. (Doch gilt
das nicht nur für „Dinge“ im prägnanten Sinn, sondern
auch z. B. für reale Vorgänge: Wenn ich ein Stück Zink
in Schwefelsäure auflöse und diese Auflösung dauert einige
120
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Zeit, so kann ich doch von „demselben Vorgang“ reden,
der sich in dieser ganzen Zeit hier abspielt. Dinge im eigent¬
lichen Sinn haben nur das Eigentümliche, daß die zeitlich
sich verteilenden gesetzmäßig verbundenen Erscheinungen
einander qualitativ gleich bleiben. Es wird auf diesen Unter¬
schied an späterer Stelle zurückzukommen sein.)
Noch ein Wort zu den mehrfach erwähnten „Bedingungen“.
Man könnte den Einwand erheben, daß die gegebene Formu¬
lierung dieser Bedingungen (wenn ich um das Ding herum¬
gehe, die Hand ausstrecke usw.), doch bereits das Ding
oder wenigstens den Dingbegriff überhaupt voraussetze.
Das betrifft aber offenbar nur die Formulierung. Ich kann
aus naheliegenden Gründen jene Bedingungen nicht in
Worten bezeichnen, ohne Dingbegriffe zu verwenden (wie
wir ja überall zuerst Dinge benennen lernen, weil nur Dingen
und nicht Gegebenheiten gegenüber die vertretende sowohl
wie die mitteilende Funktion des Wortes in Frage kommt);
ich kann auch einem anderen nur mitteilen, was auch in
seinem Bewußtsein irgendwie Widerhall findet; deshalb be¬
zeichnen unsere Worte durchgehends nicht einzelne Gegeben¬
heiten, sondern „Dinge“ und „Gattungen“, und wir können
einzelne Gegebenheiten sprachlich nur auf dem Umweg über
Dinge und Gattungen kennzeichnen. Wir verstehen also
unter den Bedingungen reine Gegebenheiten, unter dem
„Herumgehen“ z. B. die entsprechenden Bewegungs¬
empfindungen. Daß wir uns diese Empfindungen oft spontan
nicht einzeln vorzustellen vermögen, ist kein Einwand, denn
das ist überall da der Fall, wo wir dieser Vorstellung seit
langem nicht bedürfen, weil wir die betreffenden Bedingungen,
wo es nötig ist, unmittelbar verwirklichen können. (Man
vergleiche im Gegenteil dazu Fälle wie die, in denen wir
einen der eigenen Sprache fremden Laut allmählich auszu¬
sprechen lernen. Hier können und müssen wir die betreffen¬
den Zungen- und Gaumenbewegungen usw. bewußt uns
vorstellen, ehe wir den Laut wirklich formen, übrigens ohne
daß wir hier im allgemeinen imstande wären, die betreffen¬
den Bewegungen naturwissenschaftlich, also mit Hilfe der
entsprechenden Dingbegriffe zu bezeichnen [wenigstens, so¬
fern wir nicht Phonetik studiert haben]. Je mehr solche Bewe¬
gungen eingeübt werden, also sich unmittelbar und instinktiv
verwirklichen können, desto mehr kehrt sich das Verhältnis
gerade um: wir verlernen das bewußte Vorstellen der be-
7. Die Losung des nominalistisehen Problems.
121
treffenden Empfindungen und lernen es dafür, sie ,.exakt“,
d. h. mit Hilfe allgemeinverständlicher Begriffe zu bezeichnen,
welche Bezeichnungen dann eben die Vorstellung zu er¬
setzen vermögen: die bloße in Worten gegebene Auf¬
forderung, die Hand auszustrecken, führt die Bewegung
herbei (das entsprechende „Wollen“ vorausgesetzt], ohne
daß ich die betreffenden gemeinten Bewegungen mir noch
vorzustellen brauchte.) Ein Mißverständnis wäre es natür¬
lich, wenn man den Einwand machen wollte, solche Be-
wegungs empfindungen seien doch nicht realiter Be¬
dingungen der das Ding betreffenden Wahrnehmungsände¬
rung. Natürlich nicht, aber von „realen“ Bedingungen
(„Ursachen“) ist ja hier auch gar nicht die Rede gewesen,
sondern wir nennen den gegebenen Inhalt a eine „Bedingung“
des ft, wenn wir allgemein im Anschluß an a ein b erwarten
dürfen.
Endlich sei das Ergebnis unserer Betrachtungen noch
durch ein Schema illustriert. Wenn wir einen gegebenen
Wahrnehmungstatbestand als Erscheinung eines Dinges be¬
zeichnen (dies „ist“ ein Ding dieser oder jener Art), so ist
diese Bezeichnung der zusammenfassende sprachliche Aus¬
druck einer Reihe allgemeiner Erwartungen. Sie ist psycho¬
logisch betrachtet die Kundgabe dieser vorhandenen Er¬
wartungseinstellungen beim Sprechenden und weckt dieselben
Erwartungseinstellungen beim Hörenden (vorausgesetzt, daß
er den Sinn der Worte „kennen gelernt“ hat); sie ist logisch
betrachtet ein sprachliches Symbol, das die betreffenden
Erwartungen (nicht Erwartungs erlebnisse) nennt oder
meint. Diese Erwartungen haben die Form: im Anschluß
an das jetzt gegebene a wird unter den Bedingungen b ein c
auftreten: a -+ß->b. (Beispiel: was ich hier sehe, ist ein
Körper, besagt: wenn ich bestimmte Bewegungen ausführe,
wird sich mein optischer Wahrnehmungsinhalt so und so
verändern, wenn ich die Hand ausstrecke, werde ich Härte
und Widerstand wahrnehmen usw.; es ist ein Körper be¬
stimmter Art, z. B. Kreide besagt weiter: wenn ich Säuren
in Anwendung bringe, werde ich diese oder jene Erfahrungen
machen usf. Dazu beziehen sich die Erfahrungen zugleich
auf vergangene und von anderen angestellte Versuche der
Art, komplizieren sich m. a. W. mit Erinnerungen [und Ein¬
fühlungen.) Haben wir nun eine Reihe von Erwartungen:
a —► ß —► b, a —► ßl —► c usw., dazu aber auch: b c
122
Zweites Kapitel, Das Wesen des Urteils.
usf., so werden für uns a, b, c usw. Erscheinungen „des¬
selben“ realen Gegenstandes. Fasse ich nur die Erwar¬
tungen zusammen, die i m A n s c h 1 u ß a n a das b, c, d
usw. erwarten, so erhalte ich zusammenfassend das Urteil
„a ist D“, a gehört dem außerdem durch die gesetzmäßig
zusammenhängenden Erscheinungen b, c , d charakterisierten
Realen D an. Denke ich mir dagegen alle Erwartungen, die
die Erscheinungen eines bestimmten Realen ausmachen, zu-
sammcngestellt und in e i n e m sprachlichen Urteilsausdruck
zusammengefaßt:
a-+ß-+b b —* ß x —► a c— ► /f'a —+ a
a —► /?'—► c b —► /?', —► c c-+(f' 2 —*b
so kann dieser Urteilsausdruck nur ein eingliedriger
sein, auf der linken Seite steht weder a noch b, noch c,
sondern das durch Zusammenfassung der a, b, c .. ent¬
stehende D, auf der rechten Seite aber steht dasselbe, also:
D > D. Und in der Tat i s t das sprachliche Urteil, das
hier resultiert, ein eingliedriges, nämlich das „Existential-
urteil“: der reale Gegenstand D „existiert“. Er existiert,
d. h. es werden unter den zugehörigen Bedingungen alle
seine Erscheinungen auftreten.
Noch eine Frage entsteht hier. Es ist verständlich ge¬
macht worden, daß wenn wir das gegebene Erfahrungs¬
material in Urteile fassen, diese Urteile die Form von Er¬
wartungen annehmen müssen, es ist ebenfalls leicht verständ¬
lich, daß wenn wir eine Reihe von Erwartungen vor uns haben,
die in der oben bezeichneten Form Zusammenhängen, wir
die Neigung haben, sie in einen sprachlichen Ausdruck
zusammenzufassen. Aber warum nehmen unsere Erwar¬
tungen gerade die Form: a-+ß-+b — auf a folgt unter
den Bedingungen ß ein b — an, diese Form, in die
sich, wie wir sahen, die Elementarurteile fassen lassen, die
in unseren sprachlich formulierten Urteilen enthalten sind?
Warum diese kompliziertere anstatt der doch scheinbar
einfacheren Form: a —* b — auf a folgt ö? Wir werden
genauer auf diese Frage später zurückkommen, im Augen¬
blick sei nur auf eins hingewiesen: Es ist leicht verständlich,
daß wir bei jedem neu auftretenden Erfahrungsinhalt aus
praktischen Gründen, zum Zw T eck der „Orientierung“, vor
allem zu wissen verlangen, in welchen verschiedenen Rieh-
7. Die Lösung des nominalistischen Problems.
123
tungen er uns als Anzeichen für künftige Inhalte (als
warnendes und verheißendes Vorzeichen) dienen kann.
Diesem Ziel genügt offenbar am besten die Reihe von Er¬
wartungen, die uns sagt, was unter den Bedingungen ff, ß it ft 2
usw. im Anschluß an diesselbe a zu erwarten ist, also eben
d i e Reihe von Erwartungen, die in dem Satz „a ist Er¬
scheinung des Realen /?“ ausgedrückt sind.
Auf ganz ähnliche Weise, wie der Begriff des Dinges,
allgemeiner des realen Gegenstandes, läßt sich der der Gat¬
tung, des ideellen Gegenstandes, verständlich machen. Wir
setzen an die Stelle der Erwartungen a —► ß —► ft, a —► ß x c,
ft —► -+ c usw. (also: auf den Wahrnehmungsinhalt a folgt
unter den Bedingungen ß der Wahrnehmungsinhalt b ) eine
Summe von elementaren Gleichheitsurteilen:
a = b, a = c, b = c usf. (Auch diese Gleichheitsurteile
sind, sofern wir sie nicht als bloße Konstatierungen eines
Gleichheitsbewußtseins, sondern als Urteile auffassen,
die von den gegebenen Inhalten a und b aussagen, sie s e i e n
gleich, es bestehe zwischen ihnen objektive Gleichheit, wie
aus früher Gesagtem von selbst hervorgeht, Erwartungen,
nämlich Erwartungen, die den Gedanken enthalten, daß wo
und wann ich „dasselbe“ a und b [denselben Inhalt, nicht
etwa einen ebenso benannten realen Gegenstand] wieder
vergleiche, dasselbe Gleichheitsbewußtsein sich wieder ein¬
stellen wird.) Werden diese Gleichheitsurteile in einen
Urteilsausdruck zusammengefaßt, so entsteht der „Begriff“
der Gattung, der gemeinsamen Gattung, unter die
n, ft, c . . zu befassen sind, d. h. es entsteht ein neues Wort G,
das für sich genommen keinen faßbaren Gegenstand bezeich¬
net, das aber insofern eine bestimmte Bedeutung hat, als
der Satz „er ist G“ (dies „ist“ rot, d. h. fällt unter den
Gattungsbegriff rot) eine Reihe vorstellbarer Gleichheits¬
beziehungen bezeichnet.
Ich betone ausdrücklich: es sind zunächst gleiche
Gegenstände — nicht ähnliche — die als solche derselben
Gattung, demselben Begriff angehören. Von dem einzelnen
abstrakten Farbmoment einer gefärbten Fläche, das ich
als gleich dem Farbmoment andrer Flächen wiedererkenne,
sage ich, es „sei“ himmelblau, d. h. es gehöre zu dieser be¬
stimmten Gattung, von dem abstrakten Höhenmoment eines
Tones, es sei die Tonhöhe des zweigestrichenen c. Freilich kann
ich auch von der gefärbten Fläche im ganzen sagen, sie „sei“
124
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
blau, von dem Ton, er sei ein Ton von dieser bestimmten
Höhe. Aber ein solches Urteil enthält streng genommen
zwei Urteile: erstens sagt es aus, diese Fläche „habe“ eine
Farbe (der Ton eine Höhe), d. h. an sie sei ein Farbmoment
in der Weise des abstrakten Teilmomentes gebunden, und
zweitens dieses Teilmoment „sei“ blau, falle unter den Be¬
griff blau. Endlich kann ich auch den Begriff einer
blauen Fläche oder eines „Tones von der Höhe a“ bilden,
unter den alle Gegenstände zu befassen sind, die insofern
gleich sind, als ihnen gegenüber die gleichlautenden Urteile
gefällt werden, sie „hätten“ erstens ein abstraktes Teil¬
moment, das zweitens blau bzw. die Tonhöhe a „sei“. Die
Gegenstände, die unter diesen Begriff fallen, können dann
in anderer „Hinsicht“, d. h. in bezug auf ein anderes Teil¬
moment, ungleich sein — die zwei blaugefärbten Flächen
können verschiedene Form haben — ein Moment, von dem
wir „absehen“ müssen, wenn wir diese Subsumierung unter
denselben Begriff vornehmen. So gibt es Begriffe, unter
die wir abstrakte Teilmomente befassen (Begriff blau), solche,
unter die wir Gegenstände im Hinblick auf ein Teilmoment
und unter Abstraktion von anderen befassen (Begriff eines
blau gefärbten Gegenstandes), endlich natürlich auch solche,
unter die wir ganze Gegenstände einschließlich aller ihrer
Teilmomente subsumieren.
Nun kann aber auch an die Stelle der Gleichheits- eine
bestimmte Ähnlichkeitserkenntnis treten, auch
ähnliche Gegenstände können als solche demselben Begriff
angehören. So sind rot, grün, blau, kurz alle Gegenstände,
die wir unter den Allgemeinbegriff „Farbe“ fassen, nicht
gleich, sondern ähnlich, und es erscheint mir gezwungen,
diese Ähnlichkeit auf die Gleichheit eines abstrakten Teil¬
moments aller Farben, das dem Begriff Farbe seinen Sinn
gäbe, zurückzuführen. Es gibt nicht für unser Bewußtsein
in demselben Sinn ein abstraktes Teilmoment Farbe oder
Ton, an allen Farben oder Tönen, wie es ein abstraktes
Moment „Tonhöhe“ oder Farbqualität (im Gegensatz zur
Ausdehnung) gibt, auf das wir für sich achten können. Aber
diese Ähnlichkeit, die uns Anlaß gibt, den Begriff „der“
Farbe oder „des“ Tones zu bilden, ist eine Ähnlichkeit be¬
stimmter Art. Man denke sich die verschiedenen Farben
nebeneinander gestellt, man denke sich ihnen gegenüber eine
Reihe von Tönen etwa, so verschwindet gewissermaßen die
7. Die Lösung des notninalistischen Problems.
125
Verschiedenheit der Farben, sobald wir auf Farben und
Tone vergleichend achten, ohne einzelne Teilmomente an
beiden herauszuheben. (Tun wir letzteres, so wird der
Effekt, von dem ich hier spreche, unter Umständen zerstört,
so etwa, wenn uns das charakteristisch Ähnliche dunkler
Farben und tiefer Töne auffällig wird.) Die Farben unter¬
einander werden zu relativ gleichen Gebilden für unser
Bewußtsein, ihre Ähnlichkeit erscheint uns als relative Gleich¬
heit, ihre „qualitative Einheitlichkeit“ (vgl. Abschn. 9
des 1. Kap.) wird zur relativen Einheit. Da nun, wo in
dieser Weise Ähnlichkeit zur relativen Gleichheit werden
oder eine Gruppe von im ganzen (nicht nach Teilmomenten)
betrachtet relativ gleichen Gebilden anderen solchen Gruppen
gegenüber abgrenzen kann, übt Ähnlichkeit wie eigentliche,
d. h. absolute Gleichheit, eine begriffsbildende Funktion,
d. h. wir sagen von Gegenständen, sie „seien“ Gegenstände
bestimmter Art und meinen damit, daß sie sich in eine
solche Ähnlichkeitsgruppe oder -reihe einordnen lassen.
Handelt es sich dabei um Gegenstände, deren Unterschiede
gering sind (z. B. verschiedene Nuancen innerhalb derselben
Farbe), so kann, wenn wir eine solche Gruppe ähnlicher
Gegenstände zusammen- und anderen, stärker unter¬
schiedenen Gegenständen gegenüberstellen, der Eindruck
der Ähnlichkeit direkt in den der Gleichheit, genauer in den
der Ununterscheidbarkeit übergehen, der „Kontrast“ läßt
für unser Bewußtsein die geringen „objektiv bestehenden
Unterschiede“ verschwinden, „unbemerkbar“ werden. Der
Eindruck der „relativen Gleichheit“ entspricht dem
der Ununterscheidbarkeit, durch dieselbe Art der Ver¬
gleichung, der Zusammen- und Gegenüberstellung, durch
die aus wenig unterschiedenen ununterschiedene, werden aus
stärker verschiedenen „relativ gleiche“ Gegenstände. Auch
hieraus wird verständlich, daß wir die relativ gleichen
Gegenstände wie gleiche behandeln, d. h. einem identischen
„Begriff“ unterstellen. So entsteht also eine dritte Form
von Begriffen, Begriffe, die nicht mehr nur gleiche oder solche
Gegenstände, von deren Verschiedenheit (von deren ver¬
schiedenen Teilmomenten) wir abstrahieren, sondern die
relativ verschiedene Gegenstände umfassen. End¬
lich können Gegenstände uns zuerst als ähnlich erscheinen
und diese Ähnlichkeit später, wenn an die Stelle der unter¬
schiedslosen Einheitsauffassung die zerlegende Auffassung
120
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
der Teilmomente tritt, sich in die Gleichheit bestimmter
Teilmomente auflösen. Daher können Begriffe zuerst psycho¬
logisch-genetisch aus der Zusammenfassung zu Ähnlichkeits¬
gruppen entstehen und später zu Begriffen werden, unter
die wir Gegenstände mit bestimmten gleichen Eigenschaften
oder Teilmomenten befassen l . Genauer vollzieht sich die
1 Ich habe im Vorstehenden versucht, den Begriff der Ähnlich¬
keitsreihen, wie ihn Cornelius einführt, etwas zu modifizieren. In
doppelter Hinsicht. C. will auch jede Beurteilung eines gegebenen
Inhaltes im Hinblick auf einen abstrakten Teilinhalt mit der Ein¬
ordnung des gesamten Inhalts in eine Ähnlichkeitsreihe identifi¬
zieren: der vor mir stehende blaue Kreis ist blau, heißt: er ist
charakteristisch ähnlich einer Reihe anderer Gebilde, die wir als blaue
Quadrate, Rechtecke, kurz als Gebilde „gleicher Farbe" und „ver¬
schiedener Form" sprachlich zu benennen pflegen. Er ist kreisförmig,
heißt umgekehrt: er ist „ähnlich" roten, gelben, weißen usw. Kreisen.
Ebenso in bezug auf Tonhöhe, Klangfarbe usw. Gegen diesen Ge¬
danken habe ich einen dreifachen Einwand. Erstens scheint er
mir dem Gegebenen nicht zu entsprechen. Eine gefärbte und ge¬
formte Fläche ist schon für unsere unmittelbare Auffassung keine
absolute Einheit, sondern enthält jene Teile in der eigentümlichen
und unmittelbar erlebten Weise der „abstrakten" Teile. Zweitens
wird die Theorie dem Unterschied nicht gerecht, der zwischen
Begriffen wie „Farbe" und „Ton" auf der einen, „karmoisinrot",
„ockergelb" auf der anderen Seite besteht. Endlich drittens ent¬
steht der schon von verschiedenen Seiten erhobene Einwand: Wie
unterscheiden sich die verschiedenen Ähnlichkeitsgruppen, denen
derselbe Inhalt angehören soll? Der bloße Umstand, daß ein a
einem b und c, außerdem das b dem c als ähnlich sich erweist, kann
zur Definition einer Ähnlichkeits gruppe a — b —c nicht genügen,
wie ein einfaches Beispiel zeigt: a sei ein hellroter Kreis, b ein hell¬
grünes Rechteck, c ein dunkelrotes Rechteck — die obigen Ähn¬
lichkeitsbedingungen sind erfüllt und doch durch sie keine Ähn¬
lichkeitsgruppe umschrieben. Spricht man von verschiedenen
„Hinsichten", in denen hellgrün und hellrot einerseits, hell- und
dunkelrot, rotes und grünes Rechteck andrerseits ähnlich seien,
und läßt die „Gruppe" durch die Ähnlichkeit in „derselben Hin¬
sicht" ihre Einheit erhalten, so hat man, was erklärt werden sollte,
wieder eingeführt, denn entweder sind die verschiedenen „Hin¬
sichten" verschiedene Gegenstände, die verglichen und ähnlich
gefunden werden, also verschiedene abstrakte Teilmomentc —
dann ist der Zirkel sofort offenbar, oder es handelt sich um Ver¬
schiedenheiten der Ähnlichkeit, dann hat man, so scheint es, die
Qualitäten der Gegenstände auf Qualitäten der Ähnlichkeit zurück¬
geführt, die doch selbst ebenso erklärt w r erden müßten. Um diesen
7. Die Lösung des nominalfstischen Problems.
127
allmählige Umbildung unserer Begriffsbildung auf dreifachem
Wege: Zunächst ununterscheidbare Inhalte werden unter¬
schieden; unterschiedene werden wieder zu Gruppen relativ
gleicher Inhalte zusammengeordnet; aus bloß im ganzen
ähnlichen werden zum Teil Gegenstände mit verschiedenen
und gleichen Teilinhalten. Das Wort „blau“ dient Kindern
zuerst zur gemeinsamen Benennungbla uerGegen-
stände, also aller Gegenstände, die eine bestimmte Ähn¬
lichkeitsgruppe bilden. Erst allmählich stellt sich die Unter¬
scheidung des Färb- und Formmomentes ein, wodurch das
Wort blau zur Benennung speziell der Farbe blauer Gegen¬
stände wird, und w r erden die einzelnen Blaunuancen unter¬
schieden, wodurch der Begriff „blau“ nun auf die relative
Gleichheit dieser Farbnuancen basiert erscheint. —
Der Satz, der einen Inhalt unter einen „Allgemeinbegriff“
subsumiert, ist — seinem Sinn nach betrachtet — der zu¬
sammenfassende Ausdruck einer Reihe von Gleichheits¬
urteilen. Sofern diese Gleichheit objektiv besteht, ist das
Subsumptionsurteil wahr oder richtig. Daß wir eine Reihe
solcher Urteile: a = b, a = c, b = c usw. in e i n e n sprach¬
lichen Ausdruck zusammenzufassen streben, ist ebenso leicht
verständlich, wie bei den vorher besprochenen Urteilen
a —> b, a —► c, b —i► c usw., die in die Urteile über „reale
Gegenstände“ eingehen. Überhaupt können wir den Gattungs¬
begriff oder den Begriff des idealen Gegenstandes in jeder
Einwänden zu entgehen, habe ich zunächst begriffliche Zusammen¬
fassungen ähnlicher Gegenstände (Ton, Farbe) von denen gleicher
Teilinhalte unterschieden und ferner den Begriff der relativen
Gleichheit eingeführt, der auf eine bestimmte Tatsache hinweisen
soll: nicht wechselseitige Ähnlichkeit schlechthin führt zu begriff¬
licher Zusammenfassung, sondern nur dann, wenn sie uns als rela¬
tive Gleichheit der ähnlichen Gegenstände anderen gegenüber (mit
denen sie doch zugleich auch ähnlich sein können) erscheint. Nicht
unwichtig ist dabei, daß das Bewußtsein der Ähnlichkeit zu dem
der relativen Gleichheit erst wird durch die Gegenüberstellung
anderer, der betr. Ähnlichkeitsreihe nicht angehöriger Inhalte oder
daß, was dasselbe besagt, das Bewußtsein der relativen Gleichheit
nicht allein Ähnlichkeits-, sondern zugleich Verschiedenheitsbewußt¬
sein voraussetzt. Weil ein hellroter Kreis, ein hellgrünes Rechteck
und ein dunkelgrüner Kreis durch keine Gegenüberstellung eines
weiteren Inhaltes trotz ihrer Ähnlichkeit zu relativ gleichen In¬
halten werden, kann ihre Ähnlichkeit nicht zur Definition eines
Allgemeinbegriffes dienen.
128
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Beziehung dem des realen Gegenstandes analog behandeln,
bis auf den einen Punkt, daß die „Erscheinungen“ eines
realen Gegenstandes durch ihren zeitlichen Zusammen¬
hang (auf a folgt unter den Bedingungen ß b), die „Er¬
scheinungen“ eines idealen Gegenstandes dagegen durch
ihren Gleichheits - oder Ähnlichkeitszusammenhang zu
solchen Erscheinungen desselben Gegenstandes werden.
Daraus ergibt sich weiter, daß realen Gegenständen selbst
eine Existenz in der Zeit zugeschrieben werden kann, die
für die ideellen Gebilde als solche keinen Sinn hätte. Ver¬
gleichen kann ich zeitlich sich nahstehende Gebilde ebenso¬
gut wie solche, die Jahrhunderte auseinanderliegen. Dagegen
teilen Dinge und Gattungen die Eigenschaft, überindividuell
zu sein, insofern „dieselbe“ Gattung ihre Erscheinung im
einen und im anderen individuellen Bewußtsein haben kann,
wenn wir nämlich Inhalte in verschiedenen Bewußtseinen
als gleich annehmen. —
Das Ergebnis unserer Untersuchung können wir nun kurz
so zusammenfassen: Die von uns gebrauchten einfachen
oder zusammengesetzten sprachlichen Ausdrücke nennen
zum Teil phänomenale, zum Teil reale und ideale Gegen¬
stände. Reale und ideale Gegenstände sind als solche nicht
phänomenal, d. h. sie können nicht zur Gegebenheit gebracht
werden. Verstehen wir daher unter dem „Sinn“ eines Wortes
ein durch das Wort benanntes Etwas, das wir uns für sich
zur Gegebenheit bringen können, so haben die ideale und
reale Gegenstände bezeichnenden Worte für sich genommen
gar keinen Sinn oder die durch sie benannten Gegenstände
erweisen sich als fingierte Gegenstände, die Worte im Sinn
des Nominalismus als b 1 o ß e , d. h. sinnlose Namen. Diese
Namen aber gebrauchen wir, weil wir mit ihrer Hilfe die
Erwartungsurteile, in denen wir die gegebenen Inhalte ver¬
knüpfen, in sprachliche Ausdrücke fassen. Die „Existenz“
jener fingierten Gegenstände ist die Geltung des betreffen¬
den Urteils.
Was hier über die Funktion der Dinge und Gattungen
bezeichnenden Nomina ausgeführt wurde, ergibt sich im
Grunde auch, was wenigstens andeutungsweise hinzugefügt
sein mag, wenn man die allgemeinen Bedingungen ins Auge
faßt, von denen die Entstehung und Entwicklung der Sprache
abhängt.
7. Die Lösung des nominalistiscben Problems.
129
Die erste Vorstufe (1er Sprache ist, wie wohl allgemein
zugestanden werden wird, in der unabsichtlichen Verlaut¬
barung von Erlebnissen gegeben, wie wir sie in unserem
entwickelten Sprachleben noch in den Interjektionen kennen.
Die zweite Vorstufe besteht darin, daß sich seitens eines
Hörenden an diese Interjektionen ein „Verständnis“ an¬
schließt, eine Vorstellung, die in den Urheber der Laute
das entsprechende Erlebnis „einfühlt“. Die dritte Stufe
wird erreicht, wenn jene Laute zum Zwecke des Verstanden¬
werdens absichtlich hervorgebracht werden. Hier beginnen
die Laute insofern den eigentlichen Gebilden der Sprache
sich zu nähern, als sie eine mitteilende Funktion üben.
Sehen wir nun zu, was auf diesen primitiven Stufen mit¬
geteilt wird, so sind es stets gefühlsbetonte Erwartungen —
Erwartungen, die ein Moment der Furcht oder des Wunsches
enthalten, wie es denn auch Furcht und Begierde sind, die
sich zunächst und unmittelbar in lebhaften Interjektions¬
lauten äußern und in solche verstehend vom Hörenden ein¬
gefühlt werden. Ich brauche als Beispiel nur an die Lock-
und Warnungsrufe der Tiere zu erinnern, die doch wohl
die ersten derartigen absichtlichen Mitteilungen darstellen.
Die Entwicklung zur wirklichen Sprache nun vollzieht
sich offenbar dadurch, daß zunächst die Zahl der Erwar¬
tungen steigt, deren Mitteilung notwendig bzw. erwünscht
scheint, die in dem Moment natürlich außerordentlich
wachsen muß, in dem sich Wesen zu gemeinschaftlicher
Arbeit nach umfassenderen Zwecken vereinigen. Dies Wachs¬
tum der mitzuteilenden Erwartungen führt zunächst zur
Ausbildung bestimmter Laute, die eben nur diesem Zwecke
der Mitteilung dienen und deren jeder auch einer bestimmten
Mitteilung als Mittel zugeordnet ist: Die Laute werden zu
einer Summe künstlicher Symbole, deren Bedeutung erlernt
werden muß. Der Anfang dazu ist ebenfalls schon im Tier¬
reich gemacht, wenn, wie es bei manchen Herdentieren der
Fall ist, verschiedene Warnungsrufe etwa als An¬
kündigung verschiedener Gefahren benutzt werden.
Man denke sich nun schließlich die Aufgabe gestellt, für
eine beliebig oder unbestimmt große Anzahl verschiedener
Erwartungen Lautsymbole zu schaffen, die eine Mitteilung
der Erwartungen an einen Hörenden ermöglichen. Die
eigentliche Schwierigkeit dieser Aufgabe liegt offenbar darin,
daß die Zahl dieser Symbole notwendig beschränkt ist. Nun
▼. Aster, Philosophie. 9
130
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
sieht man leicht, daß wir, um dieser Schwierigkeit zu be¬
gegnen, zwei Mittel zur Anwendung bringen werden. Erstens
werden wir Erwartungen, die stets aneinander gebunden
sind, von denen die eine nicht ohne die andere auftritt,
auch mit demselben Symbol bezeichnen — ich erinnere an
die Eigenschaft unserer sprachlich fixierten Urteile, jeweils
eine Summe von Erwartungen zu enthalten. Und zweitens
werden wir unsere Symbole so gestalten müssen, daß durch
dieselben immer wiederkehrenden Zeichen eine unbeschränkte
Zahl von Lautsymbolen bestimmten und aus den Zeichen
selbst entnehmbaren Sinnes geschaffen werden kann. Das
geschieht nun, wie es in solchen Fällen immer geschieht.
Man denke an das Alphabet oder an die Zahlzeichen. Die
Zahl der Buchstaben ist sehr beschränkt, die der Wörter im
Verhältnis sehr groß, verschiedene Zahlzeichen gibt es nur
zehn, die Anzahl der Zahlen ist unendlich. Die Möglichkeit,
viele Gebilde durch wenige Zeichen darzustellen, ist hier
dadurch gegeben, daß wir diese Zeichen kombinieren und
den einzelnen darzustellenden Gegenstand durch eine be¬
stimmte Kombination bestimmter Zeichen zum Ausdruck
bringen. Ebenso hier. Wir drücken die einzelne Erwartungs¬
summe durch eine Kombination von Symbolen aus, die
wiederum in anderen Kombinationen wiederkehren können
und hier zum Aufbau eines Symbols dienen, das eine andere
Erwartungssumme bezeichnet. Natürlich entwickelt sich ein
solches Symbolsystem nur allmählich; wie es sich entwickelt,
dazu kann die Sprachentwicklung beim Kinde einen Finger¬
zeig geben: das Kind spricht zunächst in einzelnen Worten,
aber diese Worte meinen etwas, das der Erwachsene in der
Form eines Satzes aussprechen würde, sie haben damit
auch einen bestimmten, angebbaren Sinn. Dieselben
Worte werden dann weiter notgedrungen in verschiedenem
Sinn gebraucht, bis durch Hinzufügung neuer verschiedener
Lautsymbole dem verschiedenen Sinn auch ein wechselnder
Ausdruck zugefügt wird. Ist das aber geschehen, so sind
aus den Worten, die ursprünglich einen bestimmten Sinn
hatten, bloße Bausteine für verschiedenartige, mit bestimm¬
tem Sinn erfüllte sprachliche Symbole geworden.
Nun müssen freilich diese einzelnen Worte auch in ge¬
wissem Sinn eine erlernbare Bedeutung haben. Aber sie
erhalten dieselbe nicht für sich, sondern nur auf dem Um¬
weg über die verschiedenen sprachlichen Ganzen, in die sie
8. über „Inhalt“ und „Gegenstand“.
131
als Teile eingehen. Genauer gesprochen: Wir können die
verschiedenen Erwartungssummen nur deshalb durch eine
verhältnismäßig geringe Zahl von Symbolen ausdrücken, weil
immer wieder gleichartige Gegebenheiten in gleichartigen
Zusammenhängen in ihnen eine Rolle spielen. Das ein¬
zelne Wort aber bezeichnet nicht einfach
eine solche bestimmte Gegebenheit, son¬
dern es ist ein sprachliches Mittel, dessen
gleichartigesVorkommeninsprachlichen
Symbolen verschiedenen Sinnes darauf
hinweist,daßzudenKonstituentiendieses
Sinnes die gleiche Gegebenheit gehört.
Die Sprache ist nicht ein Resultat logischer Überlegung,
sondern ein Erzeugnis der Praxis, das sich die Praxis des
Lebens zu einem bestimmten Zweck geschaffen hat. Dieser
Zweck ist letzten Endes der, von einem Menschen auf den
anderen eine gleichartige Einstellung auf die Zukunft zu
übertragen und damit eine gemeinsame Arbeit an bestimmten
Zwecken zu ermöglichen. Und diesem Zweck scheint mir
die Sprache in ihrer tatsächlichen Beschaffenheit in erster
Linie zu entsprechen.
8. Über „Inhalt“ und „Gegenstand“.
Zu den in der heutigen Psychologie- und Erkenntnis¬
theorie scheinbar eine immer größere Bedeutung erlangen¬
den Begriffen gehört das Begriffspaar Inhalt — Gegen¬
stand. Ich erwarte daher den Einwand, daß ich diesen
Unterschied nicht genügend berücksichtigt, Inhalt und Gegen¬
stand promiscue gebraucht, als Inhalt bezeichnet habe, was
eigentlich schon der Gegenstandsphäre angehöre usw. Wer
freilich die vorstehenden Ausführungen genau verfolgt, kann
streng genommen jenen Einwand nicht erheben. Trotzdem
möchte ich auf ihn antworten, indem ich darzulegen ver¬
suche, in welchem Sinne mir der Gegensatz Inhalt — Gegen¬
stand allein möglich erscheint.
Der Begriff des Gegenstandes und demnach auch des
Inhalts scheint mir zweierlei zu bezeichnen, das nicht deut¬
lich auseinander gehalten wird. Allgemein will man
unter „Gegenstand“ verstehen das Gegenüberstehende, näm¬
lich dem Denken, dem Ich Gegenüberstehende. Das „Objekt“
ist Objekt für ein „Subjekt“. Der Inhalt dagegen ist nicht
9 *
132
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
etwas, das dem Denken gegenübersteht, sondern er ist
„i m“ Denken, gehört also einer subjektiven Sphäre an.
Nun kann man aber unter diesen Ausdrücken genauer ein
Doppeltes meinen. Entweder unter dem Gegenständlichen
eine für alle Menschen gemeinsame, ihnen gegenüberstehende,
objektive Sphäre; unter dem Inhalt daher einen wechselnden,
individuellen, d. h. nur dem individuellen Bewußtsein an¬
gehörenden Tatbestand, unter dem Denken endlich, das
sich als Tätigkeit des Ich auf den außerhalb des Ich stehenden
Gegenstand bezieht, jedes Erkennen im weitesten Sinne
des Wortes. Oder: Man versteht unter dem Denken, um
mit dem letzten zu beginnen, nur beachtendes, bewußtes
Erfassen und Meinen, unter dem Gegenstand das in strenger
Identität gemeinte und festgehaltene Objekt dieses Er¬
fassens, unter dem Inhalt also etwas, das in diesem Sinne
nicht „objektiviert“ ist, das der Sphäre des erfassenden
Subjekts, nicht der des erfaßten Objekts angehört. Nun
ist klar, daß was „Inhalt“ im ersten Sprachgebrauch, unter
Umständen „Gegenstand“ für den zweiten sein muß. Bei¬
spiel: Ein körperlicher Schmerz, den ich spüre, ist subjektiv,
insofern er nicht der für alle Menschen gemeinsamen objek¬
tiven Gegenstandssphäre, sondern nur meinem Bewußtsein
angehört, andererseits vermag ich ihn zu beachten, als diesen
bestimmten Schmerz in meiner Erinnerung identisch fest¬
zuhalten, ist er also Gegenstand in der zweiten Bedeutung
dieses Wortes.
Die Frage nun, ob man die Begriffe Inhalt und Gegen¬
stand im einen oder anderen Sinne nehmen soll, ist zunächst
eine terminologische. Ich meinerseits habe mich, wenn ich
von gegebenen Inhalten sprach, offenbar zunächst dem
ersten Sprachgebrauch angeschlossen, denn das Gegebene,
wie ich es meinte, ist uns in bestimmter Qualität gegeben,
das Gegebensein ein Bekanntgegebensein, das Gegebene ein
identisch in der Erinnerung Festhaltbares. Ich konnte frei¬
lich auch diese Inhalte gelegentlich Gegenstände nennen,
wenn ich das Wort Gegenstand im zweiten Sinn nahm.
Die Frage nun, die ich erörterte, war: Wie aus gegebenen
Inhalten im ersten oder Gegenständen im zweiten Sinn
Gegenstände im ersten Sinne werden oder reale bzw. ideale,
außerindividuelle, für verschiedene Menschen identische
Gegenstände der sogenannten objektiven Welt. Das
„Werden“ ist dabei, wie wir wissen, nicht im Sinne einer
8. Über „Inhalt“ and „Gegemtand“.
133
psychologischen Genese genommen, sondern was gezeigt
werden soll, ist, daß der Begriff des Gegenstandes (des idealen
und realen) nur der Ausdruck für den Vollzug bestimmter
Denkakte ist gegenüber dem gegebenen Inhalt, daß also
diese Gegenstände selbst keine gegebenen Inhalte sind.
Die Frage ist aber doch nicht bloß die nach der hier
zweckmäßigsten Terminologie. Halten wir uns nämlich an
den Inhalt im zweiten Sinn, so entsteht eine naheliegende
Schwierigkeit: Wenn wir von dem Inhalt irgend etwas wissen
und mit Sinn sollen aussagen können, wenn das Wort Inhalt
überhaupt ein Etwas bezeichnen, also nicht ein sinnleercs
Wort für uns sein soll, so muß doch auch der Inhalt als
Inhalt von uns mit Bewußtsein erfaßt werden können, wir
müssen auch nachträglich wissen, w'as wir mit dem Inhalt
im Gegensatz zum Gegenstand meinen. Wir müssen den
Inhalt abgrenzen, also beurteilen können. Sobald das aber
der Fall ist, ist der Inhalt ja nicht mehr Inhalt, sondern
Gegenstand. Danach ergibt sich, daß man, den Sprach¬
gebrauch der zweiten Terminologie ernst genommen, eigent¬
lich nur von Gegenständen und nicht von Inhalten reden,
nur von Gegenständen etwas wissen kann, alle Rede von
Inhalten also leere, sinnlose Rede bleibt. Wir begegnen den
Konsequenzen dieser Schwierigkeit auch verschiedentlich
in der Psychologie und Erkenntnislehre. In interessanter
Weise z. B. bei N a t o r p. Bei Natorp relativiert sich zu¬
nächst der Gegensatz von Gegenstand und Inhalt. Der
Gegenstand ist genau so weit für uns Gegenstand, als er
bestimmt, gedacht, gewußt ist, er ist so weit Inhalt, als er
noch nicht bestimmt ist, d. h. zum Ausgangspunkt erst
neuer zukünftiger Bestimmungen wird — ebenso weit aber
ist er auch ein Nichtgewußtes, ein bloßes X, d. h. ein Etwas,
von dem wir nur in negativer Form wissen, indem wir uns
dessen bewußt werden, daß die Bestimmung von uns ja erst
vollzogen wurde, das Bestimmte also in dieser Hinsicht
vorher noch unbestimmt, „Inhalt“ war. Der Inhalt im
letzten Sinn aber, der Inhalt, der nur Inhalt und noch gar
nicht Gegenstand ist, ist in jedem Sinn ein X, ein bloß
hypothetisch gesetzter Anfang, von dem wir an sich gar
nichts wissen. Man sieht leicht, wie dieser Inhaltsbegriff
nur möglich ist unter der Voraussetzung, daß das Bestimmen,
bewußte Erfassen und Erkennen einer Sache überall und
stets dasselbe ist — der reine Inhalt ist der hypothetisch
134
/weites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
gesetzte Anfangspunkt der einen, identischen Methode
des Erkennens, der nur von der Methode aus gedacht wird.
Wie ich mich zu dieser Grundauffassung Natorps stelle,
wurde schon früher ausgeführt, als ich das Bekanntgegeben¬
sein von etwas mit seiner qualitativen Bestimmtheit und das
begriffliche Erkennen und Beurteilen von einander schied,
komme auch gleich noch einmal darauf zurück.
Schließt man sich der Natorpschen Konstruktion nicht
an, für die also die Methode des Bestimmens der Ausgangs¬
punkt, der Inhalt ein von ihr aus hypothetisch angesetztes X
ist, so hat der Inhalt als ein Unbestimmbares und Unerfa߬
bares — jede Bestimmung und Erfassung macht ihn zum
Gegenstand — eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr.
Etwas von dieser Konsequenz finde ich bei Pfänder,
der speziell bei Wahrnehmungen überhaupt keine Inhalte,
sondern nur noch das denkende oder erkennende Ich und
den erkannLen Gegenstand kennt 1 . Der gesehenen Farbe
steht nur noch gegenüber das Ich und der Akt des Sehens,
nicht mehr ein Farbwahrnehmungsinhalt. Dabei wird nur
der Fehler begangen, gegen den ich mich früher gewandt
habe, der Fehler der Identifikation, der gesehenen Farbe
als solcher, des objektivierten Inhalts, des Gegenstandes im
zweiten Sinn mit dem realen, für alle Menschen identischen,
außerhalb des Bewußtseins stehenden realen Gegenstandes,
des Gegenstandes im ersten Sinn, den wir auch Farbe nennen.
Und ferner: Muß nicht, was für den Inhalt im zweiten Sinn
gilt, der hier glücklich ausgeschaltet worden ist, ebenso
für das Ich und die Denkakte gelten? Entweder das Ich
und die Akte sind qualitativ bestimmte Gebilde, dann sind
sie als solche erfaßt, also Gegenstände, oder es sind sinn¬
leere Worte. Damit sind wir bei der Position, die meiner
ganzen Darstellung zugrunde liegt. Der Ausgangspunkt
alles Erkennens liegt in gegebenen Gegenständen. Alle Worte,
die nicht gegebene Gegenstände bezeichnen, sind Ausdrücke
für fingierte Gegenstände, d. h. sprachliche Kundgaben
vollzogener gedanklicher Zusammenfassungen; das gilt für
das Ich und die Denkakte ebenso wohl wie für die Dinge
und Gattungsbegriffe. Der naheliegende Schluß endlich,
alles Wahrgenommene „müsse“ doch von einem Ich wahr¬
genommen, alles Gegebene einem Ich gegeben sein, ist ein
1 Pfänder, Einleitung in die Psychologie, Lpz. 1904, S. 207ff,
und 278.
8. Uber „Inhalt" und „Gegenstand".
135
Schluß nach dem Typus des ontologischen Gottesbeweises,
ein Schluß, der aus reiner Vernunft das Dasein von etwas
beweist, ohne dies Etwas auch nur definieren zu können.
Nun kann man freilich endlich die Einführung des Gegen¬
satzes Inhalt — Gegenstand im zweiten Sinn noch etwas
anders rechtfertigen. Wir können etwas erleben und dann
hinterher auf dies Erlebte achten und es damit für uns zum
Gegenstand machen. So hat es offenbar einen guten Sinn,
davon zu sprechen, daß wir einmal Gefühle erleben,
im Vollzug eines Gedankens leben, einmal auf beides
reflektieren, es uns gegenständlich machen. Und
man kann das so ausdrücken, daß man sagt: Das Gefühl
usw. sei einmal als „bloßer Inhalt“, einmal als „Gegenstand“
dagewesen. Indessen ist hier mehreres zu bemerken: Erstens,
was hier Inhalt genannt wird, hat doch immerhin auch eine
gewisse qualitative Bestimmtheit. Es ist ein Etwas, das
als solches erfaßt ist — es handelt sich also nur um einen
Gegensatz des Mehr oder Minder, nicht um einen prinzi¬
piellen Unterschied. Zweitens: worin besteht das Gegenstand¬
werden eines solchen Inhalts? Was wird aus dem Inhalt,
wenn er zum Gegenstand wird? Oder anders: Wodurch
unterscheidet sich das bloß erlebte oder vollzogene Gefühl
z. B. von dem mit Bewußtsein erfaßten und beobachteten?
Mir scheint, wir können den Unterschied, um den es sich
hier handelt, noch deutlicher bezeichnen: Indem wir ein
Etwas mit Bewußtsein erfassen, werden wir uns klar über
dasselbe und über seine Stellung, d. h. wir erfassen es in seiner
Verschiedenheit von seiner Umgebung, als Teil dieser Um¬
gebung, als Ganzes, das selbst wieder Teile erhält. Kurz, wir
erfassen mit ihm zugleich die unmittelbar erfaßbaren Rela¬
tionen mit seiner Umgebung und die Relationen, in denen es
zu seinen Teilen und dieseTeile zueinander stehen — die Rela¬
tionen, von denen in einem früheren Abschnitt die Rede war.
Das „Klarwerden“, „Deutlichwerden“, das „Sichbe-
stimmen“ eines Gegenstandes in diesem Sinn besteht in dem
Sichabgrenzen seiner Form und seiner Qualität in und von
der Umgebung und seiner einzelnen Teile gegeneinander,
dasheißtin dem Mitbewußtsein jener Relationen 1 .
1 Im Grunde enthalten diese Bestimmungen nichts Neues, denn
sie suchen nur denselben Unterschied zu fixieren, auf den z. B.
Leibniz mit seiner Unterscheidung „deutlicher“ und nicht¬
deutlicher Vorstellungen hinaus wollte.
136
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Nun kann uns ein „Gegenstand“ in einer Umgebung gegeben
sein, ohne daß die Relationen zwischen ihm und seiner Um¬
gebung unserem Bewußtsein mitgegeben wären und ohne
daß wir die Teile in ihrem Gesondert- und Enthaltensein
mit erfaßten. Alles das aber kann sich hinterher einstellen,
indem wir „denselben“ Gegenstand aus der Erinnerung
betrachten. (Vgl. hierzu die Ausführungen auf S. 18: das
Erinnerungsbild als mittelbares Gegebensein des Erinnerten,
das im Erinnerungsbild Dargestellte als „dasselbe“, als
identisch mit dem, was früher da war. Weil das so ist,
darum können wir das Ergebnis der „Analyse“ des Er¬
innerungsbildes mit dem identifizieren, das uns die Analyse
des früher Dagewesenen selbst geliefert hätte.) Wir können
dies nachträgliche „Analysieren“ auch ein Objektivieren,
„Vergegenständlichen“ nennen und dann davon
sprechen, daß dasselbe Gebilde einmal als „bloßer Inhalt“
erlebt und einmal „als Gegenstand“ erfaßt wurde. Dabei
kann aber wieder Inhalt und Gegenstand kein absoluter
Gegensatz sein, die „Vergegensländlichung“, die klärende
Verdeutlichung, d. h. das Erfassen der Beziehungen und
der Einzelheiten kann (und wird in jedem einzelnen
Fall) mehr oder weniger weit gehen. Dabei ist es nun
leicht verständlich, daß diese Vergegenständlichung, wenn
sie über einen gewissen Punkt hinausgeht, sich nur verträgt
mit einem intensiven Eingestelltsein auf den Gegenstand
selbst, auf den Moment — nicht mit einem erwartenden
Eingestelltsein auf die Zukunft, und daß umgekehrt
dies erwartende Eingestelltsein auf die Zukunft immer an
bestimmte Seiten nur des Gegebenen anknüpft. Das Ge¬
gebene an sich oder selbst möglichst vollständig und nach
allen Seiten hin abgrenzen, unterscheiden und analy¬
sieren, und dies Gegebene nur als Anlaß erleben, der uns,
bisherigen Erfahrungen gemäß (die wir „wissen“, ohne uns
ihrer im Moment „bewußt“ zu sein), bestimmte Erwartungs-
cinstellungen gibt, das sind zwei sich mehr oder minder
ausschließende Verhaltungsweisen. Darum schließt sich das
Vergegenständlichen des Gegebenen als solchen und das
Denken an den zugehörigen „realen Gegenstand“ mehr
oder minder aus, denn das Eingestelltsein auf das Kommende
im Anschluß an das Gegebene ist das, was wir als „Denken
an den realen Gegenstand“ bezeichnen. Daraus erklärt
sich die scheinbar paradoxe Tatsache, daß wir, um das Ge-
8. Über „Inhalt“ und ..Gegenstand“.
137
gebene als solches exakt festzustellen, eine uns für gewöhn¬
lich gar nicht natürliche besondere Einstellung uns geben
müssen oder daß die Worte, die wir in natürlicher Ein¬
stellung auf das Gegebene anwenden, dasselbe keineswegs
als Gegenstand wirklich beschreiben. Die oben erwähnte
Frage, ob es ein Ich oder Akte „gibt“, d. h. ob diese Worte
phänomenale Gegenstände bezeichnen oder der Ausdruck
für vollzogene gedankliche Zusammenhänge nach Art des
Dingbegriffes sind, führt danach auf die weitere Frage zurück,
ob sich solche Gebilde nachträglich aus dem Gesamtbewußt¬
seinstatbestand eines Moments herausanalysieren lassen.
Daß und warum ich diese Frage verneinen zu müssen
glaube, habe ich an früherer Stelle ausgeführt. —
Ich hob vorhin den Fehler hervor, den m. M. n. Natorp
begeht, und der darin besteht, daß er alles Erkennen — in
der Wissenschaft sowohl wie im täglichen Leben — auf
dieselbe Stufe stellt mit dem objektivierenden Erfassen eines
„Inhalts“. (Erkennen ist „Verknüpfen eines Mannigfaltigen
zu einer synthetischen Einheit“ oder Erfassen [Bestimmen]
eines noch unbestimmten a „als“ b). Objektivieren eines
Inhalts, Erkennen eines realen Gegenstandes, eines Dinges
und Fassen der Phänomene in wissenschaftliche, etwa
mathematisch-physikalische Gesetze (Erkennen eines Farb-
wahrnehmungsinhaltes in seiner bestimmten Qualität, dieses
Farbinhalts als einer Eigenschaft eines realen, farbigen
Dinges, endlich der Farbe als einer Folge von Ätherschwin¬
gungen) sind für N. drei geistige Funktionen, in denen immer
dieselbe eine Methode steckt, von denen die eine immer
nur die notwendige und natürliche Fortsetzung der anderen
in derselben Richtung ist. Von anderen wird in gewisser
Weise — von meinem Standpunkt aus gesprochen — der
entgegengesetzte Fehler begangen: der objektivierte Inhalt
(der Gegenstand im zweiten Sinn) wird mit dem realen
Gegenstand (dem Gegenstand im ersten Sinn) unvermerkt
identifiziert und dagegen zwischen beiden und den Kon¬
struktionen der Physik oder zwischen dem Erfassen eines
„phänomenal Gegebenen“ (zu dem nun auch die realen
Gegenstände des täglichen Lebens gerechnet werden) und
dem hypothetischen Ansetzen nicht mehr gegebener Gebilde
(Schwingungen, Atome usw\) in der Naturwissenschaft ein
scharfer Strich gezogen. Meine Auffassung unterscheidet
sich von beiden in charakteristischer Weise: das Vergegen-
138
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
stündlichen eines Gegebenen — das Gegebensein von etwas —
und das Erkennen hat nichts miteinander zu tun, phäno¬
menale Gegebenheiten und reale Gegenstände sind durch
eine Welt voneinander getrennt. Dagegen ist das Ver¬
fahren, dessen sich die Wissenschaft gegenüber den Phäno¬
menen bedient, genau dasselbe, wie dasjenige, durch das
aus dem Gegebenen im vorwissenschaftlichen Denken Be¬
griffe von Dingen und Gattungen entstehen. Die Be-
griffsb i 1 d ung der Wissenschaft ist die
natürliche Fortsetzung der Begriffsbil¬
dung des täglichen Lebens 1 . Das näher zu be¬
gründen, wird die Hauptaufgabe der folgenden Kapitel sein.
9. „Begriff“ und Gegenstand.
Wie die Verwendung des Terminus „Gegenstand“, von
der zuletzt die Rede war, so bedarf auch die des Terminus
„Begriff“ noch einer etwas genaueren Fixierung und Recht¬
fertigung.
Wie verhält sich Begriff und Gegenstand? Wir
verstanden unter dem Begriff zunächst die Bedeutung eines
Wortes. Denken wir uns nun das Wort als Namen eines
Gegenstandes, eines phänomenalen oder fingierten,
also realen oder idealen, so wäre der „Begriff“ der Gegen¬
stand, sofern er durch ein sprachliches Symbol benannt
ist oder sofern er zu einem sprachlichen Symbol in dieser
Beziehung des Benannten zum Namen steht. Wir können
unter Zugrundelegung dieses Sprachgebrauchs mit Sinn den
Gegenstand „selbst“ oder „an sich“ von dem „Begriff des
Gegenstandes“ oder dem Gegenstand, sofern er in diese
Beziehung zu einem sprachlichen Symbol treten kann,
unterscheiden *.
1 Demselben Gedanken gibt Cornelius Ausdruck, indem er
das körperliche Ding, den dreidimensionalen Raum, das Ich usw.
als „natürliche Theorien“ bezeichnet.
2 Eine laxe und ungenaue Ausdrucksweise ist, wenn einmal
auf ihre Ungenauigkeit aufmerksam gemacht ist, nicht mehr ge¬
fährlich, sondern kann unter Umständen, wenn ihre Bedeutung
in dem bestimmten Fall nicht zweifelhaft ist, durch ihre Einfach¬
heit nützlich sein. („Es wäre nicht verständig, wenn sich ein Schrift¬
steller . . . des Vorteils berauben wollte, den auch der weniger an¬
gemessene Gebrauch eines Wortes gewährt, wenn durch dasselbe
eine gewohnte Ideenassoziation geweckt wird, welche die Bedeutung
9. „Begriff“ und Gegenstand.
139
Wir können aber auch den Begriff des Begriffs enger
fassen, indem wir unter dem Begriff den Gegenstand nicht
nur sofern er benannt, sondern sofern er „begriffen“ oder
„gedacht“, d. h. erkannt, beurteilt ist, verstehen. Da jedes
Urteil über reale und ideale Gegenstände sich identisch setzen
läßt mit einer Summe von Erw’artungsurteilen, die einen
gesetzmäßigen Zusammenhang statuieren, so, können wir
sagen, muß auch der Begriff eines solchen Gegenstandes
sich auf eine Reihe solcher Urteile zurückführen lassen.
Anders gesagt, ein solcher „Begriff“ wäre der Inbegriff
aller der Urteile, die wir in bezug auf den betreffenden
Gegenstand fällen können und die die Gesamtheit seiner
Erscheinungen zu dem einen Ganzen des Gegenstandes zu¬
sammenfügen.
Nun ist klar, daß wir von den Urteilen, die für einen
bestimmten Gegenstand gelten, auch einzelne herausgreifen
und nun den Gegenstand, sofern für ihn diese besonderen
Urteile gelten, mit einem bestimmten Namen belegen können.
Damit können wir denselben Gegenstand in verschiedene
Begriffe fassen, oder es können die Gegenstände verschie¬
dener Begriffe tatsächlich identisch sein. Man denke an das
bekannte Beispiel von Napoleon, dem Sieger von Austerlitz
und dem Besiegten von Waterloo. Sie sind dabei freilich
nicht a 1 s Gegenstände dieser Begriffe identisch, sondern
vielmehr verschieden, d. h. die betreffenden sprachlichen
Symbole nennen zunächst nicht denselben Gegenstand,
sondern die in diesen Ausdrücken implizierten Urteile gelten
für denselben Gegenstand. Wir müssen hier unterscheiden
zwischen dem Gegenstand eines sprachlichen Symbols als
dem Etwas, dem das Symbol als Name zugehört, und dem
Gegenstand als dem Etwas, von dem das im Symbol Gemeinte
in einem Urteil aussagbar ist oder von dem die Urteile gelten,
die diese Aussage impliziert. Der Gegenstand im letzteren
Sinn ist es zunächst, den man meist als „Gegenstand“ eines
„Begriffes“ bezeichnet.
Wir können beide als „genannten“ und „beurteilten“
Gegenstand unterscheiden. Dabei ist leicht zu sehen, daß
ein Ausdruck angewandt auf einen bestimmten gegebenen
wie mit einem Schlage zum Bewußtsein bringt“. J. St. M i 11,
Logik, übers, von Gomperz, I. Bd. S. 53). So habe ich denn auch
gelegentlich von „allgemeinen Begriffen" gesprochen, wo der Aus¬
druck „allgemeiner Gegenstand" mehr am Platze gewesen wäre.
140
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Tatbestand („dies Grün hier“), unter Umständen als dieser
Ausdruck mit seiner üblichen Bedeutung genommen, den
Gegenstand beurteilen, nach der Absicht des Sprechenden
aber ihn nur benennen soll.
Endlich beachte man den folgenden Fall. Es gelten von
einem Gegenstand eine Reihe von Urteilen, nennen wir sie
a, b, c, d. Um einen erschöpfenden „Begriff“ des Gegen¬
standes zu gewinnen, müßten wir uns alle diese Urteile zum
Bewußtsein bringen. Nun sind aber diese Urteile, wie wir
wissen, nicht unabhängig von einander, sondern es gelten
die allgemeinen Gesetze, daß, wenn von einem Gegenstand
das Urteil a, dann auch von ihm das Urteil b , und wenn
das Urteil c, dann auch das Urteil d gilt. Dann brauchen
wir, um den Begriff allseitig begrifflich zu bestimmen, die
betreffenden Gesetze als bekannt vorausgesetzt, nur noch
anzugeben, daß von ihm die Urteile a und c gelten.
Darauf beruht der Sinn aller „Definition“, wie man diesen
Begriff gewöhnlich zu verstehen pflegt, als „Wesensbestim¬
mung“ eines Gegenstandes. Einen „Begriff“ definieren
(nicht ein Wort definieren, wovon früher die Rede war)
heißt diejenigen der in ihm implizierten Urteile angeben,
aus denen sich die übrigen für den Gegenstand des Begriffs
geltenden allgemeinen Urteile nach als bekannt voraus¬
gesetzten Gesetzen herleiten lassen. —
Eine nicht unwichtige logische Folgerung er¬
gibt sich aus unserer Bestimmung des Urteils. Jedes Urteil
bekommt seinen Sinn durch eine Summe von Erwartungen,
die es zusammenfassend bezeichnet. Haben wir nun zwei
Urteile, die für denselben Gegenstand gelten sollen, so müssen
sich auch die verschiedenen Erwartungen angeben lassen,
durch die sich ihr Sinn unterscheidet. Lassen sie sich nicht
angeben, so sind die beiden Urteile gar nicht dem Sinn,
sondern nur den Worten nach verschieden, und der Streit,
welches von ihnen wahr ist, ist ein leerer Wortstreit.
Dieselbe Forderung anders ausgedrückt lautet: Es muß,
wenn w r ir einem Gegenstand in einem bestimmten Urteil
eine „Eigenschaft“ beilegen, sich eine „Methode“ wenn nicht
ausführen, so doch wenigstens nach Analogie uns bekannter
„Methoden“ vorstellen lassen, durch die die betreffende
Eigenschaft als bestimmter Erfahrungsinhalt erfaßbar wird.
(Was ich hier „Methode“ nannte, ist die Reihe der „Be¬
dingungen“, unter denen der betreffende Gegenstand sich
10. Historischer Exkurs.
141
als unmittelbar gegeben präsentiert.) Die Naturwissenschaft
hat in ihrer modernen Entwicklung diese Forderung zu
einem selbstverständlichen Prinzip gemacht. Für den Physiker
ist es verständlich, daß wenn wir einem Vorgang eine Existenz
zu einem bestimmten Zeitpunkt beilegen, dies nur heißen
kann: die üblichen und bekannten Methoden der Zeit¬
bestimmung auf diesen Gegenstand angewandt gedacht,
werden oder würden ein bestimmtes Resultat ergeben —
und daß, wenn sich die letztere Behauptung als positiv
falsch (freilich nicht etwa nur als unkontrollierbar) erweist,
auch der Satz, der Vorgang „habe“ einen bestimmten Zeit¬
punkt inne, als falsch erwiesen ist. In der Philosophie hat
man das Prinzip sehr viel weniger befolgt — sonst gäbe es
in ihr nicht so viel Streit um Worte, nicht so viel Schein¬
begriffe, die sich bei näherer Betrachtung als bloße Worte
herausstellen. Freilich neigen merkwürdigerweise gerade
Naturforscher dazu, wenn sie auf philosophisches Gebiet
kommen, ihr eigenes Prinzip zu verleugnen und ihre Begriffe
auf andersgeartete als physische Tatsachen anzuwenden,
ohne sich die Frage vorzulegen, ob denn hier die Methoden
noch anwendbar sind, die dem betreffenden Begriff allein
Sinn und Beziehung auf faßbare Erfahrungstatsachen geben.
10. Historischer Exkurs.
Zum Abschluß des Kapitels einige historische Bemer¬
kungen.
Die Skepsis der Sophisten richtete sich gegen die Mög¬
lichkeit einer für alle Menschen gemeinsam gültigen Wahr¬
heit und damit zugleich gegen die Existenz einer für alle
Menschen gemeinsamen Welt, in bezug auf die es eine Wahr¬
heitserkenntnis gibt. Mit Recht baut sich demgegenüber
Platos Lehre auf dem Gedanken auf, daß wir in den all¬
gemeinen Begriffen — in der Welt der ideellen Gegen¬
stände — eine solche außer- bzw. überindividuelle Welt vor
uns haben. Aber er verkennt dabei, daß auch die Welt der
realen Dinge eine solche überindividuelle Welt ist, eine
Welt außerhalb der individuellen Wahrnehmungen, für die
das avOQomog fiergov navnov nicht gilt. Und gerade, weil er
dies verkennt, weil das Suchen nach der Welt außerhalb
des individuellen Bewußtseins ihn nur auf die ideelle Welt
führt, darum verschmilzt für ihn unwillkürlich das Reale
142
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
mit dem Idealen, darum bekommt die Welt der Begriffe
Züge, die der Welt der Dinge entnommen sind. Sie ist vor
allem aus einer außerzeitlichen zu einer ewigen und damit
zu einer Welt in der Zeit geworden.
So kommt es weiter, daß in der Folgezeit das Problem
der allgemeinen Begriffe das eigentliche Zentralproblem
wird und im Altertum und Mittelalter bleibt. Das Erkenntnis¬
problem — gibt es allgemeingültige, objektive Erkenntnis
und wie ist sie möglich? — erscheint wesentlich in der Form
der Frage nach der Existenzweise der allgemeinen Begriffe
und ihrem Verhältnis zum individuellen Wahrnehmen und
Denken.
Die verschiedenen Lösungen treten uns im Realismus,
Nominalismus und ihren verschiedenen Zwischenformen ent¬
gegen. Für den Realismus behalten die Begriffe den Charakter
einer an sich, außerhalb des individuellen Bewußtseins
existierenden, für alle erkennenden Subjekte gemeinsamen
objektiven Welt. Damit aber konzentriert sich das Er¬
kenntnisproblem auf die Frage: wie kann das menschliche
Denken sich dieser Welt außerhalb seiner bemächtigen?
Wie kann der menschliche Geist etwas von dieser begriff¬
lichen Welt wissen, wenn sie doch nicht in ihm ist ?
Das ist die Frage, die dann zu solchen Versuchen wie der
Platonischen Wiedererinnerung oder zu metaphysischen
Gewaltdekreten führt wie dem Satz der „Identität von
Denken und Sein“, mit dem man den nicht zu lösenden
Knoten des Problems zerhaut. Der Nominalismus erklärt
das Ansichbestehen der Begriffe außerhalb des Bewußtseins
für einen bloßen Irrtum, behält bloß die in gleicher Form
wiederkehrenden Namen übrig, hebt aber damit den objek¬
tiven, außerhalb des Bewußtseins existierenden gemein¬
samen Zielpunkt des Erkennens auf und bringt damit schein¬
bar die Objektivität, die Allgemeingültigkeit der Erkenntnis
in Gefahr: Wie kann es allgemeingültige Erkenntnis geben,
wenn es keine für alle Menschen gemeinsame, außerhalb
des individuellen Bewußtseins existierende Welt von Begriffen
gibt?
In der neueren Philosophie tritt ganz entsprechend in den
Mittelpunkt das Problem des Dinges. Das Problem der
Möglichkeit der Erkenntnis nimmt die Form der Frage nach
der Existenzweise der realen Dinge und ihrem Verhältnis
zum menschlichen Wahrnehmen und Denken an. Die ver-
10. Historischer Exkurs.
143
schiedeneti erkenntnistheoretisch-metaphysischen Richtungen
der neueren Philosophie können wir nach ihrer Stellung zu
diesen Problemen charakterisieren. Auf der einen Seite
steht wieder der Realismus in den verschiedenen Formen
des Materialismus, Spiritualismus, Dualismus. Er nimmt die
„Existenz“ der Dinge als selbstverständlich an und steht
wieder vor dem Problem: Wie kann das individuelle Bewußt¬
sein sich der realen Welt außerhalb seiner bemächtigen?
Das Problem, das wieder zu der Gewaltsamkeit irgendeiner
prästabilierten Harmonie mit oder ohne göttlichen Vermittler,
oder zu der Teilung zwischen mehr oder minder erkennbarer
Erscheinungswelt und mehr oder minder unerkennbarer
Welt von „Dingen an sich“ führt. Auf der anderen Seite
steht der Phänomenalismus, der die Dinge in Wahrnehmungs¬
komplexe im individuellen Bewußtsein auflöst und damit
wieder auf die skeptische Schwierigkeit stößt: wie kann es
objektive Erkenntnis geben ohne eine objektive, für alle
Menschen gemeinsame Welt außerhalb des Bewußtseins, die
ihren Gegenstand, ihr Ziel darstellt?
Die eigentliche Lösung des Problems bringt Kant.
Kant wendet sich einerseits gegen den „Dogmatismus“, der
einfach mit der Voraussetzung einer vom Bewußtsein
unabhängigen Welt von Dingen beginnt und nun nicht
zu erklären vermag, wie wir von dieser Welt und ihrer
Existenz etwas wissen können, andererseits gegen den
Skeptizismus, der die allgemeine Gültigkeit in Zweifel zieht
oder für unbegründbar erklärt. Zu dieser doppelten Stellung¬
nahme aber gelangt er dadurch, daß er das Verhältnis um¬
kehrt, das für die bisherige Philosophie zwischen der Existenz
einer objektiven Sphäre, einer Welt von Dingen außerhalb
des Bewußtseins einerseits und der Möglichkeit wahrer, all¬
gemeingültiger Erkenntnis andererseits bestand. Für den
Realismus ist das, was die objektive Gültigkeit unserer
Urteile gewährleistet, ihre Beziehung auf den objektiv-wirk¬
lichen Gegenstand; für den transzendentalen Idealismus
Kants ist der „Gegenstand“, das „Objekt“ nur der Ausdruck
für die „synthetische Einheit“, die unser „Verstand“ im
„Mannigfaltigen der Anschauung“ herstellt, indem er dies
Mannigfaltige mit Hilfe der kategorialen Formen, also in
Form von Urteilen verknüpft. Die Objektivität unserer
Urteile gründet nicht mehr im vorausgesetzten Dasein einer
„objektiven“ Welt, auf die sie sich beziehen, sondern die
144
Zweites Kapitel. Das Wesen des Urteils.
Setzung einer gegenständlichen Welt ist nur der Ausdruck
der „Objektivität“, d. h. Allgemeingültigkeit unserer Urteile
bzw. die Behauptung, unsere Urteile bezögen sich auf eine
solche dem individuellen Bewußtsein jenseitige Welt, der
Ausdruck für ihren Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Nicht
„unsere Erkenntnis richtet sich nach den Gegenständen“,
sondern „die Natur ist ein Produkt unseres Verstandes“.
Wobei freilich stets das gegebene Material für die
urteilende Tätigkeit unseres Verstandes, das „Mannigfaltige
der Anschauung“ vorausgesetzt ist.
Das Ziel, das damit erreicht ist, besteht darin, daß die
Verbindung von phänomenalistischem Idealismus und Skepti¬
zismus sich löst, die Frage aber, die übrig bleibt, ist die
Frage nach der Möglichkeit allgemein¬
gültiger Erkenntnis, nach der „Möglichkeit syn¬
thetischer Urteile a priori“.
Daß die Auffassung, die die voraufgehenden Kapitel zu
entwickeln versuchten, auf dem Boden dieser kritischen
Erkenntnislehre Kants steht, bedarf, glaube ich, keiner
langen Begründung. Es entspricht dem Grundgedanken
Kants, wenn die „Existenz“ der „Dinge“ auf die G e 11 u n g
von Urteilen zurückgeführt wird, die das gegebene
Mannigfaltige im Bewußtsein der erkennenden Individuen
verknüpfen. Nur müssen wir denselben kirtischen Stand¬
punkt auch gegenüber der Welt der idealen Gegenstände,
der Allgemeinbegriffe einnehmen. Damit wird auch die
Existenz, das Bestehen dieser Begriffe zu einem bloßen
Ausdruck für die Geltung bestimmter Urteile. Es löst sich
auch die Beziehung zwischen Nominalismus und Skeptizis¬
mus, vorausgesetzt, daß sich die Frage nach der Möglichkeit
allgemeingültiger Urteile befriedigend löst. Eben diese Frage
aber ist es, der wir uns nun im folgenden zuwenden müssen.
Drittes Kapitel.
Die logischen Grundgesetze und der
Wahrheitsbegriff.
1. Einleitende Vorbemerkungen.
D as Urteil besteht seinem Wesen nach in einem als Wirk¬
lichsetzen eines Vorgestellten, wie es in der dreifachen
Form der Erinnerung, Einfühlung und Erwartung sich uns
darstellt. Unter ihnen spielt die Erwartung eine besondere
Rolle insofern, als das Erwartungsurteil das einzige ist, das
wir auf seine Wahrheit hin prüfen können. Ein Urteil ist
wahr heißt: es stimmt mit seinem Gegenstände überein, das
Erlebnis der Wahrheit, das Erlebnis, in dem wir ein Urteil
als wahr erfassen, besteht in dem Sicherfüllen der betreffen¬
den Erwartung. Nun aber entsteht die weitere Frage: wie
gewinnen wir wahre Urteile? Wahre Urteile, d. h.
genauer: Urteile, von deren Wahrheit wir uns vorgängig
überzeugen, nämlich bevor wir diese Wahrheit selbst in dem
Sicherfüllen der Erwartung direkt und unmittelbar erfassen.
Denn darauf kommt es offenbar in aller Erkenntnis an,
vorher entscheiden zu können, ob sich eine Erwartung er¬
füllen wird oder nicht, ehe die Erfüllung oder Enttäuschung
selbst eintritt. Anstatt von „wahren“ Urteilen können wir
in diesem Sinne auch von „begründeten“ Urteilen
sprechen. Denn unter dem „Grunde“ der Wahrheit des
Urteils verstehen wir einen solchen Tatbestand, der uns
vorgängig von der Wahrheit des Urteils zu überzeugen ver¬
mag. Unsere Untersuchung führt uns also zu den Begrün¬
dungszusammenhängen in dem weitesten Sinn des Wortes,
in dem als „Grund“ eines Urteils ein anderes Urteil ebenso¬
wohl wie ein gegebener Gegenstand bezeichnet werden kann.
Genauer handelt es sich um die Frage: Wie kann es
solche „Gründe“ geben? Wie und wann
kann ein Tatbestand „Grund“ für ein Ur¬
teil sein?
v. Aster, Philosophie.
10
146 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegrilf.
Bezeichnen wir das Begründen eines Urteils als ein „Er¬
schließen“, das Wort wiederum in dem weitesten, den deduk¬
tiven wie den induktiven Schluß umfassenden Sinn genom¬
men, so haben wir damit in unserer Untersuchung den
traditionellen Gang der Logik befolgt. Wir begannen mit
der „Lehre vom Begriff“, da sich aber herausstellte, daß
Begriffe nur als Teile von Urteilen (kantisch gesprochen:
„nur als Prädikate möglicher Urteile“) möglich sind, so
wurden wir von selbst zur „Lehre vom Urteil“ geführt, der
nun die „Lehre vom Schluß“ sich anreiht.
Auch in der näheren Ausführung werden wir uns zunächst
weiter an die traditionelle Einteilung halten, also die Logik
des deduktiven Schlusses, die „Begründung“ eines Urteils
durch andere Urteile ins Auge fassen. Unsere Frage
lautet also: Wie und wann kann ein Urteil „Grund“ eines
anderen sein? Wir wollen dabei nicht möglichst vollständig
feststellen, was für Urteile in was für verschiedenen Be¬
gründungszusammenhängen stehen können, nicht in einem
möglichst vollständigen System diese Zusammenhänge auf¬
zählen, sondern wir wollen die Frage erörtern, wie es solche
Zusammenhänge überhaupt geben kann, worin ihr Wesen,
ihr Sinn besteht.
Dazu aber müssen wir noch auf einen anderen Bestand¬
teil der traditionellen Logik zurückgreifen: auf die üblichen
Urteilsformen, die man zu unterscheiden und mit deren Hilfe
man die Gesetze des Schlusses in allgemeiner Form dar¬
zustellen pflegt. Diese Urteilsformen sind zunächst ver¬
schiedene Formen, die das sprachlich formulierte
Urteil anzunehmen pflegt. Formen des Urteils satzes.
Wir müssen daher zuerst untersuchen, ob die Verschieden¬
heiten dieser Formen wirklich Verschiedenheiten des Urteils
oder bloß Verschiedenheiten des sprachlichen Ausdrucks sind
bzw. wie weit das eine und andere der Fall ist. Dabei wird
unsere Bestimmung des Wesens des Urteils uns den Ge¬
sichtspunkt angeben, unter dem wir diese verschiedenen
angeblichen und wirklichen Urteilsformen betrachten, und
wir werden damit zugleich die Frage behandeln, welche
verschiedene Arten von Urteilen es geben kann, unsere Be¬
stimmung des Wesens des Urteils überhaupt als richtig
vorausgesetzt.
2. Die traditionellen Urteilsformen der Logik.
147
2. Die traditionellen Urteilsformen der Logik in ihrer
erkenntnistheoretischen Bedeutung.
a) Allgemeine, partikuläre und singuläre Urteile.
Wir können die übliche Unterscheidung von „allge¬
meinen“ und „singulären“ Urteilen in Zusammen¬
hang bringen mit einer aus dem Voraufgehenden uns bekann¬
ten Unterscheidung. Ich kann die Erwartung hegen, daß
zu einem bestimmten Zeitpunkt meines bewußten Lebens
ein ganz bestimmtes vorstellbares Erlebnis auftreten wird,
ich kann mir z. B. beim Anblick des mit der Zange in der
Hand sich nähernden Zahnarztes den Schmerz vorstellen,
den ich sogleich, beim Ansetzen der Zange, empfinden werde.
Dann habe ich hier ein singuläres Erwartungsurteil, insofern
sich mein Erwarten auf einen bestimmten und damit auch
zu bestimmter Zeit existierenden Tatbestand bezieht. In
demselben Sinn sind viele Erinnerungen und viele Ein¬
fühlungen singuläre Urteile.
Daneben aber steht das von uns früher besprochene
„allgemeine“ Erwartungsurteil: ich erwarte unter den Be¬
dingungen a einen Tatbestand b vorzufinden. Ebenso: ich
erinnere mich allgemein an „den“ Anblick eines bestimmten
Hauses, ohne diesen Anblick an einer bestimmten Stelle
meines vergangenen Bewußtseinslebens zu lokalisieren. Wie
solche allgemeinen Erinnerungen und Erwartungen als Tat¬
sachen des Bewußtseins möglich sind, wie wir sie uns zur
Gegebenheit bringen können, wie uns, um es gleich genauer
zu sagen, ein jetzt gegebenes Erinnerungs- oder Phantasie¬
bild eine unbestimmte Menge qualitativ gleicher Wahr¬
nehmungsgegenstände zugleich (besser: nicht alle zusammen,
sondern den einen „ebensowohl wie“ den andern) darstellen
kann, das ist an früherer Stelle dargelegt worden. Damals
wurde auch bereits die Form besprochen, die das „singuläre“
Urteil annehmen muß, wenn es nicht bloß in Worten ange¬
zeigt, sondern dem Sinn nach im Bewußtsein ausgeführt
ist: einen vorgestellten Gegenstand an eine bestimmte Zeit¬
stelle des eigenen vergangenen oder zukünftigen Bewußt-
seinslebens lokalisieren heißt die Inhalte wenigstens kur¬
sorisch mitvorstellen, die ihn vom gegenwärtig Gegebenen
trennen; also erhält das ausgeführte singuläre Urteil die
Form: G (= unmittelbar Gegebenes) —► a ► b x.
148 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
Unterlasse ich es, die Reihe der „Bedingungen“ bis zur
Gegenwart (oder bis zu einem Inhalt, dessen zeitliche Stellung
zur Gegenwart mir „bekannt“ ist) fortzuführen, vollziehe
ich also eine Erwartung der Form a ► b —► x etwa, so habe
ich ein allgemeines Erwartungsurteil: jedesmal wenn im
zukünftigen Bewußtsein die Folge a -* b auftritt, wird sich
an sie ein x reihen, oder: unter den Bedingungen a —► b
tritt x auf. Allerdings können wir, wie man sich erinnern
wird, uns nicht den Sinn jeder allgemeinen Erwartung in
einem Erwartungsbild vergegenwärtigen. Wir können uns
zwar alle beliebigen roten Farben von einer bestimmten
Nuance, gleichgültig wo und wann wir sie auch sehen
mögen, aber wir können uns nicht alle Farben überhaupt
in einem Phantasiebild vorstellig machen und daher auch
nicht ein auf alle Farben bezügliches Erwartungsurteil in
einem Erwartungsbild erleben, wohl aber läßt sich durch
eine größere oder geringere Anzahl allgemeiner Erwartungs¬
bilder dieser Sinn erschöpfend repräsentieren, insofern wir
die Reihe der einzelnen Farbnuancen in der Phantasie durch¬
laufen können (vgl. hierzu S. 189)
Nehmen wir nun den Begriff allgemeiner und singulärer
Urteile in diesem Sinn, so müssen wir uns freilich darüber
klar sein, daß dieser Sinn nicht ganz mit dem üblichen
übereinkommt. Ein Urteil, wie „dies ist Kreide“, „dies ist
rot“, diese Farbe hier oder dies Stück Kreide hier hat diese
oder jene Eigenschaft, fällt nach der üblichen Einteilung
unter die singulären Urteile, es qualifiziert sich dagegen für
unsere Auffassung als sprachlicher Ausdruck einer Summe
von allgemeinen Erwartungen: dies ist Kreide heißt:
jedesmal wenn ich die entsprechenden Bedingungen erfülle,
wird der Inhalt vor mir die bekannten gesetzmäßigen Ver¬
änderungen erfahren, die ihn als Erscheinung eines Stückes
Kreide charakterisieren. Was wir für gewöhnlich „allgemeine
Urteile“ nennen, sind also nicht allgemeine Erwartungen,
sondern allgemeine Erwartungen, die sich außerdem an einen
allgemein bestimmten Gegenstand knüpfen, also Urteile der
Form: Jedesmal, wenn von einem vorgestellten Tatbestand
ein bestimmtes, nämlich das Urteil gilt, er „sei“ Gegenstand
einer bestimmten Art („Erscheinung“ eines bestimmten
„Begriffs“), gilt von ihm auch ein bestimmtes weiteres Urteil.
Der allgemeine Satz „alle Metalle sind gute Wärmeleiter“
besagt: Jedesmal, wenn sich einem gegebenen Gegenstand
2. Die traditionellen Urteilsformen der Logik.
149
gegenüber die Erwartungen erfüllen, die in dem Urteil, er
sei ein Metall, enthalten sind, werden sich auch die weiteren
Erwartungen erfüllen, die den Sinn der Behauptung aus¬
machen, er sei ein guter Wärmeleiter.
Man sieht leicht, daß alle Urteile, die wir überhaupt
sprachlich zu formulieren pflegen, bereits allgemeine Erwar¬
tungen enthalten. Die Urteile nun, die für gewöhnlich als
allgemeine Urteile schon im Wortlaut sich kennzeichnen,
sind eigentlich Verknüpfungen zweier Urteile, d. h. allgemeine
Erwartungen, bei denen die Bedingung, unter der etwas zu
erwarten ist, selbst wieder in dem Erfülltsein einer Reihe
von allgemeinen Erwartungen besteht. Die sprachlich for¬
mulierten singulären Urteile andererseits, deren Subjekt
nicht durch ein bloßes hinweisendes „dies“, sondern durch
Vermittlung eines Substantivs bezeichnet ist — „dies Stück
Kreide hier“ — zeichnen sich dadurch aus, daß sie nicht
ein bestimmtes Verhalten von Gegenständen, sofern von
ihnen gewisse Erwartungen gelten, Voraussagen, sondern
einen bestimmten Gegenstand, von dem sie etwas aus-
sagen, bezeichnen, indem sie bestimmte Erwartungen ihm
gegenüber als gültig annehmen oder voraussetzen.
Es ist bisher noch keine Rede gewesen von den „parti¬
kulären“ Urteilen, die man den universalen und singu¬
lären Urteilen anzureihen pflegt. Repräsentiert auch das
partikuläre Urteil eine besondere Urteils form, betrifft
auch diese Abgrenzung den Sinn, können wir also von den
singulären und allgemeinen noch besondere Erwartungen
unterscheiden und uns zur Gegebenheit bringen, die wir als
partikuläre Erwartungen bezeichnen könnten?
Der Unterschied der allgemeinen und der — im Bewußt¬
sein ausgeführten — singulären Erwartungen war oben ge¬
nauer bezeichnet worden: in den letzteren durchlaufen wir
wenigstens kursorisch die Reihe der Inhalte, die den er¬
warteten von der Gegenwart trennen, in den ersteren stellen
wir nur die letzten, dem erwarteten unmittelbar vorauf¬
gehenden Inhalte mit vor, die damit, da ihre zeitliche Stel¬
lung unbestimmt gelassen wird, zu allgemein vorgestellten
Bedingungen des Erwarteten werden. Nun ist aber noch
ein Drittes möglich: wir lassen den Zusammenhang, in dem
das Erwartete auftreten wird, ganz und gar unbestimmt,
wir stellen weder die ganze Reihe der zeitlich davor liegenden,
noch die unmittelbar voraufgehenden Bedingungen vor,
150 Drilles Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegrilf.
sondern erleben nur überhaupt die Erwartung, einen Inhalt
der Art, wie wir ihn uns jetzt vorstellen, einmal vorzufinden,
wann bleibt gänzlich unbestimmt. Oder wir erwarten, daß
in irgendeinem Bewußtsein einmal ein solcher Inhalt sich
finden wird. In einer solchen Erwartung haben wir die
Urform des partikulären Urteils vor uns. Denn wenn ich
das partikuläre Urteil fälle „Einige Menschen sind blond“,
so ist dieses Urteil gleichbedeutend mit dem anderen: „Es
gibt blonde Menschen“, also mit der Erwartung, daß sich
irgendwann einmal — allgemeine Bedingung oder gar spezieller
Zeitpunkt bleibt unbestimmt — in meiner Erfahrung oder
in der eines fremden Bewußtseins Gegenstände finden werden,
für die zusammen die Urteile gelten, daß sie Menschen sind
und daß sie blonde Haare haben.
Alle Wissenschaft sLrebt nach allgemeinen Ur¬
teilen. Und zwar in doppeltem Sinn: sie strebt nach
erstens allgemeinen Erwartungen und zweitens nach einer
Zusammenfassung unserer allgemeinen Erwartungen in die
auch sprachlich allgemeinen Urteile, deren Eigenart weiter
oben charakterisiert wurde. Das erstere erklärt sich leicht
daraus, daß, wie noch näher gezeigt werden wird, singuläre
und partikuläre Erwartungen selbst nur möglich sind unter
der Voraussetzung eines gewissen Ausmaßes allgemeiner
Erwartungen. Das zweite wird aus dem schon früher er¬
wähnten Streben verständlich, möglichst im Anschluß an
jeden auftretenden Inhalt Voraussagen zu können, was alles
unter den verschiedenartigsten denkbaren Bedingungen an
weiteren Erfahrungen an ihn sich schließen wird und mög¬
lichst alle diese Voraussagen in einem sprachlichen Aus¬
druck kundgeben und mitteilen zu können.
Im Anschluß daran sei noch eins hervorgehoben: Jedes
neu gewonnene sprachlich allgemeine Urteil (das wir also
von nun an von der bloßen allgemeinen Erwartung unter¬
scheiden werden) erweitert zugleich den Inhalt des Subjekts¬
begriffs. Durch das Gesetz, daß alle Metalle gute Wärme¬
leiter sind, ist zugleich eine neue Bestimmung gewonnen,
die nun in den Begriff des Metalls weiterhin mit eingeht,
d. h. ich weiß nun, daß, wenn ich von einem Körper soll
aussagen dürfen, er sei ein Metall, außer den anderen bekann¬
ten Bestimmungen auch diese von ihm gelten und in der
Erfahrung sich bestätigen muß. Der Sinn des Urteils, ein
Körper sei ein Metall, hat seinen Inhalt erweitert, die Zahl
2. Die traditionellen Urteilsformen der Logik.
151
der in ihn eingehenden Erwartungen ist gestiegen. Dagegen
erweitern singuläre und partikuläre Inhalte nicht in dieser
Weise den Sinn unserer Begriffe (oder höchstens den Indi¬
vidualbegriff eines bestimmten Gegenstandes.)
b) Bejahende und verneinende Urteile.
Der Unterschied des positiven und negativen Urteils hat
von jeher — seit Plato — Logiker und Psychologen beschäf¬
tigt. Vor allem ist es das Moment der Negation, das gewisse
scheinbar schwer zu lösende Schwierigkeiten enthält, die
dazu geführt haben, daß bis zum heutigen Tage sich zwei
ganz verschiedene Auffassungen der Negation im Urteil gegen¬
überstehen. Nach der einen sind positives und negatives
zwei von Haus aus verschiedene Arten von Urteilen, jedes
Urteil trägt an sich entweder den Charakter einer Position
oder Negation; nach der anderen ist Position und Negation,
Bejahung und Verneinung, nicht ein Bestandteil des Urteils,
sondern die mögliche verschiedenartige Beurteilung
eines vorausgesetzten Urteils, der Gegensatz betrifft also
gar nicht die Urteile selbst, bezeichnet nicht verschiedene
Urteilsformen, sondern die doppelte Stellungnahme, die
einem Urteil gegenüber möglich ist. Für die erste Auffassung
kann uns als Beispiel die B r e n t a n o sehe Urteilslehre, für
die zweite Windelbands Lehre vom negativen Urteil
dienen.
Nach Brentano besteht das Urteil in einem „Anerkennen“
und „Verwerfen“ von „Vorstellungen“. In dem Urteil
„Gott existiert“ wird Gott vorgestellt und bejaht, in dem
Urteil „ein viereckiger Kreis existiert nicht“ die Vorstellung
eines viereckigen Kreises vollzogen und negiert. In Fällen,
in denen es sich nicht um reine Existentialurteile handelt,
wird die Sache nur komplizierter; in dem Urteil: „das Blatt,
das ich hier sehe, ist weiß“ anerkenne ich den wahrge¬
nommenen Gegenstand mit spezieller Rücksicht auf das ihm
anhaftende Moment der weißen Farbe. Eine eigentliche
kritische Würdigung dieser Theorie, die auf die phänomeno¬
logischen Grundlagen ihres Gegenstands-, Vorstellungs- und
evtl. Inhaltsbegriffs zurückgehen müßte, liegt hier nicht in
meiner Absicht. Ich bemerke nur von meinem phänomeno¬
logischen Standpunkt aus. kurz folgendes. Versteht man
unter der „Vorstellung“ ein Gegebenes als solches, so hat
für mich weder das Anerkennen noch das Verwerfen solcher
152 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
Vorstellungen einen Sinn. Wohl aber wurden schon früher
diejenigen „Vorstellungen“ namhaft gemacht, denen gegen¬
über das „Ja“ und das „Nein“ einen bestimmten Sinn ge¬
winnt, das sind Erinnerungs-, Erwartungs- und Einfühlungs¬
bilder. Ich stelle mir ein Kommendes vor, aber mein Vor-
stellungs- ist kein bloßes Phantasie- sondern ein Erwartungs¬
bild, d. h. ich „anerkenne“ zugleich oder setze zugleich den
vorgestellten Gegenstand als wirklich, und zwar in der spezi¬
ellen Form der Erwartung, die den Zusammenhang der Zu¬
kunft für unser Bewußtsein entstehen läßt. Auf solche Er¬
wartungen wurden auch, wie man sich erinnert, die Existential-
urteile zurückgeführt; daß menschliche Wesen im Monde
existieren, bedeutet, um Kants Beispiel und Ausdrucksweise
zu zitieren, daß wir im Verlauf unserer Erfahrung auf sie
stoßen werden, d. h. daß die betreffenden Erwartungen sich
erfüllen werden.
Eine besondere Schwierigkeit aber bereitet uns nur noch
hier das „Verwerfen“. Steht das Verwerfen ohne weiteres
auf gleicher Stufe mit dem Anerkennen, wie wir es hier
interpretiert haben? Man beachte genauer, was das heißt.
Ich kann mich an etwas erinnern oder etwas erwarten, und
ein anderes Mal kann die betreffende Erinnerung und Er¬
wartung fehlen — ich vermag mich an das Betreffende
nicht zu erinnern, ein Vorgang kommt mir unerwartet. Aber
dieser einfache Mangel einer Erinnerung, der Wegfall einer
Erwartung ist doch nicht ein negatives Urteil. Hier ist der
Punkt, an dem die zweite Auffassung begründet erscheint:
Es gibt, so scheint es, nicht positive und negative Erwar¬
tungen, sondern eine Erwartung ist allemal Erwartung von
etwas Bestimmtem, positive Setzung von etwas, aber
wir können diese Erwartung für wahr und für falsch halten,
bejahen und verneinen, glauben, daß sie sich erfüllen und
enttäuschen wird. Danach wäre das negative Urteil in
Wahrheit die verneinende Beurteilung eines positiven Urteils,
ein negatives Urteil fällen hieße ein positives verneinen.
Betrachten wir nun den Sachverhalt unter Beiseite¬
setzung der Theorien rein sachlich, so ergibt sich das folgende.
Ich habe die zwei Urteile: „a ist ö“ und: „Das Urteil ,a ist
ist wahr“. Beide Urteile enthalten als solche Erwartungen,
die in gewisser Hinsicht identisch sind: das eine erwartet
den Eintritt eines bestimmten Ereignisses, das zweite spricht
die Erwartung aus, daß die erstgenannte Erwartung sich
2. Die traditionellen Urtcilsformen der Logik.
153
bewahrheiten, sich erfüllen wird. Ein positives Urteil und
eine positive Beurteilung dieses Urteils verhalten sich wie
eine Erwartung und die Erwartung, daß jene Erwartung
sich erfüllen wird. Hält man daran fest, so beantwortet
sich von selbst die Frage, worin die negative Beurteilung
eines positiven Urteils besteht: in der Erwartung, daß die
Erwartung jenes Urteils sich enttäuschen wird. Worin be¬
steht nun dies Sichenttäuschen einer Erwartung? Ich er¬
warte, daß unter den Bedingungen b ein a auftritt, diese
Erwartung enttäuscht sich, indem auf das b nicht das a,
sondern ein von a verschiedenes c sich einstellt. Nun kann
ich aber eben die Erwartung, daß das letztere statthaben
wird, auch direkt erleben und aussprechen, dann sage ich
nicht: ich erwarte, daß die Erwartung, daß auf b ein a
folgen wird, sich enttäuscht oder was dasselbe besagt: ich
beurteile das Urteil: auf b muß a folgen, als falsch, sondern
ich sage direkt: ich erwarte, daß auf b ein von a verschie¬
denes, ein non-a folgen wird. Damit haben wir das einfache
negative Urteil, das sich demnach zur negativen Beurteilung
des entsprechenden positiven Urteils ganz ebenso verhält,
wie das positive Urteil zu seiner positiven Beurteilung. In
gewisser Weise ist, wie schon Plato (im Dialog Sophistes)
erkannt hat, das negative Urteil ein Verschiedenheitsurteil,
genauer ein Urteil, das das zu Erwartende nicht dadurch
charakterisiert, daß es dasselbe einem uns Bekannten gleich,
sondern von ihm verschieden ansetzt.
c) Kategorisches, hypothetisches und disjunktives Urteil.
Legen wir uns die Frage vor, welche von den drei
Urteilsformen des kategorischen, hypothetischen und dis¬
junktiven Urteils gewissermaßen die grundlegende und
elementare ist, so kann die Antwort nach dem vorauf¬
gehenden nicht zweifelhaft sein. Alle Urteile sagen aus,
daß unter bestimmten Bedingungen in einem Bewußtsein
etwas Bestimmtes geschehen wird, sind also insofern
hypothetische Urteile. Ein kategorisches
Urteil ist, wie wir schon wissen, nichts als ein sprachlicher
Ausdruck für eine Summe von allgemeinen hypo¬
thetischen Urteilen.
Genauer müssen wir freilich drei Formen solcher kate-
gorialer Urteile unterscheiden. Erstens das Urteil, das ein
Gegebenes als Erscheinung einer Gattung auffaßt: Dies ist
154 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsb egrilf
eine rote Farbe — dem Sinn nach eine Summe von Gleich-
heits- bzw. Ähnlichkeitsurteilen, d. h. von Erwartungen, die
das Auftreten eines Gleichheits- oder Ähnlichkeitsbewußt¬
seins unter bestimmten Bedingungen (bestimmten Inhalten
gegenüber) Voraussagen. Zweitens das Urteil, das ein Ge¬
gebenes als Erscheinung eines Realen, z. B. eines Dinges,
aber auch eines realen Vorgangs, einer realen Farbe, eines
realen Tones, eines Charakterzuges usw. bezeichnet. Wir
wissen, diese beiden Urteilsformen können dieselbe sprach¬
liche Form annehmen: „dies ist blau“ kann die Zugehörig¬
keit zu einer bestimmten Gattung, aber auch zu einer be¬
stimmten realen Farbe, einem bestimmten gesetzmäßigen
Zusammenhang von Farbwahrnehmungen verschiedener Qua¬
lität bedeuten — dies ist blau und nicht etwa grün, obgleich
es jetzt bei diesem Lampenlicht grün erscheint. Endlich
drittens die kategorialen Urteile, die nicht von einem Ge¬
gebenen die Zugehörigkeit zu einer Gattung oder einem Ding,
sondern von Gattungen oder Dingen oder Gattungen von
Dingen etwas aussagen. Freilich beziehen sich auch diese
Urteile, wie wir wissen, schließlich auf gegebene Tatbestände,
nur mittelbar, nämlich auf Gegebenheiten unter der Be¬
dingung oder wenigstens mit der Voraussetzung, daß für sie
bestimmte andere Urteile gelten. Alle Gegenstände der
Art a sind b heißt: Wenn für einen gegebenen Tatbestand
das Urteil gilt, er sei a (oder Erscheinung eines a), so gilt
auch das weitere Urteil für ihn, das in dem „ist Z>“ seinen
sprachlichen Ausdruck findet. Besonders hervorgehoben
seien unter diesen Urteilen die Benennungsurteile, die einer
Gattung oder einem Ding einen bestimmten Namen bei¬
legen, d. h. aussagen, daß (unter den zugehörigen Bedin¬
gungen) für den fraglichen Gegenstand gerade dies sprach¬
liche Symbol gewählt zu werden pflegt. Das Urteil, „dies
ist blau“, kann wie die Zugehörigkeit eines Inhalts zu
einer Gattung oder zu einem Ding, so drittens die eines
gebräuchlichen Namens zu dieser Gattung oder diesem Ding
bedeuten.
Wie das kategoriale, so können wir das disjunktive Urteil
als Ergebnis einer Summierung von Urteilen auffassen. Das
disjunktive Urteil „Amphibien atmen entweder durch
Lungen oder durch Kiemen“ entsteht, indem den beiden
partikulären Urteilen: es gibt lungenatmende und es gibt
kiemenatmende Amphibien, das allgemeine Urteil hinzu-
2. Die traditionellen Urteilsformen der Logik.
155
gefügt wird: alle A., die keine Lungen haben, atmen durch
Kiemen. Dies allgemeine macht die vorerwähnten parti¬
kulären Urteile zur möglichen Grundlage einer Einteilung,
einer Disjunktion.
Die Urteile endlich, die sich schon in der sprachlichen
Formulierung als hypothetische Urteile darstellen, enthalten
tatsächlich einen Zusammenhang zweier realer Tatbestände,
nicht mehr zweier Gegebenheiten, das Bedingungsverhältnis,
das sie aussprechen, ist ein Bedingungsverhältnis zwischen
Realem oder kürzer ein reales Bedingungsverhältnis. Darum
können wir jedes hypothetische Urteil dieser Art auch be¬
trachten als Gewinnung einer neuen Erscheinung eines realen
Tatbestandes. Durch die Feststellung, daß jedesmal, wenn
es wärmer wird, auch das Thermometer steigt, ist eine neue
Wahrnehmung festgelegt, die dem realen Vorgänge des
Wärmerwerdens mit derselben Notwendigkeit anhaftet, wie
seine anderen Erscheinungen oder mit diesen Erscheinungen
ebenso notwendig zusammenhängt, wie diese untereinander.
Auf diesen Punkt wird an anderer Stelle zurückzukommen
sein.
d) Assertorisches, apodiktisches und problematisches Urteil.
Sind auch mit der Unterscheidung in assertorische, apo¬
diktische und problematische Urteile logische Unterschiede,
neue Formen des Urteils als solchen zum Ausdruck ge¬
bracht ?
Wir haben das allgemeine Urteil, alle a sind b. Haben wir
dies Urteil als gültig erkannt, so enthält es zugleich eine
allgemeine Bedingung, der nunmehr jeder Gegenstand ge¬
mäß sein muß, sofern er a sein soll, d. h. sofern wir ihn
unter den Begriff a sollen fassen dürfen. Also: wenn das
allgemeine Urteil gilt „alle a sind b lt , so gilt zugleich das
andere Urteil: Irgendein Gegenstand, der unter den Begriff a
fällt oder ein beliebiges a 1 muß b sein. Das letztere
Urteil aber ist ein apodiktisches. Wir können also
jedem allgemeinen Urteil die Form eines apodiktischen geben
und umgekehrt (Allgemeinheit und Notwendigkeit sind Wech¬
selbegriffe, wie Kant sagt), sobald wir das allgemeine Urteil
1 Man vergleiche zu dem Ausdruck „ein beliebiges a“ die Be¬
merkung auf S. 193.
156 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
nicht mehr formulieren für „a 11 e“ Gegenstände einer be¬
stimmten Gattung, sondern für ein beliebiges Glied
dieser Gattung. Jenes allgemeine und dieses apodiktische
Urteil können also als sinnesgleich angesehen werden, d. h.
wir können den Unterschied des allgemeinen und entsprechen¬
den apodiktischen Urteils als einen bloßen Unterschied der
sprachlichen Formulierung betrachten. So ist das Urteil
„alle Menschen sind sterblich“ gleichbedeutend mit dem
anderen: ein Mensch muß ein sterbliches Wesen sein, „alle
Metalle sind gute Wärmeleiter“ gleichbedeutend mit „ein
Metall muß ein guter Wärmeleiter sein“. Ein Urteil dagegen,
das zugleich allgemein und apodiktisch ist: „Alle Metalle
müssen gute Wärmeleiter sein“ wäre ein Pleonasmus, wie
der Ausdruck runder Kreis oder viereckiges Quadrat, es sei
denn, daß wir das Müssen als Ausdruck dafür nehmen, daß
wir das allgemeine Urteil als Spezialfall eines noch allgemeine¬
ren fassen, wodurch das Subjekt des scheinbar allgemeinen
und apodiktischen Satzes eigentlich nicht mehr ein allge¬
meiner Gegenstand ist: Alle Walfische müssen, als Säuge¬
tiere, Milchdrüsen haben, heißt eigentlich: „ein“ Säugetier,
wie z. B. „alle“ Walfische, muß M. h.
Ebenso ist das assertorische nur eine andere Formulierung
des singulären Urteils. Für das assertorische Urteil ist
charakteristisch, daß es sich auf eine einzelne bestimmte
Tatsache bezieht, eben dasselbe geschieht im singulären
Urteil, das einen einzelnen gegebenen Tatbestand in einem
bestimmten Zusammenhang als wirklich setzt, während das
allgemeine Urteil besagt, daß unter bestimmten Bedingungen
jedesmal etwas geschieht und so über die bloße Einzeltat¬
sache hinausgeht. Noch ein Einwand wäre möglich: Können
wir nicht unter dem Satz „alle Metalle sind g. W.“ auch
die Konstatierung einer bloßen Tatsache verstehen, näm¬
lich der Tatsache, daß alle bisher untersuchten Metalle diese
Eigenschaft zeigten, und wäre nicht in diesem Fall das all¬
gemeine keineswegs gleichbedeutend mit dem apodiktischen
Urteil: ein Metall muß ein g. W. sein? Darauf wäre zu er¬
widern, daß ein solches Urteil eben auch nur scheinbar ein
allgemeines Urteil wäre. Konstatiere ich durch vollständige
Induktion, daß „alle“ Menschen, die zu einer bestimmten
Zeit zufällig in einem Zimmer vereinigt sind, zwischen 30
und 40 Jahr alt sind, so ist das gewonnene Urteil doch nur
ein singuläres, wenn auch das Einzelsubjekt, von dem es
2. Die traditionellen Urteilsformen der Logik. 157
handelt, in einer bestimmten Summe von Menschen, anstatt
in einem einzelnen Menschen besteht.
So wie das apodiktische nur ein anderer Ausdruck eines
allgemeinen Urteils ist — genauer ein Urteil, von dem wir
wissen, daß es als allgemeines gilt, formuliert für einen be¬
liebigen Gegenstand von denen, für deren Gesamtheit es
gilt — so ist das problematische nur ein anderer Ausdruck
eines partikulären Urteils. Anstatt zu sagen „einige a sind /»“
können wir auch sagen „es gibt /»-seiende a“ oder: „ein
a kann i sein“. Ein problematisches ist ein Urteil, das
wir als partikuläres Urteil kennen, formuliert für ein beliebig
angenommenes Glied der Gattung, für die das Urteil als
partikuläres gilt.
Endlich noch eins. Wir haben ein assertorisches, also
singuläres oder ein problematisches, also partikuläres Urteil.
Dann können wir dieses Urteil versuchsweise und mit dem
Bewußtsein, daß es versuchsweise oder vorläufig geschieht,
„verallgemeinern“, d. h. ein allgemeines Urteil an seine
Stelle setzen. Mit welchem Recht und unter welchen Be¬
dingungen das geschieht, mag vorläufig dahingestellt bleiben.
Tun wir das aber, dann dürfen w'ir von diesem allgemeinen
Urteil nicht behaupten, es sei wahr, sondern nur, es k ö n n e
w r ahr sein oder es sei möglicherweise wahr: der
problematische Charakter erhält sich in der Beurteilung der
Wahrheit des betreffenden Urteils. (Dabei verstehe ich frei¬
lich unter einem partikulären Urteil das „einige a sind />“
und nicht etwa „n u r einige a sind Z>“, ein Urteil, das in
der Tat zwei, ein positives und ein negatives partikuläres
Urteil enthält, in gewisser Weise also ein disjunktives Urteil
darstellt.) Zugleich zeigt diese Möglichkeit unter Um¬
ständen Grade, die Grade der Wahrscheinlichkeit, von denen
später die Rede sein wird.
Umgekehrt können wir freilich auch von einem singulären
Urteil sagen, es sei möglicherweise wahr oder könne wahr
sein, dann ist der Sachverhalt der, daß es sich hier eigentlich
um ein problematisches Urteil, bezogen auf ein beliebiges
Glied einer Gattung handelt, das wir versuchsweise oder
annahmeweise als assertorisches Urteil formulieren. Ein a
kann b sein — dafür können wir sagen: es ist möglicherweise
wahr, daß dies oder jenes bestimmte a b ist. Auch hier wird
aus dem problematischen ein assertorisches Urteil gemacht,
und die Möglichkeit erhält sich in der Beurteilung der Wahr-
158 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
heit des neuen Urteils l . Ich bemerke ausdrücklich, daß
diese Ausführungen nur vorläufig sind, die Begriffe der Mög¬
lichkeit, Notwendigkeit und Wahrscheinlichkeit erfordern zu
ihrer endgültigen Bestimmung noch weitere Untersuchungen,
die an das hier Begonnene anknüpfen werden.
Eines indessen läßt sich bereits hier feststellen, nämlich
daß die Modalität des Urteils nicht, wie man gemeint hat,
mit der größeren oder geringeren subjektiven Überzeugung
identisch ist, die sich für uns an das Urteil knüpft, sondern
vielmehr ein Moment des Urteils selbst, nur kein Moment
für sich, sondern dasselbe, das allgemeine, partikuläre und
singuläre Urteile voneinander scheidet. In den Urteilen „a
kann b sein“ und „a muß b sein“ drücke ich nicht dasselbe
Urteil nur einmal mit geringerer, einmal mit größerer Über¬
zeugung aus, sondern ich sage, daß im einen Fall a und b
durch ein allgemeines, im anderen durch ein partikuläres
Urteil verbunden sind. In dem Satz: es ist notwendig oder
möglich, daß a b ist, ist die Notwendigkeit bzw. Möglichkeit
freilich kein Bestandteil des Urteils „a ist sondern ein
Ausdruck dafür, daß für mein Bewußtsein das Urteil a ist b
in einem bestimmten Zusammenhang mit einem entsprechen¬
den allgemeinen bzw. partikulären Urteil steht, einem Zu¬
sammenhang, der sich genauer als ein Begründungszusammen¬
hang ausweist. Dieser Zusammenhang hat nun endlich auch
etwas mit der Stärke unserer Überzeugung zu tun, insofern
nämlich, als er einer der Faktoren und zugleich der einzige
im Wesen des Urteils überhaupt (und nicht seines speziellen
Inhalts) liegende Faktor ist, von dem die Stärke unserer
Überzeugung abhängt.
3. Der Satz der Identität und der Begriff der objektiven
Wahrheit.
Wiegewinnenwir wahreUrteile? Um diese
Frage beantworten zu können, müssen wir zunächst die
Bedingungen kennen, von denen die Wahrheit eines Urteils
abhängt. Und naturgemäß werden wir die Frage nach diesen
Bedingungen zunächst so weit wie möglich fassen, also fragen,
1 Endlich können wir auch in dem Urteil „a muß b sein“ das
Moment der Notwendigkeit in die Beurteilung des Urteils hinein¬
ziehen und kommen dann zu dem Ausdruck: das Urteil, a ist b,
kann nicht nur, sondern „muß wahr sein“.
3. Der Satz der Identität und der Begriff der objektiven Wahrheit. 159
welchen Anforderungen alle Urteile, gleichgültig, welchen
speziellen Inhalt sie haben, gleichermaßen genügen müssen,
um wahr zu sein oder genauer, um wahr sein zu können
(vgl. Abschn. 6 dieses Kap.), deren Nichterfüllung die Falsch¬
heit des Urteils unmittelbar zur Folge hat. Wir können diese
Bedingungen auch als die formalen Bedingungen der
Wahrheit eines Urteils bezeichnen, da es Bedingungen sind,
die unabhängig vom Inhalt eines Urteils für dasselbe gelten.
Es sind natürlich die „formalen“ „obersten Denkgesetze“,
auf die diese Bemerkungen abzielen. Daß der Ausdruck
„Denkgesetze“ unzutreffend ist, ergibt sich freilich schon
aus dem eben Gesagten, es handelt sich nicht um Gesetze,
die den Ablauf des Denkens betreffen, sondern um allge¬
meinste Wahrheitskriterien, d. h. um Eigenschaften des
Urteils, im Hinblick auf die wir jedem Urteil gegenüber,
bevor es sich eigentlich erfüllt oder enttäuscht, eine gewisse
Beurteilung seiner Wahrheit oder Falschheit gewinnen.
In der üblichen Formulierung „A ist A“ oder „A = A“
erscheint uns der Satz der Identität als eine leere
und nichtssagende Tautologie, von der wir schlechterdings
nicht begreifen, inwiefern sie ein oberstes Gesetz der Wahr¬
heitserkenntnis oder ein Kriterium der Wahrheit unserer
Urteile sein soll. Nicht besser steht es scheinbar mit Formeln
wie „was ist, das ist“ oder „was gilt, das gilt“. Aber die
letztere Formel kann uns auf den eigentlichen Sinn des
Prinzips führen, wenn wir sie ein wenig verändern: Ein
Urteil, das wahr ist, ist wahr, gleichgültig, wann, von wem,
in welchem Zusammenhang es ausgesprochen, gedacht, er¬
lebt wird. Indem wir das Prinzip so formulieren, finden wir
in ihm im Grunde einen uns bereits bekannten Gedanken
wieder, einen Gedanken, den wir zwar nicht ausdrücklich
formulierten, aber implicite stillschweigend einführten, als
wir zeigten, daß wir überhaupt von demselben Urteil
reden können, das zu verschiedenen Zeiten und von ver¬
schiedenen Personen gefällt und für wahr gehalten wird.
Vergegenwärtigen wir uns nur den Sinn dieser Redeweise,
so sehen wir, daß er den Satz der Identität einschließt. Ich
vollziehe im Moment l x ein Erwartungsurteil e lf das sich
auf das Auftreten eines Gegenstandes A unter den Be¬
dingungen o, also im Moment / 2 bezieht. Wenn ich nun sage,
dies Urteil sei „wahr“, so heißt das: es wird sich in dem
Moment / t , auf den es sich bezieht, tatsächlich erfüllen.
160 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
Was sich aber hier erfüllt, ist offenbar nicht die Erwartung e v
die ich im Moment t x erlebte, denn sie ist ja im Moment / 2
gar nicht mehr vorhanden, sondern vielmehr eine mit e x
inhaltsidentische Erwartung e 2 , die dem Moment / 2 angehört.
Daraus nun ergibt sich: die Behauptung: das Urteil e x sei
wahr, hat gar keinen anderen Sinn, als den: ein mit e x
identisches, aber zu anderer Zeit gefälltes Urteil e 2 sei wahr
oder werde sich bewahrheiten. Das heißt: Die Behauptung,
ein Urteil sei wahr, schließt bereits ihrem Sinn nach die
weitere ein, daß auch die mit ihm identischen, zu anderer
Zeit gefällten Urteile wahr sind. Ebenso steht es, wenn es
sich um dasselbe Urteil handelt, das von verschiedenen
Personen gefällt wird. Meine Behauptung, im Bewußtsein
des anderen werde sich etwas vollziehen, ist wahr, das be¬
deutet: die inhaltsidentische Erwartung im Bewußtsein des
anderen wird sich bewahrheiten.
Man sieht also: die Behauptung, ein Urteil sei wahr oder
der Wahrheitsbegriff selbst angewandt auf ein beliebiges
Urteil, schließt das „Identitätsgesetz“ ein, es gehört mit
zum Sinn dieser Behauptung, die Behauptung, ein Urteil
-sei wahr, meint gar nichts Faßbares mehr, ist eine leere
Aneinanderreihung von Worten ohne das „Identitätsgesetz“.
Das Identitätsgesetz drückt also nichts anderes aus, als
einen Teil des Sinnes des Wahrheitsbegriffes. Darin liegt
zugleich seine Bedeutung als umfassendstes Wahrheits¬
kriterium. Wenn ein Urteil „wahr“ sein soll, so muß für
dies Urteil alles das gelten, was eben den Sinn dieser Be¬
hauptung ausmacht, also z. B. das Identitätsgesetz.
Aus dem Satz der Identität folgt, daß wir von einer für
alle Menschen gültigen „objektiven“ Wahrheit reden dürfen.
Der Gedanke, daß für den einen wahr, was für den anderen
falsch sei, würde den Wahrheitsbegriff selbst aufheben, ihn
zu einem leeren Wort machen. Natürlich kann derselbe
objektive Tatbestand unter verschiedenen Bedingungen ver¬
schieden erscheinen, und so in einem verschiedenen Be¬
wußtsein sich auch verschieden darstellen, wie in dem
sophistischen Beispiel des Weins, der dem einen süß, dem
anderen sauer schmeckt, aber dann ist eben das Urteil, das
mir unter denselben äußeren Bedingungen etwas anders er¬
scheint, als dem anderen, wiederum für den anderen ebenso
gültig wie für mich.
Die relativistische Wahrheitstheorie der Sophisten ist
3. Der Satz der Identität und der Begriff der objektiven Wahrheit. Jßl
mehrfach in mannigfach veränderter Form wiedererschienen.
Eine dieser Formen ist die bekannte Behauptung, es sei
denkbar, daß es andere Wesen gäbe, für die unsere Er¬
kenntnisprinzipien, also z. B. das Prinzip des Widerspruchs
oder der Identität nicht gälten. Dieser Gedanke beruht
auf dem vorhin schon abgewiesenen Mißverständnis, als
handle es sich in diesen Prinzipien um Gesetze unseres
Denkablaufs, den wir uns natürlich in anderen Wesen anders
vorstellen können. Daß im übrigen jene „Denkbarkeit“
nicht besteht, läßt sich leicht zeigen. Entweder nämlich
kennen die betreffenden Wesen den Begriff der Wahrheit
und des Urteils, wie wir ihn kennen, dann müssen sie sich
auf demselben Wege w*ie wir von der Geltung des Identitäts¬
gesetzes überzeugen können; oder aber sie fällen überhaupt
keine Urteile, dann dürfen wir auch nicht sagen, daß für sie
das Identitätsgesetz nicht gelte, wohl aber, daß sie das Gesetz
nicht kennen, insofern ihnen die Bedingungen fehlen, unter
denen sie es allein kennen lernen und anwenden können.
Wir dürfen von der Wahrheit eines Satzes als etwas
schlechthin Bestehendem reden, gleichgültig, wann und von
wem der Satz ausgesprochen wird, schließlich auch gleich¬
gültig, ob jemand diese Wahrheit konstatiert. Ebenso deut¬
lich ist es ohne weiteres, daß das Wahrsein eines Satzes
etwas anderes ist als sein Fürwahrgehaltenwerden durch
eine bestimmte Persönlichkeit zu einer bestimmten Zeit.
Dürfen wir nun aber auch von dem Bestehen einer Wahrheit
reden, die unabhängig davon wäre, ob es überhaupt ein
Denken und Erkennen, ein Bewußtsein gäbe? Das scheint
bedenklich, denn von Wahrheit können wir nur in bezug
auf Urteile reden, und ein Urteil ist doch nun einmal etwas,
das nur in einem Bewußtsein vorkommt. In welchem Sinn
wir indessen trotzdem von einer solchen Wahrheit, die be¬
steht unabhängig davon, ob es ein erkennendes Bewußtsein
gibt, sprechen können, zeigt uns ein Beispiel aus anderem
Gebiet. Der Begriff der Durchsichtigkeit reflektiert auf
sehende Wesen und verliert ohne den Gedanken an ein
solches Wesen, f ü r d a s die Durchsichtigkeit besteht, jeden
Sinn. Trotzdem hat es einen guten Sinn, vom Fenster zu
sagen, daß es noch durchsichtig sei, wenn auch alle sehenden
Wesen blind würden. Es behält, heißt das, seine Eigenschaft
der Durchsichtigkeit für sehende Wesen, wenn auch diese
Wesen selbst nicht mehr da sind. Genau so bleiben Urteile
v. Aster, Philosophie. 11
162 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
wahr, die aussagen, daß wenn bestimmte Bedingungen
erfüllt werden, etwas geschieht, auch wenn diese Bedingungen,
zu denen natürlich auch das Dasein eines Bewußtseins ge¬
hört, eben nicht mehr erfüllt werden können.
Ein Bewußtsein freilich setzen wir allemal in Gedanken
voraus, wenn wir von Urteilen und dem Sichwahrerweisen
dieser Urteile reden — genau in demselben Sinn, wie wir
sehende Wesen voraussetzen, wenn wir von Durchsichtigkeit
reden. Nicht ein bestimmtes, aber irgendein Bewußt¬
sein oder „ein Bewußtsein überhaupt“. Nur darf man unter
diesem „Bewußtsein überhaupt“ nicht, wie es bisweilen ge¬
schieht, ein mystisches Gebilde verstehen, das von dem uns
bekannten Bewußtsein wesensverschieden ist, denn ein
solches Gebilde könnten wir uns nicht vorstellen, es wäre
also ein leeres Wort für uns. Ein Bewußtsein überhaupt
ist irgendein individuelles Bewußtsein, denn ein
anderes, als ein individuelles Bewußtsein kennen wir nicht.
4. Der Satz des Widerspruchs und des ausgeschlossenen
Dritten.
„Widersprechende Urteile können nicht zusammen wahr
sein.“ Um den Sinn und den Grund der Gültigkeit dieses
Gesetzes zu verstehen, müssen wir uns zunächst vergegen¬
wärtigen, was denn widersprechende Urteile sind. Zwei
Urteile widersprechen sich, wenn das eine behauptet, was
das andere leugnet, wenn also das eine da ein a, wo das
andere ein non-a erwartet. Nun haben wir von dem nega¬
tiven Urteil „Unter den Bedingungen b tritt ein non-a auf“
schon früher gesprochen (S. 152) und dort gesehen, daß wir
denselben Tatbestand, den wir in diesem nega¬
tiven Urteil ausdrücken, auch in einer negativen Beurteilung
des positiven Urteils „Unter den Bedingungen b tritt a auf“
zum Ausdruck bringen können. (Anders gewendet: in dem¬
selben Tatbestand erfüllt oder bewahrheitet sich das negative
Urteil und die Erwartung, daß das positive Urteil sich ent¬
täuschen werde.) Das negative Urteil und die negative Be¬
urteilung des positiven Urteils drücken also dasselbe Urteil,
d. h. dieselbe Erwartung aus, das nur einmal direkt, einmal
indirekt, nämlich auf dem Umweg über den Gedanken, daß
in dem erwarteten Tatbestand eine vorgestellte andere Er¬
wartung sich enttäuscht, erlebt und sprachlich ausgedrückt
4. Der Satz des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten. 163
wird. Für identische Urteile aber gilt nach dem Satz der
Identität, daß mit der Wahrheit des einen die des anderen
gesetzt ist. Also ist mit der Wahrheit des Urteils „a ist
nicht ft“ die Wahrheit des anderen Urteils: „Das Urteil
,a ist ft‘ ist falsch“ oder kürzer die Falschheit des Urteils
a ist ft gesetzt. Ebenso läßt sich zeigen, daß der Tatbestand,
den die Negation des negativen Urteils ausdrückt, identisch
ist mit dem, den das einfache positive Urteil ausspricht.
Damit aber haben wir den Satz des Widerspruchs (ge¬
nauer den S. d. W. und den des ausgeschlossenen Dritten).
Das heißt, wir gewinnen den Satz des Widerspruchs, indem
wir uns nur den Tatbestand vergegenwärtigen, den wir
meinen, wenn wir zwei Urteile als widersprechend oder um¬
gekehrt, wenn wir sie als wahr und falsch gegensätzlich beur¬
teilen. Der S. d. W. drückt nur den Sinn dieser gegen¬
sätzlichen Beurteilung als solcher aus, so wie der Satz der
Identität den Sinn des Wahrheitsbegriffes ausdrückte.
Darum muß der S. d. W. wiederum eine Eigenschaft aller
Urteile aussprechen, sofern sie der Beurteilung auf „wahr“
und „falsch“ hin unterliegen sollen. Zugleich erweist sich
der S. d. W. als zum Teil auf dem Satz der Identität be¬
ruhend.
Die „obersten Denkgesetze“ sind nicht Gesetze des
Denkens oder Urteilens. Eher könnte man sie als Ge¬
setze der Beurteilung (als wahr oder falsch) von Urteilen
bezeichnen. Aber auch diese Bezeichnung darf nicht mi߬
verstanden werden. Sie sagen uns nicht, wann, unter
welchen Bedingungen wir ein Urteil als wahr oder falsch
beurteilen: Wollten wir den Satz des Widerspruchs z. B.
in diesem Sinn verstehen, so würde man uns mit Recht
jeden tatsächlich begangenen logischen Fehler als Beweis
dafür entgegenhalten können, daß der Satz des Wider¬
spruchs gar nicht streng gilt. Es wäre auch nicht einmal
richtig, die Formel aufzustellen: Jedesmal, wenn wir uns
zwei widersprechende Urteile als solche zum Bewußtsein
bringen und uns zugleich die Frage nach ihrer Wahrheit
vorlegen, müssen wir das eine als wahr, das andere als
falsch beurteilen — denn auch das gilt nur für den, der sich
zum Bewußtsein bringt, was wahr und falsch eigentlich be¬
deutet, was wir meinen, wenn wir einem Urteil diese Prädi¬
kate geben. Und damit erst kommen wir zu dem im Grunde
sehr einfachen Sinn dieser Gesetze: sie sprechen im
n *
164 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetre und der Wahrheitsbegriff.
einzelnen aus, was den Sinn der Begriffe
„w ahr“ und „f a 1 s c h“ im ganzen ausmacht,
was wir mit diesen Worten eigentlich
meinen.
Vorausgesetzt ist bei dieser Deutung, die ich den logischen
Grundprinzipien im Vorstehenden zu geben versuchte, frei¬
lich zweierlei, das ich in den vorangehenden Kapiteln zu
begründen mich bemüht habe. Erstens dies, daß ein Wort
mit Sinn gebrauchen, ein Urteil mit Sinn aussprechen einer¬
seits und sich den Sinn dieses Wortes oder Satzes bewußt
zur Gegebenheit bringen zweierlei ist. Wäre der Sinn unserer
Sätze und Worte uns jeweils direkt gegeben, so wäre es aller¬
dings nicht zu verstehen, wie in dem einfachen Satz, ein
Urteil sei „wahr“, noch Prinzipien verborgen liegen können,
die wir nun als besondere Gesetze der Wahrheitserkenntnis
formulieren. Und zweitens, daß wir mit der Wahrheit eines
Urteils die Erfüllung einer Erwartung meinen. Identifiziert
man z. B. das Fürwahrhalten einfach mit einem „Gefühl“
der Überzeugung, sieht man den Sinn des Wortes wahr in
einem Gefühl des Glaubens oder dergleichen, dann freilich
können die logischen Prinzipien nur noch den Sinn von
Gesetzen haben, die uns sagen, unter welchen Bedingungen
ein solches „Gefühl“ aufzutreten pflegt.
Die logischen Prinzipien formulieren gewisse Forderungen,
die jedes Urteil erfüllen muß, wenn es wahr bzw. falsch
genannt werden „darf“, d. h. wenn diese Benennung sinn¬
voll sein soll. Damit haben die Prinzipien den Charakter
einer „Norm“. Darin liegt an sich nichts Besonderes, denn
wir können jedes Gesetz als Norm formulieren, wenn wir
das Etwas, über dessen Bedingungen in dem Gesetz etwas
ausgesagt wird, als Zweck, die Bedingungen selbst daher als
Mittel fassen. Das Besondere ist nur, daß es sich hier um
Normen handelt, die wir überall berücksichtigen müssen,
wo wir einem Urteil gegenüber die Frage nach der Wahr¬
heit stellen.
Endlich können wir auch die Prinzipien als Gesetze nicht
für Urteile, sondern für Gegenstände formulieren, wenn wir
nämlich berücksichtigen, daß „Gegenstände“ für uns erst
entstehen, indem wir das Gegebene in Urteilen ver¬
knüpfen. Gegenstände können keine widersprechenden Eigen¬
schaften haben — das heißt genauer: von keinem Gegenstände
können widersprechende Urteile zusammen wahr sein.
5. Das Wesen des logischen Schlusses.
165
5. Das Wesen des logischen Schlusses.
Wollen wir die logischen Prinzipien als Wahrheits¬
kriterien, d. h. als Mittel benutzen, um über die Wahrheit
eines Urteils zu entscheiden, so ist klar, daß wir das nicht
können, solange wir das Urteil isoliert betrachten, sondern
nur, indem wir es zu einem anderen Urteil in Beziehung
setzen, dessen Wahrheit oder Falschheit wir als bereits er¬
wiesen annehmen dürfen und zwar genauer, indem wir
zeigen, daß zwischen diesem vorausgesetzten und dem zu
untersuchenden Urteil das Verhältnis der Identität oder des
Widerspruchs besteht l . Alles rein logische Erschließen eines
Urteils aus einem anderen besteht in diesem Nachweis
einer Identität beider oder eines Widerspruchs zwischen
beiden. Die Conclusio eines Schlusses z. B. gilt, weil sich
zeigen läßt, daß ihr Sinn identisch ist mit einem Teil des
Sinnes der Prämissen.
Einige Beispiele. Wir haben das Urteil „alle a sind 6‘‘.
Was ist der Sinn dieses Urteils? Sein Subjekt setzt zunächst
eins voraus: nämlich, daß wir eine Reihe von Gegenständen
vor uns haben — nennen wir sie x„ x v x 3 usw. —, von deren
jedem gilt, daß er a sei, d. h. Erscheinung des allgemeinen
Gegenstandes a. Von allen diesen Gegenständen nun gilt
das weitere Urteil, sie seien b. Das der Gesamtbestand,
der in dem Urteil zum Ausdruck gebracht ist.
Eben diesen Tatbestand aber können wir nun auch noch
anders zum Ausdruck bringen: Es gibt Tatbestände x t . x 2 ,
x 3 . . ., von denen zugleich gilt, daß sie a und daß sie b
seien, oder es gibt ft-seiende a. In dieser Formulierung ist
nur ein Moment des Tatbestandes, den das vorausgesetzte
Urteil meint, nicht mit zum Ausdruck gekommen, nämlich
der Umstand, daß alle a b sind, d. h. daß der Umkreis
der Gegenstände x v x 2 , x 3 , von denen gelten soll, daß sie b
sind, dadurch umgrenzt wird, daß von jedem von ihnen das
Prädikat a gilt. „Es gibt fc-seiende a“ aber ist, wie wir
wissen, ein partikuläres Urteil: einige b sind a. Das letztere
Urteil also läßt sich aus dem „alle a sind ft“ erschließen, da
es mit einem Teil desselben identisch ist, d. h. es bringt
1 Abgesehen von der scheinbaren Ausnahme, daß ein sprach¬
licher Urteilsausdruck mehrere Bestandteile, d. h. mehrere Urteile
seinem Sinn nach enthalten kann, zwischen denen evtl, ein Wider¬
spruch bestehen kann.
166 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitshcgriff.
denselben Tatbestand, wie das andere Urteil zum Ausdruck,
nur mit Ausnahme eines Momentes, und so daß es die Reihen¬
folge der Urteile umkehrt, die von den beurteilten Gegen¬
ständen x v .r 2 , t 3 . . . gelten sollen. Identische Urteile,
d. h. Urteile, die sich auf einen und denselben
Tatbestand erwartend beziehen, müssen nach dem Satz der
Identität zusammen wahr bzw. falsch sein, gleichgültig, wie
und in welchem Zusammenhang sie erlebt und ausgesprochen
werden, gleichgültig also auch, ob der eine oder andere
seiner Bestandteile in das Subjekt hineingenommen und zu
seiner Bestimmung benutzt oder in Form einer Prädikation
ausgedrückt wird.
Nehmen wir als zweites Beispiel einen Syllogismus. In
dem Urteil „alle a sind ft“ blicken wir hin auf eine Reihe
von Gegenständen x,„, x„ y x u ... Wir sagen von ihnen
erstens aus, sie seien a und benutzen diese Bestimmung
zugleich zur Abgrenzung der Gruppe von Gegenständen, von
denen nun weiter gesagt wird, daß sie ft seien, also einen
Teil der Gegenstände x,„ x, t . . .x t ausmachen, die dadurch
abgegrenzt werden, daß von jedem das Urteil gilt, es sei ft.
Von allen diesen x„ bis x t aber gilt nach der zweiten Prämisse
das Urteil, sie seien c, d. h. sie bilden wieder einen Teil der
Gegenstände T,, t 2 . . . bis x,, die dadurch abgegrenzt sind,
daß von jedem das Urteil gilt, es sei c. Eben diesen Gesamt-
_ b _
tatbesland: t, x. t t 3 ... x, t x b ... x m x„ x u ... x, aber,
a
c
wenn wir ihn lins zunächst als Gesamttatbestand, unab¬
hängig von der zufälligen Reihenfolge vergegenwärtigen, die
seine Bestandteile in der sprachlichen Formulierung der
Prämissen erhielten, können wir auch ausdrücken in dem
Satz: Die Gegenstände x m x„ x 0 ..., die dadurch eine
abgegrenzte Gruppe bilden, daß von jedem das Urteil gilt,
er sei a, sind c — alle a sind c. Die Conclusio ist identisch
mit den Prämissen und bietet zur Anwendung des Identitäts¬
gesetzes Anlaß, insofern in einem Teil desselben Tat¬
bestandes, den die zusammengefaßten Prämissen meinen,
auch ihr Inhalt erschöpfend sich darstellt.
Mit Kant können wir sämtliche rein deduktiven Schlüsse
als bloße verschiedenartige Anwendungen des Satzes vom
6. Über logische Möglichkeit und Unmöglichkeit.
167
Widerspruch (oder wie ich lieber sagen würde, des Satzes
der Identität), die Schlußfiguren als die Darstellung der
verschiedenen möglichen Formen, die diese Anwendung an¬
nehmen kann, abgesehen von der Verschiedenheit des empi¬
rischen Inhalts der Urteile bezeichnen. Ebenso können wir
mit dem Kantischen Ausdruck alle Sätze, sofern wir uns
von ihrer Wahrheit nur auf dem Wege syllogistischer Her¬
leitung aus anderen, vorausgesetzten Urteilen überzeugen,
als „analytische“ Sätze bezeichnen (wobei wir nur im
Auge behalten müssen, daß die Einteilung in analytische
und synthetische Urteile nicht eine Einteilung von Urteilen,
sondern der Begründungsart von Urteilen ist, so daß ein
und dasselbe Urteil, je nachdem wir es begründen, analytisch
oder synthetisch sein kann), denn die syllogistische Deduk¬
tion i s t lediglich eine Analyse, nämlich des Urteilsinhalts
der Prämissen. Ob es sich dabei um eine Herleitung aus
besonders in Urteilsform hingestellten Prämissen oder aus
dem „Subjektsbegriff“ handelt, bleibt sich im Grunde gleich,
denn die Setzung des Subjektsbegriffs im Urteil besteht,
wie wir wissen, eigentlich in der Voraussetzung eines Urteils:
„a ist 6“ heißt: von dem Gegenstand, von dem das Urteil
gilt. es sei a, gilt auch das weitere Urteil, er sei b. Nur daß
das im Subjektsbegriff steckende Urteil nicht als für einen
bestimmten Gegenstand gültig ausgesprochen, sondern ledig¬
lich zur Bestimmung oder Fixierung eines Gegenstandes
benutzt wird. Da diese Gegenstände selbst nicht notwendig
wirkliche sind, so brauchen auch diese Subjektsurteile nicht
notwendig gültige Urteile zu sein, sie können vielmehr als
Urteile nur vorgestellte oder angenommene Urteile sein.
Unter „identischen“ Urteilen im engeren Sinn — a ist a —
verstehen wir solche Urteile, die in der ausdrücklichen Prä¬
dikation das im Subjektsbegriff vorausgesetzte Urteil wieder¬
holen, unter in sich widersprechenden Urteilen solche, bei
denen das ausdrücklich ausgesprochene dem im Subjekts¬
begriff steckenden Urteil widerspricht.
6. Über logische Möglichkeit und Unmöglichkeit.
Ein Urteil „kann“ nicht wahr sein oder seine Wahrheit
ist „unmöglich“, wenn es widersprechende Teilurteile ent¬
hält. Umgekehrt: die Urteile, die keinen logischen Wider¬
spruch enthalten, können wahr sein oder sind möglicherweise
168 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
wahr. Wir brachten den Begriff der Möglichkeit in Zusammen¬
hang mit dem partikulären Urteil; a kann b sein, heißt: es
gibt /»-seiende a oder einige a sind b. Denselben Sinn hat
der Begriff der Möglichkeit auch hier: n i c h t a 11 e Urteile,
die keinen Widerspruch enthalten, aber einige von ihnen
sind wahr, während unter a 11 e n in sich widerspruchsvollen
kein wahres Urteil sich befindet.
Wir bezeichnen diese Möglichkeit und Unmöglichkeit
auch als „logische“ M. und U. Im engsten Sinn verstehen
wir dabei unter logisch unmöglichen Sätzen solche, von
denen uns die bloße Reflexion auf den Sinn oder Inhalt des
Wahrheitsbegriffes zeigt, daß sie nicht wahr sein können
oder daß sie zu einer Gruppe von Urteilen gehören, unter
denen allen sich kein wahres Urteil befindet. Das ist
eben allein die Gruppe der in sich widerspruchsvollen Sätze.
Wir können den Begriff der logischen Möglichkeit aber auch
weiter fassen. Haben wir eine Reihe von Urteilen, deren
Wahrheit wir als gesichert ansehen dürfen, so werden durch
sie eine Reihe weiterer Urteile von der W T ahrheit ausge¬
schlossen, nämlich alle die, die mit den gesicherten Urteilen
in Widerspruch stehen. Insofern wir zur Erkenntnis der
Unmöglichkeit ihrer Wahrheit keiner besonderen Anschauung
oder Erfahrung, sondern nur der Reflexion auf den Inhalt der
gesicherten Urteile und des Wahrheitsbegriffs bedürfen,
können wir auch hier von logischer Möglichkeit reden. Es
ist aber zugleich klar, daß hierbei je nach Umständen ein
Satz zu den noch logisch möglichen oder unmöglichen ge¬
hört, je nach dem Kreis der als gesichert angenommenen
Sätze, zu denen er in Beziehung gesetzt wird. Auf dem¬
selben Grunde beruht es, daß ein Satz je nach dem Zusammen¬
hang, in den er hineintritt, möglich und unmöglich sein kann,
daß er z. B. im Zusammenhang einer Theorie möglich, einer
anderen unmöglich sein kann.
Wie von der Möglichkeit und Unmöglichkeit von Urteilen,
so können wir natürlich auch von der von Gegenständen
reden, genauer von Gegenständen, sofern sie begrifflich, d. h.
durch vorausgesetzte Urteile bestimmt gedacht w r erden.
Ein rundes Quadrat ist ein unmöglicher Gegenstand, d. h.
es kann keinen Gegenstand geben, von dem die widersprechen¬
den Urteile, er sei rund und er sei quadratisch, zusammen
gelten. Eine Schwierigkeit scheint sich hier noch zu ergeben.
Ein Gegenstand, dessen begriffliche Bestimmung keinen
6. Über logische Möglichkeit und Unmöglichkeit.
169
logischen Widerspruch enthält, also z. B. ein Wesen mit
Pferdeleib und Menschenkopf, ist möglich, und es bleibt
auch möglich, wenn seine Nichtexistenz empirisch nach¬
gewiesen ist. Nun soll aber das Urteil, ein Gegenstand sei
möglich, gleichbedeutend sein mit dem anderen: es gibt
Gegenstände dieser Art. Wie ist das vereinbar? Wie können
wir noch von Gegenständen sagen, sie seien möglich, also
sie existierten, wenn wir doch von ihnen wissen, daß sie
nicht existieren? Die Frage ist nicht schwer zu beant¬
worten. Wir müssen nur genauer unterscheiden zwischen der
Existenz eines Gegenstandes als bloß gedachten, als in der
Phantasie vorgestellten (mittelbar gegebenen) und als wahr¬
genommenen (unmittelbar gegebenen) Gegenstandes. Er¬
warten wir einen Gegenstand als wahrgenommenen irgend¬
wann und unter irgendwelchen Bedingungen einmal vorzu¬
finden, so schreiben wir ihm reale Möglichkeit zu (genauer:
ein Gegenstand ist realiter unmöglich, wenn seine Existenz
als Glied der Wahrnehmungswelt mit einem allgemeinen
Gesetz dieser Welt im Widerspruch steht. Er ist realiter
möglich, wenn die Behauptung seiner Existenz in dieser
Hinsicht „wahr sein kann“. Bisweilen aber ist auch hier
der Sprachgebrauch ein engerer. Man verlangt, um die reale
Möglichkeit eines Gegenstandes zu erweisen, die Angabe
positiver Gesetze, die uns das Dasein einer möglichst eng
begrenzten Gattung von Wahrnehmungsgegenständen er¬
weisen, der der als möglich bezeichnete Gegenstand als noch
spezieller bestimmtes Glied angehört. Nimmt man den Be¬
griff so, so entsteht natürlich zwischen den realiter möglichen
und unmöglichen eine Gruppe von Gegenständen, von denen
wir erklären werden, daß wir über ihre reale Möglichkeit
nicht urteilen können. So werden wir etwa die Existenz
lebender Wesen auf einem anderen Planeten für möglich
erklären, weil wir wissen, daß es bewohnte Planeten über¬
haupt gibt, uns dagegen bezüglich der Frage, ob lebende
Wesen möglich seien, deren Körper aus Verbindungen eines
anderen Elements als des Kohlenstoffs besteht, der Ent¬
scheidung enthalten. In dem Augenblick aber, in dem ge¬
zeigt wird, daß in allen wichtigen chemischen Eigenschaften
mit dem Kohlenstoff ein bestimmtes anderes Element über¬
einstimmt, rückt die „Möglichkeit“, daß es organisierte
Wesen aus diesem anderen Stoff gebe, in die Sphäre der
Diskutierbarkeit.) Unter einem gedachten Gegenstand nun
170 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
verstehen wir ein Etwas, sofern es durch eine Reihe von
Urteilen bestimmt wird. Ein solcher Gegenstand existiert
a 1 s gedachter Gegenstand, sobald wir die betreffenden
Urteile als von einem Gegenstand geltend zusammen denken;
er ist als gedachter Gegenstand möglich, sobald die Urteile
in bezug auf denselben Gegenstand wahr sein können, ganz
unabhängig davon, ob wir uns den betreffenden Gegenstand,
von dem sie gelten sollen, mittelbar oder unmittelbar zur
Gegebenheit bringen können, ob er als vorgestellter oder gar
wahrgenommener Gegenstand existiert. Endlich existiert
ein Centaur als zwar nicht wahrgenommener, aber doch auch
nicht nur gedachter, sondern als vorgestellter oder mittelbar
gegebener Gegenstand, und kann uns damit als Repräsentant
einer dritten Gruppe, der möglichen Phantasiegegenstände
dienen.
7. Der Begriff der Wirklichkeit.
Daß der Syllogismus, der rein logische Schluß, keine
Methode zur Gewinnung von neuen Erkenntnissen darstellt,
ist ohne weiteres klar. Der Schlußsatz enthält keine neue
Einsicht gegenüber den Prämissen (Kant: Analytische Sätze
erweitern unsere Erkenntnis nicht), sondern wiederholt nur
in anderer Form, was auch im Inhalt der letzteren steckt.
Daß die logische Deduktion darum nicht wertlos ist, sieht
man daraus, daß jede Wissenschaft danach strebt, zu einem
geschlossenen deduktiven System zu werden, soweit das
möglich ist, wie uns das ja am deutlichsten in der reinen
Mathematik und in der mathematischen Physik entgegen¬
tritt. Und es ist auch verständlich, daß es so sein muß,
denn nach allgemeiner Erkenntnis streben wir ja schließlich
nur um der Erkenntnis des Speziellen und Einzelnen willen,
d. h. um aus dem Allgemeinen das Einzelne abzuleiten. Die
allgemeine Erkenntnis ist uns wertvoll als Zusammenfassung
vieler Einzelerkenntnisse, also werden wir uns ihres Wertes
für unser Erkennen erst dadurch bewußt, daß wir uns die
Einzelerkenntnisse als in ihr enthalten zum Bewußtsein
bringen.
Die Deduktion ist eine Methode zur Darstellung
der gewonnenen Erkenntnisse und ihres Zusammenhangs,
nicht eine Methode zur Gewinnung von Erkenntnissen.
Wenn das in der Geschichte der Philosophie so oft verkannt
worden ist, wenn man von seiten eines extremen Rationalis-
7. Der Begriff der Wirklichkeit.
171
mus die Deduktion immer wieder zu der Methode der
Erkenntnis stempeln wollte, so lag das wesentlich an der
scheinbaren Unlösbarkeit des Problems, das uns jede induk¬
tive Methode aufgibt: Daß wenn alle Menschen sterblich
sind, auch Cajus sterblich sein muß, ist ohne weiteres klar,
einsichtig und verständlich, ohne einem möglichen Zweifel
Raum zu lassen, daß aber, weil alle Menschen, von denen
wir wissen, gestorben sind, darum auch der allgemeine Satz
gelten muß, daß alle Menschen überhaupt sterben werden,
ist ein schlechterdings nicht einsichtiger und verständlicher
Zusammenhang. Wie kann eine einzelne Tatsache für uns
den Grund für ein allgemeines Urteil abgeben? So erscheint
immer wieder — wie ja schon bei Aristoteles — die Deduktion
als die einzig mögliche Beweis-, Begründungs-, Erkenntnis¬
methode, die Induktion höchstens als eine vorläufige, un¬
wissenschaftliche Methode der Auffindung, nicht des Beweises
oder als eine neben dem strengen Beweis einhergehende
Bestätigung.
Stellt man sich aber auf diesen Standpunkt, so entsteht
sofort das Problem: woher haben wir die letzten obersten
Prinzipien, die nicht weiter aus noch höheren und allgemeine¬
ren deduzierbar sind, von denen der ganze deduktive Be¬
gründungszusammenhang seinen Ausgang nimmt und die
damit auch die eigentlichen Pfeiler sind, auf denen der Be¬
weis aller Lehrsätze des Gebäudes letzten Endes ruht? Er¬
klärt man sie für „unmittelbar evidente“ Sätze, die die
Gewähr ihrer Wahrheit in sich selbst tragen, so ist damit
die Frage nicht gelöst, sondern nur beiseite geschoben. Die
Lösung, die sich schließlich aufdrängt, ist die, an die Stelle
dieser obersten Grundsätze Definitionen der Gegenstände
zu setzen, von denen die Wissenschaft handelt, Definitionen,
die ja als solche keines besonderen Beweises mehr bedürfen —
wie wir es am klarsten etwa in Spinozas Ethik sehen. Aber
hier entsteht die neue Frage: w T oher wissen wir denn, daß
diesen von uns zunächst willkürlich aufgestellten und defi¬
nierten Begriffen wirkliche Gegenstände entsprechen ?
Denn die Wissenschaft soll ja doch von der wirklichen Welt
und nicht von irgendwelchen willkürlich angenommenen
und definierten Gegenständen handeln. Der einzige wirk¬
liche Lösungsversuch dieses Problems, der in allen ratio¬
nalistischen Systemen der Metaphysik bald verhüllt, bald
ausdrücklich wiederkehrt, ist der ontologische Gottesbeweis.
172 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
Er ist auch der Lösungsversuch, der sich von selbst auf¬
drängen mußte, denn seinen letzten Ausgang mußte der
rationalistische Gedankenaufbau von dem Begriff eines
letzten und höchsten Wesens nehmen, das von keinem anderen
mehr abzuleiten war und von dem wir uns nun irgendwie
mußten überzeugen können, daß er trotzdem der Begriff
eines wirklichen Gegenstandes war.
Worin liegt der Fehler des ontologischen Arguments?
Kurz gesagt darin, daß man eine Methode zur Feststellung
der Existenz eines Gegenstandes aufstellt, ohne vorher zu
überlegen, worin denn die „Existenz“ eigentlich besteht,
was wir mit der Behauptung, ein Gegenstand existiere,
eigentlich meinen.
Ich fasse kurz die Antwort zusammen, die sich für uns
aus dem Zusammenhang der bisherigen Ausführungen auf
diese Frage ergibt. Ich „sehe“ einen „Körper“. Das heißt,
in meinem Gesichtsfeld zeichnet sich ein unmittelbar ge¬
gebener Gegenstand ab, den ich als Erscheinung eines
Körpers beurteile. Der Sinn dieses Urteils besagt, daß sich
an den gegebenen Inhalt unter bekannten Bedingungen be¬
stimmte weitere schließen werden, also daß dieser Inhalt
in gesetzmäßigem Zusammenhang (den wir in Form von
Erwartungen erleben) mit anderen Inhalten steht. Nenne
ich diesen Körper einen „wirklichen“ Körper, so sage ich
nichts weiter, als daß diese Erwartungen sich erfüllen werden,
wahr sind, ich füge also dem Körper nicht eine neue Eigen¬
schaft oder Erscheinung hinzu, ich präge nicht ein neues
Urteil, das den Begriff des Körpers erweiterte, sondern
ich vollziehe eine Beurteilung der den Begriff des
Körpers konstituierenden, seine weiteren Erscheinungen an
den gegenwärtigen Inhalt bindenden Erwartungen als „wahr“.
Dasselbe ist der Fall, wenn nicht der Gegenstand selbst in
einer seiner Erscheinungen vor mir steht. Ich behaupte, an
einer bestimmten Stelle im Raum befinde sich ein — wirk¬
licher — Gegenstand. Dann behaupte ich, daß unter be¬
stimmten Bedingungen (die von dem Gegenstand selbst ab-
hängen und mit ihm uns unmittelbar bekannt sind) die
Erscheinungen des betreffenden Gegenstandes in meiner
Wahrnehmung sich darstellen werden (bzw. in der Wahr¬
nehmung anderer), daß die Erwartungen „wahr“ sind, die
die Erscheinungen des Gegenstandes mit meinem gegen¬
wärtigen Wahrnehmungsinhalt in Beziehung setzen. Ein
7. Der Begriff der Wirklichkeit.
173
realer Gegenstand ist „wirklich“, wenn die Erwartungen
wahr sind, die das unmittelbare Gegebensein seiner Er¬
scheinungen unter Bedingungen, die aus dem Begriff des
Gegenstandes erfolgen, Voraussagen, welches unmittelbare
Gegebensein im Fall eines körperlichen Gegenstandes,
wiederum seinem Begriff entsprechend, zum Wahrgenommen¬
sein werden muß.
Aus dem Gesagten ergibt sich ohne weiteres, daß das
Urteil, das einem Gegenstand Wirklichkeit zuspricht, nicht
in Parallele gesetzt werden kann mit den Urteilen, die dem¬
selben Gegenstand bestimmte Eigenschaften beilegen. Da¬
mit ist dem ontologischen Gottesbeweis die Grundlage ent¬
zogen: „Hundert wirkliche Taler sind nicht mehr als hundert
vorgestellte Taler“. —
Gegen den Wirklichkeitsbegriff, wie er hier entwickelt
wurde, erheben sich zwei naheliegende Einwände, die ich
an dieser Stelle kurz berücksichtigen möchte, obgleich der
erste durch das bisher Gesagte eigentlich schon erledigt ist
und auf den zweiten an anderer Stelle noch einmal zurück¬
gegriffen werden wird. Erstens: Die „Wirklichkeit“ eines
körperlichen Dinges soll mit der „Wahrnehmbarkeit“ seiner
Erscheinungen unter gewissen Bedingungen identisch sein.
Nun können wir doch aber von jedem auch nur phantasierten
Gegenstand behaupten, daß er unter gewissen Bedingungen
wahrgenommen werden wird, sobald er nur überhaupt
„möglich“ ist. Ich erwarte, daß wenn jetzt auf dem freien
Platz vor meinem Fenster eine Kirche gebaut wird, diese
Kirche wahrzunehmen; wenn ich erwarte, unter bestimmten
Bedingungen einen Gegenstand wahrzunehmen, so heißt das:
ich halte den Gegenstand für wirklich — also müßte ich
danach die nicht vorhandene Kirche und ebenso jeden nur
möglichen körperlichen Gegenstand für wirklich halten, denn
alle w r ürde ich unter gewissen Bedingungen wahrnehmen.
Um das Irrige dieses Einwands zu erkennen, müssen wir
uns nur besinnen, daß wir den Terminus „Wahrnehmbar¬
keit“ nicht in dieser Allgemeinheit gebraucht, sondern be¬
stimmter umschrieben haben. „Wahrnehmbarkeit“ ganz im
allgemeinen, im Sinn der empirischen Möglichkeit, würde
bedeuten: es gibt überhaupt geltende, wahre Urteile, die
das Auftreten der entsprechenden Wahrnehmungen unter
gewissen Bedingungen Vorhersagen, wie das bei dem Bei¬
spiel der Kirche der Fall ist. Hier dagegen, für uns, bedeutet
174 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Walirheitsbogrlff.
die „Wahrnehmbarkeit“ die Geltungganzbestimm¬
te r Gesetze, das Auftreten der Wahrnehmungen bei Er¬
füllung ganz bestimmter und uns bekannter
Bedingungen. Damit ist empirische Möglichkeit und Wirk¬
lichkeit deutlich geschieden — und zwar ebenso wie das
partikuläre vom singulären Urteil geschieden ist, von denen
das erstere das Auftreten eines Inhalts unter irgend¬
welchen, noch nicht näher bekannten oder bezeichneten,
das zweite unter bestimmten Bedingungen vor¬
hersagt.
Wenn wir einen bestimmten Gegenstand als wirklich be¬
zeichnen, so sind mit der Bestimmung des Gegenstandes
auch schon die Bedingungen festgelegt und uns bekannt,
unter denen wir seine Erscheinungen wahrzunehmen erwarten.
Ich spreche von einem zehn Schritte hinter mir befindlichen
Ding, von einem Luftballon rechts oben in der Luft — es
ist klar, daß es sich hier um Wahrnehmungen handelt, die
mir unter ganz bestimmten Bedingungen vorhergesagt wer¬
den. Dasselbe gilt von „der Kirche vor mir“, soll das, was
ich in dieser Wortverbindung bezeichne, wirklich sein, so
heißL das: ganz bestimmte Bedingungen als erfüllt voraus¬
gesetzt treten bestimmte Wahrnehmungsfolgen ein. Ein
Auftreten ähnlicher Wahrnehmungen unter anderen, mir
aber gleichfalls völlig bekannten und geläufigen Bedingungen
dagegen ist erwartet, wenn ich den anderen Gegenstand:
„die hier geplante und in Zukunft hier stehende Kirche“ für
wirklich erkläre oder wenn ich, was nur ein anderer Ausdruck
dafür ist, die „hier stehende Kirche“ als in Zukunft wirk¬
lich bezeichne, ebenso wie wieder ähnliche Wahrnehmungen
unter anderen Bedingungen vorhergesagt werden, wenn ein¬
mal von einer Kirche, die vor mir steht, und ein anderes Mal
von einer gleichen in Rom (der Wirklichkeit einer in Rom
stehenden Kirche oder einer Kirche, die an dieser Stelle sich
„wirklich befindet“) gesprochen wird. So gehören zu jedem
Gegenstand bestimmte, mit dem Gegenstand uns be¬
kannte Bedingungen, unter denen wir ihn wahrzunehmen
erwarten. Daß, wenn Baumeister und Bauleute eine be¬
stimmte Tätigkeit ausüben, auf dem Platz vor mir eine Kirche
für mich wahrnehmbar werden wird, ist zwar eine gültige
Erwartung, aber diese Erwartung ist eben nicht identisch
mit denjenigen, die in dem Satz, eine solche Kirche sei
wirklich, ausgesprochen sind, sie setzt im Gegenteil das
7. Der Begriff der Wirklichkeit. 175
Nichtgelten der letzten Erwartungen, d. h. das zurzeit Nicht¬
existieren der Kirche voraus.
Es steht mit diesen Erwartungen, die die „Wahrnehmbar¬
keit“ des „wirklichen“ Gegenstandes betreffen, genau so, wie
mit den Erwartungen, die ich äußere, wenn ich einen vor
mir befindlichen Wahrnehmungsinhalt als Erscheinung eines
bestimmten Gegenstandes bezeichne oder was dasselbe be¬
sagt, dem Gegenstand, als dessen Erscheinung ich diesen
Inhalt ansehe, bestimmte Eigenschaften beilege. Nenne ich
ihn z. B. „schwer“, so ist in diesem Urteil nur gesagt, daß
ich unter ganz bestimmten Bedingungen („in die Hand
nehmen“) eine bestimmte Wahrnehmung haben werde. Daß
und warum diese Bedingungen nicht genau vorstellbar zu
sein brauchen, damit das Urteil verständlich ist, war früher
ausgeführt worden. Es kann auch sein, daß sie mir im ein¬
zelnen nicht einmal genau bekannt sind: Wenn ich sage, in
einem Mineral befinde sich Natrium, so sage ich, daß es
mit den Methoden des Chemikers darstellbar sein muß und
beziehe mich in diesem Urteil unter Umständen auf Be¬
dingungen, die mir zur Zeit nicht nur nicht vorstellbar,
sondern auch nicht bekannt sind, deren Bewußtsein ich aber
bei anderen voraussetze.
Wenn wir die wirklichen Gegenstände als „wahrnehmbar“
bezeichnen, so liegt darin natürlich noch immer ein Moment
der Möglichkeit. Diese Möglichkeit hat ihren Grund
darin, daß ja die Erfüllung der betreffenden Bedingungen
nicht notwendig, sondern nur „möglich“ ist — ich brauche
ja nicht nach der Seite hinzusehen, wo der Gegenstand sich
befindet (es „gibt“ dergleichen Bedingungen, aber sie müssen
nicht eintreten). Darin gründet nun auch die Möglichkeit
wirklicher und doch unwahrnehmbarer Gegenstände, die
einen zweiten Einwand gegen den vorgetragenen Wirklich¬
keitsbegriff zu bilden scheinen. Ihre Möglichkeit beruht
darauf, daß die betreffenden Bedingungen zeitweise nicht
erfüllbar oder besonderer Momente halber überhaupt un¬
erfüllbar sein können. Auch hier muß man berücksichtigen,
daß es sich nicht um irgendwelche, sondern um bestimmte
Bedingungen handelt, um bestimmte Gesetze, die wir in
anderen, analogen Fällen auf ihre Wahrheit hin prüfen können.
Ein wirklicher Gegenstand hat eine bestimmte Eigen¬
schaft, oder es existiert ein Gegenstand mit bestimmter
Eigenschaft — diese Behauptungen gehen, wie wir wissen,
176 Drittes Kapitel. Die logischen Grundgesetze und der Wahrheitsbegriff.
zurück auf die Geltung von Erwartungsgesetzen der Art:
Unter den Bedingungen b tritt a auf. Nun ist es die Regel,
daß wir auf diese Bedingungen nicht besonders reflektieren,
wenn wir sie bei Gegenständen unserer Umgebung mit Erfolg
ohne weiteres anzuwenden wissen. Daher kann es aber
auch Vorkommen, daß wir diesen Gegenständen unserer
Umgebung analoge Gegenstände in einer nicht direkt wahr¬
nehmbaren Sphäre statuieren und als selbstverständlich
annehmen, daß wir dazu berechtigt sind, bis uns eines Tages
die Wissenschaft zeigt, daß der gesetzmäßige Zusammenhang
in jener Sphäre nicht mehr in gleicherweise als gültig voraus¬
gesetzt werden darf, wodurch dann das scheinbar paradoxe
Resultat entsteht, daß es unmöglich ist, auf ganz alltägliche
und gewohnte Gegenstände Bestimmungen anzuwenden,
sobald diese Gegenstände nicht mehr unserer direkten Um¬
gebung angehören. Das eklatanteste Beispiel dafür ist das
Relativitätsgesetz in der neuesten Entwicklung der Physik.
Wir setzen als selbstverständlich voraus, daß wir bei a 11 e n
Gegenständen davon reden können, daß sie eine bestimmte
zeitliche Stellung zueinander einnehmen, z. B. gleichzeitig
sind oder nicht. Nun zeigt sich, daß die einzig mögliche
Methode der Zeitvergleichung bei größeren Entfernungen mit
Hilfe von Lichtsignalen je nach dem Standpunkt zu ver¬
schiedenen Resultaten führen muß, gemäß den Eigenschaften
der Lichtbewegung, womit es unmöglich geworden ist, zwei
Vorgängen schlechthin die Eigenschaft der Gleichzeitigkeit
zuzuschreiben, ohne hinzuzufügen, für welchen bei der
Messung eingenommenen Standpunkt diese Messung gelten
soll.
Viertes Kapitel.
Möglichkeit und Prinzipien apriorischer
Erkenntnis.
I. Ober „Grund“ und „Begründung“.
W as heißt ein Urteil „beweisen“, „begründen“, sich von
seiner Wahrheit „überzeugen“? Wenn wir das Wort
zunächst im engsten Sinn nehmen, so kann es nur heißen:
das Urteil (die Erwartung) in Beziehung setzen zu einem
Tatbestand, in dem es sich erfüllt oder bewahrheitet. Ich
urteile, daß der Gegenstand, den ich in der Hand halte,
wenn ich ihn jetzt zur Erde fallen lasse, zerbricht — ich
beweise den Satz, indem ich ihn wirklich fallen lasse und
zusehe, was geschieht. Es ist aber klar, daß, wenn sich in
dieser Weise eine Erwartung als wahr erwiesen hat, sie als
Erwartung für uns nicht weiter mehr existiert oder wenigstens
nur, wenn wir uns in Gedanken in die Zeit vor dem Eintritt
des Erwarteten zurückversetzen. Verstehen wir nun zweitens
unter dem „Begründen“ eines Urteils das, was uns hiernach
vor allem wertvoll sein muß: das vorgängige — vor der
endgültigen Erfüllung erfolgende Sichüberzeugen von der
Wahrheit eines Erwartungsurteils, so kann dies Begründen
nur bestehen in dem Beziehen des Urteils auf einen Tat¬
bestand, der den eigentlichen Beweistatbestand, in dem die
Erwartung sich endgültig oder eigentlich erfüllt, zu „ersetzen“
vermag, also der mit ihm identisch ist, denn nur iden¬
tische Gegenstände können, soweit sie identisch sind, ein¬
ander wirklich ersetzen. (Es ist zugleich klar, daß wir bei
allen allgemeinen Urteilen von einem Beweisen nur in diesem
zweiten, nicht im ersten Sinn des Wortes reden können, da
es im Wesen der allgemeinen Erwartung liegt, daß sie sich
niemals endgültig erfüllen kann. Wir können das direkt als
unterscheidendes Merkmal der wirklich allgemeinen von den
nur scheinbar allgemeinen singulären Urteilen [„alle Menschen,
die sich jetzt in diesem Saal befinden“, sind usw.] ansehen.)
t. Atter, Philosophie. 12
178 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
So besteht also alles wirkliche, strenge Beweisen oder
Begründen eines Urteils in diesem Sinn in dem Beziehen
auf einen Tatbestand, der zwar dem eigentlich erwarteten
Zusammenhang zeitlich voraufgeht, mit ihm aber trotz
dieses zeitlichen Voraufgehens als identisch aufgezeigt werden
kann. Wenn wir unter dem Begründen dies verstehen, so
ist deutlich, daß der „Grund“ eines Urteils niemals ver¬
wechselt werden kann mit der „Ursache“ in oder außer uns,
die uns zum Glauben an das Urteil veranlaßt. Allerdings:
wenn wir einen Tatbestand als „zureichenden Grund“ eines
Urteils erkennen, d. h. wenn wir erkennen, daß wir in ihm
eben „dasselbe“ vorgängig erfassen, auf das sich unser er¬
wartendes Urteilen eigentlich bezieht, so wird dieser Um¬
stand zugleich auch ein Anlaß und zwar ein sehr schwer¬
wiegender sein, an das Urteil zu glauben, an ihm festzu¬
halten, die Erwartung zuversichtlich zu hegen. Nehmen wir
z. B. der Einfachheit halber an, wir könnten gelegentlich in
Form eines prophetischen Phantasiebildes erschauen, was in
der Zukunft geschehen wird, so wäre das offenbar der ein¬
fachste Fall unserer „Begründung“, d. h. des Beziehens des
Urteils auf einen mit dem eigentlich im Urteil vorherge¬
sagten identischen Gegenstand. Und ein solches propheti¬
sches Schauen würde offenbar zugleich eine Ursache sein,
an das eigene Urteil zu glauben. „Grund“ eines Urteils
und Ursache des Glaubens hängen nur so zusammen, daß
die Einsicht in das Begründetsein eine dieser Ursachen ist
und zwar, ich wiederhole hier noch einmal, was schon vor¬
hin gesagt wurde, die einzige im Wesen des Urteils selbst
und des Wahrheitsbegriffes liegende, aus ihm sich ergebende.
(Denn aus dem Wesen der Wahrheit, wie es im Satz der
Identität zum Ausdruck gelangt, folgt, daß ein Urteil, das
sich im Hinblick auf einen Tatbestand als wahr erweist, sich
auch im Hinblick auf den identischen Tatbestand in anderem
Zusammenhang als wahr erweisen muß.) Aber umgekehrt:
wenn wir aus irgendeinem Anlaß an ein Urteil glauben, so
wird ein vollgültiger Beweis daraus erst, wenn wir sagen
können, daß der Tatbestand, der uns zu dem Glauben treibt,
identisch ist mit dem, in dem sich das Urteil erfüllen würde,
und dieser Beweis reicht genau so weit als jene Identität
wirklich besteht. —
Ich schiebe hier eine kurze psychologische Be¬
merkung ein, ehe ich die Konsequenzen aus dem hier ent-
1. Uber „Grund" und „Begründung".
179
wickelten Begriff des Grundes ziehe. Betrachten wir Urteil
und Urteilen psychologisch, so müssen wir danach das Fol¬
gende unterscheiden: Erstens das Hegen einer Erwartung,
das Glauben an den Eintritt eines Ereignisses. Dieses Glau¬
ben kann intensiver und weniger intensiv, es kann durch
mancherlei Umstände bedingt sein, deren wir uns bewußt
sind, die aber auch unserm Bewußtsein entgehen können.
Wir wissen weiter, daß das Erwartungsurteil als solches
erlebt sein kann, daß aber auch oft an seine Stelle unbewußte
Erwartungseinstellungen treten. Wir können dann weiter
das Sicherfüllen einer Erwartung, das Übereinstimmen des
wirklich Eintretenden mit dem Erwartungsbilde, das Sich-
bewahrheiten des Urteils erleben. Endlich drittens, wir er¬
leben das Gegründetsein des Urteils in einem Tatbestand
in der oben charakterisierten Weise.
Dabei können wir dies alles naiv, unmittelbar erleben,
oder es kann sich dies Erleben als Resultat einer besonderen
Untersuchung, einer Reflexion einstellen. Wir 1(01111611 zu¬
nächst Erwartungen nicht nur einfach hegen, an das Eintreten
eines Ereignisses glauben, sondern auch sie uns nur als Er¬
wartungen vorstellend vergegenwärtigen. Und dies wieder
das eine Mal nur „verstehend“, mit dem Bewußtsein, daß
ein anderer diese Erwartung hegt, das andere Mal „fragend“,
d. h. mit dem Wunsch, selbst zu einer bestimmten Stellung¬
nahme ihnen gegenüber zu gelangen. Diese Stellungnahme
tritt dann entweder von selbst ein oder das Streben nach
ihr führt zu einer Vergegenwärtigung der beiden Möglich¬
keiten, des Sicherfüllens und des Sichenttäuschens der
Erwartung und zu einem „zweifelnden“ Hin- und Her¬
gehen zwischen beiden. Wie dieses zweifelnde Hin- und
Hergehen schließlich zu einer Entscheidung hinführen
kann, diese Frage will ich hier unerörtert lassen, ihre ge¬
nauere Besprechung gehört in die Psychologie der Denk¬
vorgänge.
Man pflegt endlich von dem Fällen eines Urteils, dem
fragenden Vorstellen desselben und dem ausdrücklichen
Bejahen und Verneinen noch den Fall der „A n n a h m e“
zu unterscheiden, der neuerdings von Meinong bekannt¬
lich zum Gegenstand einer besonders eingehenden Unter¬
suchung gemacht worden ist. Mir scheint, daß sich die Fälle,
in denen wir von einer Annahme sprechen und die M. aus¬
führlich aufzählt, sich auf einen bestimmten Typus zurück-
12 *
180 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
führen lassen. Halten wir ein Urteil für wahr, so hat das
bestimmte Folgen: Wir hegen fortan die betreffenden Er¬
wartungen und werden uns daher auch ihnen entsprechend
verhalten. Ich höre einen mir unbekannten Ton,
jemand sagt mir, es sei der Ton der Hupe eines hinter mir
kommenden Automobils, ich mache mir dies Urteil zu eigen
und trete zur Seite. Nun können wir aber Urteile gar nicht
für wahr, sondern für falsch oder zweifelhaft halten und
uns doch aus allerhand Motiven willkürlich so verhalten,
als ob.wir es für wahr hielten und die betreffenden Er¬
wartungen hegten. Das ist der Fall der Annahme. Und da
dies Verhalten letzten Endes von meiner Willkür abhing,
so kann ich es auch in bestimmter Weise beschränken, ich
kann in bestimmten Zusammenhängen, nach bestimmter
Hinsicht, für einen zeitlich und sachlich begrenzten Kreis
usw. eine bestimmte Annahme machen. Daß z. B. im Spiel
derartiges vorkommt, daß man aber auch Schlüsse aus
bewußt falschen oder zweifelhaften Prämissen, die probe¬
weise gezogen werden, unter den Gesichtspunkt der „An¬
nahme“ stellen kann, ist leicht zu sehen. —
Wir können nun das hier über das Wesen der Be¬
gründung Gesagte zunächst ohne weiteres auf die rein
logische Begründung anwenden, deren Prinzipien im vorigen
Kapitel erörtert wurden. Die logische Begründung besteht
in dem Nachweis der Identität des zu beweisenden Urteils
mit einem anderen Urteil bzw. einem Teil des letzteren.
Der Nachweis dieser Identität aber ist ein Beweis nur
dann, w r enn wir das Urteil, aus dem deduziert wurde, als
wahr voraussetzen dürfen.
Das Eigentümliche der rein logischen Deduktion besteht
darin, daß wir nicht eigentlich den Inhalt des zu beweisen¬
den Satzes, den geurteilten Sachverhalt als solchen ins Auge
fassen, sondern nur den Zusammenhang, in dem dies Urteil
zu einem anderen steht, ein Zusammenhang, der sich schon
aus der sprachlichen Form beider Urteile entnehmen läßt.
Eben damit aber hängt zugleich die eben schon erwähnte
Grenze der Gültigkeit und der Möglichkeit des rein logischen
Beweises zusammen. Die bloß logische Deduktion ist schlie߬
lich ein bloßes Zurückschieben des Beweises von dem spezi¬
ellen auf den allgemeinen Satz. Damit entsteht die
Frage, auf die uns also gerade der rein logische „Beweis“
hinführt: wie ist ein Beweis, eine Begründung eines Urteils,
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung. 131
die nicht nur in der Herleitung aus einem allgemeinen Urteil
besteht, möglich?
Soll ein solcher Beweis möglich sein, so muß er irgendwie
aus einer Vergegenwärtigung des geurteilten Sachverhalts
selbst erwachsen, er muß entstehen, indem wir diesen geur¬
teilten Sachverhalt, soweit dies angeht, zur Gegebenheit
bringen. Aber eben hier tritt uns das Paradoxe entgegen,
das wir als das Problem der Induktion kennen
und zu bezeichnen pflegen. Wir gründen einen allgemeinen
Satz auf einen gegebenen Tatbestand, aber dieser gegebene
Tatbestand ist als solcher ein einzelnes, jetzt und hier Ge¬
gebenes — wie kann, was ich jetzt und hier wahrnehme,
mir sagen, nicht nur, was hier geschieht oder geschehen ist,
sondern was allgemein unter gewissen Bedingungen geschehen
muß, wie kann die einzelne Erfahrung einen allgemeinen
Satz begründen?
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung.
Stellen wir uns zunächst die Frage: Tritt dies Problem
der Induktion überall auf, wo wir einen allgemeinen Satz
auf einen einzelnen gegebenen Tatbestand gründen ? Oder ist
es in anderen Fällen unmittelbar deutlich und klar, daß
und wie ein solcher Begründungszusammenhang möglich ist ?
M. a. W.: Gibt cs Fälle, in denen wir in gewisser Weise
wirklich einen allgemeinen Zusammenhang, dessen zukünftige
Verwirklichung wir erwarten, uns jetzt „evident“ machen,
d. h. in einem gegenwärtig gegebenen Gegenstand uns zur
Selbstgegebenheit bringen können?
Daß es dergleichen Fälle gibt, möge zunächst ein Bei¬
spiel zeigen. Angenommen, wir können uns in der Phantasie
ein genügend genaues Bild der einzelnen Farbtöne vergegen¬
wärtigen. Nun stellen wir uns die Frage, wie sich eine be¬
stimmte Farbe, z. B. orange, ihrer Ähnlichkeit und Ver¬
schiedenheit nach zu anderen Farben, zu rot, grün, gelb
usw. verhält. Wir finden, daß orange dem Rot und Gelb
ähnlicher ist, als z. B. dem Grün. Dieses Resultat ist nun
zunächst das Ergebnis eines Vergleichs, den wir jetzt und
hier diesen bestimmten von uns vorgestellten Farben gegen¬
über vorgenommen haben. Diese bestimmten einzelnen
Relationserlebnisse aber erweitern sich für uns sofort zu
allgemeinen Relationsurteilen, denn wir behaupten nicht nur,
1 82 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
daß dies jetzt als Vorstellungsinhalt vor uns stehende, sondern
daß jedes Orange, gleichgültig, wann und wo wir es auch
vorstellen oder wahrnehmen mögen, mit rot und grün ver¬
glichen uns zu den gleichen Relationserlebnissen Anlaß geben
wird oder daß die betreffenden Relationen ein für allemal
zwischen „dem“ Orange, „dem“ Rot und Grün realiter
„bestehen“.
Das Urteil, von dem ich hier spreche, ist selbstverständ¬
lich nicht analytisch. (Wir verstehen unter rot, orange usw.
diese bestimmten Farbeindrücke, die jeder kennt und sich
vorzustellen vermag. Daß Orange eine „Mischfarbe“ ist,
d. h. durch Mischung roter und gelber Pigmente hergestellt
werden kann, ist natürlich eine spätere empirische Erkenntnis,
die wir nicht brauchen, um uns über die Ähnlichkeit jener
Farbeindrücke klar zu werden. Das Urteil, das ich meine,
spricht aus, daß mit dieser bestimmten Farbqualität bestimmte
Ähnlichkeits- und Verschiedenheitsrelationen zu allen anderen
Farbqualitäten eindeutig und unabänderlich gesetzt sind.)
Es ist nicht bloß logisch begründbar, sondern um es zu
begründen, müssen wir den Vergleich an den Farben, von
denen es spricht, wirklich vollziehen. Es unterscheidet sich
aber zugleich in einem wesentlichen Punkt von den eigentlich
sogenannten empirischen Urteilen. Alle empirischen Urteile
sind bekanntlich nur wahrscheinlich gültig, d. h. wir müssen
bei ihnen mit der Möglichkeit einer Widerlegung durch
spätere Erfahrungen rechnen. Auf Grund empirischer Ge¬
setze können wir über die Dinge nur urteilen mit der still¬
schweigenden Voraussetzung: soweit die bisherige nicht
durch neue Erfahrung überholt wird. Vergegenwärtigen wir
uns diese Eigenart der Klasse von Urteilen, um deren nähere
Besprechung es sich hier handeln soll, so drängt sich uns
schon hier die Überzeugung auf, daß auch — und zwar als
wichtigste Gruppe der Klasse — die mathematischen Urteile
in diesen Zusammenhang gehören. Daß 2 + 2 = 4 ist,
kann ich nicht erkennen, ohne 2 + 2 beliebige Gegenstände
einmal zusammenzuzählen, habe ich das aber einmal getan,
so weiß ich auch ein für allemal, daß 2 + 2 Gegenstände,
gleichgültig welcher Art und wann und wo ich sie auch
finden möge, zusammengezählt immer vier Gegenstände
und niemals etw r as anderes sein werden. Wie sind solche
Urteile, bzw. wie »st eine Begründung solcher Urteile
möglich ?
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung.
183
Fassen wir den Sachverhalt allgemeiner. Jedes Ver¬
gleichen, Zusammenfassen, Inteilezerlegen, Zählen usw. ist
ein Zumbewußtseinbringen, ein Erfassen eines phänomenal
gegebenen Tatbestandes, den wir allgemein (freilich nicht
ganz zutreffend) einmal als „Relationstatbcstand“ bezeichnen
wollen und der an früherer Stelle genauer beschrieben wurde
(Abschn. 9 des I. Kap.). Allerdings pflegt man unter „Ver¬
gleichen“, „Zusammenfassen“ usw. zweierlei zu verstehen,
das nicht scharf auseinandergehalten wird: Das phänomenale
Gegebensein des Relationstatbestandes (des Gleichheits-, Ver¬
schiedenheitsbewußtseins usw.) und den „geistigen Prozeß“,
durch den dasselbe zustande kommt, den Inbegriff von Be¬
dingungen, die ihm voranzugehen pflegen, gleichgültig ob
und wie wir sie uns vorstellen oder näher beschreiben können.
Nun pflegen wir aber, wo ein solcher Tatbestand unserm
Bewußtsein gegeben ist, ihm sofort sprachlich in der Form
eines Urteils Ausdruck zu geben: wir sagen, die ver¬
glichenen Gegenstände sindgleich — nicht: wir erleben
in bezug auf sic oder an ihnen ein Gleichheitsbcwußlsein.
Dieses Urteil bezieht sich, wie ich ausdrücklich hervor¬
heben möchte, zunächst und unmittelbar auf die phäno¬
menalen Gegebenheiten, die ich vergleiche, nicht auf die
zugrunde liegenden realen Gegenstände. Ich vergleiche
zwei Kreidestriche — dann berechtigt mich das Ergebnis
des Vergleichs zunächst zu dem Urteil: Was ich hier
sehe, „sei“ gleich. Von diesem Urteil rede ich, nicht von
dem weitergehenden, die Kreidestriche selbst seien gleich,
das falsch sein kann, während das erstere Urteil richtig
ist (es kann an meiner Stellung liegen, daß sich verschieden
lange Kreidestriche gleich lang in meinem Gesichtsfeld ab¬
zeichnen) und das jedenfalls einer empirischen Prüfung
bedarf.
Es gibt also, wie schon früher hervorgehoben wurde (S. 75),
den an sich merkwürdigen Fall, daß wir in einem Urteil
zwei phänomenalen Gegebenheiten eine reale Beziehung zu¬
weisen. Was bedeutet nun ein solches Urteil? Sein Sinn
ist, wie der jedes Urteils eine Erwartung. Diese zwei Ge¬
gebenheiten sind gleich, ich erlebe nicht nur jetzt und
hier ihnen gegenüber ein Gleichheitsbewußtsein, das heißt:
Dieses Gleichheitsmoment gehört ihnen notwendig zu, ich
erwarte es wiederzufinden, wann und wo ich auch diese
zwei Gegebenheiten wieder vergleiche. Dieser Vergleich
184 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
derselben eben verglichenen Gegebenheiten kann natür¬
lich nur aus der Erinnerung, mit Hilfe der Erinnerungsbilder
geschehen. So ist also der eigentliche Sinn des Urteils,
die zwei Gegebenheiten seien gleich, soweit es über die bloße
Konstatierung des Gleichheitsphänomens hinausgeht, in der
Erwartung zu suchen, daß jeder Vergleich, den wir an den
eben verglichenen Gegenständen durch die Vermittlung der
Erinnerung vornehmen, wieder zu dem gleichen Ergebnis
führen wird (daß mit diesen bestimmten Inhalten diese ihre
bestimmte Gleichheits- oder Verschiedenheitsrelation ein¬
deutig gesetzt ist). Wenn ich damit den „Sinn“ des Gleich¬
heitsurteils in diese Erwartungen setze, so brauche ich mich
hier nicht mehr gegen das Mißverständnis zu wehren, als
wollte ich diese letzteren zu erlebten Bewußtseinstatsachen
machen.
Es besteht also die Tatsache, daß wir auf jedes
Erfassen eines solchen Relationsphänomens sofort ein all¬
gemeines Urteil, eine allgemeine Erwartung gründen und
uns für berechtigt halten, dies zu tun. Die Erwartung kann
sich unter Umständen enttäuschen, aber wo dies geschieht,
wo etwa ein nachträglicher Vergleich aus der Erinnerung
oder Phantasie ein anderes Resultat ergibt, als der Vergleich
des unmittelbar Gegebenen, werden wir diesen Widerspruch
stets dadurch beseitigen, daß wir einen dieser beiden Ver¬
gleiche für „falsch“ erklären, entweder, weil wir (wie es bei
den geometrisch-optischen Täuschungen der Fall ist) im
einen oder anderen Fall nicht das verglichen haben, was
eigentlich verglichen werden sollte, oder weil unsere Er¬
innerung uns getäuscht hat, das Erinnerungsbild den
zu vergleichenden Gegenstand ungenau oder unrichtig dar¬
stellte. Das allgemeine Prinzip also, daß mit bestimmten
Inhalten bestimmte Gleichheits-, Verschiedenheits-, wir kön¬
nen hinzufügen auch bestimmte Zahlrelationen eindeutig
und unveränderlich gesetzt sind, daß also das Relations-
phänomen ein Relations urteil begründet, ist für uns
durch keine Erfahrung zu erschüttern, ist kein empirischer
Satz.
Wie ist dies Begründungsverhältnis zu verstehen?
Um die Frage zu beantworten, müssen wir vor allem
einen Punkt ins Auge fassen und in seine Konsequenzen
verfolgen, der im Vorstehenden schon gelegentlich erwähnt
wurde,
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung.
185
Zwei Gegenstände „sind“ gleich, verschieden, ähnlich
usw. heißt, wie wir wissen, nichts anderes als: Jedesmal,
wenn ihnen gegenüber die Funktion des Vergleichens voll¬
zogen wird, wird sich das „Relationsphänomen“ der Gleich¬
heit, im anderen Fall der Verschiedenheit, Ähnlichkeit usw.
einstellen. Entsprechend: Diese Gegenstände „sind“ zwei,
drei, vier... Gegenstände dieser oder jener Art, bedeutet:
Jedesmal, wenn wir sie „zählen“, wird sich dies Resultat
einstellen. Dabei steht es mit dem Vergleichen, Zählen,
Inteilezerlegen, Zusammenfassen usw. ebenso wie mit den
uns von früher her bekannten „Bedingungen“, unter denen
wir die verschiedenen Erscheinungen desselben realen Gegen¬
standes wahrzunehmen erwarten (Hand ausstrecken, be¬
rühren, herumgehen usw.): Wir kennen sie und wissen sie
zu üben, während sie exakt zu beschreiben unter Umständen
eine schwierige Aufgabe ist. Aber hier besteht nun ein
wichtiger Unterschied: Wir können das Verglei¬
chen, Inteilezerlegen usw. ebensogut einem
Gegenstand gegenüber üben, wenn er nur
vorgestellt ist, wie wenn er unmittelbar
gegeben vor mir steht, wir können zwei Gegen¬
stände aus der Erinnerung oder aus der Phantasie, mit Hilfe
des Erinnerungs- oder Phantasiebildes vergleichen. Wäre
das nicht der Fall, so könnten wir ja nie Jetziges mit Ver¬
gangenem vergleichen, wir hätten gar kein Urteil über die
Ähnlichkeit und Verschiedenheit aller Gegenstände, die
nicht nebeneinander stehen und zusammen wahrgenommen
werden können. Ein solcher Vergleich, den wir jetzt ange¬
sichts des Erinnerungsbildes vollziehen, ist etwas ganz
anderes, als die Erinnerung an einen früher vollzogenen
Vergleich derselben Gegenstände. Endlich bezieht sich
dieser Vergleich, von dem ich hier spreche, durch das Er¬
innerungsbild auf das in ihm Dargestellte, auf das Erinnerte;
ich vergegenwärtige mir in einem lebhaften Erinnerungsbild
(vorausgesetzt, daß ich dies kann) das Haus, das ich gestern
sah, und zähle jetzt die Fenster, die das Haus hatte.
Wir können also, indem wir uns zwei Gegenstände nur
in der Phantasie vorstellen, nur zur mittelbaren Gegebenheit
bringen, ihnen gegenüber die Bedingungen erfüllen, unter
denen wir, wenn das Urteil, sie „seien“ gleich usw. wahr ist,
erwarten müssen, jenes Relationsphänomen vorzufinden,
während es offenbar gar keinen Sinn hätte, einen nur er-
186 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
innerten Gegenstand berühren oder um ihn herumgehen,
kurz die Bedingungen erfüllen zu wollen, unter denen wir
erwarten, ihn hart, schwer usw. zu finden, hier vielmehr
nur die Erinnerung an den etwa früher vollzogenen Versuch
dieser Art übrig bleibt. Daraus ergibt sich: Haben wir ein
solches Gleichheitsurteil auf seine Wahrheit hin zu prüfen,
so können wir das dem nur vorgestellten Gegenstand gegen¬
über ebenso tun, wie dem unmittelbar gegebenen, wir können
die Bedingungen erfüllen, unter denen der erwartete Tat¬
bestand eintritt, also das Urteil sich „bewahrheitet“ oder
„enttäuscht“. Nur daß hier nun sich sofort die eine Schwierig¬
keit ergibt, daß für dasselbe eine auf denselben einen Gegen¬
stand bezogene Relationsurteil eine doppelte oder mehrfache
Möglichkeit besteht, es auf seine Wahrheit hin zu prüfen,
es sich erfüllen oder enttäuschen zu lassen, eine Mehrheit
von Tatbeständen, in denen es sich als wahr erfüllt oder
als falsch enttäuscht; da ja jeder Vergleich, der an den vor¬
gestellten und dazu der eine, der etwa an den wahrgenom¬
menen Gegenständen vollzogen wird, einen solchen Tat¬
bestand darstellt. Eben darum muß jeder Vergleich zu¬
gleich als selbstverständlich die Erwartung einschließen, von
der vorhin gesprochen wurde, die Erwartung, daß jeder
Vergleich derselben Gegenstände aus der Erinnerung
oder Phantasie zu demselben Ergebnis führen wird.
Diese Erwartung kann sich gelegentlich enttäuschen, zugleich
aber zeigt uns ein Blick auf die Prinzipien der Logik,
wie wir uns verhalten müssen, wenn eine solche Ent¬
täuschung einmal eintritt. In der Phantasie vorher vorge¬
stellt scheinen uns zwei Gegenstände gleich, in der Wahr¬
nehmung später verglichen verschieden. Dasselbe Urteil
erfüllt, bewahrheitet sich in einem, enttäuscht sich in einem
anderen Tatbestand. Die Urteile aber, jenes Urteil sei wahr
und es sei falsch, können nicht zusammen wahr sein, also
muß eines von ihnen falsch, d. h. die Erfüllung oder die
Enttäuschung jener Erwartung in den erwähnten Ver¬
gleichen eine nur scheinbare gewesen sein. Daß wir in einem
solchen Fall tatsächlich so verfahren und wie bzw. wo wir
diesen Schein genauer suchen, war vorhin des näheren er¬
örtert worden.
Dasselbe können wir noch anders ausdrücken. Man er¬
innert sich an die Definition des „Grundes“: Ein ge¬
gebener Tatbestand ist dann „Grund“ eines Urteils, wenn
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung.
187
er identisch ist mit dem Tatbestand, in dem sich das
Urteil eigentlich erfüllt (bewahrheitet). Die Frage war nur,
wie das möglich sei, wicsicheinUrteilgewisser-
maßen erfüllen könne, ehe es sich erfüllt.
Hier liegt offenbar ein solcher Fall vor. Vergleichen wir
mehrfach dieselben zwei Gegenstände, die uns einmal un¬
mittelbar und so und so oft mittelbar gegeben sein können,
so haben wir eine Reihe von Tatbeständen, die insofern
identisch sind, als sich in jedem von ihnen einunddas-
selbe Urteil erfüllt oder enttäuscht Die Möglichkeit
dafür beruht, wie man sieht, auf dem doppelten Umstand,
daß zwischen den Zielpunkten verschiedener Vorstellungs¬
bilder Identität bestehen kann (vgl. S. 84) und daß es
Funktionen, wie das Vergleichen, Zählen usw. gibt, die wir
am erinnerten Gegenstand ebensogut ausführen können, wie
am unmittelbar Gegebenen.
Dazu kommt nun noch eins. Es gibt, wie wir wissen,
allgemeine Vorstellungsbilder, d. h. das einzelne Vorstellungs¬
bild braucht sich nicht auf einen einzelnen bestimmten, zu
bestimmter Zeit existierenden Gegenstand zu beziehen. Ich
stelle mir jetzt den Anblick des Siegestores in München vor,
aber mein Vorstellungsbild hat nicht eine ausgesprochene
Beziehung auf den betreffenden Anblick, der sich mir gestern
oder vorgestern oder vor fünf Wochen darbot, sondern für
mein Bewußtsein repräsentiert es mir den einen von diesen
gleichen (oder besser aus der Erinnerung ununterscheidbaren)
Gegenständen ebenso wie den anderen, bildet der eine ebenso
gut wie der andere seinen „erfüllenden Gegenstand“. Oder
ich kann mir eine bestimmte Nuance rot vorstellen, dann
versetzt mir meine Vorstellung den vorgestellten Gegenstand,
1 Der Fall hier darf nicht verwechselt werden mit einem anderen.
Haben wir das allgemeine Urteil, daß Marmor sich in Salzsäure löst,
so können wir auch sagen: es gibt mehrere Fälle, in denen sich das
Urteil erfüllt; jeder Versuch im Laboratorium stellt einen solchen
dar. Aber die Sache liegt doch hier ganz anders: Nicht das all¬
gemeine Urteil selbst, daß Marmor sich in Salzsäure löst, erfüllt sich,
sondern das in ihm steckende spezielle Urteil, das von diesem be¬
stimmten Stück Marmor Entsprechendes aussagt. Dagegen erfüllt
sich im Vergleich aus der Erinnerung oder Phantasie das Urteil,
die erinnerten Gegenstände seien gleich voll und ganz: Das
Verglichene ist ja eben der Gegenstand, von dem das Urteil, und
zwar ausschließlicherweise, spricht,
188 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
dies gesehene Rot, nicht an eine bestimmte Stelle meines
zukünftigen Lebens, sondern es stellt mir jeden beliebigen
dieser zukünftigen Gegenstände dar. Vergleiche ich nun
zwei in diesem Sinn allgemeine Vorstellungsbilder, so muß
dieser Vergleich offenbar gelten für jeden beliebigen der
durch sie repräsentierten Gegenstände. So kommen Urteile
zustande, wie das vorhin als Beispiel gewählte: „Orange“
ist „dem Rot“ ähnlicher als „dem Grün“.
Freilich wissen wir, daß diese Allgemeinheit unserer Vor¬
stellungsbilder nur bis zu einer gewissen Grenze geht — ich
kann mir nur alle beliebigen gleichen Gegenstände, nicht
also z. B. alle Farben oder auch nur alle Blau-Nuancen in
einem Vorstellungsbild vergegenwärtigen. Aber bis zu
einem gewissen Grade läßt sich dieser Mangel ersetzen. Wir
können in unserer Vorstellung die Reihe der Blau-Nuancen,
die Reihe der Farben usw. durchlaufen und so doch auf die
unmittelbare Anschauung, auf den Vergleich anschaulich
vorgestellter Gebilde ein allgemeines Urteil über alle Farben
oder alle Blau-Nuancen gründen, ein allgemeines Urteil, das
streng genommen sozusagen durch allgemeine Vorstellungen
in Verbindung mit einer vollständigen Induktion zustande
kommt 1 . —
Es liegt der Eindruck nahe: Setzen die vorstehenden
Ausführungen nicht an die Stelle der wirklichen Tatsachen
eine bloße Konstruktion?
Die Allgemeinheit des Vorstellungsbildes und die Mög¬
lichkeit, Gegenstände in anschaulichen Vorstellungssymbolen
allgemeiner Bedeutung zu vergleichen, soll die allgemeine
Geltung solcher Urteile gewährleisten. Danach scheint es,
als müßten wir, um solche Urteile zu begründen, uns auf
diese Gegenstände nur als vorgestellte, nicht als wahr¬
genommene stützen. Nun wird aber jeder, der sich etwa
über die Ähnlichkeitsbeziehungen der Farbtöne orientieren
will, sie sich in der Wahrnehmung vorführen, und was er
an der Farbentafel erkennt, als beweiskräftig erachten, ohne
erst seine Vorstellung zu Hilfe zu nehmen. Erschiene es
uns nicht als ein lächerlicher Umweg, wollte man, um ein
begründetes Urteil über die Ähnlichkeitsverhältnisse von
1 Vgl. hierzu die entsprechenden Ausführungen in Cornelius,
„Psychologie als Erfahrungswissenschaft“ S. 181 ff. und „Einleitung
in die Philosophie“ S. 237 ff.
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung. 189
Farben zu erhalten, sieh auf unsichere Gedächtnisbilder,
anstatt auf klare Wahrnehmungsinhalte beziehen?
Man könnte noch weiter gehen: Ist nicht durch exakte
experimentell-psychologische Beobachtung gezeigt worden,
daß wir uns bei Sukzessivvergleichen überhaupt nur ganz
ausnahmsweise auf anschauliche Vorstellungs- oder Er¬
innerungsbilder des zu Vergleichenden beziehen, daß diese
Bilder zum Vergleich noch sehr viel seltener zur Verwendung
kommen, als man für gewöhnlich meint? 1
Ich erinnere demgegenüber noch einmal an das, was mit
den obigen Ausführungen allein bewiesen werden sollte.
Wir können Gegenstände aus der Erinnerung und Phantasie
mit Hilfe der anschaulich vorstellenden Reproduktion im
Hinblick auf Gleichheit, Verschiedenheit, Teilbarkeit usw.
beurteilen, nicht nur uns an entsprechende
Beurteilungen erinnern, die wir den betreffenden
Gegenständen gegenüber vollzogen haben, als sie in unmittel¬
barer Gegebenheit vor uns standen. Wie oft wir solche
Urteile vollziehen, in welchem Umfange wir sie vollziehen,
welche Grenze hier unserem Urteil dadurch gesetzt ist, daß
wir nur in beschränktem Maß wahrgenommene Gegenstände
deutlich vorzustellen vermögen, also über ein entsprechendes
Material von Vorstellungen verfügen, das kann völlig
dahingestellt bleiben. Der bloße Umstand, daß jedes Gleich-
heits- usw\ -urteil am nur vorgestellten Gegenstand jederzeit
hätte gewonnen und bestätigt werden können, genügt, um
diesen Relationsurteilen ihren eigentümlichen Charakter zu
geben, als Urteilen, die eine diesem Gegenstände eigene,
objektive Qualität erfassen, die ihm eignet, gleichgültig, ob
er direkt oder indirekt in diesem oder jenem Bewußtsein,
jetzt oder zu anderer Zeit usw\ erfaßt und verglichen wird.
Da wir „w i s s e n“, daß wir den Vergleich jederzeit an
einem allgemeinen Vorstellungsbild wiederholen können,
vorausgesetzt nur, daß wir uns ein solches entsprechend ge¬
naues Vorstellungsbild schaffen können, so können wir auch
ohne diesen Versuch wirklich auszuführen, den am wahr¬
genommenen Gegenstand konstatierten Relationsbestand
1 Vgl. Schumann, Der Sukzessivvergleich, Ztschr. f. Psych.
Bd. 30 S. 241 ff. (Beiträge zur Analyse der Gesichtswahmehmungen,
I. Abt. 176 ff.); Külpe, Aussichten der experimentalen Psycho¬
logie, Philos. Monatshefte, Bd. 30, S. 282; Jaensch, Uber die
Wahrnehmung des Raumes u. a.
190 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis
sofort in ein allgemeines Urteil fassen. Entsteht dann aber
ein Zweifel an der Allgemeingültigkeit des Urteils, so appel¬
lieren wir tatsächlich an die Vorstellung.
Wir beantworten den Einwand, es könne vielleicht doch
einmal unter anderen Umständen ein Orange gefunden
werden, das dem Grün ähnlicher wäre als dem Rot, mit
der Gegenfrage, wie ein solches Orange aussehen sollte. Diese
Gegenfrage bedeutet nichts anderes, als die Aufforderung,
sich ein solches Orange vorzustellen, oder was das¬
selbe besagt, sich ein Orange vorzustellen und an ihm die
fraglichen Relationen vorzufinden. Das Mißlingen dieses
Versuchs zeigt uns die „U nmöglichkeit“ einer solchen
Farbe, die Nichtexistenz eines solchen Gebildes auch nur als
vorgestellten, mittelbar gegebenen Gegenstandes. Zugleich
haben wir hier eine Anwendung des Möglichkeitsbegriffs, der
an früherer Stelle zwischen die reale und die logische Mög¬
lichkeit in die Mitte gestellt wurde. Ein Orange mit inversen
Ähnlichkeitsbeziehungen ist unmöglich (= es gibt keine Far¬
ben dieser Art) nicht als gedachter Gegenstand, denn die
Urteile, eine Farbe sei so beschaffen und sie stehe in diesen
Relationen, widersprechen sich nicht, wohl aber als vorge¬
stellter (und damit erst recht als wahrgenommener) Gegen¬
stand.
Noch eine allgemeinere erkenntnistheoretische Bemerkung
sei hier angeknüpft.
Es hat höchst wahrscheinlich sehr selten ein Mensch im
gewöhnlichen Leben einen Schluß vollzogen, der wirklich
Prämissen und Schlußsatz so fein säuberlich aneinander
reihte, wie das in den Modi der Schlußlehre geschieht.
Darum sind diese Modi nicht unsinnig oder falsch. Sie sagen
ja nicht, w r ie wirklich geschlossen wird, sondern sie zeigen
uns, in welchen verschiedenen Formen ein Schluß schlüssig,
d. h. wirklich evident wird. Wobei wiederum unter Evidenz
nicht ein Gefühl der Sicherheit, sondern das wirkliche, un¬
mittelbare und direkte Erfassen des Mitgemeint- und
damit als Wahrgesetztseins des Schlußsatzes mit den Prä¬
missen verstanden ist. Für gewöhnlich nun brauchen wir
nicht bis zu dieser Evidenz vorzudringen, es wäre im ge¬
wöhnlichen Leben ganz unnütze Zeit- und Kraftvergeudung,
sondern wir gehen bei der Ableitung eines Satzes aus einem
anderen nur so weit, bis wir „wisse n“, überzeugt sind,
daß beide im logischen Abhängigkeitsverhältnis zueinander
2. Die Möglichkeit apriorischer Begründung.
191
stehen. Ja, das ist, so sonderbar es klingt, sogar bisweilen
das sicherere Verfahren, wenn es sich um kompliziertere
Schlußketten handelt, bei denen wir ja bei dem Fortgang
von Syllogismus zu Syllogismus u. U. darauf angewiesen sind,
lange Ketten von Schlüssen zusammen zu überblicken, wo¬
bei natürlich sehr leicht ein Versehen unterlaufen kann.
Ganz ähnlich steht es mit dem Vergleichsurteil. Uns wird
ein Gegenstand vorgelegt mit der Frage, ob er gleich mit
oder in welcher Hinsicht er verschieden sei von einem Gegen¬
stand, den wir vorgestern gesehen haben. Dann wird in
vielen Fällen, bei nicht gerade visuell veranlagten Personen
wenigstens, das Urteil abgegeben werden, ohne das der Be¬
fragte ein anschauliches Erinnerungsbild des früher gesehenen
reproduzierte und es direkt mit dem jetzt gesehenen ver¬
gliche. Ja, vielleicht ist der letztere Fall eine ganz seltene
Ausnahme. Darum bleibt doch dieser direkte Vergleich mit
dem Erinnerungsbild der einzige Fall, in dem wir die Gleich¬
heit beider Gegenstände unmittelbar in einem Relations¬
erlebnis zur Gegebenheit bringen, in dem also unser Urteil
in diesem Sinn evident ist L
Man sieht an diesem Punkte deutlich einen Unterschied
erkenntnistheoretischer und psychologischer Fragestellung.
Der Psychologe fragt, wie sich der Vergleich, der Schluß
usw. wirklich im Bewußtsein vollzieht, der Erkenntnis¬
theoretiker, wie er sich vollziehen muß, wenn er evident
sein soll. Wenn die Psychologie naiverweise meinte, es sei
bei jedem Sukzessivvergleich ein Erinnerungsbild des früher
Dagewesenen im Spiel, das verglichen werde, so bestand ihr
eigentlicher Fehler darin, daß sie das wirklich vollzogene
Urteil logisierte, d. h. als evidentes Urteil logisch konstruierte.
In Wirklichkeit ist wahre Evidenz ein im gewöhnlichen
Leben selten verwirklichter Grenzfall, der aber eben als
solcher für die Logik, bzw. für die Erkenntnistheorie Inter¬
esse hat.
1 Weshalb auch dieser Fall des sukzessiven Vergleichs der einzige
ist, der uns kein Problem aufgibt, während wir in allen anderen Fällen
erst fragen müssen, worauf sich denn nun eigentlich das betreffende
Vergleichsurteil stützte, evtl, nach „Nebeneindrücken" suchen
müssen (vgl. den 2. „Anhang" zu diesem Kap.). Etwas anders steht
es nur dann, wenn es sich um das Erfassen der Gleichheit zweier
unmittelbar nacheinander gegebener Gegenstände handelt
(vgl. die Anmerkung auf S. 79).
192 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
Noch ein letzter Punkt, der uns in das logische Gebiet
zurückführt. Couturat 1 findet das Prinzip des mathe¬
matischen Beweises in dem Satz, daß, was für ein „be¬
liebiges“ Glied — für „irgendeinen“ Gegenstand — eines
bestimmten Begriffes gilt, für alle Gegenstände gelten muß.
Mit anderen Worten, der mathematische Beweis wird ge¬
führt an einem beliebigen Dreieck, einer beliebigen
algebraischen Summe, und eben deswegen gilt auf Grund
dieses Beweises der bewiesene Satz einsichtig für alle
Dreiecke oder algebraische Summen. Das ist zutreffend,
wenn man „irgendeinen“ oder einen „beliebigen“ scharf
scheidet von einem „bestimmten“ Gegenstand bestimmter
Art. Das Stück Marmor, das ich gestern untersuchte, ist
nicht ein beliebiges, sondern ein bestimmtes Stück Marmor,
ebenso ist das Dreieck, das ich an die Tafel zeichne, ein be¬
stimmtes, nicht ein beliebiges Dreieck. Von einem beliebigen
Gegenstand reden wir dann, wenn wir eine Reihe von Gegen¬
ständen vor uns haben, von denen wir nach Belieben einen
durch den anderen ersetzen können — anders läßt sich der
Begriff des Beliebigen nicht umschreiben. Daraus ergibt
sich, daß ein Gegenstand nicht schlechthin, sondern nur in
bestimmter Hinsicht ein beliebiger genannt werden kann.
Jeder Gegenstand ist zunächst ein bestimmter Gegenstand,
er wird zum beliebigen, wenn ich ihn in bestimmter Absicht
gegen einen anderen vertauschen kann. Daraus ergibt sich,
daß in der Tat, wenn ein Beweis an einem beliebigen
Gegenstand bestimmter Art geführt wird, er für alle
gelten muß, es ergibt sich aber zugleich, daß diese Behaup¬
tung tautologisch ist: Der Gegenstand war beliebig, heißt
hier nichts anderes als: er war in bezug auf den Beweis
beliebig. Die eigentliche Frage entsteht hier erst: Wie kann
ein Gegenstand in dieser Hinsicht beliebig sein? Wie kann
ich wissen, daß, was ich an diesem Gegenstand erkannte,
ebenso an bestimmten anderen hätte erkannt werden können
— daß also dieser bestimmte Gegenstand als ein beliebiger
Gegenstand der Gruppe von Gegenständen, für die ich meinen
Satz beweisen will, angesehen werden darf? Auf diese Frage
geben die Ausführungen unseres letzten Paragraphen die
Antwort: Habe ich ein anschauliches Symbol, ein Vor¬
stellungsbild, das sich in einer Reihe von Gegenständen
1 Couturat, Die Prinzipien der Logik, S. 152.
3. Die „apriorischen Urteile der Anschauung“.
193
gleichmäßig erfüllt, so ist jeder dieser Gegenstände dem
anderen gegenüber beliebig, eben in bezug auf die allen
gemeinsame Eigenschaft, das Symbol zu erfüllen oder in
ihm vorgestellt zu sein — dann aber auch in bezug auf jede
Eigenschaft, die an diesem allgemeinen anschaulichen Vor¬
stellungsbild abgelesen oder erkannt werden kann.
Noch anders: Haben wir erkannt, daß zwei Gegenstände
als zwei beliebige Gegenstände desselben Begriffs oder, was das¬
selbe besagt, als zwei beliebige Gegenstände, die durch das¬
selbe Symbol repräsentiert sind, angesehen werden können, so
gelten für sie alle Gesetze, die eben für die Gegenstände dieses
Begriffs als solchen gelten. Umgekehrt: haben wir erkannt,
daß für eine Reihe von Gegenständen die gleichen Gesetze
gelten, so können wir diese Gegenstände auch insoweit unter
denselben Begriff befassen oder für sie dasselbe allgemeine
Symbol einführen. Die Frage ist nun aber die: Wie weit
geht die Einsicht, daß die betreffenden Gegenstände in dem
einen Symbol darstellbar sind, der Erkenntnis voraus, daß
sie von denselben Gesetzen beherrscht sind, wie weit ist
umgekehrt die Zusammenfassung in einem Begriff und die
Bezeichnung durch dasselbe Symbol nur ein Ausdruck dieser
Erkenntnis? Das erstere ist dann und nur dann der Fall,
wenn das zusammenfassende Symbol eine anschauliche Vor¬
stellung, ein natürliches Symbol ist. In diesem Symbol ver¬
mögen wir eine Reihe von Gegenständen, soweit sie im
Symbol repräsentiert sind, oder als beliebige Gegenstände
dieser durch das Symbol bestimmten Art von Gegenständen
vorher zu erkennen, ehe sie als bestimmte Gegen¬
stände empirisch vor uns stehen. In allen empirischen
Sätzen gründen wir unsere Erkenntnis auf die Wahrnehmung
bestimmter Gegenstände, die wir dann auf Grund des Um¬
standes, daß für sie dieselben Gesetze gelten, unter denselben
Begriff fassen, mit demselben Symbol (demselben Wort) be¬
zeichnen, als Gegenstände, die in dieser Hinsicht vertauschbar
(„beliebig“) sind, auffassen — die begriffliche Zusammen¬
fassung gründet sich auf die Erkenntnis dieser Gesetze.
3. Die „apriorischen Urteile der Anschauung 4 * als
bestimmt umgrenzte Gruppe von Urteilen.
Wir haben im Vorstehenden eine Gruppe von Urteilen
charakterisiert und abgegrenzt. Es handelt sich um Urteile,
t. Aster, Philosophie. 13
194 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
so können wir sie zusammenfassend beschreiben, die zwischen
zwei Gegenständen eine Relation allgemein aussagen, die
mit der Qualität dieser Gegenstände selbst eindeutig und
notwendig bestimmt ist, wie das am Beispiel der Relation
der Gleichheit und Verschiedenheit — die Gleichheitsurteile
mögen als Prototyp der Klasse gelten — uns am deutlichsten
entgegentritt. Diesem ihren Wesen gemäß sind es Urteile,
für die die bloße Vergegenwärtigung des beurteilten Gesamt¬
gegenstandes, gleichgültig, ob sie in unmittelbarer oder
mittelbarer Gegebenheit geschieht, den zureichenden Grund
bildet. Dadurch, daß eine Vergegenwärtigung dieses Gegen-
standesin seiner qualitativen Bestimmtheit zur Begrün¬
dung notwendig ist, unterscheiden sich diese Urteile von den
bloß „analytischen“, auf rein logischem Wege bewiesenen,
dadurch, daß zur Begründung die qualitative Vergegen¬
wärtigung des entsprechenden Gegenstandes, gleichgültig,
ob in Wahrnehmung oder Vorstellung , genügt (und
weiterhin in den noch zu besprechenden Folgen dieses Um¬
standes für den Geltungsgrad des Urteils) unterscheiden sie
sich von den induktiven Urteilen.
Diese Abtrennung ist nicht überall mit genügender Schärfe
geschehen. Bald hat man, wie das namentlich seitens des
extremen Empirismus und Positivismus in bezug auf die
mathematischen Urteile geschehen ist, die fraglichen Urteile
für Induktionen, nur für besonders elementare und nahe¬
liegende, erklärt, bald hat man, wie das z. B. in der geo¬
metrischen Methode Spinozas zutage tritt, die neben der
echten mathematischen Methode bisweilen auch bloß die
logische Deduktion bezeichnet 1 , zwischen ihnen und den
„analytischen“ Urteilen nicht genügend unterschieden. Erst
Kant hat in dem Begriff der „synthetischenSätze
a priori der Anschauung“ eine der unsrigen ent¬
sprechende Abgrenzung vollzogen: es handelt sich um
synthetische, also nicht durch den Satz des Wider¬
spruchs beweisbare Sätze, um Urteile a priori, also
nicht um empirisch-induktive Behauptungen, endlich um
eine „A nschauung a priori“, d. h. um Sätze, die wie
die empirischen aus der Anschauung (der anschaulichen
1 Übrigens auch auf empiristischer Seite: Humes „relations of
ideas“ umfassen die logische Beziehung des Widerstreits wie die
algebraischen Relationen.
3. Die „apriorischen Urteile der Anschauung“. 195
Konstruktion) der beurteilten Gebilde, aber mit strenger
Allgemeinheit und Notwendigkeit, d. h. mit dem Bewußt¬
sein gezogen werden, daß sie durch spätere Erfahrungen
nicht widerlegbar sind.
Wir werden diesen Kantischen Ausdruck „synthetische
Sätze a priori der Anschauung“ für die abgegrenzte Klasse
von Urteilen beibehalten. Nur werden wir seinen Umfang
erweitern. Kant denkt bei seinem Begriff nur an die Geo¬
metrie, die Arithmetik und die paar Grundsätze in bezug
auf die Zeit. Er übersieht dabei, daß es z. B. auch eine
„Farbengeometrie“ gibt, wie man sie in neuerer Zeit treffend
genannt hat, daß es entsprechende Erkenntnis auch in bezug
auf andere Gegebenheiten gibt, wenn sie natürlich auch nicht
mit der Mathematik in bezug auf die Bedeutung für die
empirische Naturerkenntnis wetteifern können; daß endlich
auch jedes Gleichheits- oder Verschiedenheitsurteil, wenn es
auch nicht ein allgemeines Urteil im Sinn des Urteils der
Wissenschaft, d. h. ein Urteil mit allgemeinem Subjekt ist, in
diese Kategorie gehört.
Wie weit, innerhalb welcher Grenzen gibt es synthetische
Sätze a priori der Anschauung? Dafür können wir auch
fragen: Was können wir in solchen Sätzen von einem Gegen¬
stand aussagen? S. U. a. pr. d. A. sollten nach unserer
Definition solche Urteile sein, die ihren zureichenden
„Grund“ in der Vergegenwärtigung des beurteilten Gegen¬
standes finden, gleichgültig, ob diese Vergegenwärtigung in
der Wahrnehmung oder nur in der Vorstellung statt¬
findet.
Beziehe ich mich nun urteilend auf ein solches Vorstellungs¬
bild, so kann ich die in ihm repräsentierten Gegenstände
genau so weit in synthetischen S. a pr. d. A., d. h. in Sätzen,
die für alle jene Gegenstände streng gültig sind, beurteilen,
als diese Gegenstände eben in dem anschaulich faßbaren
Vorstellungsbild zur Darstellung kommen. Damit ist bereits
eine allgemeine Grenze dieser Erkenntnis deutlich. Ich ver¬
gegenwärtige mir in der Vorstellung eine bestimmte Nuance
rot. Dann repräsentiert mir mein Vorstellungsbild alle ent¬
sprechenden Farbwahrnchmungsinhalte, die in meinem oder
im Bewußtsein eines anderen auftreten mögen, gleichgültig
wo, wann, in welchem (raum-zeitlichen) Zusammenhang
13*
196 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
anderer Inhalte dies geschehen mag. Damit ist schon gesagt,
daß etwas hier jedenfalls in diesem Vorstellungsbild nicht
mit repräsentiert ist: nämlich dieser Zusammenhang, diese
raum-zeitliche Stellung, in bezug auf die sich die einzelnen
vorgestellten Gegenstände unterscheiden, die sie zu ver¬
schiedenen, in dem einen Vorstellungsbild repräsentierten
Individuen macht. Also können wir auch über diese raum¬
zeitliche Umgebung, über das „wann“ und „wo“ des Auf¬
tretens dieser Gegenstände in solchen Urteilen nichts aus-
sagen. Es gibt daher auch keine synthetischen S. a. pr.
der Ansch., die eine Aussage darüber enthielten, unter
welchen Bedingungen ein wahrnehmbarer Gegen¬
stand im Bewußtsein auftreten wird.
Dafür können wir auch sagen: Synth. S. a pr. d. Ansch.
enthalten niemals eine Aussage über die realeExistenz
oder die „reale Möglichkeit“ des Gegenstandes, den sie be¬
treffen. Denn wir wissen: jedes Urteil über die Zugehörig¬
keit eines vorgestellten oder wahrgenommenen Inhalts zu
einem realen Gegenstand bedeutet nichts anderes, als die
Hineinsetzung dieses Inhalts in einen Zusammenhang mit
anderen Wahrnehmungsinhalten nach Erwartungsgesetzen,
und jede Behauptung der Existenz eines realen Gegenstandes
bedeutet nichts anderes, als die Behauptung der Geltung
solcher, verschiedene Wahrnehmungsinhalte miteinander
verknüpfender Gesetze.
4. Das Gleichheitsurteil.
Es war schon an früherer Stelle gezeigt worden, daß
Vergleichen und Zählen auf das Engste Zusammen¬
hängen. Beide setzen zunächst voraus, daß wir uns eines
vor uns stehenden Gebildes als eines aus Teilen bestehenden
Ganzen, als einer Einheit, die zugleich eine Mannigfaltigkeit
einschließt, oder umgekehrt einer Mannigfaltigkeit von
Gegenständen, die sich zu einer Einheit zusammenschließen,
die also Teile eines Ganzen sind, bewußt werden. Dazu muß
ein weiteres treten: Wir müssen diese „Teile“ voneinander
sondern, wir müssen sie als gegeneinander abgegrenzte Ein¬
heiten zum Bewußtsein bringen, ohne daß sie dabei den
Charakter als Teile des Ganzen verlieren. Gelingt uns
das, so entsteht für uns das, was wir eine diskrete Mannig¬
faltigkeit oder ein Ganzes aus diskreten Teilen
4. Das Gleichheitsurteil.
197
nennen können. „Vergleichen“ nun heißt sich die größere
oder geringere Einheitlichkeit zum Bewußtsein bringen, die
die Teile dieses Ganzen als solche in ihrer Verbindung mit¬
einander haben. Daß die verglichenen Gegenstände als
diskrete Teile sich gegenüberstehen, unterscheidet die Ein¬
heitlichkeit, von der hier die Rede ist, von der Einheit der
räumlichen oder zeitlichen Figur, die sie zusammengefaßt
bilden. Das Auseinanderfallen für unser Bewußtsein der so
aufgefaßten Gegenstände, ihren Mannigfalligkeitscharakter,
nennen wir ihre Verschiedenheit, ihr Anderssein; das Sich-
zusammenfügen, ihre Einheitlichkeit ihr Ähnlichsein. Und
wenn diese Einheitlichkeit zur Einheit wird, der Schritt vom
einen zum anderen gar nichts mehr von einem Auseinander¬
gehen an sich hat, so haben wir den Fall der Gleichheit.
Freilich bleibt auch hier eine Mannigfaltigkeit vorausgesetzt:
Die verglichenen Gegenstände sollen sich ja als diskrete
Teile gegenüberstehen, sie dürfen nicht eine Einheit schlecht¬
hin bilden. Darauf beruht die Möglichkeit des Zählens,
denn Zählen heißt den bestimmten Mannigfaltigkeitscharakter
eines aus gleichen (d. h. als gleich erkannten oder aufgefaßten)
Teilen bestehenden Ganzen (diese Mannigfaltigkeit, die noch
übrig bleibt, wenn alle andere Mannigfaltigkeit für uns auf¬
gehoben ist) sich zum Bewußtsein bringen.
Wir können aber diese Bestimmung zugleich benutzen,
um den Begriff der Gleichheit noch anders, als es oben ge¬
schah, zu definieren. Wir haben dann das Bewußtsein, eine
Mehrheit „gleicher“ Gegenstände vor uns zu haben,
wenn die einzige Mannigfaltigkeit, die sie noch zu einer
„Mehrheit“ von Gegenständen für unser Bewußtsein macht,
in ihrem Dasein als abgegrenzter Einheiten
besteht. Oder, w r as dasselbe besagt: Zwei Gegenstände sind
gleich, wenn sie zu e i n e m Gegenstand schlechthin werden,
wenn wir diese Abgrenzung auf heben. Nun
kennen wir außer der qualitativen Verschiedenheit nur eine
Form der Abgrenzung der Gegenstände voneinander: das
ist die Abgrenzung durch die raum-zeitliche Stellung. So
ergibt sich: Gleiche Gegenstände werden zu einem
Gegenstand, sobald wir die Verschiedenheit
ihrer raum-zeitlichen Stellung auf heben,
sobald wir sie raum-zeitlich zur Deckung bringen. Und
zwei raum-zeitlich verschiedene Gegenstände sind gleich,
wenn die Aufhebung ihrer raum-zeitlichen Verschieden-
198 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
heit die Aufhebung ihrer Mehrheitlichkeit überhaupt be¬
deutet.
Damit hängt ein weiteres zusammen. Wir wissen: Gegen¬
stände, die durch dasselbe Vorstellungsbild repräsentiert
werden, können raum-zeitlich in ihrer Stellung verschieden
sein, oder raum-zeitlich verschiedene Gegenstände können
durch dasselbe — in diesem Sinn allgemeine — Vorstellungs¬
bild dargestellt sein. Das können wir jetzt kurz so zusammen¬
fassen: Gleiche Gegenstände können als solche auch durch
dasselbe Vorstellungsbild repräsentiert werden und, soweit
mehrere Gegenstände durch dasselbe Vorstellungsbild reprä¬
sentiert werden, sind sie einander gleich.
Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei an dieser Stelle
noch einmal daran erinnert, daß Allgemeinheit und
Unbestimmtheit eines Vorstellungsbildes an sich
verschiedene Dinge sind, die gerade um so mehr auseinander
gehalten werden müssen, als sie in einem gewissen Zusammen¬
hang miteinander stehen können. Die Allgemeinheit eines
Vorstellungsbildes besteht darin, daß es uns nicht einen
bestimmten einzelnen, sondern von einer Reihe für sich
vorstellbarer Gegenstände den einen ebensogut wie den
anderen repräsentiert (daß wir den einen ebenso gut wie den
anderen Gegenstand dieser Reihe als den eigentlich in dem
Vorstellungsbild gemeinten bezeichnen können). Die Un¬
bestimmtheit eines Vorstellungsbildes besteht darin, daß ge¬
wisse Momente des vorgestellten Gegenstandes im Vor¬
stellungsbild nicht mit repräsentiert oder besser: nur so
repräsentiert sind, als ob sie in dem gemeinten oder dar¬
gestellten Gegenstand „unbeachtet“ wären. Ich kann an
einem vor mir stehenden Gebilde diese oder jene „Seite“
unbeachtet lassen, dann ändert sich, wie wir wissen, das
im eigentlichen Sinn unmittelbar Gegebene, es ist mir etwas
anderes gegeben, wenn auch noch „derselbe Gegenstand“ im
Sinn einer bestimmten Regriffsbildung vor mir steht (d. h.
wenn auch nach streng gültigen allgemeinen Gesetzen das
jetzt Gegebene in das früher Gegebene und umgekehrt über¬
geführt werden kann). Diese Veränderung nun kann auch
am mittelbar Gegebenen vor sich gehen, ich kann auch
an dem Gegenstand, den ich mir nur durch die Vermittlung
eines Erinnerungsbildes vergegenwärtige, bestimmte Seiten
unbeachtet lassen. Außerdem aber liegt hier das Besondere
vor, daß diese Veränderung am Vorstellungsbild auch vor
4. Das Glcichheitsurteil.
199
sich gehen kann, ohne daß wir imstande sind, sie rück¬
gängig zu machen, so daß wir uns also in vielen Fällen
einen Gegenstand n u r s o vorstellen können, wie er sich in
unmittelbarer Gegebenheit unter Nichtbeachtung bestimmter
Seiten darstellt (oder darstellen würde). Man denke etwa an
den Fall, in dem wir uns einen früher gesehenen Gegenstand
in einem anschaulichen Erinnerungsbild vorstellen, aber
etwa die Farbe oder die Form bestimmter Ausbuchtungen
seines Umrisses „vergessen“ haben, uns nicht auf sie „be¬
sinnen können“. Dann stellen wir uns diesen Gegenstand
nur vor, wie er sich unter Nichtbeachtung dieser Teile dar¬
stellen würde. Hier haben wir die „Unbestimmtheit“ des
Vorstellungsbildes. Hat nun aber so die Unbestimmtheit
mit der Allgemeinheit direkt nichts zu tun, so sieht man
doch leicht einen gewissen mittelbaren Zusammenhang. Ich
habe vor mir zwei Formen, die sich in gewissen Ausbuch¬
tungen unterscheiden, und ich lasse diese Ausbuchtungen
unbeachtet, dann ist das unmittelbar Gegebene beidemal
gleich oder ununterscheidbar. Und die beiden unmittelbar
gegebenen Gegenstände können daher durch dasselbe Er-
innerungs- oder Phantasiebild repräsentiert werden. Das
unbestimmte Vorstellungsbild hat danach eine größere All¬
gemeinheit. Aber man beachte genau inwiefern: wenn ich
mich vorstellend auf eine gefärbte Form beziehe und dabei
im Vorstellungsbild die Farbe unbeachtet bleibt, so reprä¬
sentiert mir dies Vorstellungsbild nicht etwa sowohl die
blauen, wie die weißen, roten usw. Formen dieser Art,
sondern es repräsentiert mir genau gesprochen weder die
einen noch die anderen, sondern das, was mir unmittelbar
gegeben ist, wenn ich eine rote oder blaue usw. Form vor
mir habe, aber in allen diesen Fällen auf die Farbe eben
nicht achte.
Aus den beiden Sätzen: Gleiche Gegenstände können als
solche durch dasselbe Vorstellungsbild repräsentiert werden,
und soweit mehrere Gegenstände durch dasselbe Vorstellungs¬
bild repräsentiert werden, sind sie einander gleich, ergibt sich
ein wichtiges Prinzip der Gleichheitserkenntnis, nämlich das
Prinzip, daß, wenn zwei Gegenstände einem dritten gleich
sind, sie auch unter einander gleich sein müssen. Ist a = b,
so läßt sich b als durch das Vorstellungsbild a „gemeint“
ansehen, das a darstellt; ist b = c, so muß sich auch c durch
dasselbe Vorstellungsbild wie b, also durch a repräsentieren
200 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
lassen, sind aber a und c durch dasselbe Vorstellungsbild
repräsentiert, so müssen sie auch gleich sein.
Wie die Gesetze, aus denen es oben abgeleitet wurde, so
gründet daher auch dies Prinzip im „Wesen“ der Gleich¬
heit, d. h. es ergibt sich, sobald wir uns vergegenwärtigen,
was es überhaupt heißt, zwei Gegenstände als „gleich“ zu
erkennen. Denn das war der Ausgangspunkt der ganzen
Überlegung, aus der sich zum Schluß das obige Prinzip
ergab. Es ergibt sich aus dem Wesen der Gleichheit, so¬
wie sich früher der Satz der Identität aus dem Wesen der
Wahrheit ergab.
Das Prinzip enthält nun eine scheinbare Schwierigkeit:
es verwickelt uns in Widersprüche mit der Erfahrung. Welche
Widersprüche ich meine, weiß jeder, wenn ich an das Weber-
Fechnersche Gesetz erinnere. Aber solche Widersprüche
sind uns bereits bekannt, denn sie kommen auch in anderer,
gewissermaßen elementarerer Form vor: ich erkenne zwei
Gegenstände, die in unmittelbarer Gegebenheit vor mir
stehen, als gleich, und ich entdecke an denselben Ge¬
gebenheiten aus der Erinnerung Verschiedenheiten oder um¬
gekehrt. Daß hier ein Widerspruch für uns entsteht,
beruht darauf, daß das Gegebensein eines Gleichheits-
phänomens für uns „Grund“ ist für ein Gleichheits-
urteil, ein Faktum, das selbst wieder aus dem Wesen
der Gleichheit sich ergibt. Wir wissen auch, wie wir uns
aus logischen Gründen allein verhalten können, wenn
in dieser Weise zwei Gleichheitsphänomene uns zu wider¬
sprechenden Gleichheitsurteilen führen: Eines oder beide
Gleichheitsurteile müssen falsch sein, und das heißt genauer:
Das Gleichheitsphänomen baute sich gar nicht auf d i e
zwei Gegenstände auf, auf die sich dann unser Gleichheils¬
urteil bezog. Ich hatte die zwei Gegenstände a und b y ich
beurteilte sie als gleich, aber dies Urteil war falsch, denn
sie waren nur gleich, wenn man bei a ein Moment unbeachtet
ließ, also nicht a und b , an die ich mich nachher erinnere,
sondern a' und b waren gleich. Genau so nun werden wir
uns verhalten, wenn uns auf Grund eines Schlusses nach
der Form „a = b, b = c, also a = c“ ein Widerspruch
begegnet. Genauer betrachtet liegen uns hier freilich noch
mehrere Möglichkeiten vor. Das Urteil a = b kann erstens
deshalb falsch sein, weil uns gar nicht „a“ und „6“ gegeben
war, sondern nur dieselben realen Gegenstände vorhanden
4. Das Gleichheitsurteil.
201
waren, die uns sonsl in den Inhalten a und b zu erscheinen
pflegen (dieselben realen, z. B. auch physiologischen Bedin¬
gungen, die sonst ein a und b erwarten lassen): man denke
als Beispiel an die physiologische oder psychophysische Deu¬
tung des Weberschen Gesetzes. Zweitens kann der Fall
liegen, wie er vorhin gefaßt wurde: Die gegebenen Inhalte
sind gleich, aber nur solange sie unter unwillkürlicher
Nichtbeachtung eines Teilmomentes aufgefaßt werden (wie
im vorigen Fall ist auch hier der gegebene und verglichene
Inhalt ein anderer, als der beurteilte und deshalb das Urteil
falsch; der Unterschied vom vorigen Fall liegt nur darin,
daß der „Fehler“ an unserem Beachten liegt). Endlich
drittens: Die als gleich beurteilten, nachträglich als ver¬
schieden erkannten Gegenstände a und b waren tatsächlich
gegeben im Moment des Vergleichs, aber der Vergleich wurde
falsch, weil mit ihnen zugleich noch andere Gegenstände
gegeben waren, die unwillkürlich mit in das „Fundament“
des Gleichheitsphänomens eingingen. Die beurteilten Gegen¬
stände w'aren gegeben im Moment des Vergleichs, aber nicht
sie waren die eigentlich verglichenen. Zum Beispiel kann
ich auf die Theorie der geometrisch-optischen Täuschungen
als psychologisch bedingter Urteilstäuschungen 1 und auf
gewisse Formen der psychologischen Deutung des Weber¬
schen Gesetzes 2 verweisen. In praxi wird freilich die Er¬
klärung der Täuschung oder des Irrtums 3 im Gleichheits¬
urteil nach dem zweiten und dritten Schema schwerlich
scharf auseinander zu halten sein.
Wie weit wir nun ein solches als falsch zunächst er¬
schlossenes Urteil nachträglich rektifizieren, d. h. in einem
neuen Vergleich derselben Gegenstände zu einem richtigen
1 Etwa im Sinne der Schumannschen Theorie; s. auch den An¬
hang am Schluß des Kapitels.
2 Etwa im Lippsschen, nicht im Wundtschen Sinne.
3 Ich kann es nicht für sinnvoll halten, wie es gelegentlich ge¬
schieht, zwischen „Täuschung“ und „Irrtum" scharf zu scheiden.
Von „Täuschung“ reden wir, scheint mir, einfach da, wo ein be¬
stimmter Wahrnehmungsgegenstand einen bestimmten
Irrtum allgemein nahe legt; wo, können wir direkt sagen, der Irr¬
tum durch den Wahmehmungsinhalt wesentlich bedingt ist, so daß
jeder in ihn verfällt, der diese Wahrnehmung macht. Daher wir
auch von einem aktiven Täuschenwollen reden, das eben in der
aktiven Darbietung täuschender Wahrnehmungen besteht.
202 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
Urteil kommen können, das steht dahin. Es ist in einer Reihe
von Fällen möglich, in anderen nicht. Es ist möglich z. B.
bei den geometrisch-optischen Täuschungen, bei denen das
scharfe beachtende Herausheben der zu vergleichenden
Gegenstände die Täuschung zum Verschwinden bringen kann.
Es ist nicht möglich in Fällen des Weberschen Gesetzes, also
z. B. wenn wir untermerklich verschiedene Empfindungs-
intensitäten als gleich erleben. In solchen Fällen müssen
wir uns an der bloßen Behauptung genügen lassen, das
Vergleichsurteil sei falsch, die als gleich erlebten Gegenstände
seien verschieden, ohne doch diese Behauptung durch die
direkte Erfahrung verifizieren zu können.
5. Zählen und Zahlurteile.
Wie die Begriffe der Gleichheit, Verschiedenheit, Ähnlich¬
keit, so gehen auch die der „Zweiheit“, „Dreiheit“ usw.
letzten Endes auf bestimmte Tatbestände zurück, die wir
uns zur unmittelbaren Gegebenheit bringen können. Wenn
wir einmal von zwei und ein anderes Mal von drei Punkten
vor uns reden, so ist das unmittelbar Gegebene, auf das wir
dabei hinblicken, ein bestimmt Verschiedenes, das wir als
solches direkt zu erfassen und damit die Worte Zweiheit,
Dreiheit mit Sinn zu erfüllen imstande sind. Freilich er¬
fassen wir diese Gebilde nur, indem wir sie in bestimmter
Weise, nämlich zählend betrachten, so wie wir uns ein
Glcichheits- und Verschiedenheitsphänomen nur durch ein
„Vergleichen“ zur Gegebenheit bringen können. Zählen aber
heißt, wie wir aus dem vorigen Paragraphen wissen, ein
Gebilde auffassen als ein aus diskreten und gleichen Teilen
bestehendes Ganzes und sich den Mannigfaltigkeitscharakter
zum Bewußtsein bringen, den dies Ganze als solches für uns
hat. Eben dieser Mannigfaltigkeitscharakter ist es, den
wir meinen, wenn wir von zwei, drei Gegenständen usw r .
reden.
Nun ist wie das Vergleichen, so auch das Zählen eine
Funktion, die wir ebenso gut dem nur vorgestellten wie dem
wahrgenommenen, dem mittelbar wie dem unmittelbar ge¬
gebenen Gegenstand gegenüber üben können. Wir können,
Treue des Erinnerungsbildes vorausgesetzt, die Teile eines
Ganzen aus der Erinnerung zählen oder durch Vermittlung
der Phantasie die Anzahl von Gegenständen bestimmter Art
5. Zählen und Zahlurteilc.
203
festsleilen, aus denen sich ein zukünftiges Gebilde, das wir
uns exakt vorzustellen vermögen, zusammensetzt. Daher
ist ebenso wie das „Gleichheits phänomen" Grund eines
Gleichheits Urteils, so auch das ,,Anzahlphänomen“
Grund eines entsprechenden Urteils. Oder so wie sich das
Gleichheitsphänomen, das wir zwei Gegenständen gegenüber
erleben, sofort zu dem Urteil erweitert, diese zwei Gegen¬
stände „seien“ gleich, das Gleichheitsphänomen gehöre ihnen
zu und werde immer wieder erlebt werden, wenn wir die¬
selben zwei Gegenstände vergleichen, so gründet sich auf
das Bewußtsein des „Anzahlcharakters“ eines Ganzen sofort
das allgemeine Urteil, dieses Ganze bestehe aus zwei,
drei usw. Teilen, es werde jedes Zählen derselben Gegen¬
stände immer wieder dasselbe Resultat zutage fördern. Wie
die Gleichheit und Ähnlichkeit eine Eigenschaft für uns wird,
die wir den verglichenen, so wird die „Anzahl“ eine Eigen¬
schaft, die wir den gezählten Gegenständen urteilend bei¬
legen. Wenn dieses Urteil bzw. die in ihm steckende Er¬
wartung, daß das Zählen derselben Gegenstände immer
wieder zu demselben Resultat führt, sich in einem Fall ent¬
täuscht, so werden wir uns ebenso verhalten, wie im Fall
eines Widerspruchs zwischen Gleichheitsurlcilen: eines der
beiden sich widersprechenden Anzahlurteile ist falsch, ent¬
weder weil gar nicht dieselben Gegenstände gezählt wurden,
oder weil beim Zählen selbst ein „Fehler“ mit unterge¬
laufen ist.
Aus dem im Wesen des „Zählens“ und des „Anzahl¬
charakters“ eines Ganzen gründenden Satz, daß dieser An¬
zahlcharakter ein mit dem gezählten Gegenstand eindeutig
bestimmter Tatbestand ist, oder daß das Zählen desselben
Gegenstandes immer zu demselben Resultat führen muß,
ergeben sich sofort die Grundprinzipien der Arithmetik. Ein
„Zählen“ derselben Reihe von Gegenständen muß zu dem¬
selben Resultat führen, gleichgültig also auch, w i e das
Zählen vor sich geht, gleichgültig insbesondere, ob ich die
Reihe dabei simultan erfasse oder sukzessiv durchlaufe, ob
ich mir das Ganze als sukzessives oder simultanes Ganzes
zum Bewußtsein bringe, ob ich die „Einheiten“, d. h. die
einheitlich gegeneinander abgegrenzten diskreten Teile des
Ganzen sukzessiv zu einander hinzutue oder mit einem Blick
zugleich erfasse: 1+14-1=3 — 3 Gegenstände sind
3 Gegenstände, gleichgültig, ob ich sie in der Weise des
204 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
1+1 + 1, nämlich sukzessiv, oder in der Weise des „3“,
d. h. in simultaner Umspannung und Erfassung des Mannig¬
faltigkeitscharakters zähle. Man sieht, die Zahlformel
1 + 1 + 1 = 3 ist keine Definition des Begriffes „Drei“, wie
man gelegentlich gemeint hat, sondern ein synthetischer Satz,
der darauf beruht, daß es für unser Bewußtsein sukzessive
und simultane Einheiten oder Ganze gibt und behauptet,
daß der bestimmte Anzahlcharakter eines simultanen Ganzen
sich wiederfinden muß, wenn wir dasselbe Ganze suk¬
zessiv entstehen lassen.
Ferner: das Ergebnis des Zählens ist unabhängig von der
Art, wie wir es zählend feststellen. Der Mannigfaltigkeits¬
charakter eines „zählbaren Ganzen“ (d. h. eines aus be¬
stimmten diskreten und gleichen Teilen bestehenden Ganzen)
ist der gleiche, gleichgültig, ob wir beim sukzessiven Durch¬
laufen am einen oder anderen Ende anfangen: Die Summe
ist unabhängig von der Reihenfolge der Summenden —
a + b = b + a. Der Mannigfaltigkeitscharakter bleibt auch
derselbe, gleichgültig, ob wir die Teile des Ganzen zum Teil
sukzessiv, zum Teil simultan erfassen und zählen: 1 + 1 + 1
= (1 + 1)+ 1= 2 + 1 usw.
Um den Charakter dieser Sätze sich deutlich zu machen,
muß man folgendes berücksichtigen: Erstens: Ihre Geltung
ist nicht etwa rein auf logischem Wege begründbar, ihr
Nichtgelten würde keinen logischen Widerspruch involvieren.
Es wäre also denkbar (d. h. der Gedanke ohne logischen
Widerspruch vollziehbar — vgl. S. 168), daß der Mannig¬
faltigkeitscharakter eines sukzessiven, aus gleichen diskreten
Teilen zusammengesetzten Ganzen ein anderer wäre je nach
der Richtung des Zählens. Oder: es sind „Mannigfaltigkeiten“
denkbar, die einen bestimmten Mannigfaltigkeitscharakter,
aber nur in bestimmter Richtung, besitzen, der etwa einem
anderen bestimmten Mannigfaltigkeitscharakter in entgegen¬
gesetzter Richtung entspricht. Unsere Anzahlen lassen sich
dann als einen spezielleren Fall dieser nur in einem all¬
gemeineren Sinn zählbaren Ganzen betrachten. Aber diese
„Mannigfaltigkeiten“ sind nur denkbar, nicht vor-
s t e 11 b a r , d. h. wir können uns nurdas Vollziehen
dieserZähloperationen an einem Gebilde,
nicht das Gebilde selbst vorstellen, an
dem das Zählen zu einem solchen Resultat
führen würde oder endlich, was wiederum dasselbe
5. Zählen und Zahlurteile.
205
besagt: wir können uns diese Zähloperation cn
vorstellen und logisch entwickeln, wie sich die Resul¬
tate unserer Rechnungen verändern müssen, wenn die Ge¬
setzmäßigkeit der Anzahl sich in dieser Weise verändert;
wir können sie aber nicht an irgendwelchen vorgestellten
Gegenständen vollziehen. Sondern wenn wir uns ein
zählbares Gebilde überhaupt vorstellen und an ihm die
Zähloperation vollziehen, so finden wir, daß wir uns
dieses — und damit zugleich jedes zählbare Gebilde, das
durch den vorgestellten Inhalt repräsentiert ist — in seinem
bestimmten Mannigfaltigkeitscharakter in der einen wie in
der anderen Richtung zum Bewußtsein bringen können, daß
also der „synthetische Satz a pr. d. Ansch.“ gilt, daß das
Resultat von der Richtung des Zählens unabhängig ist.
Diese ganzen Ausführungen aber bedürfen nun noch
einer wichtigen Ergänzung, die zugleich in gewisser Hinsicht
eine Einschränkung ist.
Jedes zählbare Ganze können wir in seinem bestimmten
Mannigfaltigkeit»- oder Anzahlcharakter zum Bewußtsein
bringen, indem wir es in ein sukzessives Ganzes auflösen,
also die „Einheiten“, d. h. die gleichen diskreten Teile, aus
denen es besteht, sukzessiv zu einander hinzutun. Jede be¬
stimmte „Anzahl“ läßt sich gewinnen durch das Zusammen¬
fügen von Einheiten, und jedes Zusammenfügen von „Ein¬
heiten“, d. h. von gleichen diskreten Gegenständen ergibt
ein Ganzes von bestimmtem Anzahlcharakter. Fügen wir
zu einem solchen Ganzen ein weiteres „Glied“ hinzu, so
entsteht daher ein Ganzes von neuem, vom vorigen ver¬
schiedenen Anzahlcharakter, den wir nun als den „nächst¬
höheren“ Anzahlcharakter bezeichnen — ein Begriff, der
durch diese Operation seine Definition findet. Mit Rücksicht
darauf können wir uns die abstrakt gedachten Anzahl¬
charaktere in eine Reihe angeordnet denken, in der jedes
Glied aus dem vorangehenden durch Hinzufügung einer
Einheit entsteht und als Grundlage oder Ausgangspunkt
für die Gewinnung einer neuen Anzahl gewannen werden
kann.
Aber diese Operation stößt nun sehr bald auf gewisse
natürliche Grenzen. „Zählen“ hieß für uns zunächst: sich
den Mannigfaltigkeitscharakter oder Anzahlcharakter eines
zählbaren (d. h. aus gleichen diskreten „Teilen“ zusammen¬
gesetzten) Ganzen zum Bewußtsein bringen. Nun ist das
206 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
ohne weiteres möglich, wenn es sich um zwei, drei oder
vier Gegenstände handelt. Dagegen haben 250 Gegenstände
für uns nicht mehr einen bestimmten Mannigfaltigkeits¬
charakter, der sie von 240 oder 260 Gegenständen in der
gleichen Weise unmittelbar unterscheidbar machte, wie für
unser Bewußtsein drei von zwei und von vier Gegenständen
unterschieden sind. Fügt man also in der Weise, wie es vor¬
hin gedacht war, zu einem zählbaren Ganzen immer weitere
Glieder hinzu, so kommt sehr bald der Moment, wo durch
die Zufügung eines weiteren Gliedes für unser Bewußtsein
kein neuer bestimmter Anzahlcharakter entsteht, wo, können
wir dafür sagen, die betreffenden Gegenstände für unser
Bewußtsein einfach unbestimmt „viele“ werden. Und man
sieht zugleich, woran das liegt. Damit wir zählen können,
muß das Ganze, dessen Teile wir zählen wollen, in bestimmter
Weise für uns da sein: wir müssen diese Teile als d i s k r e t e
und gleiche Gegenstände und zugleich als Teile
eines Ganzen uns zum Bewußtsein bringen. Das ist
nicht mehr möglich, wenn die Anzahl der zusammenge¬
stellten Gegenstände eine gewisse (individuell verschiedene
und nicht streng feststellbare) Grenze überschreitet. Wollen
wir 250 Gegenstände mit einem Blick überschauen, in einem
simultanen Wahrnehmungsbild uns zum Bewußtsein bringen,
so sind die einzelnen Glieder nicht mehr gleichmäßig abge¬
grenzt nebeneinander, sie bilden ein „qualitatives“ Ganzes,
kein zählbares Ganzes mehr; fügen wir sie sukzessiv zu¬
einander, so fassen wir zwar einzelne diskrete Glieder auf,
aber diese Glieder bilden kein Ganzes mehr, also auch kein
zählbares Ganzes. Allerdings können wir 250 Gegenstände
durchzählen, aber dies „Zählen“ besteht nicht in dem, was
wir bisher so nannten, sondern nur darin, daß wir jedem
Glied ein Wort aus einer eingelernten Assoziationsreihe von
Worten anfügen, indem wir zugleich bei jedem Wort darum
„wissen“, daß diesem schon eine bestimmte Reihe anderer
Worte voraufgegangen sind, die wir jeden Moment repro¬
duzieren können, wenn wir wollen.
Nun sprechen wir doch aber von solchen höheren
Zahlen, wir betrachten solche Summen als zählbar —
welchen Sinn hat diese Ausdrucksweise? Offenbar liegt hier
eine Erweiterung des bisher besprochenen Anzahlbegriffs vor.
Diese Erweiterung beruht darauf, daß wir eine gezählte
Summe von Gegenständen in ein Ganzes, eine Einheit zu-
5. Zählen und Znhlurteile.
207
sammenfassen und dann diese Einheit wiederum mit anderen
gleichartigen Einheiten zusammenzählen können. „Hundert“
Gegenstände sind eigentlich zehn Gegenstände, nur zehn
Gegenstände bestimmterer Art, 100 Gegenstände a sind
10 Gegenstände a\ nämlich 10 Ganze, von denen wir
wissen, daß jedes von ihnen unter bestimmten Be¬
dingungen sich in bestimmter Form uns darstellen, nämlich
als zählbares Ganzes aufgefaßt sich in 10 a auflösen wird.
Hundert Erbsen sind 10 Haufen, von deren jedem wir wissen,
daß er aus 10 Erbsen besteht. Dieses „Wissen“ selbst ist
empirischer Natur, ein Wissen aus Erfahrung, das die Gültig¬
keit der Erfahrungsprinzipien voraussetzt, im besonderen die
Konstanz der gezählten Dinge voraussetzt — würden wir
nicht voraussetzen dürfen, daß jetzt gezählte und in eine
Schachtel getane 10 Dinge sich in der gleichen Anzahl wieder
präsentieren, wenn wir die Schachtel wieder öffnen, so würden
wir nie dazu kommen, von „100“ Gegenständen überhaupt
zu reden. (Die Behauptung: Diese gezählten und jetzt in
einer Schachtel verborgenen Dinge „sind“ 10 darf natür¬
lich nicht mit der anderen, nicht von empirischen Voraus¬
setzungen abhängigen: diese vorher in der Wahrnehmung ver¬
glichenen und jetzt wieder vorgestellten Inhalte „seien“ 10
verwechselt werden — vgl. hierzu die entsprechende Unter¬
scheidung S. 183.) Um es kurz zu sagen: Es gibt keine
„Hundertheit“ als unmittelbargegebenen Anzahl¬
charakter, so wie eine blaue Farbe, ein Ton, wie die
Anzahlcharaktere „Dreiheit“ und „Zwei¬
heit“ unmittelbar gegebene Tatbestände
sind, sondern der Begriff der Hundert ruht auf einer kom¬
plizierteren Begriffsbildung, auf einem Zählen mit neuen, in
bestimmter Weise gebildeten Einheiten.
Diese Begriffsbildung nun können wir in gleicher Rich¬
tung beliebig fortsetzen; da sich ja gleiche Gegenstände
immer wieder zu einer Summe, einem zählbaren Ganzen
zusammenfassen lassen, können wir auch 10 Gegenstände,
von deren jedem wir wissen oder annehmen, daß er aus je
100 Gebilden der gleichen Art zusammengesetzt ist, zählend
zusammenfassen usf. Es entsteht also eine beliebig weit
fortsetzbare, d. h. eine unendliche Reihe. Erst damit
ist zugleich jedes Gebilde der Form 1 +1 + 1 ... in endlicher,
aber beliebiger Fortsetzung ein Beispiel einer bestimmten
„Anzahl“ von Gegenständen, vorausgesetzt nämlich, daß
208 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
wir die Teile desselben in bestimmter Weise in unmittelbar
oder direkt zählbare Ganze zusammenfassen. Weiterhin ist
klar, daß wir die Gesetze, die wir an den unmittelbar ge¬
gebenen Anzahlen direkt abzulesen und zu bewahrheiten
imstande sind, ohne weiteres auf die höheren Zahlen über¬
tragen können, denn diese höheren Zahlen sind ja nichts
anderes, als die niederen Zahlen, nur mit anderer „Be¬
nennung“.
Erst wenn man den hier entwickelten und begründeten
Begriff der Zahl zugrunde legt, also die Zahlen durch die
ins Unendliche fortsetzbare gedachte Reihe 1 -f- 1 + 1 + 1 ..
definiert, ist es auch möglich und sinnvoll, das Prinzip der
sogenannten mathematischen „Induktion“ als Beweisprinzip
der arithmetischen Sätze anzuwenden: Das Prinzip, daß was
für n Zahlen sich beweisen läßt, auch für n + 1 gilt. Mit
anderen Worten: beweiskräftig wird dies Prinzip erst, wenn
wir wissen, daß die sog. höheren Zahlen keine anderen Eigen¬
schaften haben, als eine willkürlich beschränkte Anzahl
niederer Zahlen, die wir direkt zu untersuchen imstande sind,
oder wenn wir eine Definition der Zahl vorausschicken,
die eben dies zum Ausdruck bringt. Diese Definition bedarf
dann natürlich einer Rechtfertigung, d. h. es muß gezeigt
werden, daß das, was wir sonst mit den Zahlworten be¬
zeichnen, dieser Definition entspricht. Die mathematische
Induktion ist also nicht, wie es bei Poincare etwa erscheint,
ein besonderes, der Mathematik eigentümliches und nicht
weiter logisch begründbares oder zurückführbares Erkenntnis¬
prinzip.
Indessen ist das bisher Ausgeführte noch in einem Punkte
unrichtig oder unvollständig.
Wenn ich von einem Ganzen vor mir sage, es bestehe
aus „drei“ Strichen von bestimmter Länge, so sage ich da¬
mit von ihm aus, daß, wenn ich es in bestimmter Weise
als zählbares Ganzes auffasse (d. h. jene Striche als diskrete
Teile eines Ganzen mir zum Bewußtsein bringe), dieses
Ganze den bestimmten Mannigfaltigkeitscharakter der „Drei¬
heit“ hat. Beurteile ich es dagegen als ein Ganzes aus
„20“ Strichen, so ist in dieser Bezeichnung nicht ein Hin¬
weis auf einen bestimmten Mannigfaltigkeitscharakter der
„Zwanzigheit“ enthalten, den ich mir unter entsprechenden
Bedingungen zum Bewußtsein bringen könnte, oder wenn
man den Satz so verstehen will, so ist dieser Anzahlcharakter
5. Zählen und Zahlurteile.
209
fingiert. Die Bezeichnung bedeutet vielmehr nach
unserer bisherigen Interpretation: wenn ich noch weiter
diese Teile in Gruppen von je 10 zusammenfasse, erhalte
ich ein Ganzes von dem bestimmten Anzahlcharakter der
Zweiheit. Nun ist es aber bis zu einem gewissen Grade
willkürlich, 20 gerade als 2 x 10 zu „definieren“, wie es hier
geschieht, man könnte es ebenso gut als 2mal 8 + 4, als
4mal 5 usw. auffassen. Warum soll der Satz, es seien hier
„20“ Striche vorhanden, gerade die vorhin angegebene und
nicht vielmehr die Bedeutung haben: wenn ich diese Teile
in Gruppen zu je 5 zusammenordne, erhalte ich ein Ganzes
von „4“ solchen Teilen?
Nun ist freilich klar, daß, wenn ich mir zweimal 10 Gegen¬
stände vergegenwärtige, d. h. genauer: wenn ich mir zuerst
ein Ganzes aus 10 Teilen als solches vergegenwärtige und
dann die Gesetzmäßigkeiten, die sich mir hier ergeben,
festhaltend, zu einem Ganzen aus zwei Teilen übergehe,
von deren jedem das gelten soll, was sich vorher ergeben
hatte — ich zugleich allgemein erkennen kann, daß diese
2mal 10 zugleich 4mal 5 usw. Gegenstände sind. Aber
ebenso können wir auch, wenn wir uns 4mal 5 Gegenstände
vergegenwärtigen, ableiten, daß sie zugleich 2mal 10 Gegen¬
stände der gleichen Art sein müssen. Das Ergebnis dieser
Überlegung können wir kurz so formulieren: Der Ausdruck
„3“ Gegenstände bestimmter Art weist hin auf ein Ganzes
aus bestimmten Teilen, das einfach gezählt den Mannig¬
faltigkeitscharakter der Dreiheit zeigt; vergegenwärtigen
wir uns ein solches Gebilde, so erkennen wir weiter allge¬
mein an ihm, daß wir seine Teile in bestimmter Weise in
Gruppen fassen können, und wenn wir dies tun, es sich
zugleich als „2 -f- 1“, als „1 +2“ usw. unserem Bewußtsein
darstellt. Der Ausdruck „20“ Gegenstände w r eist hin auf
ein Ganzes, das einfach gezählt nicht mehr in bestimmtem
Mannigfaltigkeitscharakter in unmittelbarer Gegebenheit
sich präsentieren kann, für das dagegen eine Reihe von
Gesetzen zusammen gelten des Inhalts, daß wenn wir
jene Teile in bestimmter Weise in Gruppen fassen, ver¬
schiedene Ganze von bestimmtem Mannigfaltigkeitscharakter
resultieren.
Wenn wir nun allgemein 20 eher als 2x10 wie als 4x5,
21 eher als 2 x 10-1-1 wie als 3 x 7 zu definieren pflegen,
so liegt das offenbar an der überkommenen Bezeichnungs-
W A st er, Philosophie. 14
210 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
weise der Zahlen, bei der wir noch einen Augenblick ver¬
weilen müssen.
Das gewöhnlich sogenannte Zählen besteht darin, daß
wir jedes Glied einer Reihe von Gegenständen mit einem
Wort aus einer auswendig gelernten Reihe von Worten
belegen, die selbst — die Reihe der Zahlwörter — eine zähl¬
bare Reihe ist, und nicht nur das, sondern eine Reihe, die
wir auch gezählt haben und bei deren jedem Glied wir
wissen, wieviel Glieder ihm schon voraufgegangen sind
(die vollständige Reproduktion vorausgesetzt). Da die Zahl
der genannten Gegenstände mit der der nennenden Worte
übereinstimmen muß, überträgt sich dies „Wissen“ sofort
auf die durchgezählte Reihe von Gegenständen. Diese
Reihe aber ist in bestimmter Weise eingeteilt, sofern wir nur
bis zu einem bestimmten Glied zählen, dann die gezählten
Glieder zu einem Ganzen zusammenfassen, das wir nun als
neue Einheit setzen, bis wir wiederum beim Zählen dieser
neuen Einheiten bei jenem bestimmten Glied — der will¬
kürlichangenommenen „Grundzahl“ unseres „Zahlensystems“
— angekommen sind. Daß wir eine feste Grundzahl
wählen (an und für sich könnten wir ja auch eine Anzahl
von Gegenständen zählen, indem wir sie als zwei Dreiheiten,
jede zu 4 Gruppen von je 2 Gegenständen usf. kennzeichnen),
hat vor allem den Vorteil, daß jeder Einzelne das Zählen
beliebig mit einer Form fortsetzen kann, von der er über¬
zeugt sein darf, daß sie allgemeingültig ist.
Will man eine Definition der (ganzen und positiven)
Kardinalzahlen, so können wir sagen: „Die Zahl a“ ist der
allgemeine Begriff zu einer bestimmten Eigenschaft eines
zählbaren (d. h. aus diskreten und gleichen bestimmten
Teilen bestehenden) Ganzen, nämlich der Eigenschaft, ver¬
möge deren dies Ganze direkt „gezählt“ — soweit das
möglich ist — in einem bestimmten Mannigfaltigkeits¬
charakter gegeben erscheint und ferner, bei Zusammenfassung
der Teile in bestimmte Gruppen, sich wiederum in ganz
bestimmten Mannigfaltigkeitscharakteren darstellt. Die Mehr¬
heit dieser Bestimmungen findet ihren Ausdruck darin, daß
jede Zahl mit anderen Zahlen in bestimmten, ausdriickbaren
Beziehungen steht. Mit der Kardinalzahl zugleich ent¬
steht die Ordinalzahl, die nichts weiter bezeichnet, als das
letzte, abschließende Glied eines solchen zählbaren Ganzen,
sofern wir dasselbe sukzessiv auffassen. Wenn wir eine
5. Zählen und Zahlurteilc.
211
Reihe von Gegenständen, wie es vorhin beschrieben wurde,
in Worten zählen, so ist jedes Zahlwort die Kardinalzahl,
unter die die gesamten bisher gezählten Gegenstände ihrem
Anzahlcharakter nach fallen, und zugleich die Ordinalzahl
des zuletzt gezählten Gliedes.
Die höheren Zahlen stellen in gewissem Sinn bereits eine
Erweiterung des Zahlbegriffes dar oder können wenigstens
als eine solche betrachtet werden. Es liegt das besonders
in dem vorhin gebrauchten Ausdruck, diese Zahlworte be-
zeichneten „fingierte“ Mannigfaltigkeitscharaktere. Solche
Erweiterungen des Zahlbegriffes kennen wir nun auch sonst —
in den negativen, den echt gebrochenen, den Irrationalzahlen,
den imaginären Größen, und sie lassen sich unter demselben
Gesichtspunkt betrachten.
Fassen wir das bezüglich der höheren ganzen Zahlen
Gesagte noch einmal in etwas anderer Weise, so können wir
sagen: Die Gleichung 1 + 1 + 1+ ..= 21 enthält zunächst
eine unlösbare Aufgabe, denn die Aufgabe, 21 dis¬
krete Teile in ein zählbares Ganzes zusammenzufassen von
bestimmtem Mannigfaltigkeitscharakter, ist unlösbar. Wohl
aber ist die Aufgabe lösbar, deren Lösung die Gleichung:
1 + 1 + 1 . .. =
7~
= 3 zum Ausdruck bringt, denn wir
können die 21 Gegenstände in Gruppen von je 7 zerteilen
(„21 durch 7 dividieren“) und erhalten dann ein Ganzes
von bestimmtem Mannigfaltigkeitscharakter.
Zu der Gleichung 1 + 1 + 1 .. = 21 kommen wir durch
das Hinzufügen von neuen Einheiten zu bestimmten Ganzen,
das innerhalb gewisser Grenzen stets zu neuen Anzahl¬
charakteren führt. Nun entspricht dem Hinzutun das Fort¬
nehmen von Einheiten und dem Satz, daß aus jeder be¬
stimmten Zahl durch Addition einer Einheit eine neue Zahl
hervorgeht, und dem daraus ableitbaren, daß jede Zahl zu
jeder anderen Zahl addierbar ist (d. h. zu ihr hinzuaddiert
eine neue Zahl ergibt), der andere Satz, daß durch Sub¬
traktion einer Einheit stets eine neue Zahl entsteht und
daß Zahlen voneinander subtrahierbar sind. Aber dieser
Satz führt nun, wenn wir ihn als allgemeingültig betrachten,
gleichfalls auf unlösbare Aufgaben: 4—6 oder 0—2 sind
solche unlösbaren Aufgaben. Aber hier liegt es ebenso wie
vorher. Wie „21“ für sich keinen vorstellbaren Mannig¬
faltigkeitscharakterbezeichnet, wohl aber 21:7 oder (21—1): 10
14*
2 12 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis-
zu einem solchen führt, so ist auch — 2 oder 4 — 6 kein
vorst. Mf., wohl aber 5 4- (— 2) oder 10 + (4 — 6). Ebenso
2
ist jr für sich eine unlösbare Aufgabe, denn wir können nicht
zwei Gegenstände in Gruppen zu je 5 anordnen und Zusehen,
wie viel solcher Gruppen wir erhalten, wohl aber führt der
Ausdruck 10 x % auf ein zählbares Ganzes mit vorstell¬
barem Mannigfaltigkeitscharakter.
Höhere Zahlen, negative, gebrochene usw. Zahlen sind
keine vorstellbaren Mannigfaltigkeitscharaktere, aber sie
sind addierbare, subtrahierbare, multiplizierbare usw. Ge¬
bilde, insofern nämlich, als die an sich unlösbare Additions-
usw. Aufgabe, die zu ihnen hinführt, als Teil einer um¬
fassenderen Additions- usw. Aufgabe zu einem Ganzen mit
vorstellbarem Mannigfaltigkeitscharakter führt.
Wenigstens andeutungsweise ergibt sich aus dieser Über¬
legung, wie das ganze komplizierte Begriffssystem arith¬
metischer Gegenstände immer wieder letzten Endes zurück¬
geht und sich definiert durch die Gesetze, die an den un¬
mittelbar gegebenen „niederen“ Zahlen als synthetische
Sätze a priori der Anschauung sich feststellen lassen. „Alle
Ergebnisse der tiefsinnigsten mathematischen Forschung
müssen schließlich in jenen einfachen Formen der Eigen¬
schaften ganzer Zahlen ausdrückbar sein“ (Kronecker,
„Über den Zahlbegriff“, Journal f. Math., Bd. 101, S. 355).
Der Zw r eck und Grund der Einführung und Definierung
jener Gegenstände aber ist der, den wir überall bei der
Einführung neuer Gegenstandsbegriffe verfolgen, auch der
Begriffe der realen Gegenstände (der Dinge) und der idealen
Gegenstände (der allgemeinen Gegenstände) überhaupt: Zu¬
sammen geltende Gesetze in einen sprach¬
lichen Ausdruck zusammenzufassen. Wenn
ein Gegenstand weiß ist, ein bestimmtes spezifisches Gewicht
hat, bestimmte chemische Eigenschaften hat, so nennen wir
ihn Kreide, d. h. wir fassen die entsprechenden Erwartungs¬
urteile bezüglich eines gegebenen Inhalts in den Satz zu¬
sammen, er sei die Erscheinung eines „Stückes Kreide“,
und wenn ein zählbares Ganzes aus denselben Gegenständen
sich durch entsprechende Zusammenfassung seiner Glieder
in den Mannigfaltigkeitscharakteren 3 X 7,7 X 3,2 X 10 +1
usw. darstellt, so fassen wir diese Urteile zusammen, indem
wir das Ganze als aus 21 Gliedern bestehend bezeichnen.
5. Zählen und Zahlurteile.
213
Der Unterschied vom vorigen Fall ist nur der, daß wir auf
Grund der Vorstellung des betreffenden Gebildes streng
beweisen können, daß wenn ein Ganzes aus 7 x 3, es auch
aus 2 x 10 -|- 1 derselben Glieder besteht, während wir
nicht im gleichen Sinn beweisen können, daß diese chemischen
Eigenschaften mit diesem spez. Gewicht immer zusammen
bestehen müssen, weshalb die Zusammenfassung in dem
empirischen Begriff der Kreide immer in höherem Grade
als Willkür erscheint. Eine gewisse Willkür aber liegt auch
in den arithmetischen Begriffen, d. h. auch hier erfolgt die
Zusammenfassung und damit die Abgrenzung der arithmeti¬
schen Gegenstände gegeneinander unter Rücksicht auf das
Bedürfnis, das später, in der Besprechung der empirischen
Wissenschaft noch seine genauere Behandlung finden wird,
das Bedürfnis, bestimmte Prinzipien als grundlegende Formen
eines systematischen Ganzen zu behandeln, in das wir die
Gesetze der betreffenden Gegenstände zusammenfassen. So
entsteht der Begriff der höheren Zahlen, indem wir von dem
Satz, daß jede Zahl zu jeder anderen addierbar ist, als einem
grundlegenden ausgehen, der der negativen Zahlen, indem
wir entsprechend den anderen zugrunde legen, daß jede
Zahl von jeder anderen subtrahierbar sein muß usf.
Eine alte Frage ist die nach der „Existenz“ der negativen,
der imaginären Zahlen usf. Diese Frage beantwortet sich
nach dem Gesagten von selbst. In gewissem Sinn existiert
die Zahl 21 nicht, d. h. es gibt keine vorstellbare Lösung
der Aufgabe 1 +1 -f 1 ... = 21. Und ebenso gibt es keine
vorstellbare Lösung der Aufgabe Y— 1. Aber es „gibt“
- oder und es gibt (V— l 1 ) 4 oder es gibt (VI +
(VT — V— 1). Oder: 21 ist das Etwas, für das das Gesetz
gilt, daß es durch 7 dividiert 3, durch 3 dividiert 7 usw.
ergibt. Diese Gesetze gibt es und zwar als geltende, genauer
als zusammen geltende Gesetze.
Eine andere oft angeschnittene Frage ist die, wie sich
die Existenz der arithmetischen Gegenstände zu ihrer Mög¬
lichkeit verhält, ob sich zwischen beiden unterscheiden läßt
oder ob beides identisch ist. Wir werden darauf antworten,
daß wenn man unter der Möglichkeit die Denkbarkeit auf
Grund der widerspruchslosenVereinbarkeit
der den fraglichen mathematischen Gegenstand konstituie-
2 14 Vierleü Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
renden Urteile versteht, die betreffenden Gegenstände
mehr als bloß möglich sind, denn wir können nicht nur
zeigen, daß die betreffenden Urteile sich nicht widersprechen,
sondern daß sie gelten und notwendig zusammen gelten.
6. Zählen und Messen.
Die Zahlen dienen außer der Funktion des Zählens — der
Feststellung und Charakteristik des Mannigfaltigkeitscharak¬
ters eines zählbaren Ganzen — noch der besonderen Aufgabe
des „M essen s“. In dieser Hinsicht bedürfen sie einer
besonderen Besprechung.
Alles Messen läuft darauf hinaus, den Unterschied
zweier Gegenstände mit Hilfe einer Zahlen-
a n g a b e näher zu bestimmen. Fragen wir, ehe wir dem
Wesen, der Möglichkeit einer solchen Messung näher nach¬
gehen, w t o, d. h. welchen Gegenständen, welchen Unter¬
schieden gegenüber eine Messung tatsächlich stattfinden
kann.
Wir vergleichen zunächst eine Farbe und einen Ton, eine
Geschmackswahrnehmung und ein Gefühlserlebnis. Dann
haben wir das Bewußtsein, daß hier zwei verschiedene Tat¬
bestände vorliegen, aber diese Verschiedenheit ist offenbar
in keiner Weise „meßbar“, das Verschiedenheitsbewußtsein
kann keine genauere Bestimmung irgendwie erfahren.
Ein zweites Beispiel. Wir stellen uns wieder zuerst ver¬
gleichend auf einen Ton und eine Farbe ein, und schieben
dann einen zweiten Ton an die Stelle der Farbe. Wir haben
wieder zunächst ein einfaches Verschiedenheitsbewußtsein,
es steht „Verschiedenerlei“ vor uns. Dann aber erfährt mit
dem Wechsel der verglichenen Gegenstände auch das Ver-
schiedenheitsbew r ußtsein eine Modifikation: Wir haben nicht
mehr das Bewußtsein, daß hier „Verschiedenerlei“, sondern
daß verschiedene Töne dort vorhanden sind, d. h.
die verglichenen Gegenstände werden zunächst als Töne
erkannt und dann erst als solche unterschieden. Wenn wir
nun zwei Gegenstände als derselben Gattung zugehörig
erkennen, so ruht diese Erkenntnis, wie wir wissen, immer
auf einer Gleichheits- bzw. Ähnlichkeitserkenntnis. Von
einem solchen Ähnlichkeitsbewußtsein also, das sich zu¬
nächst aufdrängt, hebt sich gewissermaßen das Verschieden¬
heitsbewußtsein ab, wenn wir zwei Töne als zw r ei „ver-
fi. Zahlen und Messen.
215
schiedene Töne“ bezeichnen, genauer, wenn wir dasjenige
Verschiedenheitsbewußtsein erleben, dem wir in einem solchen
Urteil Ausdruck geben. Jedes Verschiedenheits- ist ja
zugleich ein Ähnlichkeitsbewußtsein, d. h. wir können
nicht zwei Gegenstände als auseinanderfallend, als eine
Mannigfaltigkeit ausmachend erleben, ohne sie zugleich als
einheitlich zu erleben und umgekehrt. Nur daß das eine
oder das andere Erlebnis gewissermaßen die Grundlage ab¬
geben kann.
So kann also ein Verschiedenheilsbewußtsein durch das
stärkere Hervortreten des in ihm liegenden Ähnlichkeits¬
oder Einheitlichkeitsbewußtseins eine besondere Nüancierung
erfahren. Dabei ist zu beachten: Wenn wir in der Weise des
Beispiels an die Stelle zweier stärker unterschiedener zwei
weniger unterschiedene Gegenstände stellen, so erleben wir
unmittelbar das Stärkerwerden der Einheitlichkeit, das
Näheraneinanderrücken der verglichenen Gegenstände, das
Geringerwerden des „Schrittes“ von einem zum anderen. Es
gibt nicht nur ein Erkennen zweier Dinge als „anders“,
sondern auch ein Erlebnis der Veränderung. Ein solches
meine ich hier. Wir erleben das Sichverändern des Ver¬
schiedenheits- bzw. Einheitlichkeitsbewußtseins, wir ver¬
gleichen nicht das Verschiedenheitsbewußtsein im einen
und das im anderen Fall und erkennen es als „anderes“.
Das Erleben des Sichveränderns des Verschiedenheits¬
bewußtseins aber führt uns zu dem Urteil, die Ver¬
schiedenheit der beiden Gegenstände selbst sei in
beiden Fällen eine verschiedene. Es wird auf dieses
eigentümliche Verhältnis gleich noch näher zurückzukommen
sein, zunächst sei ein drittes Beispiel eingeführl.
Wir hören zwei Töne gleicher Klangfarbe und Höhe, aber
verschiedener Lautheit. Wir erkennen sie als „verschiedene
Töne“. Aber wir beurteilen diese Verschiedenheit noch ge¬
nauer, indem wir den einen Ton als „lauter“, den anderen
als „leiser“ bezeichnen. Der Sinn dieser neuen Charakteri¬
sierung w'ird am deutlichsten, wenn wir noch einen oder
mehrere Töne dieser Art hinzunehmen. Solche Töne ver¬
schiedener Lautheit können wir stets in eine bestimmte Reihe
einordnen, derart, daß zwei aufeinander folgende Glieder
dieser Reihe sich immer ähnlicher sind (ihre Verschiedenheit
geringer ist), als zwei entferntere Glieder derselben Reihe.
Was das heißt, genauer wie wir dazu kommen, ein Ver-
216 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
schiedenheitsbewußtsein als sich vertiefend und vermindernd,
den Schritt vom einen zum anderen als weiter und weniger
weit zu erleben, davon war soeben die Rede. Es ist klar,
daß nicht alle, sondern nur bestimmte Gegenstände, Gegen¬
stände bestimmter Gattungen sich in eine solche Reihe ein-
ordnen lassen. Klangfarben z. B. oder Geruchsqualitäten
sind nicht in dieser Weise zu behandeln. Daraus geht auch
hervor, daß wir die so beurteilten und eingereihten Gegen¬
stände stets zuerst als „Gegenstände bestimmter Art“ werden
erkennen müssen, ehe diese Einordnung möglich ist — so¬
lange die Töne etwa nur als „Verschiedenerlei“, nicht als
„Töne verschiedenen Lautheitscharakters“ vor uns stehen,
können wir nicht das Bewußtsein gewinnen, um dessen Ana¬
lyse es sich hier handelt, daß ein „lauterer“ und „leiserer“
Ton uns gegeben ist.
Noch zwei Eigenschaften der Reihe, die ich meine, müssen
besonders hervorgehoben werden. Erstens: Denken wir die
Bestimmungen, die bisher für die Reihe gegeben wurden,
konsequent zu Ende, so folgt, daß die Verschiedenheit zweier
Glieder, die Kluft, die sie für unseren Vergleich trennt,
sich ständig erweitern muß, je mehr Glieder zwischen ihnen
liegen. Darum ist z. B. die Reihe der Farbtöne vom Gelb
über Orange zum Rot und vom Rot über Violett zum Blau
keine geschlossene Reihe derart, wie ich sie hier im Auge
habe, denn der Schritt vom Gelb zum Blau ist für unser
Bewußtsein kein weiterer, kein anderer, als der vom Gelb
zum Rot, es liegt hier kein ständig sich erweiternder Unter¬
schied vor. Wohl aber ist die Reihe vom Gelb bis zum Rot
für sich genommen und anderseits die vom Rot bis zum
Blau eine Reihe, die unseren Anforderungen entspricht, von
der ganzen Reihe Gelb—Blau über Rot dagegen können
wir sagen, daß sie in Rot einen Eckpunkt, einen Umkehr¬
punkt besitzt. Alles das sind Einsichten, die sich nur auf
Grund der unmittelbar erfaßten Ähnlichkeits¬
und Verschiedenheitsbeziehungen zwischen den Farbtönen
ergeben.
Zweitens: Wenn wir eine solche geordnete Reihe auf¬
stellen und durchlaufen, so wird sie selbstverständlich einen
Anfangs- und einen Endpunkt haben. Welchen Punkt wir
dabei zum Anfangs-, welchen wir zum Endpunkt wählen, das
ist an sich gleichgültig, es müssen sich gleiche Verschieden¬
heiten ergeben, ob ich von a zu b oder von b zu a übergehe.
6. Zählen und Messen.
217
Ferner können Ausgang und Ende gewissermaßen willkürlich
sein — d. h. ich habe das Bewußtsein, daß ich dem Gliede,
mit dem ich hier aufhöre, noch andere anfügen könnte;
— oder sie bedeuten einen wirklichen Abschluß — ein
weiteres Fortgehen würde zu Gliedern führen, die nicht mehr
die Reihe in der bestimmten gleichen Richtung fortsetzten,
der erreichte Punkt ist ein Umkehr-, ein Eckpunkt, wie uns
das Beispiel der Farbenreihe Gelb-Rot-Blau einen solchen
illustriert.
Nun kann aber das Durchlaufen einer solchen Reihe noch
in besonderer Weise stattfinden. Haben wir die Reihe abcd,
vollziehen also die Schritte a—b, b—c , c—d, so können wir
entweder jeden dieser Schritte für sich vollziehen, oder wir
können, indem wir von b zu c und von c zu d übergehen,
doch noch innerlich auf a gerichtet sein, a innerlich fest-
halten. Das soll nicht heißen, daß wir uns bewußt an a
erinnerten, indem wir von b zu c gehen, sondern daß es
in bestimmter Weise zu dem b noch hinzugehört, daß b nicht
für sich steht, sondern Stück eines sukzessiven Gan-
z e n a—b ist. Wir erleben nicht den Schritt b—c, sondern
( a—b)—c und ebenso beim nächsten Glied: ( a—b—c)—d.
Ist das der Fall, so erleben wir die Reihe als eine von a sich
weiter und weiter entfernende und jeden Schritt als einen
Schritt von a fort. Wir können aber auch d in Gedanken
festhalten und erleben dann die Reihe als eine sich auf d
zu bewegende oder sich (/nähernde Reihe von Gliedern.
In diesen Fällen nun hat die Reihe eine bestimmte Rich¬
tung gewonnen, und diese Richtung kehrt sich (denselben
festen Punkt vorausgesetzt) um, wenn wir die Glieder in
entgegengesetzter Folge durchlaufen.
Nennen wir eine solche Reihe eine Steigerungsreihe, so
können wir offenbar jede Reihe der besprochenen Art will¬
kürlich als Steigerungsreihe auffassen. So kann man z. B. die
Reihe der Tonhöhen, die ja auch hierher gehört, als eine
Reihe auffassen, innerhalb deren die „Höhe“ ständig „steigt“
— oder sich ständig „vermindert“ oder auch innerhalb
deren die „Tiefe“ „steigt“ bzw. sich „vermindert“. Zu¬
meist freilich werden wir den Begriff der Steigerungsreihe
noch enger umgrenzen: Wir werden nämlich eine solche Reihe
nur dann eine Steigerungsreihe nennen, wenn sie, in der
beschriebenen Weise aufgefaßt, auf der einen Seite zu einem
echten Endpunkt, zu einem O-Punkt führt. Daß es
218 Vierles Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Krkcnnlnis.
solche Endpunkte (Eckpunkte) der Reihe geben kann, war
vorhin schon an einem speziellen Beispiel entwickelt worden,
aber der Begriff des echten End- oder Nullpunktes bedarf
noch einer genaueren Bestimmung. Wir sprechen, so können
wir diese kurz geben, von einem solchen Nullpunkt überall
da, wo die Glieder einer in der beschriebenen Weise als
Steigerungsreihe aufgefaßten Reihe uns schließlich zu einem
bestimmten Gegenstand führen oder sich immer mehr einem
Gegenstand nähern, dem das gemeinsame Moment,
auf dem die Ähnlichkeit der Glieder der Ähnlichkeitsreihe
eigentlich beruht, fehlt. So ist in der als Steigerungsreihe
auf Grün hin aufgefaßten Reihe der gelbgrünen Farbtöne
das spektrale Gelb Nullpunkt, weil ihm das Ähnlichkeits¬
moment fehlt, das die in die Reihe eingeordneten Glieder
zu Gegenständen einer Gattung macht, innerhalb deren die
Verschiedenheit diese für die Anordnung in eine Reihe über¬
haupt notwendige Abstufung zeigt. Daß mit einem solchen
Nullpunkt die betreffende Ähnlichkeitsreihe zu Ende sein
muß, ist zugleich ohne weiteres klar. Auch die Reihe, mit
der als Beispiel wir diese Erörterung begannen, die Reihe
der lauten bzw. leisen Töne als solchen, ist eine echte Steige¬
rungsreihe in unserem Sinn, eine Reihe, der ein Nullpunkt
zugehört.
Nur durch das Bestehen solcher Steigerungsreihen erhält
ein bestimmter und oft gebrauchter Begriff, der Begriff der
Intensität seinen Sinn. Wir bezeichnen an bestimmten
Gesamtgegenständen eine bestimmte Qualität als Intensität,
so z. B. die Lautheit eines Tones. Wir tun dies aber nur
da, wo sich diese Gesamtgegenstände in bezug auf diese
Qualität in eine echte Steigerungsreihe einordnen lassen.
Nun stelle man noch einmal die zwei Fälle gegenüber, die
hier als Beispiel verwandt wurden. Vergleichen wir eine
Farbe und einen Ton oder eine Farbe und einen süßen Ge¬
schmack, so hftt man einfach „Verschiedenerlei“ vor sich.
Oder, wenn wir uns gleichzeitig die Ähnlichkeit zum Bewußt¬
sein bringen, die beides zu „Wahrnehmungsgegenständen“
macht, so haben wir „verschiedene Wahrnehmungsgegen¬
stände“. Denken wir uns nun die Gesamtheit der Wahr¬
nehmungsgegenstände in Gruppen, je nach den unterscheid¬
baren Gattungen zusammengeordnet, so sind diese einzelnen
Gruppen voneinander verschieden, wir dürfen wohl auch
sagen, mehr oder minder verschieden — wir erleben den
6. Zahlen und Messen.
219
Schritt von einer zur anderen als größer oder kleiner —
aber mehr läßt sich von ihnen im Verhältnis zueinander
auf Grund des bloßen Vergleichs nicht aussagen. Wahr¬
nehmungsgegenstände schlechthin sind „gleich“ oder mehr
oder minder „verschieden“.
Stellen wir daneben die Töne verschiedener Lautheit, so
können wir dagegen hier von jedem Ton aussagen, nicht
nur, daß er von jedem anderen Ton verschieden, sondern
daß er lauter oder leiser, intensiver oder weniger intensiv
ist, als jeder andere Ton, sowie ferner, daß er selbst
eine bestimmte, größere oder geringere Intensität besitzt.
Die erstere Beurteilung bedeutet, daß ihm im Verhältnis zu
jedem anderen Ton eine bestimmte und bestimmbare Stellung
in der echten Steigerungsreihe zukommt, in die sich beide
einordnen lassen, die zweite, daß zwischen ihm und dem
O-Punkt der Reihe ein bestimmter Abstand besteht.
Es ist nun klar, daß wir uns in dem letzten Beispiel im
Verhältnis zum ersten dem Messen und dem Gebiet der me߬
baren Gegenstände um ein Stück genähert haben, ohne es
jedoch zu erreichen. Wir können Gegenstände der zweiten
Art nicht mehr nur als mehr oder minder verschieden, son¬
dern als mehr oder minder größer und kleiner be¬
zeichnen — aber wir können nicht von einem Gegenstand
dieser Art sagen, er sei zwei - oder dreimal so groß
als ein anderer, und erst mit der Möglichkeit einer solchen
Bestimmung beginnt offenbar das eigentliche Messen.
Diese Behauptung nun ist möglich, wenn es sich z. B.
um zwei verschieden lange Strecken handelt. Wie hier die
Messung zustande kommt, ist ohne weiteres klar: wir zer¬
legen die eine — die zu messende — Strecke in Teile, die wir
der anderen, der Maßstrecke, gleich machen und zählen
die Anzahl solcher Teile, aus denen die erste Strecke besteht.
Das Wichtigste aber bei diesem Verfahren, das, was es er¬
möglicht, daß wir das Resultat des Zählens in der bezeich-
neten Weise ausdrücken, liegt darin, daß die Teile, in die
wir die zu messende Strecke zerlegen, wieder Strecken, nur
„kleinere“ Strecken sind, d. h. Gegenstände der¬
selben Steigerungsreihe. Messen können wir
da und nur da, wo wir einen Gegenstand in eine zählbare
Anzahl kleinerer Gegenstände der gleichen Art oder, was
dasselbe besagt, in eine Summe von Gegenständen derselben
Steigerungsreihe verwandeln können.
220 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
Wir können nicht einen gehörten Ton in eine Summe
leiserer Töne verwandeln oder als eine solche Summe, die
wir zählen könnten, auffassen. Darum ist hier eine Messung
nicht möglich. Wohl aber kann jede Strecke für unsere
Auffassung zu einer Summe kleinerer Strecken oder können
aneinandergesetzte kleinere Strecken zu „Teilen“ derselben
größeren Strecke werden. (Daß wir einen lauten Ton durch
das Zusammenerklingen einer Anzahl realer leiser Töne
verursachen können, ist natürlich etwas anderes, hier
wird bestenfalls nicht der gehörte Ton, sondern eben seine
Ursache gemessen, und was gezählt wird, ist noch genauer
gesprochen nicht eine Anzahl von Tönen, sondern eine An¬
zahl von realen Bedingungen, die z. B. in gleichmäßig in
Bewegung gesetzten Musikinstrumenten bestehen, und von
denen wir wissen, daß jede für sich einen Ton von bestimmter
Lautheit verursacht.)
Unmittelbar meßbar sind nur Raum-
undZeitgrößen, w r eil nur Raum- und Zeitgrößen sich
in dieser Weise unmittelbar wieder in Raum- und Zeitgrößen
zerlegen lassen. Jede scheinbare Messung eines anderen
Gegenstandes führt auf die Messung solcher Gebilde in Wirk¬
lichkeit zurück. Wir messen Töne, indem wir Luftschwin¬
gungen an ihre Stelle setzen, Wärme und Kälte, indem wir
die Ausdehnung der Quecksilbersäule im Thermometer der
Messung unterwerfen. Wie wir dazu kommen, muß später
genauer besprochen werden, hier sei nur eins kurz ange¬
deutet: Wir können (unter gewissen Voraussetzungen, siehe
S. 245 f.) das Ergebnis der Messung, die zunächst einem un¬
mittelbar gegebenen Tatbestand gilt, übertragen auf den
realen Gegenstand, der ihm zugrunde liegt. Wenn wir
nun „Wärme“ messen, so heißt das: Wir messen einen realen
Tatbestand, den wir als die herrschende (z. B. Luft-)Tempe-
ratur bezeichnen und der in den Wärme- bzw. Kälteempfin¬
dungen, aber auch in der direkt meßbaren wahrgenommenen
Veränderung der Länge der Säule im Thermometer erscheint.
Dazu kommt, daß wir überall die Neigung haben, für jeden
realen Gegenstand meßbare Erscheinungen aufzufinden —
worin diese Neigung, die in ihrer letzten Konsequenz zu dem
Streben nach einer „mechanischen“ Welterklärung führt,
begründet ist, wird ebenfalls später erörtert werden (Kap. V).
Zwei mögliche Einwände bedürfen noch der Besprechung.
Erstens könnte man meinen, daß nur Raum-, nicht auch
6. Zählen und Messen.
221
Zeitgrößen direkt meßbar seien, da doch auch die Zeitmessung
durch die Messung bestimmter Räume, des Raumes, den
ein gleichmäßig bewegter Gegenstand in einer bestimmten
Zeit zurücklegt, vermittelt wird. Der Einwand ist indessen
unzutreffend: Wir können jederzeit direkt eine Zeitstrecke,
die wir etwa durch Signale begrenzen, zählend in gleiche
Zeitteile zerlegen und so ihre Länge im Verhältnis zu der
der Teile messend feststellen. Wenn wir meist anders ver¬
fahren, so liegt das an einer Eigenschaft der Zeit, die die
direkte Zeitmessung sehr unsicher macht, nämlich daran,
daß die Teile der Zeit nur nacheinander sein können und wir
daher bei der Zeitmessung auf den Sukzessivvergleich an¬
gewiesen sind, wenn wir kontrollieren wollen, ob die gleichen
Teile, in die wir die Zeitstrecke zerlegen müssen, auch wirk¬
lich gleich sind. Sollte dieser Sukzessivvergleich ein evident
richtiges Resultat ergeben, so müßten unsere Erinnerungs¬
bilder in bezug auf die erlebten Zeitstrecken genau genug
sein 1 — worauf wir uns ungern verlassen. Lieber benutzen
wir den Simultanvergleich räumlicher Strecken, wobei wir
freilich auch eine ganze Reihe von Voraussetzungen machen
müssen, man denke etwa an die Voraussetzung, daß der
von einer Stelle an eine andere übertragene Maßstab physi¬
kalisch unverändert bleibt — daß die Bewegung, mit der
wir die Zeit messen, wirklich gleichförmig ist usw. Aber
diese Voraussetzungen ruhen auf der Gültigkeit empiri¬
scher Gesetze, mit denen sie ein für allemal stehen und
fallen, während die Voraussetzung der Genauigkeit unserer
Erinnerungsbilder eine gar nicht allgemein zu beurteilende,
sondern individuell wechselnde Tatsache betrifft. — So sind
es also letzten Endes gewissermaßen technische
Schwierigkeiten der direkten Zeitmessung, die uns veran¬
lassen, die Zeit indirekt, durch den Raum zu messen.
Zweitens. Ein Messen, so sagte ich vorhin, liege da vor,
wo wir nicht nur einen Gegenstand als größer als einen
anderen beurteilen, sondern den Größenunterschied auch
mit Hilfe von Zahlen näher bestimmen. Nun kommt es
doch aber gelegentlich auch vor, jedenfalls hat die Rede¬
wendung einen Sinn, daß wir einen Ton für doppelt so laut
wie einen anderen, eine Farbe für dreimal so hell wie eine
1 Um Mißverständnisse auszuschlleOen, verweise ich auf die Aus¬
führungen auf S. 191.
222 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
andere erklären. Ist also nicht auch in diesen Fällen ein
Messen, nur vielleicht ein irgendwie ungenaueres, möglich?
Daß indessen hier ein prinzipiellerer Unterschied vorliegt,
sieht man leicht daran, daß in diesen Fällen zwar eine
Zahlenangabe gemacht, aber niemals eigentlich gezählt wird.
Es wird nicht der zu messende Gegenstand in eine Summe
verwandelt und diese Summe gezählt, worin, wie wir wissen,
das eigentliche Messen besteht, sondern es wird der Größen¬
unterschied beider Lautheiten oder beider Helligkeiten gleich
dem von 1 und 2 oder von 1 und 3 „geschätzt“. Dieses
Schätzen besteht darin, daß wir einfach auf das Übergangs¬
erlebnis achthaben, das Erlebnis des Größer und Kleiner,
das wir beim Vergleichen beider „Lautheiten“, beim ver¬
gleichenden Übergehen von einem Ton zum anderen gewinnen.
Dieser Schritt kann uns als der gleiche Schritt erscheinen,
wie der, der uns von „eins“ zu „zwei“, von einem beliebigen
Gegenstand zu einer Summe von zwei, oder von 3 zu 4
Gegenständen führt usw., dann verhalten sich die Gegenstände
nach unserer Schätzung in ihrer Größe wie 1: 2 oder wie 3: 4.
Eine solche Schätzung können wir auch bei Raumgrößen
ausführen, aber hier tritt außerdem die Möglichkeit der
Messung ein, die in doppelter Weise über die bloße Schätzung
hinausgeht: Erstens sagt sie nicht nur, wie sich die Größe
des einen Gegenstandes zu der des anderen verhält, sondern
daß der eine Gegenstand eine Summe von zwei, drei usw.
anderen Gegenständen ist — woraus sich noch weitere
wichtige Folgerungen ziehen lassen, z. B. darauf, was sich
ergibt, wenn wir den zweiten vom ersten Gegenstand a b -
ziehen, auf den „Zuwachs“, den der zweite erfahren muß,
damit der erste entsteht — Folgerungen, die darauf beruhen,
daß wir mit den gemessenen Gegenständen als solchen
rechnen können. Und zweitens ermöglicht sie eine genauere
Nachprüfung der Schätzung selbst: Schätze ich einen Gegen¬
stand doppelt so groß als einen anderen, so muß, wenn ich
ihn messend zerlegen kann, diese Messung ein entsprechendes
Resultat zeitigen.
Auf die Möglichkeit der Schätzung und Unmöglichkeit
der direkten Messung in bezug auf alle „Intensitäten“ wird
man m. M. n. die Gültigkeit des Weberschen Gesetzes zurück¬
führen müssen. Der Schritt von einer Druckempfindung, die
einer Last von 3 g entspricht, zu einer solchen von 4 g er¬
scheint uns als gleich dem Schritt von dem Druck von 300
7. Über das Wesen der Geometrie als Wissenschaft.
223
zu 400 g — wie uns ja auch der Schritt von einer Summe
von beliebigen drei zu einer solchen von vier Gegenständen
uns als derselbe Übergang anmutet, wie wir ihn bt im Schritt
von 300 zu 400 Gegenständen erleben (was am deutlichsten
wird, wenn wir überlegen, daß ja 300 auch 3, nur 3 andere
Gegenstände, 3 Gruppen von je 100 Gegenständen der
vorigen Art, sind). Nur daß wir hier wissen und durch Rech¬
nung sofort feststellen können, daß der „Zuwachs“ von 300
zu 400 — die Differenz — erheblich größer ist als die von
3 zu 4, während wir Druckempfindungen nicht subtrahieren
können. Daher das scheinbar Paradoxe des Resultats, daß
gleichmerkliche, d. h\ als gleich geschätzte Unterschiede sehr
verschiedenen gemessenen Zunahmen der (allein meßbaren)
Reize entsprechen. Ein Resultat, das freilich nur dadurch
paradox wird, daß man die Schätzung eines Größengegen¬
satzes mit der gemessenen Differenz zweier Größen ver¬
gleicht *.
7. Uber das Wesen der Geometrie als Wissenschaft.
Der eigentliche Gegenstand der Messung sind räumliche
und zeitliche Gebilde, weil nur sie in Gegenstände gleicher
Art sich zerlegen lassen. Jeder Zeitraum setzt sich aus
Zeiträumen zusammen und gibt mit einem anderen Zeit¬
raum zusammengefaßt stets einen größeren Zeitraum.
Jede Strecke setzt sich aus Strecken, jede Fläche aus Flächen
zusammen und gibt mit anderen zusammengenommen wieder
eine Strecke bzw. Fläche.
1 Ich verweise zur Ergänzung auf die Schriften von Th. L i p p s,
„Das Relativitätsgesetz der psychischen Quantität und das Webersche
Gesetz“ (Sitzungsber. d. bayer. Akad. d. Wiss., München 1902)
und von M. Geiger, „Methodologische und experimentelle Bei¬
träge zur Quantitätslehre“, Psychol. Unters., herausgeg. von
Th. Lipps, 3. Heft, Lpz. 1907. Daß speziell Geigers Auffassung
trotz wichtiger Übereinstimmungen und mannigfaltiger Anregungen,
die ich ihr verdanke, in prinzipiellen Dingen weit von der mehligen
abweicht, wird jedem aufmerksamen Leser der Schrift ohne weiteres
klar sein. Der Gegensatz beruht auf der Verschiedenheit erkenntnis¬
theoretischer Grundanschauungen, die ich hier nicht näher disku¬
tieren kann, die sich aber aus Geigers klaren Ausführungen zur
„Phänomenologie“ und zur Lehre vom „Gegenstand“ von selbst
ergeben.
224 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
Aber stößt dieses Zerlegen und damit auch die Meßbar¬
keit einer Strecke oder Fläche nicht auf bestimmte not¬
wendige Grenzen? Wenn wir eine Strecke immer weiter
zerlegen, immer kleinere Teile ins Auge fassen, kommt da
nicht schließlich der Moment, wo diese Teile zu unaus¬
gedehnten Punkten für unsere Wahrnehmung zusammen¬
schmelzen, wo wir also keine Strecken mehr vor uns haben,
die wir noch weiter teilen könnten?
Wäre das so, so würde ein grundlegender Satz der Geo¬
metrie, der Satz von der unendlichen Teilbarkeit des Raumes,
mit den Tatsachen in unvereinbarem Widerspruch stehen,
so würde die vernichtende Kritik, die Hume im zweiten
Kapitel des „Treatise“ an jenem mathematischen Theorem
übt, völlig zu Recht bestehen. Denn jener Satz von der
unendlichen Teilbarkeit besagt nichts anderes, als daß jeder
Teil eines Raumes sich wieder als ein Raum erweisen muß,
für dessen Teile daher wieder dasselbe gilt. Gilt das für den
Raum, so muß Entsprechendes für Linie und Fläche gelten.
Führt aber die Teilung jeder Linie vielmehr mit Notwendig¬
keit schließlich auf ein Gebilde, das nicht mehr Linie, sondern
Punkt ist, so ist der Satz damit widerlegt.
Aber die Humesche Behauptung trifft nicht zu. Wir
kommen freilich, wenn wir eine Strecke in immer kleinere
Teile zerlegen oder auch zu einem immer kleineren Gebilde
einschrumpfen lassen, schließlich zu einem letzten Gebilde,
das der Teilung Grenzen setzt und das man als „Punkt“
bezeichnen mag. Aber dieser „Punkt“ ist kein mathemati¬
scher Punkt, denn er besitzt noch Ausdehnung, er
hat noch für unsere Wahrnehmung Teile —
nur daß wir diese Teile nicht mehr einzeln
auffassen, gegeneinander absondern und
festhalten können, daß sie ineinander fließen und
wir daher auch unfähig sind, hier noch zu zählen und zu
messen. Die Grenze besteht also nicht darin, daß die Teilung
uns auf ein neues Gebilde führte, das nicht mehr Strecke
und daher nicht mehr teilbar wäre, sondern darin, daß das
Sondern, Festhalten und Zählen der Teile, je kleiner der
zu teilende Gegenstand ist, um so schwieriger und schließlich
unmöglich wird. Genau so, wie beim Zählen größerer Summen
schließlich der Augenblick kommt, wo wir die Summanden
nicht mehr zugleich als gegeneinander gesonderte Einheiten
und als Teile des zu zählenden Ganzen auffassen können
7. Ober das Wesen der Geometrie als Wissenschaft.
225
und wo deshalb das Ganze kein zählbares Ganzes mit be¬
stimmtem Mannigfaltigkeitscharakter mehr für uns ist.
Schließlich können wir auch mathematische Funkte wahr¬
nehmen, überall da nämlich, wo wir die Grenze zweier
aneinanderstehender Strecken als solche wahrnehmen. Aber
eben zu solchen Grenzen schrumpft eine Linie oder der
Teil einer solchen bei immer weitergehender Verkleinerung
niemals ein. —
Der Satz von der unendlichen Teilbarkeit der räumlichen
Gebilde ist ein Grundsatz einer besonderen Wissenschaft,
der Geometrie. Indem wir vom Zählen zum Messen
übergehen, sind wir zugleich von den Prinzipien der Arith¬
metik zu denen der Geometrie gelangt. Denn die Geometrie
hat es zu tun mit den allgemeinen Eigenschaften der räum¬
lichen Gebilde, die wir durch Vergleichen und Unterscheiden,
durch Zählen und Messen unmittelbar erfassen und in Form
allgemeiner Sätze zum Ausdruck bringen. Die Geometrie
als Wissenschaft, können wir dafür auch sagen, ist der In¬
begriff der synthetischen Sätze a pr. der Ansch., die wir
an den räumlichen Gebilden gewinnen, und der aus ihnen
auf rein logischem Wege sich ergebenden Folgerungen. Wie
jede Wissenschaft, wie auch die Arithmetik und, wovon
später zu handeln sein wird, die empirischen Disziplinen,
strebt die Geometrie selbstverständlich danach, diesem
Inbegriff von Sätzen die Form eines deduktiven Begründungs¬
zusammenhangs zu geben, d. h. soweit dies angeht, jeden
speziellen Satz als Folgerung aus einem allgemeineren abzu¬
leiten, auch dann, wenn der speziellere Satz direkt an der
Hand der Anschauung evident gemacht werden kann.
Nun sind für die Geometrie speziell zwei Punkte charakte¬
ristisch. Erstens dies, daß alle Unterschiede räumlicher Natur
meßbar oder, was dasselbe besagt, alle räumlichen Be¬
ziehungen Größenbeziehungen sind. Damit ist nicht gesagt,
daß wir, wie es die analytische Geometrie tut, Bezeichnungen
räumlicher Gebilde in allgemeiner Form nur fixieren könnten,
indem wir sie messen oder eine Messung ausgeführt denken.
Neben der analytischen gibt es die Geometrie der Lage,
und wenn wir die Lage eines Punktes z. B. eindeutig be¬
stimmen können, indem wir zahlenmäßig die „Länge“ des
Abstandes vom festen Koordinatenanfangspunkt und die
„Größe“ des Winkels der Polarkoordinate angeben, so können
wir doch andererseits diese Bestimmung auch vornehmen,
v. Aster, Philosophie. 15
226 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
indem wir den Punkt als „zwischen“ zwei bestimmten
anderen Punkten gelegen bezeichnen, eine Bestimmung, die
ohne Beziehung auf eine Messung doch in anschaulich reali¬
sierbarer Form eine geometrische Fixierung enthält. Aber
können wir mindestens innerhalb gewisser Grenzen das Ver¬
hältnis zweier räumlicher Gebilde festlegen, ohne zu messen,
so ist es doch an sich meßbar und daraus ergibt sich eine
wichtige Folgerung. Jeder meßbare Gegenstand ist in Teile
zerlegbar, die wieder Gegenstände der gleichen Art und der
gleichen Steigerungsreihe sind. Oder allgemeiner: für jeden
meßbaren Gegenstand gibt es „kleinere“ und „größere“
Gegenstände der gleichen Art. Für diese kleineren und
größeren Gegenstände der gleichen Art aber müssen die¬
selben Gesetze gelten — auch dann, wenn sie zu klein oder
zu groß sind, als daß wir an ihnen sie noch direkt ableiten
oder beweisen könnten. Der Grund dafür liegt auf der Hand:
Die absolute Größe eines Gegenstandes ist etwas, das vom
Maßstab abhängt und mit dem Maßstab variiert, ich kann
einem Gegenstand jede beliebige absolute Größe geben je
nach dem Maßstab, den ich an ihn lege. Ist der Unterschied
der Gegenstände nur ein Unterschied der absoluten Größe,
so kann ich ihn durch die bloße Wahl eines anderen Ma߬
stabes zum Verschwinden bringen. Darum muß, was für
eine Strecke von 10 cm gilt, auch für eine solche von einer
Siriusweite oder von einem Hunderttausendstel Millimeter
gelten; schließlich, kann man sagen, aus demselben Grunde,
aus dem, was für 10 Gegenstände, auch für 100 oder
10 Gruppen von je 10 Gegenständen gelten muß. Es gilt
also in der Geometrie das allgemeine Prinzip, daß auf die
Geltung eines geometrischen Satzes die absolute Größe des
geometrischen Gebildes keinen Einfluß hat. Eine wichtige
Folgerung ergibt sich daraus, die vorhin schon angedeutet
wurde: Die Folgerung, daß wir die Ergebnisse geometrischer
Einsicht, die wir an einem bestimmten vorgestellten Gebilde
gewonnen haben, übertragen dürfen auf Gebilde, an denen
wir sie ihrer Kleinheit oder Größe wegen nicht direkt hätten
gewinnen können — wofern wir nur wissen, daß der Unter¬
schied ein reiner Unterschied der Größe, ein durch eine ge¬
dachte Messung eindeutig bestimmbarer Unterschied ist.
Allerdings müssen wir hier eins voraussetzen: daß die
Verkleinerung und Vergrößerung wirklich nur auf Gegen¬
stände gleicher Art, also nicht etwa über einen „Nullpunkt“
7. über das Wesen der Geometrie als Wissenschaft.
227
hinweg auf Gegenstände einer anderen Steigerungsreihe
führt. Ob das in einem bestimmten Fall zutrifft, kann uns
nur die Anschauung lehren, lehrt sie uns aber auch mit
derselben Bestimmtheit, mit der sie uns zeigt, daß das
spektrale Grün der Nullpunkt der Steigerungsreihe der gelb¬
grünen Farbtöne ist. Ein Beispiel aus der Elementar¬
geometrie kann das leicht verdeutlichen. Wir beweisen an
der Hand einer entsprechenden Figur, gestützt auf den
vierten Kongruenzsatz, daß die Höhe im gleich¬
schenkligen Dreieck die Grundlinie und den
Winkel an der Spitze halbiert. Der Beweis
gilt scheinbar zunächst nur für die Figur, an
der er geführt wurde, aber wir können seine
Geltung sofort verallgemeinern, denn wir können
z. B. in der Vorstellung den Winkel an der Spitze
vergrößern und verkleinern oder — in der
Vorstellung — das Dreieck sämtliche Formen durchlaufen
lassen, die zwischen den zwei möglichen End- oder Null¬
punkten, dem Zusammenfallen der Seiten miteinander
und mit der Höhe einer- und dem gestreckten Winkel an
der Spitze andererseits liegen. Tun wir dies, so sehen wir
sofort, daß die Figur selbst, soweit sie für den Beweis in
Betracht kam, keine Veränderung erfahren hat und der
Beweis daher für alle hier durchlaufenen Fälle gleichmäßig
gilt. Anders dagegen, wenn wir z. B. an einem spitzwinkligen
Dreieck elementargeometrisch den Satz beweisen, daß die
drei Höhen sich in einem Punkt schneiden: Hier zeigt uns
dieselbe Operation des Veränderns und Durchlaufens der
verschiedenen Winkelgrößen, daß in dem Moment, in dem
das Dreieck zum stumpfwinkligen wird, die bisherige, für
den Beweis benutzte Anordnung der Teile des Dreiecks sich
durch das Herausfallen des Schnittpunktes verändert, also
hier ein Grenzfall — ein End- oder Nullpunkt — erreicht
ist, jenseits dessen der Beweis von neuem, mit anderen
Mitteln, geführt werden muß. Man sieht hier zugleich,
welchen Sinn die Figur im geometrischen Beweise hat. Sie
stellt nicht den Gegenstand selbst dar, von dem der geo¬
metrische Lehrsatz gelten und bewiesen werden soll, denn
dieser kann nicht restlos in der Anschauung dargestellt
werden, da er ein allgemeiner Gegenstand ist, sondern sie
,.illustriert“ ihn in einem einzelnen Beispiel. Aber dies ein¬
zelne Beispiel erlaubt uns, in der Vorstellung sofort die
15 •
22S Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis«
ganze Reihe von Gegenständen zu überblicken, die durch
Verkleinerung und Vergrößerung aus ihr entstehen, soweit
sie derselben Steigerungsreihe angehören. Dadurch wird
jenes Beispiel zum Repräsentanten der be¬
treffenden Gattung.
Das zuletzt Gesagte streift nun schon an den zweiten
für die Geometrie charakteristischen Punkt.
Es besteht auf räumlich-geometrischem Gebiet zwischen
Relation und Relationsfundament ein eigentümliches Ver¬
hältnis, das ein Vergleich mit einem anderen Gebiet am
besten verdeutlicht. Man vergegenwärtige sich eine rote
Farbe, und man vergegenwärtige sich die Verschiedenheits¬
relation, in der das Rot zu anderen Farben, zum Grün und
Orange z. B., steht. Dann besitzt die Farbe selbst, wie man
leicht sieht, eine gewisse Selbständigkeit gegenüber ihren
Relationen. Ich kann das Rot für sich vorstellen, ohne an
seine Beziehung zum Grün und Orange zu denken, ohne
irgendeine dieser Relationen hinzuzunehmen oder mit vor¬
zustellen. Vergegenwärtige ich sie mir, so sind sie eben eine
neu hinzutretende Erkenntnis, eine Erkenntnis der Relation,
die zwischen dieser und einer anderen Farbe besteht.
Dagegen können wir niemals einen Punkt oder eine Linie
vorstellen, ohne sie in einem räumlichen Ganzen und damit
mit den Beziehungen zu den übrigen Teilen dieses Ganzen
vorzustellen, es kann uns keine räumliche Figur gegeben
sein, ohne daß sie „begrenzt“ wäre, ohne daß also bestimmte
Beziehungen zur Umgebung mitgegeben wären. Aber noch
weiter. Wir können niemals zwei Punkte vorstellen, ohne
daß wir die Relation der Verschiedenheit, die zwischen ihnen
besteht, mit uns vergegenwärtigten. Aber diese Relation
verselbständigt sich sozusagen: sie ist ja der „Abstand“ der
beiden Punkte, die gerade Linie, die beide verbindet. Genau
so nun, wie wir von den beiden Punkten ausgehen und die
Linie als ihren „Abstand“ bestimmen oder betrachten können,
so können wir auch von der Linie, ihrer Richtung, Länge
und Lage ausgehen und die Punkte als ihre „Endpunkte“
bestimmen. Das heißt, die „Fundamente“ der Relation er¬
weisen sich als genau so abhängig von und eindeutig bestimmt
durch die „Relation“, wie die „Relation“ durch die „Fun¬
damente“. Oder, was dasselbe besagt: das eigentlich selb¬
ständige Gebilde ist ein Ganzes, dessen einzelne Teile sich
gegenseitig bedingen, wie zwei Punkte ihren Abstand,
7. über das Wesen der Geometrie als Wissenschaft.
229
zwei Linien die Fläche zwischen ihnen oder wie die Linie
ihre Endpunkte, die Fläche ihre Grenzlinien bestimmt.
Allgemein ist dies eigentümliche Verhältnis eigentlich schon
ausgedrückt, wenn wir sagen, daß die Verschiedenheits¬
relation hier auf räumlichem Gebiet zum trennenden
Abstand und die Relationsfundamente zu Grenzen
werden.
Daraus ergibt sich nun das Eigentümliche der geometri¬
schen Gebilde, daß wir sie gewissermaßen aus Relationen
aufbauen oder auf Grund von Relationen konstruieren
können. Ich kann mir nie die Vorstellung einer Farbqualität
dadurch verschaffen, daß ich mir eine andere Farbe und die
Relation vergegenwärtige, in der die gesuchte zu der ge¬
gebenen Farbe steht. Ginge das, so müßten wir ja auch
einem partiell Farbenblinden die Vorstellung der ihm un¬
bekannten Farbe verschaffen können. Dagegen können wir
jederzeit einen bestimmten Punkt finden, wenn wir einen
anderen Punkt und Abstand und Richtung kennen, in denen
der gesuchte zum gegebenen Punkt sich befindet. Kennen
wir die Relationen seiner Teile, so läßt sich das räumlich-
geometrische Gebilde in der Anschauung darstellen oder
konstruieren. Kennen wir eine bestimmte Figur und wissen,
daß eine andere sich nur durch Veränderung — Verkleinerung
oder Vergrößerung — der Teilrelationen von ihr unterscheidet,
so können wir von der ersten ausgehend die zweite uns in
der Anschauung konstruieren. An diesem Punkte wird es
zugleich deutlich, welche Bedeutung die Konstruktion geo¬
metrischer Gebilde „mit Zirkel und Lineal“ (d. h. mit Hilfe
des Ziehens gerader Linien und des unveränderten Über¬
tragens von Längen von einer Stelle auf die andere) für die
Geometrie besitzt: Daß ein Gebilde in dieser Weise kon¬
struiert werden kann, ist die Probe darauf, daß die Rela¬
tionen seiner Teile eindeutig bestimmt und erkannt sind.
Hier ergibt sich endlich auch, was die Geometrie als
Wissenschaft von verwandten und ihr gegenüber doch so
dürftig erscheinenden Disziplinen, wie etwa der Farben¬
geometrie, unterscheidet. Sie ist nicht nur eine Wissenschaft,
die ihre Gegenstände a priori erkennt, sondern die sie auch,
um mit Kant zu reden, „a priori konstruiert“. Das gibt ihr
den eigentümlich schöpferischen Charakter, der dazu ver¬
leitet hat, daß man sich immer wieder auf sie berief, wenn
man das menschliche Erkennen als eine Tätigkeit erw r eisen
230 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
wollte, die ihren Gegenstand frei „erschafft“, der auch in
Kants Anschauungsformen eine gewisse unverkennbare Rolle
spielt. —
Noch eins sei im Anschluß hieran hervorgehoben, das
speziell das Verhältnis der Geometrie zur Arithmetik an¬
geht. Negative, gebrochene, irrationale Zahlen sind, wie man
sich erinnert, streng genommen der Ausdruck einer unlös¬
baren Aufgabe. Es gibt kein zählbares Ganzes vom Anzahl¬
charakter — 2 oder 1 / i , d. h. es ist unmöglich, von einem
Ganzen aus 2 Teilen 4 dieser Teile fortzunehmen oder die
Teile eines Ganzen, das nur aus einem Teil überhaupt be¬
steht, in Gruppen zu je 3 anzuordnen und die Zahl dieser
Gruppen festzustellen. Das ist auch nicht anders in der
Geometrie. 1 / 3 cm ist nicht etwa ein Ganzes aus 1 / 3 Teilen,
und der Kreisumfang eines Kreises mit dem Radius 1 cm
macht mir nicht ein zählbares Ganzes anschaulich aus
2 7t Teilen. Wohl aber ist in der Geometrie etwas anderes
möglich: Wir können jedes Ganze aus einem Teil sofort in
ein solches aus 3 (kleineren) Teilen verwandeln und
damit in ein Ganzes, dem gegenüber die Aufgabe, seine
Teile „in Gruppen zu je 3 anzuordnen und die Zahl der¬
selben festzustellen“, die die Division durch 3 bedeutet, lös¬
bar wird. Darum können wir zwar nicht in der Geometrie
ein Ganzes aus V 3 Teilen, wohl aber eine Strecke konstruieren,
die sich zu einer bestimmten anderen Strecke wie die Zahl 1 / 3
zur Zahl 1 verhält. Und Entsprechendes gilt für die An¬
wendung der Irrationalzahlen in der Geometrie und für die
Konstruktion „negativer“ Strecken.
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie.
Der Behauptung, daß die Geometrie eine auf Anschauung
a priori gegründete Wissenschaft sei, hat man entgegen¬
gehalten, daß die geometrischen Gebilde gar nicht als an¬
schaulich faßbare Gebilde existierten. Der Punkt, den wir
zeichnen, ist ja in Wirklichkeit kein mathematischer Punkt,
die gezogene Linie ist keine Linie, sondern beides sind
Flächen, nur kleine bzw. schmale Flächen. Der Kreis, den
wir mit dem Zirkel konstruieren, ist sicherlich nur ein an¬
genäherter Kreis. In der uns anschaulich gegebenen Welt
gibt es gar keine Gegenstände, die den mathematischen
Begriffen wirklich entsprächen.
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie.
231
Der so angenommene Sachverhalt kann nun in doppelter
Weise interpretiert werden. Entweder man sagt: Die
geometrischen Gegenstände sind rein gedachte Gegenstände,
die Geometrie eine Wissenschaft, die dem Denken oder
besser dem „denkenden Erfassen“ dieser Gegenstände ent¬
springt. Einem denkenden Erfassen, das freilich durch An¬
schauung gestützt wird, auf die Anschauung bestimmter
Figuren sich aufbaut, die aber gewissermaßen nur die Ge¬
legenheit abgeben, anläßlich deren sich das eigentliche mathe¬
matische Gebilde unserem denkenden Erfassen darstellt.
Für die gezeichneten, empirisch-anschaulich gegebenen Figu¬
ren aber gelten die Gesetze, die wir als streng gültig für
jene ideellen Gebilde direkt an ihnen ablesen, nur ange¬
nähert und zwar in einer Annäherung, die ihrer eigenen An¬
näherung an die ideellen Gebilde entspricht.
Oder man sagt: Wir gehen aus von den empirisch ge¬
gebenen Gebilden, den angenäherten Punkten, Linien,
Kreisen usw. Wir finden — empirisch —, daß für sie
bestimmte Gesetzmäßigkeiten gelten — wir finden das
innerhalb der Grenze, die überhaupt für die Konstatierung
empirischer Gesetze gilt. Und nun bilden wir uns den
„Idealbegriff“ von Gegenständen, für die diese empirisch
gefundenen Gesetzmäßigkeiten streng gelten würden.
Diese eigentlichen mathematischen Gegenstände existieren
nur als von uns geschaffene Begriffe. Eben deshalb aber
können wir von ihnen allerhand als streng gültig
aussagen, wir können ja beliebige Bestimmungen in die
Definition eines Begriffs aufnehmen, und für einen willkür¬
lich definierten Gegenstand gilt natürlich alles das „streng“
und „allgemein“, was aus seiner Definition logisch folgt —
solange wir ihm keine widersprechenden Prädikate
beilegen. Aber jene Sätze gelten streng auch nur für jene
angenommenen Gegenstände, für die empirisch ge¬
gebenen Gebilde nur soweit sie diesen angenommenen Gegen¬
ständen entsprechen oder, was dasselbe sagt, sie sind diesen
anschaulich gegebenen Gegenständen gegenüber selbst nur
„Annahmen“, die der empirischen Bestätigung und Nach¬
prüfung bedürfen.
Beide Interpretationen stehen sich in gewisser Weise
nahe, sind aber, wie man sieht, doch wesentlich verschieden.
Die erste will der Geometrie gegenüber aller Empirie ihren
Sondercharakter als apriorische Wissenschaft erhalten und
232 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
ihr in diesem Sinn eine logisch-phänomenologische Grund¬
legung geben. Was ich gegen eine solche Grundlegung in
dieser oder ähnlicher Form zu sagen habe, ergibt sich aus
Früherem (vgl. S. 46 ff.). Es wäre zu wiederholen, was dort
gegen das denkende „Erfassen“ von ideellen Gegenständen
überhaupt gesagt wurde, es wäre, wie dort, die Frage auf¬
zuwerfen, wie das Verhältnis des empirisch gegebenen zum
denkend erfaßten Gegenstand des näheren zu bestimmen ist
und warum, was für den denkend erfaßten ideellen
Gegenstand gilt, auch für den „entsprechenden“ empirischen
Gegenstand gelten „muß“. Die zweite Auffassung macht
die Geometrie zu einer empirischen oder empirisch zu kon¬
trollierenden Wissenschaft und erklärt die scheinbar un¬
empirisch strenge Gültigkeit der geometrischen Sätze da¬
durch, daß sie sie zu bloßen Annahmen oder Definitionen
macht. Die widerspruchslose Durchführbarkeit der Eucli-
dischen Geometrie beweist das einzige, was noch zu beweisen
war, nämlich daß die zugrunde gelegten Definitionen keine
Widersprüche enthalten. Wo aber gewisse Veränderungen
jener Grundaufnahmen gleichfalls die Errichtung eines wider¬
spruchsfreien Systems von Folgerungen ergeben, wie in den
Nicht-Euclidischen Geometrien, da sind diese Systeme an sich
gleichberechtigt; die Frage, welches von ihnen „richtig“ ist,
kann nur noch bedeuten: welches von ihnen sich besser
dazu eignet, den empirischen geometrischen Figuren zugrunde
gelegt zu werden, eine Frage, die nur empirisch entschieden
werden kann.
Ein Hauptfehler beider Auffassungen nun scheint mir,
wie schon am Anfang dieses Paragraphen gesagt wurde,
darin zu liegen, daß man, als selbstverständlich, die an¬
schauliche Existenz der geometrischen Gebilde leugnet. Was
bezüglich der Linien und Punkte im mathematischen Sinn
gegen diese Behauptung zu sagen ist, ist ihr schon im vorigen
Abschnitt entgegengehalten worden. Unter Punkten und
Linien verstehen wir Grenzen, die als solche anschau¬
lich faßbar sind, wenn sie auch, wie das vorher ausgeführt
wurde, im gewissen Sinn abstrakte oder relative Gebilde sind.
Ein klein w r enig komplizierter liegt die Sache bei Be¬
griffen, w r ie dem des Kreises oder der geraden Linie.
Wir können uns zunächst um einen Punkt eine in sich
zurücklaufende krumme Linie gelegt „denken“, d. h. wir
können eine solche Linie anschaulich vorstellen.
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie.
233
Wir können ferner jeden beliebigen Punkt der Peripherie
dieses Gebildes mit dem Punkt in der Mitte verbinden. Wir
können uns endlich die Aufgabe stellen und innerhalb ge¬
wisser Grenzen auch lösen, diese Verbindungslinien alle ein¬
ander gleich zu machen. Innerhalb gewisser Grenzen —
d. h. wir können die Linien so weit verkürzen und verlängern,
daß sie in ihrer Länge uns gleich erscheinen oder ununter¬
scheidbar werden. Dann entsteht ein ganz bestimmtes,
wiederum anschaulich vorstellbares Gebilde. Verstehen wir
nun unter einem Kreis ein Gebilde dieser Art, bei dem jene
Verbindungslinien im strengen Sinn einander g 1 e i c h s i n d,
so wissen wir niemals genau, ob die gerade von uns kon¬
struierte Figur wirklich ein Kreis oder nur ein angenäherter
Kreis ist. Wir wissen nicht genau, ob nicht noch eine ge¬
wisse Veränderung bestimmter Radien nötig ist, damit die
Figur ein Kreis wird. Aber wir wissen, daß ein Kreis als
anschaulich konstruierbares Gebilde existiert und unter ge¬
wissen Figuren zu suchen ist, die wir in der Anschauung
nicht mehr zu unterscheiden vermögen. Oder noch genauer:
Wir wissen, daß dies oder jenes anschaulich konstruierte
Gebilde ein Kreis ist, sofern bestimmte Gleichheitsurteile,
die wir ihm gegenüber fällen, richtig sind (oder auch be¬
stimmte Messungen sich als streng richtig betrachten lassen).
Man sieht, in welchem Sinn der Begriff des Kreises ein
„Idealbegriff“ ist, in welchem Sinn ein Begriff, dem wir
gegebene Gegenstände ohne weiteres unterordnen können.
Man sieht endlich, in welchem Sinn es überhaupt Ideal¬
begriffe in der Geometrie gibt. Es sind das Begriffe, bei
denen eine ideal genaue, irrtumsfreie Messung oder ein
irrtumsfreies Gleichheitsurteil vorausgesetzt ist. (Von der
Möglichkeit eines solchen Irrtums und dem Verhalten, das
wir einschlagen, wenn wir ihn nachträglich bemerken, war
früher die Rede, vgl. S. 200.)
Nur eine Schwierigkeit bleibt hier scheinbar noch übrig.
Alle gezeichneten und anschaulich vorgestellten sind mög¬
licherweise nur angenäherte Kreise. Wie kann dann eine
solche anschaulich konstruierte Figur uns zur Grundlage
eines Beweises für einen Lehrsatz dienen, der für Kreise im
strengen Sinn und für diese schlechthin gültig sein soll?
Ein einfaches Beispiel zeigt die Möglichkeit. Wenn wir den
Satz beweisen wollen, daß der Winkel im Halbkreis ein
rechter ist, so stützen wir uns zunächst auf den Satz, daß
234 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
die Winkel: x-\-y + a-\-b = 2 J? als Winkel eines Dreiecks
(s. Figur). Diesen Satz entnehmen wir der Figur, d. h. sie zeigt
uns, daß in jedem Kreis ein solches Dreieck möglich ist, in
bezug auf das daher der als bekannt vorausgesetzte Satz gilt.
Das kann uns die Figur lehren, denn das gilt nicht nur
_ für den wirklichen, sondern auch
yS* * ür J eden angenäherten Kreis.
/ yyyvX Daß nun aber weiter genau
/ / \\ Winkel x — a und y = b ist,
( / V\ gilt nur unter der Voraus-
Setzung, daß die Dreiecke
/! m b MPA und MPB gleichschenklig
sind, d. h. die Figur ein wirk¬
licher, kein bloß angenäherter Kreis ist. Zugleich ergibt
sich aus einem solchen Beispiel, warum wir solche Ideal¬
begriffe in der Geometrie bilden: wir tun das, weil sich
unter der Voraussetzung genau richtiger Messung an einer
Figur bestimmte Folgerungen ergeben (die sich schließlich
auch wieder auf die genaue Richtigkeit von gedachten oder
ausgeführten Messungen beziehen).
Genau so wie mit dem des Kreises steht es mit dem
Begriff der Geraden. An jeder Linie können wir, wie die
Anschauung uns zeigt, drei und nur drei Bestimmungsstücke
unterscheiden: Länge, Lage und Richtung. Jede Linie ist
so und so lang; ferner: sie befindet sich rechts oder links,
oben oder unten im Gesichtsfeld oder von einem bestimmten
festen Punkt desselben; endlich sie erstreckt sich z. B. von
rechts oben nach links unten oder anders durch das Ge¬
sichtsfeld, oder was dasselbe besagt, ihre einzelnen Teile
haben eine bestimmte Lage zueinander. Nun können
wir, wie die Länge einer Linie durch Abschneiden und Hin¬
zufügen, ihre Lage zu einem Punkt außerhalb durch Ver¬
schieben, so auch ihre Richtung oder ihre Lage (bzw.
die ihrer Teile) zu einem Punkt auf der Linie durch Drehung
jederzeit verändern, wie uns wiederum die Anschauung
allgemeingültig zeigt. Endlich können wir uns die Aufgabe
stellen, die einzelnen Teile der Linie so lange zu drehen, bis eine
Linie entsteht, die in allen ihren beliebig herausgegriffenen
Teilen die gleiche Richtung zeigt (deren jeder Teil zum vor¬
hergehenden und nachfolgenden dieselben Lagebeziehungen
aufweist). Eine Linie, bei der dies streng zutrifft, nennen
wir eine gerade Linie. Ob nun die von uns konstruierte im
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie.
235
strengen Sinn eine gerade Linie ist, wissen wir nicht, wohl
aber wissen wir, daß es gerade Linien als anschauliche Ge¬
bilde „gibt“ und daß wir eine Linie mit derjenigen Sicher¬
heit und innerhalb der Grenzen als gerade in Anspruch
nehmen dürfen, als wir ununterscheidbare Gegenstände
räumlicher Natur als gleich oder von uns ausgeführte Messun¬
gen für streng gültig ansehen dürfen. —
Wenden wir uns von den Begriffen zu den „Axiomen“
der Geometrie. Daß die Axiome keine logischen Selbst¬
verständlichkeiten sind, deren Nichtgelten einen logischen
Widerspruch involvieren würde, ist leicht zu sehen, es be¬
durfte zu dieser Einsicht z. B. bezüglich des Axioms der
Parallelen kaum der Entwicklung der Nicht-Euclidischen
Geometrie. Ebenso wenig aber können die Axiome Er¬
fahrungssätze sein, d. h. Sätze nur empirischer Geltung.
Sowenig wie wir mit der Möglichkeit rechnen, daß eine Reihe
von Summanden einmal eine andere Summe zeigen, je nach¬
dem wir sie von links nach rechts oder von rechts nach links
zählen, sowenig wir es als möglich betrachten, daß wir
einmal doch ein Orange finden, das dem Grün ähnlicher ist
als dem Rot, so wenig besteht für uns die Möglichkeit, daß
zukünftige Erfahrung uns doch noch einmal auf ein spitz¬
winkliges Dreieck stoßen läßt, in dem die Höhe nicht in das
Dreieck hineinfällt, oder auf eine Linie, die sich nicht in
Gedanken um einen beliebigen ihrer Punkte drehen ließe.
Nicht um Erfahrungssätze bloß empirischer Geltung,
sondern um der Anschauung entnommene apriorische
Sätze, um synthetische Sätze a priori der Anschauung
handelt es sich.
Nun bezeichnen wir aber keineswegs alle Sätze, die wir
als a priori gültig, als selbstverständlich der Anschauung ent¬
nehmen und in der Geometrie benutzen, als Axiome
der Geometrie. Sondern wir wählen eine beschränkte An¬
zahl von ihnen aus, die wir als solche Axiome dem ganzen
System der geometrischen Lehrsätze voraufgehen lassen.
Dies Verfahren kann seine Rechtfertigung nur dadurch
finden, daß diese ausgewählten Sätze eben Sätze sind, die
für die Geometrie im ganzen überall in Frage kommen, ohne
die nicht etwa bloß dieser oder jener einzelne Beweis oder
Lehrsatz, sondern die Geometrie als Wissenschaft überhaupt
nicht möglich wäre. Postulate der Geo¬
metrie, wie wir dafür auch sagen können, wenn wir
236 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
unter Postulaten einer Wissenschaft eben diejenigen Sätze
verstehen, die für die Gegenstände, von denen die Wissen¬
schaft handelt, gelten müssen, damit die betreffende Wissen¬
schaft möglich ist. Nur sind die Axiome der Geometrie nicht
nur Postulate, ihr Wesen erschöpft sich nicht in dieser ihrer
Funktion, sondern es sind Sätze, die wir als notwendig
gültig der Anschauung entnehmen.
Dabei ist indessen noch eins zu bemerken. Die Axiome
werden formuliert als Sätze über mathematische Gegenstände,
die ihrerseits definiert sein müssen, also mit Hilfe und unter
Voraussetzung geometrischer Begriffe. In diesen Begriffen
aber pflegen bereits geometrische Axiome vorausgesetzt zu
sein. Nehmen wir als Beispiel den Satz: „Es gibt gerade
Linien“, genauer: sie sind überall konstruierbar, insbesondere
durch einen beliebigen Punkt des Gesichtsfeldes zu legen.
Legen wir bei diesem Axiom unsere Definition der geraden
Linie zugrunde, so stecken in dem Axiom eine ganze Reihe
weiterer Sätze, durch die erst die Definition sinnvoll, möglich
wurde. Ich erinnere an den Satz, daß jede Linie drei und
nur drei Bestimmungsstücke hat, daß daher zwei Linien, die
einen Punkt gemeinsam haben, sich durch ihre Richtung
unterscheiden oder zusammenfallen müssen — ein Satz,
aus dem dann weiter das Parallelenaxiom sowohl wie der
Satz, daß zwischen zwei Punkten nur eine gerade Linie
möglich ist, sich folgern oder genauer mit Zuhilfenahme
der Anschauung, der Figur sich ebenso beweisen läßt, wie
ein beliebiger anderer Lehrsatz. Definiert man dagegen die
gerade Linie anders, z. B. als die kürzeste Linie zwischen
zwei Punkten oder auch als die durch zwei Punkte eindeutig
bestimmte Verbindungslinie, so müssen wir das Parallelen¬
axiom als besonderes Axiom aufstellen, das nun erst die
„Gerade“ als das uns aus der Anschauung bekannte Gebilde
näher bestimmt.
Verstehen wir nun unter den geometrischen Axiomen die
Postulate der Geometrie in dem oben bezeichneten Sinn, so
müssen sich dieselben ergeben, wenn wir, vom Wesen der
Geometrie als Wissenschaft ausgehend, die Eigenschaften
der geometrischen Gebilde untersuchen, durch die Geo¬
metrie möglich wird. Diese Eigenschaften nun kennen wir
bereits: sie lassen sich zusammenfassen in die einzige der
durchgängigen Meßbarkeit der räumlichen Ge¬
bilde. Diese Eigenschaft nun läßt sich genauer in drei Eigen-
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie. 237
schäften zerlegen, denen drei Axiome (oder Axiomgruppen)
entsprechen würden.
Erstens: Damit Gegenstände meßbar sind, müssen sie
zunächst, wie wir von früher her wissen, sich in eine Steige¬
rungsreihe einordnen lassen oder, was dasselbe besagt,
es muß der Begriff des „größer“ und „kleiner“ auf sie an¬
wendbar sein. M. a. W. es muß für jeden räumlichen Gegen¬
stand andere geben, die sich nur durch ihre absolute Größe
von ihm unterscheiden, ähnliche Gegenstände, wie wir
mit dem mathematischen Ausdruck dafür sagen können. So
erhalten wir als Postulat der gesamten Geometrie den Satz:
Es gibt für jeden geometrischen Gegenstand ähnliche Gegen¬
stände. Der Satz darf nicht mißverstanden werden: „Es
gibt“ ähnliche Gegenstände heißt nicht: Wir finden sie in
der Wahrnehmungswelt, ob das der Fall ist, können wir
nicht vorher wissen, sondern: sie existieren als anschaulich
vorstellbare Gebilde, oder sie sind als solche konstruierbar.
Daher können wir dasselbe Axiom auch aussprechen in der
Form: Wir können von jedem räumlichen Gebilde ausgehend
uns ein anderes vorstellen, das sich nur durch seine absolute
Größe von ihm unterscheidet, oder wir können jedes räum¬
liche Gebilde in der Vorstellung vergrößern und verkleinern.
Die Verlängerbarkeit jeder geraden Linie, die bei Euclid
als zweites Postulat auftritt, ergibt sich als Folgerung (ebenso
Hilberts zweites „Axiom der Anordnung“, wofern man die
Definition der Geraden, die aus ihr sich ergebende Folge¬
rung, daß jeder Teil einer Geraden wieder eine Gerade ist,
und die Definition des Punktes als Grenze einer Linie be¬
rücksichtigt).
Zweitens: Damit Gegenstände meßbar sind, müssen sie
nicht nur größer und kleiner sein, sondern ihr Größenunter¬
schied muß in Zahlen sich ausdrücken und das heißt, wie wir
wissen: es muß der größere sich in Teile zerlegen lassen,
die dem kleineren gleich sind. Dafür können wir auch sagen:
Es muß sich der eine auf dem anderen abtragen, also der
eine auf den anderen übertragen, mit einem Teil des anderen
zur Deckung bringen lassen, oder esgibtkongruente
räumliche Figuren, und jeder Teil einer räum¬
lichen Figur kann einem außerhalb dieser Figur, in anderer
Lage also befindlichen räumlichen Gebilde kongruent sein.
Ich erinnere hier an eine allgemeine Einsicht, die früher
gewonnen wurde: Gleiche räumliche Gebilde sind (vgl.
238 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
S. 197) Gebilde, die, wenn man, ihre Lageverschiedenheit auf¬
hebt, zu einer Figur werden, d. h. sich kongruent zur Deckung
bringen. (Auch die Flächengleichheit räumlicher Figuren wird
ja in der Geometrie auf Kongruenz von Teilen zurückgeführt.)
Der Satz „es gibt kongruente Figuren verschiedener
Lage“ enthält zwei weitere oder setzt sie voraus. Erstens
muß jede Figur sich selbst gleich oder kongruent sein, d. h.
sie muß dieselbe eine Figur sein, gleichgültig wie sie
aufgefaßt und durchlaufen wird. Das Nichtzutreffen dieser
Voraussetzung würde nicht nur die Möglichkeit der Kon¬
gruenz, sondern auch die Zerlegung eines Ganzen in zählbare
Teile aufheben. Ferner: Von Kongruenz zu reden hat nur
Sinn, wenn es möglich ist, eine Figur von einer Stelle des
Raumes auf eine andere zu übertragen ohne Deformation.
So erhalten wir den Satz, daß jede Figur ohne Deformation
von einer Stelle des Raumes auf jede beliebige andere über¬
tragen werden kann.
Dieser Satz darf indessen nicht mißverstanden werden.
Er besagt nicht, daß wir jeden bestimmt geformten Gegen¬
stand, ohne daß er sich veränderte, müßten transportieren
können. Ob ein solcher Transport möglich ist, das hängt
von physikalischen Bedingungen ab, die bestenfalls mehr
oder minder erfüllbar sein können. Sondern er sagt nur,
daß wir in der Vorstellung ein räumliches Gebilde
unverändert an jede andere Stelle übertragen oder daß wir
uns jedes Gebilde an einer beliebigen andern
Stelle vorstellen können. Denn es genügt, daß wir
uns jene Übertragung vorstellen oder sie in Gedanken vor¬
nehmen können, daß die Übertragung in diesem Sinn nicht
wirklich ausgeführt, aber „möglich“ wird, damit die Rede
von gleichen räumlichen Figuren einen Sinn hat. Ebenso:
wenn wir sagen, „es gibt Kongruenz“, so heißt das nicht:
es gibt in der Wahrnehmungswelt da und dort oder überall
kongruente Figuren, sondern sie existieren überall, wo wir
wollen, als vorgestellte Gebilde. Die Sätze „es gibt ähnliche
Figuren“ oder „jede Figur kann vergrößert und verkleinert
werden“ und es gibt kongruente Figuren verschiedener Lage
oder es gibt Bewegung ohne Deformation, sind Postulate
oder Axiome der Geometrie, weil, wenn diese Sätze nicht
gelten würden, die geometrischen Gegenstände nicht „größer“
und „kleiner“, bzw. nicht in zahlenmäßig bestimmtem Ver¬
hältnis größer und kleiner wären.
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie.
239
Diese beiden Grundsätze begründen nun aber für sich
genommen nur die Möglichkeit, räumliche Gegenstände über¬
haupt zu messen, noch nicht die, alle räumlichen Gebilde
auf denselben Maßstab zu beziehen, oder, was das¬
selbe besagt, alle untereinander messend zu ver¬
gleichen. Diese Möglichkeit und damit die Möglichkeit,
eine systematisch geschlossene alle räumlichen Formen
umfassende geometrische Wissenschaft zu begründen, ent¬
steht erst dadurch, daß wir je zwei Punkte des Raumes,
gleichviel welcher Figur sie angehören, wo sie sich befinden,
wie nah oder weit sie von einander stehen, durch eine
und nur eine gerade Linie verbinden können, also
durch eine Linie, die erstens durch die Lage der Punkte ein¬
deutig bestimmt ist und die zweitens mit jeder entsprechen¬
den Linie, die zwei beliebige andere Punkte verbindet,
messend verglichen werden kann. So kommen wir zu dem
dritten Postulat: Es gibt gerade Linien, oder
zwischen je zwei Punkten ist eine und nur eine gerade Linie
möglich.
Was diesen Satz zum Axiom oder Postulat macht, ist,
daß die Gerade eine Linie ist, die durch zwei Punkte ein¬
deutig festgelegt ist und daß sie als Linie gleicher Art nur
der Größe nach unterschieden und in diesem Größenunter¬
schied meßbar, zwischen je zwei beliebigen Punkten (zwischen
zwei Punkten überhaupt) wiederkehrt. Gäbe es eine solche
Linie nicht, so könnten wir nicht von der bestimmten Ent¬
fernung zweier Punkte schlechtweg reden, sondern wir
könnten höchstens bestimmte Linien (die in ihrer
Eigenart näher bezeichnet werden müßten) messend mitein¬
ander vergleichen. Das Postulat der Geometrie als
solches besteht danach streng genommen nur in dem Satz,
daß es überhaupt zwischen je zwei Punkten eine Linie be¬
stimmter Art gibt, die durch diese Punkte eindeutig be¬
stimmt ist und sich an jeder anderen Linie der gleichen Art
messen läßt. Daß diese Linie nun weiter gerade die Eigen¬
schaften hat, die wir als die übrigen Eigenschaften der
geraden Linie kennen, gehört nicht mit zum Postulat
als solchem, d. h. es wäre widerspruchslos denkbar,
daß diese Linie andere Eigenschaften hätte, und es bliebe
auch eine Geometrie möglich, wenn eine solche andere me߬
bare Linie je zwei Punkte verbände. Endlich können wir den
Begriff der „Geraden“ so erweitern, daß wir jede solche
240 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
denkbare Linie, die dem dritten Postulat der Geometrie ge¬
nügen würde, eine „Gerade“ nennen. Dann erhalten wir ver¬
schiedene Arten von Geraden, und unsere Euclidische Gerade
als einen Spezialfall derselben. Aber jene anderen Geraden
sind niemals anschaulich vorstellbar; wollen wir uns jene
Linie, die uns die Messung des Abstands zweier Punkte ge¬
stattet, in der Anschauung realisieren, so stoßen wir un¬
weigerlich auf unsere Gerade. Die Möglichkeit der Nicht-
Euclidischen Räume besteht n u r in ihrer widerspruchslosen
Denkbarkeit, d. h. in der widerspruchslosen Vereinbarkeit
der die Gegenstände der Nicht-Euclidischen Geometrien kon¬
stituierenden Sätze, nicht dagegen reicht sie so weit, daß
wir Gegenstände uns anschaulich vorzustellen vermöchten,
für die diese Urteile gelten würden.
Vielleicht wird diese Behauptung bestritten mit Rück¬
sicht darauf, daß wir uns doch die geodätischen Linien
elliptischer und hyperbolischer Flächen vorzustellen vermögen,
die ja bekanntlich den nichteuclidischen Geraden entsprechen.
Es sei zur Antwort auf diesen Einwand, der nun freilich
seine volle Erledigung erst finden kann, wenn wir das
Eigentümliche uns zum Bewußtsein gebracht haben, das
dem Dreidimensionalen und seiner geometrischen
Betrachtung anhaftet, von der bisher noch gar nicht die Rede
war, zunächst sei nur darauf verwiesen, daß wir uns ein
Ellipsoid doch offenbar nur vorstellen können, indem wir
irgendwie von der Vorstellung einer Ellipse ausgehen, also
eines Gebildes der Euclidischen Geometrie, und daß die geo¬
metrische Betrachtung der krummen Flächen selbst der
Euclidischen Geometrie zugehört.
Nun haben aber diese Dinge doch noch ihre Kehrseite.
Ich betonte bei den beiden anderen Postulaten ausdrücklich:
Wir wissen nie, ob die Figur, die wir durch realiter ausgeführte
Vergrößerung oder Verkleinerung einer anderen erhalten
haben, sich von dieser auch wirklich nur durch die Größe
unterscheidet und ob wir realiter ganz ohne Deformation
eine Fläche im wirklichen, d. h. im Wahrnehmungsraum
bewegen können. Ebenso wissen w r ir nicht, ob die von uns
gerade gezogene gerade Linie auch wirklich genau eine
gerade Linie ist. Es könnte schließlich sein, daß es schlechter¬
dings eine wirklich ausgeführte, nicht bloß vorgestellte,
sondern wahrgenommene Bewegung ohne Deforma¬
tion überhaupt nicht gäbe. Und ebenso könnte es sein, daß
8. Die Gegenstände und die Axiome der Geometrie.
241
die wirkliche Konstruktion einer geraden Linie im Wahr¬
nehmungsraum unmöglich wäre, und daß z. B. jede solche
Konstruktion tatsächlich auf eine Linie führte, die sich etwa
wie eine geodätische Linie eines Ellipsoids verhielte. Das
Ergebnis wäre, daß jede Messung, vorausgesetzt, daß die
Abweichung der konstruierten Linie von der Euclidischen
Geraden innerhalb der Grenze der unserer Messung erreich¬
baren Gegenstände läge, in gewissem Umfang falsch würde,
d. h. vom auf Grund einer voraufgehenden anderen Messung
errechneten Resultat abwiche. Dann könnten wir uns dieser
Tatsache gegenüber in doppelter Weise verhalten. Wir können
erstens, und das wird der nächstliegende Weg sein, uns die Ab¬
weichung physikalisch erklären. Dann legen wir unseren
Messungen auch weiterhin die Euclidischen Formeln zugrunde
und betonen nur, daß aus näher anzugebenden physika¬
lischen Gründen in einem aus diesen Gründen abzuleitenden
Verhältnis die Messungen uns ein von dem „richtigen“, das
anzusetzen und in der Rechnung zu benutzen wäre, ab¬
weichendes Resultat geben. Wir können aber auch anders
verfahren, nämlich der Berechnung sofort andere For¬
meln zugrunde legen, anstatt mit den Euclidischen Formeln
zu rechnen und das Resultat der Messung zu korrigieren —
und das wären in diesem hier angenommenen Fall die Formeln
der entsprechenden Nicht-Euclidischen Geometrie. In diesem
letzteren Fall würden wir davon sprechen können, daß wir
den Wahrnehmungsraum als Nicht-Euclidischen Raum an-
sehen und behandeln.
Welches von diesen beiden Verfahrungsweisen wir nun
in dem hypothetisch angenommenen Fall, daß die Messungen
untereinander, nach den Formeln der Euclidischen Geo¬
metrie aufeinander bezogen, nicht zueinander stimmten, tat¬
sächlich einschlagen würden, das hängt von den Umständen,
d. h. es hängt davon ab, ob die erwähnte physikalische Er¬
klärung der Abweichung sich einfach oder kompliziert und
mit Hypothesen durchsetzt gestalten würde. Es wäre also
in diesem Sinn davon abhängig, welches von beiden Ver¬
fahren „ökonomischer“ wäre. Die angestellte Überlegung
zeigt daher, in welchem Sinn die von Mathematikern ver¬
tretene Behauptung zutrifft, daß man durch direkte Messung
darüber entscheiden könnte bzw. müßte, ob der wirkliche
(Wahrnehmungs-)Raum euclidisch oder nichteuclidisch sei,
sowie die wieder von anderer Seite (PoincarG u. a.) dem
v. Aster, Philosophie. 18
242 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
entgegengestellte Meinung, daß nicht über Richtigkeit und
Unrichtigkeit des einen und anderen Gedankens, sondern
nur über die größere oder geringere „Bequemlichkeit“ der
einen oder anderen Geometrie auf diesem Wege entschieden
werden könnte.
Festzuhalten ist dabei nur noch eins, was schon vorhin
betont wurde: nämlich daß wir uns auf alle Fälle die nicht-
euclidischen Gebilde nur vorzustellen vermögen auf
dem Umweg über euclidische Gebilde: die nichteuclidische
Gerade etwa als in sich zurücklaufende Linie auf einem
Ellipsoid usw. Auf demselben Grunde beruht es, daß die
nichteuclidische Geometrie im ganzen sich uns doch nur auf
der Grundlage der euclidischen, gewissermaßen als eine
letzten Endes willkürliche, nur widerspruchslos mögliche
Variation derselben darstellt. Die Sätze der euclidischen
Geometrie sind die einzigen, die als synthetische Sätze
a priori der Anschauung entnommen werden und auf diesem
Wege (einschließlich des Parallelenaxioms) begründet werden
können. Ich wiederhole, daß was an diesen Aufstellungen
noch paradox erscheint, im nächsten Abschnitt seine Auf¬
klärung finden wird.
9. Die stereometrischen Gebilde und der Raum.
Zu den Objekten geometrischer Untersuchung gehören
nicht nur zwei-, sondern auch dreidimensionale
Gebilde. Sind diese dreidimensionalen Gebilde — Kugeln,
Würfel — ebenso wahrnehmbare, direkt zur Gegebenheit
zu bringende Gegenstände, wie dies von einem Kreis, einer
Geraden usw. gesagt werden kann?
Der bloße Umstand, daß wir das, was wir von einer Kugel
sehen, restlos als zweidimensionales Gebilde auf einer Glas¬
platte, die zwischen uns und dem Objekt aufgestellt ist,
widergeben können, daß wir, was dasselbe besagt, die gegen¬
seitige Lage aller gesehenen Punkte der Kugel durch
die zwei Dimensionen der Breite und Höhe eindeutig und
vollständig festlegen können (während alle Punkte, die in
ihrer Lage nur in bezug auf die Tiefe unterschieden sind,
nicht als verschiedene Punkte gesehen werden, sondern zu-
sammenfallen), zeigt, daß dies nicht der Fall sein kann
und daß, wenn wir vom „Sehen“ einer Kugel oder allgemeiner
dreidimensionaler Gebilde reden, das Wort „Sehen“ in einem
9. Die stereometrischen Gebilde und der Raum.
243
übertragenen Sinn oder besser jedenfalls nicht in dem Sinn
von „unmittelbar Gegebensein“ gemeint ist. Wir „sehen“
eine Kugel, heißt: Es ist ein Gesichtswahrnehmungsinhalt
unmittelbar gegeben, den wir sofort als „Kugel“ be¬
zeichnen und dem gegenüber wir uns auch sofort dem¬
entsprechend verhalten, genau so, wie wir in anderen Fällen
ein „Automobil hören“, ein Ausdruck, mit dem nicht ge¬
meint ist, daß hier der Gegenstand, den wir ein Automobil
nennen, uns unmittelbar gegeben wäre, sondern das un¬
mittelbar Gegebene ist ein Ton, der nur unmittelbar eine
bestimmte Bezeichnung und ein bestimmtes Verhalten in
uns auslöst oder, was dasselbe besagt, von uns unmittelbar
als Automobil (richtiger „Erscheinung“ eines A.) „erkannt“
wird (vgl. die Ausführungen auf S. 112ff.). Wenn wir in dieser
Weise ein dreidimensionales Gebilde „sehen“ (richtiger
würden wir sagen: ihm seine Dreidimensionalität „ansehen“),
so sind dabei stets gewisse Momente des Gesehenen im Spiel,
die den „Eindruck“ der Dreidimensionalität besonders be¬
dingen, so wie es ein besonderer Charakter (ein bestimmter
Glanz) einer Fläche ist, der uns der Fläche ihre Glätte an¬
sehen läßt. Diese „Tiefenzeichen“ werden aber nicht etwa
besonders bemerkt, beachtet und daraufhin die Dreidimensio¬
nalität erschlossen — dann würden wir nicht von einem
„Sehen“ der Tiefe sprechen, sondern ihr bloßes Vorhanden¬
sein genügt, daß wir die Tiefe unmittelbar „erkennen“,
welches „Erkennen“, wie oben geschildert, in der Einstellung
auf ein bestimmtes Bezeichnen und Handeln besteht. Ob
diese Wirksamkeit der Tiefenzeichen von Haus aus bestand,
angeboren oder empirisch entstanden ist, ob sich das heutige
unmittelbare „Erkennen“ aus einem Erschließen der Drei¬
dimensionalität allmählich herausgebildet hat, ob es ferner
unter diesen „Zeichen“ solche gibt, die direkt physiologisch
durch die tatsächliche Tiefenentfernung bedingt sind („Tiefen-
empfindung“) — das wären weitere Fragen, über die hier
noch gar nichts ausgemacht ist und auf die sich m. M. n.
der Gegensatz der „empiristischen“ und „nativistischen“
Theorie der Raumwahrnehmung, soweit diese Theorien
erkenntnistheoretisch möglich sind, zurückleiten läßt.
Kreise, Linien usw. gehören der Welt der
unmittelbaren phänomenalen Gegeben¬
heiten; Würfel, Kugeln usw. dagegen der
Welt des nicht mehr Phänomenalen, son-
16 *
244 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
dern Dinglichrealen an. Ein Würfel kann nur zur
Gegebenheit gebracht werden, indem wir uns seine ver¬
schiedenen (malerisch oder zeichnerisch festhaltbaren) Er¬
scheinungen zur Gegebenheit bringen, so wie ein Ding zur
Gegebenheit bringen nur heißen kann: durch Sehen, Tasten,
Schmecken usw. sich seine verschiedenen möglichen Er¬
scheinungen zur Gegebenheit bringen.
Hier aber entsteht nun ein Problem: Wenn die stereo¬
metrischen Gebilde keine Gegebenheiten, sondern reale Dinge
sind, wie kann es dann mathematische Erkenntnis von ihnen
geben, wofern Mathematik wirklich, wie behauptet wurde,
sich aus synthetischen Sätzen a priori der Anschauung
zusammensetzt, da doch solche Sätze eben nur an an¬
schaulich gegebenen Gebilden abgegeben werden können ?
Um diese Schwierigkeit zu heben, müssen wir einen kleinen
Umweg einschlagen.
Das Wort „blau“ hat, wie man sich von früher her er¬
innert, einen doppelten Sinn. Es bezeichnet einmal einen
bestimmten Farbwahrnehmungsinhalt (bzw. die entspr.
Gattung), also einen phänomenalen Gegenstand; es bezeichnet
aber zweitens auch eine bestimmte reale Farbe, die Farbe,
die unter bestimmten Bedingungen — bei Tageslicht, direkt
betrachtet — blau, unter andern aber — bei Lampenlicht —
grünlich, und wieder unter anderen — bei Nacht — grau
oder schwarz erscheint. Das Sofa ist realiter auch bei Nacht
„blau“, es hat nach wie vor „dieselbe“ Farbe, wenn es auch
„anders aussieht“, d. h. die reale Farbe bleibt dieselbe, die
indes unter verschiedenen Bedingungen in verschiedenen
phänomenalen Farben sich darstellen kann. Diese eine reale
Farbe aber benenne ich nun nach der charakterischsten ihrer
Erscheinungen, nach derjenigen, in der sie sich von allen
anderen realen Farben unterscheidet (bei Nacht sind alle
Farben grau und bei Lampenlicht werden grün und blau
ununterscheidbar), wodurch jener Doppelsinn des Wortes
blau (und aller anderen Farbbezeichnungen) entsteht.
Einen gleichartigen Doppelsinn haben nun auch die
Worte, die geometrische Figuren benennen. Unter einem
Kreis verstehen wir erstens eine bestimmte Figur, die wir
uns als solche zur phänomenalen Gegebenheit bringen
können, zweitens aber auch eine „reale Kreisfläche“ oder
eine „Kreisfläche im Raum“, d. h. ein reales Gebilde, das
unter bestimmten Bedingungen als Kreis, unter anderen
9. Die stereometrischen Gebilde und der Raum.
245
aber auch als Ellipse oder als Linie sich der Wahrnehmung
darstellen kann; oder dessen Erscheinungsbild, wenn wir
bestimmte, uns bekannte, w r enn auch nicht exakt zu be¬
schreibende Bedingungen erfüllen, aus der Kreisform in die
einer immer schmäleren Ellipse und durch den Grenzfall,
in dem die Ellipse zur Linie einschrumpft, wieder in die
Kreisform übergeht. Wenn wir uns nun hier wieder fragen,
warum wir ein phänomenales und ein in verschiedenen
möglichen Phänomenen erscheinendes reales Gebilde mit
demselben Namen benennen, so könnten wir uns wie oben
darauf berufen, daß der reale Gegenstand nach seiner charak¬
teristischsten Erscheinung benannt wurde. Aber die Sache
liegt hier noch etwas anders.
Wir definieren das Quadrat als ein Viereck mit vier
gleichen Seiten und Winkeln. Wir bezeichnen zwei Strecken
dann als gleich, wenn sie bei Aufhebung ihrer raumzeitlichen
Geschiedenheit zusammenfallen, zu einer Strecke werden
oder sich decken (vgl. S. 197). Nun sei das Quadrat schräg
gehalten, erscheine also als ungleichseitiges Viereck. Dann
können wir diese Ungleichseitigkeit uns durch einen Ver¬
gleich zum Bewußtsein bringen, wir können visierend oder
in der Vorstellung eine Strecke auf die andere über- oder
sie auf ihr abtragen. (Ein messender Vergleich, der zu
unterscheiden ist von der „Schätzung“ des Unterschieds
beider Strecken, von der früher die Rede war und die, wie
man sich erinnert, darin besteht, daß wir uns die Weite des
innnerlichen Schrittes zum Bewußtsein bringen, mit dem
wir von der einen zur anderen Strecke übergehen. Dabei
ist noch hinzuzufügen, daß sehr oft, weil die mit Hilfe der
Vorstellung vollzogene Messung der phänomenalen Größe
zweier in verschiedener Entfernung vom Auge befindliche
Strecken etwas schwierig Durchzuführendes ist, in diese
Messung die Schätzung sich einmischt; und das Resultat
ein Mittel zwischen beiden darstellt. Festzuhalten aber ist
jedenfalls, daß überhaupt eine direkte messende Ver¬
gleichung phänomenaler Gegenstände möglich ist und daß,
wenn wir behaupten, die doppelte Entfernung vom Auge
verkleinere die phänomenale Größe eines gesehenen Gegen¬
standes um die Hälfte, das auf Grund direkter Vergleichung
bestätigt werden kann, ohne daß wir Reflexionen auf die
Größe des Netzhautbildes oder mathematische Konstruk¬
tionen dazu brauchten.) Wir können aber dieses Aufein-
246 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
anderlegen oder Aneinandermessen noch anders ausführen,
indem wir nämlich nicht mit Hilfe der Vorstellung das eine
Phänomen an das andere rücken, sondern indem wir den
realen Gegenstand, der der einen gesehenen Strecke
zugrunde liegt, mit dem der anderen zur Deckung bringen.
Das Kennzeichen dafür aber, daß wir nicht nur zwei
einzelne Erscheinungen, sondern zwei reale Gegenstände
zur Deckung gebracht haben, liegt darin, daß sich ihr räum¬
liches Zusammen für unsere Wahrnehmung erhält, gleich¬
gültig, von welcher Seite wir die zur Deckung gebrachten
Formen betrachten. Oder, was dasselbe besagt: wenn wir
die realen Gegenstände selbst zur Deckung gebracht haben,
so muß sich dieses räumliche Zusammen auf sämtliche
Erscheinungen derselben beziehen (zwei verschiedene reale
Gegenstände können räumlich nur dann zusammenfallen
oder einen Gegenstand ausmachen, wenn sich niemals
unter denselben Bedingungen zwei räumlich verschiedene Er¬
scheinungen ergeben, von denen die eine dem einen, die
andere dem anderen Gegenstand zugehört). Als gleich
also bezeichnen wir zwei reale Formen dann, wenn sie in
dieser Weise zusammengelegt, sich tatsächlich in allen ihren
Erscheinungen zur Deckung bringen lassen 1 .
Aus alledem folgt zunächst, daß und in welchem Sinn
wir zwei für die Wahrnehmung verschieden große Formen
als Erscheinungen gleich großer realer Formen bezeichnen
und nachweisen können. Es ergibt sich weiter die Möglich¬
keit, überhaupt Messungen realer Gegenstände
an einander vorzunehmen bzw. der Sinn, den solche Messun¬
gen haben. Es ergibt sich endlich der Doppelsinn, den z. B.
der Begriff des Quadrats haben kann, wenn wir es als ein
Viereck mit gleichen Seiten und Winkeln definieren, inso¬
fern hier die Gleichheit phänomenaler und realer Gebilde
oder die Seiten- und Winkelrelation einer phänomenalen
oder realen Form gemeint sein kann.
Nun ist hier noch eins hervorzuheben, nämlich daß der
1 Ich habe mit Absicht den Begriff der realen Form definiert,
indem ich nur ihre sichtb aren Erscheinungen und ihren
Zusammenhang herangezogen, dagegen von allen Erscheinungen,
die auf dem Tastsinn beruhen, abstrahiert habe. Nehmen wir die
letzteren hinzu, so wird die Sache im Prinzip nicht anders, sondern
kompliziert sich lediglich, da jeder Gesichts- eine bestimmte Tast¬
erscheinung entspricht.
9. Die stereometrischen Gebilde und der Baum.
247
Größenvergleich phänomenaler Gebilde jederzeit aus der
Vorstellung ausführbar ist, indem wir in der Vorstellung
das eine auf das andere übertragen, während der Größen¬
vergleich realer Gebilde jederzeit auch das reale, für die
Wahrnehmung vollzogene Zusammenlegen voraussetzt. Ge¬
nauer: der Größenvergleich realer Gebilde setzt eine Er¬
kenntnis voraus, die nur auf empirischem Wege ge¬
wonnen werden kann, die Erkenntnis, wie sich eine Form
in ihrer Erscheinung verändert, wenn sie „gedreht“ oder
„im Raume bewegt“ wird, kurz, wenn die Bedingungen er¬
füllt werden (die in Form von Bewegungsempfindungen er¬
lebt werden, nicht exakt beschreibbar, aber uns bekannt
und von uns ausführbar sind), unter denen allein eine
reale Form mit einer anderen zur Deckung gebracht werden
kann. Trotz dieses empirischen Einschlags aber muß es
möglich sein, wie man sieht, auch die Erkenntnis
der realen Formen im Raum, wie weiterhin der
stereometrischen Gebilde, mathematisch durch¬
zuführen: Wenn bestimmte Maßbestimmungen als gültig
vorausgesetzt sind, so gelten die mathematischen Gesetze,
die für die meßbaren Gebilde als solche gelten müssen,
auch dann, wenn die Feststellung jener Maßbestimmungen
nur unter Benutzung empirischer Gesetze möglich war.
Daß, was hier für die realen Flächen ausgeführt wurde, ent¬
sprechend übertragbar ist auf die Körper, ist ohne weiteres
klar, denn ein Körper ist ja nichts anderes als eine Kombi¬
nation realer Flächen, die in gesetzmäßiger Weise mitein¬
ander verknüpft sind. —
Es fehlt uns indessen noch ein letzter und zugleich ab¬
schließender Gegenstand mathematisch-geometrischer Be¬
handlung: dieser Gegenstand ist der Raum.
So wie die wahrgenommene quadratische Fläche sich
zum Würfel verhält, dessen gesehene Vorderfläche sie ist,
oder der Kreis entsprechend zur Kugel, so verhält sich das
gesamte anschaulich gegebene Gesichtsfeld zum „Raum“.
Nun schreiben wir aber dem Raum eine Eigenschaft zu, die
einer genauen Erörterung bedarf: wir sprechen von dem
einen, allumfassenden, unendlichen Raum, der alle
Körper in sich enthält. Wie kommen wir zu diesen Be¬
stimmungen ?
Wir haben vor uns ein bestimmtes Gesichtsfeld. Nun
bewegen wir die Augen oder den Kopf: dann tritt an die
248 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
Stelle des ersten ein anderes Gesichtsfeld. Aber dieser
Wechsel geht nun nicht so vor sich, wie wenn wir erst einen
Ton und dann einen anderen hören, wie wenn eines abbricht
und ein zweites dafür eintritt. Sondern der Wechsel der
Gesichtsfelder geht kontinuierlich vor sich, eines geht in
das andere über. Man nehme ein anderes Beispiel: Wir
lassen im fahrenden Eisenbahncoup6 die Landschaft an
uns vorüberziehen: auch hier ein kontinuierlicher Wechsel,
bei dem das auf der einen Seite Auftauchende sich
kontinuierlich nach der anderen herüberschiebt, ohne daß
wir irgendwo einen Moment festlegen könnten, von dem wir
nur sagen könnten, daß jetzt das eine Gesichtsfeld aufhöre
und das andere anfange. Und so wie im Eisenbahnzug ver¬
hält es sich ständig, mit Ausnahme der wenigen Fälle, in
denen etwa plötzlich unser Auge sich schließt oder die Be¬
leuchtung verlischt. Daher können wir auch sagen: wir
sehen nicht eine Anzahl von Gesichtsfeldern, die sich an¬
einander schließen, sondern wir sehen eine sukzessive Ein¬
heit, ein sukzessives Ganzes, und wenn wir davon sprechen,
daß dies Ganze sich aus einzelnen Gesichtsfeldern zusammen¬
setze, so ist diese Ausdrucksweise eigentlich schon das Er¬
gebnis einer Abstraktion, einer besonderen trennenden
Heraushebung. Das zuerst Gegebene ist das Ganze, das wir
dann erst in Teile zerlegen, nicht die Teile, die wir zum
Ganzen einer Summe zusammenschließen. M. a. W.: das
Gesichtsfeld ist uns stets gegeben als Teil einer vergrößer¬
baren Fläche, die wir freilich nur sukzessiv, als suk¬
zessives Ganzes wahrzunehmen imstande sind. Man erinnert
sich hier an das oben erörterte Axiom, daß jede Linie und
Fläche vergrößerbar ist — zum Teil einer größeren Linie
oder Fläche gemacht werden kann. Der Satz gilt allgemein —
nur daß von einem bestimmten Punkt an die vergrößerte
Linie oder Fläche nur noch als sukzessives Ganzes vorstell¬
bar ist.
Nun beachte man, w i e diese Vergrößerung des Gesichts¬
feldes vor sich geht. Stellt man sich, was der Einfachheit
halber geschehen kann, wenn es auch natürlich der Wirk¬
lichkeit nicht entspricht, das Gesichtsfeld scharf begrenzt
vor, so vollzieht sie sich in der Weise, daß entweder die
linke Grenze sich nach rechts oder die rechte nach links,
oder die untere Grenze nach oben, oder die obere nach unten
sich durch das Gesichtsfeld verschiebt, bzw. daß eine Schräg-
9. Die stereometrischen Gebilde und der Raum.
249
Verschiebung nach beiden Richtungen zugleich stattfindet.
Dabei werden die einzelnen Punkte der linken (rechten,
oberen, unteren) Grenzlinie (wenn wir uns dieselbe in solche
Punkte zerlegt denken) zu Endpunkten von Linien, die
sich von links nach rechts (von rechts nach links, von oben
nach unten, von unten nach oben) durch das Gesichtsfeld
hindurch erstrecken und die Grenzlinie im ganzen zu der
Begrenzungslinie, die das neu sich von links nach rechts
(oder von rechts nach links usw.) einschiebende Gesichtsfeld
von dem vorigen trennt, wenn wir eine solche Trennung
willkürlich vornehmen. Endlich vollzieht sich eine solche
bestimmte Vergrößerung des Gesichtsfeldes jedesmal,
wenn wir bestimmte Bedingungen erfüllen, die wir in
Form von Bewegungsempfindungen erleben.
Damit erscheint nun also jedes Gesichtsfeld als Teil
einer unendlichen, d. h. ständig vergrößerbaren, aber
zunächst nur zweidimensionalen oder flächenhaften
Ausdehnung.
Nun ist aber außer dieser doppelten Verschiebung noch
eine weitere Veränderung des jeweiligen Gesichtsfeldes
möglich. Wiederum bei bestimmten Bewegungen nämlich
verwandeln sich die Punkte im Innern des vor uns
stehenden Gesichtsfeldes kontinuierlich in Linien, die
sich entweder horizontal oder vertikal durch
das veränderte Gesichtsfeld hindurch erstrecken, während
zugleich die bisherigen Horizontal- oder die
Vertikallinien zu bloßen Punkten zusammen¬
schrumpfen (zwei Veränderungen, die sich freilich auch,
ebenso wie die Verschiebung des Gesichtsfeldes nach rechts
oder links und nach oben oder unten, miteinander kom¬
binieren können.) Die Möglichkeit dieser Veränderung ist es,
die uns von einer Tiefenrichtung überhaupt reden, und diese
Tiefenrichtung der Breite und Höhe, die Verschiebung nach
der Tiefe zu der Verschiebung nach rechts oder links, oben
oder unten vollkommen analog setzen läßt. Auch diese Ver¬
änderung geht kontinuierlich vor sich, auch hier können wir
nun diesen aus den Punkten im Innern des Gesichtsfeldes
hervorkommenden Horizontal- bzw. Vertikallinien folgend
ins Unendliche gleiten: Das zurzeit gegebene Gesichtsfeld
erscheint als Teil einer dreifachen unendlichen Ausdehnung,
derjenigen, die entsteht, indem die vorhandenen Horizontal¬
linien sich in ihrer Richtung rechts und links verlängern,
250 Viertes Kapitel Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
derjenigen, die entsteht, indem dasselbe nach oben und
unten mit den Vertikallinien geschieht, endlich derjenigen, die
entsteht, indem die Punkte im Innern sich zu neuen Vertikal¬
oder Horizontallinien auswachsen. Die volle „Gleichwertig¬
keit“ dieser drei „Dimensionen“ ergibt sich freilich erst,
wenn wir hinzunehmen, daß sich Vertikal- und Horizontal¬
linien jederzeit miteinander vertauschen lassen, daß wir den
Horizontallinien im Gesichtsfeld durch eine bestimmte Be¬
wegung jederzeit eine Vertikalrichtung geben können, wo¬
durch zugleich die bisherigen Vertikalen umgekehrt
zu Horizontalen werden, daß also der Gegensatz von vertikal
und horizontal stets in diesem Sinn ein nur „relativer“ ist.
Was wir „wahrnehmen“ im Sinn des unmittelbaren Ge¬
gebenseins, ist niemals etwas anderes als ein b e g r e n z t e s
(wenn auch nicht scharf begrenztes, d. h. wir vermögen die
Grenze als solche nicht beachtend herauszuheben), nur nach
Breite und Höhe ausgedehntes Gesichtsfeld, wenn
wir dies Gesichtsfeld auf einen dreidimensionalen Raum
beziehen, wenn wir in ihm diesen Raum „wahrzunehmen“
behaupten, so drückt diese Behauptung nur aus, daß dies
Gesichtsfeld als Teil eines dreifachen ins Unendliche fort-
setzbaren sukzessiven Ganzen betrachtet werden
kann, das wir unter bekannten Bedingungen wahrzunehmen
erwarten, genauer das „Wahrnehmen“ dieses Raumes be¬
steht darin, daß wir uns jederzeit unmittelbar diesen
Erwartungen entsprechend in Worten und Handlungen
verhalten (ohne sie uns als Erwartungen zum Bewußtsein
zu bringen oder entsprechende „Schlüsse“ vollziehen zu
müssen).
Daß der Raum drei und nur drei Dimensionen hat, ist
eine Erkenntnis, die zum Teil auf der Erfahrung beruht. Es
ist, genauer gesagt, eine empirische Erkenntnis, daß die Punkte
im Innern des Gesichtsfeldes sich unter jenen Bedingungen
zu bestimmten Linien ausdehnen und dafür bestimmte
Linien zu Punkten einschrumpfen, es wäre denkbar, daß das
nicht zuträfe, und demnach das gegebene Gesichtsfeld sich
nur nach zwei Dimensionen hin ins Unendliche fortsetzen
ließe. Es wäre aber auch die Existenz eines Raumes mit
mehr als drei Dimensionen denkbar, es wäre z. B. denkbar,
daß unter Voraussetzung bestimmter Bewegungen eine
Gruppe von Punkten im Innern zu Linien wird, während
eine andere Gruppe unverändert bleibt (bzw. unver-
9. Die stereometrischen Gebilde und der Baum.
251
ändert als Punktgruppe dem Gesichtsfeld entschwindet), die
dann wieder unter anderen Bedingungen sich zu Linien
auswachsen. In diesem Fall würden wir das gegebene Ge¬
sichtsfeld außer in bezug auf Breite und Höhe noch als
Ausgangspunkt zweier ins Unendliche fortsetzbarer Flä¬
chen betrachten können, d. h. wir würden dem Raum vier
Dimensionen zuschreiben. Setzen wir andererseits als sicher
voraus, daß der Raum überall drei und nur drei gleichwertige
Dimensionen hat, so können wir jede reale Form mathematisch
konstruieren.
Wenn wir nun freilich behaupten, daß ein und derselbe
Raum alle von uns und Andern wahrgenommene
Dinge umfasse, so liegt in dieser Behauptung noch ein
weiteres: es liegt darin die Voraussetzung der Existenz von
Dingen, d. h. die Voraussetzung, daß sich alle eigenen und
fremden Wahrnehmungen in einen gesetzmäßigen Zu¬
sammenhang fügen lassen.
Der Raum wurde bisher nur als Gesichtsraum verstanden
und abgeleitet, ebenso die stereometrischen Gebilde nur als
Gegenstände, die uns als gesehene Gegenstände er¬
scheinen. Auf ganz entsprechende Weise aber, wie der Be¬
griff des gesehenen, entsteht der Begriff des getasteten Kubus,
Kegels und endlich Raumes. Wenn wir schließlich den Tast-
mit dem sichtbaren Kegel, den Tastraum mit dem sichtbaren
Raum identifizieren, so ist das der Ausdruck der empiri¬
schen Erkenntnis, daß mit jeder Tasterscheinung des
getasteten eine ganz bestimmte gesehene Erscheinung des
sichtbaren Kegels gesetzmäßig zusammenhängt. (Daß diese
Erkenntnis empirisch ist, geht u. a. daraus hervor, daß der
operierte Blindgeborene erst lernen muß, die gesehene mit
der ihm bekannten getasteten Kugel usw. in Verbindung
zu bringen.) Wie wir dazu kommen, diese empirische Er¬
kenntnis eines Zusammenhangs von Erscheinungen auszu¬
drücken, indem wir von einer Identität der Gegenstände
reden, wird später besprochen werden.
Endlich sei nur darauf hingewiesen, daß der alte und oft
betonte Parallelismus von Raum und Zeit wesentlich
darin liegt, daß ebenso wie aus dem Gegebensein des aus¬
gedehnten Gesichtsfeldes der eine unendliche Raum für
unser Bewußtsein entsteht, als dessen Teil uns das Gesichts¬
feld sofort erscheint, ebenso aus der gegebenen begrenz¬
ten Dauer die eine unendliche Zeit sich bildet.
252 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
So wie wir nicht Raumpunkte, sondern ausgedehnte Flächen¬
stücke wahrnehmen, so ist auch die „Gegenwart“, wenn
wir darunter die unmittelbar gegebene Zeitspanne verstehen,
kein Zeitpunkt, sondern sie besitzt eine gewisse Zeitaus¬
dehnung („Präsenzzeit“), so wie der Raumpunkt ist auch
der Zeitpunkt eine bloße Grenze zweier Zeitspannen. Und
so wie die Raum- wird auch die Zeitstrecke von uns als
Teil eines ins Unendliche verlängerbaren sukzessiven Zeit¬
ganzen erlebt, nur daß diese Verlängerung nur nach den
zwei entgegengesetzten Richtungen des Vor- und Rück¬
wärts vor sich gehen kann.
10. Anhang I: Zur modernen mathematischen Verknüpfung
von Arithmetik und Geometrie.
Es sei zum Abschluß dieser Erörterungen wenigstens ganz
kurz der Richtung gedacht, in der sich die fortschreitende
Begriffsbildung der modernen Mathematik vorzugsweise zu
bewegen scheint, ohne daß ich auf diese Begriffsbildung
im einzelnen näher einzugehen gedenke.
Wie der Begriff der Zahl oder der zählbaren Summe
definierbar ist, haben wir gesehen: Wir mußten, um diesen
Begriff mit dem ihm zukommenden Sinn zu erfüllen, hin-
blicken auf den gegebenen bestimmten Mannigfaltigkeits¬
charakter eines aus gleichen Teilen bestehenden Ganzen.
Solche Gebilde nun können wir uns in der Phantasie vor¬
stellen, beliebig zur Gegebenheit bringen oder, was dasselbe
besagt, wir können solche Summen in der Anschauung
„konstruieren“. Nun können wir in der Definition der „An¬
zahl“ eine Bestimmung fallen lassen, nämlich die Forderung,
daß die „Teile“ gleich sind oder nur soweit sie gleich sind
in Betracht gezogen werden. Wir können uns m. a. W.
ein Ganzes aus lediglich „unterschiedenen“ Teilen vorstellen,
d. h. aus Elementen, die zwar von einander unterschieden
und zugleich als Teile des Ganzen gesetzt, aber nicht speziell
als einander gleich erkannt oder gesetzt werden. Dann er¬
halten wir eine „Menge“ im mathematischen Sinn des Wortes.
Da wir nun eine Menge uns ebensogut wie eine Anzahl
jederzeit „in der Anschauung konstruieren“ können — wir
brauchen ja bloß eine beliebige Summe anstatt als Summe
als Menge aufzufassen —, so können wir über Mengen eben¬
sogut apriorische Sätze aufstellen, wie über Anzahlen oder
IO. Anhang I: Zur modernen mathematischen Verknüpfung. 253
Summen, wir können, wie wir zählbare Summen „addieren“
oder „subtrahieren“ und das Ergebnis in allgemeine Sätze
fassen, so an Mengen bestimmte Handlungen vollziehen
(wie etwa die Zuordnung der Glieder zweier Mengen zuein¬
ander) und ebenso allgemeingültige Relationen erhalten.
Mengen können in Relationen zueinander stehen, von denen
wir sofort einsehen, daß sie als dieselben Beziehungen er¬
halten bleiben, solange wir dieselben Mengen vor uns haben,
solange sie keine Veränderung erfahren, die ihren Charakter
als bestimmte Mengen betrifft.
Der Begriff der Menge ist allgemeiner als der der Zahl
oder zählbaren Summe, die Zahl ein Spezialfall der Menge.
Also müssen zunächst alle Sätze für Mengen auch für die
zählbaren Summen gelten, nicht aber umgekehrt. Oder
was dasselbe besagt: Es müssen die „Eigenschaften“ der
Mengen zugleich „Eigenschaften“ der zählbaren Summen
sein, dagegen lassen sich nicht alle Eigenschaften der zähl¬
baren Summe ohne weiteres auf die Menge übertragen. Die
„Mächtigkeit“ ist eine vergleichbare Eigenschaft der Mengen
wie der zählbaren Summen, während wir von arithmetischer
„Gleichheit“ nur bei letzteren sprechen können. Der Ge¬
danke, daß die Summe ein Spezialfall der Menge ist, ent¬
hält aber noch mehr: Wie wir jede zählbare Summe als
Menge auffassen, so können wir die vorgestellte Menge durch
Hinzufügung einer weiteren speziellen Bedingung — durch
Gleichsetzung der sie bildenden Faktoren — als Spezial¬
fall aus der Menge entstehen lassen. Und so
können wir auch die Gesetze der zählbaren Summe aus den
Gesetzen der Menge entstehen lassen, in demselben Sinn,
wie wir aus den Gesetzen des Dreiecks überhaupt die des
rechtwinkeligen Dreiecks, aus dem allgemeinen Pythagoras
die speziellere Form des Lehrsatzes für das rechtwinkelige
Dreieck ableiten können. Es werden damit zugleich die
„Eigenschaften“ der zählbaren Summen zu speziellen Formen
der „Eigenschaften“ der Mengen. Arithmetische Gleichheit
zweier Anzahlen ist ein Spezialfall der Gleichmächtigkeit,
denn Gleichmächtigkeit ist G 1 e i c h h e i t zweier Mengen
als solcher, da sich aus dem Begriff der „Mächtigkeit“ er¬
gibt, daß zwei gleichmächtige Mengen ohne Änderung ihres
Mengencharakters miteinander vertauschbar sind; arith¬
metische Gleichheit ist Gleichheit zweier Anzahlen als solcher
(wie gleiche Mengen als solche, so können natürlich auch
254 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
noch gleiche Anzahlen in anderer Hinsicht verschieden sein
— 5 Striche und 5 Punkte sind gleiche Anzahlen —, nur
daß die Möglichkeit der Verschiedenheit hier weiter ein¬
geschränkt ist als im Fall der Menge).
Die Einführung des Mengenbegriffs erhält nun bekannt¬
lich seine besondere Bedeutung dadurch, daß sich nicht nur
die einzelnen ganzen Zahlen, sondern auch eine Reihe anderer
Gebilde als Spezialfälle von Mengen darstellen lassen, ins¬
besondere wenn wir uns erinnern, daß die Reihe der Ele¬
mente ja nicht abgeschlossen zu sein braucht. Zu diesen
Gebilden gehören auch die Gegenstände der Geometrie,
insofern jedes geometrische Gebilde als ein Inbegriff von
Punkten (als „geometrischer Ort aller Punkte“), die einer
bestimmten Bedingung genügen, aufgefaßt werden kann.
Ein geometrisches Gebilde ist eine Punkt menge — frei¬
lich nicht eine Punkt summe, da wir eine geometrische
Figur nur insofern aus Punkten zusammensetzen können,
als wir die räumlichen Relationen dieser Punkte mit be¬
rücksichtigen (vgl. S. 228), sie also nicht als Punkte, sondern
als verschieden gelegene Punkte (als Punkte,
deren jeder mit jedem anderen durch eine bestimmt gerichtete
räumliche Strecke verbunden ist) betrachten. Wir haben
also in der Mengenlehre ein Mittel, geometrische und arith¬
metische Gebilde unter einen Begriff, Geometrie und Arith¬
metik wirklich in ein System zu befassen (nicht nur
Arithmetik auf Geometrie und umgekehrt anzuwenden), wie
es das Streben der Mathematiker schon im 18. Jahrhundert
(man denke an Leibnizens Universalkalkül) war.
Der wissenschaftliche Wert einer solchen Disziplin liegt
auf der Hand, sobald man das Streben nach systematischer
Einheit als ein spezifisch wissenschaftliches Streben aner¬
kennt — es wird auf diesen Punkt im folgenden Kapitel
ausführlich zurückgegriffen werden. Hier denke man nur
daran, wie in einem solchen System die einzelnen Axiome
der Arithmetik und Geometrie in ihrer Selbständigkeit gegen
und in ihrer Abhängigkeit von einander klar zur Darstellung
gelangen.
Man darf nun nur nicht in das Mißverständnis verfallen,
als ob erst durch diese Ableitung jene Axiome als „wahr“
erwiesen und vorher gleichsam unbewiesene Annahmen
gewesen wären. Wir können uns vielmehr von der Gültig¬
keit dieser Axiome genau so „a priori“ und unmittelbar
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Raumwahrnehmung. 255
überzeugen, wie von der Gültigkeit der Sätze der Mengen¬
lehre. Noch anders: Wenn wir die Zahl als eine Menge
bestimmter Art definieren und nun die Axiome der Arith¬
metik aus den Sätzen der Mengenlehre ableiten, so gelten
zwar freilich die abgeleiteten Sätze streng für die „Zahlen“,
sofern wir mit diesem Namen eben die Gegenstände be¬
zeichnen, für die sie abgeleitet wurden, aber wir müssen
nun noch beweisen, daß das, was wir für gewöhnlich eine
Zahl nennen, auch allemal unter jenen Begriff fällt, was
wieder nichts anderes besagt als: eben diese Gesetze als
für die gewöhnlich sogenannten Zahlen gültig zu erweisen.
Oder endlich: Man darf den Zahlbegriff im Grunde genau
so viel und genau so wenig als durch jenen Begriff „definiert“
ansehen, als wir etwa den Schall als periodische Luftbewegung
„definieren“ können. Das heißt, jene Definition enthält
einen Lehrsatz, den wir nur verstehen können, wenn wir
den Gegenstand kennen, den wir als „Zahl“ (bzw. als „Schall“)
bezeichnen und dessen volles Verständnis die erkenntnis-
theoretische Klärung eben des Zahlbegriffes voraussetzt. Es
kann daher diese erkenntnistheoretische Klärung niemals
durch eine solche mathematische Ableitung ersetzt werden
(so wenig wie die erkenntnistheoretische Untersuchung des
Seelenbegriffes etwa durch eine metaphysische Theorie des¬
selben ersetzt werden kann). Das zeigt sich am deutlichsten
vielleicht daran, daß ja die Mengentheorie selbst gezwungen
ist, den Zahlbegriff zu verwenden, ehe sie ihn ableitet: sie
spricht etwa von „zwei“ Mengen, die gleichmächtig sind usw.
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Raum-
wahmehmung 1 .
Es hat den Anschein, als ob ich mit den letzten Aus¬
führungen über das Verhältnis der Tiefendimension zu Breite
und Höhe auch eine bestimmte Stellung in dem psycholo¬
gischen Streit genommen hätte, der die Psychologie der
Raumwahrnehmung seit geraumer Zeit in zwei feindliche
1 Der folgende Paragraph war zuerst als selbständige Abhand¬
lung gedacht. Ich habe mich erst nachträglich entschlossen, ihn
an dieser Stelle einzufügen, um dem Einwand, daß meine erkenntnis-
theoretische Analyse des Raumbegriffs mit den Ergebnissen der
Raumpsychologie nicht in Einklang stehe, zu begegnen.
256 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis
Lager trennt, und vielleicht wirft man mir vor, daß ich auf
dem veralteten Standpunkt eines Berkeley verharrend die
hier wesentlich in Betracht kommenden modernen, auf dem
Wege exakter experimenteller Feststellung gewonnenen Resul¬
tate ignoriert habe. Ich glaube zwar, daß dies nicht der Fall
ist, daß meine Darlegung mit diesen Resultaten in bestem
Einklang steht, muß mich aber freilich gegen einzelne Be¬
hauptungen (vielleicht auch nur gegen ihre Formulierung)
wenden, die von psychologischer Seite auf diese Resultate
gegründet worden sind, und für die wir, wie es in solchen
Fällen meist ist, letzten Endes die erkenntnistheoretischen
Grundüberzeugungen, von denen aus die Ausdeutung und
Formulierung der Versuchsresultate geschah, nicht die Er¬
gebnisse selbst verantwortlich machen müssen. Ich halte
mich dabei an die letzte umfassende Publikation, die wohl
zugleich unbestritten das Bedeutendste darstellt, was in
jüngster Zeit auf diesem Gebiet erschienen ist, an das Buch
„Über die Wahrnehmung des Raumes“ von E. J a e n s c h 1 .
In zwei Punkten gerate ich mit Jaensch, bei aller Anerken¬
nung seiner mit großer kritischer Sorgfalt gewonnenen Ver¬
suchsergebnisse, die gerade ich — auf den Grund komme
ich noch zurück — für besonders wertvoll zu halten Anlaß
habe, in Streit. Sie betreffen erstens die psychologische
Homo- bzw. Heterogenität der drei Dimensionen des Raumes
und zweitens das Gesehenwerden der scheinbaren Größe
entfernter Gegenstände 2 .
„Unsere Untersuchung,“ so heißt es bei Jaensch, „hat
den Nachweis geliefert, daß innerhalb weiter Grenzen eine
psychologische Homogenität der drei Dimensionen des Seh¬
raumes besteht. .. Die Lehre von der Heterogenität der
dritten Dimension einerseits, der beiden ersten Dimensionen
1 Ergänzungsband VI der Ztschr. f. Psych., Lpz. 1911.
2 In dem früheren Buch desselben Verfassers „Zur Analyse der
Gesichtswahrnehmungen“ (Ztschr. f. Psych. ErgBd. IV, Lpz. 1909)
heißt es S. 329: „Das Kostersche Phänomen lehrt mit Bestimmt¬
heit — dies muß mit besonderen Nachdruck betont werden —,
daß in zwei Fällen, welche dadurch charakterisiert sind, daß zwei
Objekte die gleichen Netzhautbilder liefern, aber in verschiedener
scheinbarer Größe erscheinen, nicht etwa die „reine“ oder wie man
gelegentlich auch sagt, „primäre“ Empfindung gleich ist und daß
sich jene beiden Fälle keineswegs nur durch das Hinzutreten eines
verschiedenen Erlebnisses von Urteilscharakter unterscheiden“.
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Raumwahrnehmung. 257
andererseits entstammt offenbar dem tiefeingewurzelten
Vorurteil, daß die Gesichtswahrnehmung eine Art Kopie des
Netzhautbildes darstellt. Für den Fall der dritten Dimension
liegt die Unhaltbarkeit einer derartigen Auffassung natürlich
klar zutage, da ja das Netzhautbild flächenhaft ist, somit
führt das in Rede stehende Vorurteil mit Notwendigkeit
dahin, daß für die dritte Dimension ganz andere Entstehungs¬
bedingungen angenommen werden, als für die beiden ersten
Dimensionen. Ich glaube nicht, daß ein Beobachter, der
von dem Bau des Auges und von der Existenz des Netzhaut¬
bildes gar nichts wüßte, auf Grund der rein phänomenologi¬
schen Beobachtung, welche ja aller psychologischen For¬
schung in erster Linie zugrunde gelegt werden muß, auf den
Gedanken von der psychologischen Heterogenität der drei
Dimensionen kommen würde l .“
Ich habe hiergegen zunächst zu fragen: Ist die perspek¬
tivische Verkürzung, z. B. die wachsende Verkürzung, die
eine zunächst vertikal oder horizontal unser Gesichtsfeld
durchschneidende Linie erfährt, wenn wir sie um einen ihrer
Endpunkte so drehen, daß sie sich von uns aus gerade in
die Tiefe erstreckt, ist die Verkleinerung eines vom Auge
sich entfernenden Gegenstandes eine lediglich auf Grund der
Erfahrungen über die Änderung des Netzhautbildes erschlos¬
sene Tatsache? Doch wohl nicht. Dann haben wir in dieser
allerelementarsten Tatsache der Tiefenwahrnehmung eine
Tatsache vor uns, die Tiefe einerseits, Höhe und Breite
andererseits, prinzipiell unterscheidet, denn bei der Drehung
einer horizontalen Linie in die vertikale Richtung und um¬
gekehrt tritt eine solche Verkürzung bzw. Verlängerung nicht
ein, ja wir können hier durch direkten Vergleich die Gleich¬
heit beider Strecken konstatieren (auf den scheinbaren Ein¬
wand, der aus der geringen Überschätzung vertikaler Strecken
entstehen könnte, komme ich noch zurück).
Nun erkenne ich natürlich die Momente an, in denen J.
eine Homogenität der dritten Dimension experimentell nach¬
weist. Aber diese Punkte — er zählt deren sieben auf — laufen,
und das nachgewiesen zu haben, ist gerade das Hauptver¬
dienst J.’s, schließlich auf einen und denselben Punkt hinaus.
1. „Die scheinbare Größe in der dritten Dimension folgt
in mehrfacher Hinsicht denselben Gesetzen und unterliegt
1 Wahrn. d. Raumes, S. 447 f.
v. Aster, Philosophie.
17
258 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
den gleichen Entstehungsbedingungen, wie die scheinbare
Größe in den beiden ersten Dimensionen.“ Ich zitiere hierzu
S. 444: „Wir konnten die scheinbare Kleinheit bzw. die
scheinbare Größe eines Objektekomplexes darauf zurück¬
führen, daß der Objektekomplex im ersten Fall simultan
überschaut wird, während er im zweiten Falle durch¬
wandert und mittels einer Reihe von sukzessiven
Aufmerksamkeitsakten erfaßt wird.“
2. „Sowohl für die dritte Dimension wie für die beiden
ersten Dimensionen gilt das Gesetz der Aufmerksamkeits¬
lokalisation,“ d. h. der objektiv wirkliche Ort, den wir
einem Gegenstände beilegen, hängt innerhalb gewisser Gren¬
zen in allen Dimensionen davon ab, auf welche Schicht
(Tiefenschicht, rechte, linke Seite des Gesichtsfeldes) die
Aufmerksamkeit gerichtet ist.
3. „Nicht nur in den beiden ersten Dimensionen, sondern
auch in der dritten Dimension gilt das Aubert-Förstersche
Gesetz.“ Nehmen wir die Zurückführung dieses Gesetzes
auf das Kostersche Phänomen und die Erklärung des letzteren
hinzu, wie sie J. gibt, so heißt das mit seinen eigenen Worten:
„Ein und dasselbe Netzhautbild gibt zu einer ausgeprägten
oder einer wenig ausgeprägten Gesichtsempfindung Anlaß,
je nachdem mit ruhender bzw. nur wenig ausgiebig wandern¬
der Aufmerksamkeit oder mit ausgiebiger wandernder Auf¬
merksamkeit beobachtet wird; und dieser Satz gilt, gleich¬
gültig, um welche Dimension es sich handelt 1 .“
4. „Nicht nur in den beiden ersten Dimensionen, sondern
auch in der dritten Dimension gibt es ein natürliches Auf¬
merksamkeitszentrum, einen Fokus der Aufmerksamkeit“;
d. h., wie es J. genauer interpretiert, das Nahe besitzt in
ähnlicher Weise wie das direkt Gesehene die Eigenschaft,
die Aufmerksamkeit unmittelbar und unwillkürlich auf sich
zu ziehen.
5. Fernes und seitlich Gesehenes scheint sich auch bei
der Entwicklung des Sehens analog zu verhalten, insofern
als sowohl das Ferne wie das Seitliche ursprünglich nicht
beachtet wird.
6. Kovariantenphänomene finden sich nicht nur in den
beiden ersten Dimensionen, sondern auch in der dritten
Dimension. Indessen diese Kovariantenphänomene werden
1 A. a. O. S. 424.
11. Anhang TI: Kritisches zur Psychologie der Raumwahrnehmung. 259
von J. schließlich auch auf Wirkungen der Aufmerksamkeit
zurückgeführt.
Es ergibt sich aus diesen bisher angeführten Momenten
als Sinn der Homogenität, daß die Größenschätzung, die
Entfernungschätzung, die Lokalisation (d. h. das Urteil
über den wirklichen Ort eines Gegenstandes und den wirk¬
lichen Ortswechsel desselben) in allen Dimensionen innerhalb
gewisser Grenzen Funktionen der Aufmerksamkeit sind, und
soweit sie das sind, denselben Gesetzen gehorchen. Nun
fügt J. allerdings noch einen Funkt hinzu: „Nicht nur für
die beiden ersten Dimensionen, sondern auch für die dritte
Dimension stellen die Gesichtsempfindungen das Empfin¬
dungsmaterial; denn auch das Leere ist psychisch durch
Gesichtsempfindungen repräsentiert. Aber auch hier kann
ich den vortrefflichen Nachweis J.’s zitieren, den er S. 289 ff.
führt, daß das Auftreten von Aufmerksamkeits-
bzw. Blickbewegungsimpulsen ein „unerläßliches Erfordernis“
für das Auftreten des Zwischenmediums ist.
Lassen wir indessen diesen letzten Punkt zunächst noch
beiseite und sehen wir \ins als Beispiel die Größenschätzung
etwas näher an.
Bei der Vergleichung verschieden oder gleich langer
Strecken, um sie als Beispiel zu nehmen, stützt sich, wie
Schumann zuerst gezeigt hat \ unser Größenurteil oft
unmittelbar auf den Umstand, daß die eine Strecke sukzessiv
durchlaufen oder simultan erfaßt wird. Ist zunächst bei
zwei gleich weit vom Auge entfernten Strecken diese Art
des Vergleichs die einzig mögliche, das sukzessive Auffassen
bzw. der von der gesehenen Strecke ausgehende Zwang dazu
das einzige Kriterium für das Längersein dieser Strecke, das
einzige Mittel, uns von ihrem Längersein zu überzeugen?
Offenbar nicht: Ich brauche nur an den Fall zu erinnern,
daß ich zwei Strecken vor mir habe, von denen die eine
aus der anderen herausgeschnitten ist und einen Teil von ihr
bildet, oder den anderen, daß zwei gleich lange Strecken
hart nebeneinander, in gleicher Höhe anfangen, parallel
das Gesichtsfeld durchschneiden. Hier vollzieht sich der
Vergleich offenbar anders, wir können noch genauer sagen:
Hier brauchen wir das simultane und sukzessive Erfassen
1 Psychol. Studien, I: Beiträge zur Analyse der Gesichtswahr¬
nehmungen, Lpz. 1904.
17*
260 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
als Kriterium nicht, weil wir die zu vergleichenden Strecken
unmittelbar aneinander zu messen imstande sind, denn
das Messen besteht ja, wie wir wissen, in dem Übertragen
der einen Strecke auf die andere.
Wir brauchen jenes Kriterium nicht, damit ist schon
gesagt, wie sich beide Arten, zwei räumliche Größen zu
vergleichen, zu einander verhalten. Wenn wir messen, und
nur wenn wir messen, erfassen wir im eigentlichen Sinne das,
was wir mit der Behauptung der Größengleichheit oder
Größenverschiedenheit zweier räumlicher Gebilde eigentlich
meinen, Gleichheit räumlicher Größen, so drückte ich das
aus und versuchte es näher zu begründen, muß durch Kon¬
gruenz definiert werden. Oder: Nur in diesem Falle des
unmittelbaren Messens ist das Größenurteil evident, wenn
wir unter Evidenz eben das Erfassen der behaupteten Sache
selbst (freilich nicht ein irgendwie geartetes Überzeugungs¬
gefühl oder dergl.), in diesem Falle des eigentlich oder end¬
gültig gemeinten Relationstatbestandes verstehen. In allen
anderen Fällen stützt sich unser Größenurteil also nicht auf
den erfaßten Relationstatbestand selbst, ist dies in dem
Größenurteil implicite behauptete Größenverhältnis also nur
auf Grund anderer Eindrücke, die man eben deshalb
mit Schumann durchaus treffend als Nebeneindrücke
bezeichnen kann (eben das liegt ja in dem Wort „Neben¬
eindruck“) behauptet, es ist in diesem Sinne, logisch betrachtet
erschlossen. Das heißt aber nicht, daß ein solcher
Schluß als solcher uns zum Bewußtsein käme, daß wir
unser Größenurteil als Schluß erlebten, sondern es drückt
nur die objektive Tatsache aus, daß das allein mit Evidenz
Erfaßte nicht das im Urteil Behauptete ist.
Nun sind wir in den seltensten Fällen imstande, zwei zu
vergleichende Strecken unmittelbar aneinander zu messen,
also das Größenverhältnis zur Selbstgegebenheit zu bringen;
wir sind eigentlich nur in den vorhin zum Beispiel genom¬
menen Fällen dazu imstande. Können wir es nicht, so bleiben
zwei Möglichkeiten: entweder suchen wir eine Messung
herbeizuführen, indem wir die eine Strecke realiter oder in
der Vorstellung auf die andere übertragen, müssen uns dann
aber auf die im einzelnen speziellen Fall nur wahrscheinlich
zu machende Überzeugung stützen, daß die übertragene
Strecke sich inzwischen in seiner Größe nicht geändert hat —
oder wir stützen uns auf Nebeneindrücke und vollziehen
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Raumwahmehmung. 261
damit das, was ich im Gegensatz zur Messung eine Schätzung
nannte.
Einer dieser Nebeneindrücke ist das simultane bzw.
sukzessive Durchlaufen. Stimmt nun eine Schätzung auf
Grund dieses Nebeneindruckes stets mit dem der Messung
überein in den Fällen, in denen zugleich eine messende
Prüfung möglich ist, ist also der Nebeneindruck ein untrüg¬
lich richtiges Kriterium des wirklichen Größenverhältnisses?
Hier wäre nun auf die geometrisch-optischen Täuschungen
zu verweisen. Eine und dieselbe Strecke wird, wenn wir uns
etwa durch einteilende Striche zur sukzessiven Auffassung
zwingen, überschätzt. Freilich besteht zunächst eine doppelte
Möglichkeit, diesen Sachverhalt zu interpretieren.
Entweder die Strecke selbst (der phänomenale Inhalt)
ändert durch das Durchlaufen seine Größe. Ob das der
Fall ist oder nicht, können wir natürlich nie direkt fest¬
stellen, da wir die Strecke im Moment, in dem wir sie durch¬
laufen und dieselbe Strecke in dem Moment, in dem wir sie
simultan erfassen, nicht messend vergleichen können. Nach
den mir etwas schwer verständlichen Ausführungen auf S. 444
scheint Jaensch dieser Meinung zu sein. Oder die Strecke
behält ihre Größe, aber das Durchlaufen derselben führt zu
einem falschen Größenurteil, der Nebeneindruck ist nicht
immer ein untrüglich richtiges Kriterium der Länge.
Im ersten Fall wäre die Frage zu stellen: Warum soll
die phänomenal gegebene Strecke beim Durchlaufen länger
werden? Eine Frage, auf die eine befriedigende Antwort
ohne bedenklich luftige Hypothesen nicht möglich sein
dürfte. In zweiten Fall wäre zu fragen: Wie ist die ^Wirk¬
samkeit jenes Nebeneindrucks als Kriterium der Größen¬
verhältnisse allgemein zu erklären? Eine sehr naheliegende
Antwort auf die Frage hat schon Schumann gegeben: Die
Länge einer Strecke ist einfach ein, sobald sie über ein ge¬
wisses Maß hinauswächst, zwingender Grund zur
sukzessiven Auffassung; Strecken, die ein gewisses Maß
überschreiten, können wir gar nicht mehr simultan erfassen.
Halten wir fest, daß das sukzessive und simultane Gegeben¬
sein eben nur ein Nebeneindruck ist, so ist damit ohne
weiteres verständlich, daß, wo sich unwillkürlich und unge¬
zwungen die sukzessive Auffassung einstellt, auch die Nei¬
gung, die durchlaufene Strecke als größer zu beurteilen,
daraus hervorgehen wird. Ebenso aber auch, daß das so
262 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
entstehende Größenurteil täuschen kann — nämlich
immer dann, wenn das Durchlaufen eben nicht durch die
größere Länge, sondern durch ein anderes Moment bedingt
wurde, z. B. durch die Einteilung der Strecke, durch ihre
vertikale Stellung 1 oder durch den Einfluß der
Querdisparation. Das sukzessive Gegebensein verhält sich
dann zum Größenurteil genau so wie die Größe eines ge¬
sehenen Gegenstandes etwa zu dem Urteil über seine Schwere.
Wie das sukzessive Gegebensein die Strecke länger, so läßt
seine gesehene Größe den Gegenstand schwerer erscheinen,
d. h. es ist etwas gegeben, was für gewöhnlich mit der
größeren Länge bzw. Schwere verbunden zu sein pflegt und
uns daher das entsprechende Urteil unmittelbar nahelegt.
Wir glauben auch, die Schwere in einem solchen Fall zu
sehen, und erleben das betreffende falsche Urteil nicht
etwa als „Schluß“. (Ein bewußter oder erlebter Schluß
liegt allemal dann und nur dann vor, wenn für unser Be¬
wußtsein der Faktor, auf den wir uns urteilend stützen, und
das gesprochene Urteil selbst deutlich von einander geschieden
sind, sich voneinander abheben. Das aber tritt eben nie
dann ein, wenn das gesprochene Urteil sich unmittelbar
an den Wahrnehmungstatbestand, auf den es sich stützt,
schließt, aus ihm hervorwächst, sich in der Weise der „Kund¬
gabe“, der „naiven Beschreibung“ 2 daran fügt. Es sieht
dann für unser Erleben so aus, als ob in dem Urteil eine
wirkliche Beschreibung, eine Konstatierung des gegebenen
Tatbestandes vorläge, nicht ein dem Sinn nach darüber
hinausgehendes Urteil, und erst die logische Überlegung kann
uns überzeugen, daß das eben falsch ist.)
Genauer betrachtet liegt die Sache im Falle des Größen¬
urteils freilich m. M. n. noch etwas komplizierter. Das
sukzessive bzw\ simultane Erfassen wirkt nicht, in den meisten
Fällen wenigstens, unmittelbar, sondern erst durch die Ver¬
mittlung eines weiteren Faktors als das Größenurteil be¬
stimmender Nebeneindruck. Dieser weitere Faktor ist das
Sichzusammenziehen und Ausdehnen des von der Aufmerk¬
samkeit speziell beherrschten Feldes, das wir beim Übergang
von einem zum anderen verglichenen Gegenstand erleben,
und auf das gleichfalls Schumann zuerst hingewiesen hat.
1 Vgl. Schumanns Erklärung dieser Täuschung a. a. O.
2 Vgl. die Ausführungen Kap. I, 5. Abscbn.
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Baumwahrnehmung. 263
Daß dies Zusammenziehen insbesondere beim Übergang von
einer mit wandernder zu einer solchen mit simultaner Auf¬
fassung gesehenen Strecke oder Fläche sich einstellt, ist
ohne weiteres verständlich, wenn wir berücksichtigen, daß
bei simultaner Auffassung die Aufmerksamkeit gleichsam
zentriert zu sein pflegt, während bei wandernder Aufmerk¬
samkeit die Aufhebung dieser zentrierenden Zusammen¬
fassung zugleich als ein Sicherweitern des beachteten Feldes
sich darstellen muß und ebenso umgekehrt. Zugleich scheint
mir, daß je deutlicher dies Zusammenziehen bzw. Ausdehnen
sich für unser Bewußtsein geltend macht, auch um so mehr
die Neigung bestehen wird, die Größe als direkt gesehen in
Anspruch zu nehmen.
Ich glaube es also zum mindesten als sehr viel wahr¬
scheinlicher bezeichnen zu können, daß im Falle der geo¬
metrisch-optischen Täuschungen, die auf der Überschätzung
sukzessiv durchlaufener oder auf der Unterschätzung simul¬
tan erfaßter Strecken oder räumlicher Gebilde überhaupt
beruhen, die vergleichsweise geschätzten Strecken objektiv
die gleiche Größe haben und daß wir eben in dem sukzessiven
und simultanen Gegebensein hier ein täuschendes
Kriterium der Größe vor uns haben.
Wenden wir uns zur dritten Dimension. Ich darf hier
gleich einen Schluß ziehen: Wenn, wie J. zeigt, die schein¬
bare Größe bzw. Kleinheit des Objektes, das wir in ver¬
schiedener Entfernung vom Auge sehen, darauf beruht, daß
das Objekt mit wandernder und ohne wandernde Aufmerk¬
samkeit erfaßt wird, so kommt uns diese scheinbare Größe
nicht durch messenden Vergleich, sondern durch Schätzung
auf Grund eines Nebeneindrucks zum Bewußtsein, sie wird
— objektiv, nicht subjektiv betrachtet — nicht gesehen,
sondern erschlossen, auch wenn sich der verschiedene Größen¬
eindruck noch so unmittelbar an das Gesehene schließt, auch
wenn der Schritt von einem Objekt zum andern noch so
unmittelbar als „Schritt“ vom Größeren zum Kleineren 1
erlebt wird. Und ferner liegt die Vermutung sehr nahe, daß
hier wie im Fall der geometrisch-optischen Täuschungen
eine fälschliche Überschätzung der fernen Objekte statt¬
findet, wenn, wie J. zeigt, auf Grund der Querdisparation
1 Vgl. hierzu die Ausführungen über die Schätzung auf S. 222
d. B.
264 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
und einiger anderer Motive beim fernen Objekt eine Art
Zwang zum Wandern der Aufmerksamkeit stattfindet. Eine
andere Frage ist es, ob wir hier wie im Falle der geometrisch¬
optischen Täuschungen der Schätzung auf Grund des Neben¬
eindrucks eine messende Vergleichung derselben Größen an
die Seite stellen können. Ich meine, daß das in der Tat
möglich ist und daß eben diese Vergleichung uns auch direkt
mit Gewißheit zeigt, daß die scheinbare Größe entfernter
Gegenstände in der Tat für unser Bewußtsein durch eine
geometrische Urteilstäuschung zustande kommt: Ich kann
ohne Schwierigkeit in der Weise des messenden Vergleichs
feststellen, daß die Erscheinung des 25 cm weit vom Auge
entfernten Bleistiftes genau die der vertikalen Mittelleiste
des Fensterrahmens deckt, daß beide kongruent, also gleich
sind. Zweifelhaft ist nur, ob wir in dem Moment, in dem wir
das konstatieren, nicht auch beide in derselben Ebene sehen,
also nicht mehr räumlich verschieden entfernte Gegenstände
vergleichen. Ich glaube nicht, daß das der Fall sein muß.
Ist es der Fall, so ist eine direkte Vergleichung scheinbar
in verschiedener Entfernung gesehener phänomenaler Ge¬
gebenheiten nicht möglich, aber es bleibt auch dann auf
Grund der entsprechenden Erfahrungen in den anderen
Dimensionen mehr als wahrscheinlich, daß das scheinbare
sich fast (nicht vollständig!) Gleichbleiben der Größe vom
Auge sich entfernender Gegenstände auf einer täuschenden
Wirkung der Nebeneindrücke beruht.
Wenden wir uns jetzt von der Größenschätzung zu der
eigentlichen Tiefenwahrnehmung, und der Wahrnehmung des
„Zwischenmediums“. Das Gegebensein des Zwischenmediums
ist, wie J. in eingehender Untersuchung gezeigt hat, eine
Funktion der Aufmerksamkeit, und zwar eine reine Funk¬
tion der Aufmerksamkeit, insofern durch entsprechende
Aufmerksamkeitseinstellung diese Wahrnehmung zum Ver¬
schwinden gebracht werden kann. Ist in der gleichen Weise
die Wahrnehmung der Entfernung zweier Punkte nach Breite
und Höhe, des „Zwischenmediums“ in den beiden anderen
Dimensionen eine reine Funktion der Aufmerksamkeit?
Offenbar nicht. Den durchsichtigen Fleck auf der Fenster¬
scheibe kann ich, je nachdem ich meine Aufmerksamkeit
einstelle, vor der Wand des gegenüberliegenden Hauses, ich
kann ihn aber auch auf derselben sehen; die glühenden
Seitenfäden in den J.’schen Versuchen wurden je nach dem
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Raumwahrnehmung. 265
verschiedenen Aufmerksamkeitsverhalten der Versuchsper¬
sonen in derselben Ebene mit dem Mittelfaden und vor oder
hinter ihm gesehen. Dagegen kann ich niemals durch die
Einstellung meiner Aufmerksamkeit es dahin bringen, daß
die horizontale oder vertikale Entfernung zweier Punkte, die
in derselben Ebene vor mir stehen, das entsprechende
„Zwischenmedium“ zwischen ihnen, verschwindet (ich
kann nur die horizontale bzw. vertikale Entfernung als Tiefen¬
strecke „sehen“, d. h. auffassen). Das müßte doch aber der
Fall sein, wenn man hier wirklich von einer phänomenalen
Homogenität der drei Dimensionen schlechthin reden sollte.
Worin besteht nun der Tiefeneindruck? Wird Tiefe „ge¬
sehen“, bzw. in welchem Sinn? Sicher ist, daß, wenn wir
einen Gegenstand einmal vor einem anderen sehen, einmal
in derselben Ebene, nicht bloß ein Vorgestelltes oder ein
bloßes Urteil hinzukommt oder wegfällt, sondern im sinn¬
lich Gegebenen sich etwas ändert. Sicher ist andererseits,
daß das, was etwa hinzukommt, nicht einfach eine dritte
Dimension ist, die in demselben Sinn gegeben wäre, wie
Breite und Höhe und daß, wenn wir auf Grund der Änderung
davon sprechen, daß sich jetzt der eine Gegenstand „vor“
oder „hinter“ dem anderen befindet (und uns entsprechend
verhalten), das Urteil über das Gegebene als solches hinaus¬
geht, das Gegebene also, wenn man so will, ein Nebeneindruck
der Tiefe, ein Tiefen„e i n d r u c k“ in diesem Sinn ist.
Schließlich können wir durch die J.schen Versuche wohl
als bewiesen ansehen, daß dieser Tiefeneindruck eine Funktion
der Aufmerksamkeitseinstellung ist.
Was wird nun durch die Aufmerksamkeitseinstellung an
dem Wahrnehmungsbild eigentlich geändert? Zunächst
offenbar das, was wir die gegebene Auffassungs¬
form eines sinnlich wahrgenommenen Gebildes nennen
können. Diese Form, auf die als ein eigenartig Gegebenes
die Ausführungen des § 9 im ersten Kapitel dieses Buches
hinweisen sollten, ist durch die Art bestimmt, wie die ein¬
zelnen Teile des Gesehenen zu Ganzen verbunden, einander
(mit einem Schumannschen Ausdruck) „zugeordnet“ sind,
wie weit sie als sukzessive und simultane Einheiten da sind,
wie weit sie beachtungsweise einander über- und unter¬
geordnet sind.
Nun versuchte ich schon an einer früheren Stelle, in einer
kleinen von J. gelegentlich auch beifällig zitierten Abhand-
266 Viertes Kapitel. Möglichkeit und Prinzipien apriorischer Erkenntnis.
lung in der Zeitschrift für Psychologie 1 zu zeigen, daß in
der Tat zum mindesten beim monokularen Sehen eine be¬
stimmte Auffassungsform als Tiefeneindruck fungiert: Wir
sehen, heißt das, die Gegenstände räumlich geordnet, wenn
wir das Gesehene so auffassen, daß wir 1. die Erscheinungen
der objektiv in gleicher Ebene liegenden Gegenstände zu¬
sammenordnen und simultan auffassen, also gleichsam das
Gesichtsfeld in Schichten zerlegen, die wir nun 2. eine nach
der anderen sukzessiv durchlaufen, indem wir dabei nach
Möglichkeit den Linien folgen, die im realen dreidimensionalen
Raum als in die Tiefe führende Horizontallinien anzusprechen
wären, wobei endlich 3. das Nahe als solches im Gegensatz
zum Fernen durch eine gewisse Eindrucksfähigkeit ausge¬
zeichnet ist (den natürlichen „Beachtungsschwerpunkt“ des
„Beachtungsreliefs“ bildet). Diese nacheinander durch¬
laufenen Schichten entsprechen den Gegenständen, die
beim Hineinschreiten in den realen dreidimensionalen Raum
nacheinander unser Gesichtsfeld erfüllen, die der Bodenlinie
parallelen oben erwähnten Horizontalen den Linien, denen
entlang sich dies reale Hineinschreiten wirklich vollzieht.
Ich habe nun damals schon angedeutet, daß vielleicht
die binokulare von der monokularen Tiefenwahrnehmung
sich nur dadurch unterscheidet, daß eben diese Auffassungs¬
form uns durch die Querdisparation der gereizten Netzhaut¬
stellen, also durch physiologische Bedingungen aufgezwungen
wird, während sie beim monokularen räumlichen Sehen
wesentlich auf Erfahrungsmotiven beruht. Diese Vermutung,
die ich damals freilich nicht zu beweisen imstande war,
scheint mir nun durch die J.schen Experimente sich als
richtig darzustellen.
Endlich kann man nun hier auch sagen, inwiefern und
inwieweit eine psychologische „Homogenität“ der drei
Dimensionen besteht. Um es an einem Beispiel deutlich zu
machen: Jede räumliche Figur, ein Quadrat, ein Kreis,
eine Ellipse z. B. hat zugleich eine bestimmte, ihr natür¬
liche „Auffassungsform“. Diese Auffassungsform kann
wechseln, während die Linien, Winkel usw. der Figur selbst
sich gleichbleiben — so hat z. B. das auf die Spitze gestellte
Quadrat eine andere Auffassungsform als das auf der Seite
1 Beiträge zur Psychologie der Raumwahrnehmung, Z. f. Ps.
Bd. 43 S. 161 ff.
11. Anhang II: Kritisches zur Psychologie der Kaumwahrnehmung. 267
stehende —; es kann aber auch in letzterer Hinsicht eine
Änderung eintreten und die Auffassungsform dieselbe bleiben.
So verhält es sich nun, wenn wir eine solche Figur allmählich
in die dritte Dimension hineindrehen. Tun wir das z. B.
mit einem Kreis, so wird der perspektivisch gesehene Kreis
zur Ellipse, er scheint aber lange Zeit noch ein Kreis zu sein,
weil er noch die charakteristische Auffassungsform des
Kreises beibehält. Erst wenn der in die Tiefe gehende
Durchmesser sich zu stark verkürzt, kommt fast plötzlich
der Moment, in dem wir nicht mehr einen Kreis zu sehen
glauben, sondern eine Ellipse vor uns haben. Um es kurz
zu sagen: Die Dimensionen sind für die Wahrnehmung
so weit homogen, als vermöge der eigentümlichen Wirksam¬
keit der Aufmerksamkeit das in perspektivischer Verkürzung
gesehene Gebilde dem ohne solche Verkürzung gesehenen
charakteristisch ähnlich bleibt. Diese Wirksamkeit der Auf¬
merksamkeit aber ist zum Teil durch Erfalirungsrnotive,
zum Teil unmittelbar physiologisch bedingt, vielleicht zum
Teil auch als Anpassungserscheinung zu erklären.
Fünftes Kapitel.
Die empirische Erkenntnis und die Prinzipien
ihres Fortgangs (mit besonderer Rücksicht
auf die Naturwissenschaft).
1. Das Problem der Induktion.
D ie empirischen Urteile wurden schon an früherer Stelle
gleichmäßig den rein logisch-analytischen und den
apriorischen Sätzen der Anschauung gegenübergestellt.
Logisch-analytisch waren diejenigen Urteile, deren Wahrheit
(oder Falschheit) sich einsichtig machen läßt, ohne daß es
einer anschaulichen, mittelbaren oder unmittelbaren Vergegen¬
wärtigung des Urteilsinhalts dazu bedürfte. Wie solche
Urteile möglich sind, bzw. wie ein solches Einsichtigmachen
derselben möglich ist, wurde untersucht, eine Untersuchung,
deren Mittelpunkt die Analyse des Wahrheitsbegriffes bilden
mußte. Das Ergebnis war, daß alle logisch-analytischen iden¬
tische Sätze oder Sätze sind, die auf dem Satz des Widerspruchs
beruhen. Die apriorischen Sätze der Anschauung sind Sätze,
die sich einsichtig als wahr ergeben aus einer anschaulichen
Vergegenwärtigung eines bestimmten, aus dem Urteil zu
entnehmenden Tatbestandes, die in diesem Tatbestand
ihren zureichenden Grund finden. Wie solche Urteile, bzw.
wie und unter welchen Umständen eine solche Begründung
von Urteilen möglich ist, war ebenfalls untersucht worden.
Sie ist möglich für solche Urteile, die (wie jedes Gleichheits¬
urteil) nichts weiter aussagen, als die Zugehörigkeit be¬
stimmter Relationen zu bestimmten Gegenständen, nämlich
solcher Relationen, die wie die Gleichheits-, Verschiedenheits¬
und Größenrelationen, mit den Relationsfundamenten ein¬
deutig und unabänderlich gegeben sind (der Sinn und die
Möglichkeit solcher Bestimmungen war damals erörert wor¬
den). Das besondere Kennzeichen jener apriorischen Sätze
liegt darin, daß sie als wahr, mithin als streng gültig,
1. Das Problem der Induktion.
260
auf Grund einer bloßen Vergegenwärtigung des betreffenden
anschaulich gegebenen Tatbestandes erkannt werden, gleich¬
gültig, ob diese Vergegenwärtigung in der Form eines Wahr-
nehmungs- oder bloßen Vorstellungstatbestandes geschieht,
gleichgültig, ob ich mir den betreffenden Tatbestand mittel¬
bar oder unmittelbar zur Gegebenheit bringe. Ich kann zwei
Gegenstände als gleich erkennen (nicht nur sie mir als gleich
vorstellen), indem ich sie mir nur in der Erinnerung oder
Phantasie vergegenwärtige.
Die empirischen Sätze nun teilen mit den apriorischen
Sätzen der Anschauung die Eigenschaft, daß sie zu ihrer
Begründung der Beziehung auf Anschauung bedürfen, sie
unterscheiden sich von ihnen scharf in den zuletzt ange¬
gebenen Punkten. Stellen wir als Beispiel die zwei Urteile
gegenüber „Violett ist dem Rot ähnlicher als dem Grün“
und „Gold löst sich in einer Mischung von Salz- und Salpeter¬
säure“. Um den ersten Satz zu begründen, brauchen wir
nur die Farbenskala uns in der Phantasie zu vergegen¬
wärtigen, um zu erkennen, daß es ein Violett, das dem Grün
ähnlicher wäre als dem Rot, nicht gibt als anschaulich vor¬
stellbares Gebilde oder daß ein solches Gebilde „unmöglich“
ist. Dagegen kann uns die bloße Vorstellung von Salzsäure,
Salpetersäure und Gold nichts darüber lehren, wie sich diese
Stoffe zu einander verhalten werden, wenn wir sie zusammen¬
bringen; es ist vorstellbar und in diesem Sinn a priori mög¬
lich, daß das Experiment den einen und den anderen Erfolg
hat. Wollen wir hierüber Gewißheit erlangen, so müssen
wir das Experiment selbst zur Ausführung bringen, d. h.
wir dürfen uns nicht auf bloß vorgestellte, sondern müssen
uns auf wahrgenommene Gegenstände beziehen. Zur
Begründung aller empirischen Urteile müssen wir uns stets
auf Wahrnehmung beziehen, d. h. genauer auf ein unmittel¬
bares Gegeben sein (die „Wahrnehmung“ stand ja
hier nur der Vorstellung, dem mittelbaren Gegebensein
gegenüber), der im Urteil in eine bestimmte zeitliche Be¬
ziehung gebrachten Gegenstände. Hier aber entsteht nun
die besondere Schwierigkeit der empirischen Urteile. Alles
Wahrgenommene ist als solches ein gegebener Einzel-
tatbestand, es gibt keine allgemeinen Wahrnehmungen, wie
es allgemeine Vorstellungen (S. 103 ff.) gibt. Ein jetzt und
hier gegebenes Vorstellungsbild kann mir, wie man sich
erinnert, eine beliebige Reihe von Gegenständen repräsen-
270 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
tieren und insofern allgemeine Bedeutung haben, das Vor¬
stellungsbild einer bestimmten Rotqualität, das ich mir
jetzt vor Augen stelle, stellt mir jedes beliebige Rot dieser
Art dar, gleichgültig, wo und wann ich es wahrnehmen werde
oder würde. Darauf beruht, wie man sich weiter er¬
innert, die Möglichkeit wirklich allgemeiner apriori¬
scher Urteile der Anschauung. Dagegen besitzt ein Wahr¬
nehmungsbild für sich keine solche allgemein-repräsentative
Bedeutung, weil es überhaupt keine repräsentative Funktion
besitzt, weil es nur sich selbst, nicht ein anderes „gibt“.
Andererseits erheben die empirischen Urteile den Anspruch
auf allgemeine Bedeutung. Aus dieser Diskrepanz entsteht
das eigentliche logische Problem der Induktion. Was ich
im Experiment konstatiere, ist, daß hier und jetzt ein be¬
stimmtes Stück Gold sich in einer bestimmten Portion
Königswasser löst, was ich behaupte, ist, daß sich dies Resultat
jedesmal ergeben wird, wann und wo auch das Experiment
angestellt wird, daß Gold schlechthin und allgemein diese
„Eigenschaft“ besitzt. Wie kann jener einzelne Tatbestand
für dieses allgemeine Urteil den zureichenden Grund ab¬
geben ?
In den empirischen Urteilen selbst und der Art, wie wir
sie für wahr halten, spiegelt sich diese Schwierigkeit da¬
durch wieder, daß wir sie jederzeit nur als mehr oder minder
„wahrscheinlich“ betrachten. Das heißt genauer (auf den
Begriff der Wahrscheinlichkeit selbst wird noch später
zurückzukommen sein): Wir rechnen mit der „Möglichkeit“,
daß das Experiment doch in Zukunft einmal ein anderes
Ergebnis liefert, und damit weiter mit der Möglichkeit, daß
spätere widersprechende Erfahrungen uns zu einer Korrektur
des zuerst aufgestellten Urteils nötigen. Die Geschichte
der empirischen Wissenschaften zeigt uns bekanntlich häufig
genug solche Korrekturen, ein solches Berichtigt- oder
Widerlegtwerden von Sätzen, die man lange Zeit vielleicht
für streng und allgemein gültig gehalten hatte.
Ehe wir uns dem Problem der Induktion selbst zuwenden,
noch eine Bemerkung. Es gibt jederzeit in der empirischen
Wissenschaft, speziell in der Naturwissenschaft, eine Reihe
von Sätzen, die der Naturforscher selbst scheinbar nicht
nur als wahrscheinlich, sondern als streng gültig, also als
durch keine zukünftige Erfahrung widerlegbar behandelt.
Stößt man z. B. auf einen Fall, in dem scheinbar Energie
1. Das Problem der Induktion. 271
verschwindet, so wird die Naturwissenschaft in ihrem heuti¬
gen Zustande sich schwerlich zu dem Schluß veranlaßt
sehen, das Energieprinzip sei nicht streng gültig oder es
bedürfe einer Korrektur, sondern sie wird durch allerhand
Hilfsannahmen und -begriffe (wie sie uns ja schon deutlich
in dem Begriff der „potentiellen“ Energie entgegentreten)
das Gesetz mit der widersprechenden Erfahrung in Einklang
bringen. Einem solchen Verfahren, durch Hilfsbegriffe und
Hypothesen den Widerspruch, in den ein bisher allgemein
anerkannter Satz mit der Erfahrung gerät, als einen nur
scheinbaren hinzustellen — ein Verfahren, das praktisch
den Satz zu einem durch weitere Erfahrung nicht widerleg¬
baren oder modifizierbaren macht — begegnen wir in der
Naturwissenschaft auf Schritt und Tritt. Ich erwähne, um
noch ein Beispiel zu nehmen, den Begriff der „latenten
(Schmelz-, Verdampfungs-)Wärme“, ein Begriff, der bekannt¬
lich ursprünglich der Theorie, daß die Wärme ein Stoff sei,
sein Dasein verdankt und eingeführt wurde, um von diesem
festgehaltenen Satz von der stofflich-unzerstörbaren Natur
der Wärme aus die widersprechende Erfahrung des Ver¬
schwindens von Wärme beim Schmelz- oder Verdampfungs¬
prozeß zu erklären. Man sieht, daß durch eine solche Hilfs¬
konstruktion die Eigenschaft der Unzerstörbarkeit gewisser¬
maßen in die Definition der Wärme mit aufgenommen, und
der Satz, daß Wärme nicht verschwinden kann, zu einem
analytischen Satz gemacht wird — wo scheinbar
die Erfahrung das Gegenteil zeigt, kann nicht geschlossen
werden, daß die Wärme nicht mehr da und der Satz falsch
ist, sondern nur daß unsere Erfahrung unvollkommen ist
und die Wärme auch in einer für Erfahrung nicht direkt
nachweisbaren Form existieren kann. Anders gesprochen:
es erscheint der Satz von der Unzerstörbarkeit der Wärme
als bloße analytische Folgerung aus der Definition der Wärme
als Stoff.
Man hat den Versuch gemacht, alle empirischen Sätze
als solche analytischen Folgerungen aus Definitionen auf¬
zufassen — und auf diese Weise auch eine gewisse Lösung
des Induktionsproblems zu geben. Wenigstens scheint mir
das einer der Gründe zu sein, der dem Schlagwort zugrunde
liegt, alle Wissenschaft habe nur eine — vereinfachende —
„Beschreibung" der Tatsachen zu liefern. Am deut¬
lichsten tritt diese Seite jenes Gedankens bei Cornelius zu-
272 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
tage. Nach Cornelius hat die Wissenschaft die uns be¬
kannten Erfahrungen zu ordnen, in ein System
zu bringen. Das geschieht durch die Eingliederung dieser
Erfahrungstatsachen in begriffliche Zusammenhänge, die,
da die Erfahrungstatsachen in zeitlichem Nacheinander
uns entgegentreten, notgedrungen auch Gesetzeszusammen¬
hänge werden. Haben wir diese Begriffe in bestimmter Weise
definiert, so lassen sich aus diesen Definitionen gültige
Folgerungen ziehen — ist Quecksilber als ein Stoff definiert,
der z. B. das spezifische Gewicht 13,5 hat, so „muß“ Q.
stets so beschaffen sein und bleiben. Aber beweisbare, ein¬
sichtige Geltung besitzen diese Sätze nur, insofern sie solche
logischen Folgerungen sind; ihre Geltung besteht in diesem
Charakter als Folgerung. Für die Zukunft aber gelten diese
Sätze an sich nicht, oder vielmehr nur insofern, als wir die
definierten Begriffe, deren Geltung für die bisherigen Er¬
fahrungen wir nachgewiesen haben, versuchsweise benutzen,
um auch die neu auftretenden Erfahrungen zu ordnen.
Oder sie gelten nur so lange, sie haben nur so lange den
Charakter begründeter Urteile, als wir jene Begriffe ge¬
brauchen und voraussetzen. Das Ergebnis kann man kurz
so zusammenfassen: Die Wissenschaft ordnet Erfahrungen
in mögliche oder denkbare Zusammenhänge und schließt
oder folgert allerhand aus diesen bestimmt definierten Zu¬
sammenhängen, aber sie prophezeit niemals. Die Urteile
der Wissenschaft, sofern sie wirklich diesen Namen ver¬
dienen sollen, können nur lauten: „W e n n ein Stoff Queck¬
silber ist, so muß er das spezifische Gewicht 13,5 haben“ —
„wenn Wärme ein Stoff ist, kann sie nicht vermehrt und ver¬
nichtet werden“, aber sie können niemals in begründeter
Form auch nur als wahrscheinlich behaupten, daß wenn ein
Stoff sich im übrigen als Quecksilber ausweist, er auch dies
spezifische Gewicht haben wird, oder daß Wärme stets die
Eigenschaften eines Stoffes, unter anderem die der Un¬
zerstörbarkeit besitzen müsse.
Ich vermag dieser Theorie nicht ganz zuzustimmen. Tat¬
sächlich fassen wir doch nun einmal die Gesetze der Natur¬
wissenschaft als Aussagen über Zukünftiges auf. Wir fassen
sie, können wir auch sagen, als wirkliche Urteile auf.
Denn das „analytische“ Urteil ist ja kein wirkliches Urteil,
sondern einfach eine Wiederholung dessen, was schon in
vorausgeschickten Definitionen liegt; es ist kein Urteil, weil
2. Induktion und Kausalität.
273
es im Grunde nur festsetzt, wann wir einen Gegenstand
unter einen bestimmten Begriff fassen, mit einem bestimmten
Namen benennen dürfen, und nicht bestimmte Wahrnehmun¬
gen als unter bestimmten Bedingungen auftretend vor¬
hersagt oder erwartet. So entkleidet die Theorie die
Urteile der Naturwissenschaft gerade des Urteilscharakters.
Oder sie macht die Urteile der Naturwissenschaft, soweit
sie Urteile und nicht Definitionen sind, zu bloßen unbe¬
gründeten und unbegründbaren Vorurteilen. In diesem
Lichte aber erscheinen sie uns um so weniger, als doch die
hier zerstörte Seite der wissenschaftlichen Urteile uns all¬
gemein als die wichtigste erscheinen wird.
Mir scheint, daß hier der Pragmatismus, der ja
mit den Theoretikern der vereinfachenden Beschreibung viel¬
fach auf demselben Grunde steht, richtiger gesehen hat,
wenn er an die Stelle des Begriffs der Beschreibung den der
praktischen Orientierung in der Wahrnehmungswelt setzt.
Das Problem der Induktion aber lautet: Wie ist solche
Orientierung möglich? Das heißt: Wie ist es möglich, von
gegebenen Einzelwahrnehmungen aus zu begründeten Ur¬
teilen zu gelangen, die eine Voraussage zukünftiger Wahr¬
nehmungen enthalten?
2. Induktion und Kausalität.
Daß das Problem der Induktion als logisches Grund¬
problem erst so spät ins Bewußtsein erhoben wird, hat
seinen Grund in der Verquickung des Problems mit dem
Gedanken der „Ursache und Wirkung“. Wie kommen wir
dazu, zwischen zwei Vorgängen, die die Beobachtung uns
als zusammen auftretend zeigt, eine allgemein-gesetzmäßige
Verbindung anzunehmen, von der Wahrnehmung des Hier
und Jetzt ihres einmaligen (oder auch mehrmaligen) Zu¬
sammen zu dem allgemeinen Gesetz fortzuschreiten, das wir
doch, scheinbar wenigstens, induktiv auf diese Wahrnehmung
gründen? Die Frage scheint sich zu lösen, wenn wir gerade
zwischen diesen zwei Vorgängen eine besondere Relation
annehmen, die wir nicht überall voraussetzen, die Relation
der Ursache und Wirkung. Haben wir ein Recht anzunehmen,
daß a Ursache des b ist, daß b aus a hervorgeht, daß a das b
aus sich hervortreibt und schafft, daß zwischen a und b
ein besonderes Band besteht, das b als von a abhängig, als
v. Aster, Philosophie. 18
274 Fünftes Kap. Die empirische F.rkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
ein Produkt kennzeichnet, so haben wir scheinbar auch das
Recht, davon zu reden, daß b auf a notwendig folgt, daß
also auch ein entsprechendes allgemeines Gesetz gilt. Die
Frage ist dann nur noch: Wie und wo erfassen wir zwischen
zwei Gegenständen diese Relation? Nehmen wir sie wahr
und das in allen Fällen, in denen wir von Ursache und
Wirkung reden? Oder nur in bestimmten Fällen, um sie
dann in anderen per analogiam zu erschließen?
Es bedarf der ganzen Entwicklung der neueren Philo¬
sophie von Descartes bis zu Hume, um allmählich, in Etappen,
die Erkenntnis zu gewinnen, daß der Kausalbegriff keine
Lösung, sondern eine Verschleierung des Problems bedeutete,
oder daß er bestenfalls das Problem enthielt und bezeichnete,
anstatt ein Mittel seiner Auflösung zu sein.
In zwei allmählich zur Klarheit und Einsicht kommenden
Gedankengängen, die freilich sich gegenseitig stützen und
aufs Engste mit einander verflochten sind, vollzieht sich
diese Erkenntnis. Erstens: Es dringt der Gedanke durch,
daß das Band, von dem vorhin die Rede w r ar, und an das
wir zunächst denken, wenn von Ursache und Wirkung ge¬
sprochen wird, daß das „Hervorgehen“ des einen aus dem
anderen, daß das Bedingt- oder Verursachtsein gar nicht, in
keinem Fall, wahrgenommen, gegeben sein kann, sondern
daß in allen Fällen gegeben stets nur die zwei Fakten sind,
die wir als „Ursache“ und „Wirkung“ bezeichnen, und ihr
zeitliches Nacheinander. Daß weiter, wenn wir diese
Fakten als kausal verknüpft beurteilen, in dieser Beurteilung
dieses hier und jetzt, einmal beobachtete Nacheinander zu
einem notwendigen oder gesetzmäßigen, zu einem Nach¬
einander nach einem allgemeinen Gesetz gestempelt oder der
jetzt und hier beobachtete Fall als Spezialfall eines allge¬
meinen Gesetzes aufgefaßt wird. Die Behauptung, daß zwei
Vorgänge sich wie Ursache und Wirkung zueinander verhalten,
ist, sobald wir uns auf diesen Standpunkt stellen, nur ein
anderer Ausdruck dafür, daß ihre Folge als einem allgemeinen
Gesetz entsprechend angesehen werden kann. Die Frage:
Wie überzeugen wir uns davon, ob zwei Vorgänge wirklich
Ursache und Wirkung sind? führt zurück auf die andere:
Wie können wir dazu kommen, auf die Beobachtung, daß
jetzt und hier zwei Vorgänge aufeinander folgen, das ent¬
sprechende allgemeine Gesetz zu gründen, daß ein Vorgang
dieser bestimmten Art allgemein jene Folge hat? Die An-
2. Induktion und Kausalität. 275
Wendung des Kausalbegriffs setzt Induktion voraus und
erklärt sie nicht.
Noch deutlicher wird dasselbe, wenn wir das Ergebnis
jenes Gedankenganges noch etwas anders ausdrücken: Man
überzeugt sich, daß die „Notwendigkeitsbeziehung“, die im
Begriff der Ursache und Wirkung liegt, eine „gedachte“,
keine „gegebene“ Beziehung ist — d. h. eine Beziehung, in
deren Sinn es liegt, daß der jetzt und hier gegebene Fall
mit anderen, zukünftigen Fällen begrifflich zusammengefaßt
wird. Kantisch gesprochen: Kausalität ist nicht ein jetzt
und hier Gegebenes, sondern eine Form des Denkens, und
alles Denken vollzieht sich in Begriffen oder ist Denken
eines Allgemeinen.
Die Einsicht, von der ich hier sprach, wird allmählich,
in Etappen gewonnen. Diese Etappen kommen dadurch zu¬
stande, daß in mehr und mehr Fällen die Kausalität als etwas
bloß Hinzugedachtes und als das unmittelbar Gegebene nur
das zeitliche Nacheinander der gedachten Gegenstände er¬
kannt wird. Charakteristischerweise — aus einem gleich
näher zu besprechenden Grunde — wird es zunächst in den
Fällen behauptet, in denen Ursache und Wirkung am meisten
voneinander verschieden sind oder sich am schärfsten gegen¬
einander abheben: bei der Wechselwirkung zwischen „Seele“
und „Körper“. Hier zuerst wird — vom Okkasionalismus —
an die Stelle des ursächlichen Bedingens und Bedingtseins
ein bloßes „regelmäßiges Nacheinander“ gesetzt. Dann wird
dasselbe ausgedehnt auf die gesamte Körperwelt. Am längsten
erhält sich der Gedanke einer direkt erfaßten oder erlebten
Ursachbeziehung auf dem Gebiet des rein Psychischen, die
Seele und der Wille (soweit man ihm nicht zuschreibt, was
er nicht leisten kann, nämlich die Verursachung einer körper¬
lichen Bewegung) erscheinen als wahre Ursachen, als einzig
schöpferische Kräfte. Für Leibniz sowohl wie für Berkeley
steht daher der Naturwissenschaft, die nur nach den Ge¬
setzen der Tatsachen forscht, die Lehre von der Seele
(der menschlichen und der göttlichen) gegenüber, die uns
zu den eigentlichen Ursachen der Dinge führt. Erst Hume
endlich sucht zu zeigen, daß auch, wo wir auf rein psychische
Tatbestände den Begriff der Ursache und Wirkung anwenden,
die Sache im Prinzip nicht anders liegt, das unmittelbar
Gegebene nur ein zeitliches Nacheinander ist (assoziativer
Zusammenhang von Vorstellungen — Gefühl der Lust oder
18*
276 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u, d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Unlust und Wunsch zu besitzen oder zu vermeiden usw.).
Und Kant folgt ihm auf diesem Wege.
Dieser hier zuerst besprochene aber entwickelt sich nun
im engsten Zusammenhang mit einem zweiten Ge¬
dankengang. Wir können ihn kurz charakterisieren als die
Einsicht, daß wir unter „Kausalität“ eine Relation zwischen
zwei gegeneinander selbständigen Faktoren
verstehen müssen, und zw ar eine Relation, die wir in Gedanken
variieren, uns verschieden, als vorhanden und nicht vor¬
handen vorstellen können, ohne in der Vorstellung die
Faktoren selbst zu variieren, zwischen denen sie besteht.
Ich betone die Selbständigkeit der Faktoren gegeneinander:
es ist das, was „Ursache“ und „Wirkung“ von „Grund“
und „Folge“ unterscheidet. Die logische Folge ist i m
Grunde enthalten — daß dieser einzelne Mensch
sterblich ist, folgt daraus, daß alle Menschen sterblich sind,
weil in dem allgemeinen die Sterblichkeit dieses einzelnen
Menschen bereits implicite mit behauptet ist. Der Grund
kann nicht gedacht werden, ohne daß in ihm, wenn auch
nicht bew'ußt und ausdrücklich, die Folge mitgedacht wäre,
weil eben beides sich wie Ganzes und Teil zueinander ver¬
halten. Dagegen ist die Wirkung nicht in der Ursache ent¬
halten und kann nicht durch eine bloße Analyse der Ur¬
sache gefunden werden; beide sind in diesem Sinn gegen¬
einander selbständige Gegenstände. Ferner können wir in
der Vorstellung die Relation variieren, ohne die Fundamente
zu variieren. Dadurch unterscheidet sich die Kausalität von
den Relationen der Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit
und Größe. Wir können uns kein Rot vorstellen, das dem
Grün einmal ähnlicher wäre als dem Violett; dagegen können
wir uns sehr wohl vorstellen, daß Feuer einmal Kälte anstatt
Wärme verbreitete, daß die gestoßene Kugel anstatt in der
Richtung des Stoßes sich senkrecht zu demselben fortbewegte
usw.
Andererseits ist nun Kausalität eine Notw’endigkeits-
beziehung. Wir denken Ursache und Wirkung als notwendig
aneinander gebunden: Weil die Ursache ist, muß die
Wirkung eintreten. Und Notwendigkeit und All¬
gemeinheit sind Wechselbegriffe, wo wir Notwendigkeit
ansetzen, setzen wir die Geltung eines allgemeinen Satzes
voraus: Jedesmal wenn a ist, zieht es b nach sich;
wo wir Ursächlichkeit zwischen zwei Tatbeständen voraus-
2. Induktion und Kausalität.
277
setzen, betrachten wir das Zusammen beider Tatbestände
als Spezialfall eines allgemeinen Gesetzes, eines Gesetzes,
das ein allgemeines oder notwendiges Zusammen solcher
zwei Tatbestände ausspricht.
Aus alledem geht nun wiederum hervor, daß der Kausal¬
begriff das Problem der Induktion nicht löst, sondern
voraussetzt oder in sich schließt. Behaupten wir, zwei Tat¬
bestände seien Ursache und Wirkung, so behaupten wir ein
allgemeines Gesetz, einen allgemeinen Zusammen¬
hang, aber dieser allgemeine Zusammenhang ist weder ein
logischer, noch ein apriorisch-anschaulicher. Er ist ein all¬
gemeiner Satz, den wir auf das unmittelbare Gegeben¬
sein einer einzelnen Tatsache, eines „jetzt“ und „hier“
gründen müssen, das Ergebnis einer Induktion.
Auch diese Einsicht vollzieht sich in denselben Etappen,
die ich vorher angedeutet habe, und diese Etappen werden
hier noch besser verständlich. Die „Selbstverständlichkeit“
der als „Ursache“ und „Wirkung“ bezeichneten Faktoren
tritt uns am klarsten entgegen, wo beide am deutlichsten
verschieden sind: Gehirnbewegung und Empfindung,
Wille und körperliche Bewegung. Sie ist am wenigsten
deutlich, wo ein einheitlicher Strom des Erlebens beide um¬
faßt und trägt: im Psychischen. Es gibt im Psychischen
für unser unmittelbares Bewußtsein fast nie ein einfaches
„Anderssein“ zweier auf einander folgender Erlebnisse, es
gibt stets ein „Sichverändern“, ein Ineinanderübergehen,
kein scharfes Abgesetztsein, es gibt fast stets Ubergangs¬
erlebnisse.
Nun gibt es unzweifelhaft auch eigenartige Übergangs-
erlcbnisse, die gerade in den Fällen sich einstellen, in denen
wir von „Ursache“ und „Wirkung“ zu reden pflegen. Es
liegt unzweifelhaft ein bestimmter unmittelbar erlebter Tat¬
bestand vor, wenn wir davon sprechen, daß wir das „Hervor¬
gehen“ des Wunsches, der Hoffnung oder Furcht „aus“
einem bestimmten Gefühl, daß wir erleben, wie uns „bei“
einem Erlebnis die Erinnerung an ein anderes einfällt (Er¬
lebnis der Assoziation, obgleich wir keineswegs nur dort von
einer Assoziation reden, wo ein solches Relationserlebnis
vorhanden ist); daß wir das Finden einer Lösung „durch“
eine Willensanstrengung, ja auch das Entstehen einer Arm¬
bewegung „aus“ dem entsprechenden Willensakt erleben
usf. Wenn wir nun hier zwischen Gefühl und Wunsch,
278 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Willensanstrengung und gewonnenen Gedanken, assoziativ
bedingender und bedingter Vorstellung ein Kausalverhältnis
statuieren, so hat, scheint es, Hume doch nicht ganz recht,
wenn er meint, daß nur ein zeitliches Nacheinander gegeben
sei, es ist scheinbar doch mehr, es ist etwas von dem „durch“,
dem „propter“, nicht bloß das „post“ erlebt. Und auch Hume
selbst muß etwas dergleichen annehmen, wenn er von dem
zwangsmäßigen Gefühl des Glaubens spricht, das wir beim
Übergang von einer Vorstellung zu einer besonders eng mit
ihr assoziierten haben. Mag man die Interpretation, die in
dieser Bezeichnung liegt, billigen oder nicht, jedenfalls ist
dies „Gefühl“ ein solches Übergangserlebnis, wie wir es hier
geschildert haben.
Aber man muß nun deutlich im Auge behalten, was
denn hier gegeben ist. Auf alle Fälle ein einzelner Tatbe¬
stand, ein Jetzt und Hier. Ein a und ein b ist jetzt und
hier gegeben, und mit gegeben ist die bestimmte Art und
Weise, wie sie, wiederum jetzt und hier, sich zu
einem Gesamterlebnis vereinigen. Eben deshalb aber dürfen
wir nicht sagen, es sei hier „Kausalität“ erlebt oder gegeben —
vorausgesetzt, daß wir unter Kausalität das verstehen, was
vorhin auseinandergesetzt wurde: eine notwendige Ver¬
knüpfung, und das heißt: eine Verknüpfung nach einem all¬
gemeinen Gesetz. Ich finde, daß b auf a in diesem bestimmten
Fall nicht nur folgt, sondern in bestimmter Weise, sagen wir
in der Weise des unmittelbar erlebten „Auseinander“ (nicht
bloß nacheinander) folgt, so weiß ich damit doch noch nicht,
ob auch in Zukunft, ob immer und überall auf a ein b in dieser
bestimmten Weise folgen wird. Wenn ich also auf diesen
einzelnen gegebenen Tatbestand die Behauptung gründe,
a sei „Ursache“ des b, b also sei durch a notwendig bedingt
oder es gelte das allgemeine Gesetz, daß jedesmal wenn a
auftritt, b sich in dieser bestimmten Weise daran fügen
wird, so stütze ich auf unmittelbar Gegebenes einen all¬
gemeinen Satz oder vollziehe einen Akt der Induktion.
Auch wenn wir derartige Übergangs- oder, wenn man will,
Relationserlebnisse zu Hilfe nehmen, löst der Begriff der
Kausalität das Problem der Induktion nicht, sondern setzt
es voraus.
Das hier Ausgeführte läßt zugleich verständlich werden,
warum der Philosophie des Altertums, wenigstens in ihrer
systematisch vollendetsten und herrschend gebliebenen Form,
2. Induktion und Kausaiitfit.
279
in der Platonisch-Aristotelischen Form, das Problem der
Induktion sowohl wie das der Kausalität in unserem Sinn
fremd ist. Der Erkenntnistheorie des Altertums fehlt zu¬
nächst der Begriff des Gesetzes. An seine Stelle tritt
ein anderer als Zentralbegriff der Erkenntnis: der Begriff
des Wesens, des begrifflichen Wesens einer Sache.
Einen Gegenstand erklären heißt nicht, ihn als notwendig
bedingt durch einen anderen nachweisen, die notwendigen
und zureichenden Bedingungen seiner Existenz aufstellen,
sondern es heißt ihn unter einen bestimmten Begriff sub¬
sumieren, unter den Begriff, der uns sagt, „was“ der Gegen¬
stand eigentlich oder seinem Wesen nach ist. Dieser Begriff
ist das allgemeine Wesen, das entweder in dem zu erklären¬
den Einzelgegenstand steckt (Aristoteles) oder außerhalb
seiner in einer besonderen Existenzweise die an „ihm teil¬
habenden“ Einzelgegenstände umfaßt (Plato), jedenfalls
aber im einen und im anderen Fall durch den Verstand
herausanalysiert, erfaßt, geschaut werden kann. Ganz fehlt
der nominalistische Grundgedanke, daß der Allgemeinbegriff
selbst stets erst durch Zusammenfassung einer Reihe von
Einzelgegenständen entsteht, ja nur der Ausdruck für eine
solche Zusammenfassung ist.
Es ist klar, daß auf diesem Boden für das Problem der
Induktion keine Gelegenheit gegeben ist. Die einzige Frage,
die in dieser Hinsicht auftauchen kann, ist die, warum wir
gelegentlich, um das ideelle Wesen in oder außer einer Sache
zu erkennen, den Umw r eg über einen zusammenfassenden
Vergleich der verschiedenen Einzelindividuen einschlagen,
die demselben Begriff unterstehen.
Der Wesensbegriff aber ist zugleich die Erklärung für das
Verhalten des betreffenden Gegenstandes, er ist „Ursache 4 *
und zwar allein das, was diesen Namen wirklich verdient.
Warum bewegt sich der Mond in einer Kreisbahn? Weil
seiner Natur als Glied der vollkommenen Gestirnwelt, Welt
des Himmlischen diese Bewegung wesentlich ist. Damit
kommen wir zum Begriff der Ursache. Ursache und Wir¬
kung verhalten sich wie das Allgemeine zum Individuellen
(oder Individuelleren) — also nicht wie zwei gegeneinander
selbständige individuelle Faktoren. Die Kausalität erscheint
nicht als Verknüpfung zweier solcher Faktoren in Form
eines allgemeinen Gesetzes, sie kann daher keinen Anlaß
geben, das Problem der Induktion ins Bewußtsein zu er-
280 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
heben. Das um so mehr, als der Begriff der Ursache und
Wirkung bei Plato und Aristoteles vorwiegend teleo¬
logisch orientiert ist, und zwar an der Hand der Teleologie,
die uns durch die Betrachtung der organisierten Natur auf¬
gedrängt wird. Alles „Wirken“ ist die Aktualisierung eines
potentiell Vorhandenen, die Entfaltung eines im eingefalteten
Zustande schon Existierenden. Das heißt, alles Wirken ist
vergleichbar dem Sichentwickeln des Samenkorns zur
Pflanze, noch besser der Knospe zur Blüte. Aber wie schon
eben betont: Das sich Entfaltende ist schon vorher da, die
Blütenblätter stecken schon in der Knospe, nur eingerollt,
die Wirkung liegt schon in der Ursache, mail kann sie darin
finden, die Ursache schließt die Wirkung ein, man kann sie
aus ihr herauspräparieren. So ist dieser teleologische, in
Anlehnung an den Entwicklungsbegriff entstehende Ursach-
begriff ganz besonders dazu geeignet, die vorhin besprochene
Verwechselung der Begriffe Ursache-Wirkung und Grund-
Folge nahezulegen, bei der ja eben die Selbständigkeit der
beiden Realitäten verkannt und die Wirkung zu etwas in
der Ursache Enthaltenem gemacht wurde. In der Rede¬
wendung, die vom „Hervorgehen“ der Wirkung aus der
Ursache spricht, liegt uns auch heute derselbe Kausalbegriff
noch nahe — das „Hervorgehende“ muß vorher in dem
enthalten gewesen sein, aus dem es hervortrat.
Was der erkenntnistheoretischen Analyse des Kausal¬
begriffs im Altertum fehlt, ist der Gedanke, daß in der An¬
wendung des Kausalbegriffs ein Zusammen zweier derselben
Sphäre der Realität angehöriger Gegenstände als ein funk¬
tionelles Abhängigkeitsverhältnis und d. h. als ein gesetz¬
mäßiges Zusammen, als Spezialfall eines allgemeinen Ge¬
setzes gedacht wird. Eben diese Einsicht in einen solchen
Sinn des Kausalbegriffs aber konnte erst sich einstellen,
nachdem in der Physik der neueren Zeit, d. h. in der ersten
Wissenschaft, die sich zu einem methodisch selbständigen
Gebilde entwickelt und so, dem Streit und den Angriffen
der Erkenntnistheoretiker entrückt, vielmehr zu dem Muster
wird, auf das die Philosophen hinblicken, um die Frage nach
dem Wesen der wissenschaftlichen Erkenntnis zu entscheiden,
nachdem in der Physik das „Gesetz“ immer deutlicher sich
als Ziel der wissenschaftlichen Arbeit von selbst ergeben hatte.
So konnte auch hier erst das Problem der Induktion ent¬
stehen, d. h. die Frage: wie ist es möglich, auf wahrgenommene
2. Humes Skeptizismus.
281
oder unmittelbar gegebene Einzeltatsachen allgemeine Ge¬
setze zu gründen, die damit weder logisch-analytische, noch
apriorisch-anschauliche Sätze sind?
3. Humes Skeptizismus.
So sehr es in der Geschichte der neueren Philosophie
vorbereitet wird, ist doch David Hume der erste, der das
Problem der Induktion, der empirischen Sätze in seiner
vollen Schärfe und Allgemeinheit formuliert. Sein Aus¬
gangspunkt ist die scharfe Abgrenzung der empirischen von
den logisch-analytischen und apriorisch-anschaulichen Ur¬
teilen (wobei jedoch daran zu erinnern ist, daß diese zwei
Gruppen von ihm nicht deutlich geschieden werden — ihre
Scheidung wird erst durch Kants „klassische Unterscheidung“
von analytischen und synthetischen Sätzen ermöglicht) und
der empirischen Kausalbeziehung von den mathematisch¬
logischen Beziehungen. Wie weit es nun ohne weiteres zu¬
geben werden kann, daß alle empirischen Gesetze kausale
Verknüpfungen behaupten, wie weit diese Behauptung eine
Erweiterung des Kausalbegriffs über den üblichen Sprach¬
gebrauch hinaus enthält, mag hier unerörtert bleiben, jeden¬
falls erhält durch diesen Gedanken die Humesche Frage:
Wie kommen wir dazu, zwei Vorgänge als Ursache und
Wirkung zu verknüpfen? denselben Sinn wie die andere:
Wie kommen wir dazu, welches Recht haben wir, auf eine
gegebene Tatsache ein empirisch-allgemeines Gesetz zu
gründen?
Die Behauptung, Vorgang a sei Ursache des Vorgangs b,
ruht stets auf der Erfahrung des Zusammenauftretens beider
Vorgänge, ihrer zeitlichen Folge in der Welt des unmittelbar
Gegebenen, der „impressions“ (in der Vorstellung, als „ideas“
können wir sie folgen oder nicht folgen lassen). Genauer be¬
sehen aber genügt uns die einmalige Erfahrung eines
solchen Zusammen noch nicht, um den Gedanken jener
ursächlichen Verknüpfung aufkommen zu lassen, sondern es
muß sich diese Wahrnehmung mehrfach wiederholen. Finde
ich einmal, daß mein Befinden nach dem Genuß einer be¬
stimmten Speise nicht zum besten ist, so werde ich noch
nicht ohne weiteres die Speise für die Ursache meiner Übel¬
keit erklären; wiederholt sich das aber jedesmal, wenn ich
davon esse, so werde ich gar nicht umhin können, einen
282 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
solchen Zusammenhang anzunehmen. So führt die Frage:
Wie kommen wir dazu, ursächliche Zusammenhänge anzu¬
nehmen? zu der anderen: Was kann in solcher Hinsicht
die mehrfache Wiederholung einer Erfahrung vor der ein¬
zelnen Erfahrung voraus haben?
Diese Frage ist es bekanntlich, die Hume durch die
Berufung auf die Erfahrungsassoziation und das Prinzip der
„Gewohnheit“ beantwortet.
Wenn wir häufig b auf a haben folgen sehen, so bildet
sich zwischen beiden eine Assoziation. Die Folge ist, daß
wenn wir nun a wieder treffen, die Vorstellung des b auch
in uns auftaucht. Je enger nun die Erfahrungsassoziation
wird, desto intensiver, lebhafter, aufdringlicher wird diese
Vorstellung des b im Anschluß an a, desto mehr wird das b
„der Einbildungskraft aufgezwungen“. Damit aber haben
wir den Bewußtseinstatbestand, dem wir in der Behauptung,
b sei Wirkung des a, Ausdruck zu geben pflegen. Denn
dieses Bewußtsein besteht in einem unwillkürlichen Glauben
an das Auftreten oder die Wirklichkeit des b , wenn wir auf a
stoßen, und dieses „Glauben“ besteht in dem zwangsmäßigen
Sichaufdrängen der Vorstellung b.
Man hat Hume verschiedentlich den Vorwurf gemacht,
daß er sich hier in einem offenkundigen Zirkel bewege. Er
führe Kausalität auf Assoziation zurück, setze dabei doch
aber die Wirksamkeit der Erfahrungsassoziation, also
eine bestimmte Kausalität als bestehend voraus. Dieser
Vorwurf ist nicht ganz berechtigt. Ein solcher Zirkel ist
dann ein offenbarer logischer Fehler, wenn etwas be¬
wiesen werden soll und das zu Beweisende zugleich im
Beweis vorausgesetzt wird. Aber Hume will hier gar nichts
beweisen. Er will nicht etw’a zeigen, daß und warum Kausal¬
behauptungen als gültige Behauptungen existieren, er will
nicht durch den Assoziationsmechanismus ihre logische Mög¬
lichkeit einsichtig machen. Im Gegenteil: Diese logi¬
sche Möglichkeit läßt sich nach Hume nie-
m aiseinsichtigmachen, logisch betrachtet müssen
die Kausalurteile als bloße Vorurteile erscheinen. Oder: es
war vorhin die Frage gestellt worden: Was hat die mehrfache
Erfahrung des Zusammen zweier Vorgänge vor der einmaligen
voraus? Soll die Frage den Sinn haben: Wie kann die wieder¬
holte Erfahrung die Behauptung einer Kausalbeziehung
logisch rechtfertigen, was die einmalige Erfahrung nicht ver-
2 . Humes Skeptizismus.
283
mag?, so lautet Humes Antwort, daß die wiederholte Er¬
fahrung in dieser Hinsicht gar nichts von der ein¬
maligen unterscheidet, daß die Häufung der Wahrnehmungen
uns das Bestehen einer Kausalverknüpfung um nichts mehr
einsichtig zu machen vermag. Wenn wir nun trotzdem in
dieser Weise von Ursachen und Wirkungen reden und sie
als vorhanden behaupten, so bleibt uns nur noch die Auf¬
gabe, dieses Faktum psychologisch zu erklären, das Vor¬
handensein der Urteile, deren logisches Recht wir nicht dar¬
zutun imstande sind, die vor dem Forum der Erkenntnis¬
kritik als schlechthin unbegründbare Vorurteile erscheinen,
wie das Vorhandensein aller anderen Dinge in der Welt auf
„Ursachen“ zurückzuführen. Das geschieht durch die gene¬
tische Theorie, die sich auf den Assoziationsmechanismus
stützt. Dabei gilt natürlich auch für diese Kausalerklärung,
was eben für jede gilt, nämlich daß sie in ihrer letzten Voraus¬
setzung logisch in der Luft schwebt, unbegründbar ist.
Es zerfällt demnach Humes Theorie der Kausalität und
damit der empirischen Urteile überhaupt in zwei Teile:
einen erkenntniskritischen, der in einem ausgesprochenen
Skeptizismus gipfelt, und einen psychologisch-genetischen.
Streng genommen geht uns hier, wo es sich uns nur um Humes
Stellung zu dem logischen Problem der Induktion handelt,
der letztere gar nichts an. Nur insofern ist die psychologisch¬
genetische Theorie von Interesse, als gerade aus ihrer näheren
Ausgestaltung die ausgesprochen skeptische Stellungnahme
zum erkenntnistheoretischen Problem der Induktion bzw.
des Kausalurteils besonders deutlich erhellt.
Als Grundlage und Ausgangspunkt der ganzen Theorie
erscheint der Gedanke, daß es zwei prinzipiell verschiedene
und völlig unvergleichbare Arten von Erkenntnis gibt: die
Vernunft- oder Verstandeserkenntnis und die empirisch¬
kausale „Erkenntnis“. Der Grundunterschied beider aber
besteht darin, daß es in der ersteren, die sich auf die Rela¬
tionen der Ähnlichkeit, des Widerstreits, der „Grade der
Qualität“ und der „Verhältnisse der Quantität und Zahl“
bezieht, und die in der Wissenschaft der Logik und reinen
Mathematik ihren Ausdruck findet, ein einsichtiges
Erfassen oder ein wirkliches Wissen — knowledge —
von unbedingter Gewißheit — certainty — gibt, während
auf der Seite der empirischen Urteile ein bloßes blindes
G 1 a u b e u , ein Fürwahrscheinlichannehmen steht. Diese
284 FUnftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
„Wahrscheinlichkeit“ ist nicht eine bloße niedere Stufe der
„Gewißheit“ der einsichtigen Relationswahrheiten, sondern
es besteht nach der Lehre Humes zwischen beiden ein prin¬
zipieller Unterschied, wie auch Hume selbst bei den sichersten
und uns geläufigsten Induktionen nie von certainty spricht,
sondern stets den anderen Terminus assurance gebraucht,
ebenso wie er nie für die empirischen Urteile einen Beweis
— demonstration —, sondern nur „proofs“ geben läßt.
Endlich charakterisiert er das Bewußtsein der Wahrheit
einer Verstandeseinsicht als spontanen „Akt des Geistes“,
eines empirischen Satzes dagegen als eine „Art von Emp¬
findung“ (Sensation). Durch diese scharfe Entgegensetzung
erst wird nun die Theorie, daß alle empirische Erkenntnis
auf Gewohnheit beruhe, möglich. Gewohnheit kann nie
wirkliche Einsicht erzeugen: „Die Gewohnheit kann uns
lediglich zu einer falschen Vergleichung von Vorstellungen
verleiten, dies ist das Äußerste, was wir uns als Wirkung
der Gewohnheit vorstellen könnten. Dagegen kann sie un¬
möglich an die Stelle dieser Vergleichung treten oder
einen Akt des Geistes hervorrufen, der seiner Natur nach
einen solchen Akt voraussetzt“ (Treatise I [Understanding]
3. Teil, 9. Abschn.). Wohl aber kann die Gewohnheit, die
Wirkung des Assoziationsmechanismus eine „Art Empfin¬
dung“ hervorrufen, nämlich die Empfindung der besonderen
Aufdringlichkeit oder Lebhaftigkeit einer Vorstellung, von
der schon vorhin gesagt wurde, daß sie — nicht etwa unsern
empirischen Glauben an die Vorstellung bedingt, sondern
mit ihm identisch ist.
Am charakteristischsten vielleicht kommt der skeptische
Ausgangspunkt Humes in einem Einwand zutage, den er
sich selbst macht. Nach der Theorie, sagt er, glauben wir
an das b beim Auftreten des a, weil a und b assoziativ ver¬
knüpft sind. Nun gibt es aber auch Assoziationen zwischen
einem a und b, ohne daß a Ursache des b ist, z. B. die Asso¬
ziation der Ähnlichkeit, oder eine Assoziation, die durch
ein bloßes räumliches Zusammen von a und b bedingt ist.
Ist die Assoziation wesentlich für das Zustandekommen des
Glaubens, so muß sie auch in diesen Fällen denselben Effekt
haben. Hume antwortet auf das Argument, indem er das
Behauptete einfach zugibt: Es verhält sich in der Tat so,
nur daß der Glaube unter diesen Umständen aus nahe¬
liegenden Gründen ein schwächerer ist. Beispiel; An die Ge-
4 . Induktion und einsichtige Wahrscheinlichkeit.
285
setze der gradlinigen Fortpflanzung der Bewegung glauben
wir deshalb besonders leicht und gern, weil hier Ursache
und Wirkung außerdem durch das Moment der Ähnlichkeit
verbunden sind. Christen, die das heilige Land gesehen hatten,
wurden eifrigere Bekenner ihres Glaubens, weil „die Leb¬
haftigkeit der Vorstellung dieser Orte sich leicht der Vor¬
stellung der Ereignisse mitteilte, die mit ihnen in unmittel¬
barer räumlicher und zeitlicher Beziehung gestanden haben
sollen“ (Abschn. 9).
Wenn also der Naturforscher durch Beobachtung und
Erfahrung ein allgemeines Gesetz als wahr erweisen zu
können glaubt, so liegt hier nach Hume im Prinzip nichts
anderes vor, als wenn wir an eine Begebenheit glauben,
lediglich weil wir uns an dem angeblichen Schauplatz der¬
selben befinden und sie uns infolgedessen mit besonderer
Lebhaftigkeit vorstellen. Der erste Zusammenhang ist so
wenig eine „Begründung“ wie der zweite. Damit ist nichts
anderes gesagt, als daß die empirischen Urteile logisch be¬
trachtet auf der Stufe unbegründbarer Vorurteile stehen:
Daß wir sie aufstellen, ist psychologisch erklärbar, wie jedes
Vorurteil psychologisch erklärbar ist, aber nicht logisch¬
einsichtig begründbar. Die Induktion ist keine logisch zu
begründende Methode, das logische Problem der Induktion
unlösbar.
Humes skeptischer Standpunkt statuiert einen klaffenden
Widerspruch zwischen dem tatsächlichen Verfahren der
empirischen Wissenschaft, das unzweifelhaft die Induktion
als gültige Methode voraussetzt, und der erkenntnistheoretisch¬
logischen Untersuchung, die irgendwelche Begründung dieser
Methode für prinzipiell unmöglich erklärt. Darin liegt die
Unmöglichkeit, bei einer solchen Skepsis sich zu begnügen.
4. Induktion und einsichtige Wahrscheinlichkeit.
Wer sich auf den skeptischen Standpunkt Humes stellt,
der leugnet, so kann man kurz sagen, daß die einzelne oder
wiederholte Beobachtung bestimmter unmittelbar gegebener
Tatsachen Grund (Erkenntnisgrund) eines allgemeinen
Erwartungsurteils sein, könne. Sie ist nicht Grund,
sondern nur Anlaß, Ursache dafür, daß wir ein solches
Urteil fällen, eine solche Erwartung hegen (vgl. zu
diesen zwei Begriffen S. 178). Will man die Methode der
286 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Induktion logisch begründen, so läuft das darauf hinaus,
zwischen den beobachteten Tatsachen und dem allgemeinen
Gesetz einen einsichtigen Zusammenhang zu statuieren, der
die Tatsachen zum Grunde des allgemeinen Urteils macht.
Die Versuche einer solchen Begründung nun führen im
wesentlichen auf einen doppelten Weg. Der eine beruft sich
auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung, d. h.
er fußt auf dem Gedanken, daß wenn die Beobachtung
unter den gleichen Voraussetzungen nicht einmal, sondern
immer wieder die gleiche Folge zeigt, es einsichtig
wahrscheinlich ist, daß der beobachtete Zusammen¬
hang ein notwendiger, kein zufälliger ist, also einem allge¬
meinen Gesetze entspricht, eine einsichtige Wahrscheinlich¬
keit, die in mathematisch ausdrückbarem Verhältnis mit
der Zahl der bestätigenden Beobachtungen steigt. Der zweite
begangene Weg besteht darin, daß man zunächst alle empiri¬
sche Gesetzeserkenntnis als auf einem allgemeinsten und still¬
schweigend vorausgesetzten Prinzip ruhend auffaßt. Dieses
Prinzip selbst wird als allgemeinstes Postulat der Er¬
kenntnis (Beispiel: Kants transzendentaler Beweis aus der
Möglichkeit der Erfahrung) abgeleitet und in diesem Sinn
„bewiesen“, auf dieser Grundlage dann weiter gezeigt, daß,
wenn wir mit jener Voraussetzung an die Tatsachen heran¬
treten, die empirischen Einzelgesetze sich als wahrscheinliche
Urteile begründen lassen.
Der erste Weg, die Begründung der Induktion auf Wahr¬
scheinlichkeitsrechnung, scheint mir auf einem prinzipiellen
Irrtum zu beruhen. ,
Sie ist zunächst nur in der Form möglich, daß man bei
der beobachteten Folge zweier Ereignisse mit den zwei
Möglichkeiten — den zwei an sich möglichen und damit
auch „gleichmöglichen“ Fällen — rechnet, daß die Folge
eine „zufällige“ oder eine „notwendige“ ist. Aus der häufigen
Wiederkehr der Folge wird zunächst auf die wachsende
Unwahrscheinlichkeit ihrer bloßen Zufälligkeit und damit
auf ihre Notwendigkeit geschlossen. Ist aber die Folge eine
notwendige, so entspricht sie auch einem allgemeinen Gesetz.
Demgegenüber erinnere ich an das, was früher über
„Allgemeinheit“ und „Notwendigkeit“ und ihre Natur als
„Wechselbegriffe“ ausgeführt wurde: Es ist derselbe Satz,
den ich in der Form „alle a sind ö“ und „ein a muß ö“ sein
zum Ausdruck bringe; „ein a muß b sein“ bedeutet:
4. Induktion und einsichtige Wahrscheinlichkeit.
287
das Aneinandergebundensein von a und ft ist nicht ein ein¬
zelnes, jetzt und hier sich abspielendes Ereignis, sondern
es entspricht einem allgemeinen Gesetz, in dem es „gründet“
(s. S. 155). Die Folge ist eine „zufällige“ aber bedeutet
nichts weiter als: Sie ist keine notwendige — also:
es gibt kein solches allgemeines Gesetz, sondern es
gelten anstatt dessen die partikulären Urteile „einige a
sind ft“ und „einige a sind nicht ft“, „es gibt ft-seiende und
nicht-ft-seiende a“. Stellt man sich auf diesen Standpunkt
(jeder andere führt dazu, in der „notwendigen Verknüpfung“
ein besonderes Band, eine vorstellbare oder irgendwie erfa߬
bare Relation zu sehen, ein Gedanke, gegen den das Nötige
bereits im vorigen Paragraphen gesagt wurde), so sieht man
erstens, daß der Schluß von der häufigen Folge auf die
Unwahrscheinlichkeit ihrer bloßen Zufälligkeit tatsächlich
nichts anderes ist, als ein Schluß daraus, daß „einige a“
ft sind, darauf, daß „alle a“ ft sind. Eben dieser Schluß aber
ist es, der durch seine Uneinsichtigkeit das ganze Problem
der Induktion aufgibt und der, wie man daher schon
hier sehen kann, durch eine solche, des Wahrscheinlich¬
keitsansatzes sich bedienende Deduktion nur verschleiert
wird.
Ferner: Die Behauptung, eine Folge sei „zufällig“, ist
eigentlich negativ, sie bedeutet: nicht alle a sind ft,
sondern einige a sind nicht ft. Der Satz „einige“ a sind
nicht ft aber ist, wenn wir ihn positiv nehmen, noch einer
genaueren Bestimmung fähig; er kann genauer lauten: 100 a
— oder 250 a — oder 2000 a usw. sind nicht ft. Alle diese
Sätze haben das Gemeinsame, daß sie gegen den allge¬
meinen Satz „alle a sind ft“ gehalten ihn negieren. Daraus
aber sieht man schon, daß die „Zufälligkeit“ eigentlich so
und so viel verschiedene einzelne Fälle äußerlich zusammen¬
faßt, die alles „mögliche“ Fälle sind. Das heißt, man kann
nicht einfach „Notwendigkeit“ und „Zufälligkeit“ als gleich¬
mögliche Fälle gegenüberstellen, sondern die Zahl der mög¬
lichen Fälle ist unendlich groß, und jede bestimmte Anzahl
von Beobachtungen der Folge a —► ft legt zunächst einmal
eine Möglichkeit besonders nahe, nämlich die, daß 6
gerade so oft auf a folgt oder daß gerade so viel a b sind,
als eben bisher beobachtet worden sind.
Noch anders: Notwendigkeit und „Zufälligkeit“ ver¬
halten sich wie die Temperatur des absoluten O-Punkts
288 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
(wenn es einen solchen gibt) zu der Gesamtheit aller übrigen
Temperaturen — die Notwendigkeit, d. h. die allgemeine
Folge ist der G r e n z f a 11, dem sich die zufällige Folge,
das „alle a sind ft“, der Grenzfall, dem sich das „einige a
sind ft“ mit wachsender Anzahl der „einige a“ annähert.
Darum wäre aus der wachsenden Zahl der Beobachtungen
ein Schluß auf das allgemeine Gesetz nur dann möglich,
wenn wir uns dieser Grenze wirklich damit nähern könnten,
d. h. wenn wir mit wachsender Zahl der gemachten Ver¬
suche hoffen könnten, wirklich „alle a“ zu beobachten.
Diesem Ziel sich auch nur anzunähern ist unmöglich — dem
Sinn des „alle a“ nach, das ja eben eine Zusammenfassung
von unendlich vielen Gliedern bedeutet. Es ist da¬
gegen dann möglich, wenn wir an die Stelle der unendlichen
eine endliche Anzahl von Gliedern setzen. Wir haben eine
Urne, in der sich 100 Kugeln, teils weiß, teils schwarz in
einem beliebigen unbekannten Verhältnis, das Verhältnis
1000 weiße und 0 schwarze oder umgekehrt mit eingeschlossen,
befinden. Hier muß mit jedem Griff, der mich lauter weiße
(oder schwarze) Kugeln fassen läßt (vorausgesetzt, daß ich
die gegriffenen Kugeln nicht wieder hineinlege oder daß
ich, was dasselbe besagt, mit jedem neuen Griff mehr Kugeln
fasse, — mit dem ersten etwa 4, dem zweiten 5 usw. —,
die sich jedesmal als gleichfarbig herausstellen), die Wahr¬
scheinlichkeit dafür steigen, daß alle Kugeln der Urne
weiß (bzw. schwarz) sind, aber nur deshalb, weil mit jedem
solchen Griff die» Zahl der möglichen Fälle sich verringert,
insofern jedesmal ein bestimmtes, bisher noch mögliches
Verhältnis der weißen und schwarzen Kugeln ausgeschlossen
wird, das Verhältnis des einen „günstigen“ Falls (100 weiße,
0 schwarze Kugeln) zu den sonst möglichen sich also zu¬
gunsten des ersteren verschiebt. Das ist aber offenbar nur
möglich, wenn die Zahl der Kugeln nicht unendlich ist, was
mutatis mutandis dann der Fall wäre, wenn wir auf diesem
Wege ein empirisches Gesetz aus der wachsenden Anzahl
der bestätigenden Beobachtungen als wahrscheinlich be¬
gründen wollten.
Im ganzen läßt sich dies freilich erst dann vollständig
begründen, wenn man die Fälle ins Auge faßt, in denen in
der Tat die Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Begründung
empirischer Gesetze dient und den Sinn, in dem das ge¬
schieht. Es läßt sich m. M. n. zeigen — das soll im Folgenden
4. Induktion und einsichtige Wahrscheinlichkeit.
289
geschehen —, daß dieser Sinn stets ein ganz bestimmter ist:
Es läßt sich einsichtig machen, daß die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß ein bestimmter Faktor b keine andere ihm
zugehörige Bedingung als ein bestimmtes a hat,
daß also kein anderes empirisches Gesetz, als das ver¬
suchsweise angenommene a b gilt, mit der Zahl be¬
stimmter einstimmiger Beobachtungen steigt. Dabei ist
aber vorausgesetzt, daß es überhaupt irgendein Ge¬
setz, irgendeine Notwendigkeits- oder allgemein gesetzliche
Beziehung zwischen b und einem zu suchenden x gibt, daß b
überhaupt eine Bedingung hat. Diese Voraussetzung aber
kann nicht auf dem Wege der Wahrscheinlichkeitsrechnung
begründet werden. M. a. W.: Durch Wahrscheinlichkeits¬
rechnung läßt sich über „Zufälligkeit“ und „Notwendigkeit“
nur dann etwas ausmachen, wenn wir unter der Zufälligkeit
einer Folge nur dies verstehen, daß sie nicht die eine
gesuchte notwendige Folge ist — also nicht Zufälligkeit und
Notwendigkeit schlechthin einander gegenüberstellen (eine
Folge a b ist zufällig heißt: sie ist nicht notwendig gemacht,
aber auch nicht ausgeschlossen durch die Gesetze, die das
Auftreten von a und b bestimmen.)
Die Begründung empirischer Gesetze auch mit Hilfe der
Wahrscheinlichkeitsrechnung setzt danach ein allgemeines
Prinzip voraus oder kann nur geschehen, indem man sich
auf ein solches Prinzip stützt, das selbst nicht mehr als
nur wahrscheinlich, sondern als streng und unbedingt
gültig angesehen werden muß. Das heißt, wir kommen
hier, wie man sieht, zurück auf den vorhin schon er¬
wähnten zweiten Weg, auf dem man versuchen kann, dem
induktiven Verfahren logische Einsichtigkeit zu geben. Er
besteht, wie man sich erinnert, in dem Nachweis, daß wenn
man ein bestimmtes allgemeines Prinzip als gültig voraus¬
setzt (welche Gültigkeit nur noch insofern erweisbar ist,
als man es als „Postulat“ der Erkenntnis deduziert), die
empirischen Einzelgesetze sich als einsichtig wahrscheinlich
begründen lassen.
Ehe indessen genauer gezeigt werden kann, inwiefern
dies der Fall ist, bedarf es einer Erörterung des Wahr¬
scheinlichkeitsbegriffes selbst. Es werde
dabei ausgegangen von dem Wahrscheinlichkeitsbegriff,
wie er uns in der Wahrscheinlichkeitsrechnung entgegen¬
tritt.
T. Atter, Philosophie. 19
290 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres ForlRangs.
5. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit.
In einer Urne befinden sich vier Kugeln, drei weiße und
eine schwarze. Die Wahrscheinlichkeit, daß ich beim Hinein¬
greifen eine weiße Kugel fasse, ist %. Zunächst: Was
wird hier als wahrscheinlich bezeichnet? Offenbar das Ein¬
treffen einer bestimmten Erwartung oder das Sichbewahr-
heiten eines Urteils — nämlich des Urteils: Die Kugel, die
ich beim Hineingreifen fasse, wird weiß sein. Was verstehen
wir nun aber unter dieser Wahrscheinlichkeit, und was
eigentlich wird hier gemessen? Von den neueren Autoren,
die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, ist überein¬
stimmend und mit Recht eins hervorgehoben worden, näm¬
lich daß wir unter der größeren oder geringeren Wahrschein¬
lichkeit jedenfalls nicht einfach die größere oder geringere
Intensität des Erwartens, unseres Fürwahrhaltens des Ur¬
teils verstehen dürfen. Die Wahrscheinlichkeit ist vor allem
eine objektive Eigenschaft des Urteils, nicht eine solche des
Urteilens. Ferner ist diese Intensität etwas Wechselndes und
von subjektiven Faktoren Abhängiges, während die Wahr¬
scheinlichkeit eines Urteils etwas Festes und objektiv Me߬
bares ist oder sein soll. Immerhin wird die Intensität des
Erwartens in einem gewissen inneren Zusammenhang mit
der objektiven Wahrscheinlichkeit stehen, wie daraus her¬
vorgeht, daß wir jedenfalls davon sprechen können, daß
der Nachweis der objektiv größeren Wahrscheinlichkeit eines
Urteils uns auch zu einem gesteigerten Glauben an dasselbe
berechtigt.
Um den Begriff der Wahrscheinlichkeit zu klären, gehen
wir aus von dem offenbar nah verwandten Begriff der
Möglichkeit. „Möglichkeit“ ist in gewissem Sinn Be¬
dingung der Wahrscheinlichkeit, was wahrscheinlich sein soll,
muß mindestens möglich sein. Nun wissen wir: Das proble¬
matische Urteil „a kann b sein“ oder „ist möglicherweise ft“
ist nur eine andere Formulierung des partikulären Urteils
„einige a sind es ist dasselbe Urteil, nur bezogen auf
ein beliebiges a, so wie das Urteil „a muß b sein“ dasselbe
Urteil ist wie „alle a sind 6“, nur bezogen auf ein beliebiges a.
Das partikuläre oder problematische Urteil aber ist der Aus¬
druck einer unbestimmten Erwartung, ich erwarte ein x
überhaupt (ein ft-seiendes a ) vorzufinden, ohne daß ange¬
geben wäre, wann oder unter welchen Bedingungen.
5. Der RegrilT der Wahrscheinlichkeit. 201
Wenden wir diese Bestimmung an auf unseren Fall. Es
ist möglich, daß eine beliebig der Urne entnommene Kugel
weiß sei, dieses problematische Urteil ist das Urteil: Einige
der Kugeln in dieser Urne sind weiß — nur bezogen auf eine
„beliebige“ Kugel der Urne, d. h. auf einen Gegenstand,
den ich nur als eine solche Kugel überhaupt näher bestimme.
Oder es ist der Ausdruck der unbestimmten Erwartung,
solche Kugeln vorzufinden. Sollen wir nun nicht nur
von der Möglichkeit, sondern von der Wahrscheinlichkeit
reden, daß ein a b — eine Kugel aus der Urne weiß — sei,
so muß zunächst neben der ersten eine zweite, die erste
ausschließende Möglichkeit bestehen: a kann auch c sein =
einige a sind nicht b, sondern c, oder „es gibt“ c-seiende a
(schwarze Kugeln in der Urne). Ferner aber muß die Zahl
der b- und der c-seienden a gegeneinander abschätzbar oder ab¬
zählbar sein (die Zahl der zu erwartenden einen und andren a).
Es ergibt sich hier zunächst der Begriff der größeren
oder geringeren Möglichkeit dafür, daß ein a b
ödere sei. Was wir damit meinen, ist die größere oder
geringere Anzahl von Malen, in denen sich die Erwartung,
ein ft-seiendes a (eine weiße aus der Urne stammende Kugel)
vorzufinden, erfüllt im Verhältnis zu der Anzahl von
Malen, in denen ein c-seiendes a sich einstellen wird. Anstatt
von größerer oder geringerer Möglichkeit aber können wir
hier bereits von Wahrscheinlichkeit sprechen, ja
es ist das der im gewöhnlichen Leben übliche Begriff, den
wir mit dem Wort Wahrscheinlichkeit verbinden, jener Be¬
griff, der nur ein „wahrscheinlicher“, nicht ein „wahrschein¬
lich“ kennt — sind in einer Urne 3 weiße, 6 schwarze, 12 grüne
Kugeln, so ist es doppelt so wahrscheinlich, daß wir eine
schwarze, als daß wir eine weiße, und halb so wahrschein¬
lich, daß wir eine schwarze, als daß wir eine grüne Kugel
fassen. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit, w r ie er in der
mathematischen Wahrscheinlichkeitsrechnung zugrunde ge¬
legt wird, erwächst erst aus diesem naiven Wahrscheinlich¬
keitsbegriff durch eine gewissermaßen willkürliche Fest¬
setzung. Er erwächst aus dem Bestreben, jedem Sachverhalt
eines unbestimmten (partikulären, problematischen) Urteils
eine feste Zahlengröße als seine Wahrscheinlichkeit schlecht¬
hin zuzuordnen, so daß es durch den Vergleich dieser Größen
errechenbar wird, um wie viel irgendeiner der verschiedenen
zusammengehörigen Sachverhalte wahrscheinlicher ist als
19*
292 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
irgendein anderer. Diesen Faktor finden wir in dem Ver¬
hältnis der „günstigen“ und „möglichen“ Fälle, d. h. der
Anzahl der Fälle, in denen sich das unbestimmte Urteil
bewahrheitet, zu der Gesamtheit der Fälle, in denen es sich
erfüllt und enttäuscht oder in denen überhaupt die Be¬
dingung für seine Erfüllung gegeben ist.
Um noch einmal das Gewonnene zusammenzufassen: Der
Begriff der Wahrscheinlichkeit erscheint nur anwendbar auf
den Sachverhalt partikulärer Urteile, sofern sie — was im Wesen
des partikulären Urteils als Ausdrucks einer unbestimmten
Erwartung liegt — als unbestimmte Urteile, d. h. als Urteile
über irgendeinen Gegenstand der betreffenden Art formu¬
liert, von der das partikuläre Urteil etwas aussagt, aber nur
unter der weiteren Voraussetzung, daß dem einen partiku¬
lären Urteil ein anderes oder mehrere andere zur Seite stehen.
Diese partikulären Urteile müssen so miteinander verbunden
sein, daß sie unter den gleichen Bedingungen zwei ver¬
schiedene und sich ausschließende Tatbestände Voraussagen,
ohne (darin liegt das Unbestimmte der Erwartung) eine
nähere Bedingung noch anzugeben, unter der der eine
bzw. der andere auftreten muß. Der Wahrscheinlichkeits¬
begriff der Wahrscheinlichkeitsrechnung endlich ist nur dann
anwendbar, wenn wir die Gesamtheit der „möglichen Fälle“
überblicken können, wenn sich also die sich gegenseitig
ausschließenden partikulären zu einem disjunktiven
Urteil zusammenschließen, was freilich schon stets dann der
Fall ist, wenn wir nur die partikulären Urteile „einige a
sind &“ und „einige a sind nicht ö“ einander gegenüber¬
stellen.
Die bis jetzt gegebenen Bestimmungen berühren sich in
vielen Punkten mit den prinzipiellen Darlegungen, die sich
in der neuren philosophischen Literatur zur Wahrscheinlich¬
keitsrechnung finden. Auch K. Greiling erklärt in seiner
aus der neuen Friesschen Schule hervorgegangenen Schrift 1
das unbestimmte Urteil für den eigentlichen Gegenstand der
Wahrscheinlichkeitsbestimmung, wenn auch diese Urteils¬
kategorie selbst infolge der prinzipiellen Verschiedenheiten
in den grundlegenden Bestimmungen der Logik hier etwas
anders eingeführt wird. Andererseits ist, daß die Wahr-
1 Die philosophischen Grundlagen der Wahrscheinlichkeits¬
rechnung, Göttingen 1910.
5. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit.
293
scheinlichkeitsbestimmung etwas mit dem disjunktiven Urteil
zu tun hat, u. a. ausdrücklich von Sigwart hervorgehoben
worden. Auch der Stumpfschen Definition: „Jede beliebige
Urteilsmaterie nennen wir - wahrscheinlich, wenn wir sie
N
auffassen können als eines von n Gliedern (günstigen Fällen)
innerhalb einer Gesamtheit von N Gliedern (möglichen
Fällen), von denen wir wissen, daß eines und nur eines wahr
ist, dagegen schlechterdings nicht wissen, welches“ 1 kann
ich beipflichten, wenn ich sie in meinem Sinn etwas^näher
interpretiere: Eine Reihe von Urteilen, von denen wir
wissen, daß eines wahr ist, aber nicht wissen, welches, muß
sich in dem disjunktiven Urteil „a ist entweder b oder c
oder d usw\“ zusammenfassen lassen. Das Urteil, in bezug
auf dessen „Materie“ von Wahrscheinlichkeit gesprochen
werden soll, muß also unter den Gliedern einer solchen
Disjunktion sein. Zählt diese Disjunktion alle N Fälle auf,
in denen a auftritt, entweder als b oder als c oder als d
usw., und finden sich unter ihnen n Fälle, die sich in dem
Urteil „einige a sind x‘‘ zusammenfassen lassen oder die,
was dasselbe besagt, dem Urteil „irgendein a ist x“ „günstig“
sind, d. h. in denen sich dieses Urteil erfüllt, so ist die
„Wahrscheinlichkeit“ des letzteren Urteils =
n
N
. Wenn Stumpf
mit besonderem Nachdruck betont, daß der Wahrscheinlich¬
keitsbegriff sich nicht bloß auf zukünftige, erwartete
Ereignisse, sondern auf beliebige Urteilsmaterien beziehen
lasse, in bezug auf deren Wahrheit wir uns in einem be¬
stimmten Zustand der Unwissenheit befinden, so liegt der
Gegensatz, in dem ich mich hier zu ihm befinde, nicht in
einer verschiedenen Auffassung des Wahrscheinlichkeits¬
begriffs begründet, sondern in den allgemeinen Anschau¬
ungen vom Wesen des Urteils, da für mich jedes Urteil seinem
Sinn nach die Erwartung eines zukünftigen Tatbestandes
bedeutet.
Es wird an dieser Stelle w r eiter klar, inwieweit die nach¬
gewiesene Wahrscheinlichkeit des Sachverhalts einer unbe¬
stimmten Erwartung als Maß der Stärke des Erwartens
gelten kann: genau so weit nämlich, als das Erwarten von
1 Über den Begriff der mathematischen Wahrscheinlichkeit,
Abh. der bayer. Akad. philos. Klasse 1892, S. 48.
294 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
objektiven Gründen und nicht von subjektiven
Ursachen abhängt. Spricht die größere Wahrscheinlichkeit
für die Erwartung, daß ein a ft, als für diejenige, daß es c
sei, so heißt das: Wir wissen, daß das eine Urteil sich
in einer größeren Zahl von Fällen bewahrheitet, als das
andere, daß also für das Sicherfüllen des einen Urteils eine
größere Zahl von Gründen vorliegt. Denn unter dem „Grund“
eines Urteils verstehen wir ja den Tatbestand, in dem es sich
erfüllt, sofern wir ihn vorwegzunehmen oder vorherzuwissen
imstande sind (vgl. S. 178). —
Die gegebene Definition des Wahrscheinlichkeitsbegriffes
scheint zunächst noch zu sehr an dem Beispiel orientiert,
von dem wir ausgingen — dem Beispiel der Urne mit den
Kugeln. Man wird gegen ihn zwei Einwände erheben. Erstens:
Wir müssen doch, wenn wir von der Wahrscheinlichkeit
reden, daß ein a b sei, nicht immer die Wirklichkeit ^-seiender
und nicht-ft-seiender a, also die Geltung der entsprechenden
partikulären Urteile voraussetzen. Im Gegenteil: Wir
sprechen etwa von der Wahrscheinlichkeit des allgemeinen
Satzes, daß alle a b sind. Damit der Begriff der Wahrschein¬
lichkeit hier sinnvoll angewandt sei, kann doch unmöglich
Bedingung sein, daß wir den partikulären Satz „einige a
sind nicht ft“ voraussetzen, da ja ein solcher partikulärer
Satz vielmehr durch den Satz, dessen Wahrscheinlichkeit
erwiesen werden soll, ausgeschlossen wird. Und der zweite
Einwand: Wir können doch auch von der Wahrscheinlich¬
keit eines Sachverhalts reden, ja diese Wahrscheinlichkeit
unter Umständen berechnen in Fällen, in denen es sich
nicht, wie bei den weißen und schwarzen Kugeln in der
Urne, um Gegenstände handelt, die nur in beschränkter
und uns bekannter Anzahl vorhanden sind. Also kann, so
scheint es, die „Wahrscheinlichkeit“ nicht einfach im Ver¬
hältnis dieser Anzahlen bestehen.
Um auf den ersten Einwand zu erwidern, muß ich auf
früher Erörtertes zurückgreifen, das ich an dieser Stelle in
etwas anderer Form wiederhole.
Der Satz „einige a sind ft“ („es gibt ft-seiende a“), als
dessen bloße logische Umformung sich das „ein a kann ft
sein“ oder „ es ist möglich, daß a b ist“ erweist, kann selbst
noch in doppelter Form sich darstellen. Es kann einmal
die Existenz ft-seiender a in der Wirklichkeit tatsächlich
nachgewiesen und demgemäß positiv behauptet sein. Und
5. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit.
295
es kann zweitens diese Existenz selbst nur als in der empiri¬
schen Wirklichkeit „möglich“ nachgewiesen und daraufhin
versuchsweise angenommen sein. Diese „Möglichkeit“ be¬
sagt genauer, daß der Satz „einige a sind ö“ („es gibt
6-seiende a“) mit der Gesamtheit der zurzeit als wahr an¬
genommenen Gesetze der Wirklichkeit nicht im Widerspruch
steht, daß er demnach als Teil jenes systematischen Zu¬
sammenhangs von Sätzen gedacht, der unsere derzeitige
Wissenschaft von der Wirklichkeit verkörpert, nicht in
seinem Sinn aufgehoben wird, sondern als sinnvoller Satz
bestehen bleibt und daher „wahr sein kann“. (Auch diese
Möglichkeit ist, wie früher ausgeführt wurde, die logische
Umformung eines partikulären Satzes: Sofern ein Urteil
nicht im Widerspruch mit den als wahr angenommenen
Prinzipien steht, kann es wahr sein, d. h. unter diesen und
nur unter diesen Urteilen sind die wahren Urteile zu suchen —
einige von ihnen sind wahr.) Ist nun der Satz „einige a
sind b “ nur eine solche Annahme auf Grund seiner wider¬
spruchslosen Vereinbarkeit mit den bisherigen Ergebnissen
der empirischen Wissenschaft, so kann diese Annahme und
damit die Möglichkeit, daß ein a b ist, natürlich durch die
weitere Forschung auch aufgehoben werden, es kann an die
Stelle mehrerer partikulärer ein allgemeiner Satz, an die
Stelle mehrerer Möglichkeiten eine Notwendigkeit treten.
Was nun die Anwendung des Wahrscheinlichkeitsbegriffes
auf Möglichkeiten dieser Art angeht, so setzt sie allemal
noch eine weitere Annahme voraus. Haben wir eine Reihe
— ich nehme an drei — partikuläre Urteile dieser Art (also
partikuläre Urteile, die wir auf Grund ihrer logischen Ver¬
einbarkeit mit den Prinzipien der empirischen Wissenschaft
als berechtigte Annahmen gelten lassen), die sich zu einem
disjunktiven Urteil zusammenschließen: a kann b, c oder d
sein, so können wir die Wahrscheinlichkeit jedes dieser
möglichen Fälle = 1 / 3 setzen, indem wir also an die Stelle
der uns unbekannten Anzahl der Gegenstände a (der Anzahl
der Kugeln in der Urne) die Anzahl der begrifflich unter¬
schiedenen Möglichkeiten treten lassen und die Anzahl der
b-, c-, d-seienden a jedesmal = 1 setzen. Dieser Ansatz
ist aber nur unter einer Bedingung zulässig, nämlich unter
der Bedingung der „Gleichmöglichkeit“ der unter¬
schiedenen Fälle. Diese Bedingung aber besagt nichts
anderes, als daß zu der ersten Annahme, daß b-, c- und
296 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
d-seiende a wirklich existieren oder die Urteile einige a sind b
usw. gelten, die zweite tritt, daß die 6-, c-, d-seienden a
in ungefähr gleicher Anzahl existieren (bzw. ihr
Vorgefundenwerden in der Wirklichkeit in ungefähr gleicher
Zahl zu erwarten ist).
Diese Annahme können wir stets dann machen, wenn
für uns kein besonderer Grund vorliegt, die eine Kombi¬
nation in größerer Zahl zu erwarten als die andere, ins¬
besondere also, wenn wir uns bezüglich der „Ursachen“, von
denen die Verwirklichung der einen und anderen abhängt,
und der Häufigkeit ihres Auftretens in gleicher Unwissen¬
heit befinden. Aber daß jene Kombinationen „gleichmöglich“
sind, bedeutet nicht (wie es bei Stumpf erscheint), daß wir
uns in dieser Unwissenheit ihnen gegenüber befinden, son¬
dern bedeutet eine positive Annahme über die Zahl, in der
ihr Vorkommen erwartet werden darf. Diese Annahme aber
machen wir, eben um auf Fälle dieser Art die
Wahrscheinlichkeitsrechnung anwendbar
zu machen, um an die Stelle vager Erwartungen mathe¬
matische Formeln setzen zu können. Darum können wir
auch das Ergebnis, zu dem uns der Wahrscheinlichkeits¬
ansatz in bezug auf ein bestimmtes Ereignis führt, an der
Hand der Erfahrung prüfen. Das, was wir hier eigentlich
prüfen, ist eben die Annahme der „Gleichmöglichkeit“, d. h.
des gleichmäßig häufigen Vorkommens der als „gleichmöglich“
angesetzten Fälle. —
Es bleibt ein letzter Punkt: Die Anwendung des Wahr¬
scheinlichkeitsbegriffs und evtl, der Wahrscheinlichkeits¬
rechnung im Zusammenhang der Induktion.
Ich frage zunächst allgemein: Wie kann mit der größeren
Zahl bestätigender Beobachtungen die Wahrscheinlichkeit
für die Geltung eines empirischen Gesetzes sich steigern ?
Es sei hier zuerst erinnert an einen früher erörterten Fall.
In einer Urne befindet sich, wie wir wissen, eine Anzahl
weißer und schwarzer Kugeln. Dann steigt die Wahrschein¬
lichkeit dafür, daß eine beliebig herausgegriffene Kugel weiß
sei, wenn die Zahl der weißen Kugeln vermehrt, aber sie
steigt auch, wenn die Zahl der schwarzen Kugeln verringert
wird, weil das Verhältnis der weißen und schwarzen Kugeln
sich jedesmal im gleichen Sinn verändert. Das geschieht,
gleichgültig, ob ich die Zahl der weißen und schwarzen Kugeln
kenne oder nicht, vorausgesetzt, daß sie endlich ist.
5. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit.
297
Es sei nun die Aufgabe gestellt, für einen bestimmten
Gegenstand g, den uns die Wahrnehmung zeigt, die ihm zu¬
gehörige Bedingung x oder was dasselbe besagt, das Gesetz
seines Auftretens x -v g zu finden. Wir nehmen an,
daß es ein solches Gesetz gibt und weiter, daß die Bedin¬
gung x unter den Tatbeständen gefunden werden kann, die
uns die Erfahrung unter den unmittelbaren zeitlichen Ante-
zedenzien des g zeigt. Solcher Antezedenzien gibt es, so
können wir weiter annehmen, unbestimmt viele, aber nicht
unendlich viele. Um in einem Schema die Sache zu ver¬
deutlichen: als solche Antezedenzien finden wir a , b, c, d.
Unter ihnen ist d i e Bedingung des g zu suchen, sie „kann“
a, b , c oder d sein. Machen wir nun eine neue Beobachtung
und finden wir in dieser neuen Beobachtung, daß, während
g bleibt, an die Stelle des d etwa ein e tritt, so scheidet d
aus der Zahl der möglichen Bedingungen des g aus, und zu¬
gleich steigt eben damit die Wahrscheinlichkeit, daß einer
der übrigbleibenden Faktoren, etwa a, die gesuchte Be¬
dingung sei.
So kann die wiederholte Beobachtung in der Tat die
Wahrscheinlichkeit dafür steigern, daß ein bestimmtes ver¬
suchsweise angenommenes Gesetz (a —► b ) wirklich gilt.
Aber zugleich sieht man, daß das doch nur unter gewissen
Bedingungen der Fall ist, nämlich dann, wenn die Wieder¬
holung eben nicht eine bloße Wiederholung ist, sondern uns
stets etwas Neues lehrt, nämlich andere noch mögliche (oder
doch möglicherweise mitwirkende) Bedingungen als solche
ausschaltet. Das entspricht dem tatsächlichen Verfahren der
Wissenschaft. Die bloße Wiederholung eines Experiments
in genau der gleichen Form kann höchstens dazu dienen, die
Richtigkeit der früheren Beobachtung zu kontrollieren,
nicht den gesetzmäßigen Zusammenhang wahrscheinlicher
zu machen, den wir auf Grund des Experiments behaupten.
Wohl aber ist das letztere der Fall, wenn wir das Experiment
unter anderen Bedingungen wiederholen. Diese Variation
der Bedingungen aber bedeutet nichts anderes, als die Aus¬
schaltung der Möglichkeit anderer gesetzmäßiger Zusammen¬
hänge, als desjenigen, den es zu beweisen oder wahrscheinlich
zu machen galt.
Dazu kommt noch eins. Haben wir versuchsweise ein
Gesetz aufgestellt, das einem Gegenstand a als allgemein
und notwendig eine Folge b zuweist, so ist die Wahrschein-
298 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
lichkeit dieses Gesetzes um so größer, je geringer die Wahr¬
scheinlichkeit ist, daß das einmal oder mehrmals beobachtete
Zusammentreffen eines a und b ein zufälliges war, d. h.
das Auftreten eines b im Anschluß an ein a von einem der
unbestimmten und beliebigen Faktoren abhing,
die das Dasein des a begleiteten. Diese Wahrscheinlichkeit
aber wieder wird um so geringer, je weniger nach Maßgabe
unserer sonstigen Kenntnisse das Auftreten eines b
unter solchen unbestimmten und beliebigen
Umständen zu erwarten stand oder je größer die Mög¬
lichkeit, die Wahrscheinlichkeit eines von b verschiedenen
Tatbestandes in dieser Hinsicht war. Und diese Möglichkeit
wieder ist um so größer, je größer die Zahl der als
gleichmöglich (gleichhäufig) zu betrachtenden Fälle
ist, als deren einer b uns erscheint.
Können wir nun die Zahl der gleichmöglichen Fälle exakt
bestimmen, so ist damit auch die Möglichkeit eines Ansatzes
zur Berechnung der Wahrscheinlichkeit dafür gegeben,
daß das beobachtete Zusammentreffen auf einem „Zufall“
und der umgekehrten Wahrscheinlichkeit, daß sie nicht auf
einem Zufall beruhte. Hierher gehört als Beispiel die be¬
kannte Berechnung Kirchhoffs, der die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß das Zusammentreffen von 60 hellen Linien im
Eisen- und 60 dunklen Linien im Sonnenspektrum auf Zu¬
fall beruhte, rechnerisch bestimmte. Der Ansatz, mit dem
er rechnet, enthält freilich auch eine willkürliche Bestim¬
mung, denn die Annahme, daß das Zusammenfallen und
Nichtzusammenfallen zweier Linien gleichmöglich ist, ist
durchaus willkürlich. Ja noch mehr: sie ist falsch, denn
zwei beliebige Linien werden viel öfter nicht zusammen¬
fallen, als zusammenfallen. Dieser Fehler im Ansatz tut
aber nichts zur Sache, da ja das für die Annahme eines zu¬
fälligen Zusammentreffens günstigste Verhältnis angenommen
wurde, indem man beide Fälle als gleichmöglich behandelte.
„Zufälligkeit“ des Auftretens eines Gegenstandes be¬
deutet in allen diesen Fällen nicht Zufälligkeit schlechthin,
d. h. Gesetzlosigkeit, Nichtvorhandensein einer Bedingung,
Auftreten ohne Bedingung, sondern es bedeutet Zufälligkeit
im Hinblick auf einen bestimmten anderen Gegenstand oder
Nichtgelten eines bestimmten Gesetzes, Nichtvorhanden¬
sein einer bestimmten Abhängigkeitsbeziehung. Insbesondere
aber reden wir von Zufälligkeit bei solchen Gegenständen,
6. Das Kausalgesetz als Postulat der Erkenntnis.
299
die unserer bisherigen Kenntnis nach unter verschiedenarti¬
gen und daher nicht in einem eindeutigen Gesetz fixier¬
baren Bedingungen oder unter verschiedenartigen Ursach-
kombinalionen auftreten können. Auf alle Fälle ist, wenn
der Gegensatz von Notwendigkeit oder Gesetzlichkeit in
diesem Sinn aufgestellt und abgewogen wird, die Geltung
von Gesetzen überhaupt oder die Abhängigkeit jedes Vor¬
gangs von bestimmten, nach allgemeinen Gesetzen wirken¬
den Bedingungen vorausgesetzt.
6. Das Kausalgesetz als Postulat der Erkenntnis.
Der Gedanke, daß sich eine Begründung der empi¬
risch-induktiven Gesetze (als wahrscheinlich gültiger Ge¬
setze) in logisch einsichtiger Form nur dann geben, eine
einsichtige Brücke zwischen der unmittelbar gegebenen
Tatsache und dem allgemeinen Satz nur dann
schlagen läßt, wenn wir ein allgemeines Prinzip, nennen wir
es nun das allgemeine „Kausalgesetz“ oder das Prinzip der
„Gesetzlichkeit“ alles empirischen Seins oder der „Gleich¬
förmigkeit des Naturgeschehens“ oder irgendwie anders, als
für alle gegebenen Tatsachen streng (nicht bloß wahrschein¬
lich) gültig voraussetzen (als ein Prinzip, das demnach
selbst nicht empirisch begründet ist) — dieser Gedanke ist
älteren Datums. Er steckt schon in Leibnizens Satz vom
zureichenden Grunde als Prinzip der v6rites de fait, er liegt
in der Art, wie Kant die zweite Analogie der Erfahrung
einführt und formuliert. Er liegt ferner in John Stuart
Mills Auffassung einer jeden Induktion als Syllogismus mit
dem allgemeinen Kausalgesetz als Obersatz (wenn auch hier
die logische Schlüssigkeit des Syllogismus dadurch zerstört
wird, daß das Kausalgesetz selbst als verallgemeinerte Tat¬
sachenerkenntnis betrachtet wird).
Wir können das Prinzip, um das es sich hier handelt,
bezeichnen als das allgemeine „Kausalgesetz“, wenn wir
darunter etwa das verstehen, was Kant darunter verstand,
den Satz, daß „alles, was anhebt zu sein“, etwas anderes
voraussetzt, „worauf es nach einer allgemeinen Regel folgt“.
Unter dem „Seienden“ aber müssen wir genauer verstehen
das unmittelbar Gegebene. Für jedes un¬
mittelbar Gegebene ( y ) muß sich ein ande¬
res (x) nachweisen lassen, auf das jenes
300 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
nach einer allgemeinen Regel (x —► y) folgt.
(Es braucht kaum besonders betont zu werden, daß x kein
einfacher unmittelbar gegebener Tatbestand zu sein braucht,
vielmehr beliebig viele Teile — Teilbedingungen — ent¬
halten kann. Die späteren Ausführungen werden zeigen,
daß das Streben nach streng gültigen allgemeinen Regeln
gerade zu einer wachsenden Komplizierung des „x“ führt.)
Dieser Satz ist jedoch nicht identisch mit dem, was man
gewöhnlich Kausalgesetz nennt. Er bezieht sich auf
alles unmittelbar Gegebene, nicht auf alle realen Vor¬
gänge, er bezieht sich auf die phänomenale, nicht
auf die reale Welt der Dinge, Vorgänge und Persönlich¬
keiten. Er bezieht sich auch nicht auf die „Natur“, wenn
wir unter der Natur, wie zumeist, die reale Welt verstehen.
Er ist dagegen identisch mit einem anderen Prinzip, nämlich
mit dem einfachen Satz: Es gibt für jeden un¬
mittelbar gegebenen Inhalt (y) ein all¬
gemeines Erwartungsgesetz (x —► y), dem¬
zufolge dieser und nur dieser Inhalt an
jener Stelle und in jenem Moment zu er¬
warten war.
Aus dieser Formel erhellt nun sofort der Sinn und der
Grund der Geltung des Prinzips.
Alles Erkennen vollzieht sich in Urteilen, alle Urteile
suchen wir — speziell in der Wissenschaft — auf Erwartungs¬
urteile, als die einzigen verifizierbaren Urteile zurückzu¬
führen (S. 101). Den einzelnen unmittelbar gegebenen Tat¬
bestand „erkennen“ (nicht bloß „kennen lernen“ — vgl.
S. 6) heißt also: sein Gesetz oder das Gesetz finden, dem
zufolge er erwartet werden konnte. Diese Gesetze müssen
nun ferner letzten Endes allgemeine Gesetze sein, da
wir singuläre Erwartungen nur auf dem Umweg über all¬
gemeine gewinnen können. An sich könnte man sich freilich
auch denken, daß das letztere nicht nötig wäre, d. h. man
könnte sich einen Menschen denken, der die Gabe hätte,
alles Kommende prophetisch vorherzusagen, und zwar von
der Gegenwart ebenso wie von einem beliebigen Punkt der
Vergangenheit aus. Ein solcher Mensch würde in lauter
singulären Erwartungsurteilen denken und erkennen. Er
würde keine wissenschaftliche Erkenntnis besitzen,
denn unter einer wissenschaftlichen Erkenntnis verstehen
wir nun einmal eine solche, die sich in allgemeinen Urteilen
6. Das Kausalgesetz als Postulat der Erkenntnis.
301
vollzieht, er würde nicht das Gegebene als notwendig „be¬
greifen“, denn unter einem solchen Begreifen verstehen wir
das Ableiten des Einzelnen aus dem Allgemeinen, aber er
würde dennoch urteilen, also erkennen, und seine
Erkenntnis würde ebenso wie die wissenschaftliche den ge¬
samten Umfang des unmittelbar Gegebenen umfassen. Sie
wäre freilich auch nicht mitteilbar, da wir nur allge¬
meine Urteile mitteilen können.
Sehen wir nun von dieser Möglichkeit ab, so ergibt sich
aus dem obigen Gedankengang die Folgerung: Wir können
ein unmittelbar Gegebenes nur „erkennen“, indem wir es
unter ein allgemeines Erwartungsgesetz bringen, indem wir
also voraussetzen, daß es ein solches Erwartungsgesetz
„g i b t“. Denn dies „es gibt“ bedeutet natürlich nicht, daß
das Gesetz gefunden ist — dieser Satz wäre ja, ange¬
wandt auf alle gegebenen Inhalte, evident falsch, sondern
daß es gefunden werden soll, daß es unsere Aufgabe ist,
es zu suchen. Das Prinzip erweist sich damit als ein
„Postulat des Erkenntnisstrebens überhaupt“ (Sigwart), es
bedeutet nichts anderes, als den allgemeinen Satz, daß alle
unmittelbar gegebenen Inhalte erkennbar, d. h. in Urteile
faßbar sind. Wir können es auch mit Erdmann ein „Postulat
des Vorauswissens“ nennen, wenn wir nur das „Voraus¬
wissen“ nicht (wie es z. B. Sigwart in seiner Polemik gegen
Erdmann tut, Logik IIS. 434 J ) einseitig auf die Zukunft
beziehen. Wir können auch das Vergangene vorauswissen,
d. h. in Erwartungsurteile fassen, begreifen, daß es an jener
Stelle zu erwarten war oder zu erwarten gewesen wäre.
Nicht darauf, daß wir jeden Inhalt tatsächlich erwarten,
sondern daß wir für ihn ein wahres Erwartungsurteil finden,
kommt es der Wissenschaft an.
Darin, daß das Prinzip ein solches Postulat ist, liegt der
Grund und der einzige Grund, den wir haben können,
es als wahr vorauszusetzen. Darin unterscheidet es sich von
den anderen Postulaten, von denen bei früherer Gelegenheit
die Rede war, den Postulaten der Geometrie. Die Postulate
einer Wissenschaft sind die Sätze, die für ein bestimmtes
Gebiet von Gegenständen gelten müssen, damit eine wissen¬
schaftliche Erkenntnis von diesen Gegenständen möglich ist.
Die Postulate der Geometrie nun sind nicht nur Postulate,
1 Vgl. dagegen Erdmann, Logik, 2. Aufl. S. 763 ff.
302 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
sondern zugleich apriorische Sätze der Anschauung und als
solche erweislich wahr. Der Satz, daß für jeden unmittel¬
bar gegebenen Inhalt ein allgemeines Erwartungsgesetz gilt,
ist ein Postulat, denn ein unmittelbar gegebener Inhalt, für
den der Satz nicht gälte, wäre kein Gegenstand möglicher
Erkenntnis; aber als Satz für sich genommen ist er nicht
beweisbar. Freilich auch nicht widerlegbar. Wir können
streng genommen gar nicht einmal fragen, ob er „wahr“
oder „falsch“ ist, sondern nur, wie weit, in welchem
Umfang er das eine oder andere sein wird, d. h. in welchem
Umfang wir ihm gemäß erfolgreich nach solchen allgemeinen
Erwartungsgesetzen werden suchen können. Jede Grenze,
auf die wir in dieser Hinsicht stoßen, ist streng genommen
ein Fall, in dem sich das Postulat als „falsch“ erweist —
aber wir erkennen diese Enttäuschung als solche nicht an,
da wir immer annehmen, daß bei weiterem Suchen das
fehlende Gesetz sich finden wird.
Das Prinzip macht eine Wissenschaft möglich, die sich
die Aufgabe stellt, das gesamte Material des unmittelbar
Gegebenen zu erkennen, d. h. in Urteile zu fassen oder,
was dasselbe besagt, unter Gesetze zu bringen. Das gesamte
Material in seinem ganzen Umfang, also nicht bloß so weit,
als sich diese Urteile in Form von einsichtigen oder apriori¬
schen Sätzen gewinnen und formulieren lassen, wie das die
Mathematik und die ihr verwandten Disziplinen tun. Es
macht „Erfahrung“ möglich, wenn wir unter Erfahrung diese
empirische Erkenntnis des unmittelbar Gegebenen verstehen.
Endlich wissen wir von früher her, daß die gegebenen
Erfahrungstatsachen für uns nur dadurch zu Erscheinungen
realer Gegenstände werden, daß wir sie als nach Gesetzen
miteinander verknüpft denken, ja daß die Behauptung, ein
gegebener Tatbestand sei Erscheinung eines bestimmten
realen Gegenstandes und die andere, er sei mit bestimmten
anderen Gegebenheiten notwendig oder nach allgemeinen
Erwartungsgesetzen verknüpft, dem Inhalte nach identisch
sind. Also entsteht eine „Natur“, eine Welt realer
Gegenstände erst, indem wir dem Prinzip der „Kausalität“,
wie es oben genannt wurde, gemäß das „Mannigfaltige der
Anschauung“ verbinden. Es „ist nur dadurch, daß wir die
Folge der Erscheinungen . .. dem Gesetze der Kausalität
unterwerfen, selbst Erfahrung, d. i. empirische Erkenntnis
von denselben möglich; mithin sind sie selbst, als Gegen-
7. Die Modifikation empirischer Urteile bei fortschreitender Erfahrung. 303
stände der Erfahrung, nur nach eben dem Gesetze möglich“,
um den Satz zu zitieren, mit dem Kant seinen „trans¬
zendentalen Beweis“ des „Kausalgesetzes“, wie er
es in der zweiten Analogie der Erfahrung formuliert, zum
Abschluß bringt. Denn dieser Beweis will ja nichts anderes,
als zeigen, daß ohne das Gesetz die Gegenstände der Er¬
fahrung nicht möglich sind. Wobei nur zu genauerem Ver¬
ständnis das Resultat der Kantischen Analyse des Gegen¬
stands begriffes hinzugenommen werden muß: „Erkennt¬
nisse bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vor¬
stellungen auf ein Objekt. Objekt aber ist das, in dessen
Begriff das Mannigfaltige einer gegebenen Anschauung ver¬
einigt ist.“ (Deduktion d. r. Verst.-Bgr., 2. Aufi., § 17;
entspr. 1. Aufl., 2. Abschn., Nr. 3).
7. Die Modifikation empirischer Urteile bei fort¬
schreitender Erfahrung.
Die Voraussetzung, daß es für jeden gegebenen Inhalt y
ein allgemeines Erwartungsgesetz x—*y „gibt“, ist ihrem
Wesen nach ein allgemeinstes Postulat unseres Erkennens,
insofern es sich die Aufgabe stellt, die Gesamtheit des un¬
mittelbar Gegebenen urteilend zu begreifen. Wir setzen
voraus, daß es jene Gesetze „gibt“, d. h. daß sie aus der
Erfahrung gewonnen werden können; wir dürfen daher
versuchsweise solche Gesetze aufstellen und dürfen
ferner, wie früher gezeigt wurde, in einem solchen Fall ein
solches versuchsweise aufgestelltes Gesetz mit um so größerer
„Wahrscheinlichkeit“ für das richtige, das gesuchte oder end¬
gültige erklären, unter je mannigfaltigeren Bedingungen es
sich an der Hand der Erfahrung bestätigt. Freilich wissen wir
niemals, ob wir ein solches Gesetz wirklich endgültig werden
finden können, wir kommen bei dem versuchsweise auf¬
gestellten Gesetz über die Wahrscheinlichkeit niemals hinaus
und müssen auch bei den scheinbar sichersten Erfahrungs¬
gesetzen mit der Möglichkeit rechnen, daß sie durch weitere
Erfahrungen widerlegt, die in ihnen steckende Erwartung
enttäuscht wird. An solchen Enttäuschungen ist ja die Ge¬
schichte speziell der Naturwissenschaften etwa bis auf den
heutigen Tag nicht arm.
Wie verhalten wir uns nun, wenn eine
solche Enttäuschung tatsächlich eintritt?
304 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Wir haben versuchsweise auf Grund von Erfahrungen
das Gesetz a —► b aufgestellt, das sich in einer Reihe von
Fällen bestätigt hat. Nun aber werden wir durch neue Be¬
obachtungen enttäuscht, in denen ein c an Stelle des b auf
ein a folgend sich einstellt. Durch diese neuen Beobachtungen
wird das allgemeine Gesetz a —*b widerlegt, daran kann kein
Zweifel sein, es scheint also zunächst nichts weiter übrig zu
bleiben, als daß wir das versuchsweise aufgestellte Gesetz
als falsch verwerfen und mit unseren Bemühungen, all¬
gemeine Erwartungszusammenhängc zu finden, die die be¬
obachteten Tatsachen in befriedigender Weise begreiflich
machen, von vorn beginnen. Ein solches radikales Ver¬
fahren würde indessen kaum eine kontinuierliche
Entwicklung der Wissenschaft ermöglichen, es würde
uns nötigen, den eben begonnenen Bau immer wieder ein¬
zureißen und neu anzufangen, es würde das einzelne Gesetz
in viel höherem Grade, als es tatsächlich der Fall ist, als
einen Zufallstreffer erscheinen lassen. In der Tat verhalten
wir uns auch anders: Wir schieben das durch die Erfahrung
widerlegte Gesetz nicht einfach beiseite, sondern wir stellen
uns die Aufgabe, es den neuen Erfahrungen anzupassen oder
ihnen entsprechend zu ,,m o d i f i z i e r e n“.
Wie diese Modifikation — zunächst — zu geschehen
pflegt, ergibt die Überlegung von selbst. In einer Reihe
von Fällen hat sich die Erwartung a —i► b, in einer anderen
Anzahl die Erwartung a—>c erfüllt. Die Frage, die sich hier
einstellt, ist kurz die: läßt sich jedes dieser Erwartungs¬
gesetze so modifizieren, daß es mit allen Tatsachen, oder
lassen sich beide so fassen, daß sie miteinander widerspruchs¬
los vereinbar sind? Oder anders: die Erfahrung zeigt uns,
daß in einigen Fällen auf a ein b , in anderen auf a ein c
folgt oder daß die partikulären Urteile gelten: auf einige a
folgt b, auf einige a folgt c — die Frage ist, wie w r ir aus
diesen partikulären wiederum allgemeine Erwartungen
machen. Darauf ist nun die Antwort nicht mehr schwer:
es kann das nur geschehen, indem wir allgemein die Fälle
bestimmen, in denen auf a ein b folgt und sie damit zugleich
von denen unterscheiden, in denen die Folge c sich ein¬
stellt, indem wir also angeben, unter welchen Bedingungen a
im Anschluß an a ein b , unter welchen Bedingungen ß ein
c allgemein zu erwarten ist. Das heißt, es müssen an die
Stelle der Urteile a —>b und a— >c, die sich widersprechen,
7. Die Modifikation empirischer Urteile bei fortschreitender Erfahrung. 30f»
von denen das eine die Aufhebung des anderen fordert, die
miteinander vereinbaren komplizierteren Urteile treten
(a + a) —+-b und (a + ß) —► c— auf a folgt unter den
weiteren Bedingungen o ein b, unter den Bedingungen
ein c. Wir können das neue Urteil (a + a) —► b eine Modi¬
fikation des ursprünglichen Urteils a—*b nennen, denn es
enthält dieses Urteil; es lehnt es nicht einfach als falsch
ab, sondern berichtigt es, indem es ihm eine genauere
Fassung gibt. Zugleich ist klar, wie aus diesem Bestreben,
die durch Erfahrung überholten Urteile durch eine Modi¬
fikation wieder gültig zu machen, anstatt sie einfach fallen
zu lassen, der kontinuierliche Fortschritt an die Stelle des
Umsturzes in der empirischen Wissenschaft tritt.
Daß nun die Wissenschaft tatsächlich nach dem hier
gezeichneten Schema verfährt, dafür ließen sich aus ihrer
Geschichte eine Fülle von Beispielen beibringen. Es ist
eine allgemein übliche Methode, die der Naturforscher zur
Anwendung bringt, wenn er, um nur ein Beispiel zu er¬
wähnen, das Nichteintreten der nach einem allgemeinen
Gesetz erwarteten Verflüssigung eines Gases bei einer be¬
stimmten Erhöhung des Druckes zum Anlaß nimmt, um
nach einem neuen, komplizierteren Gesetz zu suchen, das
sich dann in dem Satze aussprechen läßt, daß dieser Druck
unter Voraussetzung einer bestimmten Temperatur jenen
Erfolg erwarten läßt. Dasselbe wie in der Wissenschaft zeigt
sich indes auch im vor- und außerwissenschaftlichen Denken,
das hier wie überall keinen anderen Methoden folgt, als das
Denken der Wissenschaft.
Es ist hier der Ort, anhangsweise den Begriff der Er¬
klärung etwas näher zu beleuchten. Im allgemeinsten
Sinne können wir unter dem „Erklären“ das als notwendig
oder gesetzmäßig begreifen verstehen. Ein Tatbestand ist
erklärt, wenn er auf Grund eines allgemeinen Gesetzes als
ein zu erwartender erscheint. Als der Erklärung bedürftig
also erscheint uns alles das, was nach den uns bisher be¬
kannten Gesetzen noch nicht als selbstverständlich, als zu
erwarten gelten konnte. (Es kann dabei natürlich ein all¬
gemeines Gesetz uns einen einzelnen Tatbestand erklären,
aber der allgemeine Tatbestand als solcher, den das Gesetz
ausspricht, noch erklärungsbedürftig erscheinen, d. h. in
uns die Frage nach dem allgemeineren Erwartungsgesetz an¬
regen, aus dem er sich wieder „verstehen“ oder als not-
v. Aster, Philosophie. 20
306 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
wendig begreifen, d. h. kurz gesagt erwarten läßt.) Im
besonderen aber stellen wir nun diese Forderung der „Er¬
klärung“ da, wo ein gegebener Tatbestand einem vor¬
gegebenen Gesetz widerspricht oder zu widersprechen scheint
oder wo, was dasselbe besagt, uns mit Rücksicht auf die
bisher angenommenen Gesetze ein Tatbestand nicht nur
alsnichterwartet, sondern direkt als unerwartet
(als ein Tatbestand, der sich an die Stelle eines von ihm
verschiedenen erwarteten schiebt) erscheint. Diese „Er¬
klärung“ aber wird hier durch die Angabe eines bestimmten
oder auch zweier zur unmittelbaren Gegebenheit zu bringen¬
der Tatbestände (* und ß) gegeben, die wir einschieben
müssen, um aus den zwei sich widersprechenden Erwartungs¬
urteilen zwei miteinander vereinbare Erwartungsurteile zu
machen. Tritt z. B. zu dem Urteil a—>b das seine Gültig¬
keit einschränkende Urteil (a 4- o) —► c hinzu, so gilt uns «
als die eigentliche Bedingung, deren Hinzutreten für unser
Bewußtsein das Auftreten des c notwendig erscheinen läßt
oder erklärt. Das allgemeine Postulat aller Erkenntnis, daß
jeder gegebene Tatbestand sich unter ein allgemeines Er¬
wartungsgesetz fassen lassen oder kürzer als erklärbar er¬
weisen muß, unser allgemeines „Kausalgesetz“, nimmt
danach, auf solche, vor allem eine Erklärung fordernde
Fälle angewandt, speziell die Form an: Alles von dem all¬
gemeinen, üblichen, zu erwartenden abweichende, alles
„außergewöhnliche“ Verhalten eines Gegenstandes setzt
voraus, daß der Gegenstand unter besonderen „Bedingungen“
steht, oder fordert eine besondere „Ursache“. —
Das Resultat der angestellten Überlegung hat noch eine
weitere Bedeutung. Es wurde verständlich gemacht, wie
ein Urteil der einfachen Form a—+b an der Hand der fort¬
schreitenden Erfahrung sich „modifizieren“, d. h. in eine
Reihe von Urteilen der komplizierteren Form (a + a) — > b,
(a -j- ß) —► c usw. — in Worten: auf a folgt unter den Be¬
dingungen o ein b , unter den Bedingungen ß ein c usf. —
zerspalten kann. Nun kennen wir diese Urteile (a 4- o)—► &....
von früher her: wenn wir eine Reihe von Gegebenheiten
a, b, c . . . als Erscheinungen desselben realen Gegenstandes
bezeichnen, so heißt das: sie sind nach allgemeinen Er¬
wartungsgesetzen dieser Art miteinander verbunden. Ich
i, erkenne“ einen vor mir stehenden Inhalt meiner Gesichts¬
wahrnehmung „als“ einen schweren, harten usw. Körper und
7. Die Modifikation empirischer Urteile bei fortschreitender Erfahrung. 30?
sage damit aus, nicht, daß jetzt gleich die Wahrnehmungs¬
qualitäten hart, schwer usw. sich einstellen werden, sondern
daß sie im Anschluß an das Gesehene unter bestimmten
Bedingungen, die ich mir gleichfalls zum Bewußtsein bringen
kann, zu erwarten sind. „Dies“ — dies Gegebene, zur
Kenntnis Genommene — ist die Erscheinung eines Körpers,
der eine Rückseite hat, hart und schwer ist usf. bedeutet:
„dies“ ist der Ausgangspunkt einer Reihe von vorstellbaren
Gegebenheiten, die sich unter diesen und diesen uns eben¬
falls bekannten Bedingungen daran knüpfen werden. Die
Urteile, in denen sich der reale Gegenstand „konstituiert“,
tragen stets die Form (a -J- a) —► b, (a + ß) —► c usw.
Wie es nun kommt, daß unsere Erkenntnisarbeit, auf
das gegebene Material angewandt, gerade zu diesen Ur¬
teilen führt, zeigt uns die obige Überlegung. Jeder ge¬
gebene Inhalt verknüpft sich für uns mit einer Reihe anderer,
diese Verknüpfungen aber werden zu sich nicht gegenseitig
aufhebenden, sondern zusammen geltenden Gesetzen erst,
wenn wir auf die Bedingungen reflektieren und sie vonein¬
ander scheiden, unter denen die eine oder die andere Ver¬
knüpfung tatsächlich in die Erscheinung tritt. Erst damit
ist wirklich gezeigt, was am Ende des vorigen Abschnitts
ausgesprochen wurde, daß das Streben, das „gegebene
Mannigfaltige“ unter allgemeine Erwartungsgesetze zu
bringen, von selbst auch dazu führen muß, es zu „Erschei¬
nungen“ „realer Gegenstände“ zu machen oder daß, wenn
wir einem neu auftretenden Gegebenen gegenüber die Frage
stellen, was es seinem „realen Wesen“ nach ist, diese Frage
und der Sinn der Antwort, die sie verlangt, sich als die
selbstverständliche Folge des Strebens nach allgemeinen Er¬
wartungsgesetzen begreifen läßt.
Es sei indessen, um Mißverständnisse abzuwehren, aus¬
drücklich betont, daß mit alledem nicht eigentlich über die
psychologische Entstehung jener Urteile etwas ausgesagt
werden sollte, sondern über ihre logische Funktion im Dienst
der Erkenntnisaufgabe. Es sollte nur gezeigt werden, daß,
wenn wir danach streben, das gegebene Material in
Erwartungsgesetze der speziellen Form ( a + x) —*■ b,
(a + y) —► c . . . zu fassen, diese Fassung der Gesetze von
vornherein die Möglichkeit der Modifikation durch Ein¬
fügung neuer Bedingungen offen läßt, also insofern als
zweckentsprechend einleuchtet. Wenn eine kontinuierliche
20 *
308 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Anpassung unserer allgemeinen Erwartungsurteile an die
fortschreitende Erfahrung möglich sein sollte, mußten die
Urteile diese Form annehmen, die für die Einschaltung
neuer Zwischenbedingungen unbegrenzt Raum läßt (auch
das Urteil (a + x) b kann natürlich durch Einführung
eines weiteren bedingenden Faktors x' eine neue Modifika¬
tion erfahren); wie im einzelnen und durch welche Etappen
im ganzen diese Entwicklung psychologisch-historisch vor
sich gegangen ist, kann dabei ganz dahingestellt bleiben.
8. Reale Dinge und Vorgänge (Folge und Zugleichsein).
Es folgt aus dem Wesen der Erkenntnisaufgabe über¬
haupt, daß wir die Gesamtheit des Gegebenen unter all¬
gemeine Erwartungsgesetze zu fassen suchen. Ergänzend
war jedoch hinzuzufügen, daß diese Erwartungsgesetze eine
Form annehmen, die uns gestattet, sie widerstreitenden Er¬
fahrungen gegenüber immer wieder zu modifizieren. Zu
dieser ersten tritt eine zweite Ergänzung, die wie die erste
zum Verständnis der speziellen Form notwendig ist, die die
(wissenschaftliche und vorwissenschaftliche) empirische Er¬
kenntnis und mit ihr die Welt des empirisch Realen, die sie
vor uns aufbaut, besitzt.
W T ir streben danach, das einzelne Erwartungsgesetz so
zu fassen, daß es uns möglichst viele Einzelvoraussagen ge¬
stattet, d. h. daß es möglichst immer wieder anwendbar
wird. Die Anwendung des Gesetzes x—*y aber wird uns
nur dann immer wieder ermöglicht, wenn wir das x selbst
immer wieder zu finden oder zu einem gleichartigen x zurück¬
zukehren imstande sind. Wir sind hier an dem Punkte, der
uns verständlich macht, warum wir nicht nur die gegebenen
Inhalte auf reale Gegenstände zu beziehen trachten,
sondern diese realen Gegenstände weiterhin als sich zwar
realiter verändernde, jedoch zugleich „beharrliche
Ding e“ (als beharrliche Dinge, an denen oder mit denen
sich reale Veränderungen oder Vorgänge abspielen) auf¬
zufassen trachten. Ich nehme das Wort „Ding“ hier aller¬
dings im weitesten Sinne, nicht in der speziellen Bedeutung
des „materiellen“ Dings, in dem das Moment der Schwere
als Wesenseigenschaft mit vorausgesetzt ist. Wenn der
Naturforscher von der Energie spricht, die, in sich un¬
veränderlich und beharrlich, allem Geschehen in der Weise
8. Reale Dinge und Vorgänge (Folge und Zugleichsein).
309
zugrunde liegt, daß jede Veränderung, jeder Vorgang in der
Welt als Formverwandlung der Energie betrachtet werden
kann, so ist die Energie ein Ding im obigen Sprachgebrauch,
ein beharrlicher realer Gegenstand, an dem sich reale Ver¬
änderungen abspielen.
Wodurch unterscheidet sich ein beharrliches reales Ding
von einem realen Geschehen oder Vorgang? Darauf gibt
bereits Kant in dem Abschnitt, der von den Analogien der
Erfahrung handelt, eine Antwort, die wir uns zu eigen
machen können. Sagen wir, so lehrt er, von einer Reihe
aufeinander folgender Wahrnehmungen, daß sie auch eine
„Folgeim Gegenstände“ (= reale Folge) bekunden,
so heißt das, daß diese Wahrnehmungen nur in dieser be¬
stimmten Ordnung aufeinander folgen können, sagen wir
dagegen, daß ihnen ein „Zugleichsein im Gegenstände“
(= ein reales Zugleichsein) entspricht (daß sich also in
ihnen ein jedenfalls gegenüber der einzelnen Wahrnehmung
beharrlicher Gegenstand konstituiert), so heißt das, daß jene
beobachtete Folge eine umkehrbare, keine notwendig be¬
stimmte w r ar. . . ich bemerke . . daß, wenn ich an einer
Erscheinung *, welche ein Geschehen enthält, den vor¬
hergehenden Zustand der Wahrnehmung A, den folgenden
aber B nenne, daß B auf A in der Apprehension nur folgen,
die Wahrnehmung A aber auf B nicht folgen, sondern nur
vorhergehen kann. Ich sehe z. B. ein Schiff den Strom
hinab treiben. Meine Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb
folgt auf die Wahrnehmung der Stelle desselben oberhalb
dem Laufe des Flusses, und es ist unmöglich, daß in der
Apprehension dieser Erscheinung das Schiff zuerst unter¬
halb, nachher aber oberhalb des Stromes wahrgenommen
werden sollte. Die Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen
in der Apprehension ist hier also bestimmt. ... In dem
vorigen Beispiel von einem Hause konnten meine Wahr¬
nehmungen in der Apprehension von der Spitze desselben
anfangen und beim Boden endigen, aber auch von unten
anfangen und oben endigen, ingleichen rechts oder links das
1 Ich mache darauf aufmerksam, daß „Erscheinung" hier in
dem üblichen Kantschen Sinne gebraucht (auch entsprechend der
Definition am Anfang der transzentendalen Ästhetik), nicht etwa das
„Mannigfaltige der Anschauung", das Gegebene, sondern den
Gegenstand desselben bezeichnet. — Das Wort „Geschehen"
ist von mir gesperrt.
310 Fünftes Kap. Ule empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Mannigfaltige der empirischen Anschauuug apprehendieren.
In der Ordnung dieser Wahrnehmungen war also keine be¬
stimmte Ordnung.“ (Kr. d. r. V., 2. Aufl., 2. Absatz der
2. Analogie.) „Dinge sind zugleich, sofern sie in einer und
derselben Zeit existieren. Woran erkennt man aber, daß sie
in einer und derselben Zeit sind? Wenn die Ordnung in
der Synthesis der Apprehension dieses Mannigfaltigen gleich¬
gültig ist, d. i. von A durch B, C, D auf E, oder auch um¬
gekehrt von E zu A gehen kann.“ (3. Anal., 2. Aufl., 1. Abs.)
In unsere Sprache übersetzt heißt das: Jeder reale Gegen¬
stand x konstituiert sich in einem gesetzmäßigen Zusammen¬
hang von gegebenen Inhalten (a, b, c . . .) oder: diese In¬
halte sind Erscheinungen desselben Realen x heißt: sie
hängen nach allgemeinen Erwartungsgesetzen zusammen.
Nun bezeichnen wir x als ein beharrliches Ding,
wenn wir nach allgemeinen Gesetzen von a nach b, aber
auch von b nach a (und demgemäß von dem b, zu dem wir
von a aus tatsächlich kamen, auch zu einem a wieder zurück)
gelangen können. Dagegen ist x ein realer Vorgang,
wenn die Reihenfolge der Glieder keine wechselseitig¬
umkehrbare, sondern eine zeitlich fortschreitende ist.
Wir suchen das Gegebene auf „Dinge“ zu beziehen heißt
also: wir suchen nach Inhalten, die wir jederzeit oder un¬
abhängig von dem Fortschreiten in der Zeit nach allgemeinen
Gesetzen wiederzufinden imstande sind. Wir fassen die
realen Vorgänge als Veränderungen dieser Dinge auf heißt:
wir benutzen jene immer wieder zu findenden Inhalte ge¬
wissermaßen als leitenden Faden, an den wir die zeitlich
fortschreitende Entwicklung anzuknüpfen trachten. Es
leuchtet ein, daß wir in der Tat auch im gewöhnlichen Leben
die beharrlichen Dinge in diesem Sinne als eine Art Leit¬
seil benutzen, an dem entlang wir uns gleichsam in die
Zukunft hineintasten. Es ist klar, inwiefern dies Verfahren
dem oben bezeichneten Ziel dient, die gefundenen Gesetze
immer wieder anwendbar zu machen, oder wie wir dafür
gleich sagen können, das Gegebene unter möglichst wenige
und dabei überall anwendbare Gesetze restlos zu befassen.
Eine nur empirisch zu beantwortende reine Tatsachenfrage
ist es natürlich, in welcher speziellen Form („Energie“,
„Materie“), wo und wie weit wir nun solche „Dinge“
wirklich finden und ob sich die gefundenen Dinge nun
gleich als absolut oder nur als relativ beharrlich ausweisen.
8. Reale Dinge und Vorgänge (Folge und Zugleichsein).
311
Die Dinge des gewöhnlichen Lebens sind ja nur relativ
beharrlich. Wollen wir dann freilich diese Gesetze, nach
denen bestimmte Faktoren beharrlich, d. h. immer wieder
auffindbar sind, so fassen, daß sie streng gültig, auch den
zunächst widersprechenden Erfahrungen gegenüber gültig
bleiben, so müssen wir unsere Vorstellung des Beharrlichen
einer Modifikation unterwerfen, die aus den relativ beharr¬
lichen Dingen des gewöhnlichen Lebens das absolut beharr¬
liche Substrat macht, das die Naturwissenschaft in der
Masse oder Energie findet.
Noch einige nicht unwichtige Bemerkungen lassen sich
hier anfügen. Alle räumlichen Beziehungen sind rezi¬
prok — ist a 5 cm links von b, so ist b 5 cm rechts von a
usw. Wir können das als einen Grundsatz der Geometrie,
als einen apriorischen Satz der Anschauung betrachten, so¬
weit die unmittelbar anschaulich erfaßbaren räumlichen
Verhältnisse in Frage kommen, also in dem anschaulich
erfaßbaren zweidimensionalen Gesichtsfeld. Wir übertragen
diesen Satz auf den unendlichen dreidimensionalen Raum,
der durch die sukzessive Erweiterung des Gesichtsfeldes für
unser Bewußtsein in dreifacher Hinsicht entsteht, indem wir
annehmen, daß die hier sukzessiv erfaßten den uns bekannten
simultan erfaßbaren räumlichen Verhältnissen durchaus
analog, also nur der Quantität nach von ihnen verschieden
sind. Durch diese für den ganzen Raum geltende Rezi¬
prozität nun wird der Raum, um wieder mit Kant zu reden,
zu einer „Form des Zugleichseins“ oder einer Form des be¬
harrlichen Seins, d. h. zunächst es wird, da wir von jedem
Raumpunkt zu jedem beliebigen anderen Raumpunkt und
von diesem zu jenem wieder zurück¬
gelangen können, jeder Raumpunkt zu einem be¬
harrlichen Ding. Nun können aber Raumpunkte
nicht an sich, sondern nur durch den Inhalt, der sie erfüllt,
wahrgenommen und unterschieden werden, und deshalb
bliebe dieser beharrliche Raum etwas empirisch nicht Nach¬
weisbares (eine „leere Form“ oder leere Möglichkeit), wenn
es nicht erfahrungsmäßig möglich wäre, eine suk¬
zessive Reihe räumlich aneinander grenzender qualitativ be¬
stimmter Inhalte in umgekehrter Reihenfolge zu durch¬
laufen, wenn uns, anders gesagt, nicht die Erfahrung beharr¬
liche Dinge zeigte, die Raumpunkle einnehmen, die aber
inhaltlich mehr sind, als bloße Raumpunkte (vgl. hierzu S. 251).
312 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs,
Im Gegensatz zu den räumlichen sind alle rein zeit¬
lichen Beziehungen als solche nicht umkehrbar. Das kommt
am deutlichsten darin zum Ausdruck, daß wir nie zu ver¬
gangenen Inhalten als solchen, sondern nur zu einem
gleichen Inhalt „zurückkehren“ können. Deshalb ist
der Zeitpunkt das seiner Natur nach Nicht-Beharrliche im
Gegensatz zum Raumpunkt, die Zeit das seiner Natur nach
Fortschreitende oder das Fortschreiten selbst. Sie ist das
„Werden“ im Gegensatz zum „Sein“ des Raums (Hegel).
Aber während die Zeit d i e Form des Fortschreitenden,
alles Fortschreitende als solches ein Stück erfüllter Zeit ist,
ist nicht der Raum d i e Form, die einzige, des Zugleich¬
seins. Die Charaktereigenschaften eines Menschen sind ein
dinglich Beharrendes, ein zugleich Existierendes, aber sie
sind als psychische Tatsachen nicht räumlich lokalisiert.
Bringen wir nun die gegebenen Inhalte in der Weise
unter Gesetze, daß die für unser Bewußtsein entstehenden
realen Vorgänge auf beharrliche Dinge zurückbezogen
und zu „Veränderungen“ dieser Dinge gemacht werden, so
erscheint als das eigentlich und vor allem zuErklärende
eben die Veränderung der Dinge, genauer das Einsetzen einer
solchen Veränderung, die dann (man denke an das Beispiel
einer Bewegung) nach eignem Gesetz weiterläuft. Das die
Erklärung leitende „Kausalprinzip“ nimmt daher die Form
des Satzes an, daß jede solche Veränderung eines
realen Dinges oder jeder reale Vorgang als
Ganzes sich einem allgemeinen Erwartungsgesetz unter¬
stellen lassen oder eine „U rsache“ haben muß,
die natürlich selbst wiederum nur in einem anderen realen
Vorgang gesucht werden kann.
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände
aufeinander. (Das Streben nach Vereinfachung der
realen Welt.)
In dem vorletzten Paragraphen wurde ein allgemeines
Prinzip entwickelt, das die empirische Erkenntnis in ihrem
Streben nach allgemeinen Erwartungsgesetzen überall be¬
folgt; das Prinzip, Erwartungsgesetze, die durch neue Er¬
fahrungen widerlegt werden, nicht einfach als „falsch“ auf¬
zugeben, sondern sie durch Einfügung neuer Bedingungen
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände aufeinander. 313
so zu modifizieren, daß sie mit den widerstreitenden Er¬
fahrungen im Einklang sind. Nun ist natürlich nicht gesagt,
daß diese Modifikation überall durchführbar ist, daß wir
solche neuen Bedingungen finden, die uns erlauben, das
ursprüngliche Gesetz in modifizierter Form — zerlegt in
zwei oder mehrere kompliziertere Gesetze — aufrecht zu
erhalten. Was geschieht nun, wenn sich dieser Weg nicht
oder nicht ohne weiteres als gangbar erweist? Ist dann
jeder weitere Versuch, die mit der Erfahrung in Widerstreit
geratenen Urteile doch noch der Erfahrung anzupassen, aus¬
sichtslos oder gibt es noch ein anderes Mittel, die Kontinuität
der empirischen Urteilsbildung zu bewahren?
Wir kehren, um die hier noch vorliegenden Möglichkeiten
uns genauer zu vergegenwärtigen, wieder zu unserem Schema
zurück. Ich nehme gleich an, daß uns die Erfahrung zu den
zwei miteinander zusammenhängenden Urteilen (a + a) —► &
und (a -f- ß) —*■ c geführt hat. Nun stoßen wir neben Er¬
fahrungen, die diese zwei Urteile bestätigen, auch auf solche,
in denen sie sich enttäuschen, d. h. wir finden Fälle, in denen
auf a + n vielmehr d und auf a + ß vielmehr e folgt, die
uns, so wollen wir gleich annehmen, für sich betrachtet,
die Gesetze (a -f a) ► d und (a + ß) —► e nahelegen würden.
Die vier Urteile würden widerspruchslos vereinbar sein,
w r enn sich zwei neue Bedingungen *' und ß' finden ließen,
derart, daß: (a -f a) —i► b, (a -f- a + a') —► d; (a-f ß) —► c,
(a + ß 4- ß') —► e gelten würde. Hier nun versage die Er¬
fahrung, es gelinge nicht, eine derartige Verschiedenheit der
bedingenden Faktoren nachzuweisen. Dann gibt es bei
genauerer Betrachtung doch noch einen Weg, den sich
scheinbar gegenseitig aufhebenden Urteilen eine Form zu
geben, in der wir sie als gültig aufrecht erhalten können.
Es können nämlich die Erfahrungen so liegen, daß sie
sich zunächst in die zw r ei partikulären Urteile fassen lassen:
es gibt Inhalte der Art a , auf die unter den Bedingungen a
ein b und unter den Bedingungen ß ein c folgt, und es gibt
anderseits solche a, auf die in dem ersteren Falle ein d und
in dem zweiten Falle ein e zu folgen pflegt. Dann lassen
sich diese partikulären Urteile, wie man leicht sieht, sofort
auch als allgemeine Urteile fassen, und zwar ohne daß es,
wie bei der früher besprochenen Modifikation, eines Suchens
nach neuen Erfahrungen bedürfte. Die allgemeinen Urteile,
die ich meine, lauten: Wenn für einen Inhalt a das allgemeine
314 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Urteil gilt, daß unter den Bedingungen a ein b auf ihn folgt,
so gilt für ihn auch das weitere Urteil, daß unter den Be¬
dingungen (3 ein c auf ihn folgen wird; gilt dagegen für ihn
das allgemeine Gesetz, daß in dem ersten Fall ein d zu er¬
warten ist, so gilt auch das weitere, daß unter den Be¬
dingungen ß ein e sich einstellen wird. Man sieht, es sind
hier wieder an die Stelle der durch die verschiedenen Er¬
fahrungen uns zunächst nahe gelegten allgemeinen Er¬
wartungen a—+b , a—*c, a—*d, a-+e, die als allgemeine
Erwartungen nicht miteinander vereinbar sind, sondern sich
gegenseitig negieren, zwei miteinander vereinbare allgemeine
Urteile getreten, von denen keins als durch die gemachten
Erfahrungen widerlegt zu gelten braucht. Die gewonnenen
Urteile sind wiederum komplizierter, als die, von denen wir
ausgingen, die „Modifikation“ besteht wieder in einer kom¬
plizierteren Gestaltung der Bedingungen, unter denen etwas
erwartet wird, das Resultat ist wieder die Wahrung der
Kontinuität in der gedanklichen Verarbeitung des gegebenen
Materials oder in dem Suchen nach allgemeinen Erwartungs¬
gesetzen.
Die gesuchte Modifikation eines empirischen Urteils kann
also in doppelter Form geschehen, entweder dadurch, daß
wir neue Bedingungen aufsuchen, durch deren Vorhanden¬
sein das zu erwartende Resultat nach einem allgemeinen
Gesetz ein anderes sein muß, oder dadurch, daß wir zwischen
den ursprünglichen Erwartungen allgemeine Beziehungen
suchen, die das Eintreffen der einen zum Anzeichen für
uns machen kann dafür, daß auch bestimmte von den
anderen Erwartungen eintreffen werden. Nun ist leicht ein¬
zusehen, daß dieser zweite Ausweg sich oft als leichter gang¬
bar erweisen wird, als der erste: wir brauchen, um ihn ein¬
zuschlagen, in den meisten Fällen keine besonderen neuen
Erfahrungen mehr zu machen, die widersprechenden mög¬
lichen Erwartungen gliedern sich oft von selbst in bestimmte
sich ausschließende Gruppen. Anderseits aber auch, daß er
uns nie so befriedigen wird, wie der erste. Im ersten Falle
ist das Resultat, zu dem wir kommen, ein bestimmtes ein¬
deutiges Erwartungsurteil, ein Urteil, das die Aussage
enthält: unter bestimmten Bedingungen (a -f a -f a,
a -f ß -f ß') wird etwas ganz Bestimmtes geschehen. Im
zweiten Falle bleiben im Anschluß an jedes auftretende a
noch zwei verschiedene Reihen von Erwartungen möglich.
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände aufeinander. 315
es ist also noch kein eindeutiges Erwartungsurteil vorhanden,
dasselbe tritt vielmehr erst ein, wenn durch einen weiteren
Versuch darüber entschieden ist, welche von beiden Er¬
wartungsreihen im vorliegenden Falle die richtige ist. Daraus
ergibt sich eine für die Richtung, in der die empirische
Wissenschaft fortschreitet, nicht unwichtige Folgerung: wir
werden auch da, wo wir zunächst den zweiten Weg einschlagen
und daher die verschiedenen, im Anschluß an denselben ge¬
gebenen Inhalt möglichen Erwartungen in sich gegenseitig
ausschließende Gruppen ordnen, doch immer danach streben,
jene Bedingungen zu finden, die die sich ausschließenden zu
miteinander vereinbaren Urteilen modifizieren und daher die
Mehrheit der Gruppen wieder aufheben. Es läßt sich dieses
Streben ohne weiteres verstehen, wenn wir zu den bisherigen
Ergänzungen des empirischen Strebens nach allge¬
meinen Erwartungsurteilen — den Ergänzungen, die darin
bestanden, daß die gesuchten Erwartungsgesetze modifizier¬
bar und möglichst immer wieder anwendbar sein müssen —
die weitere hinzufügen, daß sie nach Möglichkeit die ge¬
gebenen Inhalte in eindeutig bestimmte Erwartungsreihen
einfügen sollen.
Es können nun diese zwei Arten, Urteile zu modifizieren,
noch in anderer Form unterschieden werden.
Wenn wir die allgemeinen Erwartungen haben: (a +«)—> b,
(a + ß) —► c, ( a -f -y) —► d usw., so bezeichnen wir die Ge¬
gebenheiten a , ft, c, d . . . als Erscheinungen des¬
selben realen Gegenstandes R. Wenn wir nun
die zwei Gruppen von allgemeinen Erwartungsurteilen haben:
(a + a) —► b, (a -1- ß) - -*• c usw. und (a + «) * d , (a + ß) —► e
usf., so haben wir zwei reale Gegenstände und R 2 ,
von denen der eine uns in a, b, c, der andere in a, d, e er¬
scheint. Wir können daher auch sagen: Wenn ein ge¬
gebener Inhalt a einem von uns auf Grund früherer Er¬
fahrungen aufgestellten Erwartungsurteil (a -f a) --► b nicht
entspricht, so lösen wir diesen Widerspruch, indem wir
jenem Urteil (a -f a) —► b nur in dem Falle Geltung zu¬
schreiben, daß a Erscheinung des realen Gegenstandes R t
ist und dagegen an seine Stelle das Urteil (a + a) —► d
setzen für den anderen möglichen Fall, daß dem a vielmehr
ein realer Gegenstand R z zugrunde liegt. Ob aber das a
einem R x oder R 2 zugehört, kann nur dadurch entschieden
werden, daß man es daraufhin prüft, ob es dem einen oder
316 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
anderen Erwartungsurteil entspricht. Die Urteile (a+a)—<►fc
und (a + a) —+ d dienen also — ich beziehe mich hier auf
frühere Erörterungen — zur „Definition“ der Gegenstände
R x und R r Um noch ein möglichst triviales Beispiel heran¬
zuziehen: Wir haben vor uns einen farblos aussehenden und
in Wasser löslichen Körper. Wir erwarten auf Grund früherer
Erfahrungen, daß er rein salzig schmecken und erhitzt
knisternd zerspringen, kurz alle diejenigen Reaktionen oder
Erscheinungen zeigen wird, die wir dem „Kochsalz“ zu¬
schreiben. Hat er anstatt dessen einen unangenehm zu¬
sammenziehenden Geschmack, zerfällt er erwärmt unter
Wasserabgabe und zeigt andere chemische Reaktionen, so
lösen wir diesen Widerspruch, indem wir feststellen, daß es
sich hier eben nicht um Kochsalz, sondern um einen anderen
Körper, etwa Zinkvitriol, handelt — daß also derselbe Inhalt
Erscheinung zweier verschiedener Gegenstände sein, das
heißt zwei verschiedenen, sich ausschließenden Gruppen
unter sich zusammenhängender Erwartungsgesetze unter¬
stehen kann. Gelingt es uns nun aber, durch genauere
Beobachtung zu zeigen, daß die Verschiedenheit der be¬
obachteten Reaktionen vielmehr der Verschiedenheit der
Bedingungen a' und ß' zur Last fällt, gelingt es uns also,
an die Stelle der zwei Gruppen von Urteilen: (a -f a) —► b,
( a -f- ß) —* c usw.; (a -f a) — ► d, (a -f ß) — ► e usw. vier mit¬
einander vereinbare Urteile der Form: (a -f *) —> b,
(a + * + *') --► d , (a + ß) ► c, (a + ß -f ß') —► c zu setzen,
so haben wir auch an die Stelle der zwei verschiedenen
realen Gegenstände /?, und R 2 wiederum einen und den¬
selben realen Gegenstand R gesetzt, dem a, b, c, d y e gleicher¬
maßen als Erscheinungen zugehören. Oder es besteht nicht
mehr die Möglichkeit, das gegebene a verschiedenen realen
Gegenständen als Erscheinung zuzuordnen, wir wissen viel¬
mehr, daß es nur einen solchen realen Gegenstand gibt,
oder was dasselbe besagt, daß es nur eine eindeutige Reihe
von Erwartungsgesetzen gibt, unter denen ein solcher Inhalt a
stehen kann.
Um ein Beispiel zu nehmen: wir finden zwei Stoffe mit
übrigens den gleichen physikalischen und chemischen Eigen¬
schaften, aber verschiedener Kristallform, oder den einen
kristallisiert, den anderen amorph. Dann werden wir uns
nicht bei dem Gedanken zufrieden geben, daß es eben zwei
Stoffe gibt, die physikalisch-chemisch gleichartig sind, sich aber
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände aufeinander. 317
durch ihre Kristallform unterscheiden, sondern wir werden
immer nachzuweisen versuchen, daß jeder der beiden Stoffe
unter bestimmten Bedingungen auch die Kristallform des an¬
deren annehmen kann. Gelingt uns dieser Nachweis, so
haben wir aus den beiden Stoffen einen gemacht, der nur
je nachdem in zwei verschiedenen Kristallformen „erscheinen“
kann, wir haben aus den zwei Dingen zwei Erscheinungs¬
weisen desselben gemacht. Zugleich brauchen wir, wenn
wir vielleicht aus physikalischen Gründen wissen, jener
Körper kommt irgendwo vor, nicht mehr mit der doppel¬
ten Möglichkeit zu rechnen, daß wir diese oder jene
Kristalle finden werden, sondern wir haben in den „Be¬
dingungen“ die Möglichkeit, vorher eindeutig zu ent¬
scheiden, was zu finden wir erwarten dürfen.
Daraus ergibt sich also, daß wenn wir danach streben,
für jeden gegebenen Inhalt möglichst eindeutige an die Stelle
der zunächst vorhandenen vieldeutigen, d. h. derjenigen
Gesetze zu setzen, die noch einen Spielraum für verschiedene
mögliche Folgen unter den gleichen Bedingungen lassen,
dies Streben sich zugleich darin äußern muß, daß wir
verschiedene reale Gegenstände auf¬
einander zurückführen oder miteinander
identifizieren. Haben wir R x und R 2 miteinander
identifiziert, so gelten fortan für ihre Erscheinungen die¬
selben Gesetze, und ferner noch eins: die Zahl der Erschei¬
nungen, der gegebenen Inhalte, die durch ihre Verknüpfung
nach allgemeinen Gesetzen den neuen Gegenstand R kon¬
stituieren oder die Zahl der Gesetze, die die einzelne Er¬
scheinung mit anderen Inhalten verbinden, ist größer als
die Zahl der Erscheinungen und der Gesetze, die einen der
beiden Gegenstände R x und R 2 zusammensetzen. R t stellte
sich uns in den Erscheinungen a, b, c dar, R 2 in den Er¬
scheinungen a, d, e; für gelten die Gesetze (a + a) —► b,
(a + ß) —► c, für R 2 : (a + a) —► d, (a -|- ß) —► e; zu R da¬
gegen gehören die Erscheinungen a, b, c, d, e und die Gesetze
(a + a) —► b , (a + ß) —► c, (a -f a + —► d, (a-f-ß-(-ß')— ve.
Es erscheint so das Streben, verschiedene reale Gegen¬
stände, seien es nun beharrliche Dinge oder vorübergehende
Vorgänge, miteinander zu identifizieren, als Ausdruck des
Strebens, den gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen einer
Reihe von Inhalten, in dem sich für uns ein bestimmter
realer Gegenstand konstituiert, durch Aufnahme neuer In-
318 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Priuzipien ihres Fortgangs.
halte zu erweitern, indem man zwischen den neuen
und jenen anderen Inhalten eindeutige gesetzmäßige
Beziehungen nachweist.
Wenn wir einen Stoff als Schwefelkupfer erkennen, so
sagen wir damit, daß dieser Stoff dasselbe reale Ding sei,
das wir auch in einem Gemisch von Schwefel und Kupfer
vor uns haben, oder daß das bröcklige, schwarze Schwefel¬
kupfer einerseits, der gelbe Schwefel und das metallisch-rote
Kupfer anderseits nur verschiedene mögliche
Erscheinungsformen sind, die dasselbe reale Ding annimmt.
Und dieser Nachweis ist streng genommen erst dann voll¬
endet, wenn wir Gesetze aufstellen können, die in ein¬
deutiger Form bestimmen, wann (unter welchen physi¬
kalischen Bedingungen) der besagte Stoff nur in der einen
und nur in der anderen Form existieren kann und damit
zugleich, unter welchen Bedingungen die eine in die andere
Form übergeht. Einfachere eindeutige Gesetze dieser Art
sind uns schon im vorwissenschaftlichen Denken annäherungs¬
weise bekannt und geläufig: so wenn wir, in demselben Sinne,
Wasser und Eis als verschiedene Erscheinungen („Zustände“)
desselben Dinges betrachten.
Keplers wichtige astronomische Entdeckung, daß alle
Planeten realiter dieselbe Bahn um die Sonne zurücklegen,
bedeutet ihrem Wesen nach, daß die dem Augenschein nach
so verschiedenen Planetenbahnen, die wir am Himmel be¬
obachten können, in einen gesetzmäßigen Zusammenhang
geordnet werden, indem sie alle für Erscheinungsformen
derselben (oder einer gleichartigen) realen Bahn erkannt
werden, die eben nur unter verschiedenen Bedingungen sich
verschieden darstellt. Jupiter und Venus beschreiben eine
qualitativ gleiche reale Bahn, d. h. wenn wir die Jupiter¬
bahn unter den Bedingungen betrachten würden, unter
denen uns jetzt die Venusbahn erscheint, so würde sie das
Aussehen der letzteren annehmen und umgekehrt. Und
damit muß wieder, sobald nur diese Bedingungen im ein¬
zelnen Fall bekannt sind, auch die Möglichkeit bestehen,
das Aussehen der Bahn eines bestimmten Planeten eindeutig
vorherzubestimmen.
Die Akustik basiert auf dem Gedanken, daß Schall und
longitudinale wellenförmige Luftbewegung ein und das¬
selbe sind. Das heißt nicht, wie schon früher betont wurde,
der gehörte Schall sei mit der gesehenen Bewegung (wie wir
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände aufeinander. 319
sie uns an den Korkpartikelchen in der Kundtschen Röhre
oder an zuckenden Flammen sichtbar machen, oder wie wir
sie uns nach Analogie gesehener Wasserwellen etwa wenigstens
vorstellen können), sondern es heißt, der reale Schall sei mit
der realen Luftbewegung identisch. Derselbe reale Vorgang,
der uns unter den zugehörigen Bedingungen als Schall¬
eindruck erscheint, den wir, was dasselbe heißt, als Schall
„hören“ (denn unter dem Ausdruck „Hören“ fassen wir eben
die uns bekannten Bedingungen, die hier in Frage kommen,
zusammen), stellt sich uns auch als gesehene Luftbewegung
dar. Genauer: Realer Schall und reale Luftbewegung sind
dasselbe heißt wieder nichts anderes, als: ihre beiderseitigen
Erscheinungen lassen sich in einen und denselben
gesetzmäßigen Zusammenhang befassen. Die von der Schall¬
quelle (einer gestrichenen Stimmgabel etwa) ausgehende Luft¬
bewegung verändert sich in gesetzmäßiger Art und Weise
mit der Art wie die Schallquelle in Anspruch genommen
wird — mit der Entfernung von derselben —, sie wird reflek¬
tiert in bestimmter Weise usw., und jeder dieser Verände¬
rungen entspricht eine unter den gleichen Bedingungen auf¬
tretende Veränderung des gehörten Schalls (und umgekehrt)
— so daß ein eindeutiger Schluß möglich wird vom Schall
auf die Bewegung und umgekehrt, in spezieller Anwendung
z. B. von der Schwingungszahl auf die Tonhöhe usw. Kurz:
gehörter Ton und gesehene Schwingung
werden in dasselbe Verhält nisgesetztwie
etwa das Gesichtsbild und das Tastbild
e i n e s W ü r f e 1 s. Genau so, wie hier zu jedem Gesichts¬
bild ein Tastbild gehört, das wir unter den zugehörigen Be¬
dingungen wahrnehmen können, und zu jeder Veränderung
des Gesichts- eine Veränderung des Tastbildes, genau so,
das eben weist uns der Physiker nach, gehört zu jedem
gehörten Schall eine wahrnehmbare Bewegung und zu jeder
Veränderung des einen eine Veränderung der anderen. Und
wie wir dort daraufhin sofort davon sprechen, daß es
„derselbe Würfel“ sei, den wir sehen und tasten, so
können wir hier davon sprechen, daß derselbe reale Vor¬
gang uns hier als Wellenbewegung der Luft sichtbar (oder
in Vorstellungen, die letzten Endes Vorstellungen gesehener
Formen sind, vorstellbar) und als phänomenaler Schall
hörbar wird.
Eine Schwierigkeit erhebt sich indessen hier: Wir be-
320 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien Ihres Fortgangs.
gnügen uns doch, zum mindesten scheint es so, wenn wir
den Sprachgebrauch der Wissenschaft ins Auge fassen, nicht
damit, einen realen Gegenstand mit einem anderen zu identi¬
fizieren, sondern wir führen den einen auf den anderen
zurück. Wir reden nicht, um konkreter zu sprechen, von
einem realen „Ding an sich“, das einerseits reale Wellen¬
bewegung, andererseits realer Schall wäre, d. h. einerseits
in wahrnehmbaren (oder nach Analogie sonst gesehener vor-
gestellten) Bewegungen, andererseits in gehörten Schall¬
eindrücken erscheint, sondern wir behaupten, der reale Schall
sei in Wirklichkeit eine reale Wellenbewegung der Luft.
Wie kann diese positive Angabe, die doch scheinbar das
Wesen des betreffenden „Dinges an sich“ näher bestimmt,
möglich und sinnvoll sein, wenn doch alle Behauptungen über
Reales keinen anderen Sinn haben sollen, als daß sie gesetz¬
mäßige Zusammenhönge zwischen seinen Erscheinungen fest¬
legen, und alle Identifikation von verschiedenen realen Ge¬
genständen keinen anderen Zweck verfolgen soll, als den,
zwei verschiedene Reihen von „Erscheinungen“ in eine
Reihe zusammenzuschließen, deren Glieder durch eindeutige
Erwartungsgesetze jedes mit jedem verbunden sind? Wir
behaupten auch nicht nur, daß, wenn wir die Jupiterbahn
unter denselben Bedingungen wahrnehmen wie die Venus¬
bahn, sie uns ebenso erscheint, sondern daß die reale Bahn
beider Planeten eine der Art nach gleiche, nämlich
elliptische Bahn um die Sonne ist.
Zur Antwort fasse ich zunächst den ersten hier ange¬
führten Fall näher ins Auge. Steigern oder vermindern wir
die Schw'ingungszahl einer wellenförmigen Luftbewegung, die
wir zugleich als Schall hören, so kommt ein, sogar allgemein
bestimmbarer, Moment, wo dieser Schall unhörbar (sogar
für die Phantasie schließlich unvorstellbar) wird, d. h. es
kommt der Moment, wo diese reale Bewegung nicht mehr
als realer Schall in Anspruch genommen werden kann. Da¬
gegen bleibt umgekehrt der reale Schall stets auch als reale
Bewegung nachweisbar. Eine reale Wellenbewegung der
Luft wird also unter bestimmten Bedingungen oder inner¬
halb gewisser allgemein zu bestimmender Grenzen ein realer
Schall, ein realer Schall dagegen i s t stets oder allgemein
auch eine Wellenbewegung. Man sieht, mit welchem Recht
man den allgemeinen Gegenstand „realer Schall“ dem all¬
gemeinen Gegenstand „reale Wellenbewegung“ subsumieren,
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände aufeinander. 321
den (realen) Schall als (reale) Wellenbewegung bestimmter
Art definieren kann.
Ein klein wenig anders liegt die Sache im zweiten Fall.
Ich kann mich hier zunächst auf früher Besprochenes be¬
rufen. Ich habe vor mir zwei im Augenblick verschiedene
Formen, die ich als Erscheinungen derselben realen Form,
als zwei Erscheinungen eines Kreises etwa erkenne, der
einmal direkt, einmal in perspektivischer Verschiebung ge¬
sehen wird. Wir wissen, was es heißt, es sei hier dieselbe
reale Form in verschiedener Erscheinung gegeben: es heißt
das nichts anderes, als daß unter bestimmten, uns bekannten
Bedingungen die eine in die andere nach einem allgemeinen
Gesetz übergeht. Wir wissen aber auch bereits (vgl. S. 245 f.),
mit welchem Recht wir diese „reale Form“ als einen „Kreis“
bezeichnen können, obgleich der „Kreis“ für uns doch zu¬
nächst ein anschaulich vorstellbares Gebilde, die „real e“
Form dagegen kein solches anschaulich vorstellbares Ge¬
bilde bezeichnet. Wir verstehen nämlich unter einem Kreis
ein Gebilde, dessen Teile bestimmte, durch Messung fest¬
stellbare Größenbeziehungen haben; die Gleichheit der Radien
macht eine Figur zum Kreis. Nun können wir eine solche
Messung an zwei phänomenal gegebenen Gebilden aus¬
führen, wir können aber auch zwei reale Formgebilde messend
miteinander vergleichen, das letztere, indem wir eben den
Maßstab nicht nur in der Vorstellung, sondern in realer Be¬
wegung auf die zu messende Form übertragen, wobei er
natürlich selbst eine entsprechende phänomenale Veränderung
erfährt. Auf diese Weise erhält der Begriff des Kreises,
der Ellipse usw. jenen doppelten Sinn, in dem er einmal
ein phänomenales, ein anderes Mal ein reales Gebilde be¬
stimmter Art bezeichnet, und auf diese Weise können wir
messend nachweisen, daß zwei phänomenal verschiedene
Formen realiter zwei Ellipsen oder zwei Kreise sind. Die
Anwendung auf den in Frage stehenden Fall ergibt sich von
selbst.
Wir können nun aber diesen Fall doch noch mit dem
vorigen in Zusammenhang bringen. „Schall ist Wellen¬
bewegung“ heißt, daß jeder reale Schall zugleich als reale
Wellenbewegung nachweisbar ist, nur als Wellenbewegung
„bestimmter Art“, diese bestimmte Art aber betrifft die
Schwingungszahl, ist also nur durch Rekurs auf eine (ge¬
dachte oder ausgeführte) reale Messung zu definieren. Die
V. Aster, Philosophie. 21
322 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Bewegung des Jupiter und der Venus sind realiter elliptische
Bewegungen um die Sonne heißt: Es läßt sich zeigen, daß
sich beide phänomenale Bewegungen als Erscheinungen je
einer realen Bewegung auffassen lassen, die sich durch
Messung als formgleiche, und zwar elliptische Bewegungen
nachweisen ließen.
Endlich die Schwierigkeit in einer dritten Form. Wir
werden, ohne diese Ausdrucksweise als unrichtig zu emp¬
finden, Eis als Wasser bezeichnen, das in den festen Aggregat¬
zustand übergegangen ist, dagegen kaum umgekehrt Wasser
als flüssiges Eis. Was hat diese Verschiedenheit des Aus¬
drucks zu bedeuten? Um diesen Fall näher zu analysieren,
werden wir genauer zweierlei unterscheiden müssen. In
der Umgangssprache des gewöhnlichen
Lebens werden wir in der Regel uns so ausdrücken,
wie es oben angegeben wurde. Es kann aber auch Vor¬
kommen, daß wir ein gewisses Quantum Wasser als „ge¬
schmolzenes Eis“ bezeichnen, nämlich dann, wenn wir eben
dasselbe Wasser vorher als Eis vor uns hatten. Wenn wir
nun für gewöhnlich vielmehr Eis als gefrorenes Wasser be¬
zeichnen, so hat das offenbar den Grund, daß wir eben den
fraglichen Stoff eher in der Erscheinungsform des Wassers,
als in der des Eises kennen. Es liegt hier dasselbe vor, wie
wenn wir eine reale Farbe, die bei normaler Tagesbeleuchtung
blau, bei Lampenlicht grün, bei Nacht grau oder schwarz
aussieht, einfach als „blaue“ Farbe bezeichnen, wir über¬
tragen den Namen der „charakteristischen“ Erscheinung
auf das ganze reale Gebilde (vgl. S. 244).
Anders ist die Sache, wenn wir anstatt vom Sprach¬
gebrauch des täglichen Lebens von dem der Chemie reden.
Der Chemiker spricht anstatt von „Wasser“ und „Eis“ von
W a s s e r in festem und flüssigem Aggregatzustand. Dabei
aber bekommt für ihn offenbar der Terminus „Wasser“ eine
andere Bedeutung, als für den gewöhnlichen Sterblichen.
Für ihn ist Wasser nicht eine farblos-durchsichtige Flüssig¬
keit mit allerhand Eigenschaften, sondern ein Etwas, das
bestimmte physikalisch-chemische Eigenschaften 1 hat, die
* Wobei zu beachten ist, daß auch diese „Eigenschaften“ gesetz¬
mäßige Zusammenhänge bedeuten. Ein Körper hat ein bestimmtes
Atomgewicht heißt: jedesmal, wenn man ihn nach den bekannten
Methoden der Atomgewichtsbestimmung behandelt, ergibt sich ein
bestimmtes Resultat.
9. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände aufeinander. 323
sich am Eis ebensogut nachweisen lassen, wie am „Wasser“.
Zu dieser veränderten Bedeutung des Wortes aber kommt
der Chemiker eben dadurch, daß er „Wasser“ und „Eis“
als dasselbe Ding nachzuweisen sucht. „Wasser“ und „Eis“
ist beides Wasser, wenn wir unter Wasser das verstehen,
was der Chemiker darunter versteht. Und genau so, können
wir zu den früheren Beispielen zurückgehend sagen, sind die
Bahnen des Jupiter und der Venus beide Ellipsen, wenn
wir die mathematische Definition der Ellipse zugrunde legen.
Und endlich: sind Schall und Luftbewegung dasselbe Etwas,
von dem der Physiker wissenschaftlich (letzten Endes auf
Grund seiner M e s s u n.g e n und dessen, was aus ihnen
folgt) auszusagen vermag, daß es bestimmten Gesetzen — der
Fortpflanzung, der Reflexion usw. — gehorcht. Die Aufgabe,
die in allen diesen Fällen dann noch bleibt, ist die, die all¬
gemeinen Bedingungen anzugeben, unter denen das eine
identische Reale jene verschiedene phänomenale Gestalt an¬
nimmt; also zu sagen: unter welchen Bedingungen die reale
Ellipse das verschiedene Aussehen der Jupiter- und Venus¬
bahn zeigt, unter welchen Bedingungen das Wasser im Sinne
des Chemikers in fester und flüssiger Form sich darstellt,
unter welchen Bedingungen jene reale „Bewegung“ als Schall
hörbar wird. Erst damit ist die erstrebte Eindeutigkeit der
Gesetze voll erreicht.
Endlich hatte ich schon in einem gelegentlich angeführten
Beispiel darauf hingewiesen, daß auch das vorwissenschaft¬
liche, nicht nur das wissenschaftliche Denken von dem
Streben beherrscht ist, gefundene gesetzmäßige Zusammen¬
hänge auszudehnen und damit mehrere reale Gegenstände
zu einem zu verschmelzen. Das Beispiel war das des Ge¬
sichts- und Tastbildes desselben Würfels, das man zu dem
des Gesichts- und Tastraumes sofort erweitern könnte. Der
Zusammenhang der verschiedenen gesehenen Bilder gibt uns
den Begriff der einen sichtbaren Form, die unter ver¬
schiedenen Bedingungen verschieden aussieht, der ent¬
sprechende Zusammenhang der Tastbilder den Begriff der
einen identischen tastbaren Form, der Zusammenhang beider
miteinander den Begriff des einen sichtbaren und tastbaren
Würfels. Auf ganz entsprechende Weise entsteht für uns
etwa die reale Eigenschaft der Schwere eines Körpers, die
sich in dem Druck auf die wägende Hand und ebenso in
dem gesehenen Ausschlag der Wage, die reale Eigenschaft
21 •
324 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
der Temperatur eines Körpers, die sich in der empfundenen
Wärme bzw. Kälte und ebenso in der sichtbaren Veränderung
der Quecksilbersäule im Thermometer äußert oder er¬
scheint usw.
Psychologisch-genetisch geht die Entwicklung offenbar so
vor sich, daß wir zunächst einander gleiche bzw. ähnliche
Inhalte, sofern sie untereinander gesetzmäßig Zusammen¬
hängen, zu einem Gegenstand zusammenschließen. So ent¬
steht die eine reale „blaue“ oder „rote“ Farbe, der eine
reale Ton. „Dieselbe“ rote Farbe sehe ich jetzt und in
fünf Minuten wieder, d. h. wir haben eine Mehrheit von
Inhalten, von Erscheinungen, die wir auf diesen selben realen
Gegenstand beziehen, „derselbe“ Ton hört sich hier anders
an, als hundert Schritte weiter, bleibt aber derselbe Ton:
auch hier eine Mehrheit von Erscheinungen und der eine
reale Beziehungspunkt. Aber diese Erscheinungen sind im
ersten Fall einander fast gleich, im zweiten sind sie wenigstens
alle phänomenale Töne und soweit einander ähnlich. Eben
deshalb nun scheiden wir auf dieser Stufe die einzelnen
Erscheinungen noch kaum voneinander, wir erleben sie für
gewöhnlich nicht als Mehrheit und infolgedessen können wir
uns noch weniger dessen bewußt werden, daß hier ein gesetz¬
mäßiger, ein Erwartungszusammenhang zwischen einer
solchen Mehrheit von Inhalten für uns vorliegt, sondern wir
erleben diesen Erwartungszusammenhang nur in Form jenes
selbstverständlichen Eingestelltseins auf die Fortdauer oder
das Wiederauftreten des gleichen Inhalts. Deshalb stößt
auch die der erkenntnistheoretischen Reflexion auf den Sinn
jener Redeweise von „derselben identischen Farbe“ und
„demselben identischen Ton“ entspringende Erkenntnis, daß
in diesem Sinne solche Erwartungszusammenhänge voraus¬
gesetzt sind, auf den größten instinktiven Widerspruch, zu¬
mal da wir — was wieder psychologisch-genetisch leicht ver¬
ständlich ist — den Namen der überwiegenden gleichen Er¬
scheinung auf den vom Denken gesetzten realen Beziehungs¬
punkt übertragen.
Es folgt dann die Zusammenfassung qualitativ ver¬
schiedener Inhalte — aber zunächst wesentlich nur, soweit
diese Inhalte durch ihren gesetzmäßigen Zusammenhang ein
beharrliches Ding konstituieren. Hier liegt der Gedanke,
daß eine Mehrheit verknüpft wdrd, unserem Bewußtsein
schon näher — die Schwere, die Härte, die sichtbare Ge-
8. Die Rückführung verschiedener realer Gegenstände aufeinander. 325
stalt erscheinen uns einerseits wohl als das Ding selbst,
anderseits aber wieder als bloße „Eigenschaften“ neben
anderen Eigenschaften. Je deutlicher es ist, daß nur unter
bestimmten Bedingungen der betreffende Inhalt (der nun
allerdings schon niemals mehr ein bloßer Inhalt, sondern
ein realer Gegenstand der dem Ding vorhergehenden ersten
Art ist) auftritt, je schärfer diese Bedingungen sich abheben
und für sich vorstellbar werden, desto mehr haben wir auch
das Bewußtsein eines gesetzmäßigen Zusammenhangs, und
desto mehr wird jener Inhalt zur bloßen anhängenden
„Eigenschaft“ des Dinges. Endlich die weiteren gesetz¬
mäßigen Zusammenhänge zwischen Inhalten, die nun schon
als Erscheinungen verschiedener Dinge von uns eingeordnet
sind, die einheitlichen realen „Vorgänge“, die über ver¬
schiedene „Dinge“ hinweggehen, die Zusammenfassung ver¬
schiedener Dinge zu einem Ding. Hier ist dem erkennen¬
den Bewußtsein die Mehrheitsauffassung des Verknüpften
selbstverständlich gegeben, es wird daher auch das Ver¬
knüpfen als solches erlebt, das Erkennen erscheint dem er¬
kennenden Bewußtsein selbst als ein in Beziehungsetzen
eines Verschiedenen — entweder in der Form der Identi¬
fikation des Verschiedenen, der Zurückführung des
einen auf das andere, oder in der Form der kausalen
Verknüpfung, der Erkenntnis der Dinge in ihrem Wir¬
ken aufeinander.
Was ich zu zeigen versuchte, war, daß wenn wir eine
„kausale Verknüpfung“ oder eine „Identität“ zweier Gegen¬
stände w r ie Schall und Wellenbewegung erkennen, wir dem
Wesen nach nichts anderes vornehmen, als wenn wir ein
vor uns stehendes Gegebenes als ein „Ding“ bestimmter
Art auffassen oder von „dem“ Ton reden, der als „derselbe“
forterklingt, während wir uns der Schallquelle nähern. Es
ist nur die wieder holteAnwendungdesselben
Verfahrens, die diese Fälle voneinander unterscheidet,
so daß sich, ich erinnere hier an unsere Ausführungen über
die Arithmetik, jene Theoreme und Gedanken der Natur¬
wissenschaft zu den Begriffen des vorwissenschaftlichen
Denkens ebenso verhalten, wie die höheren Zahlen, die
negativen und imaginären Größen der Mathematik zu den
niederen, unmittelbar im Hinblick auf die gegebenen Mannig¬
faltigkeitscharaktere gebildeten Zahlen.
Die Wissenschaft setzt die vorwissenschaftliche Ver-
326 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
arbeitung des Gegebenen fort in derselben Richtung. Sie
hängt damit von den Resultaten dieser vorwissenschaftlichen
Verarbeitung ab und sucht sie auch, gemäß dem mehrfach
erwähnten Streben nach Kontinuität, soweit wie möglich zu
bewahren, sie hebt sie nicht auf, sondern modifiziert sie.
Damit kommt in das Weltbild der Wissenschaft allerhand
psychologisch Bedingtes hinein, allerhand insofern, d. h.
vom Standpunkt der Wissenschaft aus gesehen Zufälliges.
Es in den einzelnen Erkenntnissen und Theoremen der
Wissenschaft aufzuzeigen, wäre eine wichtige Aufgabe, die
indessen über den Rahmen dieses Buches weit hinausginge.
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel
der Hypothese.
Es sollte im vorigen Paragraphen genauer auseinander¬
gesetzt werden, welchen Sinn es hat, wenn in der Natur¬
wissenschaft verschiedene reale Gegenstände miteinander
identifiziert oder aufeinander zurückgeführt werden —
Schall auf mechanische Bewegung, Licht auf elektromagne¬
tische Schwingungen usw\ Es wurde auch bereits gezeigt,
wie das Streben nach Erweiterung der uns bereits bekannten
gesetzmäßigen Zusammenhänge, das Streben, jeden einzelnen
Inhalt mit möglichst vielen anderen nach eindeutigen Er-
wartungsgesetzen zu verknüpfen, zu solchen Identifizierungen
führen kann. Aber wenn nun dies Streben nach Zurück¬
führung der realen Gegenstände aufeinander, nach „Ver¬
einfachung“ oder Vereinheitlichung unserer Vorstellungen
von der realen Welt in dem Maße, wie es tatsächlich der
Fall ist, die Naturwissenschaft beherrscht — und nicht nur
die Naturwissenschaft, sondern auch die gesamte Meta¬
physik, wie ein Blick auf ihre Geschichte zeigt, so hat das
doch noch seinen besonderen Grund. Die Chemie etwa
führt ja nicht nur gelegentlich einen Stoff auf den anderen
zurück, sondern sie arbeitet direkt nach dem Prinzip, daß
es möglich sein muß, die bunte Mannigfaltigkeit der Stoffe
in Elemente, und zwar möglichst wenig Elemente zu zer¬
legen und zu zeigen, wie sie sich aus diesen Elementen
wieder aufbauen. Das immer wiederkehrende Thema der
Physik ist der Gedanke, daß mechanische Bewegung, Schall,
Wärme, Elektrizität, Licht nur verschiedene Formen der¬
selben Sache sind, sei es nun, daß wir sie als Energie oder
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 327
als mechanische Bewegung näher bestimmen. Wenn Kirch-
hoff in der „vereinfachenden Beschreibung“ die Aufgabe der
Physik erblickt, so legt er auf diese „Vereinfachung“ einen
solchen Wert, daß er in ihr den eigentlichen Unterschied
der wissenschaftlichen Bearbeitung eines Stoffes von der
bloßen unwissenschaftlichen Beschreibung sieht. Die Meta¬
physik endlich erscheint von Anfang an von der Frage nach
dem „einheitlichen Wesen“ der Dinge beherrscht und
geleitet.
Um nun den letzten Grund dieses Strebens nach „Ver¬
einfachung“ deutlich zu machen, knüpfe ich noch einmal an
die Ausführungen eines früheren Paragraphen an.
Etwas „erklären“ heißt: ein allgemeines Erwartungs¬
gesetz aufstellen, dem gemäß jenes „Etwas“ zu erwarten
war oder — wir wissen ja, das heißt dasselbe (Allgemeinheit
und Notwendigkeit sind Wechselbegriffe) — dem gemäß es
auftreten „mußte“. Nun führt diese Forderung der „Er¬
klärung“ in eine unendliche, d. h. eine beliebig fortsetzbare
Reihe von Fragen, und zwar in doppelter Weise.
„Erklären“ wir das Auftreten eines a, indem wir auf seine
allgemeine Bedingung b bzw. auf ihr Vorhandensein hin-
weisen, so entsteht zunächst die neue Frage nach dem
„Woher“ des b, die auf ein c uns hinweist usw. Es ist das
die bekannte unendliche, d. h. unvollendbare Reihe, von
der Kant in der dritten Antinomie spricht und die nur durch
den Gewaltakt einer causa sui zum Abschluß gebracht
werden kann. Daneben aber gibt es noch eine andere Reihe.
Auf die Frage, warum a war, antworten wir mit dem Hin¬
weis auf das vorhergehende Sein des b und auf das all¬
gemeine Gesetz b —* a. Wie wir nun weiter fragen können,
warum denn b war, so können wir auch fragen, warum
denn das allgemeine Gesetz b —► a gilt. Diese
Frage nach dem Warum, die hier geforderte „Erklärung“
hat denselben Sinn wie überall: wir erklären etwas, indem
wir zeigen, daß es nach einem allgemeinen Erwartungs¬
gesetz zu erwarten war oder daß es aus einem solchen all¬
gemeinem Gesetz als notwendig folgt. Wir „erklären“ die
Geltung jenes Satzes heißt: wir zeigen, daß sie nach einem
allgemeinen Gesetz zu erwarten war oder daß sie sich aus
einem allgemeinen Gesetz als Folgerung ergibt.
Diese Frage: warum gilt das Gesetz a —►£>? ist uns
ebenso geläufig und selbstverständlich wie die Frage nach
328 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
dem Warum des einzelnen gegebenen Gegenstandes, und sie
liegt in genau derselben Richtung. Sie darf selbstverständ¬
lich nicht mit der anderen Frage verwechselt werden: Woher
wissen wir, daß das Gesetz gilt? Sie fragt: warum ist das
allgemein so? und fordert, daß wir uns dies allgemeine So-
sein, das wir uns in der Form eines allgemeinen Erwartungs¬
urteils vergegenwärtigen, verständlich machen; sie setzt
dabei die Geltung, die Wahrheit dieses allgemeinen Er¬
wartungsurteils bereits voraus. Noch anders ausgedrückt:
Sie beruht darauf, daß wir uns Gegenstände, die von uns in
Form eines Urteilserlebnisses gedacht oder gemeint sind,
wiederum zum Gegenstand, zur Aufgabe der Erkenntnis
machen können, ebensogut, wie das Gegebene als solches
für uns ein Gegenstand, eine Aufgabe der Erkenntnis ist.
„Erklären“ bedeutet ja im Grunde dasselbe wie „Erkennen“
(im Gegensatz zum bloßen Kennenlernen des Gegebenen),
es bedeutet das Untergesetzebringen, das Inurteilefassen des
Etwas, das es zu erkennen gilt. Die andere Frage, die ich
eben gegenüberstellte, die Frage: „Woher wissen wir, daß
das betreffende Gesetz gilt?“ dagegen geht nicht von dem
im Urteil gesetzten allgemeinen Sachverhalt, sondern von
der Tatsache unseres Glaubens an das be¬
treffende Urteil aus und fragt nun entweder psychologisch,
wie diese Tatsache als solche zustande gekommen ist, oder
sie fragt logisch, wie wir jenen Glauben als zu Recht be¬
stehend, das Urteil als wahr erweisen können, setzt es also
in keinem Falle schon als wahr voraus. Haben wir die
Frage: „Warum gilt das Urteil?“ oder „Warum ist das
allgemein so?“ befriedigend beantwortet, d. h. es aus einem
allgemeinen Erwartungsgesetz als Folge abgeleitet, so kann
damit freilich (nämlich dann, wenn das allgemeine Gesetz
selbst genügend bewiesen ist) auch die zweite Frage „Woher
wissen wir, daß das Gesetz gilt?“ befriedigend beantwortet
sein, aber andererseits können wir sehr wohl ein Gesetz
experimentell-empirisch etwa, ja unter Umständen auch
apriorisch bewiesen haben, ohne damit eine befriedigende
Antwort auf die erste Frage zu haben, die Frage, warum
es gilt 1 . —
1 Die zweite Frage, logisch genommen, können wir auch als
die Frage nach dem „Erkenntnisgrund“ bezeichnen, während die
erste Frage nicht ohne weiteres als Frage nach dem „Realgrund“
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 329
Es ist nun klar, wohin die Frage nach dem „Warum“
der Geltung unserer Gesetze führen muß: zu der Forderung
eines geschlossenen deduktiven Systems, in das
wir alle Gesetze einzuordnen imstande sind. Weil jedes
erkannte Gesetz von selbst wieder zu der Frage nach dem
Warum seiner Geltung Anlaß geben muß, darum muß jede
Wissenschaft die Form eines Systems anzunehmen tendieren,
oder darum kann das Erkenntnisbedürfnis nur in einem
solchen System, nicht in einer einfachen Summe von Sätzen
seine Befriedigung finden, in einem System, in dem wir
soweit als möglich das speziellere auf ein allgemeineres
Gesetz zurückzuführen, d. h. mehrere speziellere als in
einem allgemeineren Gesetz logisch enthalten darzustellen
streben. Das gilt für die empirischen, ebenso aber auch für
die apriorischen Wissenschaften, wie für die Mathematik.
Den eigenen Wert dieser systematischen Darstellungsform
für die Mathematik verkannte z. B. Schopenhauer, wenn er
dem Euklid vorwarf, daß er an die Stelle der der Geometrie
eigentümlichen anschaulichen in seinen Beweisen eine logische
Evidenz treten lasse 1 .
Auf empirischer Seite liegt hier der Punkt, der .die bloße
„Regel“ vom „Gesetz“ unterscheidet. Es kann empirisch
noch so sicher nachgewiesen sein, daß zw'ei Wahrnehmungs¬
gegenstände in einem allgemeinen und notwendigen zeit¬
lichen Zusammenhang stehen, so bleibt dieser Zusammen¬
hang oder genauer die Geltung des betreffenden Satzes so
lange für uns etw r as bloß „Zufälliges“, eine bloße „tatsäch¬
lich bestehende Regelmäßigkeit“, als er sich nicht in einen
größeren systematischen Zusammenhang eingliedern, oder
noch genauer, als er sich nicht mit demjenigen systematischen
Zusammenhang in Verbindung bringen läßt, in dem die
wissenschaftliche „Theorie“ die für die betreffenden Gegen¬
stände geltenden Sätze zusammenfaßt. Wenn wir das
„Naturgesetz“ der bloßen „Regel“ gegenüberstellen, so denken
wir bei dem ersteren an den systematischen Zusammenhang,
der alle Regeln, die für ein bestimmtes Gebiet gelten, um¬
schließen muß.
zu bezeichnen wäre. Der Begriff des Realgrundes ist mehrdeutig,
wir können darunter einen allgemeinen Sachverhalt, aber auch
einen individuellen Tatbestand, eine „Bedingung" oder „Ursache"
verstehen.
1 „Welt als Wille und Vorstellung", I. Bd., 1. Buch § 15.
330 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Nun ergibt sich hier die Frage: Wie ist ein solches System
möglich? Das heißt: Wie müssen die Gesetze beschaffen
sein, damit sie sich in ein solches System fügen ? Wir haben
die zwei Urteile a —► b und c —► d. Wollen wir sie dem¬
selben allgemeinen Gesetz als logisch in ihm enthalten und
aus ihm logisch ableitbar unterordnen, so bestehen dazu
zwei und nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir zeigen,
daß a und c derselben Gattung x, b und d derselben Gattung y
angehören und daß sich der allgemeine Satz x —► y auf¬
stellen läßt, der dann offenbar a-+b und c-+ d als speziellere
Fälle in sich schließt. Wir ordnen z. B. in dieser Weise
dem einen Gravitationsgesetz einerseits die Gesetze des
freien Falls der Körper zur Erde und andererseits der Be¬
wegung verschiedener Himmelskörper um ihren gemeinsamen
Schwerpunkt als spezielle Fälle unter. (Das Besondere, das
einer solchen Ableitung noch eignet, wird weiter unten be¬
sprochen werden.) Es liegt nun sofort auf der Hand, daß
eine solche Rückführung nur in einer sehr beschränkten
Anzahl von Fällen möglich ist; nur eine beschränkte Anzahl
von Gesetzen läßt sich in dieser Weise einfach zurückführen
auf ein für eine allgemeinere Gattung von Gegenständen
geltendes Gesetz. Ist eine solche Rückführung nun aber
nicht möglich, so bleibt uns der andere Ausweg, der zu
demselben Resultat führt: der Nachweis, daß sich a und c
als Erscheinungen desselben realen Dinges x auffassen und
die Sätze a-+b und c —► d in ein Urteil über den realen
Gegenstand x zusammenfassen lassen. Denn dürfen wir
allgemein behaupten, daß Schall Wellenbewegung der Luft,
Licht ein elektromagnetischer Vorgang sei, so müssen sich
die Gesetze des Schalls und Lichts, d. h. die Aussagen dar¬
über, wie sich beide unter bestimmten Bedingungen ver¬
halten (z. B. die Gesetze der Reflexion, der Beugung, der
Brechung) als Folgerungen aus den entsprechenden Gesetzen
der Bewegung (aus den Gesetzen, die aussprechen, wie sich
Bewegung unter denselben Bedingungen verhält) bzw. der
elektromagnetischen Schwingung darstellen und ableiten
lassen. So bedeutet jede Identifikation zweier realer Gegen¬
stände einen weiteren Schritt zur Zusammen¬
fassung der allgemeinen Gesetze der
Wissenschaft in einem deduktiven System.
Erklären sich aus diesen Überlegungen die Grundzüge
des naturwissenschaftlichen Weltbegriffs, so ist das freilich
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 331
erst vollständig geschehen, wenn wir noch eine Ergänzung
hinzufügen, zu der wir auf doppeltem Wege gelangen können.
Erstens: Die Zurückführung verschiedener realer Gegen¬
stände aufeinander, das Streben nach „Vereinfachung“, wie
es die Naturwissenschaft beherrscht, bedeutet nicht das
Leugnen, sondern das Erklären ihrer Verschiedenheiten, d. h.
den Nachweis, daß hier derselbe reale Gegenstand vorliegt,
der nur unter verschiedenen Bedingungen eine Mannig¬
faltigkeit von Erscheinungsformen zeigt. Verkennt man
diesen Zweck der Rückführung, betrachtet man die „Ver¬
einfachung“ gewissermaßen als Selbstzweck, so landet man
bei der Unfruchtbarkeit des Eleatismus. Dies Erklären
aber ist nur möglich, wenn wir die „Vereinfachung“ des
Realen nicht so weit treiben, daß wir es in eine unterschieds¬
lose Einheit zusammenschmelzen, sondern ihm eine gewisse
Mannigfaltigkeit und Veränderlichkeit zugestehen. Schon
die Mannigfaltigkeit der erwähnten Bedingungen setzt das
voraus. Denn diese Bedingungen selbst sind wieder ge¬
gebene Tatbestände, die als solche auf reale Gegenstände
bezogen werden müssen. Stellen wir also dem einzelnen
realen Gegenstand die Bedingungen gegenüber, unter denen
er so oder so erscheint, so stellen wir ihm zugleich andere
Gegenstände gegenüber, und wenn jene Bedingungen das
Auftreten und Verschwinden gegebener Inhalte erklären
sollen, so müssen auch jene realen Gegenstände in eine reale
Beziehung zueinander treten und diese Beziehung wieder
lösen können, d. h. es müssen sich an oder zwischen ihnen
reale Veränderungen abspielen können. Diese Annahme ist
die conditio sine qua non jeder Wissenschaft, die überhaupt
erklären will. Aber diese Mannigfaltigkeit und Veränderlich¬
keit kann die Naturwissenschaft der realen Welt auch ruhig
zugestehen, ohne ihr Ziel, die größtmögliche „Vereinfachung“
des Realen, aus dem Auge zu verlieren. Denn der ganze
Sinn dieser Vereinfachung ist ja der, die Gegenstände so weit
als gleichartig zu fassen, daß wir sie den gleichen
allgemeinen Gesetzen unterstellen, daß wir von ihnen
allen unter den gleichen Bedingungen allgemein das Gleiche
erwarten können. Dieser Zweck aber wird erreicht, wenn
wir auch den Gegenständen diejenige Verschiedenheit zu¬
gestehen, die sie unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zu dem¬
selben allgemeinen Gegenstand noch haben können: die
raumzeitliche Verschiedenheit, und damit zugleich diejenige
332 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Veränderung, die allein die raumzeitliche Stellung betrifft:
die Orts- oder Lageveränderung, die Bewegung. Und noch
eine weitere Verschiedenheit bleibt mit jenem Zweck ver¬
einbar, nämlich die Verschiedenheit, die wir durch Messung
in Zahlen auszudrücken imstande sind: vorausgesetzt nur,
daß solche Maßbestimmungen in unsere Gesetze eingehen
oder, was dasselbe besagt, daß unsere Gesetze mathematische
Form tragen. Haben wir das Gesetz: zwei Massen ziehen
sich an, proportional ihrem Produkt und umgekehrt pro¬
portional dem Quadrat ihrer Entfernung, so können wir
dies Gesetz anwenden auf je zwei Massen, und mit der
gleichen Genauigkeit anwenden, gleichgültig, ob es sich um
Massen von einem tausendstel Gramm oder von vielen
Millionen von Kilogrammen handelt und gleichgültig, ob
sie Millimeter oder Siriusweiten voneinander entfernt sind.
So erscheint das Streben der Naturwissenschaft, ihren Ge¬
setzen mathematische Form zu geben und zugleich die Ver¬
schiedenheit der verschiedenen Gegenstände auf meßbare
Verschiedenheiten zu reduzieren, als das geeignetste Mittel,
die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu begreifen, ihr ge¬
recht zu werden und doch alle Gegenstände alls Gegenstände
aufzufassen, die denselben Gesetzen unterstehen, deren Ver¬
halten oder Erscheinen nach denselben Gesetzen eindeutig
vorausbestimmt werden kann. Meßbar im eigentlichen
Sinne sind, wie wir wissen, nur raum-zeitliche Größen, so
ergibt sich auch hier die Notwendigkeit, alle Verschieden¬
heiten als Lage- und räumliche Größenverschiedenheiten und
alle Veränderungen als Bewegungen aufzufassen, d. h. zu¬
nächst als reale Vorgänge, die sich in gesehenen oder nach
Analogie gesehener vorgestellten Bewegungen darstellen, die
wir aber dann mit Hilfe dieser ihrer Bewegungserscheinung
selbst zu messen vermögen.
Zu demselben Schluß führt noch eine andere Über¬
legung. Die an erster Stelle erwähnte Zurückführung
zweier Gesetze aufeinander dadurch, daß wir sie beide als
Folgen eines Gesetzes nachweisen, das für eine nächst höhere
Gattung von Gegenständen gilt, ist, wie schon vorhin gesagt
wurde, nur bis zu einem gewissen Punkt möglich. Und
zwar deshalb, weil die Identifizierung zw r eier Gegenstände
als Gegenstände derselben Gattung nur so weit möglich ist,
als wir von ihrer Verschiedenheit abstrahieren, alle Gesetz¬
mäßigkeit also, die die Gegenstände als verschiedene betrifft,
1 0. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 333
sich nicht aus einer Gesetzmäßigkeit jenes allgemeineren
Gegenstandes ableiten läßt. Aber das gilt doch wiederum
nicht vollständig: es gilt nicht, soweit die Verschiedenheit
der unter denselben allgemeinen Begriff fallenden Gegen¬
stände eine meßbare (quantitative) und soweit das fragliche
Gesetz mathematisch formulierbar ist — aus den bereits
bezeichneten Gründen. Darin liegt zunächst der Grund
dafür, daß die Mathematik selbst in einem vorbildlich ge¬
schlossenen System darstellbar ist, und zweitens zeigt uns
diese Überlegung wiederum, daß, um zu einem geschlossenen
System zu gelangen, die Physik nach mathematischer Formu¬
lierung ihrer Gesetze und zugleich nach Zurückführung aller
realen Vorgänge auf Bewegungen, aller realen Verschieden¬
heiten auf quantitative Verschiedenheiten streben muß.
Der eigentümliche Vorzug der Mathematik besteht darin,
daß wir in ihr verschiedene Gegenstände in einer solchen
Weise unter einen allgemeineren Gegenstandsbegriff fassen,
daß dieser Begriff nicht einfach von den Verschiedenheiten
abstrahiert, sondern die möglichen Verschiedenheiten der
unter den Begriff fallenden Gegenstände aus dem allge¬
meinen Begriff heraus zu konstruieren gestattet (vgl.
S. 229). Man denke als treffendes Beispiel an die Formeln
der analytischen Geometrie l . Hier in der Physik etwas
Ähnliches zu schaffen, ist das eigentliche Ziel des Strebens
nach der „geometrischen Methode“, das — gerade im An¬
schluß an die Descartessche Entdeckung der analytischen
1 Ich berühre mich hier mit den Ausführungen Cassirers in
seinem ausgezeichneten Werk „Substanzbegriff und Funktions¬
begriff“ über den mathematischen Begriff. In seiner Besprechung
dieses Werkes in der „Deutschen Literaturzeitung“ (Nov. 1912)
drückt Hönigswald sich treffend so aus: „Nicht ärmer ist hier [in
der Sphäre des mathematischen Begriffs] dem „spezielleren“ gegen¬
über der „Inhalt“ des „allgemeineren“ Begriffs, sondern reicher;
nicht weniger gegliedert ist er als jener, sondern im Gegenteil
differenzierter und mannigfaltiger. Denn er repräsentiert zugleich
die allgemeinere Beziehung, welche die Gesetzlichkeit der be¬
sonderen ungeschmälert in sich enthält. „Der allgemeine Fall
sieht von den besonderen Bestimmungen nicht schlechthin ab,
sondern er bewahrt in sich die Fähigkeit, sie in ihrer konkreten
Totalität vollständig aus einem Prinzip heraus zu entwickeln und
zu überschauen.“ Worin ich prinzipiell Cassirers Standpunkt ent¬
gegentreten muß, zeigen frühere Ausführungen.
334 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Geometrie — die Erkenntnistheorie des 17. und 18. Jahr¬
hunderts beherrscht. Freilich zeigt sich dann, daß nicht eine
Deduktion der physikalischen Gegenstände nach Art der
mathematischen Deduktion, eine Nachahmung der Mathe¬
matik in Physik und Psychologie, sondern nur eine Gründung
der Physik auf Mathematik, eine mathematische Behandlung
der physikalischen Phänomene möglich ist. Und da immer
nur ein Teil dieser Phänomene im strengen Sinne meßbar
und mathematisch konstruierbar ist, so bleibt in der Physik
stets eine Reihe von Sätzen übrig, die sich als solche nicht
in den Zusammenhang der mathematischen Theorie fügen:
dazu gehören die Sätze wie der, daß eine bestimmte Be¬
wegung der Luft urtter bestimmten Bedingungen stets als
Schall hörbar, daß bestimmte Ätherschwingungen ebenso
als Licht sichtbar werden usf., kurz die Sätze, die einer
quantitativ bestimmbaren Bewegung einen qualitativ be¬
stimmten Gegenstand zuordnen. Den Nachweis, daß eine
mathematische Methode nur für mathematische Gegen¬
stände möglich ist, daß eine schematische Übertragung auf
die Metaphysik zu einem System bloß analytischer Sätze
führt, liefert Kant. Trotzdem entsteht nach Kant ein
neuer Versuch, eine solche Methode der Deduktion für den
gesamten Umfang der Gegenstände der nicht quantifizier¬
baren Natur zu schaffen: in der dialektischen Methode
Fichtes und Hegels. Die Synthesis liefert uns nicht einen
Begriff, der gegenüber dem Unterschied von Thesis und
Antithesis indifferent ist, von ihm abstrahiert und insofern
Thesis und Antithesis gleichermaßen unter sich befaßt,
sondern der beide in sich enthält und eben damit auch in
ihrem wahren Verhältnis zueinander begreift. Das „Werden“
verhält sich im dialektischen Begriffssystem zum „Sein“
und „Nichtsein“, der „Grund“ zu „Identität“ und „Ver¬
schiedenheit“ so wie der mathematische Begriff des Kegel¬
schnitts, der in der entsprechenden Formel der analytischen
Geometrie zum Ausdruck kommt, zu dem des Kreises, der
Ellipse, Parabel, Hyperbel, er begreift sie in sich und be¬
stimmt zugleich ihr Verhältnis zueinander. Es ist im Grunde
noch hier das Ideal der „geometrischen Methode“, das nur
in anderer Form wiederkehrt.
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 335
Wenn die Naturwissenschaft alle realen Vorgänge als
Bewegungen aufzufassen sucht, so ist damit noch nicht
gesagt, daß diese Bewegungen notwendig „materielle“ Be¬
wegungen sein müssen. Indem wir von materieller Bewegung
sprechen, sagen wir bereits etwas über das Subjekt, das
beharrliche Substrat der Bewegung aus, nämlich daß es in
wägbaren und undurchdringlichen Massenteilen zu suchen sei.
Es wurde vorhin ausgeführt, warum wir bei allem Wechsel
nach einem Beharrlichen, d. h. nach allgemeinen Gesetzen
stets Wiederzufindenden suchen. Es ist das, wie wir sahen,
nur der Ausdruck des Strebens, die uns bekannten Gesetze
unter möglichst wenige, immer wieder anwendbare allge¬
meine Erwartungsgesetze zu fassen, sie als Folgerungen der¬
selben darzustellen. Also, dürfen wir jetzt hinzufügen, auch
ein Ausdruck des Strebens nach systematischer Fassung
des Gesetzeszusammenhangs. Geben wir nun den Gesetzen
mathematische Form, so wird das beharrliche Substrat im
Fluß des Geschehens vor allem ein quantitativ Be¬
harrliches, ein für die Messung sich Gleichbleibendes. Fassen
wir endlich die Vorgänge, die Veränderungen als Bewegungen,
so wird das beharrliche Substrat zum Subjekt der Be¬
wegung.
Der Satz, daß jede Bewegung ein Etwas, das sich be¬
wegt, voraussetzt, hat für uns etwas unmittelbar Zwingendes,
er erscheint uns gleichsam als analytischer Satz. Und mit
Recht: denn Bewegung ist nicht empirisch nachweisbar und
erfaßbar ohne ein sich Gleichbleibendes, das wir erst am
einen, dann am anderen Ort (erst in der einen, dann in der
anderen Entfernung vom angenommenen Koordinaten¬
anfangspunkt) nachweisen l .
1 Weil Bewegung die feste Fixierung von Raumpunkten voraus¬
setzt, die, wie ich schon früher ausführte, nur durch ein sich Gleich¬
bleibendes, Beharrliches möglich ist. Darum gilt meiner Meinung
nach nur für den Wechsel des Ortes, was Natorp für jeden Wechsel
behauptet, daß „ein Wechsel nur an etwas Beharrlichem erkannt
werden kann“ (Phil. Propäd., Marburg 1909, S. 29). Weder den
Natorpschen, noch den Kantischen Beweis für diesen allgemeineren
Satz vermag ich als schlüssig anzuerkennen. Man denke sich eine
Folge von Tönen; wir können eine solche Folge uns unter allge¬
meine Gesetze gebracht denken, ohne daß wir ein Beharrliches in
dem hier gemeinten Sinne (einen sich gleichbleibenden Ton, als
dessen bloße Veränderung wir die übrigen auffassen) voraussetzen
336 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
Aber dieser Gegenstand kann an sich ebensogut etwa in
einer durch irgendwelche Apparate anzeigbaren elektrischen
Ladung, wie in wägbarer Masse bestehen. Das instinktive
Unbehagen, mit dem der Laie etwa dahin zielenden natur¬
wissenschaftlichen Annahmen begegnet, das Sichanklammern
an atomistische Vorstellungen, beruht nicht auf einer be¬
sonderen Unvorstellbarkeit solcher Annahmen — dingliche
Atome und elektrische Ladungen sind ja an sich als reale
Gebilde gleich unvorstellbar, ihre Erscheinungen dagegen
sind gleich vorstellbar, denn den Ausschlag eines Elektro-
skops kann ich mir ebensogut vorstellen, wie den einer Wage
oder wie die sich gleichbleibende Form und Härte eines
Atoms —, sondern beruht darauf, daß mit einem solchen
Gedanken eine unserer festesten vorwissenschaftlichen Über¬
zeugungen verlassen wird, die indessen an sich auf Erfahrung
basiert. (Es beruht, können wir dafür auch sagen, darauf,
daß hier, wie in den Versuchen der Physiker, die Mechanik
auf Elektrodynamik zu begründen, wie endlich auch in der
Relativitätstheorie, ein Ansatz dazu vorliegt, die aus der
vorwissenschaftlichen Begriffsbildung übernommenen Ele¬
mente, die wir sonst — darauf wurde am Schluß des vorigen
Paragraphen hingewiesen — nach Möglichkeit zu konser¬
vieren und nur den neuen Erfahrungen entsprechend zu
modifizieren suchen, vielmehr zu verlassen und eine selb¬
ständige Neuordnung der Erfahrungen und ihres Zusammen¬
hangs an ihre Stelle zu setzen.) —
Der Versuch, alle Vorgänge der Natur auf Bewegungen,
alle Dinge auf ein quantitativ beharrliches Substrat der Be¬
wegung zurückzuführen, gibt dem „naturwissenschaftlichen
Weltbegriff“, d. h. dem Weltbegriff, der auf dem Boden der
heutigen Naturwissenschaft von selbst erwachsen ist, sein
charakteristisches Gepräge. Im Prinzip steht nichts im
Wege, diesen Weltbegriff als einen wirklichen Welt-
begriff zu nehmen, d. h. ihn auszudehnen auf die gesamte,
nicht bloß körperliche Natur; es gibt — ich werde darauf
müßten. Wenn wir tatsächlich jeden Wechsel auf ein Be¬
harrliches beziehen, so geschieht das, wie ich zu zeigen versuchte,
nicht, weil wir ohnedem die Veränderung überhaupt nicht zu denken
— unter Gesetze zu bringen — vermöchten, sondern weil wir sie
unter möglichst allgemeine und immer wieder anwendbare Gesetze
zu fassen suchen.
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 337
im nächsten Kapitel zurückkommen — keinen Grund, der
es a priori ausschlösse, auch das gesamte psychische Leben
„mechanisch“ zu erklären und damit die reale psychische
Persönlichkeit ebenso mit einem Stück der Körperwelt, dem
Gehirn, zu identifizieren, wie wir den realen Schall mit einer
Wellenbewegung identifizieren. Aber so wenig wie eine
solche Rückführung unmöglich ist, so wenig dürfen wir
behaupten, daß sie gelingen müsse oder daß die Vorgänge
der gesamten Wirklichkeit solche Bewegungen „s e i e n“.
Wenn wir eine solche Behauptung aufstellen, so begehen wir
den Fehler, den die Wissenschaft seit Kants Vernunftkritik
nicht mehr begehen dürfte: wir machen unsere „Ideen“ zu
Wirklichkeiten, die regulativen Prinzipien unserer Erkennt¬
nis zu Prinzipien der Dinge. Denn wenn wir danach streben,
alle Vorgänge auf Bewegungen zurückzuführen, so tun wir
das nur deshalb, weil, wenn uns dies gelänge, das Ziel
der Erkenntnis, die Gesamtheit des Gegebenen restlos in
ein System allgemeiner Erwartungsgesetze zu befassen, auf
die denkbar vollkommenste Weise erreicht würde. Aber ob
dies Ziel, genauer wie weit es erreichbar ist, können nur
die Tatsachen zeigen.
Und die tatsächliche Erfahrung zeigt vielmehr, daß schon
innerhalb der Erkenntnis der körperlichen Natur, ja inner¬
halb der Physik die Erreichung auf erhebliche Schwierig¬
keiten stößt. Ich erinnere an die Schwierigkeit, die der
mechanischen Wärmetheorie aus dem Entropiegesetz und
der Aufgabe entstehen, für dies Gesetz ein Analogon auf
dem Gebiet der anderen Energieformen entstehen. Die
Wärme kann wohl als mechanische Bewegung aufgefaßt
werden, daß sie es indessen nicht muß, zeigt die eigen¬
tümliche Selbständigkeit, die die Theorie der Thermo¬
dynamik in der modernen Physik angenommen hat. Diese
Schwierigkeiten werden noch erheblich größer, wenn wir
den Gegensatz ins Auge fassen, der als scheinbar unüber¬
brückbarer. Gegensatz schon von jeher für das naive Be¬
wußtsein die gesamte körperliche Wirklichkeit in zwei
heterogene Bestandteile zerfällt: an den Gegensatz der
organischen und anorganischen Natur. Wollen wir Wärme
als mechanische Bewegung auffassen, so heißt das: wir
müssen zeigen, daß die Gesetze der einen sich auf die der
anderen zurückführen lassen — wollen wir die lebende Natur
als einen bloßen Ableger, eine Erscheinungsform der un-
▼. Aster, Philosophie!. 22
338 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
belebten, den Organismus als einen Mechanismus auffassen,
so heißt das: wir müssen die Gesetze des organischen Lebens,
die Gesetze der Lebensvorgänge auf physikalisch-chemische
Gesetze zurückführen 1 . A priori möglich ist das sicherlich,
aber ebenso möglich ist auch, daß die Tatsachen einer
solchen Rückführung widerstreiten. Die Frage, ob Mecha¬
nisten oder Vitalisten recht haben, ist eine Frage, die nur
die fortschreitende Empirie der Lösung näher bringen kann.
Endlich ein letzter Punkt. Schon innerhalb der Physik
kann die Naturwissenschaft ihr Ziel nur erreichen mit Hilfe
einer weitgehenden „H ypothesenbildun g“. Dieser
Begriff bedarf noch einer kurzen Besprechung.
Wenn wir irgendeinen empirischen Satz haben —
(a 4- a)— ► ft, auf a folgt unter den Bedingungen a ein ft —,
so besteht zunächst die doppelte Möglichkeit, daß sich die
in ihm liegende Erwartung erfüllt und demgemäß der Satz
sich als wahr erweist, oder enttäuscht und der Satz falsch
ist. Es kommt aber, genau besehen, noch eine dritte Möglich¬
keit hinzu: die Möglichkeit, daß wir die Bedingung a nicht
zu realisieren und demgemäß das Urteil nicht auf seine
Wahrheit oder Falschheit hin zu prüfen imstande sind.
Solange und sofern das der Fall ist, bleibt der Satz eine
bloße Annahme, eine Hypothese. Diese Hypothese aber
kann wahrscheinlicher und weniger wahrscheinlich sein.
Inwiefern, zeigt am besten ein Beispiel. Wenn wir den
Mond seiner realen Form nach als Kugel und nicht als Scheibe
beurteilen, so liegt in dieser Behauptung eine Reihe von
Voraussagen über die Veränderung, die der Anblick des
Mondes erfährt, wenn wir um ihn „herumgehen“. Dies
„Herumgehen“ aber ist für uns unausführbar, so daß die
Behauptung insofern hypothetisch bleibt. Nun liegen aber
in dieser Behauptung noch weitere Erwartungen, und
diese weiteren Erwartungen sind verifizierbar und bewahr-
1 Ein besonderes Lebensphänomen, von dem man gelegentlich
gesprochen hat, ein unmittelbares Gegebensein eines Charakters,
der das Lebende vom Unbelebten unterschiede, wäre, selbst wenn
man es nachweisen könnte, für die Frage, ob der lebende Körper
realiter ein Mechanismus ist oder nicht, genau so bedeutungslos,
wie der Umstand, daß es ein besonderes Phänomen der Farbe (da¬
gegen z. B. kein spezifisches Phänomen der Elektrizität)
für die Frage, ob Farbe realiter auf Ätherschwingung zurück-
führbar Ist.
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 339
heiten sich auch. Ein kugelförmiger ist z. B. ein Körper,
der in bestimmter Weise beleuchtet Phasen zeigt (es gilt
der allgemeine Satz, daß, wenn ein gesehener Kreis Er¬
scheinung einer realen Kugel ist, er sich bei einer bestimmten
Veränderung seiner Stellung zur Lichtquelle in der Weise
der Phasen verändern wird — weshalb wir der Kugel als
solcher jene „Eigenschaft“ beilegen können). Oder: ist ein
Kreis die gesehene Oberfläche einer Kugel, so müssen die
auf ihm sich abzeichnenden Figuren von der Mitte zum
Rande zu bestimmte Verzerrungen erfahren, wie wir das
z. B. bei den in der Mitte kreisrunden, am Rande läng¬
lichen Formen der Mondkrater sehen können. Diese Be¬
obachtungen machen die aufgestellte Hypothese wahrschein¬
licher, aber nur unter einer Voraussetzung, nämlich nur dann,
wenn wir es als wahrscheinlich betrachten können, daß nur
kugelförmige Körper Phasen zeigen oder daß eine Phasen¬
bildung, wie ein solches Verzerrtsein jener Figuren, nur in
diesem Zusammenhang auftritt. Allgemein gesprochen: Die
Wahrscheinlichkeit einer Hypothese ist um so größer, je
größer die Zahl der in ihr enthaltenen verifizierbaren im Ver¬
hältnis zur Zahl der nichtverifizierbaren Erwartungen und
je enger und eindeutiger die Beziehung zwischen den einen
und den anderen nach Maßgabe unserer bisherigen Er¬
fahrung ist.
Dazu aber kommt ein weiterer Punkt, der nicht eigentlich
die Wahrscheinlichkeit, wohl aber den wissenschaftlichen
Wert einer Hypothese mitbetrifft. Es gibt Erwartungen,
die wir im Augenblick nicht verifizieren können, deren Verifi¬
zierung aber doch in der Zukunft als möglich, vielleicht als
mehr oder minder wahrscheinlich erscheint. Es gibt andere,
bei denen diese Verifizierung mit Rücksicht auf bestimmte
Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung prinzipiell ausge¬
schlossen erscheint. Dasselbe können wir noch anders aus-
drücken: Bei den erstgenannten Erwartungen können wir
die Bedingungen (a), unter denen der verifizierende Inhalt
auftreten soll, zwar nicht realisieren, aber wir können uns
wenigstens einen Weg vorstellen, auf dem diese Realisierung
erreicht werden könnte. Im zweiten Falle ist ein solcher
Weg nicht vorstellbar, er ist unmöglich. Die Folge ist, daß
wir uns auch das Sicherfüllen jener Erwartungen selbst nur
vorstellen können, indem wir sie gleichsam in eine andere
Sphäre transponieren, indem wir an ihre Stelle analoge
22 *
340 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien Ihres Fortgangs.
Gegenstände schieben, bei denen die Verifizierung möglich
ist. Als Beispiel können die Atome dienen. Eine Reihe
von physikalischen Aussagen, die sich auf Atome und
Moleküle beziehen, sind verifizierbar — nämlich alle die¬
jenigen, die ein Verhalten, etwa ein chemisches Verhalten
der Körper als Folgen ihrer atomistischen Zusammensetzung
„erklären“ — bei anderen können wir von vornherein be¬
haupten, daß sie es nicht sein können. Und wie mit
den Atomen im Ganzen, so steht es mit den einzelnen Eigen¬
schaften, die ihnen die Physik zuschreibt, etwa mit dem
Atomgewicht. In der Behauptung, daß jedes Quantum
Sauerstoff aus unzerstörbaren Teilchen, die in die Ver¬
bindungen des Sauerstoffs in der bekannten Weise eingehen,
bestehe und deren jedes 16 mal so schwer sei als ein ent¬
sprechendes Teilchen Wasserstoff, liegt die Erwartung, das
zwei solche Teilchen, auf der Wage verglichen, ein bestimmtes
Resultat geben — ein Versuch, den wir uns nur vorstellen
können, indem wir an die Stelle der Atome in Gedanken
andere Körper symbolisch einsetzen, es liegt darin aber auch
die Erwartung, daß, wenn wir einen Stoff haben, der sich
in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen läßt, beide Elemente
sich nur diesem Gewichtsverhältnis entsprechend abscheiden
werden — eine Erwartung, die die Erfahrung bestätigt.
Man pflegt das so auszudrücken, daß wir bestenfalls gewisse
„Folgen“ der atomistischen Zusammensetzung der Körper,
niemals aber die „Atome selbst“ wahrnehmen könnten. Ich
brauche nach oft wiederholten Erörterungen diese Aus¬
drucksweise als ungenau und irreführend kaum noch be¬
sonders zurückzuweisen. Die „Atome selbst“ w r ahrnehmen,
wenn das überhaupt einen Sinn haben soll, kann es nur be¬
deuten: ihre Erscheinungen wahrnehmen, zu denen jene
„Folgen“ der atomistischen Zusammensetzung genau so gut
gehören. Die einzige Unterscheidung, die hier mit Sinn
gemacht werden kann, ist die zwischen „wesentlichen“ und
nichtwesentlichen Erscheinungen, wobei wir unter den
wesentlichen Erscheinungen eines Gegenstandes diejenigen
verstehen, von denen aus wir nach Maßgabe unserer Er¬
kenntnis einen eindeutigen Schluß auf alle anderen Er¬
scheinungen desselben Gegenstandes ziehen können (und die
aus diesem Grunde in die „Definition“, in den „Begriff“ des
betreffenden Gegenstandes aufgenommen werden können,
vgl. S. 140). Ob die Erscheinungen der Atome, die wir in
10. Das System der empirischen Wissenschaft. Das Mittel der Hypothese. 341
der Erfahrung nachweisen können, wesentliche sind oder
nicht, das hängt schließlich davon ab, ob es innerhalb unseres
Wissenschaftssystems eine andere mögliche Theorie gibt, die
jene Erscheinungen, die wir heute mit Hilfe der Atom¬
hypothese erklären, ebensogut verständlich zu machen ge¬
stattet.
Nun ist eine Hypothese offenbar um so wertvoller, je
mehr Voraussagen sie gestattet, sie verliert aber um so mehr
an Wert, je mehr diese Voraussagen bloße Scheinvoraus¬
sagen sind, d. h. ihrer Natur nach unverifizierbar bleiben
müssen, je mehr sie unser Erkenntnissystem mit solchen
Scheinvoraussagen gewissermaßen belastet. Darin liegt der
Nachteil solcher Hypothesen, wie der Atomhypothese, der
Ätherhypothese usw., das, was uns diese Hypothesen un¬
behaglich macht. Trotzdem halte ich es nicht für richtig,
diese und verwandte Hypothesen als unwissenschaftlich
ganz ausschalten zu wollen oder, was schließlich auf das¬
selbe hinauskommt, sie für „bloße Bilder“ zu erklären, wie
man das gern von seiten gerade einer phänomenalistisch
orientierten Physik getan hat. Sagt man: die Dinge beständen
nicht aus Atomen, sondern sie verhielten sich nur so, als ob
sie aus Atomen beständen, so macht man hier eine Unter¬
scheidung, die man gerade von phänomenalistischer Seite
aus nicht machen darf, denn „ein Gegenstand hat eine
Eigenschaft“ und „er verhält sich phänomenal so, als ob
er sie besäße (= den Erwartungen entsprechend, die sich
aus diesem Urteil ergeben)“ — diese beiden Behauptungen
haben ja gar keinen verschiedenen Sinn. Zu dieser schiefen
Ausdrucksweise läßt man sich, scheint mir, dadurch ver¬
führen, daß wir, wie oben ausgeführt wurde, gern an die
Stelle der unverifizierbaren Bestandteile dieser Hypothesen,
um ihre Verifizierung uns wenigstens vorzustellen, analoge
Fälle in Gedanken schieben, in denen die Verifizierung aus¬
führbar ist (also z. B. die Atome durch sichtbare Kugeln
ersetzen), die dann gewissermaßen als „Bilder“ des eigentlich
zu Erwartenden wirken. Ich möchte jene Ausdrucksweise
vor allem deshalb nicht für empfehlenswert halten, weil sie
einen scharfen Schnitt zwischen zwei Arten von Hypothesen
zieht, zwischen denen es in Wirklichkeit allmähliche Über¬
gänge gibt. Daß wir die Schwerkraft überwinden und uns
zum Monde erheben könnten, ist nach unserer augenblick¬
lichen naturwissenschaftlichen Kenntnis ausgeschlossen, in
342 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
die Behauptung, der Mond sei ein harter und schwerer
Körper, gehen also unverifizierbare Elemente und unvorstell¬
bare Bedingungen oder besser Bedingungen ein, die wir uns
nur in analogen Fällen vorstellen können — sollen wir
darum die Behauptung, der Mond sei ein harter und schwerer
Körper, für ein bloßes „Bild“ erklären ? Dann besteht zum
mindesten der Fortschritt der empirischen Wissenschaft
vielfach darin, daß aus den „Bildern“ wirkliche Hypothesen
und aus den bloß ungenau symbolisierten exakt vorstellbare
Bedingungen werden. Nur für eine Gruppe von Hypothesen
scheint mir der Ausdruck „Bild“ nicht ungeeignet, nämlich
für diejenigen, die deshalb von vornherein als provisorisch
angesehen werden müssen, weil sie widersprechende Elemente
enthalten. Wenn wir uns der Ätherhypothesen bedienen,
dabei aber den Äther zur Erklärung einzelner Erscheinungen
als elastisch, zur Erklärung anderer als unelastisch an¬
setzen müssen, so können wir hier mit einem gewissen
Recht sagen: der Äther ist nicht das eine und das andere,
sondern er verhält sich nur — nämlich in einem begrenzten
Tatsachengebiet — so, als ob er elastisch bzw. unelastisch
wäre.
Der Wert und Sinn jeder Hypothese liegt darin, daß wir
mit ihrer Hilfe reale Gegenstände identifizieren und denselben
Gesetzen unterworfen denken können, die sonst als Mannig¬
faltigkeit auseinanderfallen würden. Die Hypothese muß
also so gefaßt sein, daß sie das Nichtzutreffen bestimmter
Gesetze auf einen bestimmten Gegenstand dadurch zu einem
nur scheinbaren Nichtzutreffen macht, daß sie eben
die Verifizierung gerade dieser Gesetze in ein der
Erfahrung unzugängliches Gebiet verlegt. Wollen wir, wie
es in der Undulationstheorie des Lichtes geschah, das Licht,
mit Rücksicht darauf, daß sich die Gesetze der Fortpflanzung,
der Brechung usw. auf entsprechende Gesetze der mechani¬
schen Wellenbewegung zurückführen lassen, mit einer solchen
mechanischen Wellenbewegung identifizieren, so müssen wir
diesen Wellen eine solche Schw'ingungszahl beilegen, daß sie
durch keine uns bekannten Apparate mehr als Erschütte¬
rungen direkt nachweisbar sind. Auch hier ergibt sich nun
leicht, daß die Hypothese um so mehr diesem ihrem eigent¬
lichen Zweck entspricht und damit um so wertvoller ist, je
größer die Zahl der in ihr enthaltenen verifizier-
baren Erwartungsgesetze ist.
11. Wahrheitserkenntnis u. Wissenschaft. Logik u. Erkenntnistheorie. 343
II. Wahrheitserkenntnis und Wissenschaft. Logik und
Erkenntnistheorie.
Die Ergebnisse der bisherigen Betrachtung müssen noch
einmal von einem bestimmten Gesichtspunkt her zusammen¬
gefaßt werden. Streng genommen dürfte diese Zusammen¬
fassung erst erfolgen, wenn auch die übrigen empirischen
Wissenschaften, insbesondere die Psychologie, in den Kreis
der Betrachtung gezogen sind, ich ziehe indessen vor, sie
bereits an dieser Stelle zu geben.
Was ist Wissenschaft? Die Wissenschaft, so
können wir darauf kurz antworten, ist ein Inbegriff
von Urteilen, an die wir eine Reihe von An¬
sprüchen oder Forderungen stellen. Die erste
dieser Forderungen ist die, daß diese Urteile wahr sind.
Ob diese Forderung erfüllt ist, können wir natürlich im
einzelnen Fall immer nur mehr oder weniger kon¬
trollieren und niemals genau wissen; darum bleibt sie doch
als Forderung absolut; jedes Urteil, das als „falsch“ erkannt
ist, wird aus jenem Inbegriff ausgeschlossen. Aus dieser
ersten und grundlegenden Forderung können wir gleich eine
Folgerung ziehen: Wahrheit ist Übereinstimmung mit dem
Gegenstände (deshalb können wir in diesem Sinne anstatt
von wahrer, auch von objektiver Erkenntnis reden), diese
Übereinstimmung aber läßt sich nur prüfen, wenn und so¬
weit der Gegenstand gegeben sein kann (S. 109). So können
wir anstatt von einem Inbegriff von Urteilen, die auf ihre
Wahrheit hin geprüft sind, von Urteilen sprechen, die am
Gegebenen auf Wahrheit hin kontrolliert sind oder davon,
daß die Wissenschaft das Gegebene in wahre Urteile zu
fassen strebt.
Aber diese Forderung der Wahrheit ist nicht die einzige,
die wir an die Urteile der Wissenschaft stellen. Wissenschaft
ist nicht eine Summe wahrer Urteile (oder solcher Urteile,
die wir an der Forderung der Wahrheit gemessen, auf ihre
Wahrheit hin geprüft haben), sondern sie ist, um es gleich
in einem Satze zu sagen: ein die Gesamtheit des
Gegebenen, soweit es uns bekannt ist, umfassen¬
des System allgemein mitteilbarer und in
Worten formulierter wahrer Urteile.
Damit sind eine Reihe weiterer Forderungen an die
Urteile der Wissenschaft als solche gestellt, die von der
344 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs*
Forderung der Wahrheit unabhängig sind. Sie sind freilich
nicht voneinander unabhängig, sondern hängen unter¬
einander unlösbar zusammen. Wenn nämlich, um das im
einzelnen zu zeigen, die Urteile allgemein mitteilbar sein
sollen, so müssen sie zugleich in Worten formulierbar sein.
Ferner: sollen sie in Worten allgemein mitteilbar,
sollen sie von einem beliebigen Hörer als dasselbe Urteil
auffaßbar sein, so müssen sie auch das Gegebene mit um¬
fassen und verarbeiten, das einem solchen anderen Hörer
gegeben ist, noch mehr: das jedem beliebigen erkennenden
Bewußtsein (dem zukünftigen und vergangenen, wie dem
gegenwärtigen, dem eigenen wie dem fremden) gegeben sein
kann, sie müssen die Gesamtheit des „Erfaßbaren überhaupt“
umschließen. Umgekehrt: wenn alles Erfaßbare berück¬
sichtigt sein soll, so müssen diese Erfahrungen selbst auch
eine allgemein mitteilbare Form erhalten können.
Endlich: die allgemeine Mitteilbarkeit, die Formulierbar-
keit mit Hilfe von Worten, kann nur bei allgemeinen
Urteilen oder auf dem Umweg über solche geschehen. Ur¬
teile in ein System fassen, heißt, sie nach Möglichkeit
als Spezialfälle allgemeiner Urteile fassen und formulieren.
Also fordert die allgemeine Mitteilbarkeit auch die syste¬
matische Gestalt des Inbegriffs der Urteile. Noch mehr:
nur soweit sie allgemein sind oder unter allgemeinere
fallen, sind sie auch wirklich anderen mitteilbar, haben sie
für andere einen bestimmten Sinn. Das Urteil, daß dieser
hier gegebene Inhalt „rot“ ist, bedeutet, daß er eine Qualität
hat, die ich gleichartig von anderen Inhalten her kenne.
Ob nun aber der andere, der das von mir gesprochene Urteil
versteht, eine solche Qualität, wie ich sie hier vor mir habe,
überhaupt kennt, ob er an ihrer Stelle nicht etwas ganz
anderes wahrnimmt, kann ich nie entscheiden, wofern nur
das, was er unter den Bedingungen sieht, unter denen ich
die von mir „rot“ genannte Qualität sehe, in denselben
allgemeinen (insbesondere Gleichheits- und Ähnlich-
keits-)Beziehungen steht zu dem, was er unter anderen Be¬
dingungen wahrnimmt, wie ich sie zwischen den Inhalten
meiner Wahrnehmung feststellen kann. Angenommen, der
andere sieht total andere Farben als ich, nur so, daß sie in
denselben Ähnlichkeitsbeziehungen zueinander stehen, wie
die von mir gesehenen Farben, so kann ich hinter diese
Verschiedenheit nie im Leben kommen. Also haben
11. Wahrheitscrkcnntnis u. Wissenschaft. Logik u. Erkenntnistheorie. 345
meine Urteile überhaupt für den anderen nur so¬
weit denselben Sinn wie für mich, als sie allge¬
meine Beziehungen aussprechen, als sie allgemeine, nicht
singuläre Urteile sind, und sie sind auf ihre Wahrheit hin
nur so weit prüfbar, als wir diese in ihnen behaupteten all¬
gemeinen Beziehungen prüfen. Die allgemeine Mitteilbar¬
keit unserer Urteile besteht also nur so w e i t, als sie all¬
gemeine Beziehungen zusammen aussprechen, d. h. als sie
zum System sich zusammenschließen, und wir dürfen
unseren Urteilen diese allgemeine Mitteilbarkeit, wir dürfen
ihnen einen Sinn auch für andere um so sicherer zuschreiben,
je mehr solcher allgemeiner Zusammenhänge das einzelne
Urteil enthält, d. h. je mehr der Inbegriff der Urteile die
Gestalt des Systems annimmt.
Endlich kommen noch zwei Forderungen hinzu, die in¬
dessen nicht als absolute, sondern nur als relative Forde¬
rungen und zugleich nur für ein beschränktes Gebiet der
Wissenschaft gelten. Wir müssen für einen bestimmten
Umkreis unserer Urteile ständig mit der Möglichkeit rechnen,
daß sie durch neue Erfahrungen widerlegt werden. Hier ist
Wissenschaft als kontinuierlichfortschreite n-
d e s Gebilde nur möglich, wenn wir die Urteile diesen even¬
tuellen neuen Erfahrungen gegenüber modifizierbar
machen und wenn wir die zum Zweck systematischer Zu¬
sammenfassung von Urteilen eingeführten Hypothesen
nach Möglichkeit so gestalten, daß sie mindestens später
einmal als verifizierbare Urteile betrachtet werden können.
Alle diese Forderungen nun sind von der Forderung der
Wahrheit unabhängig, für die Wissenschaft indessen, bzw.
im letzten Falle für die empirische Wissenschaft wesentlich.
Oder, was dasselbe besagt: es gibt wahre Urteile, die nicht
in Sätzen formulierbar, nicht allgemein, nicht allgemein mit¬
teilbar, nicht systematisch über- und untergeordnet sind
(man vergleiche die nähere Ausführung dieses Gedankens in
dem Beispiel auf S. 300), es gibt Wahrheitserkennt-
n i s (Erkenntnis der einen identischen Wahrheit, die wir
überall voraussetzen, wo ein Urteil und damit die Frage
nach der Wahrheit in Frage kommt), die n i c h t W i s s e n -
schaft ist. Es gibt ferner Wissenschaften, die
sich immer neuen Erfahrungen anpassen müssen, die in
diesem Sinne stets eine nur vorläufige Gestalt besitzen.
Ich versuchte zu zeigen, daß durch die systematische Zu-
346 Fünftes Kap. Die empirische Erkenntnis u. d. Prinzipien ihres Fortgangs.
sammenordnung dieser Urteile die sogenannte „empirische
Wirklichkeit“ für unser Bewußtsein entsteht, die Wirklich¬
keit der Dinge und Persönlichkeiten, die danach als eine in
fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis immer voll¬
kommener, aber nie restlos erkennbare Wirklichkeit sich
uns darstellt. Es gibt endlich die Wissenschaften, die nicht
in diesem Sinne als eine sich selbst immer wieder aufhebende
Summe von Urteilen, als ein der endgültigen Wahrheit sich
nur annäherndes System, sondern als ein System voller,
allgemeingültiger Wahrheitserkenntnis erscheint: das System
der apriorischen Urteile, durch deren systematische Zu¬
sammenfassung die apriorischen, insbesondere die mathe¬
matischen Gegenstände entstehen.
Hier scheint mir auch der Punkt, der zwischen Logik
und Erkenntnistheorie sinnvoll zu scheiden ge¬
stattet. Die Logik hat es zu tun mit der Wahrheit, d. h.
mit den Urteilen, sofern sie dem Anspruch genügen sollen,
wahr zu sein, mit den Eigenschaften, die wir ihnen mit
Rücksicht auf diese Forderung beilegen müssen oder eben
mit den Eigenschaften der Wahrheit als solcher. Die Er¬
kenntnistheorie hat es mit der apriorischen und empirischen
Gegenständlichkeit als solcher oder mit den Urteilen zu tun,
sofern wir in ihnen diese Gegenständlichkeit erfassen; kürzer:
nicht mit der Wahrheitserkenntnis überhaupt, sondern mit
der wissenschaftlichen Wahrheitserkenntnis. —
Endlich können wir die Forderungen an die Urteile der
Wissenschaft, die wir von der Forderung der Wahrheit unter¬
scheiden, noch unter einem besonderen psychologischen Ge¬
sichtspunkt betrachten. Es wurde an früherer Stelle
(S. 117) dargetan, daß die Vergegenwärtigung eines in
Worten formulierten Urteilssatzes eine besondere psycho¬
logische Bedeutung hat, insofern er eine Fülle von Erwartungs¬
urteilen, die das Bewußtsein einzeln nicht gleichzeitig zu um¬
fassen vermöchte, zusammen in „psychischer Bereitschaft“
hält, d. h. die betreffenden, an sich unbewußten Erwartungs¬
einstellungen zusammenhält bzw. (beim Hörenden) zusammen
erzeugt. Betrachten wir es nun als ein wertvolles Ziel,
beim Auftreten jedes neuen Inhalts in unserem Bewußtsein
möglichst gleich alle Erwartungsurteile, die Voraussagen,
was sich unter allen möglichen verschiedenen Bedingungen
an ihn weiterhin knüpfen wird, in solcher Bereitschaft zu
haben, so wird ein System in Worten formulierter allge-
11. Wahrheitserkenntnis u. Wissenschaft. Logik u. Erkenntnistheorie. 347
meiner Urteile, die jenen Inhalt sofort seiner Gattung und
dem Realen nach, dem er als Erscheinung zugehört, bezeich¬
nen, als das geeignetste Mittel zu diesem Zweck er¬
scheinen und das um so mehr, je allgemeiner diese Urteile
sind, je mehr einzelne Voraussagen sie enthalten, je geringer
die Zahl der möglichen Dinge ist, dem der Inhalt angehören
kann, und das heißt mit anderen Worten: je mehr uns dies
sprachlich formulierte Urteil sofort als Teil eines systematisch
gegliederten Zusammenhangs von Urteilen entgegentritt.
Die Zusammenfassung der von uns gewonnenen wahren Ur¬
teile in ein System allgemein mitteilbarer Sätze erscheint
damit als ein Mittel, um den geistigen Besitz dieser Urteile
zu ermöglichen oder sie erscheint als eine Folge der An¬
passung unseres Denkens, unseres Urteilens an diesen
Zweck, als „denkökonomisch“. Und die „Wissenschaft“
erscheint als auf diese Denkökonomie, d. h. auf jene fort¬
schreitende Anpassung unseres Denkens gegründet, oder als
die konsequente Fortsetzung und prinzipielle Zuendeführung
eines Prozesses, der auf jener Anpassung beruht.
Daß wir den Urteilen die Form geben, die sie in der
Wissenschaft besitzen, die wissenschaftliche Form,
nicht etwa, daß wir nach wahren Urteilen streben, läßt
sich als eine Folge der „Ökonomie“ unseres Denkens be¬
greifen. „Denkökonomie“ ist ein teleologischer Begriff, der
nur sinnvoll wird, wenn wir dem Denken einen Zweck und
die Eigenschaft beilegen, diesem Zweck in seinen Mitteln
sich anzupassen. Diesen Zweck suche ich in dem größt¬
möglichen geistigen Besitz wahrer Urteile, es wird also der
Begriff der Wahrheit hier vorausgesetzt. Freilich kann man
dann weiter diesen Besitz wahrer Urteile selbst und damit
das ganze Denken als ein zweckmäßiges Mittel für andere
Zwecke (die damit freilich nicht mehr Zwecke des Den¬
kens sind), z. B. für die Erhaltung des Lebens betrachten,
und es kann das ganze Denken, das Suchen nach Wahrheit
in diesem Sinne als eine biologische Anpassungserscheinung
aufgefaßt werden. Aber auch bei dieser Betrachtung darf
niemals „Wahrheit“ zusammenfallen mit „Nützlichkeit“ für
einen solchen Zweck, wie es beim Pragmatismus und ver¬
wandten Theorien erscheint, denn ein Urteil auf seine „Wahr¬
heit“ hin und es auf seine „Nützlichkeit“ hin prüfen, ist
evidentermaßen zweierlei.
Sechstes Kapitel.
Die Stellung der Psychologie und der Geistes¬
wissenschaften im Erkenntnissystem.
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
Die empirische Wirklichkeit zerfällt für das vorwissen¬
schaftliche Bewußtsein in zwei Gruppen von Gegenständen,
die physischen Dinge und die denkenden, fühlenden und
wollenden Persönlichkeiten; die Wissenschaft, wenigstens die
Wissenschaft, soweit sie die empirische Wirklichkeit unter
Gesetze zu bringen sucht — von der Geschichte und ihrer
Stellung im Zusammenhang der Wissenschaften wird später
noch die Rede sein —, zerfällt entsprechend in die zwei
Disziplinen der Naturwissenschaften und der Psycho¬
logie.
Worin liegt der letzte Grund dieser Scheidung? Der
Gegensatz des Physischen und Psychischen war schon früher
berührt und bei dieser Gelegenheit gezeigt worden, was ich
auch eben betonte: daß die Worte „physisch“ und „psy¬
chisch“ nicht etwa direkt zwei qualitativ unterschiedene
Gruppen von Gegebenheiten, sondern zwei Gruppen
von realen Gegenständen bezeichnen; die Per¬
sönlichkeit mit ihrem Charakter, ihren Dispositionen zu be¬
stimmten Gefühlen, Erinnerungen, Willensakten usw. ist
ebensogut und in demselben Sinne ein reales Ding wie ein
Körper mit seinen bestimmten chemischen und physikalischen
Eigenschaften. Beide Arten von realen Gegenständen kon¬
stituieren sich nun freilich in gesetzmäßig zusammen¬
hängenden unmittelbaren Gegebenheiten: und zwar die
physische Welt in den sinnlichen Wahrnehmungsinhalten,
den Farben, Tönen, Gerüchen, Geschmäcken, Tastquali¬
täten, die psychische Welt in allen anderen Gegebenheiten,
also vorwiegend den Gefühlen, Willenserlebnissen, Erinne¬
rungen. Dafür können wir nun auch sagen: die physische
Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
349
Welt ist die Welt, die in jenen Wahrnehmungsinhalten „er¬
scheint“, d. h. ihre Existenz ist gleichbedeutend mit der
Geltung der Gesetze, die die sinnlichen Wahrnehmungs¬
inhalte, und zwar meine und die jedes fremden Bewußt¬
seins, untereinander zu einem gesetzmäßigen Zusammen¬
hang verknüpfen. Die psychische Welt „erscheint“ ent¬
sprechend vorwiegend in Gefühlen und Willensakten, ihre
Existenz besteht in dem gesetzmäßigen Zusammenhang
dieser Gegebenheiten. Wie die Eigenschaft der Lösbar¬
keit bzw. Unlösbarkeit in Wasser, die wir einem körper¬
lichen Stoff zuschreiben, auf das Gesetz zurückgeht, daß
dieser Stoff sich für die sinnliche Wahrnehmung unter be¬
stimmten Bedingungen (nämlich wenn man ihn in Wasser
wirft) in bestimmter Weise verhält, so geht die Eigenschaft
des Jähzorns oder der ruhigen Besonnenheit, die wir einer
Persönlichkeit beilegen, auf das Gesetz zurück, daß in der
Folge von Gegebenheiten, die wir in ihrer Gesamtheit auf
das betreffende Ich beziehen, unter bestimmten Bedingungen
— bei bestimmten Anlässen — eine bestimmte Gefühls¬
reaktion sich einstellt.
Der Gegensatz der physischen und psychischen Welt
würde also nicht für uns entstehen, wenn nicht die Gegeben¬
heiten in jene zwei Gruppen zerfielen, oder vielmehr genauer:
wenn nicht die sinnlichen Wahrnehmungsinhalte als eine
bestimmt umschriebene Gruppe aus der Gesamtheit der
Gegebenheiten sich herausheben würden. Sie bilden eine
solche Gruppe zunächst vermöge einer gewissen qualitativen
Ähnlichkeit, die sie aneinander bindet und von den übrigen
Gegebenheiten unterscheidet. Genau so wie Blau, Rot,
Schwarz usw., wie alle Töne untereinander, so haben auch
Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke und Tastqualitäten
(die phänomenalen Gegebenheiten, die wir so nennen, nicht
natürlich die reale Farbe usw. ist gemeint) etwas „Gemein¬
sames“, eineÄhnlichkeit, die erlaubt, sie unter einen Gattungs¬
begriff zu subsumieren und z. B. den Gefühlen und Willens¬
erlebnissen, aber auch den Erinnerungs- und Phantasie¬
inhalten, wie endlich den Relationserlebnissen gegenüber¬
zustellen. Dieser bloße Umstand, daß sich die sinnlichen
Wahrnehmungsinhalte als solche in eine geschlossene Ähn¬
lichkeitsgruppe fügen lassen, für sich genommen, gibt uns
nun aber noch nicht den Begriff der physischen Welt, sondern
erst die weitere Tatsache — die wir als Tatsache ein-
350 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
fach hinnehmen und konstatieren und nicht weiter noch
erklären können — daß sich die Inhalte gerade
dieser Gruppe eben in einen einheit¬
lichen, geschlossenen, gesetzmäßigen
Zusammenhang miteinander einfügen
oder ordnen lassen. Zu jedem Gegenstand der
sinnlichen Wahrnehmung gehört als unersetzliche Bedingung
seines Auftretens eine Reihe von Gegenständen, die selbst
gleichfalls der Welt der sinnlichen Wahrnehmung angehören,
die wir in ihr suchen müssen. Anders gesagt: Es läßt sich
das Auftreten eines sinnlichen Wahrnehmungsinhalts so
und nur so unter ein einheitliches Erwartungsgesetz bringen,
daß ihm ein anderer Wahrnehmungsinhalt oder ein Kom¬
plex solcher als Bedingung zugewiesen wird. (Wobei zu
bemerken ist, daß auch, wenn wir einen solchen Inhalt auf
seine physiologischen Bedingungen, also auf Vorgänge im
Sinnesorgan und in den Nerven beziehen, wir ihn in einen
gesetzmäßigen Zusammenhang mit anderen sinnlichen Wahr¬
nehmungsinhalten setzen; wir wüßten nichts vom Innern
des Auges, wenn wir es nicht gesehen hätten, und soweit
wir die Vorgänge im Nervensystem nur erschließen, stellen
wir sie uns doch als wahrgenommene Vorgänge und nach
Analogie solcher vor.) Würden sich die Inhalte der sinn¬
lichen Wahrnehmung nicht in einen solchen geschlossenen
Zusammenhang einfügen lassen, würde uns diese Zusammen¬
fügung nicht gelingen, so würden wir nicht von einer phy¬
sischen Welt reden. Daß sie uns — innerhalb gewisser
Grenzen — gelingt, ist, wie eben gesagt wurde, eine Tat¬
sache, die sich nicht weiter erklären läßt. Eine bloße Schein¬
erklärung ist es natürlich, wenn wir den Umstand, daß die
Wahrnehmungsinhalte nach Gesetzen Zusammenhängen, da¬
durch erklären wollen, daß eben eine wirkliche Welt von
Dingen existiert, die unsere Sinneseindrücke „verursacht“:
denn die „Existenz“ dieser Welt ist ja nur ein anderer
sprachlicher Ausdruck für die Geltung jener Gesetze, die die
sinnlichen Wahrnehmungsinhalte untereinander verknüpfen,
und das „Verursachtsein“ ist die Abhängigkeit eines ge¬
gebenen Inhalts von einem anderen nach einem allgemeinen
Gesetz.
Tatsächlich gelingt es uns nun auch gar nicht, alle
Gegenstände der Wahrnehmung in diesen einen geschlossenen
gesetzmäßigen Zusammenhang einzuordnen, also auf phy-
1. Die erkenntnistheoretischc Struktur der Psychologie. 351
sische Dinge zu beziehen, es bleiben bestimmte Inhalte
übrig — nämlich die Traumbilder und Halluzinationen.
Traumbilder und Halluzinationen haben den Charakter von
Wahrnehmungsinhalten, eine Farbe, die ich im Traume
sehe, hat dieselbe sinnliche Frische und Lebhaftigkeit wie
die, die ich im Wachen vor mir habe, wie ich denn auch im
Traume überzeugt bin, einen „wirklichen“ Gegenstand vor
mir zu haben, auch ein wirkliches physisches Ding etwa,
das diese Farbe hat. Wenn ich nun beim Erwachen diese
Überzeugung berichtige und das Gesehene als nicht wirklich,
sondern nur „erträumt“ bezeichne, so ist der
Grund dafür, daß das „Erwachen“ und damit verbundene
plötzliche Abreißen des Traumfadens mir zeigt, daß die
Inhalte des Traumes eine Welt für sich waren, die sich nicht
in den einen gesetzmäßigen Zusammenhang, der alle übrigen
Inhalte der sinnlichen Wahrnehmung (meine und die der
übrigen Menschen) umschließt, einfügen lassen. Ich träume,
daß mein Zimmer brennt, ich sehe die Flammen; das Er¬
wachen zeigt mir, daß das im Traume gesehene kein „wirk¬
liches“ Feuer war: denn der reale physische Gegenstand,
den wir Feuer nennen, ist ja nicht bloß eine flackernde Röte,
ist nicht dieser Inhalt der Gesichtswahrnehmung, sondern
ist zugleich ein Etwas, das allerhand Folgen und „Wir¬
kungen“ hinterläßt, die ich mir ebenfalls muß wahrnehmbar
machen können, und diese nach den allgemeinen Gesetzen,
die die Gegenstände der Wahrnehmung miteinander ver¬
knüpfen, zu erwartenden Folgen nehme ich eben nicht wahr;
mein Zimmer liegt beim Erwachen nicht in Asche und
Schutt, sondern steht unversehrt und unverändert vor mir.
Man hat bekanntlich gelegentlich die Frage aufgeworfen,
ob nicht die ganze Welt, in der wir leben, eine nur erträumte
W T elt sein könnte? Die Frage ist sinnlos: das Wesen der
wirklichen, im Gegensatz zur nur erträumten Welt ist der
durchgängige gesetzmäßige Zusammenhang. Eben deshalb
können wir von „nur erträumten“ Gegenständen lediglich
im Gegensatz zu einer gesetzmäßig zusammenhängenden
Welt wahrgenommener Gegenstände reden, aus der die
„erträumten“ Inhalte eben herausfallen. Der Gedanke, daß
die „ganze Welt“ ein Traum sei, würde einen weiteren
Wirklichkeitszusammenhang voraussetzen, in den sie sich
nicht einfügen läßt.
Indem nun die Traumbilder und Halluzinationen aus
352 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geistes Wissenschaften.
dem einen gesetzmäßigen Zusammenhang, dem alle übrigen
Wahrnehmungsinhalte angehören, herausfallen, reihen sie
sich mit ein in den Zusammenhang, den alle übrigen Gegeben¬
heiten miteinander bilden, werden sie also zu etwas „Psychi¬
schem“. Denn „physisch“ nennen wir die realen körper¬
lichen Dinge oder die gegebenen sinnlichen Wahrnehmungs¬
inhalte, sofern und soweit sich .in ihnen diese Welt
der Dinge konstituiert, also sofern und soweit sie von
anderen sinnlichen Wahrnehmungsinhalten nach allgemeinen
Gesetzen abhängig und wiederum solche bedingend er¬
scheinen; „psychisch“ nennen wir alle übrigen Inhalte,
sofern sie den Zusammenhang des Psychischen kon¬
stituieren. (Warum dieser Zusammenhang gerade die eigen¬
tümliche Form der Welt der „Persönlichkeiten“ annimmt,
wird noch erörtert werden.) Die als solche erkannten
Traumbilder und Halluzinationen werden für unsere Er¬
klärung zu etwas Psychischem, indem wir ihre Wirkungen
nicht im sinnlich Wahrnehmbaren erwarten und indem wir
ihre Bedingungen nur in solchen Faktoren suchen, die sonst
nur Bedingungen von Erinnerungs- und Phantasiebildern
sind.
In gewisser Weise gilt nun aber das, was von den Halluzi¬
nationen und Traumbildern gesagt wurde, von allen
Wahrnehmungsinhalten. Denn jeder Wahrnehmungsinhalt
ist in seinem Auftreten zu einem Teil auch durch
die ihm voraufgehenden psychischen Faktoren bedingt.
Es klopft jemand an meine Tür, die physischen, sinnlich
wahrnehmbaren Bedingungen für das Auftreten des be¬
treffenden Schallwahrnehmungsinhaltes existieren (sie wären
unter den zugehörigen Bedingungen wahrnehmbar), aber der
Inhalt tritt nicht auf, weil ich etwa intensiv, unter starker
Inanspruchnahme meines Gefühlsinteresses, im Moment auf
andere Dinge gerichtet bin. Ein anderes Mal nehme ich
gewisse Dinge wahr, ich würde sie nicht wahrnehmen, wenn
sie nicht physisch real vorhanden wären, aber ich würde
sie auch nicht wahrgenommen haben, wenn ich nicht gerade
erwartend auf sie eingestellt gewesen wäre. So ist jeder
sinnliche Wahrnehmungsinhalt gleichzeitig ein psychischer
Inhalt, nämlich so weit, als er in seinem Auftreten durch
die Welt der sinnlich wahrgenommenen bzw. wahrnehm¬
baren Gegenstände noch nicht eindeutig oder endgültig
bestimmt, sondern von noch anderen Bedingungen abhängig
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
353
erscheint und ebenso auch, insofern ihm Folgen in der äußer-
sinnlichen Sphäre zugehören (insofern er Erinnerungen aus¬
löst, Gefühle bewirkt usw.). Dafür können wir endlich noch
anders sagen: eine phänomenal gegebene Farbe oder ein
phänomenaler Ton stellt sich einerseits dar als Erscheinung
eines Physisch-Realen: der realen Farbe, des realen Tones,
weiterhin des farbigen Dinges usw.; anderseits als Er¬
scheinung eines Psychisch-Realen: nämlich des „Aktes“ des
Sehens, Hörens, Erfassens, geistigen Sichzueigenmachens
des betreffenden Inhalts bzw. des sehenden oder wahr¬
nehmenden Ich.
Die Frage dieser „Akte“ war früher schon gestreift
worden. Ein „Akt“ des Sehens, so wurde dort (S. 65, 72)
schon betont, ist nicht ein irgendwie erlebbarer Tatbestand.
Wenn wir eine Farbe sehen oder einen Ton hören, so ist uns
nicht, weder unmittelbar gleichzeitig, noch in rückschauender,
erinnernder Betrachtung neben der Farbe oder dem Ton,
der sinnlich-wahrnehmbaren Umgebung derselben, den etwa
erfaßten Relationen und den anknüpfenden Gefühls- und
verwandten Erlebnissen („Bewußtseinslagen“) noch ein be¬
sonderer Akt des Sehens oder Hörens gegeben. Wenn man
die Akte als solche erlebbaren Tatbestände aufgefaßt hat,
so scheint mir das ein Mißverständnis dessen zu sein, was
eigentlich mit diesem Terminus gemeint ist. Eine Farbe
wird gesehen heißt: sie steht in Beziehung zu einem „Ich“.
Das Ich aber ist ein reales Ding, das eine identische reale
Ding, auf das, als seine Erscheinungen, wir die Inhalte be¬
ziehen, die als unmittelbar gegebene Inhalte einen fort¬
laufenden Bewußtseinsablauf bilden, indem wir sie als
gesetzmäßig verknüpft, als einander bedingend und durch
einander bedingt auffassen. Daß die Farbe „gesehen“, der
Ton „gehört“ wird, bedeutet also, daß sie in diesen
Bewußtseinsablauf bedingt und bedingend hineinverwoben
sind.
Den Inbegriff der psychischen Bedingungen, von denen
das Auftreten eines Inhalts der Wahrnehmung abhängt, be¬
zeichnen wir auch durch den einen Begriff der „Aufmerksam¬
keit“. Ein Inhalt tritt dadurch auf, daß „ich“ ihm „meine
Aufmerksamkeit zuwende“ oder daß „er meine Aufmerksam¬
keit auf sich zieht“. Dieser Begriff der Aufmerksamkeit ist
natürlich kein Begriff, der an sich bereits eine wirkliche
Erklärung enthielte; daß ein Wahrnehmungsinhalt auftritt,
v. Aatcr, Philosophie. 23
^54 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
ist durch die Angabe, daß dies auf einer Leistung der Auf¬
merksamkeit des Ich beruht, so wenig erklärt, wie die Frage,
warum ein Körper sich in Wasser löse, dadurch beantwortet
ist, daß wir ihm eben die „Eigenschaft“ der Löslichkeit
in Wasser zuschreiben. Beide Behauptungen stellen oder
formulieren ein Problem, sie lösen es nicht. Die Frage,
warum sich jener Körper in Wasser löst, ist beantwortet,
wenn wir die allgemeinen Gesetze gefunden haben, die uns
sagen, unter welchen Bedingungen allgemein eine solche
Löslichkeit stattfindet. Und ebenso ist die Aufgabe, die
der Begriff der Aufmerksamkeit der Psychologie stellt, dann
gelöst, wenn wir allgemeine Gesetze aufstellen können, die
uns sagen, unter welchen Bedingungen ein Inhalt (dessen
notwendige physikalisch-physiologische Bedingungen, d. h.
dessen sinnlich wahrnehmbare Bedingungen erfüllt sind) im
Bewußtsein auftritt bzw. nicht auftritt. Wenn Th. Lipps
unter der „psychischen Energie“ eines „Vorganges“ die
„Größe der Fähigkeit dieses Vorganges, die psychische Kraft“
oder die „Aufmerksamkeit sich anzueignen bzw. sie fest¬
zuhalten“ versteht und wenn er dann weiter als verschiedene
Formen dieser Energie die „quantitativ bedingte Energie“
(Beispiel: der dem Bewußtsein durch seine Intensität sich
aufdrängende Donnerschlag), ferner die Energie des Lust-
und des besonders Unlustvollen („das Lustvolle und ebenso
das in hohem Maße Unlustvolle zieht meine Aufmerksam¬
keit auf sich“), die „dispositionelle“ Energie (das Sich-
aufdrängen des Bekannten, Gewohnten, das Vonselbstsich-
einstellen des Erwarteten, das mit dem Vorhergedachten
und Wahrgenommenen in Beziehung Stehenden) endlich die
„Kontrastenergie“ unterscheidet, so sind es solche Gesetze,
die sich in dieser etwas gezwungenen Terminologie ver¬
bergen *. Oder wenn man, wie es wohl allgemein jetzt mit
Recht geschieht, die Assoziationsgesetze nicht
nur als Gesetze der Reproduktion, sondern auch der Führung
der Aufmerksamkeit betrachtet 1 2 , so läuft das auf dasselbe
1 Lipps, Leitfaden der Psychologie, 3. Aufl., S. 87.
2 Vgl. z. B. Lipps a. a. O. S. 90, Dürr, Lehre von der Auf¬
merksamkeit, S. 49. Die Einwände Dürrs (S. 14 f.) gegen die hier
vorgetragene Auffassung, die die Aufmerksamkeit als „Ursache“
faßt: A. sei in diesem Falle der Name für etwas „Unbekanntes“
oder „hypothetisch Angenommenes", erledigen sich durch meine
ganze erkenntnistheoretische Position. Im übrigen kann ich daraif
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie. 355
Ziel hinaus: den populärpsychologischen
Begriff der Aufmerksamkeit, der nur in
vager Weise das Vorhandensein psychi¬
scher Bedingungen überhaupt für das Da¬
sein von Wahrnehmungsinhalten (allge¬
meiner von gegenständlichen Inhalten) in sich schließt,
zu ersetzen durch bestimmte Gesetze, die
solche Bedingungen fixieren; ähnlich wie die Naturwissen¬
schaft die vage „Eigenschaft“ bestimmter Körper, elektrisch
oder magnetisch zu sein, durch die bestimmten Gesetze der
Elektrizität und des Magnetismus ersetzt hat.
Der Sachverhalt ist im Prinzip nicht anders aufzufassen,
wenn wir, wie es meist geschieht, in etwas engerer Um¬
grenzung des Begriffs von einer Leistung der Aufmerksam¬
keit nur da sprechen, wo ein Wahrnehmungs- (oder Er-
innerungs-, Phantasiegegenstand) als voll beachteter Teil¬
inhalt des Bewußtseins da ist und sich als solcher vom
„unbeachteten Hintergründe“ abhebt. Der Unterschied, auf
den man hier zurückgeht, der Unterschied des „Beachteten“,
„Hervorgehobenen“, im Gegensatz zu den unbeachteten oder
minder beachteten Komponenten des Hintergrundes ist ein
unmittelbar gegebener; wenn wir mit Rücksicht darauf von
„demselben“ Inhalt reden, der einmal beachtet, einmal nicht
beachtet ist, so beruht das, wie früher schon angedeutet
wurde, auf demselben Grunde, der uns auch erlaubt, von
„demselben“ Inhalt zu sprechen, den wir einmal als Einheit,
einmal als Mehrheit auffassen können (vgl. hierzu S. 184), Das
Problem, das hier für die Psychologie entsteht, ist ein
doppeltes; einmal ein rein phänomenologisches, das nur
durch exakte Beobachtung (wie mir scheint am besten
unter experimenteller Kontrolle) gelöst werden kann: die ge¬
naue Beschreibung des „Beachtungsreliefs“ im einzelnen Falle,
die Charakteristik der hier möglichen Typen; und zweitens
das „realpsychologische“ Problem, das wir kennen: die Be¬
stimmung der Bedingungen, von denen es allgemein ab¬
hängt, daß ein Inhalt als beachteter Inhalt da ist. —
Wenn wir davon sprechen, daß wir dies oder jenes „sehen“,
„hören“, „gerichtet sind auf“ etwas, unsere Aufmerksamkeit
verweisen, daß auch D. seine Hauptaufgabe so auffaßt, wie ich sie
formuliert habe: als die Fixierung der Bedingungen dafür,
daß ein Inhalt als bewußter bzw. beachteter Inhalt da ist.
23*
356 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
mehr oder minder intensiv darauf wenden, so bezeichnen
diese Ausdrücke nicht einen unmittelbar gegebenen Tat¬
bestand, sondern einen psychisch-realen Vorgang, d. h. sie
enthalten neben dem Hinweis auf das Gegebensein eines
bestimmten Inhalts bereits impliziert eine Reihe von Be¬
hauptungen, die sich auf den gesetzmäßigen Zusammenhang
beziehen, in dem der fragliche Inhalt bedingt und be¬
dingend zu anderen psychischen Inhalten steht. „Ich
sehe“ diese Farbe heißt zugleich: ich werde mich ihrer unter
den zugehörigen Bedingungen erinnern (ich „kann“ mich
später ihrer erinnern), ich werde sie vergleichen, beurteilen,
zum Aufbau von Phantasiegebilden benutzen, wenn ein An¬
laß dazu vorliegt, kurz, sie stellt einen Inhalt dar, der in den
gesetzmäßigen Zusammenhang „meiner“ Bewußtseinsinhalte
hineinverwoben ist. Genau so steht es auch mit den ver¬
wandten Begriffen der Popularpsychologie, mit dem „ich
will“, „ich weiß“, „ich liebe“ oder „hasse“. Wenn ich sage,
daß ich dies oder jenes will, so bedeutet das etwas anderes,
als daß ich bloß im Moment ein Strebungsgefühl erlebe, es
bedeutet, daß mit diesem Strebungsgefühl zugleich ein ge¬
wisser Faktor in mir gesetzt ist, der meinem psychischen
Leben, meinem Gedanken- und Gefühlsablauf eine be¬
stimmte Richtung gibt, dessen bloße Bewußtseinsäußerung
also das Strebungsgefühl ist oder zu dem sich das Strebungs¬
erlebnis verhält eben wie eine der Erscheinungen eines
realen Gegenstandes zu dem Gegenstand selber. Deshalb
können wir uns unter Umständen auch darüber täuschen,
ob wir etwas wirklich wollen, ob wir jemand wirk¬
lich lieben usw\ Ein Gefühl kann wie Liebe aussehen und
doch nicht „wirklich“ Liebe „sein“ (so wie ein Körper wie
Gold aussehen kann, ohne wirklich Gold zu sein), das Ge¬
fühlserlebnis, der phänomenologische Gefühlstatbestand, ist
da, aber er besteht nicht die „Proben“, denen wir ihn unter¬
werfen — er verwandelt sich etwa in Gleichgültigkeit, wo
ein Opfer von uns verlangt wird, es geht in Rauch auf, so¬
bald wir den begehrten Gegenstand nicht mehr sehen, an¬
statt die Forderungen zu erfüllen, die wir an wirkliche Liebe
stellen.
Allerdings muß nun auch der umgekehrte Fall ins Auge
gefaßt werden. Es kann etwas Gold „sein“, ohne das¬
jenige Aussehen zu haben, an das wir zunächst denken,
wenn von Gold die Rede ist. Und ich kann etwas wollen.
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
357
ohne ein Strebungsgefühl zu erleben, ich kann verliebt sein,
aber das Gefühlserlebnis, das dem Zustand den Namen
gegeben hat, tritt nicht ins Bewußtsein, ich kann etwas
erwarten, ohne bewußtes Erwartungsbild. Hier ist der
Punkt, wo der Begriff des „Unbewußten“ im üblichen
Sinne schon in der Popularpsychologie in seine Rechte tritt.
Ich erwarte etwas, ohne mir der Erwartung bewußt zu sein,
heißt: es ist der realpsychische Zustand vorhanden, als
dessen Erscheinung sich mir sonst eine bewußte Erwartung
darstellt, die bewußte Erwartung aber fehlt; oder was das¬
selbe besagt: es sind die Folgen da, die sich sonst an eine
Erwartung zu knüpfen pflegen, und sie sind unter Be¬
dingungen eingetreten, unter denen wir eine Erwartung
hätten erwarten dürfen, ohne daß sie doch als bewußte Er¬
wartung da war. (Es muß dann freilich auch das Nicht¬
auftreten dieser bewußten Erwartung „erklärt“, d. h. die
weitere Bedingung angegeben werden, unter der sie doch
noch als solche bemerkbar wird). Ebenso: wir können „un¬
bewußt auf etw’as gerichtet“ sein, d. h. ein bestimmter Vor¬
stellungsinhalt fehlt, aber eine auf jene „Aufmerksamkeits¬
richtung“ zurückgehende Richtung unserer Assoziationen,
eine entsprechende Gefühlswirkung usw. ist da. (Man
denke auch an die ganz entsprechende Art, wie G. E. Müller
seinen Begriff der unbewußten Reproduktionstendenz ein¬
führt und definiert. Eine solche Tendenz kann vorhanden
sein, ohne das entsprechende Erinnerungsbild, auf das sie
eigentlich geht, hervorrufen zu können; sie äußert sich dann,
abgesehen von der allgemeinen Richtung der Assoziationen,
in der sie zum Vorschein kommen kann, in Hemmungen
anderer Reproduktionen, in Verlängerungen und eventuell
Verkürzungen der Reproduktionszeit.) —
Was hier gezeigt werden sollte, war nichts weiter, als
daß, und wie schon in den populärpsychologischen Begriffen
des täglichen Lebens überall die Voraussetzung gesetz¬
mäßiger Zusammenhänge sich verbirgt, genau so wie im
Dingbegriff, in den physikalischen Begriffen des täglichen
Lebens. Freilich sind diese Gesetze nicht genau formulierbar:
wir wissen, daß wir uns eines Inhalts erinnern „können“, ihn
vergleichen „können“ usw., d. h. w r ir wissen, wir werden
uns unter bestimmten Bedingungen seiner
erinnern und die Ähnlichkeits- usw\ Beziehungen zum Be¬
wußtsein bringen, die ihn mit anderen verknüpfen, wir
358 Sechstes Kap. Die StelJung der Psychologie u. d. Geisteswissenschalten.
wissen auch ungefähr diese Bedingungen zu handhaben,
aber wir können sie uns nicht genau vorstellen und auch
nicht die Inhalte genau fixieren, die wir hier gesetzmäßig
verknüpft denken.
Hier nun setzt die Arbeit der wissenschaftlichen Psycho¬
logie ein, die sich zu dieser psychologischen Begriffsbildung
des Alltagslebens genau so, wie die wissenschaftliche Physik
zu der entsprechenden vorwissenschaftlichen Begriffsbildung
verhält. Wenn wir im gewöhnlichen Leben einen Körper
„schwer“, einen anderen leichter nennen, so liegt darin ein
unanalysierter Komplex mehr oder minder bestimmter Er¬
wartungen in bezug auf das Verhalten dieses Körpers, Er¬
wartungen, die sich nun in der wissenschaftlichen Mechanik
in eine Reihe bestimmter Erwartungsgesetze verwandeln.
Ein Körper ist schwer, das heißt im gewöhnlichen Leben:
er kann gewisse Wirkungen üben, z. B. im Fall zur Erde
oder geworfen, oder im Druck auf eine Unterlage, diese
„Wirkungen“, die auftreten „können“, werden zu exakt
bestimmbaren Zusammenhängen, wenn wir anstatt von
jener Eigenschaft der Schwere von der Energie sprechen,
die der Körper in einer bestimmten Lage zur Erde oder in
einer bestimmten Bewegung repräsentiert. Genau so sind
etwa die Assoziations- und Reproduktionsgesetze der Assozia¬
tionspsychologie der erste Versuch, an die Stelle der un¬
bestimmten Erwartungen, die in Behauptungen, wie der:
ich sei mehr oder minder aufmerksam „auf etwas gerichtet“,
ich habe es „in mein Gedächtnis usw\ aufgenommen“ liegen,
bestimmte Gesetze treten zu lassen. Der Fehler der „Ver¬
mögenspsychologie“ lag darin, daß sie diese Begriffe — der
Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, des Verstandes usw. —
als etw T as Fertiges, Eindeutiges hinnahm, anstatt sie als
Probleme anzusehen, daß sie eben dies übersah, daß in ihnen
Gesetze verborgen liegen, die als solche fixiert und formu¬
liert werden müssen, und daß man, um das zu tun, auf das
Gegebene selbst und seine gesetzmäßigen Beziehungen
zurückgehen müsse 1 .
1 Übrigens findet die Vermögenspsychologie ihr Gegenstück in
der zeitgenössischen Chemie. Die „Eigenschaft" eines Körpers,
„verbrennbar" zu sein, ist ein noch ebenso unanalysierter Begriff,
d. h. ein Begriff, der noch ebenso ungeschiedene und nicht scharf
formujierbare Erwartungen enthält, wie der des „psychischen
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
359
Die zuletzt ausgesprochene Behauptung, daß die wissen¬
schaftliche Psychologie unserer Zeit, speziell auch die Assozia¬
tionspsychologie, die psychologische Begriffsbildung des täg¬
lichen Lebens in derselben Weise und Richtung fortsetze,
in der die naive Betrachtung der Körperwelt durch die
wissenschaftliche Physik fortgesetzt erscheine, bedarf nun
freilich noch einer genaueren Begründung. Sie steht einer
ziemlich weit verbreiteten Auffassung entgegen, die in der
Psychologie, wie sie sich als Wissenschaft in unserer Zeit
entwickelt hat, vielmehr das Produkt einer wesentlich
äußerlichen Übertragung naturwissenschaftlicher Methoden,
Probleme und Betrachtungsweisen auf das psychische Leben
erblickt und mehr oder minder bestimmt die Forderung
einer anderen „Psychologie“ erhebt, die anstatt oder neben
der heutigen psychologischen Wissenschaft entstehen und
die nun erst wirklich das bieten soll, was wir schon im
gewöhnlichen Leben als psychologisches Verständnis
eigentlich von der Psychologie erwarten. Ich muß mich
mit dieser Auffassung um so mehr auseinandersetzen, als
sie den ganzen Grundgedanken meiner Erkenntnislehre in
Frage zu stellen geeignet ist: den Gedanken, daß „Er¬
kennen“, „Erklären“, „Verständlichmachen“ überall — im
vorwissenschaftlichen Denken wie in der Wissenschaft, in
der Naturwissenschaft, wie in der Psychologie — das¬
selbe bedeutet und auf dasselbe Ziel geht: ein
Gegebenes unter allgemeine Erwartungsgesetze zu fassen,
die, soweit es sich nicht um apriorische Gesetze der früher
besprochenen Art handelt, notwendig empirische Gesetze
sein müssen.
Obgleich diese gegnerische Auffassung auch in der Gegen¬
wart meiner Meinung nach ziemlich weit verbreitet ist \
Erfaßt-“ oder des im Gedächtnis „Aufbewahrtseins“, und wenn die
Chemie den Phiogistonstoff einführte, so versperrte sie sich damit
ebenso den Weg zu dieser notwendigen Analyse, wie die Psychologie
durch ihre „Vermögen“.
1 Ich glaube sie auch in Husserls Ausführungen zur Psychologie
im „Logos“, I. Bd., 1910 („Philosophie als strenge Wissenschaft“,
spez. S. 302 ff.) an verschiedenen Stellen durchschimmern zu sehen,
so, wenn er von dem „prinzipiellen Versehen“ der Psychologie
spricht, „Erfahrungswissenschaft vom Psychischen in prinzipiell
gleichem Sinne zu sein, wie die physische Naturwissenschaft Er¬
fahrungswissenschaft ist vom Physischen“ (S. 306), pur daß die
360 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschalten.
finde ich sie noch immer am prinzipiellsten und schärfsten
in Diltheys bekannter Akademieabhandlung „Ideen
über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie“ aus¬
gesprochen (Abh. d. Berliner Akad. d. Wiss., 1894). Ich
beziehe mich deshalb auf sie, indem ich allerdings den darin
vertretenen Behauptungen noch eine etwas prinzipiellere
Zuspitzung gebe, als sie wohl in Diltheys Sinn gelegen hat.
Ausdrücklich sei schon im voraus bemerkt, daß ich damit
ganz und gar nicht der Diltheyschen Polemik jede Be¬
rechtigung abstreite — im Gegenteil, es ist ja von vornherein
zu vermuten, daß jenes Mißtrauen gegen die übliche Psycho¬
logie ihren bestimmten Grund hat l .
Wir können die Diltheysche Position ihrem Prinzip nach
in zwei Thesen zusammenfassen. Erstens: Die Gesetze der
Psychologie, insbesondere etwa die Assoziationsgesetze, sind
keine Gesetze, die mit den Gesetzen der Naturwissenschaft
auf gleiche Stufe gestellt werden dürften; sie sind (ich
formuliere hier frei, nicht im Anschluß an Diltheys Aus¬
phänomenologische Wesensanalyse „d e s" Psychischen, die Husserl
positiv zunächst fordert, noch nicht eigentlich wissenschaftliche
Psychologie sein, sondern nur ihre phänomenologisch-erkcnntnis-
theoretische Grundlegung abgeben kann. Was ich zur Kritik einer
solchen phänomenologischen Wesensanalyse, die, wie Husserl selbst
mit allem Nachdruck betont, das Gegebensein ideeller
Gegenstände voraussetzt, zu sagen hätte, brauche ich hier
nicht zu wiederholen, da mein ganzes Buch im Grunde dieser Kritik
gewidmet ist. Im übrigen enthält natürlich die Kritik, die Husserl
an der experimentellen Psychologie übt, viel Richtiges. Vor allem
muß jede Psychologie, die diesen Namen verdienen soll, auf Selbst¬
beobachtung, d. h. auf direktem Erfassen der zu erforschenden
Tatsachen beruhen, und diese Beobachtung wird nicht dadurch
„unexakt", daß sie am Schreibtisch, anstatt im Laboratorium
geübt wird, und nicht dadurch „exakt", daß man dem Beobachter
einen Lippcnschlüssel in den Mund steckt, obgleich andererseits die
Beschäftigung als Versuchsperson an bestimmten Apparaten (Tachi-
stoskop) meiner Meinung nach unzweifelhaft die Befähigung zur
Selbstbeobachtung schult. Aber das sind keine prinzipiellen Fragen,
die die Methode der Psychologie als Wissenschaft angehen.
1 Eis ist das der Fehler der Ebbinghausschen Antwort auf
Diltheys Abhandlung, die, soviel Richtiges sie im einzelnen ent¬
hält, doch der tieferen prinzipiellen Bedeutung der Diltheyschen
Polemik nicht gerecht wird (Ebbinghaus, über erklärende und be¬
schreibende Psychologie, Ztschr. f. Psych., Bd. 9 (1896) S. 161 ff.).
1. Die erkenntnistheoretischc Struktur der Psychologie.
361
druckswcise) allgemeine Regeln über die Abfolge von Vor¬
stellungen, die zu strengen, eigentlichen Gesetzen nur auf
dem Umweg über weitgehende Hypothesen werden (ins¬
besondere die hypothetische Einführung unbewußter Vor¬
stellungen, die wie Atome eine dauernde Existenz führen,
wie solche dauernde Wirkungen üben; oder mindestens die
Hypothese physiologischer Korrelate dieser Vorstellungen),
und zwar von Hypothesen, deren Verifizierung noch in ganz
anderem Sinne unmöglich ist, als die der entsprechenden
naturwissenschaftlichen Hypothesen. Dazu zweitens: die
naturwissenschaftliche „Erklärung“ der physischen Tat¬
sachen besteht ihrem Wesen nach in der Einordnung dieser
Tatsachen in einen Zusammenhang, den die Naturwissen¬
schaft konstruiert, indem sie die isoliert gegebenen Tat¬
sachen in einen Kausalnexus bringt, als im Verhältnis not¬
wendiger zeitlicher Abfolge stehend darstellt. Eine solche
„Erklärung“ ist bei den psychischen Tatsachen dagegen
deshalb nicht angebracht, oder wenigstens nicht die zunächst
als natürlich sich aufdrängende Betrachtungsweise, weil die
psychischen Tatsachen von vornherein nicht isoliert, als eine
bloße Summe zeitlich sich folgender Inhalte, sondern in
bestimmten Zusammenhängen gegeben sind; weil der Zu¬
sammenhang, die Einheit der psychischen Gebilde mit
gegeben ist, daher nicht konstruiert zu werden braucht.
Einen seelischen Vorgang psychologisch „verstehen“ heißt,
diesen erlebbaren Zusammenhang, in dem er
im Seelenleben steht, herausanalysieren, beschreiben, nach-
erlebbar machen und ihn in „einem typischen Menschen dar¬
stellen“. Diese „beschreibende und zergliedernde Psycho¬
logie“ muß an die Stelle oder zum mindesten neben und
vor die nach naturwissenschaftlicher Methode „erklärende“
Psychologie treten.
Ich wende mich zunächst zu dem ersten Punkt, mit
spezieller Rücksicht auf die Assoziationsgesetze. Haben
wir ein Recht, die Assoziationsgesetze als wirkliche Gesetze
im Sinne der Naturwissenschaft in Anspruch zu nehmen?
Jede Vorstellung „hat die Tendenz“, „eine ihr ähnliche“
oder „eine solche, die“ mit ihr früher im Bewußtsein zu¬
sammengetroffen war, zu reproduzieren. Vergegenwärtigen
wir uns eine solche Formel, die ja eine ziemlich übliche
Formulierung der Assoziationsgesetze darstellt, so scheint sie
allerdings nichts weniger als die Anforderungen zu erfüllen.
362 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
die man an ein „Gesetz“ stellt. Eine „Tendenz“, eine bloße
Neigung, ist nicht der notwendige Zusammenhang, den wir
im Gesetz denken, und wenn nur gesagt wird, daß jeweils
irgendeine erfahrungsgemäß mit der reproduzierenden
verknüpfte oder ihr ähnliche Vorstellung ins Bewußtsein
tritt, so vermissen wir völlig den eindeutigen Zusammenhang,
der doch zum „Gesetz“ wesentlich gehört. Ein Gesetz wäre
es, wenn wir sagen dürften, daß jede Vorstellung mit Not¬
wendigkeit alle früher dagewesenen reproduziert, die mit
ihr durch Kontiguität und Ähnlichkeit verbunden sind,
aber ein solches Gesetz wäre doch, so scheint es, evident
falsch.
Eine flüchtige Überlegung zeigt indessen schon, daß die
Sache in Wirklichkeit doch anders liegt. Kein einziger
Körper, den wir beobachten können, fällt bekanntlich genau
dem Fallgesetz entsprechend — also ist das Fallgesetz
„evident falsch“. In Wahrheit beansprucht aber das Fall¬
gesetz gar nicht, auszudrücken, wie alle Körper in Wirklich¬
keit fallen, sondern es formuliert e i n Gesetz, aus dem sich
neben anderen oder in Verbindung mit bestimmten anderen
der tatsächliche Fall eines jeden wirklichen Körpers muß
ableiten oder Vorhersagen lassen. Oder es sagt aus, wie
ein Körper sich zur Erde verhalten würde, wenn nur er
und die Erde und nicht noch weitere dies Verhalten modi¬
fizierende „Bedingungen“ vorhanden wären, oder endlich,
es fixiert in einem allgemeinen Gesetz eine in jedem fallenden
Körper liegende „Tendenz“. Neben dieser Tendenz stehen
andere, z. B. die Tendenz jedes Körpers seiner augenblick¬
lichen Bewegungsrichtung zu folgen, sich auf andere Massen¬
zentren zuzubewegen, seine Bewegung durch Reibung an
dem umgebenden Medium zu verlangsamen usw., d. h. es
stehen neben jenem ersten andere Gesetze, die das Verhalten
des Körpers mitbestimmen. Ganz ebenso nun dürfen wir
jeder Vorstellung die „Tendenz“ beilegen, jede beliebige, ihr
ähnliche oder durch Erfahrung verbundene frühere Vor¬
stellung zu reproduzieren (eine „Tendenz“, die zugleich um
so stärker sein muß, je enger die erfahrungsgemäße Ver¬
knüpfung oder je größer die Ähnlichkeit ist); jede dieser
Tendenzen ist einer der Faktoren, die nach einem allge¬
meinen Gesetz die Richtung der Reproduktion bestimmen,
oder sie vertritt eines der Gesetze, durch deren Zusammen¬
gelten sich das tatsächliche Resultat in jedem einzelnen
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
363
Falle erklären lassen muß. Die sogenannten Assoziations¬
gesetze sind danach zunächst, wie man sieht, allgemeine
Zusammenfassungen von vielen Einzelheiten, die sich syste¬
matisch zusammenfassen lassen, genau so, wie wir einem
Kometen anstatt der „Tendenz“, nach der Sonne und der
Tendenz, nach dem Jupiter zu zu fallen, kurz, die „Tendenz“
zuschreiben können, sich dem Gravitationsgesetz entsprechend
zu verhalten. Dazu aber kommen noch weitere Tendenzen.
So wenig, wie Erde und fallende Körper allein da sind und
den Fall bestimmen, so wenig ist die zunächst als reprodu¬
zierend angesehene Vorstellung allein da, neben ihr und zeit¬
lich vor ihr vor allem stehen andere, sie ist im Bewußtsein
da und wirkt daher auch als Teil eines sukzessiven Ganzen.
Dazu kommen Tendenzen oder Gesetze, von denen ich
dahingestellt lasse, wie weit sie schon absolut sichergeslellt
sind, Gesetze, die in dem G. E. Müllerschen Begriff der
„Perseverationstendenz“, in Lipps’ „Formen der psychischen
Energie“, von denen ich früher sprach, verborgen liegen.
Jede wirklich vollzogene Reproduktion muß sich — das
meinen wir, wenn wir diese Gesetze wirklich als die Ge¬
setze der Reproduktion bezeichnen — durch das
Zusammengelten dieser Gesetze so erklären lassen, wie der
wirkliche Fall eines Körpers aus den vorhin als Beispiel
angezogenen „Tendenzen“.
Bestätigt nun aber nicht gerade diese Ausführung Diltheys
Einwand? Geht nicht aus ihr hervor, daß man, um aus
den Assoziationsgesetzen wirkliche Gesetze zu machen, Hypo¬
thesen über Hypothesen einführen muß, die unverifizierbar
sind, nämlich unbewußt bleibende Reproduktionstendenzen,
die als solche nicht in der Erfahrung nachweisbar sind?
Wird nicht gerade hier der Gegensatz zu dem entsprechenden
naturwissenschaftlichen Gedankengang besonders deutlich:
in jedem einzelnen Fall irgendeines Körpers zur Erde sind
stets die verschiedenen „Tendenzen“, die verschiedenen „Be¬
dingungen“ in ihrer Wirkung nachweisbar, sie sind durch
die Rechnung und eventuell auch durch das Experiment
isolierbar. In der beobachteten Bahn des Kometen läßt sich
die Komponente, die auf Rechnung der Ablenkung durch
den Jupiter etwa zu setzen ist, ebensogut direkt nachweisen,
wie die Wirkung der Anziehungskraft der Sonne. Dagegen
scheint in der Psychologie dergleichen nicht möglich zu sein:
auf eine Vorstellung folgt, assoziativ hervorgerufen, eine
364 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
andere, ähnliche oder durch Erfahrungsassoziation an sie
geknüpfte; eine „Tendenz“ also hat Erfolg, alle anderen
nicht — woher will man von ihrem Vorhandensein wissen,
wie will man sie in dem endgültigen Resultat nachweisen?
Ist die Behauptung ihres Vorhandenseins nicht dann eine
wirklich bloß der Theorie, der bloßen Möglichkeit strenger
Gesetze zuliebe ad hoc gemachte Annahme?
Gerade diesen Einwänden indessen wird durch die neuere
Entwicklung der Psychologie der Reproduktion und Assozia¬
tion, wie sie sich insbesondere durch G. E. Müller und seine
Schüler gestaltet hat, der Boden entzogen. Es ist nicht
mehr richtig, daß wir jene gleichzeitig bestehenden un¬
bewußten Reproduktionstendenzen nicht empirisch nach¬
zuweisen imstande wären. Wir haben in der Zahl .der
„Hilfen“, die wir geben müssen, um eine Erinnerung ins
Bewußtsein zu heben, in der kürzeren oder längeren Repro¬
duktionszeit, in dem Gefühl einer aufsteigenden und zu
überwindenden „generativen Hemmung“ Tatbestände ge¬
wonnen, durch die wir das „stärkere oder weniger
starke Gerichtetsein auf“ einen Vorstellungs-
inhalt zunächst im Sinne der naturwissenschaftlichen Defini¬
tion exakt zu „definieren“ und experimentell zu messen und
damit auch in der einzelnen tatsächlich vollzogenen Repro¬
duktion nachzuweisen imstande sind. Daß dieser Nachweis
der gleichzeitig vorhandenen Reproduktionstendenzen sich
nie so exakt vollziehen lassen wird, wie der der verschiedenen
Momente in einer Bewegung etwa, ist natürlich richtig, aber
die Kluft ist nicht entfernt so groß, wie sie Dilthey erschien
und vor allem: wie uns die Psychologie der Erinnerung und
Assoziation handgreiflich zeigt, schlägt hier die wissen¬
schaftliche Psychologie von selbst einen Weg ein, der
ganz analog dem Weg der Naturwissenschaft ist und der
zu fruchtbaren Resultaten führt. „Unbewußtes“ wird dabei
freilich benutzt und eingeführt, aber nur in demselben Sinne,
in dem es auch der Psychologie des Alltagslebens geläufig
ist, als ein gleichzeitiges Gerichtetsein auf Dinge, die doch
nicht als bewußte Vorstellungsinhalte da sind, sich aber in
der Gesamtrichtung, die der Ablauf des psychischen Ge¬
schehens nimmt, verraten. Der Ausdruck „unbewußte Vor¬
stellung“ legt eine ganz unnötige Verbildlichung dieser Ge¬
danken nahe, die noch dazu innerlich widerspruchsvoll ist,
wenigstens dann, wenn man bei dem Wort „Vorstellung“ an
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
365
gegebene Inhalte denkt. Diese Verbildlichung mag in der
Tat, das zeigt uns das Beispiel Herbarts, auf eine unglück¬
liche Nachahmung naturwissenschaftlicher Theorien zurück¬
gehen, auf die Neigung, aus den Vorstellungen eine Art von
Atomen zu machen. Aber jene unbewußten Tendenzen sind
nicht mit den Atomen, sondern etwa mit den Komponenten
zu vergleichen, in die die Naturwissenschaft eine komplizierte
Bewegung zerlegt.
Noch ein Mangel der üblichen Assoziationsmechanik sei
hier gleich hervorgehoben, der mit dem letzterwähnten
ziemlich eng zusammenhängt und der zugleich zu der zweiten
Diltheyschen These hinüberführt. Das Material von Ge¬
gebenheiten, das die Psychologie zu verarbeiten hat, besteht
nicht nur aus gegen einander isolierten Vorstellungsinhalten,
sondern z. B. auch aus Relationserlebnissen. Ja die auf¬
tauchenden Vorstellungsinhalte werden fast nie ohne solche
Relationen erlebt, die sie zugleich zu Teilen eines Ganzen
machen. Auch wenn wir eine auswendig gelernte Reihe
sinnloser Silben abschnurren lassen, fehlt für unser Bewußt¬
sein selten eine Beziehung zwischen den einzelnen Laut¬
bildern, sei es auch nur die Beziehung des „und“, die die
Silben eben doch als Glieder einer Reihe von uns erlebt sein
läßt. Diese Relationen sind nicht nur da, sondern sie wirken
auch offenbar mit reproduzierend, sie geben uns eine „Ein¬
stellung auf“ bestimmte Inhalte und weiterhin wieder auf
bestimmte Relationen. Das sind Punkte, die die Assozia¬
tionspsychologie namentlich früher nicht genügend berück¬
sichtigt hat. Sie neigte dazu, den Vorstellungsablauf in
seinem Zusammenhang so zu betrachten, als ob er eine
solche bloße Summe wäre, wie die Reihe sinnloser Silben
eine bloße Summe ist. Diese an sich keineswegs
notwendige Einseitigkeit ist sicherlich auch einer der
Punkte, bei denen das Beispiel der Naturwissenschaft, der
Vergleich mit dem räumlichen Nebeneinander der physi¬
schen Dinge, unglücklich gewirkt hat. Eben dies hat auch
offenbar Dilthey im Auge, wenn er meint, daß die Gesetze
der Assoziationspsychologie, ihre ganze Art zu erklären,
der Eigenart der psychischen Gegebenheiten nicht entspreche,
die uns nicht isolierte Gegenstände, sondern immer nur
Ganze zeigen.
Ist es nun aber deshalb richtig, daß, um das seelische
Leben zu begreifen, zu verstehen, keine Zusammenhänge
366 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
nach Art der Gesetzeszusammenhänge der Naturwissen¬
schaft zu konstruieren, sondern nur erlebte Zusammenhänge
herauszuanalysieren und zu beschreiben seien? Ist das
bloße Aufzeigen und Nacherleben eines solchen Zusammen¬
hangs bereits ein psychologisches Begreifen? Daß Dilthey
im Grunde dieser Meinung selbst nicht ist, zeigt ein weiterer
Ausdruck, den er hinzufügt: er spricht von dem Heraus¬
analysieren „typischer“ Zusammenhänge solcher Art. „T y -
p i s c h“ kann aber hier nichts anderes heißen als all¬
gemein gesetzmäßig. Erst wenn wir jenen Zu¬
sammenhang nicht als einen bloß jetzt und hier erlebten,
sondern als einen allgemein gesetzmäßigen Zusammenhang,
den wir als solchen wieder zu erwarten berechtigt sind, er¬
kannt haben, haben wir eine psychologische Einsicht und
Erkenntnis gewonnen. Ein Beispiel: Ich sehe, daß jemand
(ich kann auch selbst dieser Jemand sein) beim Anblick
eines kleinen Hundes in Furcht und Schrecken gerät. Ich
konstatiere damit einen bestimmten unmittelbar erlebten
Zusammenhang im Bewußtsein des Betreffenden, der An¬
blick des Hundes ist es, an den sich das Gefühl der Furcht
knüpft. Aber als Psychologe bleibe ich doch bei diesem
Zusammenhang nicht stehen, sondern er gibt mir erst das
Problem, diesen erlebten Zusammenhang als Spezialfall
eines anderen, nämlich eines allgemeingültigen oder eines
„typischen“ Zusammenhangs, der als solcher nicht mehr
erlebt sein kann, zu begreifen. Vielleicht finden wir zunächst
durch Betrachtung des sonstigen seelischen Lebens des be¬
treffenden Menschen, daß es sich hier um einen für ihn
typischen, allgemein gesetzmäßigen Zusammenhang handelt,
dann haben wir die erste Stufe eines solchen Begreifens
erreicht. Da aber dieser Zusammenhang bei anderen sich
nicht findet, werden wir dabei nicht stehen bleiben. Viel¬
leicht finden wir dann weiter in der Kindheit des betreffenden
Menschen einen vergessenen Vorfall, bei dem ein Hund eine
das Kind erschreckende Rolle gespielt hat. Nehmen wir dann
weiter das allgemeine psychologische Gesetz als erwiesen an,
daß ein Gegenstand für unser Bewußtsein seine Gefühls¬
betonung behalten kann, auch wenn der spezielle Anlaß
vergessen wurde, der diese Gefühlsbetonung eigentlich be¬
dingte, dann haben wir jenen erlebten Zusammenhang,
der zunächst eine bloße Tatsache war, psychologisch ver¬
ständlich gemacht, und dies Verständnis ist offenbar auf*
1. Die erkenntnfstheoretische Struktur der Psychologie.
367
demselben Wege erreicht worden, den wir überall zu diesem
Zwecke einzuschlagen pflegen, durch Zurückführung auf
allgemeine Gesetze, auf einen allgemeinen Zusammen¬
hang, der als solcher mit jenem erlebten Zusammenhang
natürlich nicht identisch ist.
Vielleicht wendet man noch hiergegen ein, daß ein
„typischer“ psychologischer Zusammenhang doch noch etwas
anderes sei, als ein empirisch-gesetzmäßiger Zusammenhang
im Sinne der Naturwissenschaft, daß, wenn wir einen Zu¬
sammenhang als „typisch“ bezeichnen, nicht die empirische
Konstatierung eines gleichförmigen und ausnahmslosen Vor¬
kommens in anderen Fällen, sondern eine eigentümliche, un¬
mittelbar erlebte „Einsichtigkeit“ uns dazu den Anlaß gebe.
Das wäre eine Anschauung, die den alten Fehler beginge,
die Festigkeit einer durch viele Erfahrungen bestätigten,
instinktiv sich aufdrängenden Überzeugung mit wirklicher
„Evidenz“ zu verwechseln — ein Fehler, den die Logik heute
vielleicht wieder einmal eher zu begehen geneigt ist, aus
Furcht, in den umgekehrten Fehler eines John Stuart Mill
zu verfallen. Ein Satz wie der, daß die deutliche Vorstellung
einer drohenden Gefahr typischerweise eine bestimmte Art
hemmender, zaudernder Unlust in uns aufsteigen läßt, daß
alle Ungewißheit etwas eigentümlich Quälendes mit sich
führt, sind einfach empirische Sätze, genau wie der, daß ein
Körper, der einen Druck auf meine Hand übt, auch los¬
gelassen zur Erde fallen wird. Der Schein, als ob hier eine
besondere Evidenz vorläge, wird meiner Meinung nach
durch zwei Dinge hervorgerufen. Erstens handelt es sich
hier um so häufig konstatierte Zusammenhänge, daß wir
eine besondere empirische Untersuchung nicht mehr an¬
zustellen brauchen l , und zweitens können wir psychologisch
1 Ausführlich und in sehr treffender Weise schildert v. E h r e n -
f e 1 s in der kleinen, schon vor langer Zeit erschienenen Schrift
„Uber Fühlen und Wollen“ (Wien 1887) die Art, wie sich uns der¬
artige Sätze als wahr zu erkennen geben. Ich kann nichts besseres
tun, als seine Schilderung hierhersetzen: „. . . Wie weiß doch der
praktische Mann, welchem die Lehrsätze der Physik unbekannt
geblieben sind, daß ein in die Höhe geworfener Stein wieder zur
Erde fällt und auf diese um so stärker aufschlägt. Je höher er ge¬
flogen, — daß ein Balken fester liegt als steht, — daß von zwei
gleichstarken und breiten Bäumen der höhere leichter vom Winde
umgerissen werden wird, — daß man einen Stab leichter in der
368 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
allgemeine Sätze dieser Art bis zu einem gewissen Grade in
jedem Augenblick empirisch verifizieren. Wir können uns
etwa in die Vorstellung einer drohenden Gefahr so hinein¬
versetzen, daß diese Vorstellung in ihrer Wirkung der Er¬
wartung einer tatsächlichen Gefahr gleichkommt. Es be¬
ruht das auf einer eigentümlichen, übrigens selbst nicht
ausnahmslos geltenden Gesetzmäßigkeit des Psychischen,
nämlich darauf, daß ein vorgestellter Gegenstand, w r enn
auch in schwächerer Form, dieselben Gefühlswirkungen zu
äußern pflegt, wie derselbe Gegenstand in wirklicher
Lebendigkeit.
Den „T y p u s“ im Menschen, sei es den Typus eines
Individuums oder eines Menschen bestimmter Art (eines
Deutschen z. B. oder eines Gelehrten), herausanalysieren,
kann meiner Meinung nach nichts anderes bedeuten, als
die speziellen Gesetze herausarbeiten, die das Seelenleben
eines solchen Menschen beherrschen. Ich kann diesen Typus
dann in begrifflicher Form aufstellen, indem ich eben die
Mitte als am Ende abbricht — und was dergleichen mehr von jedem
Unbefangenen ohne viel Besinnen zugestanden werden wird? Wie
verfährt man doch bei der Anerkennung solcher Wahrheiten ?
Sucht man sich an alle oder an möglichst viele Fälle zu erinnern,
in denen man etwa dem Flug eines Steines zugesehen, einen Gegen¬
stand aufgestellt, einen Stab zerbrochen hat? — Vielleicht wird
der Theoretiker, um einer vorgefaßten Meinung zu genügen, zum
eigenen Betrug ein solches Scheinverfahren einschlagen; der Un¬
befangene gewiß nicht. Dieser sucht sich vielmehr den betreffenden
Vorgang möglichst lebhaft zu vergegenwärtigen; hieran fügt nun
die Phantasie mit großer Bestimmtheit die Vorstellungen gewisser
Konsequenzen, denen dann meist mit hohem Zutrauen zugestimmt
wird. . .. Dieser Instinkt der Phantasie ist es nun auch, an welchen
weit mehr als an das Gedächtnis für psychische Erlebnisse, oder
an die einzelnen Beobachtungen derselben die Psychologie in den
meisten Fällen zu appellieren sich gezwungen sieht. Auf welche
Weise hierbei vorgegangen wird, zeigt deutlich die psychologische
Praxis. Wenn wir unser eigenes oder das künftige Benehmen eines
Bekannten vorauszubestimmen trachten, oder etwa die Charaktere
eines Theaterstückes als psychologisch richtig oder falsch bezeichnen,
oder die Hintergedanken eines betrügerischen Menschen zu durch¬
schauen trachten, so nehmen wir hierbei nur in den seltensten Fällen
Bezug auf die einzelnen Daten unserer Beobachtung, und Leute,
welche hierzu inklinieren, gehen oft fehl, weil sie aus einer un¬
genügenden Anzahl von Einzelfällen allgemeine Regeln abstrahieren.
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
369
bestimmten Gesetze formuliere und sie — soweit es geht —
nach Möglichkeit untereinander wieder in Verbindung bringe,
d. h. systematisch aufeinander zurückführe; und ich kann,
anstatt dieses Begriffes, das „typische Bild“ des be¬
treffenden Menschen, das typische Bild eines Europäers oder
eines Gelehrten entwerfen. In dem letzten Falle leihe ich
dem Menschen, den ich schildere, individuelle Züge, ich
schildere eigentlich ein Individuum genau so, wie ich, wenn
ich das typische Bild eines Negerantlitzes etwa zeichne oder
male, tatsächlich zunächst ein Individuum zeichne oder male,
aber ich unterstreiche in diesem Individuum die allgemeinen
Gesetzmäßigkeiten, denen sein Seelenleben gehorcht, ich
ordne das Individuelle diesem Allgemeinen unter. Eine
psychologische Typenlehre im Ganzen ist nun freilich erst
dann vollendet, wenn wir die so entstehenden einzelnen
Typen als spezielle Abwandlungen der menschlichen Psyche
überhaupt begriffen haben,d.h. wenn wirdie Gesetze des Seelen¬
lebens so dargestellt haben, daß sie den Spielraum erkennen
— sondern wir vertrauen vor allem dem Laufe unserer Assozia¬
tionen. Und nicht anders verfahren wir bei der Konstatierung
gewisser psychologischer Regeln, wie etwa, daß der Zweifel peinlich
sei, daß getäuschte Erwartung ein Unlustgefühl erwecke oder zum
Lachen anrege, daß beim längeren Andauern eines Reizes die Genu߬
fähigkeit abnehme u. dergl. m. Stets hat in solchen Fällen die
psychologische Phantasie das erste Wort. Zwar wird diese selbst
in ihrer Ausbildung wesentlich durch die große Zahl unserer Er¬
fahrungen bestimmt, welche dem Gedächtnisse zu gleicher Zeit
gegenwärtig sind und von denen viele überhaupt nicht mehr repro¬
duziert werden können. Aber diese Erfahrungen fungieren eben
darum auch nicht als Induktionsfälle, sondern nur mittelbar durch
ihre einstmalige Beeinflussung der Phantasie. Die einzelnen Er¬
innerungen dürfen darum keineswegs vernachlässigt werden. Sind
sie auch fast niemals in der genügenden Zahl und Bestimmtheit
vorhanden, um die Ableitung von Gesetzen zu ermöglichen, so
dienen sie doch als wichtige Korrektionsmittel und eventuelle
Gegeninstanzen bei Verirrungen der Phantasie, welche nicht selten
unterlaufen. . . . Die Methode der Psychologie besteht somit dort,
wo das Experiment nicht anzuwenden ist, in der möglichsten Präzi¬
sierung derjenigen allgemeinen Überblicke, welche Phantasie und
Instinkt für psychisches Geschehen dem hierüber Reflektierenden
eröffnen, und in der Kontrolle der so gewonnenen Resultate durch
Vergleich mit eigenen und nach Tunlichkeit auch mit fremden
Einzelerlebnissen . . (a. a. O. S. 5 ff.).
v. Aster, Philosophie.
24
370 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
lassen, der für individuelle Eigentümlichkeiten bleibt und die
Gesetze des Einzeltypus damit als spezielle Fälle der allgemein
psychologischen Gesetzmäßigkeit aufgefaßt werden können.
Stellen wir uns auf den Standpunkt, daß die Assozia¬
tionsgesetze echte Gesetze sind, daß das Streben der Psycho¬
logie mit Recht auf Gesetze dieser Art geht, so ist damit
noch nicht die Assoziationspsychologie als psychologische
Richtung gerechtfertigt. Das Eigentümliche der Assozia¬
tionspsychologie oder dessen, was man mit Recht so nennen
kann, besteht vielmehr in dem Versuch, die Assoziations¬
gesetze als die einzigen Grundgesetze des psychi¬
schen Lebens zu betrachten. Daß man versucht hat, das
zu tun, ist verständlich, verständlich aus dem Streben nach
Vereinfachung, nach systematischer Zurückführung der ver¬
schiedenen Gesetze aufeinander, von dem wir anläßlich der
Naturwissenschaft ausführlicher gesprochen haben. An sich
denkbar wäre eine solche Zurückführung. Sie würde dazu
führen, alle Veränderungen des Bewußtseinslebens zu er¬
klären durch ein Gerichtetsein des Ich auf einen neuen
Gegenstand, durch einen physiologisch oder assoziativ be¬
dingten Wechsel unseres Vorstellens, da ja eben die Assozia¬
tionsgesetze zunächst die psychologischen Gesetze des Vor¬
stellens sind. Sie müßte weiter bestimmte Gefühle an be¬
stimmte Gegenstände heften, so daß das jeweils auftretende
Gefühl restlos bedingt erschiene durch die bestehende Vor¬
stellungskomplexion (einschließlich natürlich der vorher er¬
wähnten unbewußten Reproduktionstendenzen, soweit solche
nachweisbar sind oder wenigstens als eventuell nachweisbar
angenommen werden können), genau so wie die Physik das
Tonphänomen (als physisches Phänomen, d. h. abgesehen
von den psychischen Bedingungen, die in dem Begriff der
Aufmerksamkeit zusammengefaßt werden) restlos bedingt
erscheinen läßt von den empirisch nachweisbaren Luft¬
schwingungen. Sie müßte endlich die scheinbare Wirkung
eines Willensentschlusses auf assoziative Vorstellungswirkun¬
gen zurückführen bzw r . durch solche ersetzen (beispielsweise
in der Form, wie Ebbinghaus das in seiner Psychologie 1 tut,
auch auf Lipps „Willenspsychologie“ im Zusammenhang mit
seinem „Gesetz der Stauung “ 2 kann ich hier verweisen).
1 Vgl. den Abschnitt „Vorstellungen und Bewegungen“.
2 Vgl. im „Leitfaden der Psychologie" den Abschnitt über den
Willen und speziell über „Zweck und Mittel".
1. Die erkenntnistheoretische Struktur der Psychologie.
371
Das Willensphänomen selbst aber müßte, ebenso wie die
Gefühle, als restlos bedingt durch den Vorstellungsablauf,
als Anzeichen für eine eigenartige Form, die dieser Ablauf
annimmt, angesehen werden.
Daß nun von der Assoziationspsychologie und den an
sie sich anschließenden Richtungen diese Wege tatsächlich
eingeschlagen worden sind, brauche ich nicht im einzelnen
zu beweisen, es weiß jeder, der die Geschichte der modernen
Psychologie auch nur oberflächlich kennt. Wie weit sie
empirisch gangbar sind, kann nur die Psychologie selbst in
ihrem Fortgang zeigen. Ihre empirische Möglichkeit zu
prüfen, ist man, scheint mir, gerade jetzt in der experi¬
mentellen Psychologie auf dem richtigen Wege; ich erinnere
nur bezüglich der Willensfrage an die Untersuchungen über
die Wirkung der „Aufgabe“, an die Frage, wie weit sich ihre
determinierende Tendenz als assoziative Vorstellungswirkung
auffassen läßt, wie weit sie über eine solche hinausgeht usf.
Nicht jede wirkliche Psychologie muß Assoziations¬
psychologie in diesem weitgehenden Sinne des Wortes sein.
Eine andere Frage ist es, ob neben dieser Auffassung des
psychischen Lebens, die alle Veränderungen desselben durch
die Assoziationsgesetze zu erklären sucht, eine andere, ebenso
prinzipielle psychologische Theorie aufgestellt werden kann,
die ein ebenso systematisch geschlossenes Bild des psychi¬
schen Lebens darstellte. Mir scheint ein solches Gegenstück
der Assoziationspsychologie in der Tat möglich zu sein.
Schon der Psychologie des täglichen Lebens liegt es nahe,
die verschiedenen einzelnen Willensakte, eventuell auch be¬
stimmte Gefühle oder Affekte als Erscheinungsformen be¬
stimmt gerichteter, beharrlicher „Triebe“ aufzufassen. Was
hier eigentlich zunächst festgestellt wird, ist eine bestimmte
Gesetzmäßigkeit unseres Wollens. Unser Streben richtet
sich auf wechselnde Zwecke, die bei genauerer Betrachtung
das Gemeinsame haben, daß sie tatsächlich, und zwar ohne
daß der Wollende sich dessen bewußt zu sein brauchte,
einem bestimmten Zweck untergeordnet sind, sagen wir
etwa dem Zweck der Selbsterhaltung oder dem Zweck der
Glücksgewinnung; was Gegenstand unseres Strebens ist,
hängt tatsächlich allgemein gesetzmäßig davon ab, was der
Selbsterhaltung des Individuums bzw. der Vermeidung von
Schmerz und Gewinnung von Lust dient bzw\ gefährlich
ist, ohne daß das Mittel als solches oder diese Gefahr als
24*
372 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
solche erkannt zu sein brauchte. Das Bestehen einer der¬
artigen, alle unsere Willensakte und eventuell Gefühle und
Affekte, von denen die Wollungen abhängig erscheinen, ge¬
meinsam beherrschenden Gesetzmäßigkeit (von der ich natür¬
lich hier ganz dahingestellt lasse, wie weit sie und ob sie
empirisch sich exakt nachweisen läßt) wäre es, daß wir in
der Behauptung, allen diesen Strebungen usw. liege ein
und derselbe, an sich unbewußte Selbsterhaltungstrieb oder
Glückstrieb realiter zugrunde, seinen statthaften Ausdruck
fände. Nun könnte es sein, daß sich diese Gesetzmäßigkeit
auch noch erweitern ließe, daß man auch das Denken oder
Vorstellen, das wechselnde Gerichtetsein der Aufmerksam¬
keit auf verschiedene Gegenstände unter ein derartiges Gesetz
befassen könnte, daß also so, wie der Affektzustand und das
Streben, auch das denkende Gerichtetsein auf einen Gegen¬
stand, der Ablauf unserer Vorstellungen, durch jenen Trieb
bedingt erschiene. Auch der sogenannte rein assoziative
Ablauf müßte sich dann irgendwie durch diesen Trieb be¬
dingt auffassen lassen. Angenommen, das wäre möglich,
dann ständen wir bei einer einheitlichen Gesamttheorie des
Seelenlebens, die man mit Recht als „v o 1 u n t a r i s t i s c h“
bezeichnen könnte und die mir in der Tat das zu sein scheint,
was den Anhängern einer voluntaristischen Psychologie mehr
oder minder bestimmt vorschwebt. Dieser Voluntarismus
stände dem „Intellektualismus“ der Assoziationspsychologie
gegenüber, die nicht den Trieb, sondern das Gerichtetsein
auf einen Gegenstand allen Bewußtseinsvorgängen zugrunde
legt, d. h. alle Gesetze, durch die sich die Veränderung
unseres Bewußtseinstatbestands erklären soll, auf Gesetze
zurückführt, die aussagen, in welcher Weise wir vorstellend
von einem Gegenstand zu einem anderen übergehen. Frei¬
lich hat der Voluntarismus nirgends in der wissenschaft¬
lichen Psychologie die Form einer so ausgebildeten Theorie
erreicht, wie die Assoziationspsychologie. (Am ersten scheint
mir noch die Freud sehe Lehre 1 einen Versuch nach
dieser Richtung zu bedeuten, insbesondere seine Traum¬
psychologie, in der sich seine Wege von denen der Assozia¬
tionspsychologie, die die Träume rein auf ein Spiel der
1 Womit ich ganz und gar nicht die Freudsche Lehre in ihrer
speziellen Ausführung als Muster einer wissenschaftlichen Theorie
hinstellen will!
2. Das Problem des Zusammenhangs von „Körper“ und „Seele“. 373
Assoziationen zurückführte, am deutlichsten scheiden. Es
ist freilich ein sonderbares Spiel des Schicksals, daß gerade
Freud ursprünglich von der theoretisch am schärfsten
durchgebildeten Form der Assoziationspsychologie, von der
Lippsschen Psychologie, eigentlich ausgegangen ist.)
Auf der anderen Seite neigt gerade die naive Psychologie,
die Psychologie des Alltagslebens, viel eher zu einer volun-
taristischen Auffassung. Wollen wir einen Menschen psycho¬
logisch verstehen, ohne daß wir gerade von den Methoden
der wissenschaftlichen Psychologie ausgehen, so sind wir
immer geneigt, zunächst nach gewissen Grundrichtungen
seines „Willens“ zu forschen, die wir als beharrliche Tendenzen
voraussetzen *.
Darauf scheint mir vor allem der Eindruck des Kon¬
struierten und Unnatürlichen zu beruhen, den die Assozia¬
tionspsychologie auf den Unbefangenen macht: es liegt hier
viel weniger, als es etwa in der mechanisch fundierten Physik
der Fall ist, die wissenschaftliche Theorie (die verständ¬
licherweise an das Studium derjenigen psychischen Phäno¬
mene anknüpfte, die sich am leichtesten mit bestimmten
Methoden untersuchen ließen, der Vorstellungen) in der
Richtung, in der das naive Bewußtsein zunächst eine letzte
zusammenfassende Theorie des Psychischen sucht. Schlie߬
lich hängt der Gegensatz von Intellektualismus und Volun¬
tarismus in der Psychologie wohl noch mit einem anderen
zusammen: mit dem Gegensatz mechanistischer und bio¬
logischer Gedankenrichtung in der Psychologie. Die Be¬
gründer der Assoziationspsychologie (Hartley und Priestley)
sind Physiologen, die eine ausgesprochen mechanistische
Auffassung der biologischen Lebensvorgänge vertreten. Es
ist nicht unmöglich, daß der Vitalismus in der Biologie uns
auch eine voluntaristische Psychologie als wirklich durch¬
gebildete Theorie beschert.
2. Das Problem des Zusammenhangs von „Körper“ und
„Seele“.
Die Welt des Physisch-Realen unterscheidet sich in
einem wesentlichen Punkte von der des Psychisch-Realen:
wir denken sie als ein Ganzes, als ein Universum von mit-
1 Aus seinen weiteren Ausführungen geht deutlich hervor, daß
auch Dilthey eine solche voluntaristische Psychologie als eigent¬
liches Ziel vorschwebt.
374 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Gcisteswisscnschaflen.
einander in durchgängigem Kommerzium stehenden Gegen¬
ständen, während das Psychische unserer Auffassung nach
in eine Summe, in ein Nebeneinander verschiedener Welten
zerfällt, denn jede Persönlichkeit bildet im Grunde eine
solche Welt für sich, die mit einer anderen Persönlichkeit
nur durch die physische Welt hindurch in Wechselwirkung
treten kann. Der eigentliche Grund für diesen Unterschied
liegt darin, daß das Material von Gegebenheiten, mit denen
die Naturwissenschaft arbeitet, sich aus allen Wahr-
nehmungsinhalten zusammensetzt, gleichgültig, wie
dieselben gegeben sind, gleichgültig insbesondere auch, ob
sic unmittelbar oder mittelbar gegeben sind. Oder anders
gesprochen: auch Erinnerungs-, Erwartungs- und Ein¬
fühlungsbilder liefern Material für die naturwissenschaftliche
Verarbeitung, aber nur rücksichtlich der in ihnen gemeinten
Wahrnchmungsgegenstände. Das Erinnerte, der damals ge¬
wesene sinnliche Wahrnehmungstatbestand, an den ich mich
erinnere, ist Gegenstand naturwissenschaftlicher, daß ich
mich jetzt seiner erinnere, d. h. das Auftreten des Erinnerungs¬
bildes als solchen in diesem Moment, Gegenstand psycho¬
logischer Untersuchung. Eben damit kommt für die Natur¬
wissenschaft von vornherein ein Umstand nicht in Betracht:
der Umstand, daß für das unmittelbare Erleben die Gesamt¬
heit der gegebenen Tatbestände in eine Anzahl von getrennten
Reihen zerfällt, in deren jeder das, was in der anderen sich
abspielt, nur in der Form von Einfühlungsbildern sich wieder¬
zuspiegeln vermag. Der Begriff der psychischen Welt als
aus einer Summe gegen einander selbständiger Persönlich¬
keiten bestehend, entsteht aus der Tatsache dieses
Zerfallens der gegebenen Tatbestände in jene Reihen, aus
der empirischen Erkenntnis, daß die einzelnen
Glieder der einen Reihe mit denen einer anderen Reihe nur
durch die physische Welt hindurch bedingend und bedingt
in Verbindung stehen (alles einfühlende Urteil über das,
was im fremden Bewußtsein vorgeht, geht zurück auf Ge¬
sehenes und Gehörtes) und endlich aus der Erkennt¬
nis, daß auf der anderen Seite alle Inhalte desselben Be¬
wußtseinsablaufs in einem durchgängigen gesetzmäßigen
Zusammenhang stehen. Diese letzte Erkenntnis ruht nur
zum Teil auf empirischem Grunde, denn von vergangenen
Gliedern „desselben“ Bewußtseinsablaufs können wir nur
wissen, indem sie uns in gegenwärtigen Erinnerungsbildern
2. Das Problem des Zusammenhangs von „Körper" und „Seele“. 375
mittelbar gegeben sind, womit wir sie zugleich als diesen
Erinnerungsbildern notwendig voraufgehende Bedingungen
aufzufassen gezwungen sind.
Der Unterschied zwischen physischer und psychischer
Welt bekommt noch eine weitere Verschärfung dadurch, daß
die Eigenart der physischen Inhalte einerseits (alle physisch¬
realen Gegenstände haben räumlich ausgedehnte — sichtbare
und tastbare — Erscheinungen), die Eigenart ihres gesetz¬
mäßigen Zusammenhangs andererseits (wir können von jedem
physischen Gegenstand zu jedem anderen durch bloße
kontinuierliche Verschiebung des Gesichtsfeldes gelangen)
uns dazu führt, alle physischen Dinge als Gegenstände i m
einen unendlichen Raum zu fassen. Wie dieser
Gedanke zustande kommt, was in ihm an empirischen und
nichtempirischen Voraussetzungen steckt, ist früher er¬
örtert worden. Der Erfolg dieses Gedankens aber ist, daß
jeder real-physische Gegenstand in gewisser Hinsicht als
Teil eines umfassenderen solchen Gegenstandes und anderer¬
seits wiederum als Teile gleicher Art in sich befassend an¬
gesehen werden kann, wie das ja von jedem bestimmt um¬
grenzten Raumleil selbst gilt. Eben dadurch werden alle
physischen Gegenstände von vornherein zu nur relativ ein¬
heitlichen Gegenständen gestempelt, im Gegensatz zu der
absoluten Einheit des Ich. —
Die genauere Betrachtung zeigt nun aber zugleich, daß
diese scheinbar so scharf sich gegenüberstehenden Welten
doch nicht beziehungslos sind. Sie stehen in Beziehung,
insofern jedem „Ich“ und damit jedem phänomenologisch
geschlossenen Bewußtseinsablauf ein Stück der Körperwelt
in bestimmter Weise zugeordnet ist, für die vorwissen¬
schaftliche Erfahrung das Stück der physischen Welt, das
„ich“ „meinen“ Leib, für die genauere wissenschaftliche
Betrachtung dasjenige, das „ich“ „mein“ Gehirn nenne.
Erstens nämlich steht jeder Wahrnehmungsinhalt nicht
nur in Beziehung zu demjenigen bestimmten äußeren „Kör¬
per“, auf den wir ihn zunächst zu beziehen pflegen, er geht
nicht nur ein in den gesetzmäßigen Zusammenhang von
Wahrnehmungen, der diesen Körper in bekannter Weise
konstituiert, sondern er gibt sich für unsere Erfahrung auch
als ein bedingtes und bedingendes Glied in dem gesetzmäßigen
Komplex von Wahrnehmungen zu erkennen, den ich meinen
Körper nenne, es „erscheint“ in ihm, können wir direkt
376 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
sagen, nicht nur ein Sein in einem beliebigen Stück jener
äußeren, sondern auch in dieser einen inneren Körperwelt.
Wir können nicht eine Farbe wahrnehmen, wenn wir das
Auftreten bestimmter, unter den zugehörigen Bedingungen
wahrnehmbar zu machender Vorgänge in diesem Körper
durch Schließen der Augen unmöglich machen, umgekehrt,
wenn wir eine Farbe wahrnehmen, dürfen wir mit Bestimmt¬
heit auf das Vorhandensein jenes Vorgangs schließen. Dazu
kommt die weitere allgemeine und ausnahmslose Erfahrung,
daß alle „Wirkung“ vom Psychischen auf das Physische
zunächst eine Wirkung auf den „eigenen“ Körper darstellt
bzw. durch eine solche vermittelt erscheint. Endlich die
weitere, freilich unbestimmtere und zum Teil erst auf dem
Umweg über die Psychiatrie gesicherte Erkenntnis, daß auch
zwischen den übrigen psychischen Tatsachen (Gefühlen, Er¬
innerungen) einerseits und Gehirnvorgängen andererseits
ein gewisser Zusammenhang besteht.
Es entsteht die Frage, wie wir uns diese Beziehungen in
einer einheitlichen Theorie möglicherweise denken können.
Bekanntlich stehen sich in dieser Hinsicht seit langer
Zeit die beiden Theorien der „psychophysischen Wechsel¬
wirkung“ und des „psychophysischen Parallelismus“ gegen¬
über. Die Wechselwirkungslehre setzt das Gehirn einer¬
seits, die „Seele“, d. h. das Ich, die Persönlichkeit in dem
besprochenen Sinne des Wortes, als zwei wesensverschiedene
reale Gebilde, die aufeinander wirken, d. h. bei denen eine
bestimmte Art von Veränderungen des einen eine bestimmte
Art von Veränderungen des anderen und umgekehrt not¬
wendig bedingt, während im übrigen der Ablauf des Ge¬
schehens im einen unabhängig vom anderen verläuft, so wie
sich zwei körperliche Dinge als solche aufeinander wirkende,
aber unabhängig voneinander existierende reale Gegenstände
(wenn auch hier gleicher Art) gegenüberstehen. Dagegen
hat man von jeher den Parallelismus zugleich auch als
„Identitätslehre“ bezeichnet und ihm den Gedanken zu¬
geschrieben, daß Physisches und Psychisches im Grunde
„dasselbe“ (nur „von verschiedenen Seiten“ gesehen) wären.
Diese Identität behauptet der Parallelismus in der Tat in
genau demselben Sinne, in dem der Physiker die Identität
von Schall und Wellenbewegung behauptet. Der Physiker
identifiziert, wie wir wissen, nicht den gehörten Schall und
die gesehene (oder als gesehen vorgestellte) Welle, denn
2. Das Problem des Zusammenhangs von „Körper“ und „Seele“. 377
diese beiden Gegebenheiten sind als solche evident ver¬
schieden und ihre Identifizierung eine einfache Gedanken¬
losigkeit, sondern den realen Schall und die reale Bewegung,
d. h. er zeigt, daß jedesmal, wenn ein Schall vorhanden,
auch eine bestimmte Luftbewegung nachweisbar ist und daß
dasselbe Gesetz die Veränderung des einen und der anderen
beherrscht, so daß wir sie als „Erscheinungen desselben
Realen“ einander zuordnen können, denn zwei Gegeben¬
heiten sind Erscheinungen desselben Realen heißt nichts
anderes als: sie sind in dieser bekannten Weise gesetzmäßig
aneinander gebunden. Ebenso kann man natürlich nicht
ein Gefühl der Lust oder ein Erinnerungsbild mit dem, was
wir im Gehirn sich abspielen sehen würden, vorausgesetzt,
daß man das Gehirn direkt beobachten könnte, identi¬
fizieren, wie es gelegentlich die materialistisch gesinnten
Physiologen im Mißverständnis ihrer eigenen Theorie aus-
gedrückt haben, wohl aber das reale Ich mit dem
physisch-realen Körper, den wir das Gehirn
nennen, die dauernden „Dispositionen“ oder Eigenschaften
des Ich mit dauernden Beschaffenheiten des Gehirns und
momentane „Zuständlichkciten“ des Ich in dem im vorigen
Paragraphen erörterten Sinne („Gerichtet sein auf“, „Re¬
produktionstendenz“) mit momentanen Affektionen des Ge¬
hirns. Und diese Identifikation würde genau dasselbe be¬
deuten wie die von Schall und Luftwelle: sie würde besagen,
daß sich für jeden erlebten psychischen Tatbestand ein be¬
stimmter sichtbarer Gehirnvorgang müßte finden lassen, der
stets mit ihm zusammen nachweisbar wäre (ihm „parallel
ginge“), und daß ferner, die Kenntnis dieses Zusammenhangs
vorausgesetzt, die Gesetze, die uns sagen, wie ein Gehirn¬
vorgang unter bestimmten physischen Bedingungen abzu¬
laufen pflegt, uns zugleich vorauszusagen gestatten müssen,
wie das Bewußtseinsleben sich gleichzeitig gestaltet.
Ob der Parallelismus oder die Wechselwirkungslehre recht
hat, müßte sich direkt empirisch entscheiden lassen, wenn
wir das lebende Gehirn und gleichzeitig den Ablauf des
Bewußtseinsgeschehens beobachten könnten. Denn dann
müßten wir empirisch feststellen können, ob wirklich jeder
Bewußtseinstatbestand, jedes Gefühl, jeder Erinnerungs¬
vorgang, eindeutig an ein bestimmtes Gehirngeschehen ge¬
bunden ist in dieser Weise, ob jeder Gehirnvorgang ein¬
deutig nach nur physikalisch-chemischen oder physiologi-
378 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaflc».
sehen Gesetzen einen bestimmten anderen Gehirnvorgang
aus sich hervorgehen läßt. Da diese Beobachtung uns nicht
möglich ist und vielleicht immer unmöglich bleiben wird,
so eilen beide Theorien unserer Tatsachenkenntnis weit
voraus.
Die uns bekannten Tatsachen sind mit der einen und
der anderen Theorie vereinbar. Was wir durch psycho¬
physische Beobachtung sicher wissen, wurde weiter oben
kurz aufgezählt. Zeigt sie uns mit Sicherheit, daß sinnliche
Wahrnehmungen nur unter Voraussetzung bestimmter Ge-
hirnprozesse zustande kommen und daß Willensimpulse und
reflektorische Handlungen nur durch bestimmte Gehirn¬
vorgänge hindurch wirksam werden können, so ist das
natürlich mit beiden Theorien vereinbar. Für die Frage,
ob jedem Erinnerungsvorgang ein bestimmter physiologischer
Prozeß parallel geht, kommt die pathologische Erscheinung
der „Seelenblindheit“ in Betracht. Man kann sie im
Sinne des Parallelismus interpretieren, aber daß diese Inter¬
pretation nicht die einzig mögliche ist, daß man die Seelen¬
blindheit auch auf ein Versagen motorischer Impulse und
auf eine Veränderung der Empfindungen zurückführen kann,
zeigen vorhandene Theorien, von denen ich nur bei¬
spielsweise (sie ist nicht die einzige) Bergsons
Ausführungen in seinem Buch „matiere et memoire“ nenne.
Von physiologischer Seite her hat man bekanntlich ein¬
wandfrei experimentell festgestellt, daß das Gesetz der Er¬
haltung der Energie für das Geschehen im Gehirn gilt, daß
also im Gehirn keine Energie neu entsteht oder verloren
geht. Aber damit ist nicht ein bedingendes Eingreifen
psychischer Faktoren in das Gehirngeschehen als unmöglich
oder ein geschlossenes, eindeutiges Kausalgeschehen nach nur
physiologischen Gesetzen im Gehirn als notwendig erwiesen,
denn das Gesetz der Erhaltung der Energie bestimmt nicht
eindeutig als einziges Gesetz den Ablauf eines körperlichen
Geschehens. Unter den gleichen physiologischen Bedin¬
gungen sind immer noch mehrere Formen des Geschehens
denkbar, die alle dem Gesetz der Erhaltung der Energie
nicht widersprechen. Allerdings ist dabei angenommen,
daß die Vorgänge im Gehirn eben nicht eindeutig den Ge¬
setzen gehorchen, denen physiologische Vorgänge dieser Art
sonst zu unterliegen pflegen. Es ist eben dies der Einwand,
den man in verschiedener Form (die Wechselwirkung bedeute
2. Das Problem des Zusammenhangs von „Körper“ und „Seele“. 379
eine „Durchbrechung der Naturgesetze“, eine „Ausnahme¬
stellung für das Gehirngeschehen“) wohl am häufigsten gegen
die Theorie einer psychophysischen Wechselwirkung erhoben
hat. Aber als Einwand ist er eine petitio principii. Denn
eben dieser Punkt steht ja in Frage, ob das physiologische
Gehirngeschehen nach allgemeinen Gesetzen unter Voraus¬
setzung einer bestimmten psychischen Konstellation einen
bestimmten Gang nimmt oder ob es eindeutig durch die
Gesetze beherrscht ist, denen sonst physiologisches Ge¬
schehen folgt.
Schließlich kann man auch den Spieß umdrehen und
sagen, daß der Parallelismus dem Gehirngeschehen auch
eine Ausnahmestellung anweist, wenn er ihm allein ein
Bewußtseinsgeschehen parallel gehen läßt (die Zuordnung
der phänomenalen Töne zu bestimmten Luftbewegungen,
der Farbwahrnehmungen zu bestimmten Ätherschwingungen,
die etwas Analoges bedeuteten, lassen sich ja schließlich auf
diese eine Zuordnung von Gehirngeschehen und Psychischem
zurückführen). Will man aber dem entgehen, indem man
den psychophysiologischen zum universalen psychophysi¬
schen Parallelismus erweitert, so führt man erstens eine
Unzahl völlig unverifizierbarer Hypothesen ein, und zweitens
fehlt jede Möglichkeit, den Zerfall der psychischen W T elt in
ein Nebeneinander von Persönlichkeiten und die Selbständig¬
keit dieser Persönlichkeiten gegeneinander bzw. die Tat¬
sachen, die wir in diesem Gedanken zum Ausdruck bringen
und mit denen ich die Auseinandersetzung dieses Para¬
graphen begann, zu erklären, indem man ihnen einen physi¬
schen Tatbestand zuordnet.
Auf der anderen Seite scheint es mir unzweifelhaft, daß
von den beiden Theorien der Parallelismus der vorwissen¬
schaftlichen, naiven Auffassung der Dinge am nächsten steht.
Es klingt das paradox, weil wir gewohnt sind, den psycho¬
physischen Parallelismus für eine Frucht wissenschaftlichen
Denkens zu halten, aber man braucht nur daran zu erinnern,
wie sehr die Sprache des gewöhnlichen Lebens dazu neigt,
„Ich“ und „Körper“ zu identifizieren. Die wissenschaftliche
Erfahrung hat hier nur das Gehirn an die Stelle des Körpers
gesetzt. Man darf das nicht mißverstehen: das naive Be¬
wußtsein hat keine widerspruchslos durchgebildete Theorie
in dieser Hinsicht; es scheidet zunächst selbstverständlich
zwischen einer Persönlichkeit und einem Körper als zwischen
380 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissensch aften.
wesentlich verschiedenen realen Gebilden, wenn aber dann
die Frage der Beziehung zwischen Persönlichkeit und dem
bestimmten, ihr zugehörigen Körper ins Spiel kommt, wird
mit einer gewissen Selbstverständlichkeit sofort die Identi¬
fizierung vollzogen. Es hängt das zusammen mit der all¬
gemeinen Neigung des naiven Bewußtseins, zunächst wenig¬
stens in der Idee (die spezielle Ausführung kommt immer
später, Metaphysik geht immer der Physik voran, der
Atomismus trat als metaphysische Idee auf, lange bevor er
als chemisch-physikalische Theorie an der Hand der Empirie
durchgeführt wurde), zu einer möglichst weitgehenden Ver¬
einheitlichung der realen Welt zu gelangen und mit der damit
zusammenhängenden Neigung zum Materialismus, als der
zunächst sich darbietenden Form einer solchen Vereinheit¬
lichung.
Denn der psychophysiologische Parallelismus ist Materia¬
lismus, sofern wir mit diesem Wort eine mögliche Theorie
und nicht einen kompletten Unsinn bezeichnen wollen. Er
bedeutet eine Theorie, die bei völliger Durchführung es er¬
möglichen müßte, die Gesetze alles Geschehens in der Welt,
einschließlich des psychischen, so auf die Gesetze der mecha¬
nischen Bewegung zurückzuführen, wie das heute bereits
in der Physik mit den Gesetzen des Schalls geschieht. Auf
das Psychische speziell angewandt, bedeutet das: das physio¬
logische Geschehen läuft überall nach den bekannten mecha¬
nischen Gesetzen ab, auch im Gehirn; hier aber, im Gehirn,
zeigt es sich als zugleich ebenso begleitet von psychischen
Tatsachen, erscheint es ebenso in psychischen Gegeben¬
heiten, wie die nach mechanischen Gesetzen ablaufenden
Wellenbewegungen der Luft, wenn sie eine bestimmte Größe
haben, zugleich begleitet sind von Schallwahrnehmungen
oder in solchen erscheinen (nur daß das Auftreten dieser
Schallwahrnehmungen noch von den weiteren Bedingungen
abhängt, die sie zugleich zu psychischen Gegebenheiten
machen und nach der materialistischen Auffassung eben in
dem Eindringen der Wellenbewegungen in das Gehirn und
nur in ihm bestehen). Der universale psychophysische
Parallelismus wäre nicht mehr in demselben Sinne materia¬
listisch, denn er behandelt die Gesetzmäßigkeit des Psychi¬
schen und die des Physischen als gleichgeordnet und erlaubt
nicht mehr, die erstere der letzteren unterzuordnen (vgl.
hierzu die Ausführungen auf S. 320 ff. zu der Frage, warum
2. Das Problem des Zusammenhangs von „Körper“ und „Seele“. 381
wir den realen Schall als mechanische Bewegung und nicht
nur beides identisch setzen dürfen).
Wie jede Theorie muß natürlich auch der Materialismus
die Bewußtseinstatsachen als solche voraussetzen, er darf
sich nicht dahin mißverstehen, als ob er diese Tatsachen
aus der Welt schaffen oder wegdeuten könnte. Er führt
nur, wie jede Theorie, die Gesetze bestimmter Be¬
wußtseinstatsachen auf die anderer Be¬
wußtseinstatsachen zurück und behauptet ge¬
nauer, daß alles Geschehen in der Welt, dessen wir uns
bewußt werden können, gesetzmäßig mit Wahrnehmungs¬
gegenständen verbunden sei und demgemäß in seinem Ver¬
lauf eindeutig vorausgesagt werden könnte, wenn wir nur
die Gesetze kennen, die jedem Wahrnehmungs¬
inhalt seine Bedingungen und Folgen in der Wahr¬
nehmungswelt zuweisen.
Die Theorie des psychophysischen Parallelismus und der
psychophysischen Wechselwirkung sind Theorien über den
Zusammenhang des Physischen und Psychischen.
Sie kommen erst in Frage, wenn wir die Beziehung beider
Welten ins Auge fassen. Sie sind Versuche, sich diese
Beziehung allgemein zu denken. An sich aber können
wir das Geschehen in der einen wie in der anderen Welt
auf seine Gesetze hin untersuchen und in einer systemati¬
schen Theorie begreifen, ohne die Frage dieser Beziehung
prinzipiell zu erörtern. Wir können speziell Psychologie
treiben, ohne uns von vornherein auf die Parallelismus¬
oder Wechselwirkungslehre festzulegen. Es kann freilich
sein, daß durch das Studium der Gehirnvorgänge und den
Versuch, den Ablauf der Gehirn Vorgänge und den der
psychischen Vorgänge auf Grund des Parallelismus etwa in
einer Theorie zu begreifen, das Bild dieser Psychologie
sich erheblich änderte, so wie die Theorie des Lichtes ihr
Aussehen ändert, wenn wir sie nur für sich, und wenn wir
sie in Beziehung zu den elektromagnetischen Tatsachen be¬
trachten. Aber das wird überhaupt erst in Frage kommen,
wenn wir die Gehirnvorgänge etwas besser kennen werden,
wenn wir nicht nur von ihnen reden, sondern uns irgend¬
eine Vorstellung von ihnen machen können, die mehr ist
als luftige Hypothese.
Die psychologische Erklärung führt zum Psychisch-
Realen, zu Dispositionen dieses Realen, zu augenblicklichen
382 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
Reproduktionstendenzen usw. Diese unbewußten Faktoren
werden auf Grund der Einsicht in bestimmte psycho¬
logische Gesetzmäßigkeiten eingeführt, wie überall unbe¬
wußte, d. h. nicht gegebene Faktoren eingeführt werden,
wo wir Gesetze in bestimmter Weise zusammenfassen — der
Sinn dieser Einführung wurde in den früheren Kapiteln
ausführlich erörtert. Sie sind daher nicht erst möglich auf
Grund des Gedankens, daß physiologische Faktoren be¬
dingend in das Psychische eingreifen, und ihre Identifikation
mit solchen physiologischen Daten ist weitergehende, an
sich nicht notwendige Hypothese (vgl. hierzu die überein¬
stimmenden treffenden Ausführungen von Th. Lipps in
seinem Vortrag „Das Unbewußte in der Psychologie“ auf
dem III. Intern. Kongr. f. Psych., 1896, und in den Ab¬
schnitten „Das Psychisch-Reale“ und „Gehirn und Seele“
im „Leitfaden d. Psych.“).
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geistes¬
wissenschaften.
Wir bezeichnen es als das Ziel der empirischen Erkennt¬
nis, das Gegebene unter allgemeine Gesetze zu bringen.
Indem die Erkenntnis dies Ziel verfolgt, entsteht für das
erkennende Bewußtsein die Welt des Realen in ihrer doppelten
Gestalt, des Physisch- und Psychisch-Realen, und teilt die
Erkenntnis selbst sich in die beiden Zweige der empirischen
Naturwissenschaft und Psychologie. Läßt nun diese Auf¬
fassung noch irgendeinen Raum für den Umkreis der sog.
Geisteswissenschaften, insbesondere der Geschichte, führt sie
nicht zu dem gewaltsamen und in innerem Widerspruch mit
den Tatsachen stehenden Versuch, diese Wissenschaften in
Naturwissenschaft und Psychologie aufzulösen? Wenn alle
Wissenschaft das Gegebene unter Gesetze bringen soll und
das nur in der doppelten Form der psychischen und physi¬
schen Gesetze geschehen kann, so kann es doch scheinbar
nur diese beiden Wissenschaften geben.
Um diese Schwierigkeit zu lösen, muß man zunächst
zweierlei berücksichtigen. Erstens ist sicher, daß der
Gegenstand, mit dem sich etw r a die Geschichte beschäftigt,
in der Tat kein anderer sein kann, als derjenige, den auch
Psychologie und Naturwissenschaft behandeln. Es gibt
keinen Gegenstand der historischen Betrachtung, der nicht
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geisteswissenschaften. 383
auch Gegenstand psychologischer und naturwissenschaft¬
licher Untersuchung werden könnte bzw. müßte. Was die
politische Geschichte behandelt, sind Vorgänge, die letzten
Endes zurückgehen auf menschliche Handlungen, d. h. auf
Persönlichkeiten, die mit einem Stück Natur und durch das¬
selbe miteinander in Wechselwirkung stehen. Und
zweitens: Die Geschichte, so gut wie jede Wissen¬
schaft, beschreibt nicht nur ihren Gegenstand in dem Sinne,
daß sie ihn mit photographischer Treue wiedergibt, sondern
sie will verstehen, begreifen, einen Gegenstand als begriffenen
vor uns entstehen lassen. Dazu bedarf sie wiederum, wie
jede Wissenschaft, allgemeiner Gesetze, dazu muß sie ihren
Gegenstand darstellen, indem sie die einzelnen Faktoren,
die ihn konstituieren, in ihrem notwendigen Zusammenhang
einleuchtend uns vor Augen führt. Geschichte kann daher
ebensowenig, wie eine andere Wissenschaft, der allgemeinen
Begriffe und Gesetze entraten. Aber hier bereits ist eine
erste genauere Unterscheidung nötig: die Geschichte be¬
darf zu ihren wissenschaftlichen Zwecken der allgemeinen
Begriffe und Gesetze, aber sie sucht nicht nach solchen
Begriffen und Gesetzen, ihr Ziel ist nicht die Gewinnung
allgemeiner Erkenntnisse aus einzelnen, individuellen Tat¬
sachen. Sie ist in diesem Sinne keine „generalisierende“
Wissenschaft. Auch dies freilich darf nicht mißverstanden
werden: es soll nicht gesagt werden, daß nicht das geschicht¬
liche Material als solches benutzt werden kann, um all¬
gemeine Gesetze, etwa des historischen Geschehens, zu
finden, aber es ist dies nicht die Aufgabe der Geschichts¬
wissenschaft, wie sie als Wissenschaft tatsächlich besteht.
Das wird man wohl seit den modernen Untersuchungen zur
Methodologie der Geschichte gegenüber Gewaltdekreten
einer metaphysisch voreingenommenen Geschichtsphilosophie
als allgemein zugestanden ansehen dürfen.
Die Geschichte ist vielmehr ihrer Aufgabe, ihrem Ziele
nach darauf gerichtet, bestimmte einzelne und einmalige
Gebilde der Wirklichkeit in ihrem inneren Gefüge, in der
inneren Notwendigkeit und Konsequenz ihrer gleichzeitigen
Erscheinungsformen und ihrer zeitlichen Phasen darzustellen.
Der Historiker sucht nicht nach Gesetzen, indem er das
Material der historischen Vorgänge nach wiederkehrenden
Gleichförmigkeiten durchforscht, aber er begreift oder er
macht ein historisches Ganzes begreiflich, indem er den
384 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
gesetzmäßigen Zusammenhang der dasselbe konstituierenden
Naturereignisse und menschlichen Handlungen klarlegt.
(Soweit sich die Geschichte die Aufgabe des Begreifens
eines historischen Ganzen nicht setzt, ist und bleibt sie eine
bloße Materialsammlung, also eine Vorarbeit für die eigent¬
liche Wissenschaft der Geschichte.) Die allgemeinen Gesetze
aber, deren er hierzu bedarf, entnimmt der Historiker der
Naturwissenschaft und Psychologie, und zwar der vorwissen¬
schaftlichen und der wissenschaftlichen, dazu eventuell einer
Wissenschaft, die als generalisierende Wissenschaft historische
Vorgänge nach allgemeinen Gesetzen durchspäht, und von
deren Eigenart noch gesprochen werden muß.
Nun ist aber darum die Geschichte nicht einfach an¬
gewandte Psychologie und Naturwissenschaft, d. h. sie be¬
trachtet die mit Hilfe psychologischer und naturwissen¬
schaftlicher Gesetze verständlich gemachten Gegenstände
nicht einfach als Beispiel der betreffenden Gesetze,
denn ihr Zweck ist nicht der, einen der vielen Fälle kennen
zu lernen, in denen ein solches Gesetz Anwendung finden
kann, sondern der Zweck ist, einen bestimmten einmaligen
Fall mit Hilfe jener Gesetze so zuzubereiten, daß er uns
durchsichtig und verständlich werden kann. Darum be¬
nutzt der Historiker jene Gesetze nur soweit zur Verständlich-
machung seines Gegenstandes, bis dieser Gegenstand wie ein
bloßes Beispiel für die Anwendung allgemeiner Gesetze
weiter behandelt werden kann, oder bis er ein Fall eines
solchen Gesetzes neben anderen geworden ist, den er nun
demjenigen überlassen kann, der diese Gesetze kennt.
Darum braucht auch der Historiker, wie Rickert mit Recht
betont, so selten die wissenschaftliche Psychologie
und die wissenschaftliche Physik, für seine Zwecke genügt
durchaus die vorwissenschaftliche Betrachtung,
deren Gesetze er als bekannt voraussetzt. Wenn die Mörder
Cäsars aus gekränktem Ehrgeiz handelten, so ist damit von
seiten des Historikers genug gesagt; warum gekränkter Ehr¬
geiz in solchen Fällen, wie diesen, zu solchen Gewalttaten
führen kann, diese Frage ist nicht mehr historisch. Hier
w'ürde die Behandlung des Falles einfach zur angewandten
Psychologie werden.
Nun aber entsteht hier die Frage: Warum gibt es
Geschichte als besondere Wissenschaft?
Um den Sinn der Frage genauer zu fixieren: Naturwissen-
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geisteswissenschaften. 385
schaft und Psychologie stellen allgemeine Gesetze auf, aber
diese allgemeinen Gesetze als solche sind niemals Selbst¬
zweck. Allgemeine Gegenstände sind ja bloße Fiktionen,
gemacht, um das Gegebene, also das Einzelne und Indivi¬
duelle verständlich zu machen, d. h. die allgemeinen Gesetze
sind stets ein Mittel, um das Einzelne darunter zu befassen
und dadurch verständlich zu machen. Die allgemeinen Ge¬
setze der Naturwissenschaft und Psychologie sind also dazu
bestimmt, angewandt zu werden, und insofern zielt jede
Wissenschaft auf das Einzelne und Individuelle und sein
Verständnis ab. Und zwar sein möglichst vollständiges
Verständnis — jeder Zug, durch den sich ein individueller
Gegenstand von einem anderen unterscheidet, muß als gesetz¬
mäßig, als notwendig nachgewiesen, aus allgemeinen Gesetzen
abgeleitet werden; der Gegenstand im ganzen, in der Totali¬
tät seiner qualitativen Eigenart als „Schnittpunkt allge¬
meiner Gesetze“, um einen Ausdruck Rickerts zu gebrauchen,
begriffen werden. Das wäre wenigstens das Ideal wissen¬
schaftlicher Erklärung. Wie weit diese Rückführung prak¬
tisch glückt, ist natürlich eine andere Frage; daß sie nicht
restlos glückt, sondern ein unendliches Ziel ist, dem wir uns
nur endlos nähern können, ist ohne weiteres zuzugeben,
aber es gibt hier keine prinzipielle Grenze unserer
Erkenntnis. Diese Erklärung des einzelnen Falles mit Hilfe
ihrer allgemeinen Gesetze überläßt nun aber eine generali¬
sierende Wissenschaft, wie die Naturwissenschaft oder Psycho¬
logie, nachdem sie das Gesetz etwa an einem einzelnen Fall
als Beispiel deutlich gemacht hat, dem einzelnen Leser, sie
betrachtet sie nicht mehr als etwas, das in die Wissenschaft
selbst hineingehört. Aus einem naheliegenden Grunde:
diese Anwendung würde ja selbst ins Unendliche, ins Ufer¬
lose führen. Wenn nun die Geschichte bestimmte, indivi¬
duelle Gegenstände auswählt, um ihre Darstellung und das
wissenschaftliche Durchsichtigmachen ihres Gefüges sich
zur Aufgabe, zur Aufgabe einer besonderen Wissenschaft zu
machen, so kann das seinen Grund nur darin haben, daß
eben an der Darstellung und geistigen Beherrschung gerade
dieser Tatsachen ein allgemeines Interesse be¬
steht.
Es gibt nun in der Tat solche individuellen Gegen¬
stände, an deren Verständnis ein allgemeines Interesse
haftet: es sind diejenigen, die die unvermeidliche Grund-
v. Aster, Philosophie. 25
386 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschatten.
läge, den allen individuellen Gegenständen gemeinsamen
Hintergrund abgeben, von dem sich das individuell hier und
dort, von diesem und jenem Einzelnen Wahrgenommene und
Wahrnehmbare abhebt, die Grundlage realer Gegenstände,
auf die in irgendeinem ihrer Teile wir überall zuletzt stoßen,
wenn wir irgendein individuelles Sein oder Geschehen uns
restlos verständlich machen wollen. Wir nehmen ein
körperliches Ding wahr — gleichgültig wann und wo oder
wer diese Wahrnehmung macht —: immer ist es ein Ding,
das ein Stück der Erdoberfläche ist oder von einem Ort
der Erdoberfläche aus gesehen wird, immer ist es zugehörig
unserem Sonnensystem oder wenigstens in seiner Beziehung
zu ihm aufgefaßt. Daher ist die Erkenntnis der Erde, ihres
jetzigen Zustandes und der Phasen, die sie durchgemacht
hat, die Aufgabe einer besonderen individualisierenden
Wissenschaft, der Geographie, zu der sich der indivi¬
dualisierend beschreibende Teil der Astronomie gesellt. Und
ebenso: wenn wir irgendeinen geistigen Vorgang erfassen,
einen Vorgang in einer Persönlichkeit, wenn wir dann diese
Persönlichkeit selbst, eigene oder fremde, ins Auge fassen,
so ist es stets eine Persönlichkeit, die zu einer bestimmten
Zeit in einem bestimmten geschichtlichen Milieu existiert,
sie gehört hinein in dies eine gemeinsame individuelle und
einmalige Ganze, das eben deshalb den Gegenstand einer
individualisierenden Wissenschaft, der Geschichte im
eigentlichen Sinne, abgeben muß. Die Geschichte steht
zur Psychologie in demselben Verhältnis, wie die Geographie
zur generalisierenden Naturwissenschaft. Damit ist nicht
gesagt, daß die Geschichte sich nur auf psychologische und
nicht auch auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse stützte,
vielmehr, da Menschen erstens in ihrem geistigen Verhalten
von der körperlichen Umwelt innerhalb gewisser Grenzen
abhängig sind, da ferner Menschen aufeinander nur durch
das Medium der Körperwelt wirken können, ist es im Gegen¬
teil unvermeidlich, daß man sich auch auf naturwissenschaft¬
liche Einsichten berufe, aber ihrem eigentlichen Ziel nach
bleibt darum doch die Geschichte Geschichte des menschlichen
Geistes. Ebenso benutzt auch auf der anderen Seite die
Geographie gelegentlich psychologische Erkenntnisse, wenn
sie etwa die Veränderungen berührt, die die Erdoberfläche
durch die Hand des Menschen bereits erfahren hat.
So erscheint, um es noch einmal zusammenfassend zu
N
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geisteswissenschalten. 387
sagen, die Geschichte und Geographie als eine Wissenschaft,
die sich die Aufgabe stellt, bestimmte indivi¬
duelle, einmalige reale Gebilde in ihrem
inneren Gefüge verständlich oder begreiflich zu
machen, die sie aus der unübersehbaren Fülle der wirklichen
und tatsächlich vorhandenen realen Gegenstände mit Rück¬
sicht auf ein allgemeines Interesse auswählt.
Daß wir in uns dieser Bestimmung des Wesens der Ge¬
schichte in verschiedenen Punkten mit Rickert berühren,
ist klar, ebenso aber auch die nicht unwesentlichen Ab¬
weichungen. Insbesondere: durch das allgemeine Interesse,
das die Auswahl der in einer besonderen, individualisierenden
Wissenschaft zu behandelnden Gegenstände bestimmt, kommt
ein Wertgesichtspunkt in die Geschichte hinein. Aber das
heißt nicht, daß die Art, wie der Historiker seine Gegen¬
stände wissenschaftlich bearbeitet, dadurch bestimmt werde,
daß er sie auf stillschweigend vorausgesetzte objektive Werte
bezieht, schließlich vielleicht auf die menschliche „Kultur“
als letzten und höchsten Wert; daß Geschichte stets Ent¬
wicklungsgeschichte eines als wertvoll Betrachteten sei.
Jede Zurechtlegung der geschichtlichen Entwicklung unter
einem solchen Gesichtspunkt erscheint mir vielmehr als eine
ethisierende Ausdeutung, also als eine Ausdeutung, die einen
an sich der Geschichte fremden oder äußerlichen Gesichts¬
punkt in die Betrachtung einführt.
Es ist etwas offenbar Verschiedenes, ob der Auswahl
des geschichtlich zu behandelnden, der Scheidung des
„Wesentlichen“ vom „Unwesentlichen“ im Sinne der Ge¬
schichte, die Beziehung auf ein als wertvoll betrachtetes
Ziel oder auf ein allgemeines Interesse in unserem Sinne
zugrunde liegt. Um, was mit letzterem gemeint ist, speziell
mit Rücksicht auf die Geschichte, noch einmal etwas genauer
zu sagen: jedes Bewußtsein ist in der Zeit, d. h. es umfaßt
eine Reihe zeitlich geordneter Inhalte, und in einer be¬
stimmten Zeit, d. h. w r ir können die Zeitstelle jedes Er¬
eignisses in einem beliebigen Bewußtsein in bezug auf die
eines anderen Ereignisses in demselben oder einem fremden
Bewußtsein eindeutig bestimmen und eben damit auch dem
individuellen Bewußtsein selbst eine Zeitstelle zu weisen.
Nun findet sich jedes Bewußtsein mit anderen zusammen in
derselben Zeit, und damit gibt es eine Reihe von Ereignissen,
Dingen und Persönlichkeiten, die gleichmäßig, wenn auch
388 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
mehr oder minder stark in das Erleben aller dieser Persönlich¬
keiten hineinspielen oder zu ihm gehören. Sie stellen das
dar, was wir die geschichtliche Konstellation
der betreffenden Zeit nennen können; sie in ihrem inneren
Gefüge darzustellen, ist die Aufgabe der Zeitgeschichte, der
Geschichte der betreffenden Zeit. Was zu dieser Zeit¬
geschichte wesentlich gehört, was nicht, entscheidet sich
nach diesem Gesichtspunkt, es ist das, was eben allgemeines
Interesse besitzt, d. h. zu diesem gemeinsamen Unterbau
gehört, von dem sich das Erleben des einzelnen abhebt.
Das heißt selbstverständlich nicht, daß wir darüber durch
eine statistische Untersuchung entschieden, die feststellt,
wovon die meisten Menschen einer Zeit etwas wissen und
wovon nicht. Sondern jeder Mensch einer Zeit hat von
vornherein seinen rein persönlichen Erfahrungskreis, den er
von selbst von dem gemeinsamen unterscheidet, der ihn mit
anderen verbindet, wobei natürlich wiederum nicht be¬
hauptet ist, daß hier scharfe Grenzen bestehen.
Dazu kommt freilich noch eins: zu der historischen Kon¬
stellation gehört wesentlich auch das, was zum Verständnis,
zum Begreifen eben des inneren Gefüges oder Zusammen¬
hangs dieser gemeinsamen oder allgemein interessanten Er¬
eignisse usw. notwendig ist, zu diesem Verständnis, das sich
der Historiker eben als Aufgabe setzt. In dieser Hinsicht
entsteht dies „Historisch-Wesentliche“ erst durch die be¬
wußte Arbeit des Historikers, wie der ganze histo¬
rische Gegenstand als solcher erst durch diese
Arbeit entsteht.
Die französische Revolution ist ein bestimmter realer
Gegenstand. Dieser Gegenstand setzt sich nun zusammen
aus einzelnen Vorgängen, Dingen, Persönlichkeiten, die in
bestimmter Weise ineinandergreifen. Aber nur sofern sie
ineinandergreifen, sofern sie, heißt das, in einem wechsel¬
seitigen Bedingungsverhältnis stehen, entsteht in ihnen das
eine reale Ganze, das wir die französische Revolution nennen.
Es ist ein „G egenstand höherer Ordnun g“, wie
wir ihn nennen können. Solche Gegenstände entstehen für
den Historiker, indem sich eine Reihe von Vorgängen zu
einem gesetzmäßig zusammenhängenden Ganzen so zu¬
sammenfügen, wie etwa die Phasen in einem Einzelprozeß,
z. B. einer menschlichen Handlung, sich zu einem Ganzen
zusammenfügen. Der gesetzmäßige Zusammenhang kon-
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geisteswissenschaften. 389
stituiert also auch hier den realen Gegenstand. Solche
Gegenstände höherer Ordnung gibt es selbstverständlich
nicht nur auf dem Gebiete der Geschichte, nicht nur in der
psychophysischen Sphäre. Das Sonnensystem ist ein rein
physischer Gegenstand solcher Art, denn das Sonnensystem
ist ein einheitlicher Gegenstand, insofern sich die einzelnen
Planeten bzw. was mit ihnen geschieht zu einem gesetz¬
mäßig zusammenhängenden Ganzen vereinigen. Die Ab¬
grenzung solcher Gegenstände höherer Ordnung ist inner¬
halb gewisser Grenzen natürlich wiederum willkürlich; sie
wäre es nur dann nicht, w r enn es absolut geschlossene
„Systeme“ von Körpern bzw. psychophysischen Individuen
oder geschlossene Wirkungszusammenhänge dieser Art gäbe;
sie erscheint soweit natürlich und nicht willkürlich, als sich
die Systeme als relativ geschlossen und als relativ einheitlich
charakterisiert sich von ihrer Umgebung abheben.
Nun braucht, wie schon vorhin gesagt wurde, der Histo¬
riker allgemeine Gesetze, denn Vorgänge als notwendig zu¬
sammenhängend begreifen, und damit auch sie als Glieder
eines solchen einheitlichen realhistorischen Vorganges be¬
greifen, heißt, sie als nach allgemeinen Gesetzen zusammen¬
hängend begreifen. Diese Gesetze entnimmt der Historiker
zum größten Teil der generalisierenden Psychologie und
Naturwissenschaft, obgleich, die Gründe wurden schon an¬
gedeutet, mehr der vorwissenschaftlichen, als der wissen¬
schaftlichen. Es gibt aber auch mannigfache Gesetze dieser
Art, die erst durch eine vergleichende Betrachtung jener
geistigen Gebilde höherer Ordnung selbst gewonnen werden.
Es gilt das insbesondere für gewisse Disziplinen der Ge¬
schichtswissenschaft, z. B. für die Sprachgeschichte und für
die Geschichte des Wirtschaftslebens. Deshalb tritt hier
neben die eigentliche Geschichte jedesmal eine generali¬
sierende Wissenschaft, neben die Sprachgeschichte die all¬
gemeine Sprachwissenschaft, neben die Wirtschaftsgeschichte
die theoretische Nationalökonomie.
Die Sprache ist ebenfalls ein psychisches (oder psycho¬
physisches) Gebilde höherer Ordnung, und zwar ein relativ
geschlossenes und daher zum Gegenstand einer eigenen
Wissenschaft gewordenes Gebilde. Eine Sprache gibt es nur,
sofern es sprechende und verstehende Menschen gibt, d. h.
Menschen, die Laute als Symbole gebrauchen und verstehen.
Andererseits ist die einzelne Sprache ein Gebilde, das außer-
390 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
halb des einzelnen Individuums, das sie spricht, eine Art
objektiver Existenz führt, sie wird von dem einzelnen er¬
lernt und übernommen, sie wird als dieselbe Sprache von
verschiedenen Menschen gesprochen, sie überlebt den ein¬
zelnen, der sie gebraucht. Das ist nun nur dadurch möglich,
daß die verschiedenen Menschen die gleichen Sprachlaute
nach bestimmten gemeinsamen Regeln als Symbole ge¬
brauchen ; eben diese dem einzelnen Laut zugehörige Regel
des Gebrauchs ist es, die von einem dem anderen über¬
liefert, die erlernt wird und sich als dieselbe Regel erhält.
Die verschiedenen, zu verschiedenen Zeiten und von ver¬
schiedenen Menschen gebrauchten Laute gehören derselben
einen realen Sprache an, sofern sie nach diesen Regeln ge¬
braucht werden. Soweit ein Sprachlaut der ihm zugehörigen
Regel nicht entsprechend auftritt, ist er eben nur scheinbar
ein Wort der betreffenden Sprache, wird er falsch oder
sprachwidrig gebraucht.
Nun entstehen die Laute mit ihren Regeln; den
Prozeß dieses Entstehens nach allgemeinen Gesetzen im
einzelnen begreiflich zu machen, ist die Aufgabe der Sprach¬
geschichte. Diese allgemeinen Gesetze selbst zu fixieren,
ist die Aufgabe der generalisierenden Sprachwissenschaft.
Soweit es möglich ist, werden wir nun immer versuchen,
diese Gesetze auf psychologische oder physiologische Ge¬
setze zurückzuführen, etwa auf Gesetze der Phonetik, die
man ja w-ohl als psychologische bzw\ physiologische Diszi¬
plin wird ansprechen dürfen. Entsprechend bei den anderen
Disziplinen: das Gesetz, daß sich der Preis einer Ware nach
Angebot und Nachfrage richtet, ist ein Gesetz, von dem
wir leicht einsehen, daß es psychologisch abgeleitet oder
verständlich gemacht werden kann.
So erscheinen bestimmte Teile der Psychologie und
Physiologie als allgemeine „Prinzipien-Wissenschaften“ der
einzelnen Geschichtswissenschaften, um den bekannten Her¬
mann Paulschen Ausdruck zu gebrauchen. Die Prinzipien¬
wissenschaft der Sprachgeschichte w'äre die Psychologie des
Meinens, Kundgebens, Mitteilens und die psychophysio¬
logische Phonetik, die Prinzipienwissenschaft der National¬
ökonomie wäre die Psychologie des wirtschaftlichen Menschen
d. h. die Psychologie der Vorgänge des Strebens nach mate¬
riellen Gütern und dessen, was aus ihm sich ergibt; die
Prinzipienwissenschaft der politischen und allgemeinen Ge-
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geisteswissenschalten. 391
schichte wäre die Soziologie oder soziologische Psychologie,
d. h. die allgemeine psychologische Betrachtung des Menschen,
sofern er überhaupt von anderen menschlichen Individuen
und den in ihnen sich abspielenden Vorgängen weiß bzw.
durch dies Wissen in seinem psychischen Verhalten beein¬
flußt ist (des Menschen, sofern er sich als Glied der Gesell¬
schaft weiß). Daß sich Gebilde wie die Sprache und ent¬
sprechend die Sprachgeschichte, die Wirtschaftsorganisation
usw. als relativ geschlossene Gebilde darstellen, beruht zu
einem Teil darauf, daß jene Seiten in der menschlichen
Psyche, in der Psyche des einzelnen, relativ unabhängig
voneinander sich entwickeln.
Nun kann es aber auch sein, daß die psychische Ab¬
leitung und Deutung, von der eben gesprochen wurde, nicht
allgemein durchführbar ist. Es kann z. B. sein, daß sich
allgemeine Gesetze auf dem Wege der Sprachvergleichung
und Sprachforschung ergeben, die sich nicht auf die psycho¬
logischen Gesetze der vorher besprochenen Art zurück¬
führen lassen, daß die Sprachveränderung und Sprach-
bildung tatsächlich überall wiederkehrende Formen annimmt,
die trotz aller Versuche nach dieser Richtung sich nicht
weiter, weder psychologisch noch physiologisch, erklären
lassen. Nehmen wir dann an, daß eine solche weitere Zurück¬
führung wirklich nicht möglich ist, dann wird die
Sprache noch in einem anderen Sinne ein gegenüber dem
einzelnen sprechenden Individuum selbständiges oder von
ihm unabhängiges Gebilde, gleichsam ein Gebilde, das sein
eigenes Leben besitzt. Und von dem Recht, der
Wirtschaftsordnung, der Religion und Kunst gilt Ent¬
sprechendes im entsprechenden Fall. Schließlich könnte
etwas dergleichen auch auf die im engsten Sinne historischen
Gebilde, auf die Gebilde der politischen Geschichte, zu¬
treffen. Es könnte die vergleichende Beobachtung ergeben,
daß Revolutionen oder Kriege stets eine typische Entwick¬
lung und Verlaufsform zeigen, die sich nicht psychologisch
weiter erklären läßt.
Gebilde, die ein „eigenes Leben“ besitzen — der in diesem
Ausspruch liegende Vergleich ist mehr als eine bloße Analogie.
Auch jeder lebende Organismus ist ja ein „Gegenstand
• höherer Ordnung“, d. h. er setzt sich zusammen aus Teil¬
dingen, ist aber nicht eine bloße Summe dieser Teile, sondern
ein Ganzes, das dadurch entsteht, daß diese Teile in einer
392 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
bestimmten Wechselwirkung stehen. Nun kann es sein,
daß sich die Gesetze, denen entsprechend der einzelne Teil
im lebenden Organismus sich bildet, verhält und verändert,
zurückführen lassen auf physikalisch-chemische Gesetze,
dann erscheint uns der Organismus als Maschine. Es kann
aber auch sein, daß sich diese Rückführung als unmöglich
erweist, daß ein Körper bestimmter chemischer Zusammen¬
setzung und physikalischer Beschaffenheit, sobald er Teil
eines lebenden Organismus ist, besonderen Gesetzen gehorcht.
Dann ist der Organismus wesensverschieden von anderen
physischen Gegenständen höherer Ordnung, z. B. von einer
Maschine oder vom Sonnensystem. Die Frage, ob der
Organismus ein solches, von aller leblosen Materie wesens-
verschiedenes Ding sei, läuft, wie schon früher betont wurde,
eben auf diese Frage der Rückführbarkeit jener Gesetze
hinaus. Und ganz entsprechend liegt hier die Frage be¬
züglich jener psychischen Gegenstände höherer Ordnung.
Der Organismus ist der typischste Fall eines physischen
Gegenstandes höherer Ordnung, d. h. der Gegenstand, bei
dem der Augenschein am meisten dafür spricht, daß wir
hier einen physischen Gegenstand höherer Ordnung mit
eigenen Gesetzen vor uns haben. Ein Organismus ist ein
Wesen, dessen Teile Organe sind, d. h. eine bestimmte
Funktionsweise, die Funktionsweise des Werkzeugs im Dienst
des Ganzen, besitzen, ein körperliches Wesen also, dessen
körperliche Teile als solche besondere Funktionen erfüllen
oder besonderen Gesetzen gehorchen. So rechtfertigt es sich,
wenn w r ir diesen Begriff des organischen Lebens auf jene
psychischen Gebilde höherer Ordnung übertragen.
Zugleich ist hier der Punkt, an dem der Begriff des
Geistes oder des Geisteslebens seinen vom Begriff der
Psyche unterschiedenen und selbständigen Sinn bekommt.
Sprache, Wissenschaft, Kunst usw. sind Erscheinungsformen
des menschlichen Geisteslebens, d. h. des überpersönlichen
Ganzen, das im Zusammenwirken der einzelnen psychischen
Individuen entsteht. Wie weit der Geist etwas gegenüber
der Psyche Selbständiges (etwa im Sinne Hegels) ist oder
nicht (wie es etwa die atomistische Geschichts- und Gesell¬
schaftstheorie des 18. Jahrhunderts voraussetzte), ist eine
Frage, die genau so und auf genau dem gleichen Wege*
nur durch die fortschreitende Wissenschaft selbst em¬
pirisch entschieden werden kann, wie die Frage, ob der
3. Wesen und Stellung der Geschichte und der Geisteswissenschaften. 393
Organismus von der toten Materie wesensverschieden ist
oder nicht.
Jedenfalls scheint mir der Ausdruck Geisteswissen¬
schaften für die hier besprochenen Disziplinen der sachlich
und historisch am besten gerechtfertigte. Nur müssen wir
dabei individualisierende Geschichte und generalisierende
Geisteswissenschaften unterscheiden, sowie es, wie wir sahen,
auch generalisierende und individualisierende Naturwissen¬
schaften (Geographie) gibt, während auf der anderen Seite
für die Greisteswissenschaften als solche, d. h. als Wissen¬
schaften von den psychischen Gegenständen höherer Ord¬
nung und ihrem eigenartigen „Leben“, die organische Natur¬
wissenschaft ein gewisses Gegenstück auf naturwissenschaft¬
lichem Gebiet bildet.
Endlich fehlt in diesem Zusammenhang noch ganz eine
letzte Gruppe von Geisteswissesnchaften, die inter¬
pretierenden Geisteswissenschaften, als deren Bei¬
spiel die Jurisprudenz (mit Ausschluß der Rechtsgeschichte)
dienen kann. Der wissenschaftliche Jurist interpretiert die
einzelne Gesetzesbestimmung, indem er untersucht, was der
Gesetzgeber in ihr und mit ihr gewollt habe. Dieser Gesetz¬
geber ist bekanntlich nicht der wirkliche Mensch oder die
wirkliche Korporation, die das Gesetz geschaffen haben,
sondern ein fingierter einheitlicher Wille, den wir dem
Gesetz zugrunde legen, als dessen Ausdruck wir das Gesetz
betrachten müssen, nämlich dann, wenn die Bestim¬
mungen des Gesetzes selbst vereinbar
sein und nicht in Widerspruch mitein¬
ander stehensollen. Letzten Endes muß der Jurist
die Gesamtheit der zusammen geltenden Gesetze, also der
Gesetze eines und desselben Staates, als Ausdruck eines
einheitlichen Willens interpretieren. Dieser Wille i s t eben
der Wille des Staates, denn unter dem Staat können
wir nur das fingierte einheitliche Subjekt der Gesetze und
der Handlungen verstehen, die diese aus „bloß auf dem
Papier stehenden“ zu „wirklichen“ oder geltenden Gesetzen
machen; der Handlungen heißt das, die die Befolgung der
Gesetze erzwingen und die deshalb im Namen des Staates
und seines persönlichen Vertreters begangen werden.
Eine interpretierende Geisteswissenschaft entsteht überall
da oder kann bzw. muß überall da entstehen, wo es eine
Reihe von Regeln gibt, die zusammengelten sollen. Auch
394 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft können wir deshalb
gelegentlich von der Aufgabe einer solchen Interpretation
und interpretierenden Kritik reden.
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie.
Der Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis voll¬
zieht sich nach dreifacher Richtung. Erstens in der Rich¬
tung auf Erweiterung des Tatsachenmaterials, das es in der
Wissenschaft zu verarbeiten, unter Gesetze zu bringen gilt,
und damit auf Vermehrung der Gesetze, der Urteile selbst,
die in ihrer Gesamtheit den Gegenstand unserer Erkenntnis
ausmachen. Zweitens in der Richtung auf die systematische
Zusammenfassung dieser Gesetze, auf ihre Über- und Unter¬
ordnung in einem deduktiven System, anstatt eines bloßen
Nebeneinander. Endlich drittens in der Richtung auf zu¬
nehmende „Klarheit“ und Eindeutigkeit der gewonnenen
Gesetze, der als beziehende Urteile ausdrücklich formulierten
sowohl wie derjenigen, die in den vorausgesetzten Begriffen
implicite enthalten sind.
Fassen wir noch einmal den zweiten Punkt ins Auge.
Wir wissen, der Nachweis, daß mehrere zunächst scheinbar
voneinander unabhängige Gesetze sich auf dasselbe Gesetz
zurückführen oder als spezielle Folgerungen aus demselben
umfassenderen Gesetz sich darstellen lassen, führt zugleich
zu einer Identifikation der Gegenstände, die sich in diesen
Gesetzen konstituieren. Der Nachweis, daß die Gesetze der
Reflexion, Fortpflanzung usw. des Schalles sich mit ent¬
sprechenden Gesetzen wellenförmiger Luftbewegungen syste¬
matisch vereinigen lassen, bedeutet zugleich den Nachweis,
daß der reale Schall mit einer bestimmten Form realer Luft¬
bewegung identisch gesetzt werden darf. So bedeutet das
Streben nach Eingliederung der erkannten Gesetze in das¬
selbe System zugleich ein Streben nach Identifikation der
zunächst als wesensverschieden betrachteten Gegenstände.
Dies Streben lebt in der vorwissenschaftlichen wie in der
wissenschaftlichen Erkenntnis. Die Wissenschaft nun findet
bei ihrem Entstehen ein bestimmtes Weltbild fertig vor, ein
Weltbild, das die reale Wirklichkeit in eine Reihe wesens¬
verschiedener, also in ihrem Verhalten voneinander un¬
abhängiger (höchstens in bestimmten einzelnen Punkten in
Wechselwirkung stehender) Gegenstände zerfällt. Dem-
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie.
395
gemäß zerfällt auch die empirische Wissenschaft von Anfang
an in eine Reihe nebeneinanderstehender Spezialwissen¬
schaften, in die Wissenschaft von den Tieren, den Pflanzen,
den Himmelskörpern usw. Diese aus der vorwissenschaft¬
lichen Erfahrung stammende Gliederung aber verschiebt sich
allmählich. Im Fortschritt der Erkenntnis in den einzelnen
Wissensgebieten verschmilzt von selbst der systematische
Begründungszusammenhang der einen mit dem einer anderen
Wissenschaft, die Gesetze der Bewegung der Himmelskörper
etwa erweisen sich als Spezialfälle des auch für die irdischen
Körper gültigen Gravitationsgesetzes, die Himmelskörper
selbst damit als von den irdischen Körpern nicht wesens¬
verschieden, die Astronomie wird zu einem Teil oder einem
Anwendungsgebiet der allgemeinen Mechanik. Soweit aber
diese Zusammenfügung, diese Überbrückung der vom naiven
Bewußtsein vorgenommenen gegenständlichen Scheidungen
nicht allmählich und von selbst im Fortgang der wissen¬
schaftlichen Erkenntnis eintritt, bleibt sie für die denkende
Weltbetrachtung eine Aufgabe, und zwar eine Aufgabe,
deren Lösung um so mehr als ein bewußt zu erstrebendes
Ziel der menschlichen Erkenntnis erscheint, je schärfer und
wesensverschiedener nach der herrschenden Meinung die
betreffenden Gegenstände sich gegenüberstehen. Hier liegt
nun die Quelle, aus der die verschiedenen Formen meta¬
physischer Systembildung immer wieder entspringen.
Die Metaphysik versucht unter überspringung des all¬
mählich an der Hand neuentdeckter Tatsachen fortschreiten¬
den Ganges des Spezialwissenschaften zu einer endgültigen
Erkenntnis der Welt, der Wirklichkeit im Ganzen, zu ge¬
langen. Sie versucht also zu einem jenem allmählichen
Gang vorgreifenden Urteil darüber zu kommen, wie die
letzten, der gesamten Wirklichkeit zugrunde liegenden
Gegenständlichkeiten ihrem Wesen nach zu bestimmen sind.
Dabei ist nun selbstverständlich die spezielle Richtung, in
der sie jeweils ihr Ziel zu erreichen sucht, bestimmt durch
den Aspekt, den der üblichen Meinung und dem Stande der
wissenschaftlichen und vorwissenschaftlichen Kenntnis der
Dinge nach die Welt darbietet. Dieser Aspekt bestimmt
sich durch die Gegenstände, die als w'esensverschiedene
Gegenstände sich voneinander abzuheben scheinen. Jedes
metaphysische System erscheint daher orientiert nach einem
solchen Gegensatz, der sich als Hauptgegensatz für den be-
396 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
treffenden Metaphysiker (oder für die betreffende Epoche,
als deren Vertreter nur sich uns der einzelne Metaphysiker
zu erkennen gibt) durch die reale Gegenstandswelt hindurch¬
zieht. Es erscheint mit anderen Worten entweder als ein
Versuch, im Prinzip, wenn auch nicht in der Einzelausführung,
den einen dieser nur scheinbar wesensverschiedenen Gegen¬
stände auf den anderen zurückzuführen, als Spezialfall des
anderen darzustellen (monistische Systeme); oder zu be¬
weisen, daß sie endgültig wesensverschieden sind und dann
zugleich ihr Verhältnis zueinander gedanklich festzulegen
(dualistische bzw. pluralistische Systeme).
Für das gesamte Altertum ist der durch die Welt sich
hindurchziehende Grundgegensatz der des Anorgani¬
schen und Organischen; der toten, passiven, nur
von außen her bewegten, der festen sich selbst erhaltenden
Form entbehrenden Masse und der lebenden, von innen be¬
wegten, zu einem bestimmten Ziel hin von selbst sich ent¬
wickelnden, sich gestaltenden Form. Demgemäß gipfelt die
theoretische Metaphysik des Altertums in dem Gegensatz
der mechanistischen Weltauffassung Demokrits und der
teleologischen des Aristoteles. Demokrits Versuch, die ganze
Welt als ein Spiel der nur durch Druck und Stoß bewegten
Atome zu begreifen und die Vorgänge im lebenden Körper
durch die von denselben Ursachen beherrschten leichten
und beweglichen Feueratome zu erklären, entspringt dem
Streben, die Gesetze der anorganischen Natur als die einzigen
Gesetze der gesamten Natur und den lebenden Organismus
als Spezialfall eines unorganischen Körpersystems zu be¬
greifen. Aristoteles’ metaphysische Grundbegriffe — der
Begriff der gestaltenden Form, der Möglichkeit (der Anlage,
des Keims) und Wirklichkeit (Aktualisierung), der Entwick¬
lung (Entfaltung) und des Zweckes (Ziels der Entwicklung) —
sind sämtlich am Organismus gewonnen, seine Metaphysik
ist der Versuch, diese Begriffe auf die gesamte Wirklichkeit
zu übertragen, die Wirklichkeit selbst als einen sich ent¬
wickelnden Organismus, das Weltgeschehen als den Prozeß
der Entwicklung, Tier-, Pflanzen-, Menschenreich als die
Stufen desselben, die anorganische Natur als nicht vom
Lebenden wesensverschieden, sondern als nur die unterste
Stufe darzustellen, auf der das Leben ganz in die verborgene
Existenzweise herabgedrückt ist, die es im ruhenden Samen¬
korn etwa führt.
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie.
397
Nachdem sich, vorbereitet durch den Neuplatonismus,
ausgesprochen zuerst bei Augustinus, die Loslösung des
Seelenbegriffes vom Begriff des organischen Lebens voll¬
zogen hatte, tritt als beherrschender Gegensatz der des
Körperlichen und Seelischen in den Mittel¬
punkt des Interesses. Er gibt das Thema, das Problem der
Metaphysik vor allem in der neueren Philosophie, von Des-
cartes bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, das Problem,
das in den Theorien des Materialismus, Spiritualismus, im
Dualismus Descartes’ und der Okkasionalisten, in Spinozas
psychophysischem Monismus seine Lösungsversuche findet.
Die enge Beziehung, in der der Seelenbegriff zum Begriff
des Bewußtseins steht, führt freilich zugleich hier zu der
immer innigeren Verknüpfung erkenntnistheoretischer und
metaphysischer Betrachtung, zu dem Versuch unter fast
völliger Umgehung der Einzelwissenschaften und ihrer
Resultate von der erkenntnistheoretischen Grundlegung aus
direkt zu einem metaphysischen Ergebnis zu gelangen, bis
diese Beziehung und damit die Möglichkeit einer rein er¬
kenntnistheoretischen Begründung einer materialistischen
oder spiritualistischen Metaphysik bei Kant (soweit der
Spiritualismus in Betracht kommt, am schärfsten in den
Paralogismen) zerstört wird.
Die dritte Epoche der Geschichte der Metaphysik ver¬
körpert sich im nachkantischen Idealismus. Hier wird das
Problem bestimmt durch den Grundgegensatz von Subjekt
und Objekt, von Ich und Gegenstand, von Denken und
Sein, d. h. von der einen über- oder unzeitlichen Vernunft
mit ihren verschiedenen Seiten, dem Recht, der Wissen¬
schaft, der Religion, der Kunst usw., und den individuellen
in der Zeit existierenden Objekten, zu denen die individuellen
Persönlichkeiten, die Seelen, ebenso wie die körperlichen
Dinge gehören. Den idealistischen Systemen, die die Ob¬
jekte als Produkte der nach eigenem inneren Gesetz sich
entwickelnden Vernunft begreifen, steht als ihr typisches
Gegenstück gegenüber die naturalistische und psychologisti-
sche Betrachtung der menschlichen Kulturgeschichte, wie sie
sich in Feuerbach, Comte und Buckle anbahnt, und in der
philosophischen Ausnützung des Darwinschen Zuchtwahl¬
prinzips vielleicht ihre charakteristischste Erscheinung findet.
Diese Gegensätze, unter deren Gesichtspunkt die Meta¬
physiker verschiedener Zeiten die Welt betrachtet haben,
398 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
sind nicht völlig unabhängig voneinander, sie können kom¬
biniert werden, insbesondere kann historisch der eine aus
dem anderen hervonvachsen und noch deutlich die Spuren
dieser Herkunft verraten. Darum sind es doch verschiedene
Gegensätze, die daher gelegentlich auch deutlich auseinander
treten: die inneren Beziehungen, die zwischen mechanistischer
und materialistischer Metaphysik bestehen, hindern es z. B.
nicht, daß wir im 16. bis 18. Jahrhundert die Verbindung
einer spiritualistischen oder dualistischen Metaphysik mit
einer ausgesprochenen mechanistischen Erklärung der orga¬
nischen Lebensvorgänge fast als die Regel finden. Überall
aber, wo wir echte Metaphysik antreffen — auch in der
Gegenwart (Bergson) —, treffen wir dasselbe Schauspiel:
den Versuch, zunächst einen bestimmten Gegensatz als die
ganze Wirklichkeit durchziehenden letzten Grundgegensatz
darzustellen, um dann doch schließlich den einen dieser
gegensätzlichen Faktoren dem anderen irgendwie ein- oder
unterzuordnen.
Es wurde hier allerdings völlig abgesehen von allen außer¬
wissenschaftlichen Motiven in der Metaphysik, von dem
Streben heißt das, das von der Metaphysik im Ganzen un¬
abtrennbar ist, auf Grund der Kenntnis der Wirklichkeit
im Ganzen zugleich zu einem Urteil über ihren Wert,
und den Wert des Lebens in dieser Wirklichkeit, zu einer
festen wertenden Stellungnahme zu Welt und Leben zu ge¬
langen. Und weiterhin von der daraus entspringenden
Tendenz, eine unsere Gemütsbedürfnisse positiv befriedigende
„Weltanschauung“ zu gewinnen, eine Welt- und Lebens¬
anschauung, die uns das Leben als sinnvoll, d. h. als wertvoll,
das arbeitende Ringen nach positiven Werten nicht als sinn-
und zwecklose Sisyphusarbeit erscheinen läßt. Ein Streben
nach solcher Weltanschauung ist an sich durchaus be¬
rechtigt, d. h. es ist mit dem Wesen des menschlichen Geistes
ebenso unlösbar verbunden, wie das Streben nach Klarheit
und systematischer Einheit unserer Erkenntnisse, aber es
gehört nicht zu den Motiven der eigentlich wissenschaft¬
lichen Erkenntnis, zu den Motiven, die in der Wissenschaft
als solcher immer und überall wirksam sind und von denen
die Erkenntnistheorie, d. h. die Theorie des wissenschaft¬
lichen Erkennens zu handeln hat. Das Weltbild, das oder
soweit es auf diese Weise entsteht, ist daher auch ein Gegen¬
stand des „Glaubens“, nicht der wissenschaftlichen Er-
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie.
399
kenntnis. Wobei das Glauben nicht eine niedere Stufe des
Wissens oder Erkennens, sondern eine andere Art des Für¬
wahrhaltens bezeichnet, deren letzte Gründe und Gesetze
nicht in die Logik, sondern in die Ethik, oder wenn man will,
in eine „Logik der Werturteile“ gehören. —
Dem Streben nach Vermehrung und nach systematischer
Zusammenfassung wurde das Streben nach „Klärung“
unserer Erkenntnisse als dritter für den Fortgang der Wissen¬
schaft charakteristischer Faktor an die Seite gestellt. Klar
ist unsere Erkenntnis dann, wenn den gebrauchten Begriffen
eindeutige Definitionen, den aufgestellten Behauptungen vor¬
stellbare bestimmte Voraussagen oder Erwartungen ent¬
sprechen. Das heißt wie wir wissen nicht, daß wir diese
Vorstellungen in dem Moment, in dem wir das Urteil fällen
oder verstehen, bewußt vollziehen müßten; eben solches be¬
wußtes Sich vergegenwärtigen der mannigfachen Erwartungen,
die in jedem einzelnen sprachlich formulierten Urteil stecken,
erspart uns der Gebrauch der Worte; sondern es heißt, daß
wir solche Vorstellungen jederzeit müssen reproduzieren
können, wenn ein Anlaß dazu vorliegt. Eben diese Mög¬
lichkeit, über den gemeinten Sinn sich in bewußten Vor¬
stellungen Rechenschaft zu geben, unterscheidet den wissen¬
schaftlich klaren und eindeutigen vom unwissenschaftlich un¬
bestimmten und unklaren Wortgebrauch.
Man denke daran, was der naive Mensch des täglichen
Lebens und was der wissenschaftlich geschulte Arzt unter
Diphtheritis etwa versteht, w r as für den einen und den
anderen die Vermutung, eine Krankheit sei Diphtheritis,
etwa besagen will. Ich nehme an, der Laie sei mit Krank¬
heiten nicht unbekannt; er hat mancherlei Krankheiten ge¬
sehen, ist aber medizinisch nicht vorgebildet. Er glaubt,
eine Krankheit auf Grund seiner Erfahrung als Diphtheritis
zu erkennen — dann heißt das: das Krankheitsbild, das er
vor sich hat, unterscheidet sich für ihn von anderen Krank¬
heitsbildern, und es legt ihm zugleich diese bestimmte Be¬
zeichnung nahe. Aber er braucht darum gar nicht imstande
zu sein, vielmehr er ist es in den allermeisten Fällen nicht,
genau zu sagen, worin sich nun dies Krankheitsbild von dem
bestimmter anderer Krankheiten unterscheidet, warum er
diese Krankheit als Diphtheritis anspricht. Für den wissen¬
schaftlich gebildeten Arzt tritt hier dagegen eine Reihe
bestimmt umschriebener, klar vorstellbarer und unterscheid-
400 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
barer Symptome ein, an denen er nicht bloß, wie der Laie,
die Diphtheritis wiedererkennt, sondern auf Grund
deren er die Krankheit als Diphtheritis beurteilt oder er¬
kennt. Das bloße „Wiedererkennen“ einer Sache als einer
so und so zu bezeichnenden und zu beurteilenden (das für
das Bewußtsein in einer bestimmten gefühlsmäßigen „Be¬
wußtseinslage“: „das kenne ich“, verbunden mit der mit
mehr oder minder großer Sicherheit auftretenden Bezeich¬
nung besteht) ist die Vorstufe, die die wissenschaftliche
Erkenntnis durch das bewußte Identifizieren bestimmter
Momente am Gegebenen als der Gründe, die uns zu der Be¬
zeichnung berechtigen, zu ersetzen bestrebt ist. Und ferner:
Das Urteil: „dies ist Diphtheritis“ ist für den Laien ebenso wie
für den Arzt nicht eine bloße Bezeichnung, sondern es liegen
in seinem Sinne gewisse Erwartungen. Diese Erwartungen
verdichten sich für den Arzt zu einem klar vorstellbaren
Verlauf der krankhaften Erscheinungen, wie er äußerlich
und bei genauer mikroskopischer Untersuchung sich dar¬
stellen würde und zu einer Vorstellung der verschiedenen
Richtungen, die dieser Verlauf bei Gebrauch dieser oder
jener Mittel nehmen wird; sie sind für den Laien in den
meisten Fällen durchaus ungefährer Natur, d. h. er ist
nach bestimmter Richtung erwartend
eingestellt, ohne daß er klar vorzu¬
stellen vermöchte, worauf. Das ist nichts Un¬
mögliches, sondern etwas, das uns alle Tage vorkommt.
Auch diese Erwartungen kontrolliert der Laie, können wir
sagen, lediglich auf dem Wege des Wiedererkennens, nicht
auf dem des Vergleichs mit einem vorstellbaren gesetz¬
mäßigen Zusammenhang, er erkennt gewisse Folgen als von
ihm erwartet wieder, andere kommen seinem Erleben un¬
erwartet, gewisse Dinge liegen noch in der Breite seiner
Erwartungseinstellung, andere nicht mehr, ohne daß er die¬
selbe in der Vorstellung abzugrenzen vermöchte.
Der Laie kann durch ausgedehnte Erfahrung seine Fähig¬
keit wiederzuerkennen außerordentlich verfeinern und
steigern — er kann zum „Kenner“ werden. Das Urteil
eines solchen Kenners kann unter Umständen schwerer
wiegen und wertvoller sein als das Urteil desjenigen, der
das fragliche Gebiet in wissenschaftlicher Form kennt,
wenigstens in solchen Gebieten, in denen ein festes System
wissenschaftlicher Begriffe erst in der Bildung begriffen ist.
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie.
401
Es kann sogar in solchen Wissenschaften, bei denen nicht
schon die Gewinnung des Tatsachenmaterials wesentlich
durch die von der Wissenschaft ausgebildeten Methoden,
durch den wissenschaftlichen Arbeiter selbst, geschieht
(Physik und Chemie), die Begriffsbildung des Kenners an
Nuancen, an Feinheit und Mannigfaltigkeit der Unter¬
scheidung der Begriffsbildung der betreffenden Wissenschaft
überlegen sein, wie z. B. unstreitig die Begriffe der der¬
zeitigen Psychologie der Seelenkennerschaft des künstleri¬
schen Psychologen gegenüber noch plump und roh er¬
scheinen oder die Begriffe der derzeitigen Kunstwissenschaft
sicherlich nicht zureichen, das in klar begrifflicher Form aus¬
zusprechen, was der Kunstkenner gefühlsmäßig spürt. Darum
fehlt doch der Erkenntnis des Kenners immer die spezifisch
wissenschaftliche Form, d. h. die spezifisch wissenschaftliche
Klarheit. Darum ist sie auch nicht systematisch faßbar
und begründbar, nicht mitteilbar und allgemein erlernbar,
sie bleibt ein rein Persönliches.
Metaphysik und Erkenntnistheorie wurden schon am
Anfang des ersten Kapitels einander entgegengestellt. Wie
in der Metaphysik das Streben nach systematischer Ein¬
heit, so vollendet sich in der Erkenntnistheorie das
Streben nach Klarheit der Erkenntnis. Beide, kann man
dafür auch sagen, versuchen aus der Wissenschaft aus¬
zuschalten, was noch als einfach übernommenes Ergebnis
aus der vorwissenschaftlichen Erkenntnis in ihr steckt.
Die Metaphysik, indem sie die übernommene und für selbst¬
verständlich gehaltene Scheidung der Gegenstände in wesens¬
verschiedene Gebilde, die die Wissenschaft in eine Reihe
von Spezialwissenschaften zerfällt, überwinden will, die Er¬
kenntnistheorie, indem sie die in allen Wissenschaften gemein¬
sam steckenden letzten Grundbegriffe aus bloßen „gewußten
Wortbedeutungen“ zu „klaren Begriffen“ macht. Auf die
Frage, was die Zeit sei, antwortet Augustinus mit der über¬
aus treffenden Wendung: Solange mich niemand danach
fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt,
erklären soll, weiß ich es nicht l . Dieselbe Antwort müssen
wir im täglichen Leben auf jede entsprechende Frage bezüg¬
lich einer ganzen Reihe von Begriffen geben. Darum bedarf
es einer besonderen Untersuchung, einer besonderen Wissen-
1 Konfessionen, XI. Buch, Kap. 14.
v. Aster, Philosophie.
26
402 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschaften.
Schaft, um diese Frage zu beantworten oder den Weg zu
ihrer Beantwortung zu zeigen. Diese Wissenschaft ist die
Erkenntnistheorie.
Alle Erkenntnis strebt danach, die gegebenen Erfahrungs¬
inhalte unter Gesetze zu bringen oder sie in allgemeine
Erwartungszusammenhänge so einzuordnen, daß uns jeder
Tatbestand, der uns in der Erfahrung entgegentritt, als ein
nach jeder Richtung hin erwarteter erscheinen kann und
daß er selbst wiederum eine möglichst weitgehende Voraus¬
sage des Kommenden gestattet. Wir fassen daher auch in
der wissenschaftlichen Darstellung das einzelne nur so fern
und so weit auf, als es unserer Kenntnis nach notwendige
Folge des Vergangenen ist und einen Hinweis auf das Kom¬
mende enthält. Wir sehen in ihm nur den Durchgangspunkt,
nicht etwas, das wir um seiner selbst willen kennen lernen
wollen. Die Mathematik erscheint hier wieder als Vorbild
und Urbild aller wissenschaftlichen Erkenntnis. Der Raum
wird für die Geometrie zu einem System von Punkten.
Der einzelne Punkt, für sich genommen, ist ein Nichts, er
ist gar nicht mehr faßbar, er existiert nur als Anhaltspunkt
für die Relationen, die ihn nun aber in eindeutig faßbarer
Weise mit allen anderen Punkten des Raumes verbinden.
Noch deutlicher ist dasselbe vielleicht in der Arithmetik:
jede Zahl ist eine Summe von Einheiten, aber die Eins, für
sich genommen, bedeutet nichts anderes, als das Einzelglied
einer zählbaren Summe.
Hier liegt die Einseitigkeit der wissenschaftlichen Be¬
trachtung der Dinge und zugleich die Gefahr ihrer aus
schließlichen Benutzung für die Ausbildung der geistigen
Fähigkeiten in der Erziehung, die Gefahr der „ausschlie߬
lichen Verstandesbildung“ für den Intellekt selbst im weiteren
Sinne des Wortes. Was durch die Gewöhnung zu wissen¬
schaftlichem Denken geübt und geschärft wird, das ist die
Fähigkeit zu analysieren, aus einem Ganzen die unterscheid¬
baren Teile herauszuheben, das zugleich und nacheinander
Gegebene in Teile zu zerlegen, die als gleich und verschieden
erkannt und einander gegenübergestellt werden, und ferner
die Fähigkeit, zwischen diesen unterschiedenen und ein¬
ander gegenübergestellten Faktoren die Abhängigkeits-, die
Funktionsbeziehungen herauszufinden, unter diesem Ge¬
sichtspunkt Reihen von funktionell zusammenhängenden
Gliedern zu bilden. Was nicht ausgebildet wird, ist die
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie. 403
Fähigkeit, das Gegebene zusammen aufzufassen und in
anschaulicher Einheit als Ganzes vorzustellen.
Es gibt ein deutliches Kennzeichen für dies Überwiegen
der reinen „Verstandesbildung“: die immer stärkere Be¬
deutung, die dem sprachlichen Faktor beim Erkennen und
Erinnern der im täglichen Leben uns begegnenden Gegen¬
stände, Vorgänge usw. zufällt. Die Sprache ist ja, wie wir
wissen, ein unentbehrliches Hilfsmittel der wissenschaft¬
lichen Erkenntnis; wir können Reihen, wie sie hier ge¬
bildet werden, nur unter Zuhilfenahme sprachlicher Symbole
zusammenfassen und übermitteln, sie ist andererseits eben
ein Produkt dieser Entwicklung, die Sprache würde nicht
entstanden sein, wenn sie nicht als solches Hilfsmittel sich
hätte entwickeln müssen. Nun wird jeder Mensch (wofern
er nicht gerade ein ausgesprochen künstlerisches, speziell
malerisches Interesse und entsprechende Begabung besitzt)
leicht an sich beobachten, daß er sich sehr vielfach an Ge¬
sehenes, Gehörtes, Erfahrenes erst durch die Vermittlung
der sprachlichen Bezeichnung erinnert. Wir erinnern uns
z. B. oft genug nicht an eine Farbe, die an einer bestimmten
Stelle eines gesehenen Bildes, z. B. am Kleid einer dar¬
gestellten Person, angebracht war, sondern wir „wissen“
oder erinnern uns, daß das Kleid „rosa“ war, die anschau¬
liche Erinnerung aber ist vielmehr ein an das Wort sich
anknüpfendes Phantasiegebilde. Wir erinnern uns, einen
„Menschenauflauf“ gesehen zu haben; wollen wir uns nun
aber vergegenwärtigen, wie derselbe aussah, so zeigt uns
das Resultat vielmehr, wie wir uns das Aussehen eines
„Menschenauflaufs überhaupt“ in der Phantasie vorzu¬
stellen pflegen, als wie das Gesehene wirklich beschaffen
war. Wir beachten also die uns begegnenden Dinge nur
so fern und so lange, bis wir sie bezeichnen, in einen sprachlich
fixierten Begriff fassen können — womit nicht gesagt ist,
daß die Benennung selbst als solche ins Bewußtsein treten
müßte, immerhin ist auch das letztere oft genug, gerade
wenn wir das Gesehene behalten, unserem Gedächtnis ein¬
prägen wollen, tatsächlich der Fall.
Die Gefahr, die in dieser rein verstandesmäßig begriff¬
lichen und an der Sprache orientierten Auffassung der Dinge
liegt, wird ferner um so größer, je mehr die Sprache sich
den wissenschaftlichen Bedürfnissen anpaßt, d. h. je mehr
sie den Ansprüchen wissenschaftlicher Klarheit genügt, wie
26*
404 Sechstes Kap. Die Stellung der Psychologie u. d. Geisteswissenschatten.
sie vorhin formuliert wurden. Wir nannten ein sprachlich
formuliertes Urteil dann im wissenschaftlichen Sinne „klar“,
wenn es nichts weiter als vorstellbare gesetzmäßige Zu¬
sammenhänge bezeichnet. Eine Sprache zeigt dann die
denkbar größte wissenschaftliche Klarheit, wenn sie nur
solche festgefügten Formen besitzt, denen bestimmte solche
Zusammenhänge entsprechen. Das ist am besten erreicht
in den eigens zu diesem Zweck geschaffenen Kunstsprachen,
z. B. in der arithmetischen und chemischen Formelsprache.
Die sprachliche Formel ist hier mit absoluter Präzision
Symbol für einen solchen vorstellbaren Zusammenhang.
Auf der anderen Seite aber ist es einer solchen Sprache
ganz unmöglich, einen Gegenstand anders zu bezeichnen,
als indem sie die einzelnen Faktoren angibt, in die er sich
nach bekannten Methoden, also nach allgemeinen Gesetzen
zerlegen läßt. Positiv gesprochen: es fehlen ihr die Mittel,
deren sich die natürlichen Sprachen, außer der bloßen
Assoziationswirkung des Wortsymbols bedienen können, um
die Vorstellung des bezeichneten Gegenstandes zu wecken,
die Mittel des Wortklangs, des Tonfalls und Sprachrhythmus,
der Wortstellung, der Gefühlsnuancen, die den einzelnen
Wörtern durch ihre verschiedenartige Herkunft, durch das
Milieu, in dem sie gebraucht werden, anhaften usw., die
Mittel also, durch die die Sprache nicht nur Gegenstände
zu bezeichnen, sondern innerhalb gewisser Grenzen auch
abzubilden vermag, die zugleich zur Sprache als
einem Mittel künstlerischer Darstellung un¬
abtrennbar gehören.
Denn die künstlerische Auffassung, Darstellung und
Wiedergabe ist es, die in diesem Punkt recht eigentlich
der wissenschaftlichen entgegensteht. Wie dem wissenschaft¬
lichen Denken, so muß dem künstlerischen Gestalten das
Gegebene, das, was wir in „innerer und äußerer Wahr¬
nehmung“ kennen lernen, die Aufgabe, das Thema, das
Problem liefern. Wie die Wissenschaft, so ist das Kunst¬
werk nicht einfach eine Kopie, eine photographische Wieder¬
gabe der „Wirklichkeit“. Wie der wissenschaftliche Denker,
so verarbeitet der Künstler in bestimmter Weise das Ge¬
gebene, er macht es sich geistig zu eigen, und er sucht das
Produkt seiner Arbeit in allgemein mitteilbarer Form
anderen zugänglich zu machen. Aber das Ziel dieser Ver¬
arbeitung ist doch in charakteristischer Weise ein anderes.
4. Wissenschaft, Metaphysik und Erkenntnistheorie.
405
Die künstlerische Betrachtung richtet sich auf einen ein¬
zelnen Ausschnitt des Gegebenen, um ihn zum geschlossenen
Bild, zur anschaulichen Einheit zu gestalten. Sie abstrahiert
damit gerade von den funktionellen, den Kausalbeziehungen,
die das Einzelne mit jedem anderen Einzelnen zu der einen
wirklichen „Welt“ verknüpfen, die das Einzelne zum An¬
knüpfungspunkt der allgemeinen Relationen, der allgemeinen
Gesetze machen, nach denen die Wissenschaft sucht. Die
einzelnen Bilder, die einzelnen Kunstwerke haben für den
Künstler selbst keine Beziehung zueinander, jedes Kunst¬
werk bildet eine Welt für sich. Darum fällt für die künst¬
lerische Betrachtung die Frage nach der „Wirklichkeit“ des
im Kunstwerk Dargestellten weg — die „Wirklichkeit“ eines
Gebildes bedeutet ja, wie wir wissen, sein Eingeordnetsein
in die Gesetzmäßigkeit des gesamten Erfahrungszusammen¬
hangs, wirklich ist, „was mit einer Wahrnehmung nach
empirischen Gesetzen zusammenhängt“ (Kant) —, während
sie für die Wissenschaft die eigentlich entscheidende Frage ist.
Erziehung zu wissenschaftlicher und zu künstlerischer
Betrachtung also müssen Hand in Hand gehen, wenn das
gegebene Erfahrungsmaterial für die „Bildung“ des mensch¬
lichen Geistes voll ausgenutzt, wenn es seiner Herrschaft
voll unterworfen werden soll.
Saeh- und Namenregister.
Ähnlichkeit 81 ff., 124 ff., 216 ff.
Ahnlichkeitsreihen 126.
Akte, psychische 30, 65, 137, 353.
Allgemeinheit des Urteils 106,147 ff.,
344 ff.
— des Vorstellungsbildes 103ff., 198.
— der Wortbedeutung (des Be¬
griffs, Uegenstandes) 34, 105,123.
Analytische Sfltje 167, 170, 182, 194,
268.
Annahme (s. a. Hypothese) 179.
Apriorische Sä$e (der Anschauung)
181 ff., 268 ff.
Aristoteles 35, 40 ff., 171, 379, 396.
Assoziationsgesetje 354, 358, 361 ff.
Assoziationspsychologie 359, 370 ff.
Aufmerksamkeit 353 ff.
Augustinus 397, 402.
Begriff und Gegenstand 36 ff.
Bejahung und Verneinung 151 ff.
Bergson 378, 398.
Berkeley 19, 25, 30, 35, 55, 66, 86,
256, 275.
Brentano 88, 151.
Brunswig 79.
Buckle 397.
Bühler 25, 28 f.
Cassirer 333.
Comte 397.
Cornelius 16,105, 126 ff., 138,188,271.
Couturat 192.
Darwin 397.
Deduktion, Geselje der 165.
— Sinn der, in der Wissenschaft 170,
329 ff., 344.
Definition 3, 140 L, 316.
Demokrit 396.
Denkgesetje 159, 163.
Descartes 55, 274, 333, 397.
Dessoir 19.
Dialektische Methode 334.
Dilthey 360 ff.
Dingbegriff 64 ff., 117 ff., 308 ff.
Dürr 354.
Ebbinghaus 360, 370.
Ehrenfels, v. 71, 367 ff.
Einheit, Tatbestand der 71, 76 ff.
— des Bewußtseins 375.
Einstellung 113 ff.
Empirische Urteile 182, 268 ff.
Erdmann, B. 19, 301.
Erinnerungsbild 11 ff., 96.
Erkenntnistheorie, Aufgabe der 1 ff. r
346 ff., 399 ff.
Euclid 237.
Evidenz (s. a. Wahrheit) 190 f.
Farbengeometrie 195, 229.
Feuerbach 397.
Fichte 334, 397.
Freud 372.
Funktionen, psychische 72.
Gegebensein, Begriff des 1 ff.
— und Erschlossensein 25 f., 29 ff.,.
262.
— und Gedachtsein 22.
Gegenstandsbegriff 131 ff.
Geiger 223.
Geist (im Gegensatj zur Psyche) 392 ff.
Geisteswissenschaften 392 ff.
Generalisierende und individuali¬
sierende Wissenschaft 383 ff.
Geographie 386.
Geometrie als Wissenschaft 223 ff.
Geometrische Methode (Descartes)
333 ff.
Geschichte, Wesen der 382 ff.
Glauben und Wissen 398 ff.
Gleichheit 74, 76 ff., 123, 183, 196 ff.
Greiling 292.
Groos 98.
Grund (Begründung) 145, 178, 186,
285, 294 ff., 328.
Sach- und Namenregister.
407
Hartley 373.
Hartmann, v. 102.
Hegel 312, 334, 392, 397.
Herbart 365.
Hilbert 237.
Hönigswald 333.
Hume 35, 66 ff., 194, 224, 274 ff., 281 ff.
Husserl 3, 8, 10, 26, 35, 42, 44 ff., 57,
76, 88, 359.
Hypothese 338 ff.
Jaensch 189, 256 ff.
Ichbegriff 68 ff., 72, 353, 374 ff.
Ideale Gegenstände 63.
Identität 18, 83 ff., 87, 106, 159.
Induktion, Problem der 181, 268 ff.
— mathematische 208.
Inhalt und Gegenstand 131 ff.
Intensität 218.
Interpretierende Geisteswissenschaf¬
ten 393.
Kant 92, 143, 152, 166 f., 170, 194,
275, 286, 299, 303,309 ff., 327,334 f.,
337, 397, 405.
Kausalität 273 ff., 299 ff., 306, 312.
Kennenlemen (im Unterschied von
Erkennen) 6 ff., 328.
Kenner 400 f.
Kronecker 312.
Külpe 86, 189.
Leibniz 254, 275, 299.
Lipps 67, 201, 222, 354, 363, 370, 382.
Locke 35, 43 ff., 55.
Marbe 29.
Marty 32 f., 42, 45, 89.
Materialismus 377, 380 ff., 397.
Mathematik 182, 192, 202 ff.
— Anwendung in der Naturwissen¬
schaft 331 ff.
Meinong 35, 88, 179.
Mengenlehre 253 ff.
Messer 24, 28 f.
Metaphysik 395 ff.
Möglichkeit 155 ff., 167 ff., 175, 190,
290 ff., 295 ff.
Müller, G. E. 357, 363 f.
Nominalismus 34 ff., 43, 50, 56, 89,
116 ff., 403.
Okkasionalismus 275, 397.
Ökonomie des Denkens 347.
Parallelismus, psychophysischer
376 ff.
Paul, H. 390.
Pfänder 134.
Phänomenalismus 84 ff.
Plato 35 ff., 153, 279.
Poincarö 208, 241.
Pragmatismus 273, 347.
Psychisches, Wesen des 64 ff., 348 ff.,
373 ff.
Psychologie, erkenntnistheoretische
Struktur 348 ff., 381.
— Verhältnis zur Geschichte 383 ff.,
386.
-zur Logik 109, 118,159 ff., 191.
• -zur reinen Deskription 64 ff.,
349 ff.
1 Raum 247 ff., 253 ff., 311 f.
Reale Gegenstände 51 ff., 61, 63,
64 ff., 307, 315.
Regel, empirische, im Gegensatj zum
Gesetj 329.
Relativierung des Wahrheitsbegriffs
160«.
Relativitätstheorie, physikalische 176,
336.
Rickert 6 ff., 384, 385, 387.
Schätjung und Messung 222 f., 260 ff.
Schopenhauer 329.
Schumann, F. 72, 79, 189, 201, 259,
262, 265.
Sigwart 293, 301.
Skeptizismus 141, 160 ff., 281 ff.
Solipsismus 102.
Spinoza 171, 194, 397.
Sprache 128 ff., 389 ff.
Sprechen und Denken (Urteilen,
Verstehen) 113 ff., 128 ff., 403.
Stumpf 72, 76, 86, 293.
Substanz, Beharrlichkeit der 308,
335 ff.
Natorp 6 ff., 39, 133 ff., 335.
Negatives Urteil 152.
Nicht-Enclidische Geometrie 232 ff.,
235 ff., 241 f.
Tiefenwahmehmung 243, 253 ff.
Titchener 28.
Twardowski 88.
Typus 366 f., 368 f.
408
Sach- und Namenregister.
Unbewußtes Psychisches 357, 364.
Vereinfachende Beschreibung 271 f.,
327.
Volkelt 102.
Voluntarismus 372 f.
Wahrheitsbegriff 101, 112 ff., 160 ff.
Wahrscheinlichkeit 289 ff., 296 ff.
Webersches Gesetj 222 f.
Wechselwirkung, psychophysische
376 ff.
Wiedererkennen 400 ff.
Windelband 151.
Wirklichkeit 60, 119,136, 170 ff., 346,
350, 405.
Wissenschaft 343 ff.
Wissen und Bewußtsein 23 ff.
Wort und Wortbedeutung 8 ff., 19 f.,
27, 32 ff., 59, 90 ff., 117, 402.
Wundt 67, 201.
Zahlbegriff 83, 185, 196 f., 202 ff.,
252 ff.
Zeit 220 f., 251.
Zufälligkeit 286 ff., 298 ff.